November

Der November war ein kurzer Monat, schneller vorbei, als gedacht – vielleicht, weil ich ihn mochte. Vier Wochen nicht geschrieben, so voll war die Zeit, außer einen Entwurf, in dem die chinesische Ernährungslehre, die Wochenphasentheorie von Fred Vargas und das Enneagramm vorkamen und der dann doch nicht veröffentlichungsreif wurde. Jetzt kurz rekapitulieren, was im November los war:

Teil der Welle (1)

Angefangen haben wir den Monat in Paris, hach! – mit dem kranken Hannoverliebsten, der mich dann doch angesteckt hatte. Kaum hatten wir also die lange Rückreise überstanden, begann ich mich schlecht zu fühlen und lag mehr oder weniger flach.
Mit Fieber, aber ohne Krankschreibung, Vertretung bei der Erwerbsarbeit habe ich ja nicht, also für Homeoffice mit Ruhepausen entschieden. Der Dreizehnjährige sowieso bei seinem Vater, der Siebzehnjährige – meistens dezent im Hintergrund mit elektronischem Endgerät – übernahm das Einkaufen. Vermutlich sollte es mir zu denken geben, dass ich diese acht bis zehn Krankheitstage im Nachhinein als extrem erholsam empfunden habe.

Herbst wird zu Winter

Hier kommt auch schon die chinesische Ernährungslehre ins Spiel, ich lese ja immer viel, wenn ich krank bin. Abegesehen von den fünf Elementen und dem Kochen im Kreis (Ernährungstheorien und überhaupt so Theorien von den Dingen und der Welt finde ich auf eine ähnliche Weise spannend wie Bücher, die in einer Fantasy-Welt spielen: Es macht Spaß, sich mit diesen Welten vertraut zu machen, und ohne dass ich sie für wahr halte, vertraue ich darauf, dass sie mir etwas über die wirkliche Welt beibringen können) fand ich interessant, dass diese Lehre die Jahreszeiten folgendermaßen einteilt: Frühling, Sommer, Herbst und Winter dauern jeweils 72 Tage, und sie beginnen immer genau 36 Tage vor unserem offiziellen Jahreszeitenbeginn und enden 36 Tage danach. Weil das aber keine lückenlose Abfolge ergibt, gibt es Zwischenzeiten, Zeiten des Übergangs.
Genau in der Übergangszeit zwischen Herbst und Winter war ich also krank und wurde wieder gesund, und beim Gesundwerden hatte ich ein ganzes Wochenende völlig alleine mit mir Zeit, die ich diversen Übergangstätigkeiten zwischen Herbst und Winter widmen konnte: Den Balkon winterfest und das Grab auf dem Friedhof mit Zweigen und Gesteck schön machen; die Wohnung aufräumen, liegengebliebene Dinge beenden, alte Grünpflanzen entsorgen, die Küche umdekorieren – mir für den Winter einen Wohlfühlraum schaffen.
Weil es mir irgendwann wieder ziemlich gut ging, endete es damit, dass ich die Entscheidung traf, keine Jutetaschen mit Lebensmittelvorräten mehr in der Wohnung herumstehen haben zu wollen (was sich in der Pandemie irgendwie so ergeben hatte und dann so geblieben war), also schaffte ich ein kleines Vorratsregal an und stattete es mit Lack, Beinen, einer Tür und Vorratskisten aus. Sehr hübsch.
Wobei der Baumarkt meines Vertrauens nicht besonders viel Vertrauen verdient, denn das unaufgebaute Regal wurde in Form eines kleinen säuberlichen Bretterstapels in einer so großen Kiste geliefert, dass ich vor dem Auspacken sicher war, ein aufgebautes Regal in der Riesenkiste zu finden. Ausgefüllt war die aber ganz überwiegend mit einer langen Füllpapierschlange, eigentlich war es ein Füllpapierdrachen oder gar zwei, das muss ja heutzutage nicht mehr sein. Außerdem wusste die Baumarkthotline nicht, dass die Tür zum Regal inklusive Scharnieren verkauft und geliefert werden würde, sondern redete mir ein, ich müsse mir selbst Scharniere zur Tür auswählen und kaufen. Wenn den Mitarbeitern keine ordentlichen Informationen über die Produkte zur Verfügung gestellt werden, braucht man eigentlich auch keine Produkthotline.

Singsang

Nach dem Gesundwerden stellte ich fest, dass schon beinahe Totensonntag und beinahe Advent war und dass wir alle – die Jungs und ich – bis Weihnachten fast ausschließlich übervolle Tage und Wochenenden vor uns haben würden. Das Motto für die Zeit bis Weihnachten konnte also nur „Ein Tag nach dem anderen“ sein, und im November bewährte sich das sehr gut und fühlte sich nicht stressig an.
Geradezu herzerwärmend war, im Totensonntagsgottesdienst erstmals öffentlich mit dem Chor zu singen, in dem der Siebzehnjährige und ich seit dem Sommer mitwirken. Einfache Choralsätze, einfach schön.
Die größere Herausforderung wird das Weihnachtskonzert, Benjamin Britten, Camille Saint-Saëns; es sind viel zu wenige Proben, die Harmonien sind gewöhnungsbedürftig, und dann kommt ja noch eine Harfe dazu und bringt alle durcheinander, dabei trifft der Alt ja sowieso noch nicht alle Töne sicher. Also doch wieder ein bisschen Stress, Stimmproben, üben zu Hause, eine lange Wochenendprobe, wegen der ich nicht nach Hannover fahren konnte, sondern der Hannoverliebste nach Berlin kam.

Drei Tage Advent

Und dieses Wochenende war dann wirklich schön und ersetzt – falls es nicht zu weiteren adventlichen Tätigkeiten kommt, was, siehe unten, durchaus eine Möglichkeit ist – eine ganze vierwöchige Adventszeit. Mit dem Hannoverliebsten habe ich nämlich: Gänsekeulen zubereitet und gegessen, die Wohnung adventlich geschmückt, Backzutaten eingekauft, Früchtebrote gebacken (eins davon für die Kaffeepause der vierstündigen Chor-Extraprobe), mehrere kitschige vorweihnachtsliche Filme gesehen, mehrere Mahlzeiten bei brennender Kerze-am-Adventskranz eingenommen, vorwinterliche Spaziergänge gemacht UND den allerliebsten Weihnachtsmarkt besucht und dort sogar das eine oder andere Weihnachtsgeschenk gekauft (und mir kaufen lassen).

Teil der Welle (2)

Noch froher als sowieso schon bin ich über dieses erste Adventswochenende mit dem Hannoverliebsten, seit der Dreizehnjährige gestern wieder von seinem Vater zu mir gewechselt ist. Er ist nämlich krank und hat garantiert einen dieser Infekte, die gerade die Kinderarztpraxen und Krankenhäuser zum Überlaufen bringen und sogar in den Radionachrichten vorkommen, so mit 39 Fieber schon früh um acht und wirklich übelklingendem Husten. Nein, es steigert nicht unbedingt das Lebensgefühl, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst; nicht, wenn es sich um eine Krankheitswelle handelt.
Wir sagen also ab: der Schule, die Wochenend-Schachturnierrunde, der Freundin, die mit uns auf den Lieblingsweihnachtsmarkt kommen wollte (den besuche ich sehr gerne auch zweimal), das Konfirmanden-Gemeindepraktikum auf dem Kirchgemeindeweihnachtsmarkt.
Wenn mir langweilig werden sollte, also, falls ich lange genug selber gesund bleibe, damit mir langweilig werden kann, backe ich Lieblingsplätzchen. Das ist auch schön. Nächste Woche ist dann wieder genau die Woche im Monat, in der ich mich nur würde krankschreiben lassen können, wenn wirklich garnichts mehr geht.

Abwarten also. Ein Tag nach dem anderen.



12 Gedanken zu „November

      1. Greta Autor

        Ich glaube, es ist Mathilde, die Mutter von Camille, die in einem der Bücher die Theorie von den drei Phasen der Woche aufstellt: Der Wochenanfang, an dem es einem gelingt, strkturiert zu handeln (naja, sind jetzt meine Worte, wie ich es halt im Gedächtnis behalten habe); die zweite Wochenhälfte, in der einem alles entgleitet und Dinge einfach passieren, und den Sonntag als dritte Phase, für „Chaos und Flucht“ – oder so ähnlich. Ich fand diese Einteilung nett, und zumindest mir gelingt es immer am Anfang der Woche besser, irgendetwas zu erledigen oder voranzubringen. Liebe Grüße!

        Gefällt 1 Person

      2. Myriade

        Aha, verstehe. Eine durchaus interessante Theorie 😉 Jetzt muss mir noch einfallen, wo die Mutter von Camille vorkommt, ich glaube in der Weerwolf-Geschichte, bin mir aber nicht sicher. Jedenfalls nicht in den drei letzten Büchern

        Like

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..