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Weniger Müll machen

400 Millionen Tonnen Plastik wurden im Jahr 2015 produziert. Tendenz stark steigend, die Hälfte davon ist spätestens nach einem Jahr schon Müll. Hier kann man das nachlesen, die Zahlen sind aus dem letzten Jahr. Im Radio wird ein weiterer, extremer Anstieg der Müllmengen in den nächsten Jahren prognostiziert, und ja, einige Konzerne haben sich gerade verpflichtet, daran mitzuwirken, dass zukünftig mehr Verpackungen recycled werden. So ab 2030, ungefähr. Und die Ohrenstäbchen mit Plastik haben wir ja auch schon verboten.

Ich bin ein klitzekleines bisschen konzernskeptisch und ein Blick in meinen Mülleimer zeigt, dass Ohrenstäbchen eins meiner allerallerkleinsten Probleme sind. Seit einiger Zeit pappt deshalb ein gelber Zettel über dem Müllschrank, auf dem ich notiere, wie oft die große Papiertüte mit dem Plastikmüll voll wird. Da geht doch bestimmt was… Augen auf beim Einkaufen also.

Was auf Anhieb ziemlich gut funktioniert, sind Obst und Gemüse. Jeder Supermarkt in meinem Kiez bietet einen Teil davon lose an, und lose lege ich es in meinen Wagen und aufs Kassenband. Keine Beschwerden von den Kassieren, es brauchte nur mein eigenes Umdenken: Ich kaufe nur noch, was es ohne Verpackung gibt. Meistens mache ich eine oder zwei Ausnahmen, z.B. weil der Dreizehnjährige sooo gerne Blaubeeren isst oder keine Möhren ohne Verpackung da sind, ich aber dringend welche brauche.

Brot kaufen wir schon lange beim Bäcker – wir haben alle drei gern wirklich leckeres Brot – aber Toastbrot ist ein Problem, für das ich noch keine Lösung habe. Baguettescheiben zum Frühstück vor der Schule? Vielleicht probieren wir es aus.

Getränke sind schwierig, weil meine Kinder beide gern verdünnte Säfte trinken. Die Lieblingssorte des Neunjährigen steht zum ersten Mal als Kasten mit sechs Glasflaschen in der Küche, das aber auch nur, weil ich mir einen Einkauf habe liefern lassen. Tendenziell werde ich in der kalten Jahreszeit wohl öfter Tee kochen oder Ovomaltine zum Frühstück; mal sehen. Für Milch gilt allerdings das gleiche. Ständig haufenweise  Flaschen mit mir herumzutragen – volle aus dem Laden, leere zurück – ist vermutlich nicht machbar. Zur Reduzierung des Plastikmülls schaffe ich mir jetzt aber auch kein Auto an.

Was auch noch nicht klappt: Käse und Wurst. Ich bin probeweise auf abgepackte Waren von der Theke umgestiegen, weil die Plastikfolie und die Papiertüte, die man dann bekommt, schon weniger Müll sind als die Verpackungen aus dem Regal, aber ganz ohne Plastik kann die normale Supermarkttheke einfach nicht. Einige Berliner Filialen von Bio Company testen anscheinend jetzt den verpackungsfreien Verkauf über die Theke – mal sehen, ob ich dort in den nächsten Wochen mal mit meinen Vorratsdosen vorbeikomme. Beides ist natürlich teuer, ein ökologisch vertretbares Leben muss man sich erstmal leisten können, das ist traurig.

Und dann gibt es hier in Berlin natürlich noch Original Unverpackt. Auch dieser Laden liegt nicht gerade auf meinem Weg, aber ich nehme mir wenigstens vor, ab und zu dort vorbeizufahren. Einmal habe ich bereits Wasch- und Spülmittelflasche dabeigehabt und weiß jetzt, wie das mit dem Auffüllen funktioniert (1. Leere Flasche wiegen und Gewicht notieren; 2. Unbequem auf den Boden kauern und Waschmittel aus dem großen Kanister in die Flasche pumpen; 3. Bezahlen 4. Karmapunkt an die Weste heften). Auch Tee, Linsen, Haar- und Körperseife von dort gibt es bei mir schon; Experimente mit Müsli, Couscous, Polenta, Trockenfrüchten und Gewürzen stehen aus.

Mein Fazit nach vier Wochen: Der Plastikmüll in unserem Haushalt wird weniger, das ist gut zu sehen.

Vermutlich gilt dabei die alte 80/20-Regel: mit 20% Aufwand kann ich 80% des Plastikmülls vermeiden. Die restlichen 20%, für die ich dann 80% Aufwand bräuchte – und ein Weckglas, um den restlichen Müll des ganzen Jahres zu sammeln – schaffe ich nicht.
Dafür habe ich einen scharfen Blick auf den Papiermüll geworfen und rufe konsequent jeden an, der mir einen Katalog schickt. „Nehmen Sie mich doch bitte aus Ihrem Verteiler…“ –

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Bald, bald

Die Ferien rücken näher und sind nur noch zwei Sommerfeste, ein Schulfußballturnier, einen Grillabend, ein Musikschulvorspiel, zwei Nachsorgetermine beim Kinderchirurgen, einen Konfirmandengottesdienst, eine Kindergeburtstagseinladung mit Lasertag (zu der der Dreizehnjährige UNBEDINGT hingehen will), einen Ausflug-zum-Sommerbad (bei dem der Neunjährige sich wahrscheinlich wieder erkälten wird), einen Termin im Bürgeramt Hellersdorf um 7.54 Uhr zur Anschaffung eines Personalausweises für den Dreizehnjährigen und eine Geburtstagswanderung weit entfernt.

Die Sommerparty, die fürs Büro gegeben wird, ist dabei nicht mitgerechnet, denn an der kann ich sowieso nicht teilnehmen (wegen: siehe oben). Ein Wunder, dass ich eingeladen wurde – mein Default-Arbeitsmodus der letzten Wochen ist Homeoffice mit Kinderkrankenpflege und Urlaubsvertretung innerhalb der Abteilung. Wahrgenommen wird das – fürchte ich, entnehme ich dem, was über andere KollegInnen im Homeoffice gesagt wird – als „sie ist schon wieder nicht da“.
Der Chef wünscht mir für die beiden Tage, die ich wegen des Kinderchirurgentermins des Dreizehnjährigen mit Krankschreibung zu fehlen angekündigt habe, einen „schönen Sonderurlaub“. Aber er entschuldigt sich, er hatte dem Grund meiner Abwesenheit in seinem eigenen – dreiwöchigen – Urlaub vergessen.

Auf dem Wohnzimmertisch steht ein neues, aus Nachhaltigkeitsgründen gebraucht gekauftes Laptop und blinzelt mir verschwörerisch zu. Ich werde es irgendwann vorsichtig aufklappen und mich auf den langen, steinigen Weg machen, es einzurichten – denn auf meinem treuen Altgerät läuft mein Sprachkurs nun endgültig nicht mehr. Seufz.
Neben dem neuen Laptop reift Rhabarberlikör, die ersten Urlaubsbücher tuscheln miteinander, im WM-Spielplan werden alle Ergebnisse eingetragen, und bisher hinke ich mit meiner intuitiven, von geografischen Vorlieben getriebenen Spielausgangsvorhersage den Tippspielpunkten meiner von Fußballwissen übersprudelnden Söhne nur ein bisschen hinterher.

Morgens zwinge ich mich zu ein wenig Gymnastik. Nachmittags versuche ich mich an einer Viertelstunde Stille. „Zum Lieblingssee fahren“, notiere ich auf einem virtuellen Klebezettel in meinem Handy; „diesen Ort am gegenüberliegenden Spreeufer erkunden, an dem neulich abends Musik gespielt wurde“ und „mit dem liebsten Freund die Gartenbilderausstellung am Wannsee anschauen“.

Denn bald, bald, bald sind Ferien.

#WmdedgT: 5. Juni 2018

Frau Brüllen fragt wie an jedem 5. eines Monats, was wir alle so den ganzen Tag lang machen – und hier sammelt sie die Alltagsberichte von allen, die sich beteiligen.

Mein 5. Juni war ein Erledigungstag, was daran liegt, dass ich am Wochenende das Lotterleben einer Wechselmodellmutter geführt habe und in Heringsdorf war, wo ich den liebsten Freund beinahe die ganze Zeit fröstelnd habe am Ostseestrand sitzen lassen, um mit allerlei Gejauchze ins Meer zu hüpfen und für viele Berlin-Wochen auf Vorrat zu schwimmen. Noch dazu habe ich am Montagnachmittag auf dem Tisch der weltbesten Osteopathin gelegen und am Abend eine äußerst leckere Pizza verzehrt. Alles ohne meine Kinder.
Hinterher ist natürlich zu Hause der Mülleimer voll und der Kühlschrank leer, der Staub tanzt auf dem Tisch und die Spatzen auf dem Balkon, die Wäsche guckt vorwurfsvoll und die Erledigungsliste reicht bis Honolulu. Die war dann mal heute dran.

5.55 Ich wache auf und entscheide, besser gleich aufzustehen. Mein neuester Morgen-Programmpunkt ist– die weltbeste Osteopathin hat es angeordnet, und da mein schmerzender Knöchel unter ihren Händen wieder friedlich wird, tue ich alles, was sie vorschlägt – Gymnastik. Fünf bis zehn Minuten lang, je nachdem. Heute ist ein Zehn-Minuten-Tag. Danach koche ich mir einen Tee und gieße eine Schale Müsli mit halbundhalb heißem Wasser und Milch auf. Ich ziehe den Bademantel an und frühstücke auf dem Balkon. Die Bienen kommen wieder regelmäßig, seit die Bienenweide blüht, also sage ich der Frühschichtbiene Guten Morgen und drohe den Spatzen, die mir nach den roten Melden jetzt den rotstieligen Mangold verwüsten.

6.40 Duschen, Anziehen, Herumtrödeln.

7.10 Ich nehme den Bus zum Baumarkt. Ich brauche Orchideensubstrat, Orchideentöpfe und einen neuen Duschkopf. Alles erhältlich.

7.55 Zurück nach Hause. Im Treppenhaus begegnet mir die Nachbarin von Untendrunter und drückt mir schnell ein Päckchen in die Hand, das sie für mich angenommen hat. Ich streiche die ersten beiden Punkte von der Liste, schraube fix den neuen Duschkopf an und packe den Rucksack mit gefühlten zwei Zentnern aussortierter Bücher und einem kaputten Paar Schuhe voll. Dann zur S-Bahn.

8.45 Büro. Der Chef hat Urlaub, die geschätzte Kollegin ist krank im Homeoffice, sonst ist auf dem Gang auch noch keiner da. Durchatmen, Kaffee holen, Tagesprojekt anfangen. Zwischendurch versuche ich, den Vater meiner Kinder zu erreichen, der heute mit dem Neunjährigen zum Durchgangsarzt zum Fädenziehen geht und unbedingt fragen soll, wann der Neunjährige wieder schwimmen darf.

12.00 Mittagessen mit einer Kollegin in der Kantine: Couscouspfanne und Ratatouille – lecker! Danach schleppe ich die mitgebrachten Bücher in die Bücher-Zelle und vertraue meine allerbesten (aber kaputten) alten Urlaubssandalen dem Schuhmacher an. Hinterher gibt es im Büro noch einen Kaffee und ein bisschen Mailverkehr mit dem Chef des Chefs, der vom Chef des Chefs des Chefs auf ein paar Fragen des Chefs Antworten – leider unklare Antworten – bekommen hat, mit denen ich jetzt weiterarbeiten soll. Auch der Chef mischt sich aus dem Urlaub in die Diskussion ein. Fazit: das kann alles warten, bis er wieder da ist.

14.15 Der Vater meiner Kinder ruft mich zurück – Fäden gezogen, Schwimmen erlaubt. Der Neunjährige berichtet von den drei grässlichen blutigen Stellen an seinem Bein, die das Entfernen der Fäden hinterlassen hat.

15.00 Ich mache pünktlich Schluss. Der nächste Weg führt ins Kaufhaus, wo ich Witscher (bekannter unter dem Handelsnamen „Teigschaber“) für die Schwiegermutter meiner Schwester besorge. Denn die allerbesten Witscher ihres Vertrauens gibt es nur in Berlin! Außerdem brauche ich ein paar hellbraune Sandalen und probiere eine Weile alles an, was mir in die Hände fällt. Die Auswahl von Schuhen in dieser tendenziell schwierigen Ü-40-Farbe wird nicht leichter dadurch, dass die Schuhe wenigstens für halbe Einlagen tauglich sein sollen. Ach: Älterwerden! Ich schließe eine Vernunftehe mit einem Paar Riemchenballerinas und gehe seufzend (aber diszipliniert) an all den Ständern mit Sommerkleidern vorbei zur Kasse.

16.50 Zu Hause. Eigentlich habe ich noch mehr vor (und die Fan-Schminke, die ich den Jungs besorgen wollte, habe ich auch vergessen), aber ich bin zu müde, um nochmal loszugehen. Immerhin erreiche ich telefonisch den Spendenladen der Kinderhilfe und bekomme eine sehr erfreute Antwort auf meine Frage, ob sie den Schulanfängerranzen des Neunjährigen und seine Zuckertüte annehmen würden. Das kommt auf die Liste für den nächsten Erledigungstag. Ich stelle die Waschmaschine an, gieße mir ein großes Glas Wasser ein und setze mich kurz auf den Balkon. Trotz der sehr ausgefeilten Konstruktion aus Bambusstäben und Fäden, die ich um den Mangold gesponnen habe, haben die Spatzen von einer der Pflanzen heute weiter Blätter abgerissen. Ich schwöre Rache, habe aber keine Ahnung, was ich tun soll. Dafür freue ich mich an der ersten Cosmea, deren Blütenblätter heute Morgen noch zu einem ganz festen Päckchen zusammenlegt waren und die jetzt – wunderschön rosa – aufgeblüht ist.

17.30 Ich schreibe die Einkaufsliste für die Kinderwoche und suche Rezepte fürs Wochenende raus. Hühnchen mit Erdnusssauce, Kichererbsensalat und gefüllte überbackene Zucchinis soll es geben. Bevor ich den Einkauf bestelle, esse ich ein paar Brote. Da die Woche ruhig ist, kann ich am Donnerstag von zu Hause aus arbeiten und den Einkauf vormittags liefern lassen. Sehr schön. Jetzt ist die trockene Wäsche an der Reihe, schnell zusammenfalten und wegräumen. Dann mache ich eine Aufstellung über Kosten für Kleidung, Schuhe, Frisör, Klassenfahrt etc., die ich im letzten halben Jahr für die Kinder bezahlt habe, und schicke sie an den Vater meiner Kinder, denn wir teilen uns die meisten dieser Ausgaben und gleichen ab und zu aus, wenn einer mehr als der andere bezahlt hat. Danach ist die neue Wäsche fertig – schnell aufhängen.

19.30 Zeit zum Schreiben!

21.00 Um diese Zeit sendet Radio Colonia auf Italienisch – nebenbei kann ich noch etwas bügeln… Hinterher brauche ich nur noch ein Bett und ein Buch. Arrivederci! Buonanotte!

Schulessen ist uncool

Hässliche Geheimnisse neigen dazu, nicht in geeigneten Momenten ans Licht zu kommen, nicht an friedlichen Vormittagen, an denen alle gute Laune haben und sich spontan ein Familienrat einberufen lässt, in dem in aller Ruhe über alles geredet werden könnte. Nein, ausgerechnet am Sonntagabend, dreieinhalb Minuten vor der Schlafenszeit, als der gebrochene Zeh noch wehtut, der Koffer vom Himmelfahrtswochenende noch garnicht recht ausgepackt ist und der Klassenfahrtskoffer für den Neunjährigen noch eingepackt werden muss, stellt sich heraus, dass der Dreizehnjährige seit einem ganzen Monat heimlich nicht mehr am Schulessen teilnimmt.

Es isst nämlich kein anderes Kind aus seiner Klassenstufe mehr mit.

Und allein zu essen findet er ganz schrecklich.

Irgendwann bin ich nicht mehr wütend, hat der Dreizehnjährige mir seine Beweggründe erklärt, ist die Schlafenszeit lange verstrichen, der Koffer gepackt… und vor mir sehe ich eine lange, traurige Zukunft, in der ich mehr Zeit am Herd verbringen werde, als mein feministisches Herz es sich je hat träumen lassen. Denn wie soll ein pubertierendes Kind bitte ohne eine warme Mahlzeit am Tag groß werden? Noch dazu meins, dessen Hosenweite immer zwei Kleidergrößen weniger beträgt als seine Hosenlänge, und das warmes Essen eigentlich über alles liebt (Während sein Bruder bekanntlich abends unter keinen Umständen etwas anderes als Frischkäsebrote zu sich zu nehmen bereit ist…)?

Meine erschrockene Mail an die Eltern der Klasse – wie handhabt Ihr das eigentlich mit dem Schulessen Eurer Kinder, schmeckt das denen nicht? Finden die das alle uncool? – verhallt ungehört in den Weiten des virtuellen Raums; nur die Mutter der Sitznachbarin und Freundin des Dreizehnjährigen schreibt mir tröstend, dass ihre Tochter sich Reste aufwärmt und manchmal gern Nudeln mit Zucker in die Schule mitnimmt.

Schlaflos liege ich im Bett und raufe mir die Haare. Was tun? Samstags und sonntags ein bisschen mehr kochen, damit montags und dienstags ein Rest zum Aufwärmen da ist? Donnerstags – wenn der Dreizehnjährige allein bei mir ist – gemeinsam kochen? Montags und donnerstags sind aber gerade die langen Schultage, also Geld mitgeben für belegte Brötchen oder für die Igittigitt-Instant-Nudeln – der letzte Schrei unter den Kindern an der Schule des Dreizehnjährigen – aus der Cafeteria? Eine größere Brotbox scheint wenig aussichtsreich, da schon jetzt meistens ein Brot wieder mit nach Hause kommt. Und was bitte machen wir mittwochs und freitags?

Es macht mich traurig, und es macht mich ein bisschen wütend: Statt dass wir froh darum sind, dass an unseren Schulen warmes Essen angeboten wird, erlauben wir unseren Kindern, das uncool zu finden und nachmittags hungrig nach Hause zu kommen; nachmittags, wenn wir selbst auch gearbeitet haben und vielleicht eine halbe Stunde wir selbst sein (auf dem Balkon sitzen, jemanden anrufen, einen Gedanken zu Ende denken, einen Plan schmieden, ein Instrument lernen, eine Revolution anzetteln) könnten – statt Gemüse zu schnippeln und Kartoffeln aufzusetzen.

#WmdedgT? 5. Mai 2018

Frau Brüllen fragt wie an jedem Monatsfünften, was wir eigentlich alle den ganzen Tag machen. Hier gibt es viele Antworten – meine ist diese hier:

Ich wache irgendwann ganz früh auf, weil die Amsel vor dem Fenster sich in ihre Morgen-Arie einsingt und der Nachbar von schräg-oben-links sein Radio oder seinen Fernseher einschaltet und die Lautstärke ordentlich aufdreht. Das macht er häufig, er lebt zu ungewöhnlichen Zeiten, weswegen ich ungern auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafe. Aber es hatte sich gestern nach einem langen Telefonat mit der Besuchsfreundin so ergeben – deshalb lege ich mir jetzt ein Sofakissen aufs Ohr und mache die Augen wieder zu.

Als ich wieder aufwache, ist es halb acht. Ich freue mich ein paar Minuten lang an dem Gefühl, nicht aufstehen zu müssen, dann stehe ich auf und mache einen kleinen Kontrollgang auf dem Balkon. Allen Pflanzen (außer den von den Spatzen geplünderten Melden) geht es gut, aber es ist zu frisch, um draußen zu frühstücken. Also setze ich mich mit meinem Tee und drei Toastbroten an den Küchentisch.

Nach einer ausführlichen Dusche packe ich die Sachen des Dreizehnjährigen zusammen, der am Vortag zu seinem Papa gewechselt ist – das bedeutet, dass ich elf transparente Plastik-Stehordner, die  – hoffentlich – jeweils Buch, Hefter und sonstiges Zubehör für genau das Schulfach enthalten, das vorne auf dem Stehordner vermerkt ist, in zwei große blaue IKEA-Taschen stelle; die dünne Jacke, die Sandalen, das Handy, die Schlagzeugnoten und die Sticks dazulege, mir die eine Tasche über die eine Schulter und die andere über die andere Schulter hänge, das Schlagzeugpad in die eine Hand nehme und mit der anderen geradeso noch die Wohnungstür hinter mir zuziehen kann. Diese Routine gibt es alle zwei Wochen (das Zubehör des Neunjährigen ist etwas handlicher und wird immer schon am Donnerstagnachmittag zum Papa – oder in der anderen Woche: zu mir – verbracht).

Ich klinge beim Vater meiner Kinder, begrüße die Jungs, schiebe mich mit den riesigen blauen Taschen in den engen Flur und setze mich kurz zum Vater meiner Kinder an den Küchentisch, um ein paar Absprachen zu treffen. Der maulende Dreizehnjährige muss danach nochmal mit zu mir kommen, weil da noch irgendwo die Informationen herumliegen müssen, die er sich für einen Kurzvortrag zusammengesucht hat.

Kurz vor halb 10 ist das Wechsel-Prozedere für dieses Mal erledigt und ich bin wieder allein.

Ich fange an, die kinderwochenverwüstete Wohnung aufzuräumen, wasche Geschirr ab, sammle Schmutzwäsche ein, stelle die Waschmaschine an, putze den Herd und den Badspiegel, die Badewanne und das Klo und merke gerade zur richtigen Zeit, dass ich eigentlich lieber in die Bibliothek fahren möchte, um einen kleinen Büchervorrat für die anstehenden Feiertage und Reisen zu besorgen. Jodi Picoult und Jörg Maurer für Himmelfahrt, Sue Monk Kidd und Regine Sylvester für Pfingsten, Graeme Simsion für jetzt sofort gleich und dann noch hier ein Buch und da eines – ein erfreulicher Stapel, den ich auf dem Weg zur digitalen Ausleihenverbuchung kaum auf dem Arm balancieren kann. Und dann ist da ja am Ausgang noch das frisch mit aussortierten Beständen bestückte Zu-Verschenken-Regal! Meine Tasche beult sich am Ende, als würde ich einen kleinen Elefanten darin transportieren. Sie ist auch genauso schwer.

Leider ist es zu spät, um nochmal kurz zu Hause vorbeizufahren und die Bücher abzustellen, also bleibe ich in der Bahn sitzen und fahre zum S-Café Friedenau, in dem ich mit der Patentante des Dreizehnjährigen verabredet bin. Die Sonne kommt neugierig um die Hausecke, sobald wir uns an unserem Tisch auf dem freundlichen kleinen Bahnhofsvorplatz niedergelassen haben; es gibt Kichererbsensalat mit Minze, Milchkaffee, kleine Updates aus ihrem und meinem Leben und beinahe einen Sonnenbrand im Nacken. Das ist sehr, sehr schön. Wir verabreden, uns unbedingt zum gemeinsamen Fußballgucken im Juni und vielleicht auf einen gemeinsamen Besuch in einer Trampolinhalle mit meinen Kindern zu treffen. Bald. Bestimmt bald…

Auf dem Rückweg beantworte ich ein paar sms und verpasse meinen Umsteigebahnhof, weil ich in „Das Rosie-Projekt“ vertieft bin. Also dauert die Fahrt etwas länger und ich bin erst um halb drei wieder zu Hause.

Mein Wochenendziel ist es, die Steuererklärung zu machen – damit kann ich aber auf keinen Fall anfangen, solange es in der Wohnung noch so schrecklich aussieht. Also räume ich weiter auf, wische Flur und Schlafzimmer, hänge Wäsche auf, stelle die Waschmaschine wieder an, trage die ersten Kleidungsstücke für die Klassenfahrt des Neunjährigen und für unser Himmelfahrtswochenende in Brandenburg zusammen, sauge das Wohnzimmer, hole die Koffer vom Hängeboden. Dann ist es auch schon Zeit, die letze Sonnenstunde auf dem Balkon zu verbringen, dabei ein paar Brote zu essen, einen auf-keinen-Fall-vergessen-Plan für die nächste Woche zu schreiben und einen Eimer Wasser unter den durstigen Pflänzchen zu verteilen.

Von sieben bis acht sitze ich dann vor dem Rechner, öffne aber mitnichten das Elster-Programm, sondern meinen Online-Sprachkurs Französisch. „tout le monde“ und „rien“, die Kontinente, il est né – il s’est marié – il est mort – solange ich vier Stunden im Monat lerne, stellt mein Arbeitgeber mir eine Sprachlernlizenz zur Verfügung, und ich bin anhaltend glücklich, zu lernen, in eine neue Sprache einzutauchen (bei weitem nicht nur, um den Dreizehnjährigen qualifiziert Vokabeln abfragen zu können!) – ganz ohne immer-wieder-schwierig-einzurichtenden wöchentlichen Kursbesuch, in meinem eigenen Tempo und zu meinen eigenen Zeiten.

Beim Bügeln hinterher versuche ich, einen französischen Podcast zu hören, was sich erwartungsgemäß als schrecklich größenwahnsinnig herausstellt. Ich verstehe kein Wort.

Ich räume die Pullis in den Schrank und das Bügelbrett beiseite. WmdedgT-Zeit.

Und dann mit dem angefangenen Buch unter eine Decke. Gute Nacht!

 

Frühlingsvermischtes

In den Osterferien hüpfen wir aus unserem Alltag und landen – zusammen mit der ganz großen Schwester und ihrer schönen Tochter und dem Freund der schönen Tochter – in der kleinen Waldhütte, die ganz versteckt an einem Berghang im Thüringer Schiefergebirge liegt, kaum zu sehen hinter einer dichten Fichtenhecke, über die aber trotzdem von morgens bis zum frühen Nachmittag die Sonne blinzelt. Wir füttern den Holzofen mit dicken Scheiten, bis die vom Winter auf 2 Grad ausgekühlte Hütte mollig warm wird; wir liegen in dicken Jacken in den Liegestühlen; wir schleppen Wasser in großen Eimern in die kleine Küche und kochen es zum Trinken ab; wir frühstücken morgens gemütlich, gehen im Nachmittagssonnenschein spazieren; der Dreizehnjährige steigt in Gummistiefeln in den Bach, der durchs Tal murmelt, und baut Dämme aus Schieferbrocken – der Neunjährige gibt ihm vom Ufer aus Anweisungen – und abends spielen wir lange gemeinsam Karten am großen Tisch.

Als wir zurückkommen, riechen wir von Kopf bis Fuß nach Holzfeuer und Waldhütte; alle Kleidungsstücke türmen sich im Flur und wollen gewaschen werden, und weil ich einmal dabei bin, bekommt auch die Allergiebettwäsche des Neunjährigen aus dem heimischen Bett ihren jährlichen Waschgang, werden die Matratzen mit Neemöl besprüht; und weil ich einmal dabei bin, bekommt der Wollteppich im Zimmer des Dreizehnjährigen seine vorbeugende Mottenkur und werden die Korkstückchen in den Kleiderschränken mit Arven-Öl betupft; die Fliesen im Bad rufen: „putz uns, putz uns, wir sind ganz verschmiert und bespritzt“; vom Bücherregal segeln Staubflusen auf meinen Kopf – es ist, kurz gesagt, noch so viel Frühjahrsputz fällig, dass er meine ganze Urlaubskraft verschlingt und ich am Montagmorgen bei schönstem Sonnenschein ohne jede Motivation zur Bahn in Richtung Büro schlurfe und dabei vor mich hinmurmele, was für eine gute Sache doch der „Haushaltstag“ gewesen ist, den es in der DDR für Arbeitnehmerinnen gelegentlich gab.

Mein schmerzender Fuß hat kleine Waldspaziergänge, in guten festen Schuhen und auf weich federndem Boden, ohne größere Beschwerden mitgemacht; aber Frühjahrsputz und Großstadtpflaster behagen ihm nicht, jetzt muss also doch ein Arzt einen Blick darauf werfen. Ich bekomme eine Salbe aufgestrichen und einen unangenehm scheuernden Verband; Tabletten, die die Entzündung aus dem Gelenk ziehen sollen und die Anweisung, mir im Sanitätshaus eine über dem Verband zu tragende Bandage aushändigen zu lassen. Nicht weit vom Orthopäden entfernt gibt es ein entsprechendes Geschäft; aber streng weist die Sanitätshausfrau mir die Tür, man trüge Bandagen grundsätzlich nie über Verbänden und nein, ich dürfe den Verband jetzt auch nicht in ihrem sauberen Reformhaus entfernen oder gar um Wasser zum Abwaschen der Salbe bitten, wie unhygienisch, auf gar keinen Fall, da hilft kein Flehen (…aber ich komme nie wieder in diese Gegend, ich wohne hier doch garnicht!). Am nächsten Morgen gehe ich, ohne Verband und voller Hoffnung, zum Orthopädieschuhmacher in meinem Kiez, der allerhand Bandagen in seinem Fenster ausgestellt hat – die fragliche verschriebene aber frühestens in zwei Wochen geliefert bekommen wird, wenn er sie jetzt bestellt. Geknickt humpele ich nach Hause, schalte meinen Homeoffice-Rechner ein, mache mir einen Schwedenkräuterumschlag auf den Fuß. Ich telefoniere mit der Service-Hotline einer größeren Sanitätshauskette und lasse mir bestätigen, dass es die im Internet verzeichnete Filiale – nur eine S-Bahn-Station entfernt – noch gibt; leider geht dort niemand ans Telefon, wahrscheinlich sind die Mitarbeiter alle beschäftigt. Also humpele ich am Nachmittag zur Bahn, fahre hin – und finde an der Tür einen handgeschriebenen Zettel vor, der erklärt, dass man aus betrieblichen Gründen am 11. und 12. April geschlossen habe. Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter.

Aber die Sonne wärmt, auf dem Balkon keimen die ersten Bienenblumen und schütteln Treibhauskräuter sich in der ungewohnt frischen Luft; die Tomatenpflänzchen strecken sich und wollen des Nachts noch ins Warme; eine prächtige Petunie voller lilafarbener Blüten mit dekorativen weißen Rändern, die der Dreizehnjährige in sein Kastenbeet gepflanzt hat, lässt sich von allen Seiten bewundern, nur die Sonnenblumenpflänzchen stimmen nicht in den Chor ein, sondern sammeln Kräfte, um bis zum Himmel zu wachsen.

Allen traurigen Radionachrichten zum Trotz: es ist Frühling!

 

 

Vor Ostern

Karfreitag, Nachmittag. Ich tränke einen Waschlappen in einem ordentlichen Schluck Schwedenkräuterlösung und wickle ihn auf meinem Fuß fest, der – wie im letzten Sommer ohne Sturz, Schlag, Umknicken, Danebentreten oder sonstige Vorwarnung – seit einigen Tagen wieder wehtut. Sechs Wochen hat das im letzten Sommer gedauert, und ich wäre auch jetzt schleunigst zur Orthopädin gegangen, hätte sie nicht Urlaub gehabt.

Die Kühle am Fuß ist wunderbar; die Wohnung ist sonnendurchflutet, still und einigermaßen ordentlich – ich schaue mich zufrieden um.

Den Krimi, den der liebste Freund mir für den Osterurlaub ausgeliehen hat, habe ich heute schon mal ausgelesen (der liebste Freund könnte mich eigentlich gut genug kennen, um sicherheitshalber zwei Bücher mitzubringen). Auf dem Wohnzimmertisch türmen sich robuste, äußerst warme Kleidungsstücke, Osterkörbchen für die Verwandtschaft, die Asthmabettwäsche des Neunjährigen, eine große Medikamententasche zum Thema „Erkältungskrankheiten“, eine große Verbandszeugtasche zum Thema „Zecken-Splitter-Stürze“, eine kleine Kosmetiktasche mit nicht viel mehr als unseren Zahnbürsten und viele Bücher („Winter im Mumintal“, „Die rote Zora“, „Die 13 ½ Leben des Käpten Blaubär“, „Der Gott der kleinen Dinge“, „Über die Tugenden“, „C’est vraiment facile“, „Grammatik kurz und bündig – Französisch“), die noch auf ein tragbares Gewicht aussortiert werden müssen. Unter dem Tisch warten Gummistiefel, Schuhe für sehr tiefe und für nicht ganz so tiefe Temperaturen und der beinahe unverwüstliche Ball aus Dänemark. Unschwer zu erkennen: wir haben als Osterurlaub einen Aufenthalt in einer schlecht heizbaren Waldhütte geplant; etwas unbedacht ist diese Idee entstanden, an einem warmen Sommerabend wahrscheinlich.
Mit Spielen, Lebensmitteln und Bettwäsche versorgt uns die ganz große Schwester, also stehen nur zwei Koffer mit hungrig aufgeklappten Deckeln bereit.

Auf dem erfreulich leeren Schreibtisch liegt ein Zettel mit dem Vermerk, den Dauerauftrag an den Vermieter unbedingt sofort nach unserer Rückkehr zu ändern; eine (ein klein wenig) rebellische Teilzustimmung zur Mieterhöhung ist abgeschickt, ich möchte nun nicht um einen einzigen Cent in Zahlungsrückstand geraten. Der Mieterbund24, der im Internet eine Online-Antwort auf eine Mietfrage für nur 25 Euro anbietet – eine prima Alternative zu einer Mitgliedschaft im Mieterverein, wenn man tatsächlich nur eine einzige Frage hat – konnte mir leider nicht helfen und erstattet mir die Vorauszahlung zurück. Viel Aufwand und wenig davon gehabt.

Einige Fenster sind geputzt, auch das stark eingestaubte Gewürzregal in der Küche, das muss als Frühjahrsputz reichen. Auf dem Balkon habe ich heute Mittag, als es warm und sonnig war, vieleviele Kilo Erde bewegt – aus Töpfen, Kübeln und Kisten in große IKEA-Tüten geleert, mit dem guten Wurmhumus der Firma „Superwurm“ (das Paket kommt jedes Jahr bei einem anderen Nachbarn an, damit jeder mal über mich den Kopf schütteln kann) vermischt und wieder in die Töpfe, Kisten und Kübel gefüllt. Auch zwei Schalen für den Friedhof habe ich bepflanzt; im Auto auf dem Weg dorthin starte ich dann eine Charme-Offensive, damit der Vater meiner Kinder während unserer Abwesenheit nächste Woche die Tomatenpflänzchen bei sich aufnimmt und gießt, die ich noch nicht dem rauen Berliner Spätwinter Vorfrühling Wetter aussetzen möchte. Alles andere, was ich am hellen Fenster vorgezogen habe – Sonnenblumen, Dill, Basilikum, Petersilie, Sonnenhut – muss draußen klarkommen.

Am Samstagmorgen dann – endlich – werden meine Söhne nach einer langen, langen Ferienwoche mit ihrem Vater wieder bei mir eintrudeln. Wir werden Ostersträuße schmücken, Ostereier kochen und färben; am Abend werde ich durch die Wohnung schleichen und Dutzende kleine Schokoladeneier verstecken, die dann am Sonntagmorgen gesucht werden dürfen, bevor wir zur Kirche gehen (und dort auf keinen Fall die Unterschrift auf der Gottesdienstkarte vergessen dürfen, die der Dreizehnjährige als Voraussetzung für seine Konfirmation zu füllen hat).

Der Berliner Schienenersatzverkehr macht die Reise zum Bahnhof zu einem langwierigen Abenteuer, aber auch das werden wir bestehen; wir werden am Ostersonntag in einen Zug steigen und verschwinden bis auf Weiteres im Dickicht eines mitteldeutschen Waldes.

Bis bald – und frohe Ostertage Euch allen!