Brandenburger Landpartien, Bildungsurlaub, gemischtes Allerlei mit Schuhkauf und Podcast

Noch am Freitagabend können der Hannoverliebste und ich uns nicht vorstellen, am Samstag das Haus zu verlassen; so kalt und grau und windig ist es. Aber wir stellen einen Plan auf, für alle Fälle; und als am nächsten Morgen die Sonne durchs Nordostfenster blitzt, stehen wir auf und machen uns auf den Weg. Picknick dabei, heißen Tee und heißen Kaffee, und die Fahrräder, frisch aufgepumpt, jedenfalls das des Hannoverliebsten. Ich bin ja eine übervorsichtige Losfahrerin und breche lieber schon mal etwas eher zum S-Bahnhof auf, um Fahrradtickets zu kaufen, das geht in der App nicht so einfach.

Zwei Stunden später sind wir in Fürstenberg und radeln in Richtung Stechlinsee. Wälder, Seen, Sonne, Herbstfarben, Kaffeepause auf einer Bank, das ist sehr schön. Der Stechlinsee liegt blank und schimmernd da, wir schieben die Räder über Baumwurzeln, der Wanderweg am Ufer ist wirklich nicht zum Radeln geeignet. Als wir ihn verlassen – in der Nähe des Kernkraftwerks Rheinsberg, das Wandertouren am Stechlinsee immer so einen interessanten Grusel verleiht – verfahren wir uns schrecklich, landen in Menz, holpern drei Kilometer weit auf einer Landstraße – laut Karte jedenfalls ist es eine – mit Gehirnerschütterungskopfsteinpflaster nach Neuglobsow und fahren von dort aus zurück nach Fürstenberg. Es dämmert malerisch, während der Zug nach Berlin zurückrollt. Ein sehr gelungener Tag, ich möchte sofort weitere Fahrradtouren in Brandenburg planen; entsprechendes Kartenmaterial wird auf der Weihnachtswunschliste notiert.

Am Sonntag ist es dann wieder nichts mit Ausschlafen; der Geschenkausflug für die Mutter des Patenmädchens steht an. Der Hannoverliebste legt sich noch ein Stündchen hin, bevor er nach Hause fährt; ich breche zeitig auf und steige mit der Patentante des Sechzehnjährigen in einen Zug nach Zossen. Dort treffen wir die Mutter des Patenmädchens und steigen zu dritt in bzw. auf eine Fahrraddraisine. Obwohl es auf den Schienen weder Kopfsteinpflaster noch Baumwurzeln gibt, ist das Fahren anstrengend. Wir wechseln uns auf den zwei Fahrrädern ab, wer in der Mitte sitzen darf, fühlt sich wie eine Königin – muss allerdings ab und zu absteigen, um Schranken zu öffnen, wo der Schienenstrang Straßen kreuzt. Wir radeln fünfzehn Kilometer, ziehen die schwere Draisine kurz vor Kummersdorf mühselig von den Schienen und finden einen Picknickplatz am Waldrand, unter Birken, durch die die Sonne blitzt und die uns gelegentlich ein Blatt auf die Decke werfen. Auf der Decke gibt es auch heute Picknick, Sekt und Kaffee, Fingerfood und Toasties, gekochte Eier, Obst und Kuchen; es ist warm genug, um die Jacken an einen Bam zu hängen, wir genießen die Sonne. Auf dem Rückweg halten wir immer mal wieder an, denn die Mutter des Patenmädchens hat zwischen und neben den Schienen Pilze erspäht und sammelt sich eine kleine Mahlzeit. Die letzten Kilometer sind anstrengend für die Muskeln, die Seele aber saugt sich bis in den letzten Winkel mit Herbstlicht voll. Auch heute fahren wir in die Dämmerung hinein nach Berlin zurück, glücklich, den Tag draußen verbracht zu haben.

Die Woche lässt sich dann unspektakulär an. Kräftiger Muskelkater von immerhin sechzig Kilometern Radeln; drei Tage mit den Kindern, frühes Aufstehen, Grippeschutzimpfung in der Firma, Wäschewaschen, der Zwölfjährige hat einen Tag schulfrei und übernimmt sämtliche Einkäufe, abends backen wir zusammen in einer geteilten Form einen halben Schokoladen- und einen halben Zitronenkuchen und sind begeistert, weil dieses Experiment gelingt. Nebenher recherchiere ich Weiterbildungsmöglichkeiten und freue mich, dass ich nicht unbedacht ein Fernstudium angefangen habe, dessen Stundenaufwand dann doch nicht in meinen Alltag passt. Stattdessen entdecke ich einen kleinen Kurs zu einem Thema, das mich schon länger interessiert und beantrage zwei Tage Bildungsurlaub. Außerdem finde ich noch ein sehr teures Wochenendseminar, dessen Teilnahmezertifikat sich wunderbar in meinen Bewerbungsunterlagen machen würde. Mal sehen. Kleine Schritte hin zu einer beruflichen Veränderung. Vielleicht. Am kinderfreien Donnerstagnachmittag gehe ich jedenfalls mal wieder nicht in den Lieblingssecondhand, sondern frische meine Garderobe für potentielle Bewerbungsgespräche mit einem neuen Anzug und Schuhen auf, äußerst ungern allerdings. Normale Kleiderläden machen mir auch nach anderthalb Jahren Pause keine Freude – meine Figur wurde bei den Entwürfen für die aktuellen Herbstmodelle mal wieder nur zufällig berücksichtigt.

Heute ist kein Licht in meinen Fenstern, als ich mit meinen Einkaufstüten nach Hause komme. Beim Abendessen leistet mir die Stimme von Frau Ziesek Gesellschaft; ich höre wieder Corona-Podcasts, mein Bedarf an seriösen Informationen steigt mit der Inzidenz sprunghaft an. Die Tüte mit den Selbst-Schnell-Tests liegt schon auf dem Küchentisch, damit ich es ja nicht vergesse, mich zu testen, bevor ich am Wochenende zu meinem Vater fahre.

6 Gedanken zu „Brandenburger Landpartien, Bildungsurlaub, gemischtes Allerlei mit Schuhkauf und Podcast

      1. Greta Autor

        Würdest Du lieber in der Stadt leben? Deine Idee, mit der Bahncard 100 herunzureusen, fand ich ja auch sehr besonders. Verlockend und gleichzeitig anstrengend.

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      2. Greta Autor

        Ich brauche beides, Stadt und Natur. Alleine würde ich nicht gerne aufs Land ziehen, nur mit anderen nahen Menschen gemeinsam könnte ich mir das vorstellen.

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