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Es novembert, draußen und drinnen

Fürs Wochenende hatte ich mir nochmal eine Wanderung in Brandenburg vorgestellt, letzte Pilze, letztes Herbstlaub, tief atmen und so; außerdem ein gemeinsames Frühstück mit der anderen Mitmutter. Es wurde dann alles ganz anders.

Die Mitmutter fuhr an die Ostsee, letztes Herbstlaub und so; aus der Wanderung wurde wegen zeitintensiver Schulaufgaben nur ein Ausflug in den Britzer Garten mit dem Zwölfjährigen. Ein kurzfristiges verabredetes Telefonat mit der Patentante des Zwölfjährigen kam nicht zu Stande, weil ihr Smartfone mich sofort zur Mailbox durchstellte und ihr dann weder Anruf noch Nachricht anzeigte. Technik ist doof. Selbst mal anrufen hätte sie trotzdem können. Die Nachbarin, mit der ich spontan eine Waldrunde drehte, hatte Redebedarf, also stellte ich ein Ohr zur Verfügung und nahm meinen Wunsch nach selber auch reden und fröhlich herumalbern wieder mit nach Hause. Später gab es beides mit der großen Schwester am Telefon und noch später mit dem Hannoverliebsten, das war fein.

Bedrückt und lustlos in die Woche gestartet. Auf der To-Do-Liste sammelten sich Papierstapel, für die ich einfach keine Energie aufbringen konnte, stattdessen nur kleine, konkrete Tätigkeiten: Kleidersäcke zum Container gebracht, Blumenkästen zum Überwintern in den Keller gestellt, mehr Salat geschnippelt, aus den restlichen Äpfeln Apfelmus und zweimal Kürbissuppe mit Äpfeln gekocht (sehr lecker – ich dachte, dass ich garnicht der Kürbissuppentyp bin, aber es hat wohl nur am richtigen Rezept gefehlt).

Der Sechzehnjährige hatte sich von einer Veranstaltung-mit-Jugendlichen eine Erkältung mitgebracht und blieb einen Tag zu Hause; der Zwölfjährige schrieb Matheolympiade und ich stellte mich wie im letzten Jahr zur Mithilfe bei der Korrektur zur Verfügung. Immerhin eine Entscheidung, eine lange Liste mit anderen (Möchte ich viel Geld für eine sehr kurze Weiterbildung ausgeben? Brauche ich eine andere Zahnzusatzversicherung, als die, die ich schon habe? Was schenke ich bloß allen zu Weihnachten und werden meine Kinder es akzeptieren, wenn sie dieses Jahr erstmals nicht den traditionellen Adventskalender mit den selbstgenähten Beutelchen bekommen? Wie dringend möchte ich meine Autofahrkünste auffrischen, wenn ich nicht vorhabe, mir ein Auto anzuschaffen? etc.) wartet noch.

Auf der Seele liegen außerdem die Flüchtlinge an der polnischen Grenze. Dieser Klimagipfel. Und die Coronazahlen, ach. Der liebste Freund weiß, dass in Berlin jetzt alle Anspruch auf eine Booster-Impfung haben und siehe da: Es ist gar kein Problem, einen Termin für Anfang Dezember in einem der beiden noch geöffneten Impfzentren zu buchen, der mich sofort nervös macht: Werde ich bis dahin gesund bleiben? Muss ich wieder einen oder zwei Tage mit Fieber einplanen? Trotzdem eine klare Entscheidung, ich will diese Zusatzimpfung, wenn die Möglichkeit besteht.

Und stellen Sie sich vor: unser Waldhäuschen – in dem wir seit zehn Jahren immer in den Herbstferien Zeit verbracht haben, das eigentlich gefühlt nur für uns da steht – ist im nächsten Herbst schon ausgebucht. Es muss ein Plan B her, dafür ist es vielleicht sowieso an der Zeit. Aber wissen wir, ob man dann z.B. nach Paris reisen kann – was der Sechzehnjährige sich wünscht – oder ins Baltikum – worauf ich gerade viel Lust bekomen habe?

Heute morgen dann die Auflösung: Die allgemeine Energielosigkeit kam wohl daher, dass ich mich beim Sechzehnjährigen angesteckt habe, bin nun auch ordentlich erkältet. Kein Corona, sagt der Test; das war auch das Ergebnis beim Sechzehnjährigen. Der Kopf brummt ordentlich, also krankgemeldet. Fahrt nach Hannover verschoben, das drückt die Stimmung noch mehr. Geschlafen, gelesen, Kürbissuppe gegessen, vertrocknete Sahnereste unklarer Herkunft aus dem Kühlschrank geputzt. Viel, viel heißer Tee.

Mirakel am Totholz, überstehende Zahnfüllungen, vom Wiederfinden und vom Kofferpacken

Letztes Wochenende in Hannover hatte der Hannoverliebste ein Stattauto gemietet, und nach einigem Hinundher wegen des unentschlossenen Wetters entschieden wir uns gegen Solebad und für Waldwanderung. Dieses Mal im Ith, einem dieser Höhenzüge am Übergang vom Norddeutschen Flachland ins Niedersächsische Bergland. Hannover liegt ja sehr fein zwischen beidem, wie ich gelernt habe.

Waldwanderung bedeutet inzwischen immer, sehr viele sterbende Bäume zu sehen. Der Ith war da keine Ausnahme. Obwohl ich mal irgendwo gelesen habe, dass Eschen den Klimawandel besser abkönnen als andere Bäume, ging es denen dort garnicht gut. Nahe am Weg gab es immer wieder Eschenstämme, an denen die Rinde schon stellenweise fehlte und den Blick auf Borkenkäferfraßmuster freigab, die ich – eine vage Erinnerung – zum ersten Mal vor vielen Jahren in einem Kinderbuch gesehen habe. Ich wusste jedenfalls sofort, dass es sich um Borkenkäferfraßspuren handelte. Wenn die Eschen noch nicht ganz tot waren, leuchteten diese entdrindeten Stellen ganz hell, und die Bäume sahen wund und verletzt aus.
Ein Stück weiter – wir mussten einen eher kleinen Runderwanderweg gehen, weil diverse Knie, Hüften und Füße der Meinung waren, dass eine Wanderung mit ihnen nicht abgesprochen sei – gab es dann einen riesigen, schon länger gestürzen Buchenstamm, dessen Pilzbewuchs wir als Zunderschwamm identifizieren konnten. Gelernt: Aus der weichen, sporentragenden Schicht unten am Pilz machte man früher wirklich Zunder, die Schicht wurde getrocknet, gekocht, mit Urin behandelt (ähem, doch ganz schön, dass Streichhölzer erfunden wurden) und diente dann dazu, mit Feuersteinen geschlagene Funken aufzufangen und davon in Brand zu geraten. Der Zunderschwamm verfügt über die Superkraft, die Wuchsrichtung zu ändern, wenn der Baum, den er befallen und dessen Holz er zersetzt hat, stirbt und umstürzt – Geotropismus heißt das, der Pilz wächst einfach in eine andere Richtung weiter, immer so, dass seine sporentragende Schicht nach unten zeigt, damit die Sporen herausfallen können.
Noch ein Stück weiter gab es dann seltsame, kleine, schwarze, keulenförmige Pilze, die aus schon ganz bemoosten toten Stämmen guckten: „Dead man’s fingers“, heißen die sehr sprechend auf Englisch, „Vielgestaltige Holzkeule“ gibt den Gruselfaktor dieser Pilzart nicht so nett wieder.
Außerdem gesehen, bestaunt und bewundert, wie Buchen auf Felsen wachsen und ihre Wurzeln sich in den Spalten der Steinbrocken entlangschlängeln, bis sie irgendwo, Meter und Meter weiter, ein wenig Erde finden.
Hatte ich erwähnt, dass ich Bäume sehr liebe und sehr, sehr gerne neue Dinge über Bäume und Pilze und Pflanzen jeder Art lerne?

Am Sonntag reiste ich zurück nach Berlin und leistete am Nachmittag dem Zwölfjährigen Gesellschaft, der endlich sein Herbarium fertigstellte.

Die Woche dann sehr alltäglich und arbeitsreich; den strahlendblauen Himmel und perfekten Herbstsonnenschein vor allem durchs Bürofenster gesehen. Ein Zahnarzttermin, bei dem ich zum zweiten Mal und bezogen auf eine zweite Füllung hörte, dass sie ein wenig überstehend sei. Beide Male bezog sich das auf Füllungen, die ich knapp 20 Jahre mit mir herumtrage und die niemals vorher irgendwelche Probleme und Beschwerden verursacht haben. Schrumpfen denn meine Zähne beim Älterwerden? Oder was ist das für eine seltsame Zahnarztbegründung für jede Art von Zahnfleisch- und Zahnbeschwerden? Der kaputte Zahn jedenfalls, der weiter fröhlich in meinem Mund herumstört und nicht wirklich belastbar ist, soll im Winter dann statt des Provisoriums nochmal eine Kunststofffüllung bekommen; nicht aber – so viel steht fest – ohne dass ich dazu noch eine zweite Meinung einhole. Wünsche mir dann und wann, ich hätte nicht gegoogelt, wofür dieser Zahn in der esoterischen Lehre steht: natürlich für den Alltag, das passt einfach zu gut, aber ich glaube ja garnicht an sowas…

Was schön war: In der Tasche der alten Regenjacke die verloren geglaubte Hülle des Regenponchos wiedergefunden und in der Tasche einer lange nicht getragenen Hose die noch viel länger verloren geglaubte Armbanduhr.

Am Samstag vorgearbeitet, der Handel mit meiner Chefin ist, dass ich dafür am Montagmorgen nur noch zwei Stunden Übergabe mit diversen Kolleg:innen machen muss und dann Schluss machen und abreisen kann. Sehr guter Deal. Koffer und Rucksäcke sind inzwischen gepackt, morgen am späten Mittag kommen wir beim Waldhäuschen an, zum – Jubiläum! – zehnten Mal. Nach dem Zaunlatten-Zaunfelder-Prinzip bedeutet das, dass wir vor neun Jahren zum ersten Mal dort waren, der Zwölfjährige damals drei, der Sechzehnjährige sieben Jahre alt.
Wir werden uns erinnern, Waldhäuschengeschichten (von Pilzen, Beeren, Freunden, Ausflügen, Wanderungen, Sternbildern, Federballrekorden, Bastelprojekten und von noch mehr Pilzen) erzählen, in das vertraute, über all die Jahre gewachsene Glücksgefühl eintauchen, das uns immer wieder an diesen Ort zurückkehren lässt.

Herbstanfang auf dem Wasser, Potsdamansichten, Tigervierlinge mit Kniefehlstellung

Ich habe mein Fahrrad wieder! Der Hannoverliebste brachte es am letzten Mittwoch zurück und hatte für eine fast halbe gemeinsame Woche sein Homeoffice in einer meiner Fahrradtaschen dabei.
Leider erwischte er mich auf dem Tiefpunkt einer familiären Stressphase, in der mein Kopf von gepressten Baumblättern, unerwarteten Rechnungen und Wechselmodell-Abstimmbedarfen schwirrte und meine Stimmung ziemlich gelitten hatte. Mit dem Einsetzen des Wochenendes wurde das zum Glück besser, der Hannoverliebste kochte zum Freitagabend seine wunderbare Bolognesesauce, das beste Essen, um sich an einem Küchentisch zusammenzusetzen und über schwieriges zu reden.

Ja, mich drückt das Zuviel an Alltagsaufgaben leicht „unter Wasser“. Ja, ich bin dann unleidlich und kleinlich, empfinde den Wunsch meines Partners nach Aufmerksamheit und Interesse als zusätzliche Belastung; hätte gern, dass der andere mir einfach den Rücken frei hält, am liebsten errät, was ich brauche – ein ziemlich unerfüllbarer Wunsch.

Am Samstag rafften wir uns auf, schnappten unsere Fahrräder und schoben sie in eine Bahn nach Potsdam. Ich hatte Karten für einen Abendslot im Barberini-Museum ergattert; der Hannoverliebste wollte einmal am Schloss Sanssouci vorbeiradeln, das ließ sich gut kombinieren. Wir staunten beide über die schiere Größe des Parks, die Menge der dort zu besichtigenden Schlösschen und Häuser; auch darüber, wie klein Schloss Sanssouci ist und dass es von außen relativ heruntergekommen aussieht. Mich erfreuten besonders die bepflanzten Terassen vor dem Orangerieschloss mit bunten Salbeisorten, Artischocken und Wasserspielen, und ich habe fest vor, den Ausflug bei besserem Wetter und mit Zeit für die Besichtigung von ein, zwei Schlössern zu wiederholen.
Potsdam mit den Fahrrädern zu erkunden, war eine supergute Idee – erstmals bekam ich eine Vorstellung davon, wie sich in dieser Stadt, die ich als „planlos zusammengewürfelt“ empfinde, der Park, die Innenstadt, das Barberini-Museum und der Bahnhof geografisch zueinander verhalten. In der Innenstadt kehrten wir kurz auf eine lauwarme Erbsensuppe und ein eher nicht leckeres Stück Kuchen ein; liefen einmal die wenigen Straßen im Holländischen Viertel ab und standen dann noch ein paar Minuten vor dem Museum – die Einlasszeiten werden genau genommen, obwohl man dann so lange im Museum bleiben darf, wie man will – bevor wir uns die sehr schöne Ausstellung der russischen Impressionisten ansahen.

Am Sonntag hatten wir noch genug Zeit für ein Sonntagsfrühstück mit Brötchen und Croissants und ich bereitete ein ausgiebiges und darüber hinaus kindgerechtes Picknick vor, bevor der Hannoverliebste in den Zug nach Hause und ich in die Straßenbahn zum Tierpark stieg. Ich war mit dem Patenmädchen und der Mutter des Patenmädchens verabredet. Tiger sehen – das war der größte Wunsch von beiden; und trotz der recht weiten Wege schafften wir das nach längerer Zeit auch und hatten Glück: die beiden erwachsenen Tiere waren munter und schauten interessiert zu den Besuchern hinüber; im Nachbargehege lümmelten ihre halbwüchsigen Vierlinge, die auf Grund einer Kniefehlstellung recht schwerfällig laufen, was gut zu sehen war. Außerdem gab es Pinguine, Geier, Präriehunde, Flamingos, zwei Picknickpausen (eine davon mit Anstoßen auf den nur kurz zurückliegenden Geburtstag meiner Freundin), keine Pommes im Restaurant, superschicke Toiletten und eine große Ausstellung bunt gestalteter Berliner Buddybären.

Das Highligt der neuen Woche war ein Team-Ausflug auf dem Wasser – drei Stunden Kanadierpaddeln mit einer sehr guten Anleiterin, leckeres Essen und dann (eine Chefin mit Kindern zu haben, ist ein echter Vorteil!) ein familienfreundliches Ende am Nachmittag. Weniger schön war, dass ein Kollege stark erkältet teilnahm und ein anderer sich am nächsten Tag mit Fieber abmelden musste. Hoffentlich, hoffentlich kein Corona (Test bisher negativ, aber naja), denn morgen werden der Sechzehnjährige und ich meinen Vater besuchen fahren.

Ansonsten: Zwei Tage im leeren Büro mit Mittagessen im leeren Betriebsrestaurant (beginne, mich in dem beinahe verlassenen Gebäude wie ein Gespenst zu fühlen) und tapferem Treppensteigen, wegen Bewegungsmangel und so. Nach vielen Monaten Julian Barnes‘ „Kunst sehen“ wieder zur Hand genommen, noch unschlüssig, ob es seinen Platz im Regal verdient. Dem Zwölfjährigen statt Fernsehen vorgelesen und mit ihm die Ergebnisse der U18-Bundestagswahl durchgesehen. Thüringen und Sachsen erschreckend. In den großen Städten deutschlandweit häufig die Grünen weit vorne. Gerne hätte ich eine Deutschlandkarte gehabt, die pro Wahlbezirk die stärkste Partei zeigt; und eine, in der man pro Partei farbabgestuft hätte sehen können, wie gut sie in Prozent im jeweiligen Wahlbezirk abgeschnitten hat. Auch in Ethik und Biologie lernt der Zwölfjährige spannende Dinge, wir führen angeregte Frühstücksgespräche über Syllogismen und Einzeller. Meine Wintersachen vom Hängeboden geholt, jetzt möchte ich gern einen Nachmittag im Secondhandkaufhaus vertrödeln und ein paar Lücken in der Wintergarderobe füllen. Haushalt und nächtliches Herumgegrübele. In der App, in der ich begonnen habe, meine Kopfschmerzen zu notieren, ist unter „Stimmung“ der Punkt „müde“ derjenige, den ich am häufigsten anklicke. Spontan zwei Überstunden genommen und auf der Klimademo mitgelaufen, allein, weil die in Frage kommenden Freunde alle arbeiten mussten und der Sechzehnjährige keine Lust hatte. Zusammen wäre das schöner gewesen.

14.05.2021

Volle Wochen. Ein paar Tage in Weimar bei meinem Vater, dann Berlin, Arbeit, am Wochenende der Hannoverliebste zu Besuch. Dann wieder Arbeit – die Kinder haben gerade wegen der Abiturprüfungen nur sporadisch Unterricht und langweilen sich, sobald ihnen die elektronischen Geräte entzogen werden; nach der Arbeit Arzttermine, dann beginnt das lange Wochenende und ich fahre nach Hannover.

Trotz der vielen Abwechslung geht es mir im Berliner Alltag nicht gut. Der Blog als Klagemauer, vielleicht auch als Gedächtnisstütze für meine Gedanken in diesen Tagen: Anstrengend und langweilig ist mein Alltag, so, wie er zur Zeit eben ist.
Anstrengend, weil ich zusätzlich zur Erwerbsarbeit den Haushalt für drei Personen stemme, mich – nicht nur, wenn es um das Theme „Mithelfen im Haushalt“ geht – mit dem pubertierenden Sechzehnjährigen reibe; anstrengend, weil ich die „Lebensorganisation“ nicht nur für mich, sondern auch für meine Kinder ziemlich alleine mache und es auch dabei Reibung gibt, hier mit dem Vater meiner Kinder, der von seiner neuen Familie (und einem riesengroßen Problem im Zusammenhang mit dem gekippten Berliner Mietendeckel) absorbiert ist und trotzdem einbezogen werden muss, wenn es um Entscheidungen für unsere Kinder geht.
Langweilig, weil meine Arbeit mich nicht herausfordert; weil ich nichts dazulerne; weil ich wegen der Corona-Einschränkungen nicht viel von dem unternehmen kann, was mir früher gutgetan hat und weil mir – zusätzlich zu den Kontaktbeschränkungen – Kraft und Zeit fehlen, um Freundschaften und den Kontakt zu meiner Familie so zu pflegen, wie ich das gern machen würde.
Dass ich meine Zeit ohne die Kinder in Hannover oder Weimar verbringe, tut mir natürlich gut; verdichtet aber nochmal, was im Berliner Alltag zu erledigen ist.
Und ich habe keine wirklich guten Ideen, wie ich an der Situation etwas ändern kann.

Viele Frauen in meinem Alter, sagt die neue Hausärztin, berichten ähnliches, stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Sie schreibt mir ein Osteopathierezept, aber um regelmäßige Termine wahrzunehmen, bräuchte ich eine Krankschreibung dazu. Sie schickt mich zum Schilddrüsenultraschall, aber die Erschöpfung könnte auch einfach komplett psychisch sein.

Helfen würde eine Perspektive für die Schulöffnungen. Nehme nur ich das so wahr, oder reden die Politiker jetzt alle sehr viel weniger davon, dass die Kinder und Jugendlichen und die Schulen Priorität haben – so wie es im Herbst immer tönte? Ich weiß keine Inzidenzzahl, ab der wieder vollständiger Präsenzunterricht vorgesehen ist. Gibt es die? Die Impfpriorisierung wird aufgehoben – in Berlin noch früher als deutschlandweit – ohne dass irgendjemand ernsthaft vorschlägt, jetzt bevorzugt die Jugendlichen zu impfen, damit die ihr Abitur in der Schule vor Ort machen (und wieder vor Ort in den Unis studieren!) und ihren Hobbies endlich wieder nachgehen können. Die Familien – die Kinder, die Jugendlichen, die mehrfachbelasteten Mütter – werden hängengelassen, und das macht mich fertig. Und nein, da hilft auch kein weiterer Kinderbonus in Höhe von 150 Euro pro Kind und da helfen auch keine Ladenöffnungen und keine Reiseerleichterungen. Nicht, wenn der Sechzehnjährige weiter keine Jugendfahrten machen kann und Schulunterricht fast nur noch parallel zu youtube stattfindet; nicht, wenn der Zwölfjährige weiterhin keine Schachturniere spielen darf und keine Matheförderung mehr erhält; nicht, wenn niemand einen sinnvollen Plan macht, wie das nächste Schuljahr ohne erneuten Hybridunterricht und ohne erneutes Homeschooling ablaufen kann.

Und ungefähr so sieht das aus, was wir als Familie ohne Auto zur Zeit machen können: Fahrradausflüge am Wochenende. Am letzten, zum Beispiel, als es so schön warm war. Frühes Aufstehen und für mich und Picknick vorbereiten. Stressiger Aufbruch, weil die Fahrräder alle aus dem Keller gezogen und verschiedenste Tickets gekauft werden müssen. Die Bahnen nach Brandenburg sind voll; die Fahrräder stehen mit Ach und Krach irgendwo im Nicht-Fahrrad-Bereich, ich muss – mit dem Hannoverliebsten als Rückendeckung traue ich mich wenigstens – die Mitreisenden bitten, ihre Masken über die Nase zu ziehen, der Zwölfjährige wird ganz blass vor lauter Luftmangel und Enge. Am Ankunftsbahnhof müssen erstmal Jacken verstaut werden; der Sechzehnjährige verleiert die Augen, weil er endlich losfahren will. Der Zwölfjährige sagt nach zwei Kilometern, dass er die Strecke wahrscheinlich nicht schafft und muss erstmal sehr, sehr ermutigt werden. Wir haben uns an eine neue Route gewagt, die ist am Anfang auch sehr schön, aber dann, als wir rasten wollen, gibt es keine Bänke oder gar Picknickplätze mehr, und auf der Karte war auch nicht vermerkt, dass der Radweg auf kleinen Straßen entlangführt, auf denen gerade heute alle Biker Berlins und Brandenburgs die erste Ausfahrt des Jahres machen. Am Zielbahnhof sind wir alle erschöpft; und dann kommt ja noch die Heimfahrt, nochmal im vollen Zug, denn die Kampfradler, die heute morgen um sechs Uhr gestartet sind, sind jetzt auch schon mit ihren 120-Kilometer-Strecken fertig und fahren mit uns zurück. Der Sechzehnjährige bekommt beim Einsteigen einen öffentlichkeitswirksamen Wutanfall, weil das Rad des Zwölfjährigen quer in seinem Weg steht; dem Zwölfjährigen fällt das Fahrrad auf die Hand, als der Zug bremst, und dann sind wir irgendwann zu Hause und ich frage mich, ob dieser Ausflug die Mühe wert war.

Meilensteine: In zwei Wochen die zweite Impfung. Nein, ich werde auch dann nicht Party machen, sondern weiterhin im Homeoffice arbeiten, den Hybridunterricht meiner Kinder überwachen und Essen für sie kochen. Danke der Nachfrage. In sechs Wochen Ferien. Vielleicht fahren wir wirklich nach Dänemark, wenn es unsere Konstellation aus drei Haushalten, die Mischung aus ganz, halb und garnicht geimpften Menschen und die Regelungen für Ferienhausaufenthalte, Quarantäne und Freitesten dann zulassen. Die schiere Komplexität all der Regelungen nimmt mir bis jetzt alle Vorfreude. In acht Wochen dann knappe drei Ferienwochen ohne meine Kinder. Vielleicht ein paar Osteopathietermine. Vielleicht schwimmen gehen. Vielleicht draußen Kaffee trinken mit Freundinnen.

Aber dann?

27.02.2021

Eine Woche voller Events liegt hinter uns: Der Sechszehnjährige durfte für ca. 15 Minuten in die Schule gehen, um sein Halbjahreszeugnis abzuholen. Besonders gut ist es nicht, aber hey: es war auch nicht das Jahr dafür. Der Zwölfjährige durfte für ca. anderthalb Stunden zur Schule gehen, um an der Matheolympiade teilzunehmen. Die fand irgendwie verkürzt statt, sehr viel Zeitdruck. Und ich hatte eine Stunde bei der wundertätigen Osteopathin, die mir erklärte, dass mein geschwollener Augenwinkel mit meinem Nacken zu tun haben könnte (na klar, seit ich den Bildschirm von der Firma im Homeoffice stehen habe, sitze ich anders und schaue mehr nach oben bzw. weniger als unten als vorher) und dass in meinem Bein tatsächlich eine verklebte Faszie sitzt. Die Berliner U-Bahn-Linie 7 benutzen zu müssen, um zur Osteopathin zu kommen, war natürlich ein hoher Preis – fast wie ein Ausflug in ein Leben ohne Corona. Alles voller Menschen, die nicht Abstand halten und das mit den Masken auch noch nicht so ernst nehmen.

Ansonsten: viel Arbeit, trotzdem noch an einem der warmen Sonnennachmittage den Balkon aufgeräumt. Der Sechszehnjährige hat mir einmal das Kochen abgenommen, das war super, das möchte ich gern öfter haben.

Fürs Wochenende habe ich schrecklich viel vor: Den Sechzehnjährigen zur Digitalmesse „Abi und Beruf“ schleppen; diverse Blumen umtopfen; mit dem Fotoalbenprojekt weiterkommen und die Frühjahrssachen der Kinder durchsehen. Außerdem mit der anderen Mitmutter rausgehen, zweimal kochen, einkaufen…

Trotz (vielleicht auch wegen?) der vielen Pläne geht es mir besser als in der letzten Woche. Vielleicht auch, weil ich am Montag frei hatte und erst gegen Abend aus Hannover zurückkam. Vielleicht auch, weil der Frühling näherkommt. Nur einen Friseurtermin habe ich noch nicht.

18.2.2021

Von den schlechten Tagen steht hier weniger. Schon weil ich an denen nicht zum Schreiben komme, nicht zum Durchatmen, nicht zum Rausgehen, nicht dazu, meinen Kindern wirklich zuzuhören, eigentlich zu nichts.

Die schlechten Tage sind die, an denen meine Arbeit nicht zu schaffen ist, an denen ich erst dann dazu komme, etwas abzuhaken, wenn ich eigentlich lange Feierabend hätte. Die schlechten Tage sind die, an denen es draußen ganz grau ist. Die, an denen eins der Kinder zu viel Stress mit den Schulaufgaben hat oder beide und wir uns wechselseitig von Laptop zu Laptop anzischen, sobald einer ein Geräusch macht. An denen ich nicht damit klarkomme, ständig unterbrochen zu werden, weil ich mich selbst so dringend konzentrieren müsste.

Die schlechten Tage sind die, an denen ich abends missmutig irgendein Essen zusammenkoche, das am nächsten Tag niemandem schmeckt. An denen wir noch nicht mal zur gleichen Zeit Mittagspause machen können. An denen wieder kein Heinzelmännchen eine Gurke, einen Salat, ein bisschen Obst nachgekauft hat. An denen die Kinder ausnutzen, dass ich Überstunden machen muss, ihre Handyzeit überziehen, die versprochenen Pflichten nicht erledigen. Die schlechten Tage sind die, an denen der Zwölfjährige möglichst schnell zu seinem Vater oder einem Freund verschwindet, weil ich ja immer nur arbeiten muss.

Die schlechten Tage sind die, an denen ich dem Hannoverliebsten sage, dass ich erst am Freitagabend zu ihm komme, damit der Sechzehnjährige auch am Freitag noch bei mir lernen kann und nicht in die Schule muss. Die schlechten Tage sind die, an denen der Sechzehnjährige dann morgens von seinem Vater kommt, ohne Frühstück im Bauch, im fleckigen Pullover von gestern, aber begeistert erzählt, was gemeinsam gespielt wurde. Dort haben ja alle Zeit.

Die schlechten Tage sind die, an denen ich merke, dass ich meine Freunde vernachlässige. Dass die andere Mitmutter nicht mehr zurückruft; dass ich ein Angebot zum Telefonieren einfach nicht annehmen kann, weil ich dazu erst Zeit hätte, wenn ich schlafen muss, und nicht schon in der einen Stunde, in der ich wenigstens mit dem Zwölfjährigen gemeinsam auf dem Sofa vor dem Fernseher sitze. Die schlechten Tage sind die, an denen mich das Gewissen plagt, weil ich mich nicht danach erkundige, wie es meinem Vater, seiner Frau, meinem Onkel, dem Magen der ganz großen Schwester geht, und an denen mich das Selbstmitleid packt, weil mich erst der Hannoverliebste am späten Abend fragt, wie es mir geht, und sonst niemand sich erkundigt, wie ich das alles schaffe.

Die schlechten Tage sind die, an denen die Wochen gleichförmig vor mir liegen und ich nicht weiß, wie lange ich das so noch durchhalte.

Es sind nicht alle Tage schlecht, bei weitem nicht. Aber es gibt sie.

13.02.2021

Diese Woche war… anders.

Kaum hatte der Hannoverliebste das Remote-Arbeiten von meinem Zuhause aus getestet, wurde diese Möglichkeit ganz wichtig, weil die Bahn wegen des Schneefalls und der Kälte ihren Betrieb erstmal einstellte. Von Tag zu Tag entschieden wir, dass die Züge noch nicht wieder zuverlässig genug waren – vielleicht wollten wir auch gern noch ein paar Tage gemeinsam verbringen. Mir waren die vielen roten Kreuzchen hinter den Bahnverbindungen in der App jedenfalls ganz recht.

Und draußen der Schnee: Wunderbare Bilder habe ich im Kopf von unseren Spaziergängen, vom schneehellen Dämmerwald, über dem rosa der Stadthimmel leuchtete; von der halb zugefroreren Spree mit Hunde- und Entenspuren auf dem Eis, mit Rissen zwischen den Schollen, die bereits wieder zufroren. Sogar der Sechzehnjährige hatte Spaß, stocherte mit langen Ästen im Eis, machte den Spaziergang zur Schneeballschlacht.

Daneben traurige Nachrichten: Viele gesundheitliche Probleme, mein Onkel und meine Stiefmutter im Krankenhaus, die ganz große Schwester nicht wohlauf. Die große Schwester sprang ein und fuhr zu unserem Vater, kümmerte sich da.

Die plötzlichen Notfälle werden nicht weniger werden; immerhin weiß ich jetzt endlich, wo sich die Steckstelle fürs LAN-Kabel im Wohnzimmer meiner Eltern befindet; ich muss keinen neuen Router kaufen und kann das Arbeiten von dort aus testen. Das entlastet mich ein bisschen, so werde ich auch mal einspringen können, wenn es notwendig wird. Echte Schule würde auch noch helfen, der Sechzehnjährige darf aus Gründen zur Zeit nur in einem Raum mit mir sein Homeschooling erledigen – oder in der Schule, so lange dort noch freie Räume zur Verfügung stehen (aber das ist nicht seine Lieblingsoption).

Schule ja. Macht sie wieder auf oder nicht? Wann? Für welche Jahrgänge? Für den Zwölfjährigen und den Sechzehnjährigen ist nichts angekündigt. Die Virusmutationen drücken aufs Gemüt, weil es so unabsehbar wird, wann irgendwas wieder öffnen kann. Die Frisöre als Bonbon fürs Volk am 1. März? Die Friseurin des Hannoverliebsten jedenfalls hat im März nur Stammkundentermine und könnte mich erst im April drannehmen. Ich werde also doch noch eins meiner Kinder überreden, mir die Haare ein Stück abzuschneiden.
Die ganz große Schwester ist Klinikmitarbeiterin. Sie bekommt als allererste von uns allen die Coronaimpfung, die zweite schon, und liegt mit hohem Fieber im Bett. Mein Vater immerhin hat nach langen, mühseligen Versuchen nun auch einen Impftermin. Auch das wird es leichter machen, ihn wieder ohne Angst zu besuchen. In Notfällen und vielleicht auch so.

Erstmal arrangieren damit, dass das Lockdownleben einfach weitergeht. Wir sind ja schon dran gewöhnt.

Die Woche mit dem Hannoverliebsten rauscht vorbei, wir arbeiten, kaufen das Nötigste ein, kochen, spazieren durch den Schnee, schauen fern, genießen es, zusammen zu sein, liegen abends auf dem blauen Sofa und reden, bis einem von uns die Augen zufallen, sind am Morgen müde, testen ein bisschen das gemeinsame Alltagsleben.
Als er am Donnerstag dann doch in einen Zug steigt, kommt der Zwölfjährige von seinem Vater zu mir.
Da jetzt beide Kinder bei mir im Wohnzimmer arbeiten, holen wir am Freitagmorgen seinen Schreibtisch aus seinem Zimmer und stellen ihn ans Fenster. Ein Tag, drei Laptops, zwei Headsets (die reihumgetauscht werden), acht Videokonferenzen, ein Mauspad zu wenig; französische Verben, deutsche Substantivierungen, ein Selbstportrait, lineare Funktionen und Wahrscheinlichkeitsbäume, englische Texte und Videos zum Klimawandel finden hinter meinem Rücken statt; und wenn der Sechszehnjährige nicht gerade genervt schnaubt, weil jemand anderes redet, dann ist die Atmosphäre arbeitsam und konzentriert. Ein guter Tag. Es wird andere geben.

Noch sind uns keine gefrorenen Seifenblasen gelungen. Nur das Balkongeländer ist jetzt mit der zuckerigen Seifenlösung verkleistert. Ein paar Tage haben wir noch, um es auszuprobieren.

3. Schulwoche

Das neue Schuljahr geht auf seine 4. Woche zu. Das „neue Normal“ mag das jetzt noch nicht sein, aber für den Moment hat sich doch eine Art neues Normal eingespielt.

Das mit dem frühen Aufstehen bekomme ich nach einigen Anlaufschwierigkeiten wieder einigermaßen hin. Lege mich auch nicht mehr jeden Tag zurück ins Bett, sobald die Jungs kurz vor halb acht aus der Tür sind; das ist zwar schön (und im Halbschlaf Schlafanzug direkt an den Homeofficerechner funktioniert auch, weiß ich jetzt), aber der Kreislauf möchte garnicht mehr hochfahren, wenn ich morgens erst wieder so richtig eingeschlafen bin.

Die Corona-Verdachtsfälle in der Schule des Fünfzehnjährigen haben bisher ganz überwiegend negative Testergebnisse erhalten. Niemand musste in Quarantäne. Der Elternabend des Elfjährigen findet online statt, zum Elternabend des Fünfzehnjährigen schicke ich seinen Vater, der ansonsten Babydienst schiebt und selten ohne Geschrei im Hintergrund an ein Telefon geht.

Präsenztage im Büro habe ich noch nicht angefangen – die Bauarbeiten auf meiner S-Bahn-Strecke sind noch nicht abgeschlossen. Im September, irgendwann, vielleicht… Konzentriertes Arbeiten wäre natürlich mal wieder schön. Zu Hause ist ja immer was, und wenn es nur der Postbote ist oder der Servicemann, der die Rauchmelder installiert. Häufiger allerdings sind es Probleme, von denen ich garnicht mehr weiß, wie ich sie nach einem langen Tag im Büro gelöst haben würde:
Mein Telefonanbieter verschenkt einen WLAN-Repeater, der aber nur über einen Anruf unter einer Nummer zu bekommen ist, unter der mir unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein supertoller neuer Vertrag aufgeschwatzt wird, den ich nur mit sehr viel Mühe und zusätzlicher Zeit in der Hotline-Warteschleife wieder storniert bekomme (und der dann trotzdem nach Erhalt der Vertragsunterlagen nochmals schriftlich widerrufen werden muss).
In der weiteren Familie müssen Grundstückserbangelegenheiten geregelt werden, bei denen es um die absolut vernünftige Lösung geht, auf ein 27tel diverser Feldflurstücke zu verzichten, die aber zahlreiche Telefonate mit einem Notar erfordern und dann auch noch Telefonate mit Mitgliedern der weiteren Familie, die den Grundbesitz bekommen, aber ob meines Ersuchens um Kostenübernahme für den Berliner Notar deutlich erbost sind.
Außerdem geht auch noch das Fahrrad des Fünfzehnjährigen kaputt, dessen Vater sich weigert, es zu reparieren, weil der Fünfzehnjährige das Fahrrad nicht pfleglich behandelt; der sich aber auch weigert, einen Teil der Kosten für die Reparatur im Fahrradladen zu tragen, weil er es ja leicht und kostengünstig selbst reparieren könnte. Angesichts der Konfirmanden-Radtour am Wochenende, für die der Fünfzehnjährige ein funktionierendes Rad braucht, ist das eine komplexe – und am Ende für mich teure – Gemengelage.
Dass ich nebenher im Kopf behalte, welches der Kinder wann zum Zahnarzt muss, dass der Schachrucksack des Elfjährigen noch beim Vater liegt, aber heute bei mir benötigt wird, dass das verschwundene Portemonnaie des Elfjährigen vermutlich in genau diesem Schachrucksack steckt, wann die Impftermine sind, dass der Vater der Kinder versprochen hatte, die Ärztin anzurufen und zwei Impftermine zusammenzulegen und dass ich ihn daran erinnern muss, wenn ich möchte, dass er die Ärztin wirklich anruft, dass neue Schutzmasken gekauft werden müssen und dass die Vitamin-B-Tabletten des Elfjährigen bald aufgebraucht sein werden (die Liste ließe sich fortsetzen) – das gehört ja sowieso dazu, steigert die Produktivität im Homeoffice aber auch nicht gerade. Neulich wieder diesen Comic angesehen und dabei tief, tief geseufzt.

Was schön ist: Zwischendurch spontan einen Kaffee mit der Mitmutter trinken, auch wenn es wegen des Regens im Innenraum des Cafès sein muss. Mein nun endgültig dauerhaft online stattfindender Bauchtanzkurs. Am Telefon mit einer meiner Schwestern zu lachen. Mit dem Elfjährigen und dem Fünfzehnjährigen abends Karten zu spielen: drei Spiele Skat, vier Spiele Doppelkopf. Den Hannoverliebsten jeden Tag wenigstens auf dem Handybildschirm zu sehen (ach, mit dem WLAN-Repeater ginge das sogar unverpixelt…) Die Vorfreude auf unsere gemeinsame Radtour im September. Abends das Licht auszumachen und die Augen zu schließen.

Was zu tun bleibt: Mich mehr zu bewegen, dringend. Das Wochenende in Thüringen durchdenken, bei dem im Familienrat besprochen werden soll, wie die Frau meines Vaters ab und an ein wenig von ihrer Rund-um-die-Uhr-Pflegeverantwortung entlastet werden kann, und was in allen möglichen vorstellbaren Notfällen getan werden müsste. Auffrischungs-Fahrstunden und ein erste-Hilfe-Kurs, mal endlich.

Ach

In Berlin sind alle meine Tomatenpflanzen umgeknickt. Vermutlich gabs Wind.

In Berlin geht nach dem einen Laptop gleich noch das andere kaputt, als hätten beide netterweise bis zum Schuljahresende mitgemacht und nun aber Ferien nötig.

In Berlin bekommt der Elfjährige ein Gerstenkorn im linken Auge und ich habe plötzlich eine Zecke in der Wade, und es ist auch kein Trost, dass es vermutlich eine dänische Zecke ist.

In Berlin heißen sogar die Pflanzen unschön; gewöhnliche Graukresse und Mäusegerste, wohin man blickt. Halbvertrocknet und zerzaust.

In Berlin prangen an den Eingängen zum Stadtwald neue Schilder, die vor dem Eichenprozessionsspinner warnen. Wir tun keinen Schritt in den Wald, aber am Rand der Grünanlage auf dem Weg nach Hause – keine drei Meter vom Bürgersteig entfernt – entdeckt der Fünfzehnjährige ein Nest mit leeren Kokons.

In Berlin ist das mit der Verwaltung ja schwierig, und deshalb ist die Ansprechpartnerin vom Grünflächenamt, der man dergleichen melden soll, zwar freundlich, gibt aber die Auskunft, dass die Stadt das Nest nicht entfernen wird, weil der Baum auf einem Grundstück der Bäderbetriebe steht.

Zum Glück gibt es die PC-Reparaturwerkstatt. Zum Glück gibt es die Nachbarin und die ehemalige Nachbarin und den einen warmen Abend, an dem wir zum Lieblingssee fahren – obwohl die S-Bahn mal wieder eine großflächige Störung hat, aber zum Glück gibt es ein Auto und Stoffmasken – und schwimmen und reden und lachen. Zum Glück gibt es die Kollegen, die im Homeoffice anrufen und Zeit zum Schwatzen haben. Zum Glück hat eine einzige Kinderärztin gerade keinen Urlaub. Und zum Glück gibt es Züge nach Hannover.

WmdedgT – 6/2020

Gestern hat Schreiben nirgendwo dazwischengepasst; also heute nachträglich der Tagebucheintrag für den 5. Juni. Frau Brüllen fragt wie immer, was wir am 5. einer Monats machen; und alle Beiträge für gestern finden sich hier.

Gestern gab es viele Routinen, die wegen Homeoffice/Homeschool gerade jeden Tag so ablaufen. Also: Wecker um zehn nach sieben (ich were es nie wieder hinkriegen, um 5.45 aufzustehen…), ein kurzer Blick auf den Balkon, Bad, ein paar halbherzige Gymnastikübungen zu den Morgeninfos vom Deutschlandfunk. Frühstück gibt es kurz vor acht und ein paar Minuten vorher mache ich die Türen zu den Jungszimmern auf und versuche die Frühstücksankündigung wie einen verlockenden Grund zum Aufstehen klingen zu lassen.

Frühstück geht schnell; der Fünfzehnjährige muss ans Ritalin erinnert werden (würde er selbst daran denken, könnte man es vermutlich auch weglasse); der Elfjährige an die hübsch geschälten Birnen, die ich ihm hingestellt habe (würde er sie ohne Aufforderung essen, müsste ich die nicht mehr extra hinstellen). Hinterher wird auf dem Küchentisch der Arbeitsplatz des Fünfzehnjährigen eingerichtet, weil es hier weniger Ablenkung gibt als in seinem Zimmer.

Die Jungs ziehen sich an; ich melde mich schonmal im Homeoffice an und sehe meine Mails durch. Dann setze ich mich zum Fünfzehnjährigen, solange der seine Nachrichten sichtet, seine Teams für alle Schulfächer durchsieht und sich seinen Tages-Arbeitsplan schreibt. Der ist mal wieder viel zu lang. Erfahrungsgemäß kann der Fünfzehnjährige pro Tag nicht für mehr als vier Fächer arbeiten, weil die Aufgaben oft umfangreich sind und lange dauern. Sechs verschiedene Fächer auf dem Stundenplan plus Nacharbeit für Fächer, in denen aus genau diesem Grund Aufgaben liegengeblieben sind, ist also schwierig. Der Elfjährige sitzt schon am Wohnzimmertisch und hat sich selbst einen Überblick verschafft, was zu tun ist.

Ich nehme einen Kaffe mit an meinen Rechner und arbeite. Zwischendrin: Abwechselnd kommen die Kinder mit ihren Laptops zum Drucker neben meinem Schreibtisch und drucken Arbeitsblätter. Vokabelfragen des Elfjährigen. Schnell die Bezeichnung für einen Teil der Blütenpflanze googeln, den der Elfjährige nicht selber findet. Regelmäßige Kontrollgänge in die Küche: Fünfzehnjähriger, arbeitest du wohl? 10.30 das tägliche Online-Meeting mit dem Noch-Chef. 11.30 bereite ich ein improvisiertes Essen vor (manchmal koche ich abends für den näcshten Tag vor, das würde hier viel besser klingen, aber gestern nun gerade nicht): Gemüsereste, Erbsten aus der Dose, gekochte Kartoffeln vom Vortag; ich bitte den Fünfzehnjährigen, um 12.15 Reis anzusetzen und die anderen Sachen warmzumachen. 12 Uhr nächstes Online-Meeting, danach Telefonat mit der Bald-Chefin, die – oh nein, das ist unprofessionell – in der Diskussion über die Notwendigkeit, sinnvolle Backup-Regelungen zu schaffen, plötzlich von der Krebserkrankung einer Mitarbeiterin in ihrem alten Team erzählt und sogar den Namen nennt.

Der Fünfzehnjährige hat noch keinen Reis aufgesetzt, also mache ich das schnell, wir essen um Viertel nach eins. Hinterher arbeite ich ab, was sich aus dem Telefonat mit der Bald-Chefin an Aufgaben ergeben hat. Arbeitsende trotzdem pünktlich um 15 Uhr. Der Fünfzehnjährige ist noch nicht so weit; also darf ich die Küche noch nicht betreten. Lese stattdessen dem Elfjährigen vor, wir haben ja gerade viel gemeinsame Freude an Terry Prattchet (und man muss auch nur ganz wenige Stellen weglassen, die dem Elfjährigen noch keinen Spaß machen würden). Gegen vier hat dann auch der Fünfzehnjährige erstmal Schulschluss und wie erwartet nur das Minimalprogramm von seiner Liste ist abgearbeitet. Ich erledige den Abwasch, während Bukahars Album „Canaries in a Coal Mine“ Wochenendstimmung verbreitet, und koche dann Hollunderblütengelee, für das wir am Tag vorher Blütendolden in Zitronenwasser angesetzt haben.

Um fünf baut der Elfjährige in seinem Zimmer das schnellere Laptop auf und meldet sich zum Online-Schachtraining an. Beim letzten Mal haben wir mehr als eine Stunde mit der Technik gekämpft; dieses Mal klappt alles auf Anhieb. Der Fünfzehnjährige erledigt den Einkauf, ich kümmere mich so lange um ein paar Gelddinge und Mails. Außerdem ist gerade noch genug Zeit, um einen im Internet geliehenen Film (purer Eskapismus) fertigzuschauen, bevor die Leihfrist ausläuft.

Kurz vor sieben ist der Fünfzehnjährige zurück und macht Abendbrot – die Helfe-Liste, in der die Jungs sich jeden Morgen für zwei Pflichten eintragen, funktioniert immer noch gut. Ich koche derweil Hollunderblütensirup, für den wir auch schon einen duftenden Topf mit Blüten und Wasser im Kühlschrank stehen haben. Fürs Tischabräumen hat sich der Elfjährige eingetragen, also kann ich nach dem Essen noch ein Schulproblem mit dem Fünfzehnjährigen besprechen und ihn eine entsprechende Mail schreiben lassen.
Ich schicke dem Hannoverliebsten eine Nachricht und frage, wann ich am nächsten Wochenende anreisen soll, und er ruft sofort zurück. Total multimedial – ich habe den laufenen Videoanruf am Handy neben dem Laptop mit der Bahn-Seite stehen – kaufe ich mir Fahrkarten fürs nächste Wochenende. Die blöde Bahn hat seit Januar definitiv die Preise erhöht, trotz Mehrwertsteuersenkung. Ein Festnetzanruf unterbricht unsere Multimediasession; ich verbringe eine gemütliche Stunde auf dem Sofa mit dem klassischen Telefon am Ohr; schaue dann nochmal nach den Jungs und bringe kurz nach zehn den Elfjährigen ins Bett.

Gegen halb elf sitze ich selbst im Schlafanzug in meinem kleinen Schlafzimmer und rufe nochmal in Hannover an. Später noch ein paar Seiten „Lara“ von Bernardine Evaristo (von der ich hoffe, dass sie bald ins Deutsche übersetzt wird, damit ich ihre großartigen Bücher weit gestreut verschenken kann). Licht aus. Schlafen.