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Schon die vierte Woche nach dem Urlaub beginnt heute. Nicht mehr viel von Erholung zu merken, noch nicht mal nach dem Wochenende.

Gestern lag Berlin am Nachmittag in der Sonne wie im frühen Oktober; im S-Bahn-Schienenersatzverkehr war es leer; dafür im Stadtwald voller als im ICE. Volksfeststimmung auf dem Waldspielplatz.

Erwarte mit erschöpfter Neugier sie heutigen Beschlüsse, wie es weitergeht mit dem Lockdown.

Helfe bei der Korrektur der Matheolympiade mit und bin gespannt, ob ich das hinbekomme, die Schrift der Kinder lesen, ihre Gedanken nachvollziehen und fair bewerten kann.

Im Adventskalender für den Elfjährigen und den Fünfzehnjährigen gibt es in diesem Jahr nur Süßes.

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Sonderbare Dinge.

In meinem Briefkasten hat sich einer dieser sonderbaren Kataloge materialisiert, die einen staunenden lassen, welcher Käufergruppe man aus Marketingsicht zugeordnet wird. Ich könnte ein Nebelhorn erwerben, einen Tierhaarentferner, einen Propeller, der Luftballons zu Raketen macht und ein Buch, das beweist, das Alzheimer heilbar ist. Am besten gefällt mir die Seite, auf der das Buch „Panoramawege für Senioren“ beworben wird und gleich darunter, mit dem Vermerk „darf in keinem Survivalgepäck fehlen“, eine Drahtsäge.

Gestern mitten am Tag ein Anruf meiner Krankenkasse. Ob sie etwas für mich tun könnten. Aber die Krankenkassenfrau weiß weder eine Antwort auf die Frage, was mit meinen Kindern wäre, müssten ihr Vater und ich zeitgleich wegen Corona ins Krankenhaus; noch kann sie mir einem Rat geben, wo ich mich testen lassen könnte, um meinen Vater zu besuchen.

Nach längerem Abwägen entschieden, dass ich übers Wochenende den Hannoverliebsten besuche.

Vielleicht ist das genau das Verhalten, wegen dem wir die Pandemie nicht in den Griff kriegen, das ist mir wohl bewusst, halbleerer Zug hin, gutsitzende FFP2-Maske her.

Trotzdem. Trotzdem werden die drei Tage Pause vom Alltag mir wohltun, werden helfen, die nächsten Wochen – und das über die beiden Schulen jederzeit vorhandene Infektionsrisiko – geduldig auszuhalten, die Gefühle meiner Kinder aufzufangen und die düstere Zeit mit ihnen gut zu gestalten.

Heute also Remote Working, Büro auf dem Esstisch im hellen Zimmer; Sonne im Rücken, Kaffee parat.

Dankbar, dass dieses verrückte Jahr durch den Hannoverliebsten trotz allem immer auch licht und schön war.

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Kalt und grau ist der Tag, viel Homeofficearbeit, Budgetphase, große Aufregung.

Auch der private Wohnzimmertisch liegt voller angefangener Projekte, mit denen es nicht vorangeht. Immerhin haben auch die Kinder ihre ausstehenden Impfungen bekommen.

Freunde klagen über Coronafälle an den Schulen ihrer Kinder, über heimliche Halloweenparties, über die Mühe, die es kostet, als Alleinerziehende mit Asthma zu erreichen, dass das Kind (um das sich wer bitteschön kümmern soll – da Vater und Großeltern nicht in Frage kommen – wenn die Mutter schwer erkrankt?) zu Hause unterrichtet wird.

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Heute erschöpft, Tatendrang geht gegen Null.

Trotzdem die Arbeit gut machen, nehme ich mir vor. Ein letzter Abend mit dem Elfjährigen vor der Papawoche, wir wollen die große Kugelbahn fertigbauen.

Vorher fahren die Kinder mit ihrem Vater zum Impfen, hoffentlich ohne unerkannte Corona-Infektion.

Jeder Wechsel der Kinder bringt Durcheinander mit sich, innerlich wie äußerlich.

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Ein echter Bürotag. Frage mich, ob ich das noch schaffe.

Die S-Bahn halbleer, gute Maskendisziplin, bis ich in die Bahn umsteigen muss, die aus Friedrichshain kommt, daher, wo die Inzidenzzahlen so schrecklich hoch sind. In dieser Bahn sind viel mehr Menschen und etliche, die die Maske cool unter der Nase tragen.

Fürs Softwareupgrade nicht genug Speicherplatz. Als diese Hürde genommen ist (C/windows/temp), die verdächtige Meldung „Not applicable to your device“. Das riecht nach Scherereien. Sagte ich schon, dass ich jedwede Änderungen an Software nicht leiden kann?

Jetzt gleich wieder los, Grippeimpfung und so. 10 Uhr virtuelles Meeting.

Ein bisschen euphorisch macht es mich, in meinem Büro zu sitzen, als wäre alles gut und normal und wie früher. Ich hätte das gern wieder.

Vielleicht kommt die Euphorie aber auch von dem Sauerstoff, den ich zwischen dem Ausgang des S-Bahnhofs und dem Eingang zum Bürogebäude eingeatmet habe, so tief ich konnte.

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Ja, ich auch: Große, große Erleichterung über Bidens Wahlergebnis. Das werden doch auch die Gerichte anerkennen müssen!

Am Wochenende nochmal Wald, aber dieses Mal anstrengend, weil mit Freundin, die Pilze suchen, Pubertier, das stramm wandern und Elfjährigem, der ab der Hälfte der Strecke quengelnd schon am Ziel sein wollte. Aber: Sonne, Luft und Bewegung mit vertretbaren Öffi-Risiko (5+20 Minuten, halbleere Bahnen, FFP2-Masken).

Sonntag dafür zu Hause verbracht, klar Schiff für die Woche gemacht, irgendwann haben sich alle gelangweilt, dann war Abend. Der Tatort ist noch nix für den Elfjährigen, deshalb Heute-Show nachgeguckt und gemeinsam sehr, sehr gelacht.

Der Montagmorgen ist ein Erfolg, wenn alle zu ihrem Tagwerk aufbrechen. Das ist schon mal gelungen. Der Elfjährige und ich wollen auch den anstehenden Zahnarzttermin heute lieber abhaken, als ihn zu verschieben. Morgen dann hoffentlich Grippeschutzimpfung.

Vielleicht ist der kranke Kollege zurück, den ich letzte Woche zu vertreten hatte.

Der Wald am Morgen neblig und still. Das war schön.

WmdedgT – Oktober ähhh… November 2020 (10)

Frau Brüllen lädt uns wie immer am 5. eines Monats dazu ein, unseren Tag bei ihr zu verlinken. Alle Beiträge hier!

Gestern also. Kurz nach sechs aufgestanden, Frühstück mit dem Fünfzehnjährigen, dann Bad und 45 Minuten Waldspaziergang.

Arbeit ab 8.15 Uhr, zwischendurch zwei Maschinen Wäsche. Der Fünfzehnjährige hatte nur vier Unterrichtsstunden und war gegen 12 wieder zu Hause.

Ich bestellte uns zwei Mittagsmenüs beim Vietnamesen aus dem Kiez und ging auf dem Weg zum Abholen ein paar Kleinigkeiten für mein Patenkinder-Adventsprojekt besorgen. Der Fünfzehnjährige und ich stellten fest, dass wir beide riesengroße Fans von Glasnudelsalat mit Erdnüssen, Koriander und Limettensaft sind; das Curry blieb für heute übrig, ist ja auch nicht schlecht.

Dann mehr Arbeit, die überwiegend aus dem Warten auf Zuarbeiten bestand, die nicht kamen. Das wird sich heute rächen, mein Wochenende könnte etwas später beginnen, Deadlines müssen eingehalten werden, obwohl die Zuarbeit sich verspätet. Wurde vom Warten so müde, dass ich kurz auf dem Sofa vorbeischaute und direkt einschlief.

Der Vater meiner Kinder klingelte mich wach, er brachte die Sachen des Elfjährigen vorbei.

Mehr Arbeit bzw. Warten. Feierabend kurz nach drei. Arbeit an meinem Adventsprojekt, das wird hübsch. Gegen halb vier kam der Elfjährige nach Hause, alles ok, keine Coronafälle an der Schule, gute Zwischennoten in allen Fächern.

Die Kinder beschäftigten sich (digitale Geräte wurden benutzt). Gegen halb sieben Abendessen, erfreulicherweise war noch Glasnudelsalat da.

Der Plan für den Abend sah Bügeln vor, allerdings stellte ich beim Einschalten der Tagesschau fest, dass das Internet kaputt war. Es folgten zwei hektische Stunden, in denen ich in den Einstellungen des Routers einiges über Ereignisprotokolle lernte und den Hannoverliebsten mit Fotos diverser Routereinstellungen bombardierte. Im Homeoffice kann man sich bei Internetproblemen ja nicht zurücklehnen und den IT-Service machen lassen, das ist ein gravierender Nachteil, der mir vorher nicht bewusst war. Am Ende stellte sich die Störung als Serverausfall bei meinem Internetanbieter heraus und ich ging einigermaßen beruhigt schlafen.

Vorher noch Telefonat (ausnahmsweise ohne Bild) mit dem Hannoverliebsten und ein paar Seiten Krimi.

Licht aus gegen 23 Uhr.

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Gestern habe ich die Wohnung nicht verlassen. Stattdessen den Balkon weiter winterfest gemacht. Pelargonien und Wandelröschen ins Warme gebracht, noch ein paar letzte Tomaten geerntet, die Kräuter zusammengepflanzt. In zwei Töpfen ist Zitronenmelisse aufgegangen, bin sehr gespannt, ob sie überwintert.

Mein Gefühl war richtig: heute morgen liegt der erste Rauhreif auf dem Gras.

Gestern Abend habe ich den Fünfzehnjährigen um Hilfe beim Basteln eines Spieles für die Patenmädchen gebeten, gemeinsam hat das richtig Spaß gemacht.

Später noch eine weitere Begegnung mit der Spinne: Großes Glück, dass ich vom Bett aus noch mit dem Hannoverliebsten telefoniert habe und deshalb aus dem Augenwinkel die Bewegung wahrnahm – zielgerichtet kam das große schwarze Tier in mein Schlafzimmer und aufs Bett zugeflitzt.

Letztendlich einigten wir (also, die Spinne und ich) uns darauf, dass die Spinne die Nacht unter einem Glasschälchen neben meinem Bett verbringen würde. Nach einem möglicherweise missglückenden Auswilderungsversuch in der Dunkelheit war mir nicht zu Mute. Trotz der glaubhaften Versicherungen des Hannoverliebsten, dass sie das Schälchen anheben und mich im Schlaf verschlingen würde, ging das ganz gut. Inzwischen darf die Spinne im Hinterhof nach einem Plätzchen zum Überwintern suchen. Schlau wie sie aussah, findet sie bestimmt sowohl die Haustür als auch die Treppe und sitzt heute Abend wieder vor der Wohnungstür.

Und die US-Wahlen, ja.

Überforderte Gesundheitsämter und Terrorwarnungen.

Heute offenbar einer der Tage, an denen alles nur langsam geht. Zeit zum Stillsitzen einplanen.

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In den Morgennachrichten fehlen die aktuellen Corona-Fallzahlen. Vielleicht habe ich aber auch nur gerade in dem Moment nicht hingehört. Ganz kurz habe ich die Vorstellung, wie das wäre, Corona nur geträumt zu haben.

In Wirklichkeit gibt es einen Fall in der Kita einer Kollegin und einen in der Oberstufe an der Schule des Fünfzehnjährigen, und die Berliner Zahlen sehen insgesamt auch wieder schlimm aus.

Gestern Abend die Dokumentation „Intensivstation“ angesehen; gefilmt vor Corona-Zeiten am Berliner Virchow-Klinikum. Sehenswert.

Homeoffice übrigens trägt auch nicht unbedingt zur Kontaktreduzierung bei, denn gestern klingelten hier: Postbote A, dreimal; Postbote B, einmal; Postbote C, einmal; Nachbar 1 einmal zum Paketabholen; Nachbarfamilie 2 einmal zu dritt zum Paketabholen. Ein Paket für Nachbar 3 steht noch im Flur. Gehe inzwischen nur noch mit Maske zur Tür, mögen mich ruhig die Nachbarn für seltsam halten. Meine Hände fühlen sich vom vielen Waschen nach dem Entgegennehmen und Ausgeben der Pakete ganz seltsam an. Und die Weihnachtszeit steht ja erst bevor…

In der Küche krabbelte gestern plötzlich eine dieser ganz dicken, schwarzen Spinnen. Stelle fest, dass ich nicht spinnenfest bin sondern mich sehr grusele. Dem Fünfzehnjährigen gelang es nicht, das Tier zu fangen, bevor es sich hinter der Heizung verkriechen konnte. Jetzt könnte sie also überall sein.

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Weder in meiner Mittagspause im Kiez noch bei der Morgenrunde ist etwas vom Lockdown-Light zu spüren. Die Menschen kaufen am Mittag unverdrossen ein, Autoschlangen rollen am Morgen stadteinwärts.

In der Schule des Elfjährigen allerdings gibt es kein Schulessen mehr ab der 7. Klasse aufwärts, nur noch für die beiden Grundschulklassenstufen. Die erste Coronamaßnahme, die mich wirklich den Kopf schütteln lässt. Lernen mit Maske ja, Luftfiltergeräte nein, Öffibenutzung für den Schulweg ja, aber den Bärenhunger der Pubertierenden muss dann doch Hotel Mama stillen?

Ich höre von dem Attentat in Wien und denke an die liebe Kollegin dort, mit der ich vor Jahren viel zu tun hatte. Und denke: es könnte auch hier passieren. Und denke: immer mehr kommt es darauf an, die wichtigen und die schönen Dinge trotz der Angst zu tun, die wir haben, weil uns immer mehr klar wird, wie zerbrechlich alles ist.

Der Wald ist noch still und schattig, nur über mir die Baumwipfel haben schon Sonne. Auf dem Rückweg funkt die Sonne mir durch die Baumstämme am Spreeufer Morsezeichen ins Gesicht, eine Botschaft für den Tag, wer weiß.

In der Korkenzieherweide debattiert eine Schar Stare über den Flug in den Süden und flüchtet schimpfend aufs Gelände des Rudervereins, als ich näherkomme. Auf der Brücke die Scherenschnittsilhouetten von Radfahrern. Auf dem dunklen Wasser ziehen Enten V-förmige silberne Streifen.