Anfang Oktober 2020

Ferientage ohne meine Kinder.

Ein großes Bedürfnis, rauszugehen und zu laufen. Am Wochenende ist der Stadtwald voller Menschen; die meisten im passenden Alter, um es für möglich zu halten, dass sie die letzten fünf Nächte auf illegalen Partys verbracht haben; dazwischen schnaufende Jogger, deren Aerosoltrails mir meine Fantasie in grellen Farben ausmalt, wie sie sich durch die Luft winden und mir unentrinnbar über Mund und Nase legen. Coronaphobie. Aber ich kenne die einsameren Wege. Die Waldluft tut gut. Die Beine genießen die Bewegung.

Nochmal auf dem Balkon frühstücken, dick eingepackt, mit Marmeladenbroten und Kaffee und Frühstücksei und dem Hannoverliebsten auf einem verpixelten Videobild, weil das wlan zu weit weg steht.

Mir fällt auf, dass ich viele Dinge kaufe, mehr Kleidung für mich als seit langer Zeit; mehr als ich in diesem Homeofficewinter brauchen werde. Schöne Pullover fürs Büro, schöne Hosen (obwohl ich mir Hosen immer verzeihe, weil es so selten welche gibt, die mir passen). Vielleicht hat es etwas mit dem wohltuenden Gefühl zu tun, etwas unter Kontrolle zu haben. Ein paar Klicks und die Lieferung ist auf dem Weg. Wenn das mit dem Ende der Pandemie, dem Klimawandel und dem Frieden auf Erden auch so ginge!

Großes Eskapismusbedürfnis: Auf dem Sofa einigeln, mit Tee und Decke. Fernsehprogramm aus der Mediathek, dabei das Strickzeug in der Hand, auch die Handschuhe werde ich im Winter wenig brauchen. Aber Stricken lenkt so schön ab. Immerhin gibt es „Birnenkuchen und Lavendel“, den habe ich im Kino verpasst. Eine Verfilmung von „Chuzpe“, diesem feinen Roman von Lily Brett. Und „Frizie – der Himmel muss warten“ – eine Serie der anspruchsvolleren Art, es geht um den Umgang einer Frau mit ihrer Brustkrebsdiagnose.

Ich mache die Wohnung sauber, ich möchte es um mich herum schön haben. Nebenbei läuft die Bauchtanz-Playlist und verbreitet gute Stimmung. Weil ich Lust auf Rosenkohl habe, koche ich mir ein Curry, das für drei Tage reichen wird; es ist immer gut, mittags im Homeoffice  ordentliches Essen zu haben.

Zwischendurch finde ich noch eine Praxis, die Coronatests für Selbstzahler anbietet, und buche online einen Termin, von dem ich nicht herausfinden kann, ob ich meine Kinder mitbringen kann – die Hotline ist dauerhaft nicht erreichbar, auch hier, obwohl die Preise so hoch sind.

Die andere Mitmutter schreibt von einem Coronafall in der Schulklasse ihres Sohnes – das Gesundheitsamt hat sich bisher noch nicht bei ihr gemeldet, dabei müsste der Sohn doch jetzt getestet werden? Wird das nicht gemacht, weil wir die Herbstferien sowieso alle in Quarantäne verbringen sollen?
Eine Nachbarin muss nach dem Tod ihrer Mutter im Sommer jetzt auch noch eine schlimme Diagnose bei ihrem Vater verdauen. Krankenhausbesuche sollen bald wieder verboten werden. Sie kauft Seife auf Vorrat.

Ich wäge ab: Gehe ich nochmal ins Büro, bevor wir wieder auf Rot gestuft werden; bevor die Infektionszahlen noch weiter steigen? Kann ich das auch verantworten, wenn ich mir ab und an die Nase putzen muss? Vorhin gehustet habe? Das lange vereinbarte Treffen mit der Patentante des Fünfzehnjährigen ist 30 S-Bahn-Minuten entfernt – es würde mir guttun, aber. Aber. Aber.

An unseren Urlaub zu denken, Sachen herauszulegen, die Koffer vom Hängeboden zu holen… wage ich nicht.

2 Gedanken zu „Anfang Oktober 2020

  1. wildgans

    Kauf von schönen Kleidungsstücken nicht nur in Vorausschau auf Tragegelegenheiten, sondern jetzt ein klein wenig Extratrost, ähnlich wie Topflappenhäkeln – es hält auch vom Schokoladeessen ab,und,und…hab`s gut!
    Gruß von Sonja

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Greta Autor

      Ja, Schokolade ist auch sehr verlockend. Wird grad schon beim Kaufen rationiert… Extratrost ist wichtig! Ein lieber Gruß und viel Kraft für die dunkleren Tage!

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      Antwort

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