Archiv des Autors: Greta

Zehn Uhr im Kiez

Morgens um zehn Uhr bin ich fast nie in meinem Kiez unterwegs. Aber heute bin ich krankgeschrieben und mache einen kleinen Genesungsspaziergang, auf dem ich endlich mal diese blöde Pfandflasche zurückgeben, Minen für die Radierstifte der Kinder besorgen und noch ein violettes Stiefmütterchen erwerben möchte.

Über dem PC-Shop an der Ecke lüftet knallrotes Bettzeug in der milden Morgenluft. Auf der anderen Straßenseite schiebt sich eine ältere Dame mit Gehstock Schrittchen für Schrittchen in Richtung Einkaufsstraße. Den Laden für Reinigungsmittel habe ich noch nie betreten, anders als die magengrippengebeutelte Nachbarin, die nach jeder Virenwelle dort ein Reinigungsmittel erwarb, mit dem sie Betten und Geschirr desinfizierte.  Heute wird gerade Ware angeliefert, große Packen gelber Schwämme, Kisten mit Plastikflaschen, die Namen tragen, deren Klang schon beinahe ausreicht, um Keime und Schmutzpartikel die Flucht ergreifen zu lassen.

Im Nagelstudio nebenan beugt sich eine Frau mit Mundschutz hingebungsvoll über eine mit langen Glitzernägeln zu verschönernde Hand. Der Frisör hat noch sein „We are closed“-Schild im Fenster, trotzdem sitzt schon ein Herr im Wartebereich, wo die Glaskaraffe frisch mit Wasser und Orangenscheiben befüllt ist.

Vor der neu eröffneten Sports-Bar reckt sich eine junge Frau in Lederleggins tatkräftig. Auf den Werbefotos in den Fenstern äugen hübsche junge Damen zu hübschen jungen Männern, deren Aufmerksamkeit aus dem Bild hinaus gerichtet ist, vermutlich zu den Sportereignissen, die die Bar zu übertragen verspricht. Gegenüber beim Bäcker stehen ein paar Tische in der Sonne, an denen einzelne ältere Herren Kaffee trinken; einer mit Stars&Strips-Hose und Cowboyhut, ein anderer mit Zöpfchen im langen Bart. Sie sehen aus wie morgendliche Stammgäste, vom Leben mitgenommen und ein wenig einsam.

Aus dem Bekleidungsgeschäft schiebt eine alte Dame ihren Rollator und müht sich damit die drei Stufen hinunter, hinein in ein kleines Ballett aus Kinderwagen und mehr Rollatoren. Der Stau ist entstanden, weil ein Bauarbeiter zwei Absperrgitter auf dem Gehsteig aufgestellt hat; er schleppt ein nach bedrohlichem Lärm aussehendes Gerät herbei.

Vorne an der Ampel, wo die Händler wie jeden Tag ihre Partyzelte aufgestellt haben und neonleuchtende Turnschuhe, Blümchenblusen, Trolleys, Glitzerspielzeug und Pantoffeln feilbieten, die mich an die Gästepantoffeln im Haus meiner Großeltern vor 30 Jahren erinnern, hat eine Kanalreinigungsfirma schweres Gerät aufgefahren und allerhand Schläuche in die Gullys versenkt. Die Kanalarbeiter sitzen auf der Ladefläche ihres Lasters in der Sonne, während die Maschinen ihre Arbeit tun.

Der Schreibwarenladen hat die Kalender für 2019 jetzt für 1,99 Euro im Angebot, sogar die mit den barbusigen – und schon beinahe ein wenig verblichenen – Frauen.

Auf dem Rückweg bin ich versucht, die auf grünem Tüll grasenden Hasen zu zählen, mit denen die Apotheke, der Kiosk und das kleine Fitnessstudio ihre Schaufenster dekoriert haben. Auch der Bäcker steht auf einem Hocker und hängt eine Girlande mit bunten Hasen über die Theke.

Die Sonne – die von ungewohnter Seite über die Dächer scheint – wärmt heute schon herrlich.
(Woran man merkt, dass dieser Text schon letzte Woche entstanden ist, fröstel…)

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WmdedgT – 5. April 2019

Frau Brüllen sammelt wie immer alle Beiträge, in denen Blogger und Bloggerinnen am 5. eines Monats ihren Tag beschreiben.

Voila, bei mir sah das so aus:

Die Kurzfassung: Geld verdient, Geld ausgegeben.

Die Langfassung: Der Wecker ist auf halb sieben gestellt, ich bin schon ein wenig eher wach. Es ist der erste Tag nach einer kleinen Krankschreibung. Bad, Gymnastikübungen (für die ich mir selbst einen Disziplinpunkt verleihe, richtig regelmäßig klappt es nicht), in der Küche schnell ein Müsli zusammengestellt und einen Tee gekocht. Frühstück.

Ich packe zusammen: Dienstlaptop, Buch („Nirgendwo im Haus meines Vaters“ von Assia Djebar), Konfirmationskleid, Kopiervorlagen. Halb acht gehe ich aus dem Haus.

Sieben Stunden Büro, davon fast eine am Telefon mit einem netten IT-Servicemitarbeiter, der versucht, mein Computertelefonieprogramm zur Räson zu bringen und nebenher verschiedene Kleinigkeiten repariert. Davon eine weitere Stunde mit den aufgelaufenen Mails, eine mit Update-Gesprächen zu laufenden Projekten, den Rest mit dem Ausfüllen sehr, sehr lästiger Berichtsvorlagen. Ich bekomme ziemlich schnell Kopfschmerzen. Nun gut.

Von Büro fahre ich in den Copyshop meines Vertrauens. Der Mitarbeiter schafft es, mir beizubringen, wie ich aus zwei Vorlagen eine auf Vorder- und Rückseite bedruckte Kopie mache; also kann mich nichts aufhalten (denke ich – bis der Kopierer „Papierstau“ blinkt). Mit einem Stapel Liedtexte für die Konfirmation des Vierzehnjährigen, einem Tacker und Heftklammern verlasse ich hochgestimmt den Copyshop.

Die Kopfschmerzen sind verflogen, ich entscheide, dass ich noch ausreichend Kraft habe, um nach einem Mantel und einem Jäckchen Ausschau zu halten, die ich über mein Konfirmationskleid tragen kann. Der passende Laden ist nur zwei U-Bahn-Stationen entfernt. In der Umkleidekabine (rechts und links von mir Töchter in Tüll und Glitzer, deren Mütter eifrig weitere Kleidchen herantragen) probiere ich Jäckchen (Fehlanzeige) und dann – hach – Kleider. Man sollte besser garnicht erst einen Laden betreten. Die Kleider hier sind so viel schöner als das, das ich im Rucksack habe! Ich verliebe mich in ein freundlich geschnittenes blaues Kleid mit Blumen, zu dem es ein passabel passendes Jäckchen gibt, die verkaufstüchtige Verkäuferin schleppt einen Mantel in der richtigen Größe herbei und macht allerhand mehr kaufermutigende als wirklich hilfreiche Bemerkungen. Am Ende werden es sogar zwei Jäcken zu Kleid und Mantel, und gleich nebenan gibt es passenderweise Schuhe. Was soll ich sagen? Die Verkäuferin dort entdeckt sofort meine große Einkaufstüte und wittert ein gutes Geschäft; sie schafft es, mich von den Vorzügen des teuersten Paars blauer Schuhe zu überzeugen und dann noch das spezielle Spezial-Pflegeprodukt und die spezielle Spezialbürste anzubringen, ohne die die Pfirsichhaut meiner neuen nachtblauen Pumps schon nach dem ersten Tragen akut gefährdet wäre.

Gegen sechs bin ich dann endlich zu Hause und stürze in die Küche. Ich habe schrecklichen Hunger. Nach dem Essen breite ich – etwas unglücklich – alle meine Kleider, Jäckchen, Mäntel und Schuhe aus. Hierüber muss dringend eine Nacht geschlafen werden.

Der Stapel mit den Kopien kommt auf den Wohnzimmertisch und ich stelle mir einen Tatort aus der Mediathek an, während ich die Liedtexte zu kleinen Liedermappen zusammentackere. Da ich einmal angefangen habe, den Krimi „nebenbei“ zu gucken, mache ich hinterher parallel eine Word-Datei auf und entwerfe ein ABC für den Vierzehnjährigen als Beitrag zur Feier (A wie „Anfang“ mit einer launigen Geschichte vom Tag seiner Geburt, B wie „Bruder, großer“ und so weiter – sammle erstmal Ideen und mache mich dann ganz vom Tatort los, um die ersten Punkte auszuformulieren. Ich hoffe, ich schaffe es, nichts zu schreiben, was dem Vierzehnjährigen allzu peinlich ist. Ich hoffe, ich schaffe es, das dann vorzulesen, ohne Tränen in den Augen (und in der Stimme) zu haben.

Gegen elf Uhr fahre ich den Computer herunter und gehe schlafen. Ich habe einen schrecklichen Albtraum von einem Messermörder, der es auf ein Kind abgesehen hat. Das kommt dann davon, wenn man eine Krimi nicht zu Ende guckt.

 

Eine Woche

Montag.

Heute habe ich herausgefunden, dass unser Späti, der Hermespakete annimmt, kein Frühi mehr ist. Es muss am neuen Inhaber liegen. Herausgefunden habe ich es um halb acht, bei strömendem Regen, mit zwei großen Paketen vor mir auf den Armen.

Ich habe das Kleid, das ich mir gekauft habe, um es vielleicht zur Konfirmation des Vierzehnjährigen anzuziehen, über einer Feinstrumpfhose anprobiert. Es klebt grässlich an. Das Internet weiß, dass man in so einem Fall am besten die angezogene Feinstrumpfhose von außen mit Haarspray behandeln soll und das Kleid von innen. Alternativ kann man auch Handcreme verwenden (nur auf der Feinstrumpfhose), Wasser aus einer Sprühflasche (nur auf dem Kleid) oder ein Anti-Statik-Spray, das als Nebenwirkungen Schläfrigkeit und Benommenheit auslösen kann. Ich habe vermutlich noch eine extensive Testphase vor mir. Hoffentlich muss ich mir nicht noch ein Kleid kaufen.

Dienstag.

Die Frau, die mir heute Morgen in der S-Bahn gegenübersaß, fragte mich erst nach einem Tempotaschentusch und schminkte sich dann ungefähr fünf Stationen lang ausgiebig und in aller Ruhe. Ich war sehr fasziniert.

Der Vierzehnjährige hat heute Fieber bekommen und liegt schniefend und frierend unter mehreren Decken vergraben. Zum Glück habe ich jetzt vorsichtshalber immer mein Dienstlaptop dabei, ich werde also von zu Hause arbeiten können.

Mittwoch.

Heute habe ich den Ratschlag bekommen, meinem Vierzehnjährigen eine PlayStation zu kaufen, damit er leichter Freunde findet. Dafür würde ich vieles tun. Ein Konfirmationsgeschenk brauche ich auch noch. Trotzdem wird mir ganz schlechte bei der Vorstellung, riesige Kisten mit unverständlichen technischen Geräten auspacken und irgendwie zum Funktionieren bringen zu müssen; ich stelle mir Kabel vor, die sich wie bösartige Schlangen durch die Wohnung winden, unverständliche Bedienungsanweisungen, einen Riesenbildschirm, der blasiert auf mich herabglotzt – und habe noch nicht mal Lust, herauszufinden, ob irgendwo in meiner Wohnung eine Fernseh-Kabelempfangsdose versteckt ist.

Was mich tröstet, ist wie fast immer ein Buch. Ich fange Lily Bretts Kolumnensammlung „New York“ an zu lesen und freue mich sehr an ihren kleinen, feinen Beobachtungen.

Donnerstag.

Heute war der Vierzehnjährige beim BoysDay in einem Kindergarten. Weil sein Rucksack zu klein war für seine Wechselschuhe in Größe 41, habe ich ihm meinen ausgeliehen und dann aus Versehen mein Handy wie üblich in diesen Rucksack gesteckt. Auf dem Weg simste mein Sohn mir mehrfach, hatte aber keine Idee, warum es auf seinem Rücken immer wieder mal brummte.

Nach dem BoysDay sind wir schrecklich enttäuscht. Die Erzieherin, in deren Gruppe mein Sohn den Tag verbracht hat, wusste garnicht, was der BoysDay überhaupt ist. Vermutlich wusste sie noch nicht mal, dass der Vierzehnjährige an diesem Tag zu einem kleinen Praktikum kommt. Hätte er nicht eine schon vorausgefüllte Teilnahmebestätigung im Rucksack gehabt, hätte er keine bekommen, weil die Kita-Leiterin sich darum nicht gekümmert hatte. So geht Werbung für den Erzieherberuf jedenfalls nicht.

Freitag.

Heute habe ich den Tag begonnen, indem ich mit der Mitmutter vor der Arbeit einen Kaffee getrunken habe. Am Nachmittag habe ich auf dem Balkon Cosmeen und Tomaten vereinzelt, Zinnien und kleinblütige Studentenblumen. Beides war sehr, sehr schön.

Außerdem habe ich eine verstopfte Nase – vermutlich habe ich mich beim Vierzehnjährigen angesteckt. Trotzdem machen wir, was wir uns gestern vorgenommen haben: Der Zehnjährige, der Vierzehnjährige und ich bauen uns ein großes Bett auf dem Sofa, gucken noch ein bisschen Fernsehen auf dem Laptop, lesen noch ein paar Seiten und schlafen dann alle drei ein.

Long time, no see

Weiterschreiben. Die Lust aufs Schreiben wächst wieder, langsam; aber ob das reicht? Ich verspreche mal lieber garnichts…

Mein letzter Beitrag aus dem Herbst enthielt einige eingehende Whatsapp-Nachrichten, falls noch jemand neugierig ist, wie das ausging: nicht gut. Der Leipziger Onlinebekannte hatte nach unserem ersten Treffen schon einen Platz für mich in seinem Leben vorgesehen; sein Bild von mir und von einem fantasierten „uns“ fertig, quasi ohne mich ein einziges Mal richtig angesehen zu haben.
Und wünschen wir uns das nicht am allermeisten, wenn wir eine neue Beziehung suchen: angesehen zu werden, wirklich gesehen zu werden?

Wie schon viele Jahre vorher haben wir etwas später im Herbst einige Tage im Waldhäuschen verbracht, zum ersten Mal einige davon ganz allein zu dritt, und das ging gut, überraschend gut. Eine weitere Alleinpremiere für mich und den Neunjährigen und den Dreizehnjährigen war der Heilige Abend, auch das haben wir gemeistert; nicht ganz ohne Traurigkeit, weil ich es mir doch eigentlich anders wünsche und mir eine lange Tafel mit vielen Freunden vorstelle…

Inzwischen lebe ich hier mit einem Zehn- und einem Vierzehnjährigen. Bedeutende Zahlen! Der Vierzehnjährige verbringt seit einem halben Jahr (vielleicht hat die fehlende Muße zum Schreiben ja ganz banal damit zu tun) zwei Drittel seiner Zeit bei mir, der Zehnjährige weiterhin die Hälfte. Am Horizont zieht eine große Familienfeier auf: Konfirmation…  nicht ganz unkompliziert in unserer Familienkonstellation, aber ein schöner Tag soll es doch werden für den Vierzehnjährigen. Deshalb darf auch die neue Partnerin des Vaters meiner Kinder eine Einladung bekommen, deshalb sehe ich zu, dass ich die einzige Ferienwohnung im Kiez rechtzeitig buche, um die Thüringer Gäste unterbringen zu können, deshalb schaue ich mir die Webseiten von Caterern an, bis mir vor lauter Altberliner Buffetvorschlägen ganz schlecht wird, deshalb sitze ich abends am Rechner und stelle Fotos aus 14 Jahren zusammen, die ich mir kaum nacheinander ansehen kann, ohne sehr, sehr rührselig zu werden (wo ist die Zeit nur geblieben?), deshalb lasse ich den Vierzehnjährigen, der eine Krawatte tragen möchte, im Onlineshop stöbern und lächle in mich hinein, als er in seinen ersten blanken schwarzen Lederschuhen und im strahlend weißen Hemd durch die Wohnung hüpft und begeistert ruft: Ich sehe ganz erwachsen aus! Ganz erwachsen! –

Ja: Onlineshops… seit ich voller Elan mit dem kleinen Zeh gegen die Bettkante gerannt bin, singe ich ihr Loblied – trotz ökologischer Bedenken. So ein geprellter Vorderfuß braucht offensichtlich seine Zeit; die Ärzte bieten großzügig an, den kleinen Zeh an den zweitkleinsten Zeh zu pflastern, aber einen Pflasterzügelverband kann ich selber, seit er Vierzehnjährige im letzten Frühjahr einen gebrochenen Zeh hatte, und außerdem tut mir das Laufen dann noch mehr weh, also zucken die Ärzte mit den Schultern und lassen mich wieder nach Hause humpeln.

Zu Hause wartet der Alltag: der Staub und die Wäsche und das Dienstlaptop und manchmal meine Kinder; oft ein Buch, auf das ich mich freue, und immer das Radio mit seinen düsteren Nachrichten. Das Klein-Klein des Alltags und die Weltlage da draußen:  meinen Kopf von beidem nicht lähmen, nicht ganz vereinnahmen zu lassen, ist nicht so leicht.

Vielleicht würde ich deshalb gern wieder ab und zu schreiben.

neu

Draußen vor dem Zugfenster wird der Himmel abendblau und die Wolken über dem westlichen Horizont sehen aus wie ein blankgefegter heller Sandstrand mit dunklen Wellen dahinter. Das ist perfekt. Vor mir liegt die Zeitschrift „Pflege und Familie“ – mehr unbekannte Wörter in einem Text habe ich lange nicht mehr gelesen, aber vielleicht wird es Zeit, sie alle zu lernen. Hinter mir liegen – gefühlt ein kleiner Urlaub – ein Tag mit meinem Vater und seiner Frau und ein Tag mit der ganz großen Schwester; Gespräche über Politik und Sinus-Milieus und Beziehungen, über Sofa-Farben und die-jungen-Leute-von-heute und Beziehungen; ein ausgiebiger Besuch im Second-Hand, weil Flanell benötigt wird* und einer im Garten der ganz großen Schwester, um gemeinsam nach Handyvideo-Anleitung die roten Johannisbeeren zu verschneiden; und ganz frisch ein im Leipziger Bahnhofscafè verschwatzter Nachmittag mit dem neuen Leipziger Online-Bekannten, der Komplimente whatsappt, so dass ich stillvergnügt, aber etwas ratlos in den blauen Abend lächele. Ich wünsche mir so oft Dinge, die sich als zu groß für mich herausstellen: einen Garten, obwohl ich geradeso meinen Balkon pflegen kann; einen Sprung vom Dreimeterbrett, obwohl mir schon auf dem Einmeterbrett die Knie so weich werden, dass ich beim ersten Versuch beschämt die klitzekleine Leiter wieder heruntersteige; eine Beziehung mit „immer“ und „zusammen“ und „fest“ im Kleingedruckten, obwohl ich nicht weiß, wo ich sie unterbringen soll zwischen Wechselmodell und Arbeit und Terminen und To-Do-Listen und Gernealleinsein.
Aber die Welt ist heute ein guter Ort. In Magdala wurde -geradenochrechtzeitig – ein Zufahrtsweg zum geplanten Rechtsrockkonzert entdeckt, der sich sperren ließ und der Hambacher Forst darf weiterwachsen, für jetzt. Mein Handy brummt, der Himmel leuchtet noch immer, in der Schwärze darunter fahren gelbe Lichtpunkte vorbei und in meinem Kopf singt Dota eins meiner brandneuen Lieblingslieder: „ich sing und tanz‘ und spring umher/denn die Schwerkraft hält uns fest/doch nicht zu sehr“.
Schon wird Berlin Südkreuz angesagt und heute, das weiß ich, wird das Nachhausekommen schön sein.

*Für eine Aktion dieser Art, mal wieder

Weniger Müll machen

400 Millionen Tonnen Plastik wurden im Jahr 2015 produziert. Tendenz stark steigend, die Hälfte davon ist spätestens nach einem Jahr schon Müll. Hier kann man das nachlesen, die Zahlen sind aus dem letzten Jahr. Im Radio wird ein weiterer, extremer Anstieg der Müllmengen in den nächsten Jahren prognostiziert, und ja, einige Konzerne haben sich gerade verpflichtet, daran mitzuwirken, dass zukünftig mehr Verpackungen recycled werden. So ab 2030, ungefähr. Und die Ohrenstäbchen mit Plastik haben wir ja auch schon verboten.

Ich bin ein klitzekleines bisschen konzernskeptisch und ein Blick in meinen Mülleimer zeigt, dass Ohrenstäbchen eins meiner allerallerkleinsten Probleme sind. Seit einiger Zeit pappt deshalb ein gelber Zettel über dem Müllschrank, auf dem ich notiere, wie oft die große Papiertüte mit dem Plastikmüll voll wird. Da geht doch bestimmt was… Augen auf beim Einkaufen also.

Was auf Anhieb ziemlich gut funktioniert, sind Obst und Gemüse. Jeder Supermarkt in meinem Kiez bietet einen Teil davon lose an, und lose lege ich es in meinen Wagen und aufs Kassenband. Keine Beschwerden von den Kassieren, es brauchte nur mein eigenes Umdenken: Ich kaufe nur noch, was es ohne Verpackung gibt. Meistens mache ich eine oder zwei Ausnahmen, z.B. weil der Dreizehnjährige sooo gerne Blaubeeren isst oder keine Möhren ohne Verpackung da sind, ich aber dringend welche brauche.

Brot kaufen wir schon lange beim Bäcker – wir haben alle drei gern wirklich leckeres Brot – aber Toastbrot ist ein Problem, für das ich noch keine Lösung habe. Baguettescheiben zum Frühstück vor der Schule? Vielleicht probieren wir es aus.

Getränke sind schwierig, weil meine Kinder beide gern verdünnte Säfte trinken. Die Lieblingssorte des Neunjährigen steht zum ersten Mal als Kasten mit sechs Glasflaschen in der Küche, das aber auch nur, weil ich mir einen Einkauf habe liefern lassen. Tendenziell werde ich in der kalten Jahreszeit wohl öfter Tee kochen oder Ovomaltine zum Frühstück; mal sehen. Für Milch gilt allerdings das gleiche. Ständig haufenweise  Flaschen mit mir herumzutragen – volle aus dem Laden, leere zurück – ist vermutlich nicht machbar. Zur Reduzierung des Plastikmülls schaffe ich mir jetzt aber auch kein Auto an.

Was auch noch nicht klappt: Käse und Wurst. Ich bin probeweise auf abgepackte Waren von der Theke umgestiegen, weil die Plastikfolie und die Papiertüte, die man dann bekommt, schon weniger Müll sind als die Verpackungen aus dem Regal, aber ganz ohne Plastik kann die normale Supermarkttheke einfach nicht. Einige Berliner Filialen von Bio Company testen anscheinend jetzt den verpackungsfreien Verkauf über die Theke – mal sehen, ob ich dort in den nächsten Wochen mal mit meinen Vorratsdosen vorbeikomme. Beides ist natürlich teuer, ein ökologisch vertretbares Leben muss man sich erstmal leisten können, das ist traurig.

Und dann gibt es hier in Berlin natürlich noch Original Unverpackt. Auch dieser Laden liegt nicht gerade auf meinem Weg, aber ich nehme mir wenigstens vor, ab und zu dort vorbeizufahren. Einmal habe ich bereits Wasch- und Spülmittelflasche dabeigehabt und weiß jetzt, wie das mit dem Auffüllen funktioniert (1. Leere Flasche wiegen und Gewicht notieren; 2. Unbequem auf den Boden kauern und Waschmittel aus dem großen Kanister in die Flasche pumpen; 3. Bezahlen 4. Karmapunkt an die Weste heften). Auch Tee, Linsen, Haar- und Körperseife von dort gibt es bei mir schon; Experimente mit Müsli, Couscous, Polenta, Trockenfrüchten und Gewürzen stehen aus.

Mein Fazit nach vier Wochen: Der Plastikmüll in unserem Haushalt wird weniger, das ist gut zu sehen.

Vermutlich gilt dabei die alte 80/20-Regel: mit 20% Aufwand kann ich 80% des Plastikmülls vermeiden. Die restlichen 20%, für die ich dann 80% Aufwand bräuchte – und ein Weckglas, um den restlichen Müll des ganzen Jahres zu sammeln – schaffe ich nicht.
Dafür habe ich einen scharfen Blick auf den Papiermüll geworfen und rufe konsequent jeden an, der mir einen Katalog schickt. „Nehmen Sie mich doch bitte aus Ihrem Verteiler…“ –

Der Sommer

Vorbeigerauscht ist der Sommer.

Der Neunjährige und der Dreizehnjährige haben einen kleinen, aber feinen Patchwork-Familien-Urlaub mit ihrem Vater verbracht; bei mir ist unterdessen Nichte II für die Dauer eines Praktikums eingezogen. Ohne Angst um meinen geliebten Balkon, meine kleine Stadt-Oase, sind die Kinder und ich Ende Juli nach Dänemark aufgebrochen, mit Koffern und Rucksäcken bepackt, mit Zug und Fähre wie immer.

Dänemark war sizilianisch heiß. Es gab Frühstücke auf der Terrasse des Ferienhäuschens; Schwimmen am Vormittag; Essen und Ruhen im Schatten von Erle und Lärche in den heißen Stunden, Kartenspiele am Nachmittag, Baden gegen Abend und mehr Spiele nach dem Abendessen. Reife Brombeeren kiloweise an verschiedenen Hecken. Frische Brötchen jeden Morgen. Keine Blaualgen, aber Weltuntergangsstimmung angesichts der Hitze, der Dürre, der Brände, der hungernden Tiere, der viel zu seichten Flüsse. Wir lesen Rosendorfers „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ vor, auch der war schon pessimistisch, was die Welt der Großnasen anging. Nachts laufen wir zum Strand und schauen zu den Sternen hoch, lernen den Herkules zu erkennen, das Hörnchen vom Steinbock direkt über dem tiefroten Mars; den Krug, aus dem der Wassermann einen dicken Strahl ins Meer gießt. Den Kameloparden, den man eigentlich garnicht sieht, weil er aus schwach leuchtenden Sternen besteht und nur als Sternbild definiert wurde, um die Leerstelle zwischen Fuhrmann und großem Wagen zu füllen.

Nach zwei Wochen ist unsere Urlaubszeit um. Zu Hause erwartet uns Nichte II, hat eingekauft, Pizza gebacken, Zeit. Wir schmieden Pläne, wollen auf dem Schlachtensee das Stehpaddeln ausprobieren, den Unverpackt-Laden kennenlernen, vom Klunkerkranich aus über die Stadt schauen.

Aber nach nur zwei Tagen Arbeit hebelt mich ein sommerlicher Grippevirus von den Füßen. Nichts geht mehr, wochenlang. Der Sommer rauscht seinem Ende entgegen, während ich auf dem Sofa liege, Zwiebelsaft trinke, den Kopf tief in den Inhaliertopf stecke und weder  meine Halsschmerzen noch das traurige Sommergefühl loswerde, auf einem sterbenden Planeten zu leben.
„Rekordsommer“, sagt der Radiosprecher – viel Zeit habe ich, ihm zuzuhören – mit angenehmer Stimme, und „Erderwärmung“ und „Kohleausstiegskommission“ und „Hambacher Forst“ und „Dresden“ und „Chemnitz“ und „Mutter aller Probleme“ und „Great Pacific Garbage Patch“ und „Afrikanische Schweinepest“ und wieder von vorn.

Nirgendwo ein Populist in Sicht, der verspricht, den Flug- und Autoverkehr massiv einzuschränken, die Massentierhaltung zu verbieten, den Kohle- und Atomausstieg effektiv durchzuführen, Plastikverpackungen zu verbannen. Ich wäre anfällig, so jemanden zu wählen, nach diesem Sommer mehr als je.
Bis dahin lese ich „Genug“ von John Naish und Blogs über Zero Waste und versuche, es selbst ein bisschen besser zu machen, hier und da.


Zum Lesen: Ben Lecomte schwimmt von Tokyo nach San Francisco, um auf den Müll in den Weltmeeren aufmerksam zu machen.