Das zum Stillstand gekommene Leben

Irgendwann in der letzten Woche – vielleicht auch schon am letzten Wochenende, unbemerkt, still – gab es einen turning point, einen Moment, ab dem ich fühlen konnte, dass in unser zum Stillstand gekommenes Leben ganz langsam wieder Bewegung kommt.

Der Dreizehnjährige endlich stabil corona-negativ, die Muskelschmerzen verschwinden; er darf wieder zum Schach, zum Geburtstag seiner Stiefmutter, zum Escaperoomausflug mit Freunden; er blüht auf. Die ersten Schultage sind noch anstrengend, das darf so sein, kein Problem.
Mit dem Siebzehnjährigen mache ich die erste Radtour des Jahres, eine kleine Runde um die Rummelsburger Bucht, durch alte Industriegelände mit dem Charme verfallender Vergangenheit, an die die Gentrifizierung heranrutscht; durch neue Wohngebiete für die Reichen und Schönen und für die Fast-Reichen und Fast-Schönen; an der wilden Bootssiedlung vorbei. Hinterher erschöpft und durchgefroren, aber hey: draußen gewesen, Sonne und Licht gesehen!

Im Kalender tauchen schöne Pläne auf, der Dreizehnjährige geht zur Matheolympiade, der Siebzehnjährige fährt ein Wochenende zu meinem Vater und als Teamer mit zur ersten Konfi-Fahrt des Dreizehnjährigen. Es gibt nachgeholte Geburtstagsevents. Einen Feiertag im März! Irgendwo am Horizont die Osterferien, wenigstens ein verlängertes Wochenende möchte ich mit meinen Söhnen reisen.

Reisen, ja. Gegen den Hannoverliebsten und mich haben sich nicht nur Wochenendüberstunden und Corona-Quarantäne verschworen, unser lange verschobenes Wiedersehen wird jetzt auch noch von Ylenia und Zeynep erschwert. Am Donnerstagabend jedenfalls keine Chance, nach Hannoverzu kommen, der Fernverkehr eingestellt, auch die Züge fallen aus, die die App gerade eben noch angezeigt hat. Enttäuscht fahre ich mit meinem schweren Koffer nach Hause zurück. Fernbeziehung plus Pandemie plus Orkan ist wirklich schwierig.
Am Freitagmittag hat die Chefin nichts dagegen, dass ich zwei Überstunden nehme, um noch einen Reiseversuch zu wagen; und ich habe Glück und erwische den letzten Zug, der gerade noch so aus Berlin nach Hannover fährt, bevor der Fernverkehr vor dem nächsten Orkan wieder eingestellt wird.

Im Schrittempo rollen wir aus Berlin. Der Maskenmuffel gegenüber zieht auf meine freundliche Bitte hin für genau 10 Minuten seine alte OP-Maske über die Nase, dann ist sie wieder heruntergerutscht. Noch einmal möchte ich nicht bitten, ich möchte seinen Zorn nicht auf mich ziehen. Stattdessen fresse ich meinen in mich hinein, das kann auch nicht gut sein, aber eine bessere Lösung fällt mir nicht ein.
Dann denke ich darüber nach, warum ich es früher für selbstverständlich gehalten habe, jederzeit überallhin reisen zu können, bei jedem Wetter – war das wirklich so oder war es nur mein jugendlicher Übermut, ein Gefühl der Unverletzbarkeit, meiner eigenen und der von logistischen, aber auch – weitergedacht – von demokratischen und – wider besseres Wissen – von ökologischen Systemen? Zukünftig mit sehr viel mehr Unverfügbarkeit leben, das ist wohl so.
Später stöpsele ich mir den neuesten Coronapodcast ins Ohr, und Frau Cieseks Stimme wiegt mich in einen sanften Zugschlaf.

2 Gedanken zu „Das zum Stillstand gekommene Leben

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