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Tagesnotizen: 12.12.16

Den Morgen vor der Kinderwoche nutze ich für einen Echtzeitversuch, der die Auswahl einer weiterführenden Schule für den Elfjährigen unterstützen soll: Um sieben Uhr fahre ich mit dem Bus den Weg zu drei möglichen Schulen ab und stoppe die Zeit. Lerneffekt: Stadtauswärts sind reguläre 25 Minuten Bus morgens kein Problem. Zurück und bis zu meiner Arbeitsstelle dauert es dann 90.    

Ankunft des Siebenjahrigen am Nachmittag: müde, erkältet, mit dringendem Keyboard-Übe-Bedarf und allerhand neuen, beim Spielkumpel gesehenen Must-Haves für seinen Wunschzettel.

Abends schließe ich im Übermut begonnene und aus Zeitmangel zäh gewordene Projekte ab: Stricke eine leidige Socke zu Ende, koche Marmelade aus den letzten drei der vielen, dicken, wegen ihres Duftes leichtsinnig erworbenen Quitten.

Ich freue mich an meinem mit Verschenk-Kleinigkeiten gefüllten Wäschekorb, beginne rückblicklich über das Jahr 2016 nachzudenken und gehe zeitig schlafen.

Ein guter Tag. 

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Tagesnotizen 30.11.2016

Gerate im Büro an meine Stressobergrenze. Nachmittags kommt zur Eiseskälte draußen auch noch Regen hinzu. Durch die Dunkelheit schleppe ich Bastelpapier, Obst und Gemüse, einen sperrigen Regenschirm und den schwer am Regenschirmarm hängenden Siebenjährigen nebst Schulranzen nach Hause.

Unnötiger Streit mit dem Elfjährigen wegen einer schlechten Zensur: der bevorstehende Schulwechsel macht mich nervös; der Dämpfer ausgerechnet in Mathe lässt den Elfjährigen von sich selbst enttäuscht sein und mein Erschrecken so garnicht noch obenauf brauchen.

Das Waldhäuschen für die nächsten Herbstferien buche ich, die Fahrkarte für den Adventsbesuch bei meinem Vater muss erworben, aus Versehen doppelt gelegte Termine müssen geschoben werden.

Am Abend fülle ich die dringend erwarteten Adventsbeutelchen; 13 für den Elfjährigen, 12 für den Siebenjährigen. Die andern liegen schon beim Vater der beiden, und beim Füllen der Beutelchen wird mir klar, dass ich die Vorweihnachtswoche nicht mit meinen Kindern verbringen werde; dass die Leuchtstäbe, die den Kalender krönend abschließen und am Heiligen Abend auf dem Weg zur Kirche leuchten sollten, eine Woche zu früh strahlen und ihre Leuchtkraft verlieren werden.

Der Elfjährige stellt sich überzeugend schlafend, als ich in sein Zimmer schleiche und die Stange mit den Beutelchen an den üblichen Nagel hänge.

„For the Stars“ von Anne Sofie Otter und Elvis Costello wiedergehört, wiederentdeckt. Schon durch andere Vorweihnachtszeiten hat ihre wunderbare Musik mich begleitet, jetzt klingt sie wieder.

Im Advent (13)

Was schön ist:

Dass die Besuchsfreundin sich in unser Virennest wagt, als es mir und dem Sechsjährigen noch richtig schlecht geht, für mich einkauft, den Abwasch macht, auf den Sechsjährigen aufpasst.

Ich hätte gern mal Stoffbeutelchen für Geschenke, sagt sie (meine große Schwester hat das angefangen, Geschenkpapier durch solche Beutel zu ersetzen, die wieder und wieder zwischen den Verwandten hin- und herwandern können, seitdem breitet sich das in Familie und Freundeskreis aus), und da ziehe ich meine Stoffschublade auf, hebe den Deckel von der alten Singer-Nähmaschine, die ich mal vom Sperrmüll gerette habe, und stelle das Nähkistchen mit den bunten Garnen hin. Bitteschön!

Neben meinem Krankenlager entsteht ein Näh-Atelier; auch der Zehnjährige lässt sich das mit der Rechts-Links-Naht zeigen und beginnt, nach den schönsten Stoffen zu kramen; den Geschichtshefter, aus dem er eigentlich lernen soll, wie der Mensch zum Menschen wurde, hat er sowieso in der Schule vergessen. Auf dem Bügelbrett findet sich das Keyboard mit den Weihnachtsliedern ein, die der Sechsjährige üben soll. Und auf dem großen Tisch packe ich zwischendurch Weihnachtspäckchen.

Obwohl es mir schlecht geht, geht es mir richtig gut. Das darf so, versichere ich mir immer wieder; das ist schon ok.

Im Advent (12)

Nur langsam fühlen der Sechsjährige und ich uns besser. Ich habe einen Erkältungsinfekt beigesteuert, er ein wenig Magen-Darm – mit dem Ergebnis, dass wir beide fast eine ganze Woche lang am glücklichsten waren, wenn wir das Haus nicht verlassen mussten und uns irgendwo zwischen Inhaliertöpfen, Ölwickeln, der Zwiebackpackung, einem heißen Tee und den Erkältungstropfen langmachen konnten. Der Zehnjährige musste unterdessen eine hammerharte Schulwoche mit zwei Klassenarbeiten und einem Geschichtstest bestehen.

Aber jetzt ist Wochenende, geht es uns wieder einigermaßen, hat der Große endlich frei.

Und wir fahren einen Weihnachtsbaum kaufen. Im „Tannenparadies“ (Wenn du immer schön brav bist, sprach die große Tanne zur kleinen, wirst du nach deinem Tod ein Weihnachtsbaum…) gibt es nicht nur Tannen, sondern auch Fichten und Kiefern jeder Form und Größe. Der Parkplatz ist voll, wir schlängeln uns zwischen ausparkenden Wagen, über deren Dächer meterlange Bäume vorne und hinten herausragen, zum Eingang. Und beginnen, uns zwischen den waldartig aufgestellten Nadelbäumen umzusehen. „Das ist der Baum des Jahres – eine Korktanne“, informiert uns ein Verkäufer, als wir ein herrliches kleines Bäumchen mit hellen Nadeln und einem hübschen glatten Stamm gefunden haben. „Der sieht nicht nur schön aus, der duftet auch toll!“ Unsere Rotfichten haben auch immer gut gerochen, denke ich mir und ziehe meine Söhne weiter; zu den Kiefern (zu buschig), den Rotfichten (zu dicht), den Blautannen (zu stachelig), den Nordmanntannen (die ich nicht mag, weil sie so seltsam vertrocknen, statt zu nadeln). Es kommt, wie es kommen muss: Der Sechsjährige will die Korktanne, der Zehnjährige entdeckt immer neue wunderschöne Bäumchen und verguckt sich am Ende in eins mit beinahe hellgrauen Nadeln. Ich finde die perfekte und noch dazu preiswerte Fichte. „Das ist eine Blaukiefer“, erklärt der hilfsbereite Verkäufer und lässt damit gewisse Zweifel an seiner Kompetenz aufkommen – aber vielleicht stimmt das mit dem „blau“ ja wirklich.

Obwohl ich ein schlechtes Gewissen habe – immerhin haben die Jungs mir am Morgen geholfen, allerlei Lebensmittelvorräte für die Festtage nach Hause zu schleppen – setze ich mich durch und kaufe mein Lieblingsbäumchen. Zwischen noch mehr Familienautos mit noch mehr riesigen Weihnachtsbäumen, deren Spitzen bestimmt gekappt werden müssen, bevor irgendjemand beim Schmücken der oberen Zweige von der Leiter fallen kann, gehen wir mit unserem lächerlich kleinen, leichten Blaufichtchen zur überfüllten S-Bahn. Über ein paar Sitzreihen hinweg sehe ich eine andere Frau, die auch einen Weihnachtsbaum im Arm hat, das finde ich richtig gut. Neben ihr wippt zwischen den Köpfen der vielen Fahrgäste eine rote Spirale mit weißen Wattekugeln daran – ein minimalistisch interpretierter Weihnachtsmannhut. Heiho, nur noch fünf Tage! Der Sechsjährige strahlt.

Im Advent (8)

Wir haben einen Schrank mit Türen! Fast fertig aufgebaut – einer der Vorteile, Söhne zu haben, ist, dass sie begeistert Schrankaufbauanleitungen lesen, die richtigen Schrauben und Teile heraussuchen und ich nur deshalb noch selbst schrauben muss, weil ihre Kraft noch nicht reicht – nur die Türscharniere muss ich noch feinjustieren; nachdem ich sie schon unter Fluchen und Schimpfen irgendwie zusammengewürgt habe, werde ich das wohl auch noch schaffen.

Der Nikolaus war so freundlich, in den weder geputzten noch rausgestellten Schuhen meiner Söhne trotzdem Nettigkeiten zu hinterlassen. Gut, dass ich ganz, ganz spät am Vorabend noch in meinem WordPress-Reader geschaut und dort einen Blog mit dem Wort „Nikolaus“ im Titel gesehen habe – sonst wäre das richtig schief gegangen.

Meine ganz große Schwester kommt für zwei Tage zu Besuch, schaut mit mir „Die Eleganz der Madame Michel“, bringt die Kinder in die Schule, spielt mit dem Zehnjährigen und mir eine große Runde Baptistenskat, versteckt noch mehr Nikolausgeschenke und hinterlässt einen Müsliadventskalender. Was es nicht alles gibt!

Jetzt wieder umschalten. Kinderloswoche.

 

Im Advent (7)

Die Kisten, in denen der Schrank mit Türen steckt, den der Sechsjährige bekommen soll, gucken mich schon seit Tagen auffordernd an.

Also fange ich am Samstagmorgen an, die Wohnung in Chaos zu stürzen, räume diverse Regale leer, hole einen Rest Wandfarbe und Gips aus dem Keller und die Bohrmaschine vom Vater meiner Kinder.

Der Zehnjährige ist absolut dagegen, dass ein Möbelstück aus seinem Zimmer entfernt wird, wenn das große Bücherregal aus dem Zimmer des Sechsjährigen zu ihm wandert – wir müssen eine Weile diskutieren, bis wir eine gute Lösung gefunden haben; ein kleines Wandregal kommt in den Keller, die anderen Möbel spielen Bäumchen-Wechsel-Dich.

Der Sechsjährige beginnt herzzerreißend zu weinen, als ihm klar wird, dass er seinen neuen Schrank nicht zusätzlich bekommt, sondern sein Regal hergeben muss. Wenn das nicht mehr in meinem Zimmer ist, schluchzt er, will ich nie wieder in dieser Wohnung sein! – Das ist eine finstere Drohung von meinem Wechselmodellkind. Und ich weiß noch nicht mal, wie ich ihn trösten soll. Keiner von uns hat Lust auf diese Hausstaubmilbenallergiemaßnahmen!

Lasst und doch erstmal gucken, was wir unter dem Regal für Schätze finden, schlage ich irgendwann vor, als er lange genug auf meinem Schoß gesessen und geweint hat – und das zieht. Leider finden wir nicht die fehlende Karte vom Verrückten Labyrinth (dabei hätte ich darauf gewettet!), sondern nur jede Menge Steckblumen, die wir doch eigentlich schon lange der Kita gespendet haben, und ein paar vermisste Lego-City-Teilchen. Aber jetzt ist es ok, dass wir das Regal ins Zimmer des Zehnjährigen schieben.

Die Kinder quirlen mir im Weg herum, bis ich sie energisch zum Spielen ins Zimmer des Sechsjährigen schicke, dann mache ich mich unter Ach und Weh daran, die Löcher zuzugipsen, die die Schrauben hinterlassen haben, mit denen die umgestellten Regale gesichert waren; Flecken auf der Tapete auszubessern; Möbel zu verrücken und an neuen Standplätzen zu sichern. Abends sieht das Zimmer meines großen Sohnes richtig schick aus – sein Arbeitsplatz ist schöner als vorher, das neue Regal sieht aus, als hätte es schon immer neben seinem Bett gestanden, der Teppich ist frisch gesaugt und die Staubmäusepopulation deutlich zurückgegangen.

Und zwischendurch waren wir sogar noch im Pfefferberg-Theater, „Des Kaisers neue Kleider“ gucken (sehr nett, sehr spielfreudig, großes Vergnügen). Und große, gelbe oder orange Bälle bestaunen, die vor dem Theater wie Monde leuchtend – zauberschön – in den kahlen Bäumen hängen.

Jaaaa… und morgen mache ich dann die Kisten mit den Einzelteilen des neuen Schrankes auf. Bestimmt…

Im Advent (6)

Je weiter die Woche – eine ziemlich ereignislose Schul- und Arbeitswoche – fortschreitet, desto müder werden wir. Das mit den Vorsätzen für eine gaaaanz ruhige Adventszeit gelingt mal wieder nur bedingt.

In meiner halbstündigen Mittagspause möchte ich mich ein Stündchen auf einen Kaffee mit dem liebsten Freund treffen.
In den 50 Minuten zwischen meinem Arbeitsende und der Abholzeit des Sechsjährigen muss ich einen halbstündigen Umweg zur Lungenärztin machen, um ein neues Rezept für das Kortisoninhalat zu holen, das mein kleiner Sohn noch braucht und das ganz plötzlich „nach nichts mehr schmeckt“.
Sowieso ist es eine dieser Wochen (es muss an der Mondphase liegen – oder daran, dass ich am letzten Wochenende vor allem Plätzchenzutaten eingekauft habe), in der jeden Tag irgendetwas plötzlich alle ist, Brot, Saft, Gurke, Äpfel, Streichkäse -.  Also schleppe ich nachmittags nicht nur den Ranzen des immer noch angeschlagenen Sechsjährigen, sondern auch noch einen Einkaufsbeutel nach Hause.
In der einen Abendstunde zwischen Zuhauseankommenunderstmalspielen und Abendessen muss der Sechsjährige eine unübersehbare Zahl von Seiten in seinem Buchstabenheft nacharbeiten – warum auch immer, es kann nicht allein an seiner Krankheitswoche liegen – und der Zehnjährige eine wie immer unübersehbare Zahl an losen Blättern in seine Hefter einheften und fast genausoviele Tests vorbereiten oder von mir unterschreiben lassen.
In der Stunde zwischen dem Abendessen und der Schlafenszeit des Sechsjährigen müssen die Kinder den Tisch abräumen und muss der Sechsjährige am Keyboard zwei Weihnachtslieder üben; wollen die beiden aber auch die Sendung mit der Maus nochmal sehen, mindestens zwei Kapital aus dem Vorlesebuch hören, und laaaange spielen, ohne dass ich mit genervtem Blick auf die Uhr in der Tür stehe.
Und in der Stunde zwischen dem Gutenachtkuss für den Zehnjährigen und meiner eigenen diese-Woche-aber-mal-eher-Schlafenszeit mag ich noch zwei Stunden mit der großen Schwester oder der Besuchsfreundin telefonieren.

Wenn wir, sinniert Max Frisch ein klitzekleines bisschen altklug in meinem „Anderen Advent“-Adventskalender, mit dem ich mich morgens um dreiviertel Sechs in den fünf Minuten zwischen Aufstehen und Waschen für zehn Minuten aufs Klo verziehe, doch aufhören würden, uns mit den kleinen Hoffnungen aufs Wochenende und auf den Urlaub zu trösten, dann würden wir bestimmt ganz grundlegend die Welt verändern.

Lieber Max, hattest Du mal Grundschulkinder? Oder einen Bürojob? Weißt Du wirklich, wovon Du da schreibst?
Ich weiß nicht genau, was ich tun würde, wenn ich mich nicht aufs Wochenende freuen könnte.
Um mir das auszumalen, fehlt mir die Muße, irgendwie.

Vielleicht denke ich am Sonntag mal drüber nach…