Müdes Durcheinander

Der Dreizehnjährige muss Schulvorträge mit Powerpoint-Präsentationen halten, einen nach dem anderen – das Familienleben gerät in eine Dauerschleife, in der die Zeit von Internetrecherchen, Foliengestaltung und Vortragsübungen getaktet wird. Zwischendurch müssen die Stichpunkte noch hastig auf Karteikarten abgeschrieben werden, weil der Lehrer sonst eine Note schlechter gibt, und natürlich gibt es Tests und Klassenarbeiten ohne Ende.

Der Neunjährige muss derweil das Inlinern üben, weil auf der Klassenfahrt ein Skate-Kurs vorgesehen ist.
Abwechselnd werden beiden Jungs Schuhe (Pullis, Badehosen, [durch beliebiges Kleidungsstück ergänzen]) zu klein, obwohl ich dachte, uns alle für den Frühling ausgestattet zu haben. Dabei habe ich eigentlich keine Zeit, Kindersachen zu kaufen. Ich muss mir den aktuellen Kurzvortrag des Dreizehnjährigen anhören, und ich müsste außerdem auf dem Balkon Wache schieben, wo ein Rudel durchgedreher Spatzen unsere rote Melde kahlfrisst und rotzfrech rosa gefärbte Schuldeingeständnisse auf der Sitzbank hinterlässt.

Die erste Hälfte des langen Wochenendes vor dem 1. Mai verbringen wir trotz allem in Weimar bei meinem Vater, spielen Doppelkopf, sehen alte Kinderbilder durch, die ich vor einer Milliarde Jahre gemalt habe, setzen uns alle paar Stunden an den gedeckten Tisch. In der zweiten Hälfte des langen Wochenendes legt der Dreizehnjährige in unserer neuen Lieblings-Schwimmhalle (die Kreuzberger Halle hat wegen voraussichtlicher Randale geschlossen und ist sowieso meistens ganz schön voll) die Prüfung fürs Bronze-Schwimmabzeichen ab, ganz locker. Hinterher kehren wir mit der Mitmutter und dem Mitmuttertöchterchen beim Griechen ein, die drei Kinder sind vom Schwimmen so erschöpft, dass sie ausnahmsweise still und brav auf ihren Stühlen hängen sitzen und sich ohne Streit das Eis teilen, das eigentlich das Mitmuttertöchterchen für sich allein bestellt hat. Wir Mütter nutzen die seltene Gelegenheit und schlemmen, was das Zeug hält.
Hinterher muss der Dreizehnjährige noch an einem Informatikwettbewerb teilnehmen, weil der Informatiklehrer dann im Zweifel die bessere Note aufs Zeugnis schreibt. Ohne vorheriges Üben wird das zu einem halben Desaster, allerdings entdecke ich die Übungsaufgaben zumindest hinterher und kann den Blick nicht vom Computer wenden, bis ich sie fast alle gelöst und damit allererste Baby-Grundkenntnisse im Programmieren erworben habe. Wollte ich schon lange mal, weil in diesen Sprachen mit ihrer sonderbaren Logik ja immer mehr von unserem Leben vorcodiert ist.

Dann ist das Wochenende auch schon vorbei, die Müdigkeit ist gleich dageblieben, die Überlastungsschmerzen im Mausarm sind auch schon wieder da, dazu kommt die Traurigkeit darüber,  dass liebgewonnene Bloggerinnen wegen der neuen Datenschutzrichtlinie zu schreiben aufhören. Das möchte ich nicht tun, auch wenn ich von Datenschutz eigentlich nicht mehr verstehe als vom Programmieren.

Aber das kann ja noch werden.

 

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Sommerwarmer Freitag

Im Handumdrehen sind wieder fast zwei Wochen verstrichen. Mein scheußliches Voltarensalben-Unverträglichkeitsexzem am Knöchel ist beinahe verheilt, und ich kann endlich die schicke Aktiv-Bandage tragen, die ich dann doch irgendwann in einem Sanitätshaus erstehen konnte.

Am Morgen ist alles prima; am sommerlich warmen Nachmittag, wenn die S-Bahn voller unmutiger Feierabendberliner ist, ist mein Fuß auf einmal zwei Nummern zu groß für die sportlich-blaue Knöchelstütze; sie drückt vorn und hinten, deshalb bleibe ich unglücklich auf meinem schwer erkämpften Platz sitzen, als sich ein Mann mit freiem Oberkörper neben mir niederlässt; ich würde ihn seeeehr gern mit Blicken anziehen – oder aus der S-Bahn werfen zum Aussteigen bewegen – weil ich bittedanke selbst entscheiden möchte, wer halbnackt und verschwitzt neben mir sitzen darf.

Unter solchen Umständen ist das Nachhausekommen besonders schön. Ich ziehe die fußgerechten Wanderschuhe aus, die Socken und die nicht mehr ganz taufrische Bandage; dann stelle ich vorsichtig die Paprikapflanze auf den Balkon, die mir noch gefehlt hat, und die Walderdbeere, das Wandelröschen und die Studentenblume, die ich aus Versehen im Oh-lauter-wunderschöne-Pflanzen-Glücksrausch auch noch gekauft habe. Hach, wie schön!

Als alle Neuankömmlinge ein Plätzchen mit ausreichend Erde gefunden und Wasser bekommen haben, sitze ich mit einem Buch auf der Balkonbank und blinzele in die Sonne, die zwischen dem Schornstein des Nachbarhauses und dem Stamm der grünbeschleierten Birke ein paar letzte Strahlen in den Hinterhof schickt. Im rechten Nachbarhof schwatzen zwei Mütter am Sandkastenrand, während ihre Kinder auf dem Rasen Fange spielen; im linken Nachbarhof isst eine Familie zu Abend; oben im Baum wippt die Taube auf einem Ast und lässt es darauf ankommen, von der brütenden Rabenmutter erspät und verjagt zu werden. Gegenüber auf dem Flachdach, wo die Sonne noch richtig hinscheint, laufen ein paar Männer mit hippylike buschigen Haaren und buschigen Bärten hin und her, Becher und Handys in den Händen – unser Kiez verjüngt sich, denke ich, sowas gab es hier noch nie – und schaue ihnen interessiert beim Sonnenuntergangfotografieren zu.

Später, drinnen, ist es ein bisschen einsam. Auf meinem Laptop liegen die Präsentationen, die der Dreizehnjährige zu den Schulvorträgen gemacht hat, die er gestern und heute halten musste und die ich mir in den letzen Tagen immer wieder geduldig angehört habe; im Zimmer des Neunjährigen guckt mich der Kuschelhase traurig an, auf dem Boden liegt der Schlafanzug und aufgeschlagen im Bett das Michel-Buch von Astrid Lindgren, aus dem wir vorgelesen haben; in der Küche erinnert mich das Ligretto-Spiel daran, dass der liebste Freund, der Dreizehnjährige und ich gestern um diese Zeit kartenspielend am Tisch saßen.
Jetzt sind alle fort, und ich habe keine Lust, irgendetwas von all dem anzufangen, was ich machen wollte, wenn ich allein bin.

Es ist okay, sage ich mir, erschöpft zu sein und garnichts zu wollen.
Und vielleicht, tröste ich mich, gibt es nachher ein paar Sterne.

(Meine neue App kennt sie alle – auch den „kleinen Hund“, der abends über meinem Balkon wacht, und den „großen Löwen“, den wir über dem Waldhäuschen, zwischen den hohen Bergen, strahlen sahen – zwei Sternbilder, die ich noch nie gesehen hatte, und die zu meinen großen Frühlingsfreuden gehören…)

Frühlingsvermischtes

In den Osterferien hüpfen wir aus unserem Alltag und landen – zusammen mit der ganz großen Schwester und ihrer schönen Tochter und dem Freund der schönen Tochter – in der kleinen Waldhütte, die ganz versteckt an einem Berghang im Thüringer Schiefergebirge liegt, kaum zu sehen hinter einer dichten Fichtenhecke, über die aber trotzdem von morgens bis zum frühen Nachmittag die Sonne blinzelt. Wir füttern den Holzofen mit dicken Scheiten, bis die vom Winter auf 2 Grad ausgekühlte Hütte mollig warm wird; wir liegen in dicken Jacken in den Liegestühlen; wir schleppen Wasser in großen Eimern in die kleine Küche und kochen es zum Trinken ab; wir frühstücken morgens gemütlich, gehen im Nachmittagssonnenschein spazieren; der Dreizehnjährige steigt in Gummistiefeln in den Bach, der durchs Tal murmelt, und baut Dämme aus Schieferbrocken – der Neunjährige gibt ihm vom Ufer aus Anweisungen – und abends spielen wir lange gemeinsam Karten am großen Tisch.

Als wir zurückkommen, riechen wir von Kopf bis Fuß nach Holzfeuer und Waldhütte; alle Kleidungsstücke türmen sich im Flur und wollen gewaschen werden, und weil ich einmal dabei bin, bekommt auch die Allergiebettwäsche des Neunjährigen aus dem heimischen Bett ihren jährlichen Waschgang, werden die Matratzen mit Neemöl besprüht; und weil ich einmal dabei bin, bekommt der Wollteppich im Zimmer des Dreizehnjährigen seine vorbeugende Mottenkur und werden die Korkstückchen in den Kleiderschränken mit Arven-Öl betupft; die Fliesen im Bad rufen: „putz uns, putz uns, wir sind ganz verschmiert und bespritzt“; vom Bücherregal segeln Staubflusen auf meinen Kopf – es ist, kurz gesagt, noch so viel Frühjahrsputz fällig, dass er meine ganze Urlaubskraft verschlingt und ich am Montagmorgen bei schönstem Sonnenschein ohne jede Motivation zur Bahn in Richtung Büro schlurfe und dabei vor mich hinmurmele, was für eine gute Sache doch der „Haushaltstag“ gewesen ist, den es in der DDR für Arbeitnehmerinnen gelegentlich gab.

Mein schmerzender Fuß hat kleine Waldspaziergänge, in guten festen Schuhen und auf weich federndem Boden, ohne größere Beschwerden mitgemacht; aber Frühjahrsputz und Großstadtpflaster behagen ihm nicht, jetzt muss also doch ein Arzt einen Blick darauf werfen. Ich bekomme eine Salbe aufgestrichen und einen unangenehm scheuernden Verband; Tabletten, die die Entzündung aus dem Gelenk ziehen sollen und die Anweisung, mir im Sanitätshaus eine über dem Verband zu tragende Bandage aushändigen zu lassen. Nicht weit vom Orthopäden entfernt gibt es ein entsprechendes Geschäft; aber streng weist die Sanitätshausfrau mir die Tür, man trüge Bandagen grundsätzlich nie über Verbänden und nein, ich dürfe den Verband jetzt auch nicht in ihrem sauberen Reformhaus entfernen oder gar um Wasser zum Abwaschen der Salbe bitten, wie unhygienisch, auf gar keinen Fall, da hilft kein Flehen (…aber ich komme nie wieder in diese Gegend, ich wohne hier doch garnicht!). Am nächsten Morgen gehe ich, ohne Verband und voller Hoffnung, zum Orthopädieschuhmacher in meinem Kiez, der allerhand Bandagen in seinem Fenster ausgestellt hat – die fragliche verschriebene aber frühestens in zwei Wochen geliefert bekommen wird, wenn er sie jetzt bestellt. Geknickt humpele ich nach Hause, schalte meinen Homeoffice-Rechner ein, mache mir einen Schwedenkräuterumschlag auf den Fuß. Ich telefoniere mit der Service-Hotline einer größeren Sanitätshauskette und lasse mir bestätigen, dass es die im Internet verzeichnete Filiale – nur eine S-Bahn-Station entfernt – noch gibt; leider geht dort niemand ans Telefon, wahrscheinlich sind die Mitarbeiter alle beschäftigt. Also humpele ich am Nachmittag zur Bahn, fahre hin – und finde an der Tür einen handgeschriebenen Zettel vor, der erklärt, dass man aus betrieblichen Gründen am 11. und 12. April geschlossen habe. Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter.

Aber die Sonne wärmt, auf dem Balkon keimen die ersten Bienenblumen und schütteln Treibhauskräuter sich in der ungewohnt frischen Luft; die Tomatenpflänzchen strecken sich und wollen des Nachts noch ins Warme; eine prächtige Petunie voller lilafarbener Blüten mit dekorativen weißen Rändern, die der Dreizehnjährige in sein Kastenbeet gepflanzt hat, lässt sich von allen Seiten bewundern, nur die Sonnenblumenpflänzchen stimmen nicht in den Chor ein, sondern sammeln Kräfte, um bis zum Himmel zu wachsen.

Allen traurigen Radionachrichten zum Trotz: es ist Frühling!

 

 

Vor Ostern

Karfreitag, Nachmittag. Ich tränke einen Waschlappen in einem ordentlichen Schluck Schwedenkräuterlösung und wickle ihn auf meinem Fuß fest, der – wie im letzten Sommer ohne Sturz, Schlag, Umknicken, Danebentreten oder sonstige Vorwarnung – seit einigen Tagen wieder wehtut. Sechs Wochen hat das im letzten Sommer gedauert, und ich wäre auch jetzt schleunigst zur Orthopädin gegangen, hätte sie nicht Urlaub gehabt.

Die Kühle am Fuß ist wunderbar; die Wohnung ist sonnendurchflutet, still und einigermaßen ordentlich – ich schaue mich zufrieden um.

Den Krimi, den der liebste Freund mir für den Osterurlaub ausgeliehen hat, habe ich heute schon mal ausgelesen (der liebste Freund könnte mich eigentlich gut genug kennen, um sicherheitshalber zwei Bücher mitzubringen). Auf dem Wohnzimmertisch türmen sich robuste, äußerst warme Kleidungsstücke, Osterkörbchen für die Verwandtschaft, die Asthmabettwäsche des Neunjährigen, eine große Medikamententasche zum Thema „Erkältungskrankheiten“, eine große Verbandszeugtasche zum Thema „Zecken-Splitter-Stürze“, eine kleine Kosmetiktasche mit nicht viel mehr als unseren Zahnbürsten und viele Bücher („Winter im Mumintal“, „Die rote Zora“, „Die 13 ½ Leben des Käpten Blaubär“, „Der Gott der kleinen Dinge“, „Über die Tugenden“, „C’est vraiment facile“, „Grammatik kurz und bündig – Französisch“), die noch auf ein tragbares Gewicht aussortiert werden müssen. Unter dem Tisch warten Gummistiefel, Schuhe für sehr tiefe und für nicht ganz so tiefe Temperaturen und der beinahe unverwüstliche Ball aus Dänemark. Unschwer zu erkennen: wir haben als Osterurlaub einen Aufenthalt in einer schlecht heizbaren Waldhütte geplant; etwas unbedacht ist diese Idee entstanden, an einem warmen Sommerabend wahrscheinlich.
Mit Spielen, Lebensmitteln und Bettwäsche versorgt uns die ganz große Schwester, also stehen nur zwei Koffer mit hungrig aufgeklappten Deckeln bereit.

Auf dem erfreulich leeren Schreibtisch liegt ein Zettel mit dem Vermerk, den Dauerauftrag an den Vermieter unbedingt sofort nach unserer Rückkehr zu ändern; eine (ein klein wenig) rebellische Teilzustimmung zur Mieterhöhung ist abgeschickt, ich möchte nun nicht um einen einzigen Cent in Zahlungsrückstand geraten. Der Mieterbund24, der im Internet eine Online-Antwort auf eine Mietfrage für nur 25 Euro anbietet – eine prima Alternative zu einer Mitgliedschaft im Mieterverein, wenn man tatsächlich nur eine einzige Frage hat – konnte mir leider nicht helfen und erstattet mir die Vorauszahlung zurück. Viel Aufwand und wenig davon gehabt.

Einige Fenster sind geputzt, auch das stark eingestaubte Gewürzregal in der Küche, das muss als Frühjahrsputz reichen. Auf dem Balkon habe ich heute Mittag, als es warm und sonnig war, vieleviele Kilo Erde bewegt – aus Töpfen, Kübeln und Kisten in große IKEA-Tüten geleert, mit dem guten Wurmhumus der Firma „Superwurm“ (das Paket kommt jedes Jahr bei einem anderen Nachbarn an, damit jeder mal über mich den Kopf schütteln kann) vermischt und wieder in die Töpfe, Kisten und Kübel gefüllt. Auch zwei Schalen für den Friedhof habe ich bepflanzt; im Auto auf dem Weg dorthin starte ich dann eine Charme-Offensive, damit der Vater meiner Kinder während unserer Abwesenheit nächste Woche die Tomatenpflänzchen bei sich aufnimmt und gießt, die ich noch nicht dem rauen Berliner Spätwinter Vorfrühling Wetter aussetzen möchte. Alles andere, was ich am hellen Fenster vorgezogen habe – Sonnenblumen, Dill, Basilikum, Petersilie, Sonnenhut – muss draußen klarkommen.

Am Samstagmorgen dann – endlich – werden meine Söhne nach einer langen, langen Ferienwoche mit ihrem Vater wieder bei mir eintrudeln. Wir werden Ostersträuße schmücken, Ostereier kochen und färben; am Abend werde ich durch die Wohnung schleichen und Dutzende kleine Schokoladeneier verstecken, die dann am Sonntagmorgen gesucht werden dürfen, bevor wir zur Kirche gehen (und dort auf keinen Fall die Unterschrift auf der Gottesdienstkarte vergessen dürfen, die der Dreizehnjährige als Voraussetzung für seine Konfirmation zu füllen hat).

Der Berliner Schienenersatzverkehr macht die Reise zum Bahnhof zu einem langwierigen Abenteuer, aber auch das werden wir bestehen; wir werden am Ostersonntag in einen Zug steigen und verschwinden bis auf Weiteres im Dickicht eines mitteldeutschen Waldes.

Bis bald – und frohe Ostertage Euch allen!

Schadensbegrenzung

Würde ich nachzählen, dann käme ich schnell darauf, dass die meisten Dinge in unserer Wohnung wunderbar funktionieren, die meisten Kleidungsstücke brav alles mitmachen, die meisten Pläne sich umsetzen lassen; dass eigentlich alles gut ist.

Aber trotzdem…

Dem Neunjährigen zerreißt beim eifrigen Fußballspielen in den Hofpausen eine Hose nach der anderen. Die eilig im Internet nachbestellten Jeans erweisen sich – wegen des Druckknopfes, der bei Gelächter oder unbedachten Bewegungen aufspringt – nicht sofort, sondern erst nach genau zwei Wochen als ungeeignet; an demselben Tag, an dem mir der Rahmen des Flurspiegels bei dem Versuch zerbricht, ihn abzuschleifen und an dem das Händewaschwasser, das im Waschbecken verschwindet, nur einen Moment später in der Badewanne wieder ans Tageslicht gesprudelt kommt.

Eigentlich müsste ich meine mehr als saftige Mieterhöhung nachrechnen, dem Mieterverein beitreten, mich beraten lassen – stattdessen muss ich bei der Hausverwaltung nun erst mal einen Handwerkerbesuch erbitten. Noch während ich am Freitagnachmittag ungeduldig auf den warte, brennt im Flur einer der Deckenspots durch. In dem Moment, in dem ich den ein paar Tage später austausche, zerspringt dem Dreizehnjährigen (der in dieser Woche schon zwei Mützen und den Winterschal des Neunjährigen verschlumpert hat) die Stellschraube am Schlagzeug-Übungspad, das wir vor nicht allzu langer Zeit schon aus demselben Grund reklamiert und ausgetauscht haben.

Während ich noch über diesen neuen Schaden lamentiere, brennt die Glühlampe über dem Sofa durch. Ersetzen kann ich die erstmal nicht, denn es ist Wochenende und wir wollen nach Thüringen reisen. Aber vor Wittenberg bleibt der Zug „auf unbestimmte Zeit“ stehen, weil der Schnee in Leipzig die Gleise zugeweht hat.

Also fahren wir zurück nach Berlin und rühren uns den Rest des Wochenendes nicht mehr vom Fleck. Besser so.

Beinahe manische Frühlingsaktivitäten

Noch vor wenigen Tagen trödelten unentschlossene Schneeflocken vor dem Bürofenster Richtung Boden, und ebenso unentschlossen versuchte ich, nach dem Tagwerk einer Winterwoche-mit-Kindern – mit ihren verlorenen Mützen, Schniefnasen, anstehenden Klassenarbeiten und schlechte-Laune-Anfällen beim Doppelkopfspielen – noch ein paar Minuten in meinem Flur das große Renovier-Projekt vorzubereiten.

Inzwischen habe ich die Wände – mit Unterstützung von der ganz großen Schwester – wunderschön „arktisweiß“ gemalert, die Kindergarderobe aus Kindergartenkind-Höhe auf Gymnasiasten-Höhe umgehängt und dafür höchstpersönlich 1a Löcher gebohrt (immer wieder eine Mutprobe, zumal in meiner Wohnung die Elektrokabel in den Wänden nicht verlässlich nach Standard verlegt sind); ich habe meinem alten Schuhregal mit 10 Schrauben das Wackeln ausgetrieben und beim Anschrauben des Schuhschrankes gerade noch den Ärmel meiner Fleecejacke davor bewahrt, mit an der Wand verankert zu werden.

Zwischendrin schenkt der Frühling der Welt einen Sonnentag, und ich springe im T-Shirt auf den Balkon, um da zu putzen, Hornveilchen zu pflanzen, die etwas angewitterte Sitzbank zu lasieren und die Wasserschäden am Blumenbänkchen dilettantisch mit einer weiteren Schicht Bootslack abzudecken.

Dass ich in den letzten Wochen dann und wann auf Minimalismus-Blogs gestöbert habe, ist nicht ganz ohne Folgen geblieben – ich packe mit Feuereifer drei Tüten Kleidung für das drk zusammen, rangiere alte Dosen mit Lasuren aus, deren Reste sich in sonderbare feste und wässrige Bestandteile zersetzt haben und sammle in der Aussortier-Ecke Dinge, die sich vielleicht über das Nachbarschaftsnetzwerk verschenken lassen.

Die Tage können mir gerade nicht lang genug sein, so viel möchte ich tun. Zum Glück liegt ein unterhaltsamer Krimi an meinem Nachtlager – unter dem Hochbett des Dreizehnjährigen (der ist ja nicht da) weil es im Wohnzimmer mal wieder nach Lack riecht und im winzigen Schlafzimmer sämtliche leeren Blumentöpfe und Untersetzer und Blumenkästen und Blumenstäbe aufgetürmt sind und alles etwas erdig machen – so dass ich dann doch zur Ruhe komme.

Unter kleinen Tüten mit aufgeschnittenen Ecken keimen derweil am hellsten Fenster der Wohnung schon Tomaten, Sonnenblumen, roter Basilikum, Dill und Petersilie vor sich hin.
Auf dem Wohnzimmertisch beschnuppern sich zwei Schokoladenhasen; und draußen singen – ganz früh am Morgen, der jetzt schon hell ist – die Amseln.

WmdedgT – März 2018

Der März beginnt – und schon ist wieder einmal was-machst-du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Tag. Frau Brüllen sammelt – nun schon seit 4 Jahren! – wie an jedem 5. die Geschichten und Berichte auf ihrem Blog.

Montagmorgen. Der Wecker klingelt kurz vor sechs, steht leider außerhalb meiner Reichweite und macht auch beide Kinder wach, ehe ich ihn unschädlich machen kann. Der Dreizehnjährige klagt, dass er die halbe Nacht nicht habe schlafen können, weil der Neunjährige ihn am Abend zuvor beim Toben in die Nase gekniffen habe. Da wir ein kleines Montags-in-die-Schule-gehen-Issue haben, atme ich tief durch, verabreiche Arnikakügelchen und rate dem Dreizehnjährigen, sich doch jetzt nochmal hinzulegen und noch eine halbe Stunde zu schlafen.

Bad, Anziehen, Küche. Ich mache Frühstück – zwei Flaschen, zwei Dosen, Obst, Petersilie, Brote zum Mitnehmen; und für unseren gemeinsamen Tagesbeginn Toast, Multivitaminsaft und Vitamin-D-Tabletten. Der Dreizehnjährige kriegt Häppchen geschmiert, damit er trotz Müdigkeit etwas isst, und ich schlage ihm vor, dass ihn ja sein Vater ausnahmsweise zur Schule fahren könnte. Würde er wahrscheinlich auch machen, wenn er nur ans Telefon gehen würde – aber seinen Morgenschlaf in der Woche ohne Kinder lässt er nur ungern ausfallen. Der Dreizehnjährige macht sich also murrend zum Bus auf und ruft keine drei Minuten später an, er sei bei all dem Glatteis nun auch noch hingefallen. Ich atme tief durch und schlage vor, dass er es mit der Schule trotzdem probiert.

Inzwischen muss auch der Neunjährige los, den begleite ich wie immer noch auf dem ersten, ungesicherten Wegstück am Wasser und verabschiede mich dann.

Die 25 Minuten S-Bahn-Fahrt gehören mir. Ich tauche in mein Buch ab – „Die Brandungswelle“ von Claudie Gallay – und möchte um mich herum nichts und niemanden sehen oder hören.

Im Büro gibt es komplizierte und stupide Aufgaben. Ich verbringe den halben Tag schwitzend über einer Frage, von der ich nicht sicher bin, ob meine Lösung die Situation verbessert oder verschlimmert; die andere Hälfte mit copy-and-paste-Vorgängen, bei denen meine Tastatur, seit ich mein Büro mit einem Gast teilen muss, unverschämt laut klappert. Zwischendurch Mittagspause mit Kolleginnen, Hirsepuffer, Gemüse und Geschichten über kranke oder erstaunlicherweise nicht kranke Kinder.

Am Nachmittag ist die Luft draußen mild wie lange nicht mehr.

Ich lese nochmal 25 Minuten in der Bahn, kaufe unser Lieblingsbrot und bin ungefähr zehn Minuten vor dem Neunjährigen zu Hause. Schnell schlüpfe ich in meine Heimwerkerhose und einen alten Pulli und trage den Stuhl auf dem Balkon, den ich gestern abgeschliffen habe und neu lackieren will. So lange die Sonne wärmt, verarbeitet sich der verdächtig flüssige Superduper-Bio-Lack prima; aber als sie nach ungefähr dreieinhalb Minuten hinter dem Hinterhofbaum verschwindet, sinkt die Temperatur und der Lack beginnt am Pinsel zu klumpen. Ich ziehe ins Wohnzimmer um, lasse den Neunjährigen ins Haus, lackiere ein weiteres Stuhlbein und dann noch eins, lasse den Dreizehnjährigen ins Haus und lese dann doch noch mal nach, ob sich der Pinsel irgendwie reinigen lässt.

Während die Kinder auf dem Smartfon des Dreizehnjährigen spielen, räume ich ein bisschen auf, wasche mir die Haare, lege etwas Wäsche, sauge den Staub vom Stuhlabschleifen von der Balkonbank, stelle eine neue Maschine Wäsche an und mache Abendbrot. Hinterher wünschen die Jungs sich noch ein bisschen gemeinsames Fernsehen, also wasche ich noch schnell ab und dann kuscheln wir uns aufs Sofa. Weil auf dem Wohnzimmertisch aber der klebrige Stuhl steht und schrecklich nach frischem Lack stinkt, mache ich hinterher das Fenster wieder auf und flüchte mit meinem Laptop in die Küche. Der Neunjährige muss noch ein Lied für den Musikunterricht üben, der Dreizehnjährige hüpft derweil um uns herum und muss sich für die Projektwoche in seiner Schule in eine Gruppe eintragen – garnicht so leicht, weil – von Biotop-Pflege über „musikalische Farben“ und „physikalische Klänge“ bis hin zur chemischen Analyse von Limonaden und dem Züchten von Kristallen – sooo viele interessante Themen dabei sind.

Ich bringe den Neunjährigen ins Bett und fange an zu schreiben. Der Dreizehnjährige soll sich eigentlich auch schon hinlegen – Schlaf nachholen – muss aber gerade jetzt nochmal dringend in seiner Whatsapp-Klassengruppe nachfragen, ob es nicht doch eine Französischhausaufgabe gibt. Nach mehreren Neins und Weißnichts stellt sich heraus, dass doch noch etwas zu tun ist, und der Dreizehnjährige setzt sich mit seinem Buch und Hefter zu mir an den Küchentisch.

Dann sage ich ihm Gute Nacht.

Aus dem Bad ruft die noch aufzuhängende Wäsche; neben mir liegt meine Näharbeit, ich werde später noch ein paar bunte Blätter aus Filz auf Taschen aus grünem Stoff applizieren, die sich an der Wand befestigen lassen und genauso wie der frisch glänzende – hoffentlich wird das was… – Stuhl demnächst meinen Flur verschönern sollen.

Und dann stelle ich meinen Wecker für morgen, 5.50.

Ein Montag – ganz friedlich, ganz unspektakulär…