Erste Schulwoche

Freitag. Ich muss vor sechs aufstehen und bin nach den ersten vier Arbeitstagen-mit-Schulbetrieb so müde, dass das Sofa mich geradezu magisch anzieht, obwohl ich eigentlich auf dem schicken schwarzen Bürostuhl sitzen und arbeiten sollte.

Nur einen Tag in dieser Woche habe ich es bis ins Büro geschafft; Schuld sind natürlich die Lokführer, und ich nehme ihnen ihren Streik übel, denn das Betriebsrestaurant ist wieder geöffnet und ein Essen, dass ich nicht selber kochen muss, ist schon immer ein gutes Essen für mich gewesen und ist es nun noch viel mehr nach anderthalb Jahren Homeoffice.

Der Zahnarzt hat meinen Zahn betrachtet und weiß nun, dass ich die Kunststoffüllung habe durch schnöden Zement ersetzen lassen und er weiß auch, dass das nicht viel gebracht hat, aber wurzelbehandeln möchte er den Zahn weiterhin nicht, und als ich frage, ob das denn nun so ein Dauerzustand werden soll, meint er, dass auch er Kronen und Füllungen habe, auf denen er kein Müsli kaut, und das ist dann eine der eher unangenehmen Überraschungen in der 2. Lebenshälfte, dass es normal sein soll, auf bestimmten Zähnen kein Müsli mehr kauen zu können.

Der Orthopäde hatte die Absicht, sich den Fuß des Zwölfjährigen anzusehen, wirft aber nach anderthalb Stunden Wartezeit nur etwa eine halbe Sekunde lang einen Blick darauf, bevor er meint, dass wir uns dann in ein paar Wochen wiedersehen. Orthopädenbesuche haben oft keinen großen Mehrwert, das kennen wir schon, eigentlich könnten die Sprechstundenhilfen die Praxis ohne den Arzt führen, Fußabdruck und Rezept für Einlagen bekommen wir nämlich von denen gemacht und dann müssten wir auch weniger lange im Wartezimmer herumsitzen.

Beide Kinder werden außerdem in dieser Woche vom Berliner Senat per Post mit einer Impfeinladung beglückt, und weil ich einmal dabei bin, Dinge doof zu finden, finde ich doof, dass der Berliner Senat auf diese Idee nicht schon vor den Ferien gekommen ist, weil die Delta-Welle auch damals schon vorhersehbar war, und weil ich schon damals fand, dass man mobile Impfteams hätte durch die weiterführenden Schulen schicken können, und außerdem frage ich mich, wie ich den Vater meiner Söhne dazu kriegen kann, der Impfung des Zwölfjährigen zuzustimmen. Ich werde die Asthmaärztin auf meine Seite ziehen müssen, die vom Impfen des Zwölfjährigen vor den Ferien noch abgeraten hat, obwohl sie alles andere als eine Impfgegnerin ist und z.B. mich gerne geimpft hat.

Was noch? Das Paket mit meinen dringend gewünschten Stuhlkissen ist beim Versender verlorengegangen. Der Sechzehnjährige hat einen ziemlich tollen Kursstundenplan und nur eine schwierige Lehrerin (leider im 2. Leistunskurs). Ich lese „Die Weisheit der Wechseljahre“ und fühle mich bestätigt darin, auf vieles in meinem Alltag (Putzen, Streit wegen des Zimmers des Sechzehnjährigen, Streit wegen Mediennutzung, Essenkochen, Auseinandersetzungen mit dem Vater meiner Kinder, Langeweile im Büroalltag, Einkaufen in vollen Lebensmittelläden) keine Lust mehr zu haben. Auf meinem Balkon blüht es sehr schön. Drei Nächte lang hat es in Berlin geregnet und ich habe das nächtliche Rauschen genossen, die morgendliche Herbstkühle, den frisch duftenden Wald, in dem ich – statt Fahrt ins Büro – eine kurze Runde gedreht habe. Die Hobbies der Kinder finden wieder analog und vor Ort statt, die ersten Schüler sind allerdings schon in Quarantäne. Dystopische Nachrichten zum Klimawandel. Unangenehmer Wahlkampf. Ratlosigkeit, Verdrängenwollen.

Wir sind wochenendreif. Die ganz große Schwester besucht uns, ich bin zum Geburtstag des Patenmädchens eingeladen, das könnte beides sehr schön werden.

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