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So’n Tag eben

„Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ – so fragt Frau Brüllen. Ja, was eigentlich?

Um 5.45 klingelt der Wecker. Ich schalte das Licht an und brauche ein paar Minuten, bis ich mich aufraffe und ins Bad gehe. Die Kinder schlafen noch, also habe ich Ruhe. Anziehen, Frühstücksdosen füllen, Frühstück machen. Meine Kinder haben sich beschwert, dass sie nie Süßigkeiten in ihren Brotdosen haben. Stimmt. Ich schnippele dafür leidenschaftlich Obst und Gemüse, weil ich finde, das trockene Stullen einfach nicht schmecken. Der Zehnjährige behauptet, dass er deswegen inzwischen in seiner Klasse den Spitznamen „Kaninchen“ trägt.

6.30 Uhr. Frühstück ist fast fertig, der Zehnjährige kommt aus seinem Zimmer geschlappt, umarmt mich kurz mit seinen langen, sperrigen Armen und schlappt wieder zurück, um sich zwischen seine Fußballkarten zu hocken und irgendein imaginäres Turnier auszutragen. Deutschlandfunk bringt die neuesten Nachrichten über die allgegenwärtige politische Ratlosigkeit angesichts der vielen, vielen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Ich gehe zum Hochbett des Sechsjährigen, schaue einen kurzen Glücksmoment lang mein schlafendes kleines großes Kind an – so friedlich, so wunderbar – und kuschele es wach.

7.05 Uhr. Wir stehen vom Frühstücksstisch auf, die Kinder ziehen sich an, putzen Zähne und packen ihre Brotdosen und Trinkflaschen ein, damit wir gemeinsam und rechtzeitig losgehen können. So jedenfalls der Plan. In Wirklichkeit läuft der Zehnjährige um 7.25 Uhr mit einem Küchenmesser in der Hand die Treppe runter, um das Eis von seinem Fahrradsattel zu kratzen, während der Sechsjährige noch nicht mal richtig angezogen ist.

7.35 Uhr. Heute nacht war gar kein Frost, wie dumm, gerade heute hat der Sechsjährige endlich daran gedacht, sich eine lange Unterhose anzuziehen. Ich stecke das unbenutzte Küchenmesser in meine Handtasche, damit der Zehnjährige in der Schule keine Probleme bekommt, verabschiede mein großes Kind und gehe mit dem Sechsjährigen zur Schule.

8.08 Uhr. Ich bin pünktlich am S-Bahnhof, um die durchgehende Bahn zu kriegen. Prima. Ich hole mein Buch aus der Tasche, Jojo Moyes „Ein ganz neues Leben“; ein Auge liest, das andere hält nach einem freiwerdenden Sitzplatz Ausschau. Nach drei Stationen gibt es einen. Wunderbar.

8.40 Uhr. Büro. Gefühlte 75% meiner jährlichen Arbeit fallen zwischen Oktober und April an, gefühlte 15%  ausgerechnet in dieser Woche. Ich gehe panisch die 30 neuen Mails durch, die meinen Posteingang fluten, nicke viel zu zerstreut zu dem, was meine Büro-Kollegin von ihrem neuen Freund erzählt, die andere Kollegin hat ein krankes Kind, aber zum Glück auch eine Nanny, die einspringen kann, so dass sie zu Hause am Rechner sitzt und im Laufe des Tages eine Milliarde Powerpoint-Seiten erstellt, während ich mir die Finger blutig excele.

13.00 Uhr. Mittagspause. Mir klappern die Zähne vor Anstrengung. Spreche mit der Kollegin mit dem kranken Kind ab, wer von uns beiden am kommenden Freitagabend, Samstag und Sonntag wann arbeitet.

15.07 Uhr. Stehe am S-Bahnhof und hole mein Buch aus der Tasche. Es passt genau für so eine Stresswoche, nicht anspruchsvoll, mit einer Protagonistin, der es richtig, richtig schlecht geht und einem Mann, von dem man ziemlich schnell ahnt, dass er derjenige sein wird, der beim Happyend ihre Hand hält. 20 Minuten Eskapismus in der S-Bahn.

15.40 Uhr. Schnell in den Supermarkt. Brot; Walnüsse, die haben die Kinder sich gewünscht; Lieblings-Schokokekse und Lieblings-Mini-Schokoriegel. Habe mit meinen Kindern vereinbart, dass sie einmal in der Woche auch was Süßes in ihren Dosen haben dürfen.

15.55 Uhr. Der Sechsjährige kommt aus dem Klassenzimmer und umarmt mich. Schnell geht das bei ihm auch nachmittags nicht mit dem Anziehen. Auf dem Schulhof gebe ich meinen Schlüsselbund dem Zehnjährigen, damit der mit dem Rad schon vorfahren kann; dann ziehe ich den erschöpften Sechsjährigen an meiner Hand hinter mir her nach Hause, ein paar Straßen weit plauschend neben einer Mit-Mama und die ganze Zeit unter diesem leuchtend blaugrauen Novemberhimmel, der so garnicht zu der müden herbstbraunen Stadt passt, sondern aus einer ganz anderen Welt ausgeschnitten und mit dieser hier zu einer Collage zusammengeklebt worden zu sein scheint.

16.40 Uhr. Ich fülle die Trinkflaschen neu, packe das Sportzeug ein, versuche Zahnarzttermine für uns alle zu vereinbaren, verabrede den Sechsjährigen für Freitagnachmittag mit dem Sohn der Freundin des Vaters meiner Kinder zum Spielen, verabrede mit dem Vater meiner Kinder, dass er am Samstagnachmittag die Kinder nimmt, damit ich arbeiten kann, trage den Plätzchenbacktermin mit unserer ehemaligen Nachbarin in den Kalender ein, bringe den Zehnjährigen dazu, seine Schularbeiten zu erledigen, wickle einen Strang Wolle zu einem Knäuel und trinke einen Kaffee.

17.25 Uhr. Wir sitzen im Bus zum Sportverein. Sehnsüchtig gucke ich aus dem Busfenster zur Schwimmhalle. In die Sauna möchte ich mal wieder, oh, wär das schön. Gehe im Kopf die nächste Woche durch. Dienstag vielleicht?

18.00 Uhr. Die Jungs turnen. Ich setze mich ins „Casino“ der Turnhalle und hole mein Strickzeug raus.

18.25 Uhr. Ich scheitere komplett an der Strickschrift für ein Lochmuster. Allein die Frage, ob es von links oben nach rechts unten oder von rechts unten nach links oben zu stricken ist, eröffnet zu viele Möglichkeiten, etwas falsch zu machen. Um die wartenden Kinderturneltern herum wird der triste Turnhallenaufenthaltsraum für eine Hochzeit geschmückt, es ist ein komisches Gefühl, in anderer Leute Hochzeitsvorbereitungen zu geraten. Ich versende ein paar Hilfe-ich-bin-so-allein-sms; Antworten summen ins Handy. Der liebste Freund ist auf dem Weg zur Lesebühne; die Besuchsfreundin konnte heute ihr Haus nicht verlassen, weil jemand das Schloss so sehr kaputtgemacht hatte, dass es von innen nicht mehr zu öffnen war. Abenteuer überall.

19.30 Uhr. Meine Söhne ziehen sich um, wir gehen zum Bus. Auf der Heimfahrt gucken sie hinten aus dem Busfenster und addieren blitzschnell die Ziffern aller Autokennzeichen, die sie sehen. Der Sechsjährige kommt auf eine Zahl weit über Tausend, bevor wir zu Hause sind.

20.15 Uhr. Wir essen zu Abend. Der Zehnjährige und der Sechsjährige leeren die ganze Tüte Walnüsse und versuchen – inspiriert von der Sendung mit der Maus – Walnussöl aus den Stückchen zu pressen. Der Sechsjährige macht ein großes Gezeter, weil er beim Tischabräumen mit seinem Bruder den Brotteller der Tischhälfte findet, für die er zuständig ist. Brot wegzuräumen findet er einfach zu mühsam, wegen der Tüte. Ich wasche ab und hätte furchtbar gern ein zweites Paar Arme und Hände, um mir die Ohren zuzuhalten.

20.35 Uhr. Der Sechsjährige liegt im Bett, wir versöhnen uns. Ich war aber auch eine ganz schöne Nörgel- und Schimpfmama eben, sage ich, um mich zu entschuldigen; und ich, sagt der Sechsjährige, war ein ganz schönes Nörgel- und Schimpfkind. Wir sind halt verwandt, sage ich – und wir kichern und umarmen uns und vergessen den Streit.

20.55 Uhr. Der Zehnjährige liegt im Bett und wir reimen Unsinn, eine wilde Ballade mit Made, schade, Gnade, Marmelade – der Zehnjährige steuert noch Brigade und Barrikade bei, gerade fällt uns noch ein und, ach ja: malade. Endlich erzählt er ein bisschen von der Schule, also bleibe ich einen Moment bei ihm stehen, obwohl es so spät ist. Bleib hier, Mama, sagt mein großer Sohn, schlaf doch hier! – Morgen, nehmen wir uns ganz fest vor, legen wir die Matratze des Sechsjährigen mit dem Hausstaubmilbenbezug vor die große Kuschelmatratze im Zimmer des Zehnjährigen und schlafen alle drei nebeneinander, das haben wir schon viel zu lange nicht mehr gemacht. Na hoffentlich muss ich morgen abend nicht mehr zu lange arbeiten, denke ich… aber irgendwie wird das schon gehen.

21.15 Uhr. Schmutzige Wäsche, volle Mülleimer, ungeöffnete Post ignorieren. Schnell Haare waschen. Ins Bett kuscheln, Rechner an. Gebloggt habe ich auch schon viel zu lange nicht mehr.

Sommer, Teil II

Traurig gebe ich meine Kinder bei ihrem Vater ab. Wir sind drei Wochen zusammengewesen – das hat uns „trennungsverwöhnten“ Wechselmodellern richtig, richtig gutgetan. Trotzdem freue ich mich auf die Tage, die ich jetzt mal wieder allein verbringen werde. Ich merke, dass ich mich tatsächlich besser, erholter fühle als vor dem Urlaub.

Innerhalb eines einzigen Tages stürze ich die Wohnung in ein großes kreatives Chaos: Das Zimmer des Sechsjährigen ist halb ausgeräumt, Tischplatte und höhenverstellbare Beine für seinen Schulschreibtisch und Bretter für ein neues Regal liegen herum, Werkzeuge und ein Farbeimer mit einem Rest eingetrockneter weißer Wandfarbe, den ich später mit etwas Wasser und einem Schulpinsel so weit wiederbeleben werde, dass ich Flecken und Macken auf der Tapete und mit – äh, ja – Fugenmörtel zugegipste alte Bohrlöcher überpinseln kann. In meinem Zimmer steht die Matratze des Kinderbettchens, das der Sechsjährige unbedingt noch behalten will, inmitten von Stoffen, mit denen ich sie beziehen und das Kinderbettchen vielleicht in eine Kuschelhöhle verwandeln will. Auf dem großen Tisch liegen die Schulmaterialien, die ich schon besorgt habe, daneben die Materiallisten mit all dem, was noch fehlt. Eine coole Zuckertüte und ein Plüschfußball warten darauf, in ein sicheres Versteck zu wandern. Ein Berg zu klein gewordener Kindersachen liegt zum Sortieren auf dem Sessel. Auf meinem Sofa hat das Strick-Lager eröffnet, bergeweise Wolle und Zettel mit handgeschriebenen Maschenrechnungen; Nadelspiele und Schere warten auf den Abend, wenn ich den Krimi anschalte und meine fünf äußerst störrischen Nadeln beschimpfe, während ich eifrig an einer Mütze für den Sechsjährigen arbeite, die (leider sehe ich das erst am Ende) komplett misslingt.

Ich ziehe durch die Stadt, kaufe mir endlich – endlich! – eine neue Handtasche, gebe mein letztes Bargeld im Secondhandladen für ein Sommerkleid aus. Ich schaue auf dem Friedhof nach dem Rechten und pflanze Chrysanthemen nach, wo die Schnecken sich die Studentenblumen zum Nachtisch geholt haben.
Ich fahre ganz alleine an meinen Lieblingsbadesee und schwimme und schwimme und schwimme…  Ich frohlocke, als ich sehe, dass meine Wetterapp optimistisch ist und für die ganze Woche warme Temperaturen ankündigt.

Es ist Sommer, im Büro ist es friedlich, die Seen locken, ich habe wieder Ideen im Kopf und Lust zu leben.
So soll es sein.

Reif für die Insel: Und los!

Ich habe zwei Koffer und meine dicke Kraxe beladen. Mich in der App festgespielt, die ich fur die Kinder aufs Smartfon geladen habe. Dem Vater meiner Kinder in einer schwachen Minute das Versprechen abgeluchst, meinen Balkon zu gießen. Und dann ungefähr acht Stunden mit dem Zehnjährigen, dem Sechsjährigen, dem Smartfon und viel zu vielen Menschen auf der langen Reise auf unsere Urlaubsinsel zugebracht.
Vor das Meer haben die Götter die Regionalbahn gesetzt, hieß das nicht so?
Es handelt sich um ein Experiment: einen richtigen, ausgewachsenen, zehntägigen Urlaub habe ich noch nie allein mit meinen Söhnen gemacht. Ich hatte immer zu viel Angst, dass das Alleinsein mit den Kindern im Urlaub, in dem ich mir doch auch Anregung von und Kommunikation mit Erwachsenen wünsche, mich gar zu traurig machen würde. Inzwischen – und weil uns alle zu anstrengend finden, um mehr als eine Woche mit uns zu verbringen und weil mir eine Woche einfach nicht reicht – traue ich mir zu, dass es trotzdem schön wird.
Und jetzt sind wir da. Heija, Urlaub!

Weiterschreiben

Ich sitze auf meinem Balkon, der in diesem Jahr ein grüner Dschungel ist – mit Ringelblumen, die reichlich Samen ansetzen; Winden, die haufenweise sorgfältig gerollte Blütenknospen für morgen tragen; den blühenden Lilien und der Tomatenpflanze, die sich unter der Last ihrer Früchte schwer auf die Seitenlehne meiner Balkonbank stützt; mit windschiefen Sonnenblumen und einer unter einer wild ausgesamten blauen Winde beinahe erstickten Papkrikapflanze, die eine einzige kleine blässliche Frucht angesetzt hat.

Vor dem Balkon rauscht der Regen und bringt ein wenig Abkühlung nach einem weiteren heißen Tag. Ich sitze hier und denke über das Weiterschreiben nach.

Ich möchte meinen Blog nicht aufgeben.

Aber mein Lebensgefühl (ach, dieses schöne deutsche Gefühlswort – ) hat sich so sehr verändert, dass ich nach einer Form des Weiterschreibens suchen muss, die jetzt für mich passt.

Das ist schwierig.

Was geschieht da gerade?
Vieles verändert sich.

Das Weiterwachsen unseres Wechselmodells wird die Zeit verkürzen, die ich ohne Kinder verbringe. Die beiden sollen um einen Tag versetzt wechseln, um auch Aktivitäten zu ermöglichen, die mit beiden Jungs gemeinsam schwierig sind. Zusätzlich soll der Zehnjährige an einem Tag der Woche über seinen Aufenthalt selbst entscheiden können; er äußert seinen Willen, es ist nicht mehr einzusehen, ihm ohne Berücksichtigung seiner Interessen vorzuschreiben, wann er sich bei seinem Vater oder mir aufzuhalten hat.

Überhaupt wird der Zehnjährige selbständiger. Die ersten Wege außerhalb unseres Kiezes darf er seit diesem Frühjahr allein zurücklegen. Seit der Fahrradprüfung besteht er darauf, allein mit dem Rad zur Schule zu fahren – und ist, wenn hitzefrei angesagt ist oder sein Bruder zum Schwimmen geht, auch schon mal gerne allein zu Hause.

Für mich bedeutet letzteres Erleichterung, ersteres aber weniger als früher die Möglichkeit, mein „eigentliches“ Leben – das, was ich als „eigentlich“ empfinde – in die Zeit zu verlagern, in der meine Söhne bei ihrem Vater sind. Mein „wirkliches“ Leben ist mein Familienleben. So sollte es ja auch sein – oder nicht?

Ach, das große Berlin, voller Leben und Möglichkeiten und Verlockungen. In den letzten fünf Jahren hatte ich fast immer mehr Ideen und Pläne, als sich realisieren ließen. Weder zum Zen noch zum Flamenco bin ich je wirklich gegangen; habe keinen Schreibkurs besucht und bin keiner Wandergruppe beigetreten. Aber von all dem habe ich geträumt, habe mir eingebildet, ich könnte, ich könnte ja, eigentlich jederzeit, sobald dieser oder jener Punkt von der To-Do-Liste abgearbeitet wäre.

Aber seit längerer Zeit schon kommen mir all die wunderbaren Möglichkeiten unrealistisch und mein abenteuerlustiger Übermut weit, weit entfernt vor. Es ist, als ob das, was ich nach der Trennung vom Vater meiner Kinder an mir selbst – unabhängig von meiner Rolle als Mutter – wiederentdeckt habe, nun wieder von mir abfällt. Weil es einen enormen Kraftaufwand bedeutet, das Leben von zwei Grundschulkindern zu organisieren. Weil die Büroarbeit über ihre nett gedachte 80%-Begrenzung in die Abende und Wochenenden suppt. Weil es mir nicht mehr reicht, wichtige, nährende Beziehungen nur in dem Teil meines Lebens zu leben, in dem ich „kinderlos“ bin.

Weil ich so müde bin.

Mehrfach ist mir in den letzten Monaten der Begriff der „Rush-Hour des Lebens“ für diese Jahre begegnet, in denen alles auf einmal wichtig ist, Beruf und Kinder und, wenn möglich, auch noch die Verwirklichung diverser Träume, Reisen und Eigenheimprojekte.
In der neuesten Ausgabe von Publik Forum erzählt ein Artikel davon, dass es genau diese Überforderung mit verschiedensten Themen ist, die es in der „Lebensmitte“ so schwer macht, neue Freunde zu finden. Die meisten Menschen haben schlicht zu wenig Zeit, um den Kontakt zu neuen Menschen aufzubauen. Und da ist was dran. Für die Bekannten und Nachbarn, die uns in den letzten Jahren durch Umzüge „verlorengegangen“ sind, sind kaum neue nachgekommen. Keiner meiner Hausnachbarn nimmt meine Einladung an, als ich im Hinterhof mit Familie und guten Freunden (doch, die gibt es…) feiere und nicht nur mit einem Aushang im Treppenhaus einlade, sondern auch mehrere Familien im Haus direkt anspreche und zu Kuchen und Kaffee bitte. Alle sind zu beschäftigt.

Die Konsequenz ist, dass da manchmal tagelang kein anderer Erwachsener ist, mit dem ich außerhalb von Büro- und Kindergartenhallihallo rede. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich das leicht ändern würde.

All das macht mich in den letzten Monaten still, nachdenklich und zurückgezogen. Es gibt wenig zu schreiben über mein Leben; wenig kommt mir berichtenswert vor.

Alles wird erst einmal einfach genau so weitergehen, denke ich.
Aber auch: wer weiß, wozu diese Zeit gut ist. Und was – irgendwann – Neues kommen wird.

Weiterschreiben also. Vielleicht selten. Vielleicht in kurzer Notizform. Wahrscheinlich immer wieder von den selben Themen. Und davon, wie es weitergeht.

Junileben

Die Linden duften. Touristen schwärmen aus. Eltern sitzen mit bekleckerten Kleinkindern vor den Eisdielen. Auf dem Gehsteig vor „Moneygram“ am Kottbusser Tor liegen händeweise rote Papierherzchen. Junge schöne Menschen chillen bei Lounge-Musik in coolen Cafés.

Das ist der erste Tag seit mehr als drei Wochen, an dem ich ohne Kinder in Berlin unterwegs bin, ganz allein. Ich bringe ein Päckchen zur Post; ich gebe zwei Karten für ein Konzert, das ich nicht besuchen werde, in Kommission. Ich erzähle mir selbst das Ende einer Geschichte.

Oranienstraße. Linke Kleiderlabels haben schöne Sachen rausgehängt. Aus der Auslage vom  Obsthändler duften die Erdbeeren meterweit. Beim Blumenladen am Schlesischen Tor kann man Kornblumen und ganz kleine Weinstöcke kaufen; Landleben für den Balkon, Sehnsucht im Topf. Aber ich bin heute im Kaufnichtsrausch, ich laufe durch SO36 und bin glücklich, weil die Linden blühen.

Die Orte, denen wir uns schenken, schreibt Rebecca Solnit in ihrem Buch „Wanderlust“, schenken sich uns zurück; mit der Fülle der Assoziationen und Erinnerungen, mit denen wir an ihnen verweilt haben. So ein Geschenk ist dieser Nachmittag.

Grippe in der Großstadt [*txt.]

Schon genug Müdigkeit aus der Woche mitgebracht, dem Dreieck aus
Arbeit, Schule, Kindergarten, Haushalt, Sportverein (nein, es sind fünf, zwischen denen ich – )
Samstag Großputztag. Am Sonntagmorgen
kommt der Sechsjährige um fünf zu mir, Mama? Psst, sage ich, still, ich will schlafen.
Ergeben kuschelt mein Sohn sich zu mir, ganz still, aber ich merke
dass er wärmt wie ein heißer Stein, schon fast bei 39 das Fieber.

Später schlägt das Paracetamol nicht an. Wadenwickel. 40 Grad, 40,2. Der Kindsvater
nicht zu erreichen. Ängstlich ans Telefon, Kinderrettungsstelle, ab wann muss ich,
was kann ich noch? – Der Zehnjährige fährt zur Notapotheke.
Dann Ibuprofen und Paracetamol im Wechsel. Tee löffelchenweise, weil der Kleine
erbricht. Der Große schwankt zwischen Sorge – bei 42 Grad stirbt man! –
und Quengeln: Mama, spielst Du mit mir? Drei Runden Schach
neben dem Krankenbett. Und Wadenwickeln. Abends
darf der Zehnjährige das Fußball-WM-Finale auf DVD gucken, der Kleine schläft, endlich.

Schlechte Nacht.

Am nächsten Tag Kinderarzt, zwei Stunden, die der Sechsjährige besser
im Bett verbracht hätte. Ja, ein Virus. Drei Krankschreibungen,
weil der Vater des Kleinen und ich uns die Pflege aufteilen wollen.
Das Fieber geht hoch. Milliliterweise trinkt mein Sohn Tee, jammert nach jedem Schluck
über Bauchschmerzen, schafft kaum den Weg zur Toilette. Wieder
Ibuprofen und Paracetamol abwechselnd, dazu wieder Wadenwickel. Immer wieder.

Ich fantasiere mir
eine Großmutter, die mit einem Topf Suppe unterm Arm vor der Tür steht; Nachbarn,
die klingeln und fragen, was sie vom Einkaufen mitbringen können;
einen neuen Partner, der anbietet, den Zehnjährigen zwei Stunden
zum Fußballplatz mitzunehmen – und dann über Nacht bleibt.

Aber alle, die ich fragen könnte (und dann hebe ich mir die Frage
doch lieber für den nächsten, einen größeren Notfall auf)
sind mit ihren eigenen Leben ausgelastet. Oder weit weg.
Oder beides. (Und hätte ich etwa, zwischen Arbeit und Haushalt und Kindern, noch Kraft, zu helfen, wenn einer mich bräuchte? Aber so sollte das Leben nicht sein…)

Am Abend dann Zeit für ein paar sms. Eine Freundin erreichbar – ja, das Fieber noch hoch,
aber er schläft jetzt, ja, wird schon werden. Und bei Dir? –
Das muss reichen. Und ja: es reicht aus,
um nicht in den Abgrund
aus Erschöpfung und Einsamkeit
zu stürzen.


Dieser Text ist Teil des [*txt.]-Projektes.

So eine Woche

Am Montagmorgen wechseln meine Kinder zu ihrem Vater. Nach der Arbeit gehe ich zum Zahnarzt, der findet, dass alles in Ordnung ist, sogar die alte Amalgamfüllung, die er vor einem Jahr als undicht bezeichnet hat. Und dann gehe ich aus. Dazwschen rufe ich die Berliner Bäderbetriebe an und erfahre, dass die Schwimmkurse, zu denen ich den Sechsjährigen und den Zehnjährigen anmelden möchte, nun doch nicht „frühestens am 16. Februar“, sondern schon am Dienstag verkauft werden.

Am Dienstagmorgen stehe ich fünf vor sechs vor der Tür der Schwimmhalle. Eine Stunde später – so habe wohl nicht nur ich gehört, sondern auch die anderen beiden Eltern, die sich wie ich unter die Frühschwimmer mischen – ist der einzige Seepferdchenkurs, der sich mit üblichen Bürostunden vereinbaren lässt, nämlich immer schon ausgebucht. Ich melde den Sechsjährigen und seinen Freund, den Sohn der Hinterhoffreundin des Vaters meiner Kinder, zum Seepferdchenkurs an. Der Bronzekurs für den Zehnjährigen fällt aus, weil die Berliner Bäderbetriebe kein Geld mehr haben, um unsere Schwimmhalle samstags zu öffnen. Dann gehe ich heim und schreibe jemandem, der gerne hätte, dass ich ihn liebe, dass ich ihn nicht lieben werde. Dann gehe ich arbeiten. Hinterher addiere ich alle Kinderausgaben des letzten halben Jahres zusammen und rechne aus, wie viel ich dem Vater meiner Kinder nach Abzug meiner Kinderausgaben von seinen zum Ausgleich noch überweisen muss. Dann recherchiere ich im Internet, wie ich den neuerdings besonders schlappen Sechsjährigen besser ernähren kann, damit er trotz seiner äußerst selektiven Essgewohnheiten keinen chronischen Eisenmangel entwickelt.

Am Mittwoch kaufe ich nach der Arbeit einen Pilgerführer für den Weg von München an den Bodensee. Und dann alle eisenhaltigen Getreideflocken, die ich kriegen kann. Und Reismilch. Und Sesam. Dann rufe ich die nach Köln verzogene Patentante des Sechsjährigen an und plane unseren Besuch in den Osterferien und dann rufe ich meinen wilden Großcousin in Hessen an und plane unseren Besuch in den Osterferien und dann kaufe ich drei Fahrkarten für die Osterferien. Dann spreche ich mit meiner großen Schwester, die uns im Sommer gern für eine Woche mit nach Dänemark nehmen würde – aber nur ausgerechnet die mittlere von unseren drei Urlaubswochen anbietet, was mein schönes diesmal-aber-nicht-nur-eine-Woche-Sommerurlaub-Konzept zu zerstückeln droht. Ich erschlage eine Motte. Dann suche ich nach Urlaubsalternativen. Ein Zelthotel am Plauer See mit Dauerregen? Ein einsames Ferienhaus in Schweden mit Mankell-Krimi-Stimmung? Ein Ferien-auf-dem-Bauernhof-Bauernhof weitab von der nächsten asphaltierten Landstraße? Ich erschlage drei Motten. Ich stelle Anfragen an insgesamt 13 Familienferienstätten, einziges Auswahlkriterium neben meinem Wunschtermin ist „ein Schwimmbad“.

Am Donnerstag auf Arbeit fällt mir ein, dass ich bei meinen Anfragen an die Familienferienstätten das falsche Anreisedatum angegeben habe. Ich rufe die Kinderärztin an und mache einen Termin aus, an dem der Sechsjährige ein Schwimmfähigkeitsattest für seinen Schwimmkurs ausgestellt bekommen kann. Nach der Arbeit kaufe ich eine neue Druckerpatrone, damit ich meine Fahrkarten für die Osterferien ausdrucken kann. Und neues Mottenschutzpapier für die Kleiderschränke. Ich telefoniere mit meinem Vater, der bald einen runden Geburtstag feiert, und dann buche ich eine Fahrkarte für die Reise zu seinem runden Geburtstag. Ich drucke meine vier Fahrkarten aus. Ich nehme die Sterne vom zu zwei Dritteln abgenadelten Weihnachtsstrauß des Sechsjährigen ab und packe die Weihnachtskisten endlich weg. Ich suche einen Kinofilm raus, den ich am Wochenende mit meiner Kinofreundin sehen möchte. Ich suche ein Café raus, in dem ich am Wochenende mit dem Menschen frühstücken und reden kann, dem ich geschrieben habe, dass ich ihn nicht lieben werde. Ich reserviere einen Tisch. Ich verzweifle ein bisschen. Ich rufe die Besuchsfreundin an, die am Wochenende umziehen wird, und lenke sie mit meinem Gejammer von ihren Umzugssorgen ab.

Am Freitag rufe ich vom Büro aus drei Familienferienstätten an, die auf meine Anfrage reagiert haben. Kann man von der Nordsee aus nach Dänemark gelangen? Und wenn ja: wie? Ich überweise dem Vater meiner Kinder das Geld, das ich Anfang der Woche ausgerechnet habe. Ich bezahle die Rechnung vom Sportverein für den Sechsjährigen. Stelle die Waschmaschine an. Ich hole den Zehnjährigen vom Vater meiner Kinder ab, der gerade gemütlich mit seiner Hinterhoffreundin zusammensitzt, während ihr Sohn mit unseren Kindern spielt. Ich fahre mit dem Zehnjährigen zur Therapiestunde. Hinterher kaufen wir – unsere kleine, geheime Freitagabendtradition – einen Döner an der neuen Dönerbude im S- Bahnhof. Abwechselnd, mein Sohn genauso gierig wie ich, fallen wir über den Döner her. Wir schlendern ganz langsam, damit er aufgegessen ist, wenn ich meinen Sohn wieder bei seinem vegan lebenden Vater abliefere. Ich gebe dem Sechsjährigen einen wir-sehen-uns-am-Montag-Kuss und werfe dem Zehnjährigen, dessen neuen Spiel-Hubschrauber der Sohn der Hinterhoffreundin des Vaters meiner Kinder gerade zerstört hat und der mir deshalb nicht richtig „Tschüss“ sagen kann, eine Kusshand zu. Dann gehe ich heim und hänge Wäsche auf. Die frisch gewaschene Wäsche vom letzten Wochenende liegt auch noch rum. Und der Stapel mit den amtlichen Briefen der letzten sechs Wochen liegt noch so unberührt da wie am Montag.

Nach einer Woche wie dieser wünsche ich mir, nicht pausenlos das Leben von drei Menschen organisieren zu müssen. Mich nicht pausenlos um alles, alles kümmen zu müssen. Nicht ständig Entscheidungen treffen, nicht ständig Alternativen durchdenken zu müssen.

Nach einer Woche wie dieser wünsche ich mir, ich könnte mich daran erinnern, wie sich ganz viel unverplante Zeit anfühlt, und wie es sich anfühlt, einen ganzen Tag lang einfach irgendwas zu tun. Nach einer Woche wie dieser frage ich mich, ob ich das überhaupt noch kann: Faulenzen. Muße.