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Herbstanfang auf dem Wasser, Potsdamansichten, Tigervierlinge mit Kniefehlstellung

Ich habe mein Fahrrad wieder! Der Hannoverliebste brachte es am letzten Mittwoch zurück und hatte für eine fast halbe gemeinsame Woche sein Homeoffice in einer meiner Fahrradtaschen dabei.
Leider erwischte er mich auf dem Tiefpunkt einer familiären Stressphase, in der mein Kopf von gepressten Baumblättern, unerwarteten Rechnungen und Wechselmodell-Abstimmbedarfen schwirrte und meine Stimmung ziemlich gelitten hatte. Mit dem Einsetzen des Wochenendes wurde das zum Glück besser, der Hannoverliebste kochte zum Freitagabend seine wunderbare Bolognesesauce, das beste Essen, um sich an einem Küchentisch zusammenzusetzen und über schwieriges zu reden.

Ja, mich drückt das Zuviel an Alltagsaufgaben leicht „unter Wasser“. Ja, ich bin dann unleidlich und kleinlich, empfinde den Wunsch meines Partners nach Aufmerksamheit und Interesse als zusätzliche Belastung; hätte gern, dass der andere mir einfach den Rücken frei hält, am liebsten errät, was ich brauche – ein ziemlich unerfüllbarer Wunsch.

Am Samstag rafften wir uns auf, schnappten unsere Fahrräder und schoben sie in eine Bahn nach Potsdam. Ich hatte Karten für einen Abendslot im Barberini-Museum ergattert; der Hannoverliebste wollte einmal am Schloss Sanssouci vorbeiradeln, das ließ sich gut kombinieren. Wir staunten beide über die schiere Größe des Parks, die Menge der dort zu besichtigenden Schlösschen und Häuser; auch darüber, wie klein Schloss Sanssouci ist und dass es von außen relativ heruntergekommen aussieht. Mich erfreuten besonders die bepflanzten Terassen vor dem Orangerieschloss mit bunten Salbeisorten, Artischocken und Wasserspielen, und ich habe fest vor, den Ausflug bei besserem Wetter und mit Zeit für die Besichtigung von ein, zwei Schlössern zu wiederholen.
Potsdam mit den Fahrrädern zu erkunden, war eine supergute Idee – erstmals bekam ich eine Vorstellung davon, wie sich in dieser Stadt, die ich als „planlos zusammengewürfelt“ empfinde, der Park, die Innenstadt, das Barberini-Museum und der Bahnhof geografisch zueinander verhalten. In der Innenstadt kehrten wir kurz auf eine lauwarme Erbsensuppe und ein eher nicht leckeres Stück Kuchen ein; liefen einmal die wenigen Straßen im Holländischen Viertel ab und standen dann noch ein paar Minuten vor dem Museum – die Einlasszeiten werden genau genommen, obwohl man dann so lange im Museum bleiben darf, wie man will – bevor wir uns die sehr schöne Ausstellung der russischen Impressionisten ansahen.

Am Sonntag hatten wir noch genug Zeit für ein Sonntagsfrühstück mit Brötchen und Croissants und ich bereitete ein ausgiebiges und darüber hinaus kindgerechtes Picknick vor, bevor der Hannoverliebste in den Zug nach Hause und ich in die Straßenbahn zum Tierpark stieg. Ich war mit dem Patenmädchen und der Mutter des Patenmädchens verabredet. Tiger sehen – das war der größte Wunsch von beiden; und trotz der recht weiten Wege schafften wir das nach längerer Zeit auch und hatten Glück: die beiden erwachsenen Tiere waren munter und schauten interessiert zu den Besuchern hinüber; im Nachbargehege lümmelten ihre halbwüchsigen Vierlinge, die auf Grund einer Kniefehlstellung recht schwerfällig laufen, was gut zu sehen war. Außerdem gab es Pinguine, Geier, Präriehunde, Flamingos, zwei Picknickpausen (eine davon mit Anstoßen auf den nur kurz zurückliegenden Geburtstag meiner Freundin), keine Pommes im Restaurant, superschicke Toiletten und eine große Ausstellung bunt gestalteter Berliner Buddybären.

Das Highligt der neuen Woche war ein Team-Ausflug auf dem Wasser – drei Stunden Kanadierpaddeln mit einer sehr guten Anleiterin, leckeres Essen und dann (eine Chefin mit Kindern zu haben, ist ein echter Vorteil!) ein familienfreundliches Ende am Nachmittag. Weniger schön war, dass ein Kollege stark erkältet teilnahm und ein anderer sich am nächsten Tag mit Fieber abmelden musste. Hoffentlich, hoffentlich kein Corona (Test bisher negativ, aber naja), denn morgen werden der Sechzehnjährige und ich meinen Vater besuchen fahren.

Ansonsten: Zwei Tage im leeren Büro mit Mittagessen im leeren Betriebsrestaurant (beginne, mich in dem beinahe verlassenen Gebäude wie ein Gespenst zu fühlen) und tapferem Treppensteigen, wegen Bewegungsmangel und so. Nach vielen Monaten Julian Barnes‘ „Kunst sehen“ wieder zur Hand genommen, noch unschlüssig, ob es seinen Platz im Regal verdient. Dem Zwölfjährigen statt Fernsehen vorgelesen und mit ihm die Ergebnisse der U18-Bundestagswahl durchgesehen. Thüringen und Sachsen erschreckend. In den großen Städten deutschlandweit häufig die Grünen weit vorne. Gerne hätte ich eine Deutschlandkarte gehabt, die pro Wahlbezirk die stärkste Partei zeigt; und eine, in der man pro Partei farbabgestuft hätte sehen können, wie gut sie in Prozent im jeweiligen Wahlbezirk abgeschnitten hat. Auch in Ethik und Biologie lernt der Zwölfjährige spannende Dinge, wir führen angeregte Frühstücksgespräche über Syllogismen und Einzeller. Meine Wintersachen vom Hängeboden geholt, jetzt möchte ich gern einen Nachmittag im Secondhandkaufhaus vertrödeln und ein paar Lücken in der Wintergarderobe füllen. Haushalt und nächtliches Herumgegrübele. In der App, in der ich begonnen habe, meine Kopfschmerzen zu notieren, ist unter „Stimmung“ der Punkt „müde“ derjenige, den ich am häufigsten anklicke. Spontan zwei Überstunden genommen und auf der Klimademo mitgelaufen, allein, weil die in Frage kommenden Freunde alle arbeiten mussten und der Sechzehnjährige keine Lust hatte. Zusammen wäre das schöner gewesen.

Zwei weitere Wochen – Magen-Darm und Baumbestimmung

Ich möchte eigentlich sehr ungern nochmal zu einem Familiensystem gehören, in das ein Kleinkind aus einer Kita Krankheitskeime einträgt, aber ich kann es nicht ändern. Die Patchworkfamilie des Vaters meiner Kinder hatte den Magen-Darm-Virus eigentlich komplett überstanden, als ich von meinem verregneten Bahnstreikradtoururlaub wiederkam, angesteckt habe ich mich dann aber doch noch. Der vergangenen Woche fehlen in meiner Erinnerung ungefähr zwei Tage, an die ich mich auch keinesfalls erinnern möchte. Danach habe ich entschieden, dass ich keine Lust auf Arztbesuch hatte, wieder gearbeitet, im Homeoffice auch niemanden angesteckt, viel Hygiene im Bad und Handschuhe bei der Küchenarbeit, damit die Kinder sich nicht reinfizieren.

Am Wochenende fing der Zwölfjährige dann ernsthaft mit der Erstellung seines Herbariums an, viele der gepressten Blätter sind super geworden, andere Baumarten mussten wir nochmal nachsammeln, um wirklich eindeutig bestimmbare Arten zu finden. Wussten Sie, dass Sommer- und Winterlinden miteinander hybridisieren und wie man das Ergebnis von einer Silberlinde unterscheidet? Oder dass eine Kreuzung aus Silberpappel und Espe eine Graupappel ist? Das Flatterulmen näher mit amerikanischen Ulmen verwandt sind als mit anderen einheimischen Ulmenarten, dafür aber weniger vom Ulmensterben betroffen? Wussten Sie wahrscheinlich nicht, auch ich habe viel dazugelernt. Ich liebe Bäume wirklich, werde aber derzeit von lateinischen Namen bis in den Schlaf verfolgt, dabei kann ich guten Gewissens sagen, dass der Zwölfjährige einen Großteil der Arbeit alleine macht.

Der neuen Woche zwei Bürotage abgerungen, das ist immernoch etwas besonderes und fühlt sich beinahe festlich an. Der Vater meiner Kinder legt ein Ich-darf-das-weil-Sorgerecht-Veto gegen die Corona-Impfung beim Zwölfjährigen ein und weil die Ärztin versichert, dass es nicht grob verantwortungslos ist, ihn nicht impfen zu lassen, lasse ich mich für den Moment darauf ein; behalte mir aber vor, das Thema erneut aufzubringen, wenn absehbar ist, dass der Zwölfjährige ungeimpft seinen Hobbies nicht mehr nachgehen oder nicht mehr am Präsenzunterricht teilnehmen darf. Gleich am nächsten Morgen kündigt Berlin optionale 2G-Regeln an, bei denen es auch für Kinder keine Ausnahmen geben soll. Oh Freude.

Irgendwie zwischendurch sehen wir noch die Wintersachen der Kinder durch, ich freue mich immer, wenn eine große Tüte entgültig zu klein gewordener Kleidung den Haushalt verlässt. Der Sechzehnjährige braucht ganz plötzlich ein neues schickes Hemd und einen Sakko, weil er als Helfer bei der mehrfachverschobenen Konfirmation mitmachen möchte, na gut, vielleicht verwächst er die Sachen ja nicht mehr gar so schnell wie in den letzten zwei Jahren und sieht auch an Weihnachten noch ordentlich darin aus.

Ob es machbar ist, in einem Dreipersonenhaushalt mit zwei Kindern einen Monat lang nur Lebensmittel zu kaufen? Diesen sehr lesenswerten Artikel zum Überkonsum hat Vanessa Giese verlinkt und ich bin beim Lesen in der S-Bahn durch heftiges Nicken aufgefallen. Funktionsfähige DInge durch neue, irgendwie ökologischere Produkte zu ersetzen, hat mir noch nie eingeleuchtet. Allerdings gebe ich für die Mobilität von drei Personen monatlich durchaus auch den für Autobesitzerhaushalte angegebenen Betrag von etwa 300 Euro aus, nur eben für Bahncard 50, S-Bahn-Abo (zum Glück kostenlos für Schüler in Berlin, sonst kämen auch noch zwei Schülerabos dazu) und Bahntickets. Fernbeziehung per Fahrrad führen funktioniert halt nicht und zur Arbeit laufen ist in Berlin für mich auch nicht darstellbar. Stichwort Bahn: Endlich mal einen nützlichen Gutschein erhalten, nämlich eine Freifahrt für einen Mitfahrer. Passt super zum geplanten Besuch von mir und dem Sechzehnjährigen bei meinem Vater in zwei Wochen. Bitte drücken Sie die Daumen, dass die Bahn auch heute Abend ordentlich verkehrt, der Hannoverliebste bringt mein Fahrrad nach Hause, das eines meines allerwichtigsten, liebsten Besitztümer ist, älter als der Sechszehnjährige, immer wieder repariert, weitgereist und wunderbar.

Die S-Bahn jedenfalls, auf der Rückfahrt vom Büro, ist voll, weil wegen irgendwelcher Bauarbeiten oder einfach aus Prinzip die allermeisten Züge nicht dorthin durchfahren, wohin sie laut Plan durchfahren sollten, was zu einer ziemlichen Verdichtung der Fahrgäste in den Bahnen führt. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, dass ich gerade heute gelesen habe, dass sich auch viele Geimpfte in geschlossenen Räumen mit hoher Viruslast mit Corona anstecken und frage mich trotzdem, halb unbewusst, ob eine Ansteckung jetzt nicht am wenigsten schlimm wäre, mit noch einigermaßem guten Impfschutz und dann einem vielleicht leichten Verlauf und dann supertollen Antikörpern im Winter.

An der Ecke in meinem Kiez, an der seit einigen Monaten ein Verschenkregal stand, dass vor einigen Tagen von der Berliner Stadtreinigung entsorgt wurde, zusammen mit einem Sofa, das irgendwer vor die Box gestellt hatte, steht jetzt ein neues Verschenkregal, das finde ich schön, weil ich den Gedanken des Weiternutzens unterstütze. Sofas im öffentlichen Raum zu entsorgen, unterstütze ich allerdings nicht, das möchte ich hier deutlich dazusagen.

Der Zug des Hannoverliebsten hat inzwischen 40 Minuten Verspätung, der Zwölfjährige ist eingetroffen und möchte mir Matherätsel stellen, die weitere Woche wird aus Homeoffice mit dem Hannoverliebsten bestehen und es wird regnen.

WmdedgT – 5.9.2021 – Solitärtag

Es ist wieder einmal soweit – Frau Brüllen fragt uns, was wir eigentlich den ganzen Tag über so tun. Alle Beiträge dazu finden sich hier. Und das war mein Tag:

Aufgewacht gegen sieben Uhr. Wenn ich ausschlafen könnte, bin ich um diese Zeit oft ganz munter. Stehe also auf, mische mir ein Müsli, mache Kaffee dazu und ziehe ein paar warme Sachen über. Frühstück auf dem Balkon, das geht ja nicht mehr lange, das möchte ich noch ein paar Mal genießen.

Heute ist ein Trödeltag, an dem ich ganz alleine bin. Gleich nach dem Frühstücken bringe ich erstmal den Balkon in Ordnung, entferne welke Blätter, schneide einiges zurück und sammle Samen von Cosmea, Sonnenhut, Rucola und der roten Zinnie. Weil morgen testweise jemand kommt, um meine Wohnung zu reinigen, fange ich dann mit einer Aufräumtour an. Schlafzimmer, Küche, Bad, Flur. In der Küche stehen sechs Sektgläser, die ich gestern auf einem Hinterhofflohmarkt in Hannover erworben habe; im Flur liegt noch der unausgepackte Koffer mit Fahrradhelm, schmutzigen Sachen und einer feinen blauen Bluse, die auch vom Hinterhofflohmarkt stammt. Ich packe aus und räume weg und krame mich quer durch die Wohnung. Zwischendrin ruft die ganz große Schwester an und wir nehmen uns Zeit für ein ausführliches Gespräch, ich liege dabei gemütlich auf dem Sofa, Kaffee ist auch noch in der Nähe.

Gegen Mittag improvisiere ich aus einem Rest roter Linsen, drei Knoblauchzehen, ein paar Datteln, gemahlenen Haselnüssen und etwas Sahne eine Nudelsauce. Nebenbei schreibe ich Textnachrichten mit dem Hannoverliebsten. Beim Auspacken habe ich in meiner Hosentasche seinen Wohnungsschlüssel gefunden, ich hatte ganz vergessen, dass ich den nicht zurückgelegt hatte.

Ich esse auch meine Linsennudeln auf dem Balkon. Hinterher gönne ich mir den Sonntagsluxus, mich ein paar Minuten aufs Sofa zu legen. Dann räume ich noch das Wohnzimmer auf und fange an, am Computer Kram abzuarbeiten: Die Bahnfahrkarte, die ich wegen des Streiks nicht genutzt habe, muss reklamiert werden, die Schulen der Kinder haben drölfzig Emails geschrieben, das Entgelt für den Online-Sportkurs ist fällig und der Hausnotruf meines Vaters will noch eine Datenspeicherungseinwilligung von mir. Dann verblogge ich meinen Urlaub. Die Sprachlernapp erinnert mich daran, dass ich heute noch nicht gelernt habe, also kommen auch die dänischen Verben zu ihrem Recht; eine Einkaufsliste muss geschrieben werden und ich verschaffe mir einen Überblick über die Termine der Woche. Weil am Dienstagabend ein geselliges Elternzusammensein in der Schule des Zwölfjährigen stattfinden soll, muss die Einkaufsliste nochmal ergänzt werden: Fingerfood wird erbeten.

Dann ist es höchste Zeit, rauszugehen. Die Radfahrwoche hat meiner Kondition gutgetan, ich laufe zwei Stunden durch den Stadtwald und durch den Park, nasche ein paar Mirabellen vom Wegesrand, setze mich ein Weilchen auf eine Bank in den Blumengarten, streife ein paar Blumensamen in ein Papiertaschentuch und – ich kann es einfach nicht lassen – bestimme ein paar Bäume und nehme fürs Herbarium des Zwölfjährigen noch Schwarzesche und gemeinen Hasel mit. Die besetzen dann wirklich die allerletzte Ecke auf dem Wohnzimmertisch; der liegt jetzt komplett unter einer zwanzig Zentimeter hohen Decke aus dicken Büchern.

Zum Abendessen mache ich mir Brote mit der leckeren Dattel-Walnuss-Käsecreme, die der Hannoverliebste mir gestern gekauft und nach Berlin mitgegeben hat, weil er weiß, wie gerne ich sie esse. Dazu gibt es Minitomaten vom Balkon, Kräuter direkt aus dem Pflanzkasten und Radionachrichten. Ausführliche Zeit im Bad, Tagesschau, Entspannungsfernsehen. Kurz vor zehn ruft der Hannoverliebste an, wir tauschen uns ein Weilchen über unseren Tag aus. Jetzt noch fertigbloggen… und dann schlafen.

3. Schulwoche und Durcheinanderurlaub

Dass ich mich an die dritte Schulwoche kaum noch erinnern kann, spricht für meinen Urlaub. Von dem aber später mehr. Die Arbeits- und Kinderwoche vorher war geprägt von schwierigen, aber endlich immerhin geglückten Absprachen mit dem Vater meiner Kinder, vom Blättersammeln fürs Herbarium des Zwölfjährigen, davon, dass jeden Tag irgendetwas dazwischenkam, so dass ich nicht einmal ins Büro konnte, und von zwei Telefonaten mit einem Headhunter, der offenbar meine ganze Abteilung auf der Suche nach einer Besetzung für eine etwas schwierige Stelle durchkontaktiert hatte. Nebenbei füllte ich einen Wäschekorb mit warmer Kleidung, Regensachen, Fahrradwerkzeug, Notfallsüßigkeiten und sicherheitshalber ausgedruckten Karten des Leine-Heide-Radwegs. Und am Samstagmorgen belud ich dann mein Fahrrad und verabschiedete etwas wehmütig meine Kinder, bevor ich mich mit dem Rad via S-Bahn und ICE nach Hannover aufmachte. Der erste Fahrradurlaub seit ungefähr 18 Jahren! Die erste ganze Urlaubswoche allein mit dem Hannoverliebsten! Die erste Urlaubswoche seit immer, für die ich meine Kinder außer der Reihe zu ihrem Vater gegeben habe.

Unter einem besonders günstigen Stern stand unser Radelurlaub nicht gerade.

Ungefähr 200 Meter nach dem Bahnhof Laatzen – wo wir gestartet waren – setzte der Regen ein und blieb erstmal für zwei Tage. Die erste Etappe fuhren wir tapfer gegen den Regen an, nabentief im Schlamm auf schlechten Wegen, mit nassen Knien (ich) und etwas gedämpfter Laune (der Hannoverliebste). Die heiße Dusche nach dieser Etappe gehört definitiv zu den Highlights des Urlaubs, die abendliche Rinderroulade – in warmer, sauberer, trockener Kleidung – auch. Die zweite Etappe schenkten wir uns dann, nahmen die Regionalbahn nach Göttingen, sahen im Kino „The Father“ (sehr empfehlenswert, aber durchaus verstörend), aßen unter einer Markise im prasselnden Regen leckere Burger und wurden auf der Rückfahrt zum Hotel nochmal so richtig nass.

Der Nieselregen am 3. Tag – Montag – war für uns dann fantastisches Wetter und die Etappe von Göttingen nach Heilbad Heiligenstadt ganz wunderbar. Den Platten hatte der Hannoverliebste auch erst 3 Kilometer vor dem Ziel, es gab im Ort eine Fahrradwerkstatt, die das Rad des Hannoverliebsten im Nu wieder in Ordnung brachte – alles in allem einer der gelungeneren Urlaubstage. Spätabends erreichte uns dann allerdings die Nachricht vom neuerlichen Bahnstreik.

Auf den nächsten Etappen nach Mühlhausen, Gotha und Eisenach mussten wir uns also mit den zu erwartenden Bahnausfällen auseinandersetzen. Am Ende kürzten wir den Urlaub etwas ein, besuchten zwar die große Schwester, die ich seit beinahe ewig nicht mehr gesehen hatte, nicht aber meinen Vater, und kamen am Donnerstag schon mit einer Reihe kleiner Privat-Regional-Bahnen aus Thüringen weg und nach Hannover zurück. Das klappte so gut, dass wir zwischendrin sogar noch eine der auf dem Hinweg ausgelassenen Strecken radelten. Inzwischen bin ich wieder in Berlin – ohne mein Fahrrad allerdings, das in Hannover auf bessere Zeiten wartet.

Immerhin: 160km mit dem Rad zurückgelegt. Schöne Flusslandschaften gesehen. Alle Widrigkeiten gemeinsam mit dem Liebsten überstanden. Nochmal intensiv draußen gewesen, Kleinigkeiten am Wegrand wahrgenommen, in langsamem Tempo ein Stückchen Deutschland kennengelernt, mit dem Kopf weit vom Alltag weggewesen.

Jetzt darf der Herbst kommen.

Zweite Schulwoche

Auf die erste Schulwoche folgte sehr dichtes Wochenende: mit Besuch der ganz großen Schwester, einer Spielerunde, einer Wanderung, Essengehen, Schwimmen, einem Balkonstündchen am Abend, einem lustigen Film, dem Downloaden der Sprachlernapp, weil die ganz große Schwester ein wenig Italienisch lernen möchte. Dann noch eine Fahrt aufs Land zur Geburtstagsfeier des Patenmädchens, die kurzerhand zu einem Schwimmausflug umdeklariert wurde, weil die halbwüchsigen Mädchen keine Lust auf Erwachsene hatten. Zitronenhühnchen mit der Patenmädchenmama und ihrem Mann und schwierige Heimfahrt mit diversen Bahnen.

In der Nacht zum Montag passierte irgendwas mit meiner Halswirbelsäule, der Montag war dann kein besonders großartiger Tag. Kopfschmerzen, Homeoffice, erschöpfte Schulkinder.

Am nächsten Morgen zum Glück Entspannung von Nacken, Kopf, Zahn und Gesicht. Ich konnte ins Büro fahren, Kolleg:innen treffen, im Schreibwarenladen Buchumschläge in allen benötigten Größen und Ringhefter in allen benötigten Farben besorgen. Abends dann Elternabend bei der Leistungskurs-Tutorin des Sechzehnjährigen, die ist nett, das könnte gut werden.

Mittwoch nochmal ins Büro, andere Kolleg:innen treffen, viel Austausch. Meinem Mittagessen mit einer lange nicht gesehenen Kollegin schließt sich ein Kollege an und nutzt eine ihm höflicherweise gestellte Frage, um den Rest der Mittagspause über das angeschnittene Thema zu monologisieren. Sehr ermüdend. Gerne nicht wieder.
Nach der Arbeit und dem langen Schultag zwingen der Zwölfjährige und ich uns, nochmal loszugehen, der Zwölfjährige muss nämlich ein Herbarium mit zwölf einheimischen Baumarten anfertigen und dafür Blätter sammeln. Ich lerne, dass es in unserer Nähe Ulmen gibt – trotz Ulmensterben – und wie die aussehen; dass Platanen nicht einheimisch sind und überhaupt viele Bäume ein „americana“ im lateinischen Namen tragen, das sie für das Herbarium vermutlich ganz ungeeignet macht.
Hinterher noch ein bisschen Ärger mit dem Vater meiner Kinder, der mittwochs die Sachen der Kinder nicht mehr abholen will, was aber bei seinem Umzug extra so vereinbart war, der beste Kompromiss, damit die Kinder beide trotz unterschiedlicher Wechseltage ihre Sachen zur richtigen Zeit am richtigen Ort haben und das Wechselmodell funktioniert. Jetzt hat seine Frau den Mittwoch irgendwie anders verplant und ich bekomme keinen Lösungsvorschlag geboten, sondern ein Problem aufgetischt, für das nun tunlichst ich eine Lösung finden soll. Nope.
Später am Abend muss ich dringend mit der ehemaligen Nachbarin telefonieren, bei der wir zum 14. Geburtstag des älteren Sohnes eingeladen sind. Party mit vielen Leuten kann ich noch nicht wieder angstfrei, außerdem ist die einladende Familie aus heftiger Überzeugung ungeimpft gegen Corona. Zum Glück beruhigt mich die ehemalige Nachbarin, die Party wird im Garten stattfinden und die eingeladenen Verwandten seien auch geimpft.
Trotzdem kann ich nicht gut schlafen und träume die ganze Zeit von der Party.

Donnerstag früh verabschiede ich den Zwölfjährigen zu seinem Vater. Nach der schlechten Nacht gehe ich nicht – wie eigentlich geplant – zum Auffrischen meiner Di-Ke-Wu-Impfung, sondern mache piano-piano nur mein Homeoffice. Abends geht es mir zum Glück besser, ich erfülle mir einen Wunsch von der Sommerwunschliste und gehe in die Sauna, in einem Spa, in dem es ganz viel Außenfläche gibt und ein großes Außenbecken zum Schwimmen. Unter der Annahme, dass eventuelle Viren hohe Temperaturen nicht überleben, ist das eine Unternehmung, die sich ok und sicher anfühlt. Es ist herrlich, nach fast 19 Monaten wieder einmal zu saunieren.

Freitag nochmal Homeoffice, dann abarbeiten aufgelaufener Kleinigkeiten: Die Krankenkasse will ein Foto für die Chipkarte, Rechnungen sind zu bezahlen, Briefwahlunterlagen zu beantragen (falls man am Wahltag in Quarantäne säße), ein Geburtstagskuchen zu backen, eine Karte zu schreiben, eine Einkaufsliste zu machen. Abends dann mit der Patentante des Sechzehnjährigen im Treptower Park unterwegs, wir setzen uns in den Biergarten auf der Insel der Jugend und genießen einen Sommerabend, der sich beinahe normal anfühlt.

Samstagmorgen Einkauf, Wäsche und Haushaltskram, Hühnersuppe für nach-der-Zweitimpfung-des-Sechzehnjährigen vorkochen, nachmittags Geburtstagsparty. Bin nach wie vor kein Partymensch, schaffe es aber, niemandem mit meiner Angst vor einer Ansteckung mit Corona den Tag zu verderben und meine Kinder feiern unbeschwert den Geburtstag ihres Freundes. Vermutlich sind doch mehr Erwachsene ungeimpft als gedacht, aber es gibt keine Grundsatzdiskussionen und ich bleibe die ganze Zeit im Garten. Abends bringe ich meine Kinder noch bis zur Straßenbahn, mit der sie zu ihrem Vater zurückkommen. Zur Belohnug für den anstrengenden Tag hinterher noch ein seichter Film. Unangenehme Entdeckung: das LAN-Kabel scheint den Geist aufzugeben. Muss bis zum nächsten Homeschoolingblock ersetzt werden, sonst klappt das hier nicht mit dem Videounterricht.

Dann endlich Sonntag. Die Sonne scheint, ich könnte am Vormittag schwimmen gehen, aber ich entscheide mich dagegen, mache den Balkon schön und gieße die Blumen, fange an, den kaputtgeliebten Hasi des Zwölfjährigen zu reparieren, und Sachen für den Radelurlaub mit dem Hannoverliebsten zusammenzutragen. Um 11.30 treffe ich den Sechzehnjährigen und wir gehen zum Impfzentrum in der Arena Berlin. Leider haben wir einen Termin erwischt, an dem sich halb Treptow noch schnell impfen lassen möchte. Weil man auch ohne Termin kommen kann, ist die Personalplanung im Impfzentrum suboptimal, wir brauchen anderthalb Stunden, von denen wir die meiste Zeit in Wartebereichen sitzen oder in Schlangen stehen. Aber hej: Kind geimpft. In zwei Wochen ist der Sechzehnjährige geschützt! Dank der deutschen Bürokratie müssen wir Krankschreibung – falls er Fieber bekommt – und Sportbefreiung – auf alle Fälle – dann doch beim Arzt besorgen. Da hätten wir zum Impfen eigentlich auch gleich zum Arzt gehen können. Auch die Erstellung des digitalen Impfpasses funktioniert im Impfzentrum ausgerechnet heute nicht, so dass wir noch einen zusätzlichen Weg zur Apotheke vor uns haben.

Wenig Hoffnung, dass die kommende Woche ereignisärmer wird, dabei wäre das schön. Immer (meistens, zum Erinnern reichen fünf Minuten Radionachrichten) im Hinterkopf, wie dankbar ich sein kann, diesen ganz normalen, superanstrengenden Kleinkramalltag zu haben.

Erste Schulwoche

Freitag. Ich muss vor sechs aufstehen und bin nach den ersten vier Arbeitstagen-mit-Schulbetrieb so müde, dass das Sofa mich geradezu magisch anzieht, obwohl ich eigentlich auf dem schicken schwarzen Bürostuhl sitzen und arbeiten sollte.

Nur einen Tag in dieser Woche habe ich es bis ins Büro geschafft; Schuld sind natürlich die Lokführer, und ich nehme ihnen ihren Streik übel, denn das Betriebsrestaurant ist wieder geöffnet und ein Essen, dass ich nicht selber kochen muss, ist schon immer ein gutes Essen für mich gewesen und ist es nun noch viel mehr nach anderthalb Jahren Homeoffice.

Der Zahnarzt hat meinen Zahn betrachtet und weiß nun, dass ich die Kunststoffüllung habe durch schnöden Zement ersetzen lassen und er weiß auch, dass das nicht viel gebracht hat, aber wurzelbehandeln möchte er den Zahn weiterhin nicht, und als ich frage, ob das denn nun so ein Dauerzustand werden soll, meint er, dass auch er Kronen und Füllungen habe, auf denen er kein Müsli kaut, und das ist dann eine der eher unangenehmen Überraschungen in der 2. Lebenshälfte, dass es normal sein soll, auf bestimmten Zähnen kein Müsli mehr kauen zu können.

Der Orthopäde hatte die Absicht, sich den Fuß des Zwölfjährigen anzusehen, wirft aber nach anderthalb Stunden Wartezeit nur etwa eine halbe Sekunde lang einen Blick darauf, bevor er meint, dass wir uns dann in ein paar Wochen wiedersehen. Orthopädenbesuche haben oft keinen großen Mehrwert, das kennen wir schon, eigentlich könnten die Sprechstundenhilfen die Praxis ohne den Arzt führen, Fußabdruck und Rezept für Einlagen bekommen wir nämlich von denen gemacht und dann müssten wir auch weniger lange im Wartezimmer herumsitzen.

Beide Kinder werden außerdem in dieser Woche vom Berliner Senat per Post mit einer Impfeinladung beglückt, und weil ich einmal dabei bin, Dinge doof zu finden, finde ich doof, dass der Berliner Senat auf diese Idee nicht schon vor den Ferien gekommen ist, weil die Delta-Welle auch damals schon vorhersehbar war, und weil ich schon damals fand, dass man mobile Impfteams hätte durch die weiterführenden Schulen schicken können, und außerdem frage ich mich, wie ich den Vater meiner Söhne dazu kriegen kann, der Impfung des Zwölfjährigen zuzustimmen. Ich werde die Asthmaärztin auf meine Seite ziehen müssen, die vom Impfen des Zwölfjährigen vor den Ferien noch abgeraten hat, obwohl sie alles andere als eine Impfgegnerin ist und z.B. mich gerne geimpft hat.

Was noch? Das Paket mit meinen dringend gewünschten Stuhlkissen ist beim Versender verlorengegangen. Der Sechzehnjährige hat einen ziemlich tollen Kursstundenplan und nur eine schwierige Lehrerin (leider im 2. Leistunskurs). Ich lese „Die Weisheit der Wechseljahre“ und fühle mich bestätigt darin, auf vieles in meinem Alltag (Putzen, Streit wegen des Zimmers des Sechzehnjährigen, Streit wegen Mediennutzung, Essenkochen, Auseinandersetzungen mit dem Vater meiner Kinder, Langeweile im Büroalltag, Einkaufen in vollen Lebensmittelläden) keine Lust mehr zu haben. Auf meinem Balkon blüht es sehr schön. Drei Nächte lang hat es in Berlin geregnet und ich habe das nächtliche Rauschen genossen, die morgendliche Herbstkühle, den frisch duftenden Wald, in dem ich – statt Fahrt ins Büro – eine kurze Runde gedreht habe. Die Hobbies der Kinder finden wieder analog und vor Ort statt, die ersten Schüler sind allerdings schon in Quarantäne. Dystopische Nachrichten zum Klimawandel. Unangenehmer Wahlkampf. Ratlosigkeit, Verdrängenwollen.

Wir sind wochenendreif. Die ganz große Schwester besucht uns, ich bin zum Geburtstag des Patenmädchens eingeladen, das könnte beides sehr schön werden.

Sommerzusammenfassung

Schon ist unser Dänemarkurlaub wieder vier Wochen her. Dieses Mal war es hart, zurückzukommen, die zwei Wochen haben nicht ausgereicht, um mich erholt zu fühlen. Und sie haben mir große Sehnsucht danach gemacht, ein bisschen mehr zu leben wie dort: Näher an meiner Familie. Mehr in der Natur.

Nächstes Jahr sollen es unbedingt drei Wochen in Dänemark sein. Ob das hinzukriegen ist? Unbezahlter Urlaub?

Es folgten drei Wochen ohne meine Kinder, in denen ich mich entsprechend einsam gefühlt und die ich sehr effektiv genutzt habe: Den Kinobesucht von der Was-ich-vor-dem-nächsten-Lockdown-machen-möchte-Liste abgehakt („Nomadland“, große Empfehlung), ebenso das ausgiebige Schwimmen an der üblichen Badestelle. Rückeingewöhnung im Büro angefangen, wo alles noch leer und friedlich ist, ab 1. August aber wieder mehr Kolleg:innen kommen dürfen und – ganz wichtig – die Essensversorgung wieder startet. Einen Friseurtermin absolviert, bei dem die Friseuse die Hände über dem Kopf zusammenschlug, obwohl meine Haare durchaus friseurgeschnitten waren (es war halt ein Jahr her) und etwa zwei Stunden nach dem Besuch bei ihr wieder aussahen wie vorher. Die entsprechenden zwei Stunden genutzt, um ordentliche Bewerbungsfotos machen zu lassen. Eine Teppichlösung fürs Wohnzimmer gefunden, die meinen Lieblingsteppich beinhaltet, der herrlich rot und orange und blau und grün leuchtet und sehr schnell geliefert wurde. Freunde wiedegetroffen, fein essen gewesen.

In der dritten Kinderloswoche kam der Hannoverliebste nach Berlin, weil ich als Katzenpflegerin (ca. Pflegegrad 2, Asthmatablette, Durchfalltablette, Anti-Juck-Pulver, Magenmedizin) bei der anderen Mitmutter und als Pflanzensitterin bei den Nachbarn-von-oben verdingt war und nicht nach Hannover fahren konnte. Fast eine ganze Woche gemeinsamer Alltag mit dem Hannoverliebsten, arbeiten, rausgehen, am Wochenende ein paar Erkundungstouren mit dem Rad und ein Umsonst-und-draußen-Konzert, das leider von einem halbherzigen, aber andauernden Gewitter mit heftigem Regen sabotiert wurde. Stattdessen landeten wir in der kleinen Galerie im Neuköllner Körnerpark, in der zwei Künstlerinnen isländische Impressionen aus Karton gestaltet hatten. Sehr schön. „Kunst angucken“ auf der Was-ich-vor-dem-nächsten-Lockdown-machen-möchte-Liste abgehakt, „draußen Musik hören“ noch nicht.

Ein Doodle für eine Draisinentour mit zwei Freundinnen erstellt und dabei gelernt, wie das geht; festgestellt, dass ich bis Ende Oktober eigentlich keine freien-und-kinderlosen Wochenenden mehr habe, irgendwas ist da immer.

Dänisch per App gelernt, jeden Tag ein bisschen. Ich kann schon interessante Sätze sagen wie „Der rote Vogel hat ein blaues Ei“ oder „Der Mann hat keine Kleidung an“ oder „Warum liest du meine Bücher?“. Bin auf drei Wochen Dänemark im nächsten Sommer schon fast optimal vorbereitet.

Angefangen, „60 Kilo Sonnenschein“ von Hallgrímur Helgason zu lesen angefangen. Große Empfehlung. Reisewunsch. Die Twitter-App heruntergeladen und testweise ausprobiert, Leuten zu folgen, die ich intelligent und unterhaltsam finde. Noch nicht sicher, ob ich sie nicht besser wieder löschen sollte, weil ich eigentlich keine Zeit dafür habe, auch noch Twitternachrichten zu lesen.

Einen Tag Urlaub für einen 1-Hilfe-Kurs genommen und längst verschüttete Kenntnisse aufgefrischt. Yeah! Einen Tag Urlaub genommen, an dem meine Mutter 80 Jahre alt geworden wäre; nach Thüringen gefahren, mit meinem Vater und seiner Frau und meinen Schwestern und den Geschwistern meiner Mutter am Grab gewesen, danach essen, danach Kaffeetrinken bei meiner Tante; das war gut, den Tag so zu begehen. Mit reichen Gartengaben heimgekommen (unterwegs ICE kaputt, zum Glück auch leckeren Thüringer Kuchen im Gepäck); abends noch Bohnensalat gekocht.

Zwischendurch irgendwie gearbeitet, vor allem ins neue Buchhaltungssystem („designed to confuse“) eingearbeitet.

Dann nochmal vier Tage Urlaub; gemeinsam mit dem Hannoverliebsten und meinen Söhnen ins Elbsandsteingebirge, Rathen. Etwas aufgeregt gewesen, aber es wurde alles gut. Kleine Wanderungen gemacht, bei unangenehm näherrückendem Gewitter über hohe Felsgrate gestiegen, gerade noch bis ins Dorf gekommen, bevor der Regen losschüttete. Viel, viel Geld für Leichtwanderschuhe ausgegeben, weil die Schuhe des Sechzehnjährigen irgendwie kaputt und die Schuhe des Zwölfjährigen irgendwie zu klein geworden waren. Gleich auch noch viel Geld für eine neue Regenjacke für mich ausgegeben, die im Gegensatz zu meiner alten Regenjacke nun hoffentlich wasserdicht ist.

Traurig vom Hannoverliebsten verabschiedet und nach Berlin zurückgereist. Ins Elbsandsteingebirge wollen wir nächstes Jahr auch gerne wieder fahren. Festgestellt, dass mein kranker Zahn total psycho ist; im Urlaub nur beim Essen stört, zu Hause sofort auch wieder zwischendurch nervt. Hmgrgrgrbrrrr. Mag nicht an Wurzelbehandlung denken, hätte lieber die ganze Zeit Urlaub.

Dann haben wir – heute – nach mehr als sechs Monaten endlich den Geburtstag des Zwölfjährigen nachgefeiert. Mit einem ganzen Rudel Halbwüchsiger bin ich per Fahrrad zur Wuhlheide gefahren, ging super, große Kinder sind toll. Den Tag an der Geburtstagsfeier-Basisstation (Getränke, Obst, Kuchen, Geld für Pommes, Verbandszeug) mit dem Vater meiner Kinder und seinem Kleinkind verbracht und mich gefreut, dass ich kein Kleinkind mehr habe und Radtouren und Wandertouren und Reisen planen kann.

Überhaupt den Vorsatz gefasst, das Leben zu genießen, es mir schön zu machen und es gut zu gestalten, wo immer ich Einfluss darauf habe. Vielleicht hat es mit meinem 45. Geburtstag zu tun, vermutlich mit Corona, ganz sicher mit den dystopischen Nachrichten von Feuern und Fluten und Golfstromaussetzern und Klimanotstand, vielleicht sogar mit meinem kranken Zahn: Es ist mir bewusster als je zuvor, wie endlich das Leben ist; wie wenig wir in der Hand haben, wie es verläuft; und dass ich noch viele, viele Wünsche habe, die sich nicht unendlich aufschieben lassen.

Sehr, sehr glücklich über diesen Sommer.

05.07.2021 – WmdedgT – Urlaub, yeah!

Ort: Ein schwarz-weißes Ferienhaus skandinavischer Bauart an der dänischen Ostseeküste, Falster. Drei hellhörige Schlafzimmer, zwei davon mit Türen zum Garten, ein Schlafboden unter dem Dach, der große Lebensraum mit offener Küche, eine überdachte Holzterasse, ein vor der Terasse grasiges, ansonsten an zwei Seiten mit großen Bäumen bestandenes Grundstück.

Beteiligte Personen: Die ganz große Schwester, der ganz große Schwager, der Hannoverliebste, meine Kinder und ich, Amseln und andere singende Vögel, das Meer.

Der Sechzehnjährige ist gegen sechs schon wach, knarrt die Leiter vom Schlafboden herunter und fährt mit dem Rad zum Bäcker, wo er vor verschlossener Tür steht, weil der Bäcker erst um sieben Uhr öffnet. Als er wiederkommt und die Leiter wieder hinaufknarzt, werde ich wach und lausche eine Weile dem Konzert der Vögel aus dem Garten. Leise, leise zur Toilette. Leise, leise zurück ins Bett, Handy, Blogreader leerlesen, Wetter checken.

Einschlafen kann ich nicht mehr, also steige ich gegen sieben möglichst lautlos aus dem Bett, greife nach dem bereitliegenden Bademantel und der Regenjacke, nehme die Sandalen in die Hand und steige durch die offene Tür in den Garten. Handtuch und Badehose von der Wäschespinne sind feucht. Ich spähe durchs Fenster, ob die ganz große Schwester sich schon regt, aber alles ist noch still. Unter dem Dachfensterchen des Sechzehnjährigen rufe ich leise, aber der Sechzehnjährige will nicht mit mir schwimmen gehen, sondern nochmal zum Bäcker fahren.

Also gehe ich alleine, den kleinen Weg zwischen den Ferienhäusern, die Stufen hoch zum Deich, durch die Dünen und zum Strand. Der Wind kommt vom Meer und das Meer ist heute übellaunig, mit kleinen, unberechenbaren Wellen. Ich lasse Bademantel und Schlafanzug am Strand und gehe schwimmen. Hinterher setze ich mich auf eine Bank in den Dünen, lasse meine Füße von der Sonne trocknen und freue mich an den Gräsern und Blumen, die auf den Dünen wachsen.

Zurück im Ferienhaus mache ich Kaffee und Frühstück. Der Sechzehnjährige kommt mit der großen Brötchentüte, der Zwölfjährige liest schon lange in seinem Zimmerchen, der Hannoverliebste, der ab heute arbeiten muss, stellt schon mal sein Laptop an, der ganz große Schwager steht auf, kurz nach neun frühstücken wir sehr ausgiebig, mit Müslies und Yoghurts, die es hier in Tetrapacks gibt, Kaffee und Tee und Saft und Marmeladen- und Käsebrötchen.

Die ganz große Schwester kommt später dazu, ich habe inzwischen eine Einkaufsliste geschrieben und gehe mit dem Sechzehnjährigen zum Supermarkt im Ortszentrum. Mit unseren FFP2-Masken fallen wir auf, aber der Sechzehnjährige ist noch nicht geimpft, da ist mir das lieber. Auf dem Rückweg kaufen wir am Straßenrand noch Petersilie und Erdbeeren, die Mischung aus Mobilbezahlungsoption und Kasse des Vertrauens, die es hier häufiger gibt, gefällt mir, die Beeren sehen herrlich aus.

Am und im Ferienhaus wird gearbeitet und Schach gespielt, es herrscht konzentrierte Stille, nach der mir gerade aber garnicht zu Mute ist, also überrede ich den Sechzehnjährigen, mit mir zum Strand zu kommen. Wir gehen ein Stück am Wasser, wir schwimmen.

Die ganz große Schwester kocht, ich helfe noch ein bißchen, es gibt Mittagessen, inzwischen ist es halb zwei. Brokkoli-Gemüse, Linsencurry von gestern, Reis. Sehr fein.

Die Jungs dürfen sich nach dem Essen mit ihren Smartfons zurückziehen, der Hannoverliebste kocht sich einen Kaffee und arbeitet weiter, die ganz große Schwester und ich okkupieren die beiden Liegestühle, müssen sie aber dicht ans Haus auf die Terasse stellen, weil es tröpfelt. Ich schaue in die Bäume und schlafe tief und fest ein.

Als ich wieder wach werde, bin ich ein bisschen neben mir, der Kreislauf schläft noch; kein Wunder, dass ich, als ich den Liegestuhl ein bißchen von der Tür wegstelle, aus Versehen beim Wiederaufsteigen mit dem ganzen Stuhl umkippe, die Stangenkonstruktion über mir zusammenklappt und ich mir den Ellbogen auf dem Boden aufschramme, zum Glück nicht mehr – und wir haben reichlich Pflaster und Jodsalbe.

Meine Schwester verarztet mich und bringt mir Kaffee und Kuchen. Der Hannoverliebste macht Feierabend. Wir spielen eine Runde Doppelkopf mit den Jungs, anschließend wollen die Jungs mit den Männern zum Fußballplatz, was aber dadurch verkompliziert wird, dass der Fußball im Garten der schwedischen Nachbarn liegt, die uns schon seit Tagen kritisch beäugen, weil ihnen, vermuten wir, unser Ferienhaus gehört.

Die ganz große Schwester und ich warten nicht ab, wie der Zwölfjährige und der Sechzehnjährige den Ball zurückholen, sondern gehen ans Meer. Und schwimmen. Wir sitzen noch eine Weile auf der Decke, lesen, schreiben. Mit dem beginnenden Regen kommen wir, fast gleichzeitig mit den Männern und Jungs, zum Ferienhaus zurück.

Vor dem Abendessen lernen der Zwölfjährige und ich noch ein paar Minuten Dänisch mit der Sprachlernapp – wir können schon Sätze wie „Die Enten essen Äpfel“ oder „Trinkst du Milch?“ sagen und freuen uns über jedes neue Wort. Dann Essen. Der ganz große Schwager hat erzählt, dass das Gebäude des Fährhafens Gedser, an dem wir immer ankommen und abfahren, wegen des Films „Die Olsenbande stellt die Weichen“ erhalten wird, der in Teilen dort gedreht wurde, und weil die Jungs den nicht kennen und ich auch nicht, hole ich das Laptop und wir schauen den Film mit viel Freude und ein wenig schwedischer Schokolade an.

Dann abendliches Anstehen vor dem kleinen und dem großen Bad. Jetzt gleich Licht aus.

Alle Beiträge zu WmdedgT finden sich – wie üblich – bei Frau Brüllen.

28.06.2021 – Urlaubsfamilienleben

Wir kommen im Urlaubsleben an. Die Nichte reist an, das Gras rund ums Ferienhaus wird gemäht.

Überall schläft jemand, auch im Wohnraum. Morgens liege ich wach, lausche, ob sich schon irgendwer regt, möchte niemanden wecken, im Meer schwimmen, draußen Gymnastik machen, meditieren, einfach weiterschlafen; das sind zu viele Optionen.

Frühstück gibt es auf der Terasse, dann fahren die Männer und der Sechzehnjährige einkaufen, ich gehe mit dem Zwölfjährigen ans Meer, dort gibt es keine Gräserpollen, das tut gut, nachdem ich schon zweimal antiallergisches Nasenspray nehmen musste. Das Wasser ist eisig, aber wunderbar.

Mittags liegt die ganz große Schwester im Liegestuhl und liest, der Hannoverliebste kocht Bolognese mit dem Sechzehnjährigen, die Nichte nimmt auf der Terasse an einem Italienisch-Seminar Ihres Studiums teil.

Später lockt nochmal der Strand, es gibt eine Eisdiele, am Abend Fußball oder Spielerunden.

Wir finden unsere Räume, unsere Rhythmen, unsere Zeiten.

Der Zahn lässt mich in Frieden – und ich ihn.

26.06.2021 – Ankommen

Niemandsland, Weltendeanmutung. Der Zwölfjährige und ich sitzen vor dem Fährhafen Gedser. Die Autos, die mit der Fähre gefahren sind, sind auf und davon. Der Bus ins Ferienhausgebiet fährt erst ab übermorgen, der andere Bus nicht dorthin, wo wir Urlaub machen. Der Hannoverliebste und der Sechzehnjährige sind zur Corona-Teststelle losgegangen, die ist dort, wo die Autos von der Fähre rollen, nicht hier, wo die Fußgänger aus dem Terminal kommen.

Der Zwölfjährige und ich sitzen auf der Bank in der Sonne. Der freundliche Fährgesellschaftsmitarbeiter empfiehlt uns die beste Eisdiele im Urlaubsort. Der andere sucht nach einer Busverbindung für uns. Die Telefonate mit der ganz großen Schwester werden nach zehn Sekunden getrennt, miserabler Empfang. Die Milch im Kaffee hat angefangen zu flocken.

Der Zwölfjährige und ich schauen uns an und stellen fest, dass wir beide durch und durch glücklich sind.

Man riecht das Meer.