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In diesem Jahr war ich kaum einmal ein Wochenende allein in Berlin; an diesem 1. Advent dann doch mal, wegen der morgens und abends immer noch unangenehmen Erkältung.

Trotzdem viel erledigt, so dass ich am Sonntagabend – obwohl ich locker noch einen weiteren Tag mit Liegengebliebenem füllen könnte – mit einem einigermaßen entspannten Gefühl auf die neue Woche schaue.

Zwischendrin mit der anderen Mitmutter zum Adventskaffeetrinken im Wald gewesen. 13 Kleidungsstücke angehabt, Schuhe etc. nicht doppelt gezählt. Einen zauberischen Sonnenfleck etwas abseits vom Weg gefunden, wo wir Thermoskanne und Becher und Lebkuchenpackung auspackten und auf einem Baumstamm einen improvisierten Kaffeetisch deckten.

Hinterher in der hereinbrechenden Dämmerung zu Hause ziemlich allein gefühlt. Irgendwann später entschieden, dass mich zwei alte Münster-Tatorte auch nicht fröhlicher gemacht haben und am Ende bei ein paar kurzen Folgen einer Serie gelandet, die unter Corona-Bedingungen spielt. Später im Bett entschieden, dass ich „Just One Evil Act“ von Elizabeth George nicht weiterlesen mag (Schauplätze ubd Handlungsfäden zu zerstückelt) und reuig zu Lily Bretts „Ein unmögliches Angebot“ zurückgekehrt. Wunderschöne Sätze darin gefunden.

Dann Alpträume: Der Elfjährige zigaretterauchend. Ein Familientreffen, von einem Verbrecher bedroht, der zwischen äußerer und innerer Tür des geträumten Hauses festsaß.

Früh immerhin keine Halsschmerzen mehr. Die Schule des Fünfzehnjährigen heute noch geschlossen. Wie es weitergeht, wird sich zeigen. Vor der Schwimmhalle jedenfalls toben die Schwimmkinder; ein Mann knurrt etwas Unverständliches über den Sperrmüll, den Berliner Mitbürger ordentlich neben den Glascontainern aufgestapelt haben, und die Hundebesitzer grüßen mich heute morgen alle.

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Die halbe Nacht in einem Bett mit dem Elfjährigen verbracht, der alleine nicht einschlafen konnte. Lange wird er nicht mehr mit seinem großen Kindervertrauen zu mir kommen, also nehme ich es gerne hin, selbst weniger gut zu schlafen.

Der Fünfzehnjährige ist endlich wieder präsenzschulfähig, nun aber ist die Schule wegen diverser Coronafälle auf Heimunterricht umgestellt. Zwei Klassen werden vor Ort – also in der Schule – durchgetestet, das finde ich super.

Selbst wieder zu arbeiten, gibt mir einen Euphorieschub. So groß der Ochnö-Faktor meiner Arbeit manchmal sein mag – trotzdem ist nicht zu unterschätzen, was sie mir an Struktur, Kontakten und Kompetenzgefühl gibt. (Merken… fürs nächste Tief…)

Zum ersten Mal laufe ich meine Waldrunde in der Mittagspause, nachdem ich schnell gegessen und einen dem Elfjährigen versprochene Plätzchenteig im Kühlschrank deponiert habe. Zehntausend Schritte – das Minimum, sagt die Chefin, um gesund zu bleiben – werden das garantiert nicht, also zähle ich gar nicht erst.

Fantastische Luft draußen, freundliche Hunde werden bewegt, sogar der halbwüchsige Rottweiler, den seine Besitzer unangeleint laufen lassen, umkreist mich nur fröhlich und behält den Tennisball im Maul, den er gerade apportieren wollte.

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Weiterhin gespannt, wie es mit den Berliner Schulen weitergeht. Der Elfjährige enttäuscht, dass die Berliner Ferien zu Weihnachten sowieso am 21. angefangen hätten. Draußen herrliche kalte feuchte Luft. Auf dem Balkon liegt ein Adventskranz bereit.

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Grauer Tag. Sorge um den Fünfzehnjährigen, dem es offensichtlich nicht gut geht mit der Schule. Die meisten der zusätzlichen Coronamaßnahmen werden für uns nicht viel ändern. Mehr als fünf Personen waren wir im Waldhäuschenurlaub zum letzten Mal; die Maske setze ich sowieso auf, sobald irgendwo mehrere Fußgänger unterwegs sind, schon seit Wochen. Nur der Wechselunterricht wäre eine große Umstellung. +3000 Prozent häuslicher Stress für mich, der Elfjährige will auf keinen Fall zu Hause lernen, für den Fündzehnjährigen könnte es vielleicht ganz gut sein, im halbierten Klassenverband zu arbeiten.

Ändern können wir es sowieso nicht.

Vor mir zwei zusätzliche Tage allein mit dem Elfjährigen, der letzte Woche wegen des ausstehenden Coronatests des Fünfzehnjährigen später als üblich zu mir kommen konnte. Plätzchenbacken, vielleicht. Sterne aufhängen.

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Nach einem schlechten Tag folgt ja oft ein besserer.

Unser Internet geht wieder – nur sieben Stunden war es umstellungsbedingt tot – und ich verleihe mir selbst einen Technik-Punkt, weil es mir gelungen ist, in den Tiefen des Routers die richtigen Einstellungen zu finden, um das Telefon zu reaktivieren.

Nicht viel weniger als sieben Stunden brauchte der Fünfzehnjährige, um seine aktuellen Zugansdaten für die Online-Beschulung zusammenzusammeln. Heute sitzt er – angezogen und eingeloggt – vor dem Online-Schulprogramm und wartet vergeblich darauf, dem Unterricht zugeschaltet zu werden. Das ist ein definitiver Fortschritt. Möglicherweise ist er morgen symptomfrei genug, um wieder am Live-Unterricht teilzunehmen.

Ich selber verordne mir noch einen Krankentag und setze auf die Heilwirkung von Salbeitee, Sinupret, meiner Übergrößenbettdecke und Elizabeth George. Später eine Frischluftrunde.

Auch der Chemiewettbewerb des Elfjährigen ist zu einem gerade noch guten Ende gekommen. In der Küche glitzert der abgelöste Silberüberzug von Zuckerperlen auf Filterpapier.

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Das Corona-Testergebnis des Fünfzehnjährigen ist negativ, das ist wunderbar; und es kommt so rechtzeitig, dass der Elfjährige am Wochenende noch zu uns kommen kann.

Wir verbringen einen wunderbaren erleichterten halben Samstag mit gemeinsamem Plätzchenbacken und einen gemütlich-geschäftigen halben Sonntag mit diversen Schulaufgaben bzw. Korrektur von Mathe-Olympiade-Aufgaben.

Dann fällt dem Elfjährigen ein, dass er seit ungefähr vier Wochen an einem Chemie-Wettbewerb teilnehmen muss (jaja: MUSS – hätten wir ihn mal besser doch nicht auf eine naturwissenschaftliche Schule gegeben!) – und dass die Ergebnisse morgen, also heute, abgegeben werden müssen.

Eine halbe Stunde später sitze ich in der S-Bahn zum sonntagsoffenen Supermarkt am Fernbahnhof, mit einer langen Liste, auf der alles steht, was zum Experimentieren benötigt wird, von Kiwis bis Filterpapier, von Alufolie bis Zitronensäure. Der sonntagsoffene Supermarkt ist sehr, sehr voll und hat keinen Internetempfang, so dass ich nicht googeln kann, ob die Zuckerperlen mit dem richtigen, im Experiment verlangten Farbstoff gefärbt sind. Also kaufe ich alle Varianten, die ungefähr den richtigen Farbton haben.

Den Rest des Tages verbringen wir damit, Silberpartikel auf Filterpapier zu schöpfen, Silberlöffel auf gekochte Eier zu drücken und Kiwis zu Saft zu verarbeiten, in dem Gummibärchen über Nacht eingeweicht werden müssen. Der Elfjährige schreibt fleißig Experimentierprotokolle. Leider, leider muss eine wichtige Zutat – die Zuckerperlen mit dem Farbstoff, der die richtige E-Nummer hat – noch im Internet bestellt werden und der Elfjährige muss bei der strengen Lehrerin dann doch eine Fristverlängerung erbitten.

Gut, dass ich am Sonntagabend nochmal in meine Mails schaue und die Nachricht sehe, in der mitgeteilt wird, dass nicht nur der Unterricht des Fünfzehnjährigen, sondern auch der des Elfjährigen jetzt später beginnt, um die Ansteckungsgefahr in öffentlichen Verkehrsmitteln zu reduzieren.

Der Montagmorgen beginnt also etwas später, ich melde den Fünfzehnjährigen, der erkältungsbedingt noch nicht wieder in die Schule darf, zum Online-Unterricht an, stelle ihm sein Laptop ins Zimmer, Maus, Headset – wir sind gerüstet. Denken wir jedenfalls.

Um 8.15 will der Fünfzehnjährige sich anmelden, und das Verhängnis nimmt seinen Lauf: das Internet geht nicht. Heute ist der Tag, an dem endlich die schnellere DSL-Verbindung geschaltet werden soll, wovon ich, wie die netten Telefonshop-Mitarbeiter versichert haben, nichts merken würde. Aber das Internet geht nicht.

Der Fünfzehnjährige hat auch keine Flatrate gebucht – wozu er dringend verpflichtet ist, eigentlich, und Guthaben hat er auch keins mehr auf dem Handy. Ich schicke ihn also oberpronto zum Laden, neues Guthaben kaufen. Als das Problem gelöst ist und der Fünfzehnjährige sich übers Handy im Online-Unterricht anzumelden versucht, stellt sich heraus, dass seine Zugangsdaten nicht funktionieren. Eine Stunde später hat der IT-Lehrer der Schule sein Kennwort zurückgesetzt und es zeigt sich, dass die Emailadresse und nicht das Kennwort war, was der Fünfzehnjährige vergessen hat. Also neue Mail an den Systemadministrator der Schule und Grundsatzdiskussion im Kinderzimmer, ob das Notieren von Zugangsdaten WENN MAN SIE BEKOMMT verflixtnochmal Sinn hat oder nicht.

Zwischendurch und nebenbei telefoniere ich mit dem Telefonshop-Techniker, suche längere Zeit einen Brief mit neuen Zugangsdaten für meinen Router, gebe diese vergeblich ein, telefoniere wieder mit dem Telefonshop-Techniker und bekomme am Ende die Auskunft, dass das simple Höherschalten meines Internetzugangs nicht nur vier Wochen Vorlaufzeit brauchte, sondern jetzt auch noch den ganzen Tag dauern kann.

Es ist schon fast ein Glück, dass ich inzwischen so erkältet bin, dass ich mich sowieso im Büro krank gemeldet habe.

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Der Fünfzehnjährige schmeckt sein Frühstück wieder, das ist sehr beruhigend. Trotzdem liegt jetzt hier ein Zettelchen mit Laborcode, mit dem wir irgendwann sein Corona-Testergebnis abrufen können. Der Geschmacksverlust hatte gestern dann doch die Alarmglocken losgehen lassen. Ich bin absolut begeistert von der Ärztin, die effizient und unkompliziert eine tägliche Infektionssprechstunde anbietet und ohne viel Federlesens einen Test durchführt, wenn es ihr angezeigt scheint. Leider zieht die Ärztin gerade aus unserem Kiez fort, weil ihr die Miete untragbar erhöht wurde.

Selbst bin ich auch erkältet, sitze demotiviert und schniefend am Dienstrechner. Später koche ich uns Hühnersuppe, habe ich mir vorgenommen. Am Wochenende muss auf dem Friedhof das Grab vom Sternenkind winterfest gemacht werden, ansonsten darf auch ausgeruht werden.

Sehr, sehr müde.

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Der Fünfzehnjährige ist erkältet und darf 5 Tage nicht zur Schule gehen. Mit etwas Glück kommt er am Montag auf die Liste für den Online-Unterricht.

Da er beim Frühstück auch nicht mehr wirklich etwas schmecken kann, melden wir uns in der Infektionssprechstunde an. Sollte es doch Corona sein, wäre es ja klug, es herauszufinden, damit sein Bruder, der Asthma hat, bei seinem Vater bleiben könnte.

Blöder Corona-Winter. Blödes Wechselmodell. Ich bin unglaublich traurig bei dem Gedanken, den Elfjährigen vielleicht wegen eines schlichten Schnupfens nicht sehen zu können, aus schierer Vorsicht.

Auf meiner Morgenrunde komme ich an der Werbung eines blöden Onlineversandes vorbei: „Wir werden uns wieder umarmen“. Ich könnte heulen und verstehe selbst nicht, warum ich so emotional reagiere. Es geht uns doch gut…

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Das Rätsel ist gelöst: die viele Polizei gestern morgen hatte wohl mit einer Großrazzia in Neukölln zu tun, deren Ziel es war, Verdächtige im Fall des Juwelenraubs im Grünen Gewölbe und in Fall des Raubs dieser großen Goldscheibe aus einem Berliner Museum festzusetzen.

Heute wieder alles normal: Jogger und Hundebesitzer, Bäume und Laub, Schleppkähne und Fähre, Busse und rauschender Rush-Hour-Verkehr.

Das neueste Schildbürgerstück der Schulen im Bezirk war der gestrige Elternbrief: Mailanhang ohne Logo und Unterschrift, also ganz unklar, woher der überhaupt kam, außer dass der Klassenlehrer des Fünfzehnjährigen ihn weitergeleitet hatte.

In der Schule also sollen jetzt trotz Stufe Grün immer und überall Masken getragen werden (genau das ist das Kennzeichen von Stufe Orange). Ballspiele sind nicht mehr erlaubt, damit die Kinder sich in den Pausen auf den entsprechenden Flächen mit ausreichend Abstand aufhalten und kurz die Maske abnehmen können.

Ballspiele sind nicht mehr erlaubt. Dieser Satz hat mich unglaublich traurig gemacht. Worauf müssen die Kinder noch alles verzichten in diesem Winter?

Aber der Brief ging noch weiter: Beschlossen habe der Bezirk, dass nicht mehr die gesamte Schülerschaft zur gleichen Zeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein soll. Deshalb werde der Unterricht ab demnächst um 8.30 beginnen.

Das zumindest gefällt dem nachtaktiven Fünfzehnjährigen gut. Obwohl es den Schulbeginn zumindest an seiner Schule jetzt nicht grundlegend entzerrt.

Was noch? Trübe Stimmung. Die große Schwester hat schon vier Sorten Plätzchen gebacken, also bestelle ich auch Zutaten. Und denke über Weihnachtsgeschenke nach. Vielleicht kommt ja auch wieder ein wenig Freude auf, am Wochenende oder so.

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Österreich schließt bei einer 7-Tages-Inzidenz von über 500 alles. Berlin Mitte erreicht sagenhafte 350 und bei uns – Berliner Randgebietsinzidenz von etwa 120 – werden die Schulen im Bezirk auf Stufe „Grün“ herunterklassifiziert. Demnächst werden wahrscheinlich Weihnachtsfeiern geplant.

Ja, ich bin enttäuscht darüber, dass die Schulen um jeden Preis offen bleiben sollen. Was bitte muss passieren, damit das A-Woche/B-Woche-Konzept umgesetzt wird?

Der Fünfzehnjährige berichtet von zunehmendem Homeschooling für Lehrer – Unterricht, den der Lehrer von zu Hause aus per Videoübertragung der in der Schule versammelten Klasse erteilt. Kann man natürlich machen. Die arme Schulpädagogin muss rumgehen und in den fernunterrichteten Klassenzimmern für Ruhe sorgen.

Plötzlich gibt es bergeweise Hausaufgaben. Der Fünfzehnjährige bekommt am Frühstückstisch schreckliche Bauchschmerzen und muss zu Hause bleiben.

Meine Waldrunde tröstet mich mit immernoch goldenen Buchenblättern und wilden kahlen Eichenästen vor dem blauen Himmel. Hinaufschauen soll die Stimmung heben.

Am Wasser stehen elf Polizeiwagen mit NRW-Kennzeichen, auf der Freifläche sogar ein Hubschrauber. Die mürrische Hundefrau, die ich insgeheim so nenne, weil sie immer ein halbes Dutzend Hunde um sich hat, nickt mir zum ersten Mal zu. Ganz schön was los heute, wie?

Ich würde meine Kinder gerne wie eine Glucke unter schützende Flügel nehmen.