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Botanopoesie

Acker-Kratzdistel und Hirschwurz

Flatter-Binse

Sumpf-Storchschnabel, Samt-Skabiose, Mausohr-Habichtskraut

Berg-Sandglöckchen

Hasen-Klee

Nelken-Haferschmiele und Silber-Fingerkraut

Sand-Segge

Kleine Wiesenraute

Pyrenäen-Storchschnabel, Kartoffel-Rose, Scharfer Mauerpfeffer, Purpur-Waldfetthenne

Dach-Pippau, Weidenröschen

Gewöhnliches Ferkelkraut, Krause Distel und

Echtes Tausendgüldenkraut


Botanische und linguistische Freuden in einem macht – unbezahlte Werbung, Vorsicht – die App Flora Incognita der TU Ilmenau. Pflanze fotografieren – Blüte, Blatt, Ähre – und schon werden Arten mit den wunderbarsten Namen vorgeschlagen. Das reinste Gedicht, so schön wie die blühenden Dünenlandschaften.

Das Mobile wackelt

Der Hannoverliebste ist – war – ein paar Tage bei uns nach Dänemark, und wie immer, wenn einem Familiensystem eine neue Person hinzugefügt wird, beginnt das Systemgefüge wie ein metaphorisches Mobile zu schwanken, bis jeder seinen Platz neu gefunden und sich ein verändertes Gleichgewicht eingestellt hat.

Der Hannoverliebste schleppt Bier und Wein ins bis dahin alkoholfreie Haus, die – wo sie einmal da sind – gut schmecken; er brät Eier und Würstchen zum Abendessen und bringt aus dem Supermarkt Lebensmittel mit, die wir bestimmt nicht gekauft hätten.

Der Hannoverliebste findet Gründe, den angekündigten Doppelkopfabend zu verschieben und zieht stattdessen Tipp-Kick für die Kinder aus dem Kofferraum.

Es dauert nicht lange, da spielen der ganz große Schwager und der Hannoverliebste mit dem Elfjährigen und dem Fünfzehnjährigen Fußball, und der Hannoverliebste spornt den Elfjährigen zu Höchstleistungen an, bis mein unsportliches Kind hinterher voller glücklicher Erschöpfung vom Sessel rutscht.

Als die Kinder beim Wikkingerschach in einem Team mit dem Hannoverliebsten spielen und in ihren üblichen Streit geraten, erzählt er ihnen ein paar Takte über Teamgeist. Und er gibt dem Elfjährigen kontra, der sonst noch jeden – Achtung, schiefes Bild – mit seinen großen runden Augen um den kleinen Finger wickelt.

Ja, denke ich. Diese Energie hätten die Jungs von Anfang an brauchen können. Unsere kleine Kernfamilie, die beiden und ich, wäre ein bisschen anders – weniger sparsam und sorgsam vielleicht, spontaner und unternehmungslustiger. Lebendiger und leichter.

Weite Räume

Der Wind kommt von allen Seiten gleichzeitig. Er holt sich ein Sockenpaar vom Tisch und spielt Fußball damit, wirft meine Jacke ins Gras und den Wäscheständer um, zieht mir die Kapuze vom Kopf und pustet mir Haare ins Gesicht, bis sie mich so sehr kitzeln, dass ich mein Buch ablegen muss, um erfolglos zu versuchen, sie hinter meine Ohren zu stecken. Derweil blättert der Wind in meinem Buch und wirft es enttäuscht auf den Boden. Der Wind biegt die Birken nach rechts und nach links, kippt meinen Geburtstagsstrauß um, in dem die Rosen schon die Köpfe hängen lassen, trocknet nebenbei die nassgeregnete Holzterasse und bläst uns dann eine neue Regenwolke übers Ferienhaus. Dann überlegt er es sich anders und schiebt die Wolke mit leichter Hand übers Nachbargrundstück.

Das Meer hat einen Chamäleontag. Unter den Regenwolken im Süden glitzert es eisgrau. Vor uns leuchtet es blau, eine breite Straße bis zum Horizont, dorthin, wo die Wolken eine Lücke lassen. Dann kommt die Sonne heraus und plötzlich hat das Meer Streifen in Gelb, Grün und Blau, über und zwischen den Sandbänken.

Mein Herz ist weit und licht. Es fasst den Wind und das Meer und das Glück, das der Hannoverliebste hinterlassen hat, der ein paar Tage mit uns gelebt hat und heute – ach: heute schon – wieder übers Meer zurückreist.

WmdedgT – Urlaubsedition

5. Juli – wie an jedem 5. eines Monats ruft Frau Brüllen uns zum Tagebuchbloggen. Alle Beiträge finden sich hier.

Ich wache davon auf, dass der Elfjährige ins Bad geht. 7.30. Durch die Jalousie des handtuchgroßen Fensters des doppelbettgroßen Schlafzimmers im klitzekleinen Nebenhäuschen unseres Ferienhauses sickert graues Morgenlicht. Ich kriechen wieder zum Hannoverliebsten unter die Decke bzw. die verschiedenen Decken, unter denen wir und in den kühlen Nächten vergraben.

Nebenan fangen der Elfjährige und der Fünfzehnjährige an zu reden. Dem Hannoverliebsten fallen die Augen wieder zu. 8.30. Der Elfjährige kommt ins Doppelbett und sucht sich ein warmes Plätzchen neben mir. Der Fünfzehnjährige lässt sich Geld für den Bäcker geben und geht Brötchen holen. Die ganz große Schwester hat auf der Terasse des Ferienhauses den Frühstückstisch gedeckt. Es ist mild und windig.

Sonntagsfrühstück mit Brötchen, Croissants, Eiern, Kaffee, dänischer Orangenmarmelade und gemischten Gesprächen. Urlaubsfrühstück ist meine absolute Lieblingsmahlzeit.

Hinterher geht der ganz große Schwager zum dänischen Gottesdienst und der Hannoverliebste mit dem Fünfzehnjährigen zum Einkaufen. Unterdessen bringe ich den Elfjährigen zum Duschen und lege ein bisschen Wäsche zusammen, die trotz des 10-Liter-pro-Quadratmeter-Regens irgendwie trocken geworden ist.

Der Fünfzehnjährige kocht Mittagessen und der ganz große Schwager hilft; ich lese dem Elfjährigen vor, die ganz große Schwester beendet ihr Urlaubsbuch und der Hannoverliebste hat sein Tablet vor sich. Draußen Sprühregen. Es gibt unsere vegetarische Variante von Königsberger Klopsen, sehr lecker. Der Fünfzehnjährige hat das Essen auch so früh fertig, dass er und der Elfjährige die zwei vollen Siesta-Stunden von eins bis drei als Handyzeit nutzen können.

Der Hannoverliebste und ich machen derweil einen Spaziergang im Sprühregen durch das Ferienhausgebiet. Der Regen hört gegen drei auf, die Sonne scheint, und relativ spontan brechen der ganz große Schwager, der Hannoverliebste und ich zu einem kleinen Ausflug nach Nordost-Falster auf, wo wir einen Wanderweg in einem Buchenwald über einer kleinen Steilküste entdecken und wegen der vielen Quallen nicht baden. Auf dem Rückweg kaufen wir frische Erdbeeren an einem der Höfe, die Obst und Gemüse und eine Kasse des Vertrauens an die Straße gestellt haben.

Im Ferienhaus gibt es Abendbrot; danach spielen die Jungs und Männer noch eine Runde Fußball, während die ganz große Schwester und ich die Küche in Ordnung bringen und es uns vor dem Münster-Tatort gemütlich machen; mit vakuumieren Obst, Schokolade und Rotwein. Die zweite Krimi-Hälfte gucken die mehr oder weniger versehrten Fußballer dann mit.

Und dann ist ein weiterer Urlaubstag schon fast zu Ende. Der Elfjährige, der Fünfzehnjährige, der Hannoverliebste und ich ziehen uns ins Schuhschachtelhäuschen zurück, die Decken werden aufgeschüttet und gegen den kalten Wind eng um verschiedene Schultern gezogen; es wird noch in verschiedenen Büchern und dem Tablet des Hannoverliebsten gelesen und am Smartfon getippt.

Wettee hin, Wetter her: Jeder dieser Tage hier könnte doppelt so lang sein. Das wäre schön.

Der Duft der Freiheit

Der weiße Sonnenschirm führt übers Jahr ein zurückgezogenes Leben auf dem Balkon des Hannoverliebsten.

In diesem Sommer aber durfte er im Kofferraum des grünen Autos nach Dänemark reisen und das dänische Ferienhausleben kennenlernen.

Das Meer hat es dem weißen Sonnenschirm angetan.

So fest man ihn auch im Sand zu verankern sucht, er nutzt jede Windböe, um sich kopfüber Richtung Wasser aufzumachen.

Stellt man ihn abends zum Trocknen an den Holzzaun, der einen Sichtschutz zwischen unserer Terasse und der Straße bildet, macht er sich mit einem gewagten Kopfsprung über den Zaum meerwärts selbständig.

Am Ende bleibt uns nichts übrig, als ihn – damit er trocken genug wird, um zusammengeklappt auf sonniges Wetter zu warten – ins Trampolin zu sperren, wo er sich die Nase sehnsüchtig an der meerwärtigen Seite des Netzes plattdrückt.

Lässt der Wind nach, hüpft er heimlich ein wenig, wo sonst die Jungs springen.

Bevor er ganz getrocknet ist, kommt der nächste Regenschauer.

Fanefjord Kirke

Insel Møn. Eine Kirche über der Küste, außen hell getüncht, ein Baugerüst am Turm. Die Deckengewölbe innen ausgemalt, ca. 1350 und 1500; mit Bibelgeschichten und Legenden, die actionmäßig was hermachen. Sanfte Ockertöne, ein wenig verblichens Grün. Die Fresken waren lange übermalt und wurden 1927 wiederentdeckt.

Da sieht man, wie Gott die Welt erschafft – quasi den Urknall in Form eines Feuerballs; im nächsten Gewölbeviertel sind die Wassertiere an der Reihe, Fische, Krabben und eine barbusige Meerjungfrau; auf dem nächsten Bild gibt er der Kuh, dem Hirsch und dem Pferd ihre jeweils verschiedenen Ohren und Hörner und hat – zur Freude des Elfjährigen – auch schon die Idee eines Hasen skizziert.

Die Weihnachtageschichte. Einer der drei Heiligen Könige streckt dem Kind eine Box mit Goldstücken hin, in die das Kind greift, als handele es sich um die Süßigkeitendose beim Kinderarzt.

Ein Teufel, der eine Seele entführt. Das jüngste Gericht. Samson zerreißt einen Löwen – zum Glück ist dargestellt, wie er das Tier packt, und nicht, was dann geschieht.

Michael, der Erzengel, wiegt eine Seele – in der linken Waagschale sitzen die bösen, in der rechten die guten Anteile. Links hängt sich ein arglistige Teufel mit seinem ganzen Gewicht an die Waagschale, um die Seele für sich zu gewinnen; rechts drückt ein Heiliger leicht mit dem Finger auf den Waagebalken, und siehe da: er scheint zum Guten auszuschlagen.

Draußen der Friedhof, Vogeltränken stehen auf den Gräbern, etliche tragen die Aufschrift „Tak for alt“ – danke für alles. Hinter der Friedhofsmauer leuchtet das Wasser zwischen den Inseln. Der Himmel über dem Wasser und über den goldgrünen Feldern groß und hell.

Klein

Es ist kühl und wir essen in der umglasten Veranda, wo es hell und trotzdem windgeschützt ist.

Am weißen Lampemschirm vor mir – ziemlich auf meiner Augenhöhe – ist eine winzige Spinne zu Hause.

Mal sitzt sie still, mal streckt und beugt sie ihre Beine. Mal lässt sie sich ein paar Zentimeter vom Lampenschirm herab und zieht sich wieder hinauf; mal krabbelt sie auf einem unsichtbaren Faden vom äußeren zum mittleren Element des Lampenschirms, der aus drei konzentrischen Kreisen besteht.

Als wir die Tür nach draußen schließen, wird sie aktiver und scheint an einem Netz zu bauen; als wir sie wieder öffnen, kämpft sie gegen die plötzliche Zugluft.

Später sitzt sie wieder ganz still.

Wovon sie sich wohl ernährt, hier drin? Ob sie ein großes Netz plant?

Ich bitte alle, die kleine Spinne an der Lampe leben zu lassen.

Tage ohne Plan

Schwimmen: am Morgen, am Vormittag, am Nachmittag

Essen: Karrysild, Flødehavarti, dunkles Brot mit Malz, Knoblauch, Bäckerbrötchen, Orangenmarmelade

Lesen: Elena Ferrante, Bernardine Evaristo, Terry Pratchett, eine dänische Broschüre über die Geschichte des Urlaubsortes, kleine Mathekrimis

Spielen: Baptistenskat, Wikkingerschach, Rummy, 6 nimmt, Doppelkopf

Schauen: in die Dünenweite; hinter Gänsen, Rehen, einem Goldfasan her; in den Sonnenuntergang hinterm Nachbarzaun; aufs Meer

So muss das hier sein, im Lieblingssommerurlaubsort.

Lagom

Die ganz große Schwester zitiert am Strand Astrid Lindgren, und Wikipedia weiß es ganz genau: Lagom bedeutet so viel wie „gerade richtig“, eben nicht zu viel und nicht zu wenig – so wie ein, da kommt der schwedische Begriff möglicherweise her – Trinkhorn, das für jeden der ums Feuer lagernden Wikinger gerade einen gerade richtig großen Schluck Bier oder Met enthält.

Lagom ist das Trampolin im Garten des Ferienhäuschens. Unser Esstisch unter der überdachten Terasse, die kleinen Wellen, die die Ostsee am Morgen ans Ufer schwappen lässt, und später der milde Sonnenschein und der warme Sand. Lagom ist auch die Menge der Menschen am Strand – ganz anders als in Warnemünde, wo wir gestern von der Fähre aus den Strand sehen konnten, dicht an dicht besetzt. Genau richtig weit schwimmen wir ins Meer hinaus, das immerhin beinahe lagom warm ist.

Lagom ist unser Blick ins Grüne; die Wiese zwischen Haupthaus und Annex ist lagom gemäht und mit gelben Blütenköpfchen bewachsen; und die neun Frühstücksbrötchen vom Campingplatzbäcker sind lagom, nicht ein Krümel zu wenig, nicht ein Krümel zu viel. Dass der Bäcker genau das eine Päckchen Kaffeefilter vorrätig hat, das in unserem Ferienhaus fehlt, ist lagom, genauso wie die Erdbeermarmelade lagom süß ist, der Frühstückskaffee lagom stark und der kleine Text, den die ganz große Schwester vorliest, lagom kurz.

Lagom ist der Duft der beiden Kiefern neben dem Annex, in denen der Fünfzehnjährige klettert, und die Frische der Luft nach dem Regen, der gerade lange genug dauert, um den Ferienhausgarten zu wässern und die Pollen aus der Luft zu spülen.

Einen ganzen Tag lang darauf achten, was genau richtig ist.