22.06.2021 – Kopf heben, Tage zählen

In diesen Juniwochen scheint das Leben stillzustehen, sich nur noch – schleppend – auf den Urlaub zuzubewegen.

Ich wache auf, wenn die ersten Hinterhofvögel den Tag begrüßen und schlafe meistens nochmal ein; ich stehe auf und stelle Frühstück auf den Tisch; immer angepasst daran, wann die Jungs zum Präsenzunterricht/Wandertag/Homeschooling/Zeugnisseausgeben antreten müssen; schalte demotiviert meinen Dienstrechner an, höre halbherzig Weiterbildungskurse zum Thema „Emotional Wellbeing“ an, wenn nichts zu tun ist und schlafe nachmittags auf dem Sofa ein. Wir stapeln Kleidung und FFP2-Masken und Spiele und Medikamente und Zahnbürsten und Bücher für unseren Urlaub auf dem Tisch; wir gucken abends Fußball und ich rufe in der Halbzeitpause den Hannoverliebsten an und verpasse das spannendste Tor. Mein Zahn – inzwischen mit Zement- statt Kunststofffüllung – muckert vor sich hin (Arnikakügelchen, Kamillosanspülung, Vitamin B, morgens Haferflockenbrei, keine Nüsse mehr im Mittagessen, Abends Labberbrot, das ich früher nie mochte); außerdem beschäftigen wir uns mit einem ohne klaren Anlass geprellten Mittelfuß (getaped, gekühlt, geröntgt, Ergebnisse stehen aus, Arnikakügelchen auch hier) und einem Fall von Kopfgniest (Olivenöl, Babyshampoo, Handtuch aufs Sofa beim Fußballgucken, damit die Lehne nicht fettig wird).

Tage, an denen ich dem Hannoverliebsten abends nur noch jämmerlich vom neuesten Lebensunbill berichte, wechseln mit solchen, an denen ich Gute-Laune-Musik anstelle, eine Geburtstagsemail oder eine Whatsappnachricht an lange verstummte Freunde verfasse und daran glaube, dass es mir wieder besser gehen wird.

Der Sechzehnjährige bekommt sein MSA-Zeugnis, eine orangerote Rose und ein paar freundliche Abschiedsworte vom Klassenlehrer und verkriecht sich im vermüllten Chaos seines Zimmers, bis es Zeit wird, mit der Jugendkirchengruppe in den Abend auszuschwärmen; endlich wieder. Der Zwölfjährige bekommt den ersten Personalausweis und einen vorpubertär aufmüpfigen Ton. Ich bekomme meinen digitalen Impfausweis und keine Antwort vom Vermieter auf die Teilzustimmung zur Mieterhöhung; bekomme Anfälle von Sehnsucht danach, irgendwo anders ganz neu anzufangen und aus Unlust am Essen bekomme ich nebenbei die Figur zurück, für die ich vor einigen Jahren Sommerhosen gekauft habe.

Die Kraft reicht für eine Rote-Beete-Suppe mit dem liebsten Freund auf dem Restaurantschiff, für einen, zwei Wochenendvormittage am Lieblingssee mit den Jungs; für eine Stunde mit der anderen Mitmutter an der abendlichen Spree, für ein langes Telefonat mit der Patentante des Sechzehnjährigen. Immerhin. Manchmal auch nur dazu, mit einem Buch in der Hand auf dem Bett zu liegen; und die Fete de la Musique findet auch nicht so richtig statt, nicht in unserem Kiez, dabei wollte ich da so gern hin. Ich schmiede Pläne für die Sommerferienwochen, die die Jungs bei ihrem Vater verbringen und weiß schon, dass die Zeit bei weiten nicht für alles reichen wird, was gut und wichtig und schön wäre.

Das Gras an den Straßenrändern und auf der Gänsewiese ist in der Gluthitze der letzten Tage verdorrt, die Stadt bekommt Spätsommerfarben, die Bäume lassen die ersten Blätter fallen und die Sträucher in den Vorgärten welken und werden sterben. Noch darf man auf dem Balkon gießen, ich nutze so viel Brauchwasser dafür, wie ich kann und schütze mein kleines Paradies mit dem großen Sonnenschirm vor der ärgsten Hitze.

Noch vier Tage.

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