Archiv des Autors: Greta

Schulessen ist uncool

Hässliche Geheimnisse neigen dazu, nicht in geeigneten Momenten ans Licht zu kommen, nicht an friedlichen Vormittagen, an denen alle gute Laune haben und sich spontan ein Familienrat einberufen lässt, in dem in aller Ruhe über alles geredet werden könnte. Nein, ausgerechnet am Sonntagabend, dreieinhalb Minuten vor der Schlafenszeit, als der gebrochene Zeh noch wehtut, der Koffer vom Himmelfahrtswochenende noch garnicht recht ausgepackt ist und der Klassenfahrtskoffer für den Neunjährigen noch eingepackt werden muss, stellt sich heraus, dass der Dreizehnjährige seit einem ganzen Monat heimlich nicht mehr am Schulessen teilnimmt.

Es isst nämlich kein anderes Kind aus seiner Klassenstufe mehr mit.

Und allein zu essen findet er ganz schrecklich.

Irgendwann bin ich nicht mehr wütend, hat der Dreizehnjährige mir seine Beweggründe erklärt, ist die Schlafenszeit lange verstrichen, der Koffer gepackt… und vor mir sehe ich eine lange, traurige Zukunft, in der ich mehr Zeit am Herd verbringen werde, als mein feministisches Herz es sich je hat träumen lassen. Denn wie soll ein pubertierendes Kind bitte ohne eine warme Mahlzeit am Tag groß werden? Noch dazu meins, dessen Hosenweite immer zwei Kleidergrößen weniger beträgt als seine Hosenlänge, und das warmes Essen eigentlich über alles liebt (Während sein Bruder bekanntlich abends unter keinen Umständen etwas anderes als Frischkäsebrote zu sich zu nehmen bereit ist…)?

Meine erschrockene Mail an die Eltern der Klasse – wie handhabt Ihr das eigentlich mit dem Schulessen Eurer Kinder, schmeckt das denen nicht? Finden die das alle uncool? – verhallt ungehört in den Weiten des virtuellen Raums; nur die Mutter der Sitznachbarin und Freundin des Dreizehnjährigen schreibt mir tröstend, dass ihre Tochter sich Reste aufwärmt und manchmal gern Nudeln mit Zucker in die Schule mitnimmt.

Schlaflos liege ich im Bett und raufe mir die Haare. Was tun? Samstags und sonntags ein bisschen mehr kochen, damit montags und dienstags ein Rest zum Aufwärmen da ist? Donnerstags – wenn der Dreizehnjährige allein bei mir ist – gemeinsam kochen? Montags und donnerstags sind aber gerade die langen Schultage, also Geld mitgeben für belegte Brötchen oder für die Igittigitt-Instant-Nudeln – der letzte Schrei unter den Kindern an der Schule des Dreizehnjährigen – aus der Cafeteria? Eine größere Brotbox scheint wenig aussichtsreich, da schon jetzt meistens ein Brot wieder mit nach Hause kommt. Und was bitte machen wir mittwochs und freitags?

Es macht mich traurig, und es macht mich ein bisschen wütend: Statt dass wir froh darum sind, dass an unseren Schulen warmes Essen angeboten wird, erlauben wir unseren Kindern, das uncool zu finden und nachmittags hungrig nach Hause zu kommen; nachmittags, wenn wir selbst auch gearbeitet haben und vielleicht eine halbe Stunde wir selbst sein (auf dem Balkon sitzen, jemanden anrufen, einen Gedanken zu Ende denken, einen Plan schmieden, ein Instrument lernen, eine Revolution anzetteln) könnten – statt Gemüse zu schnippeln und Kartoffeln aufzusetzen.

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Dazwischen

Mittwochabend vor dem langen Wochenende. Die Koffer sind gepackt; Lebensmittel für drei Tage eingekauft. Ein Schokoladenkuchen kühlt in der Küche aus; die Kinder schlafen; ich weiß, in welchem Zug der liebste Freund zu uns stoßen wird – ein Haus ist gebucht und erwartet uns. Morgen.

Der Abend schenkt mir noch ein paar stille Balkonminuten. Obwohl der Regen aufgehört hat,  klatscht gelegentlich ein schwerer Tropfen von der Ablaufrinne des Balkons über mir – vielleicht kaputt, vielleicht verstopft – in meine Balkon-Wasserablaufrinne. Die erste Fledermaus macht sich auf die Jagd; ein Stern blinzelt mir durch eine Wolkenlücke zu und an der Hauswand zeichnet sich allmählich der Schatten des Balkongeländers ab, weil die vollmondrunde Lampe im Nachbarhof mit zunehmender Dämmerung zur hellsten Lichtquelle wird. Im Haus gegenüber schneidet ein Mann im roten T-Shirt in seiner Küche Brot.

Die zurückliegenden Tage dürfen langsam in den Hintergrund treten. Es waren gute Tage:

Ich weiß nun, wann Cosmo auf Italienisch sendet und wo ich die Sendungen nachhören kann. Ich habe – als mein Online-Französischkurs eine technische Störung hatte – den herrlichen Podcast „One Thing in a French Day“ entdeckt und freue mich bei beiden wie die reinste Schneekönigin, wenn ich hier und da ein Wort verstehe.

Ich habe meinen (hübsch frisch gewaschenen) Fuß und meinen ganzen klapprigen Knochenapparat einer Osteopathin hingehalten, die es geschafft hat, dass ich mich während ihrer Behandlung wunderbar entspannen konnte, obwohl sie ihre Hände beim Aufspüren von Blockaden und Verspannungen eigentlich überall hatte. In Bewegung kommen müsse ich (ach… weiß ich ja schon – wenn die gute Absicht bloß zählen würde…) und solle einmal am Tag die Beine senkrecht an der Wand nach oben strecken. (Wahrscheinlich hört es sich dabei sehr gut Podcasts.)

Die Frau, der ich übers Nachbarschaftsnetzwerk im Winter Blumensamen im Austausch gegen ein paar ungenutzte Bretter (die mal ein neues Bad-Regal für mich werden könnten) gegeben habe, hat mir Fotos von all dem geschickt, was jetzt in ihren Balkonkästen wächst. Eine kleine freundliche Geste, die meinen Tag schön gemacht hat. Ich bin auch nur ein ganz klein wenig in Sorge, weil sie geschrieben hat, dass sie die Blätter der Bienenweide gegessen hat („…weil die Pflanze so groß wurde“).

Der kleine Abendblues, der sich auf dem Balkon neben mir auf der Bank niedergelassen hat, hört sich all diese Dinge an und rutscht zur Seite, damit sich eine ziemlich füllige Dankbarkeit zwischen uns niederlassen kann. Es geht uns gut, hey!

Euch allen ein schönes, entspanntes Himmelfahrtswochenende!
Es werden noch Wetten angenommen, wie viele geschmückte Handwagen mit Bierkästen morgen mit uns im Bähnchen hinaus ins grüne Land reisen werden.

#WmdedgT? 5. Mai 2018

Frau Brüllen fragt wie an jedem Monatsfünften, was wir eigentlich alle den ganzen Tag machen. Hier gibt es viele Antworten – meine ist diese hier:

Ich wache irgendwann ganz früh auf, weil die Amsel vor dem Fenster sich in ihre Morgen-Arie einsingt und der Nachbar von schräg-oben-links sein Radio oder seinen Fernseher einschaltet und die Lautstärke ordentlich aufdreht. Das macht er häufig, er lebt zu ungewöhnlichen Zeiten, weswegen ich ungern auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafe. Aber es hatte sich gestern nach einem langen Telefonat mit der Besuchsfreundin so ergeben – deshalb lege ich mir jetzt ein Sofakissen aufs Ohr und mache die Augen wieder zu.

Als ich wieder aufwache, ist es halb acht. Ich freue mich ein paar Minuten lang an dem Gefühl, nicht aufstehen zu müssen, dann stehe ich auf und mache einen kleinen Kontrollgang auf dem Balkon. Allen Pflanzen (außer den von den Spatzen geplünderten Melden) geht es gut, aber es ist zu frisch, um draußen zu frühstücken. Also setze ich mich mit meinem Tee und drei Toastbroten an den Küchentisch.

Nach einer ausführlichen Dusche packe ich die Sachen des Dreizehnjährigen zusammen, der am Vortag zu seinem Papa gewechselt ist – das bedeutet, dass ich elf transparente Plastik-Stehordner, die  – hoffentlich – jeweils Buch, Hefter und sonstiges Zubehör für genau das Schulfach enthalten, das vorne auf dem Stehordner vermerkt ist, in zwei große blaue IKEA-Taschen stelle; die dünne Jacke, die Sandalen, das Handy, die Schlagzeugnoten und die Sticks dazulege, mir die eine Tasche über die eine Schulter und die andere über die andere Schulter hänge, das Schlagzeugpad in die eine Hand nehme und mit der anderen geradeso noch die Wohnungstür hinter mir zuziehen kann. Diese Routine gibt es alle zwei Wochen (das Zubehör des Neunjährigen ist etwas handlicher und wird immer schon am Donnerstagnachmittag zum Papa – oder in der anderen Woche: zu mir – verbracht).

Ich klinge beim Vater meiner Kinder, begrüße die Jungs, schiebe mich mit den riesigen blauen Taschen in den engen Flur und setze mich kurz zum Vater meiner Kinder an den Küchentisch, um ein paar Absprachen zu treffen. Der maulende Dreizehnjährige muss danach nochmal mit zu mir kommen, weil da noch irgendwo die Informationen herumliegen müssen, die er sich für einen Kurzvortrag zusammengesucht hat.

Kurz vor halb 10 ist das Wechsel-Prozedere für dieses Mal erledigt und ich bin wieder allein.

Ich fange an, die kinderwochenverwüstete Wohnung aufzuräumen, wasche Geschirr ab, sammle Schmutzwäsche ein, stelle die Waschmaschine an, putze den Herd und den Badspiegel, die Badewanne und das Klo und merke gerade zur richtigen Zeit, dass ich eigentlich lieber in die Bibliothek fahren möchte, um einen kleinen Büchervorrat für die anstehenden Feiertage und Reisen zu besorgen. Jodi Picoult und Jörg Maurer für Himmelfahrt, Sue Monk Kidd und Regine Sylvester für Pfingsten, Graeme Simsion für jetzt sofort gleich und dann noch hier ein Buch und da eines – ein erfreulicher Stapel, den ich auf dem Weg zur digitalen Ausleihenverbuchung kaum auf dem Arm balancieren kann. Und dann ist da ja am Ausgang noch das frisch mit aussortierten Beständen bestückte Zu-Verschenken-Regal! Meine Tasche beult sich am Ende, als würde ich einen kleinen Elefanten darin transportieren. Sie ist auch genauso schwer.

Leider ist es zu spät, um nochmal kurz zu Hause vorbeizufahren und die Bücher abzustellen, also bleibe ich in der Bahn sitzen und fahre zum S-Café Friedenau, in dem ich mit der Patentante des Dreizehnjährigen verabredet bin. Die Sonne kommt neugierig um die Hausecke, sobald wir uns an unserem Tisch auf dem freundlichen kleinen Bahnhofsvorplatz niedergelassen haben; es gibt Kichererbsensalat mit Minze, Milchkaffee, kleine Updates aus ihrem und meinem Leben und beinahe einen Sonnenbrand im Nacken. Das ist sehr, sehr schön. Wir verabreden, uns unbedingt zum gemeinsamen Fußballgucken im Juni und vielleicht auf einen gemeinsamen Besuch in einer Trampolinhalle mit meinen Kindern zu treffen. Bald. Bestimmt bald…

Auf dem Rückweg beantworte ich ein paar sms und verpasse meinen Umsteigebahnhof, weil ich in „Das Rosie-Projekt“ vertieft bin. Also dauert die Fahrt etwas länger und ich bin erst um halb drei wieder zu Hause.

Mein Wochenendziel ist es, die Steuererklärung zu machen – damit kann ich aber auf keinen Fall anfangen, solange es in der Wohnung noch so schrecklich aussieht. Also räume ich weiter auf, wische Flur und Schlafzimmer, hänge Wäsche auf, stelle die Waschmaschine wieder an, trage die ersten Kleidungsstücke für die Klassenfahrt des Neunjährigen und für unser Himmelfahrtswochenende in Brandenburg zusammen, sauge das Wohnzimmer, hole die Koffer vom Hängeboden. Dann ist es auch schon Zeit, die letze Sonnenstunde auf dem Balkon zu verbringen, dabei ein paar Brote zu essen, einen auf-keinen-Fall-vergessen-Plan für die nächste Woche zu schreiben und einen Eimer Wasser unter den durstigen Pflänzchen zu verteilen.

Von sieben bis acht sitze ich dann vor dem Rechner, öffne aber mitnichten das Elster-Programm, sondern meinen Online-Sprachkurs Französisch. „tout le monde“ und „rien“, die Kontinente, il est né – il s’est marié – il est mort – solange ich vier Stunden im Monat lerne, stellt mein Arbeitgeber mir eine Sprachlernlizenz zur Verfügung, und ich bin anhaltend glücklich, zu lernen, in eine neue Sprache einzutauchen (bei weitem nicht nur, um den Dreizehnjährigen qualifiziert Vokabeln abfragen zu können!) – ganz ohne immer-wieder-schwierig-einzurichtenden wöchentlichen Kursbesuch, in meinem eigenen Tempo und zu meinen eigenen Zeiten.

Beim Bügeln hinterher versuche ich, einen französischen Podcast zu hören, was sich erwartungsgemäß als schrecklich größenwahnsinnig herausstellt. Ich verstehe kein Wort.

Ich räume die Pullis in den Schrank und das Bügelbrett beiseite. WmdedgT-Zeit.

Und dann mit dem angefangenen Buch unter eine Decke. Gute Nacht!

 

Müdes Durcheinander

Der Dreizehnjährige muss Schulvorträge mit Powerpoint-Präsentationen halten, einen nach dem anderen – das Familienleben gerät in eine Dauerschleife, in der die Zeit von Internetrecherchen, Foliengestaltung und Vortragsübungen getaktet wird. Zwischendurch müssen die Stichpunkte noch hastig auf Karteikarten abgeschrieben werden, weil der Lehrer sonst eine Note schlechter gibt, und natürlich gibt es Tests und Klassenarbeiten ohne Ende.

Der Neunjährige muss derweil das Inlinern üben, weil auf der Klassenfahrt ein Skate-Kurs vorgesehen ist.
Abwechselnd werden beiden Jungs Schuhe (Pullis, Badehosen, [durch beliebiges Kleidungsstück ergänzen]) zu klein, obwohl ich dachte, uns alle für den Frühling ausgestattet zu haben. Dabei habe ich eigentlich keine Zeit, Kindersachen zu kaufen. Ich muss mir den aktuellen Kurzvortrag des Dreizehnjährigen anhören, und ich müsste außerdem auf dem Balkon Wache schieben, wo ein Rudel durchgedreher Spatzen unsere rote Melde kahlfrisst und rotzfrech rosa gefärbte Schuldeingeständnisse auf der Sitzbank hinterlässt.

Die erste Hälfte des langen Wochenendes vor dem 1. Mai verbringen wir trotz allem in Weimar bei meinem Vater, spielen Doppelkopf, sehen alte Kinderbilder durch, die ich vor einer Milliarde Jahre gemalt habe, setzen uns alle paar Stunden an den gedeckten Tisch. In der zweiten Hälfte des langen Wochenendes legt der Dreizehnjährige in unserer neuen Lieblings-Schwimmhalle (die Kreuzberger Halle hat wegen voraussichtlicher Randale geschlossen und ist sowieso meistens ganz schön voll) die Prüfung fürs Bronze-Schwimmabzeichen ab, ganz locker. Hinterher kehren wir mit der Mitmutter und dem Mitmuttertöchterchen beim Griechen ein, die drei Kinder sind vom Schwimmen so erschöpft, dass sie ausnahmsweise still und brav auf ihren Stühlen hängen sitzen und sich ohne Streit das Eis teilen, das eigentlich das Mitmuttertöchterchen für sich allein bestellt hat. Wir Mütter nutzen die seltene Gelegenheit und schlemmen, was das Zeug hält.
Hinterher muss der Dreizehnjährige noch an einem Informatikwettbewerb teilnehmen, weil der Informatiklehrer dann im Zweifel die bessere Note aufs Zeugnis schreibt. Ohne vorheriges Üben wird das zu einem halben Desaster, allerdings entdecke ich die Übungsaufgaben zumindest hinterher und kann den Blick nicht vom Computer wenden, bis ich sie fast alle gelöst und damit allererste Baby-Grundkenntnisse im Programmieren erworben habe. Wollte ich schon lange mal, weil in diesen Sprachen mit ihrer sonderbaren Logik ja immer mehr von unserem Leben vorcodiert ist.

Dann ist das Wochenende auch schon vorbei, die Müdigkeit ist gleich dageblieben, die Überlastungsschmerzen im Mausarm sind auch schon wieder da, dazu kommt die Traurigkeit darüber,  dass liebgewonnene Bloggerinnen wegen der neuen Datenschutzrichtlinie zu schreiben aufhören. Das möchte ich nicht tun, auch wenn ich von Datenschutz eigentlich nicht mehr verstehe als vom Programmieren.

Aber das kann ja noch werden.

 

Sommerwarmer Freitag

Im Handumdrehen sind wieder fast zwei Wochen verstrichen. Mein scheußliches Voltarensalben-Unverträglichkeitsexzem am Knöchel ist beinahe verheilt, und ich kann endlich die schicke Aktiv-Bandage tragen, die ich dann doch irgendwann in einem Sanitätshaus erstehen konnte.

Am Morgen ist alles prima; am sommerlich warmen Nachmittag, wenn die S-Bahn voller unmutiger Feierabendberliner ist, ist mein Fuß auf einmal zwei Nummern zu groß für die sportlich-blaue Knöchelstütze; sie drückt vorn und hinten, deshalb bleibe ich unglücklich auf meinem schwer erkämpften Platz sitzen, als sich ein Mann mit freiem Oberkörper neben mir niederlässt; ich würde ihn seeeehr gern mit Blicken anziehen – oder aus der S-Bahn werfen zum Aussteigen bewegen – weil ich bittedanke selbst entscheiden möchte, wer halbnackt und verschwitzt neben mir sitzen darf.

Unter solchen Umständen ist das Nachhausekommen besonders schön. Ich ziehe die fußgerechten Wanderschuhe aus, die Socken und die nicht mehr ganz taufrische Bandage; dann stelle ich vorsichtig die Paprikapflanze auf den Balkon, die mir noch gefehlt hat, und die Walderdbeere, das Wandelröschen und die Studentenblume, die ich aus Versehen im Oh-lauter-wunderschöne-Pflanzen-Glücksrausch auch noch gekauft habe. Hach, wie schön!

Als alle Neuankömmlinge ein Plätzchen mit ausreichend Erde gefunden und Wasser bekommen haben, sitze ich mit einem Buch auf der Balkonbank und blinzele in die Sonne, die zwischen dem Schornstein des Nachbarhauses und dem Stamm der grünbeschleierten Birke ein paar letzte Strahlen in den Hinterhof schickt. Im rechten Nachbarhof schwatzen zwei Mütter am Sandkastenrand, während ihre Kinder auf dem Rasen Fange spielen; im linken Nachbarhof isst eine Familie zu Abend; oben im Baum wippt die Taube auf einem Ast und lässt es darauf ankommen, von der brütenden Rabenmutter erspät und verjagt zu werden. Gegenüber auf dem Flachdach, wo die Sonne noch richtig hinscheint, laufen ein paar Männer mit hippylike buschigen Haaren und buschigen Bärten hin und her, Becher und Handys in den Händen – unser Kiez verjüngt sich, denke ich, sowas gab es hier noch nie – und schaue ihnen interessiert beim Sonnenuntergangfotografieren zu.

Später, drinnen, ist es ein bisschen einsam. Auf meinem Laptop liegen die Präsentationen, die der Dreizehnjährige zu den Schulvorträgen gemacht hat, die er gestern und heute halten musste und die ich mir in den letzen Tagen immer wieder geduldig angehört habe; im Zimmer des Neunjährigen guckt mich der Kuschelhase traurig an, auf dem Boden liegt der Schlafanzug und aufgeschlagen im Bett das Michel-Buch von Astrid Lindgren, aus dem wir vorgelesen haben; in der Küche erinnert mich das Ligretto-Spiel daran, dass der liebste Freund, der Dreizehnjährige und ich gestern um diese Zeit kartenspielend am Tisch saßen.
Jetzt sind alle fort, und ich habe keine Lust, irgendetwas von all dem anzufangen, was ich machen wollte, wenn ich allein bin.

Es ist okay, sage ich mir, erschöpft zu sein und garnichts zu wollen.
Und vielleicht, tröste ich mich, gibt es nachher ein paar Sterne.

(Meine neue App kennt sie alle – auch den „kleinen Hund“, der abends über meinem Balkon wacht, und den „großen Löwen“, den wir über dem Waldhäuschen, zwischen den hohen Bergen, strahlen sahen – zwei Sternbilder, die ich noch nie gesehen hatte, und die zu meinen großen Frühlingsfreuden gehören…)

Frühlingsvermischtes

In den Osterferien hüpfen wir aus unserem Alltag und landen – zusammen mit der ganz großen Schwester und ihrer schönen Tochter und dem Freund der schönen Tochter – in der kleinen Waldhütte, die ganz versteckt an einem Berghang im Thüringer Schiefergebirge liegt, kaum zu sehen hinter einer dichten Fichtenhecke, über die aber trotzdem von morgens bis zum frühen Nachmittag die Sonne blinzelt. Wir füttern den Holzofen mit dicken Scheiten, bis die vom Winter auf 2 Grad ausgekühlte Hütte mollig warm wird; wir liegen in dicken Jacken in den Liegestühlen; wir schleppen Wasser in großen Eimern in die kleine Küche und kochen es zum Trinken ab; wir frühstücken morgens gemütlich, gehen im Nachmittagssonnenschein spazieren; der Dreizehnjährige steigt in Gummistiefeln in den Bach, der durchs Tal murmelt, und baut Dämme aus Schieferbrocken – der Neunjährige gibt ihm vom Ufer aus Anweisungen – und abends spielen wir lange gemeinsam Karten am großen Tisch.

Als wir zurückkommen, riechen wir von Kopf bis Fuß nach Holzfeuer und Waldhütte; alle Kleidungsstücke türmen sich im Flur und wollen gewaschen werden, und weil ich einmal dabei bin, bekommt auch die Allergiebettwäsche des Neunjährigen aus dem heimischen Bett ihren jährlichen Waschgang, werden die Matratzen mit Neemöl besprüht; und weil ich einmal dabei bin, bekommt der Wollteppich im Zimmer des Dreizehnjährigen seine vorbeugende Mottenkur und werden die Korkstückchen in den Kleiderschränken mit Arven-Öl betupft; die Fliesen im Bad rufen: „putz uns, putz uns, wir sind ganz verschmiert und bespritzt“; vom Bücherregal segeln Staubflusen auf meinen Kopf – es ist, kurz gesagt, noch so viel Frühjahrsputz fällig, dass er meine ganze Urlaubskraft verschlingt und ich am Montagmorgen bei schönstem Sonnenschein ohne jede Motivation zur Bahn in Richtung Büro schlurfe und dabei vor mich hinmurmele, was für eine gute Sache doch der „Haushaltstag“ gewesen ist, den es in der DDR für Arbeitnehmerinnen gelegentlich gab.

Mein schmerzender Fuß hat kleine Waldspaziergänge, in guten festen Schuhen und auf weich federndem Boden, ohne größere Beschwerden mitgemacht; aber Frühjahrsputz und Großstadtpflaster behagen ihm nicht, jetzt muss also doch ein Arzt einen Blick darauf werfen. Ich bekomme eine Salbe aufgestrichen und einen unangenehm scheuernden Verband; Tabletten, die die Entzündung aus dem Gelenk ziehen sollen und die Anweisung, mir im Sanitätshaus eine über dem Verband zu tragende Bandage aushändigen zu lassen. Nicht weit vom Orthopäden entfernt gibt es ein entsprechendes Geschäft; aber streng weist die Sanitätshausfrau mir die Tür, man trüge Bandagen grundsätzlich nie über Verbänden und nein, ich dürfe den Verband jetzt auch nicht in ihrem sauberen Reformhaus entfernen oder gar um Wasser zum Abwaschen der Salbe bitten, wie unhygienisch, auf gar keinen Fall, da hilft kein Flehen (…aber ich komme nie wieder in diese Gegend, ich wohne hier doch garnicht!). Am nächsten Morgen gehe ich, ohne Verband und voller Hoffnung, zum Orthopädieschuhmacher in meinem Kiez, der allerhand Bandagen in seinem Fenster ausgestellt hat – die fragliche verschriebene aber frühestens in zwei Wochen geliefert bekommen wird, wenn er sie jetzt bestellt. Geknickt humpele ich nach Hause, schalte meinen Homeoffice-Rechner ein, mache mir einen Schwedenkräuterumschlag auf den Fuß. Ich telefoniere mit der Service-Hotline einer größeren Sanitätshauskette und lasse mir bestätigen, dass es die im Internet verzeichnete Filiale – nur eine S-Bahn-Station entfernt – noch gibt; leider geht dort niemand ans Telefon, wahrscheinlich sind die Mitarbeiter alle beschäftigt. Also humpele ich am Nachmittag zur Bahn, fahre hin – und finde an der Tür einen handgeschriebenen Zettel vor, der erklärt, dass man aus betrieblichen Gründen am 11. und 12. April geschlossen habe. Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter.

Aber die Sonne wärmt, auf dem Balkon keimen die ersten Bienenblumen und schütteln Treibhauskräuter sich in der ungewohnt frischen Luft; die Tomatenpflänzchen strecken sich und wollen des Nachts noch ins Warme; eine prächtige Petunie voller lilafarbener Blüten mit dekorativen weißen Rändern, die der Dreizehnjährige in sein Kastenbeet gepflanzt hat, lässt sich von allen Seiten bewundern, nur die Sonnenblumenpflänzchen stimmen nicht in den Chor ein, sondern sammeln Kräfte, um bis zum Himmel zu wachsen.

Allen traurigen Radionachrichten zum Trotz: es ist Frühling!

 

 

Vor Ostern

Karfreitag, Nachmittag. Ich tränke einen Waschlappen in einem ordentlichen Schluck Schwedenkräuterlösung und wickle ihn auf meinem Fuß fest, der – wie im letzten Sommer ohne Sturz, Schlag, Umknicken, Danebentreten oder sonstige Vorwarnung – seit einigen Tagen wieder wehtut. Sechs Wochen hat das im letzten Sommer gedauert, und ich wäre auch jetzt schleunigst zur Orthopädin gegangen, hätte sie nicht Urlaub gehabt.

Die Kühle am Fuß ist wunderbar; die Wohnung ist sonnendurchflutet, still und einigermaßen ordentlich – ich schaue mich zufrieden um.

Den Krimi, den der liebste Freund mir für den Osterurlaub ausgeliehen hat, habe ich heute schon mal ausgelesen (der liebste Freund könnte mich eigentlich gut genug kennen, um sicherheitshalber zwei Bücher mitzubringen). Auf dem Wohnzimmertisch türmen sich robuste, äußerst warme Kleidungsstücke, Osterkörbchen für die Verwandtschaft, die Asthmabettwäsche des Neunjährigen, eine große Medikamententasche zum Thema „Erkältungskrankheiten“, eine große Verbandszeugtasche zum Thema „Zecken-Splitter-Stürze“, eine kleine Kosmetiktasche mit nicht viel mehr als unseren Zahnbürsten und viele Bücher („Winter im Mumintal“, „Die rote Zora“, „Die 13 ½ Leben des Käpten Blaubär“, „Der Gott der kleinen Dinge“, „Über die Tugenden“, „C’est vraiment facile“, „Grammatik kurz und bündig – Französisch“), die noch auf ein tragbares Gewicht aussortiert werden müssen. Unter dem Tisch warten Gummistiefel, Schuhe für sehr tiefe und für nicht ganz so tiefe Temperaturen und der beinahe unverwüstliche Ball aus Dänemark. Unschwer zu erkennen: wir haben als Osterurlaub einen Aufenthalt in einer schlecht heizbaren Waldhütte geplant; etwas unbedacht ist diese Idee entstanden, an einem warmen Sommerabend wahrscheinlich.
Mit Spielen, Lebensmitteln und Bettwäsche versorgt uns die ganz große Schwester, also stehen nur zwei Koffer mit hungrig aufgeklappten Deckeln bereit.

Auf dem erfreulich leeren Schreibtisch liegt ein Zettel mit dem Vermerk, den Dauerauftrag an den Vermieter unbedingt sofort nach unserer Rückkehr zu ändern; eine (ein klein wenig) rebellische Teilzustimmung zur Mieterhöhung ist abgeschickt, ich möchte nun nicht um einen einzigen Cent in Zahlungsrückstand geraten. Der Mieterbund24, der im Internet eine Online-Antwort auf eine Mietfrage für nur 25 Euro anbietet – eine prima Alternative zu einer Mitgliedschaft im Mieterverein, wenn man tatsächlich nur eine einzige Frage hat – konnte mir leider nicht helfen und erstattet mir die Vorauszahlung zurück. Viel Aufwand und wenig davon gehabt.

Einige Fenster sind geputzt, auch das stark eingestaubte Gewürzregal in der Küche, das muss als Frühjahrsputz reichen. Auf dem Balkon habe ich heute Mittag, als es warm und sonnig war, vieleviele Kilo Erde bewegt – aus Töpfen, Kübeln und Kisten in große IKEA-Tüten geleert, mit dem guten Wurmhumus der Firma „Superwurm“ (das Paket kommt jedes Jahr bei einem anderen Nachbarn an, damit jeder mal über mich den Kopf schütteln kann) vermischt und wieder in die Töpfe, Kisten und Kübel gefüllt. Auch zwei Schalen für den Friedhof habe ich bepflanzt; im Auto auf dem Weg dorthin starte ich dann eine Charme-Offensive, damit der Vater meiner Kinder während unserer Abwesenheit nächste Woche die Tomatenpflänzchen bei sich aufnimmt und gießt, die ich noch nicht dem rauen Berliner Spätwinter Vorfrühling Wetter aussetzen möchte. Alles andere, was ich am hellen Fenster vorgezogen habe – Sonnenblumen, Dill, Basilikum, Petersilie, Sonnenhut – muss draußen klarkommen.

Am Samstagmorgen dann – endlich – werden meine Söhne nach einer langen, langen Ferienwoche mit ihrem Vater wieder bei mir eintrudeln. Wir werden Ostersträuße schmücken, Ostereier kochen und färben; am Abend werde ich durch die Wohnung schleichen und Dutzende kleine Schokoladeneier verstecken, die dann am Sonntagmorgen gesucht werden dürfen, bevor wir zur Kirche gehen (und dort auf keinen Fall die Unterschrift auf der Gottesdienstkarte vergessen dürfen, die der Dreizehnjährige als Voraussetzung für seine Konfirmation zu füllen hat).

Der Berliner Schienenersatzverkehr macht die Reise zum Bahnhof zu einem langwierigen Abenteuer, aber auch das werden wir bestehen; wir werden am Ostersonntag in einen Zug steigen und verschwinden bis auf Weiteres im Dickicht eines mitteldeutschen Waldes.

Bis bald – und frohe Ostertage Euch allen!