Falläpfel, Turmbaugeschichten, Ende der Bauchfettwegwerbung

Das Wochenende bei meinem Vater in Thüringen verbracht, inklusive geschenkter Stunde.
Mein Vater hat meistens irgendeinen Plan, wenn ich zu Besuch komme; möchte auf den Skyliner, eine alte Lehrerin von mir besuchen, die er aus der Kirchgemeinde kennt, einem befreundeten Ehepaar ein Spiel beibringen. Ich weiß nicht, ob es sein Originalplan war oder sein Plan B, nachdem ich gesagt hatte, dass ich wegen der hohen Thüringer Inzidenz von über 300 nichts mit Menschenansammlungen machen möchte – jedenfalls schlug mein Vater vor, noch ein paar Äpfel zu retten.
Schon bei meinem letzten Besuch hatten wir 14 Gläser Apfelmus gekocht, weil die Frau meines Vaters fand, dass in Wohnung und Keller zu viele gerettete Äpfel waren; aber ja nun, ich mag es auch nicht, wenn Obst auf den Wiesen verdirbt. Ein Bekannter – auch aus der Kirchgemeinde – wurde spontan antelefoniert und warf seine Samstagsvormittagspläne über den Haufen, um uns zu fahren. Versuchen Sie nämlich lieber nicht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln an einem Wochenende ins Weimarer Stadtrandgebiet und nach ungefähr einer Stunde wieder zurück zu kommen, das klappt nicht. Mit Auto ging das aber alles wunderbar, und da ich vor dem Ausflug nicht überprüft hatte, wie es um die Apfelvorräte im Keller stand, sammelten wir in recht kurzer Zeit mindestens 20 Kilo Äpfel auf. Ja.

Damit war sichergestellt, dass keine Langeweile aufkommen würde. Ich kann jetzt aus zweimaliger Erfahrung bestätigen, dass zwei große Töpfe – richtig große – mit geschnittenen Äpfeln genau 14 Gläser Apfelmus ergeben. Im ersten Topf kochten wir die – roten – Äpfel ungeschält und das Mus bekam eine unangemessen lachsrosa Färbung; beim zweiten Topf schälten wir dann lieber. Knapp zehn Kilo Äpfel (Apfelgelee verschenkt sich bestimmt super zu Weihnachten) packte ich in eine Tragetasche, um sie mit nach Berlin zu nehmen; ein kleiner Rest kam in den Keller, wo es schon auf dem ganzen langen Kellergang – mindestens 15 Meter vor dem Kellerabteil meiner Eltern – nach Äpfeln duftete, nicht ohne Grund.

Zwischendrin und nebenbei hatten wir Zeit zum Erzählen. Anlass waren ein paar alte Dokumente aus der Zeit, in der mein Vater Dorfpfarrer war. Als Kind hatte ich es miterlebt, wie das Dach des Kirchturms erneuert wurde,1986 oder 1987: Ein hölzernes Gerüst wurde von der Mauerkrone aus am Turm entlang nach oben gebaut. Asbestplatten standen im Hof herum, wurden gesägt und dann wegen ihrer gesundheitsschädlichen Fasern schwarz angestrichen, sie trockneten auf Balken, in die Nägel geschlagen waren, ungefähr wie Teller in einer Spülmaschine – und wurden am Ende doch nicht verwendet, der alte Schiefer kam wieder auf den Turm. In der Kirche fand ich ein leeres Heftchen Blattgold mit kleinen glitzernden Restchen und träumte davon, reich zu sein.

Mein Vater hat noch den Baubericht, den er damals über die Kirchendacherneuerung geschrieben hat und der seitdem auch im – mit dem Blattgold aus der Partnergemeinde vergoldeten – Turmknopf der Kirche steckt. Erst beim Lesen diese Berichtes, erst beim Nachfragen, wird mir klar, was ich als Kind nicht gesehen und verstanden habe, wie bemerkenswert ist, was mir damals selbstverständlich vorkam: Dass das Bauprojekt in Eigenintiative und mehr oder weniger ehrenamtlich von Handwerkern aus dem Dorf und der Gegend gemacht wurde; dass Material von verschiedensten Stellen – kirchlichen, staatlichen, durch Beziehungen von hier und da, aus der Patengemeinde in Westdeutschland – zusammengestoppelt werden musste; dass das Turmgerüst aus allerlei Holz zwar jahrhundertealter Tradition, aber keiner Sicherheitsvorschrift entsprach; dass der Bürgermeister des Dorfes – ein CDU-Mann und Kirchenältester, ich wusste nicht, dass das in der DDR möglich war – vermutlich dafür sorgte, dass niemand diesen Mangel beanstandete.
Was für ein Projekt.
Große Hochachtung vor meinem Vater und seinem Gottvertrauen, seinem Improvisationstalent, seiner Fähigkeit, das Dorf hinter sich zu versammeln. Große Hochachtung vor den handwerklichen Fähigkeiten aller Beteiligten.
Und da mein Vater seinen Baubericht auch für den Turmknopf – also für kommende Generationen – geschrieben hat, gibt es einen einleitenden Absatz darin, in dem er seine Gegenwart mit ihren Errungenschaften und Sorgen zusammenfasst. Da kommt auch der Klimawandel schon vor, auch wenn er dieses Wort nicht verwendet.

Klimawandel, ja. Enttäuscht und entmutigt bin ich von COP21, von den Koalitionsverhandlungen; mag kaum Nachrichten hören oder sehen. Es geht nicht in meinen Kopf, dass nicht sofort ein Tempolimit beschlossen wird, wenn es denn den CO2-Ausstoß reduzieren würde. Wenn derartig einfache Maßnahmen nicht durchsetzungsfähig sind, wenn unser Anspruch ist, dass niemand durch irgendwelche Klimatschutzmaßnahmen irgendetwas teurer bezahlen muss, wenn alle Partikularinteressen am Erhalt des Status Quo berücksichtigt werden müssen, bevor irgendeine Maßnahme umgesetzt wird – dann sehe ich keine Chance, dass wir eine auch nur einigermaßen glimpfliche Transformation unseres Wirtschaftssystems hinbekommen. Wir machen einfach alle weiter, als wäre nichts, ok? Und dann sterben die Bäume, schwemmt eine Flut die eine Hälfte vom Land weg und in der anderen geht das Trinkwasser aus. Vielleicht kriegen wir ja dann ein Tempolimit. –

Abgesehen von der nachrichteninduzierten Verzweiflung lässt die Woche in Berlin sich ruhig an, es ist angesammelter Kleinkram zu erledigen, jeden Tag ein bisschen. Ich beschließe, über den Winter nicht regelmäßig an zwei Tagen ins Büro zu gehen, sondern nur an einem; ich bummele endlich durch den Secondhandladen (ja, erfolgreich, Wohlfühlteile für die Winterschlafgarderobe erworben); buche endlich einen kleinen WordPress-Tarif, um die merkwürdige Werbung in meinem Blog zum Verschwinden zu bringen. Das beste Apfelgeleerezept werde ich auch noch finden.
Gut tut das Ausschlafen, noch fühle ich jeden Morgen die geschenkte Stunde nach der Zeitumstellung. Außerdem ist der Zwölfjährige noch nicht wieder hier, der um viertel sieben (6.15, ganz richtig) schon frühstücken muss.
Letztens aufzuschreiben vergessen: Dass der Orion morgens über dem Hinterhof stand, als ich den Zwölfjährigen geweckt habe. Das war schön.


5 Gedanken zu „Falläpfel, Turmbaugeschichten, Ende der Bauchfettwegwerbung

  1. N. Aunyn

    Bin auch immer wieder erstaunt, was an manchen Orten zu DDR-Zeiten im Hinblick auf Kooperation Kirche und Staat doch manchmal möglich war. Mein Eindruck: Je weiter man in der Provinz von Ostberlin weg war, desto mehr ging.

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    1. Greta Autor

      Ja. Dass überhaupt ein CDU-Mann Bürgermeister sein durfte, noch dazu in der Kirchgemeinde aktiv – das hat mich erstaunt. Er musste natürlich Berichte über meinen Vater schreiben, hat die aber wohl so verfasst, dass mein Vater nicht staatlicherseits behelligt wurde. Es war da nicht alles schwarz/weiß, sondern komplizierter. Und hing wohl von der Menschlichkeit/Persönlichkeit derer ab, die auf manchen kleineren Entscheidungspositionen saßen.

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  2. Pingback: WmdedgT – 5.11.2021 | gretaunddasleben

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