Schlagwort-Archive: Anders leben

So lala

Draußen verfärben sich die Bäume spektakulär. Diese Oktoberwochen gehören für mich zu den allerschönsten im Jahr, immer wieder. Mein Balkon ist so windgeschützt, dass ich es in der Sonne noch immer warm habe, die vorletzte Paprika wird noch gelb und die Tomaten wenigstens rosig.

Draußen im Wind ist es dafür eiskalt.

Ich versuche, mich von einer unangenehm stressigen Woche zu erholen: Überstunden, Abteilungsausflug, ein Urlaubstag, der für einen ganztägigen und heftig anstrengenden Workshop zu meinem reinsten Privatvergnügen draufgeht, ein Mittenamtag-Arztbesuch, bei dem ich es immerhin hinbekomme, der Ärztin, die meinem Allergikerkind nicht den Bettbezug verordnen will, den die Kasse zahlen würde, die Nummer der Krankenkassenmitarbeiterin in die Hand zu drücken, die nicht den Matratzenbezug bezahlen möchte, den die Ärztin verschrieben hat. Sollen die beiden das unter sich ausmachen, der Sechsjährige zumindest hustet nicht mehr, seit er zweimal täglich Kortison inhaltiert. Na bitte. Vielleicht dürfen wir es ja sogar bald absetzen.

Ich habe fest vor, zur Demo gegen TTIP zu gehen, habe aber niemanden, der mitgeht. Ich versuche, mich online zu verabreden, es gibt ja jetzt allerlei Portale für sowas. Tausche ein paar Mails mit einem Troll aus, der mir unbedingt beweisen will, dass es total sinnlos ist, zu demonstrieren, Ideale zu haben oder an das Gute zu glauben. Gehe mit einem blinden Mann auf Partnerinsuche einen Kaffee trinken, weil ich neugierig bin, und bin hinterher froh, wieder zu Hause zu sein.

Statt auf der Demo ende ich in Linum beim Kranichegucken, der Vater meiner Kinder lädt mich – total überraschend – ein, wir vertragen uns seit einiger Zeit verhältnismäßig gut. Es wird ein erstaunlich entspannter Tag, auch wenn wir das Feld nicht finden, auf dem die Kraniche (bis zu 200.000 sollen es sein) sich Winterspeck anfressen; und auch wenn wir nicht dahin gehen dürfen, wo sie sich abends zum Schlafen ins Wasser stellen. Immerhin sehen wir sie fliegen, in mehr oder weniger unordentlichen Pfeilformationen, und ihr Geschrei erfüllt den ganzen Himmel.

Eine furchtbar lange S-Bahn-Fahrt mit viel zu vielen Baustellen-Pendelverkehr-Wartezeiten verbringe ich damit, die Texte über das Entlieben zu lesen, die die Katastrophenchronistin verlinkt hat – und als erstes ihren, berührend und schön. In meinem eigenen Kopf lässt das Nachdenken über die Liebe gerade nur einen Haufen ebenso melancholischer wie banaler Pflanzenmethaphern ins Kraut schießen (man kann die Liebe ausreißen; wenn sie keinen Raum zum Wachsen bekommt, verkümmert sie – oder hat man schon mal von Bonsailiebe gehört?; und vielleicht verholzt sie mit der Zeit, wenn die Verliebtheit nachlässt und der Beziehungsalltag grau wird…); ich schüttele mich ein bisschen, ich habe wohl doch zu lange zwischen meinen Blumen auf dem Balkon gesessen.

Ich schalte die Heizung ein, die inzwischen so sonderbare Geräusche von sich gibt, dass ich unbedingt dringend die Hausverwaltung anrufen muss, die eigentlich schon vor ein paar Wochen jemanden vorbeischicken wollte. Ich wärme meine eiskalten Füße auf und gucke raus in die Linde, die schon so viel Laub verloren hat, dass ich die Taube sehen kann, die taubenseelenallein im Geäst sitzt und den Kopf unter den Flügel gesteckt hat. Ich fange an, mir zu überlegen, was wir in diesem Jahr in unserem Waldhäuschen brauchen werden: Strickzeug; Gries und Reis und Nudeln zum Mittagessen; eine Malerplane, um die Matratze des Sechsjährigen einzuschlagen, der im letzten Jahr vor lauter Husten dort kaum schlafen konnte; das dicke Bündel Briefe, das meine Mutter vor etwas 50 Jahren als Verliebte und später Verlobte an meinen Vater geschrieben hat. Und viele, viele dicke Sachen.

Noch eine Woche bis zur Auszeit. Tagezählen.

Advertisements

Reif für die Insel: Goldene Bahnfahrermedaille

Niemand ist so verrückt wie wir. In Gummistiefeln – weil der Himmel voller schwarzer Wolken hängt, als wir am Morgen zur Inselfähre wandern und weil hinterher einfach nirgendwo Ruhe und Platz zum Schuhewechseln ist – fahren wir 10 Stunden lang aus dem Urlaub in den Urlaub, von der Nordsee zur Ostsee, aus Ostfriesland nach Dänemark, wo meine große Schwester uns noch für ein paar Tage in ihr Urlaubshäuschen eingeladen hat.
Wir fahren Fähre und Bus, kleine Regionalbahnen, in denen Radfahrer böse Blicke auf unser im Radfahrerbereich abgestelltes Gepäck werfen, steigen in allerlei Kleinstädten um, vertreiben im IC von Norddeich Mole Leute von unseren Plätzen, schleppen unser Gepäck nach einer halben Stunde wieder zur Tür und in den nächsten IC zu den Urlaubern, die nach Sylt unterwegs sind. Der ICE nach Kopenhagen bleibt in Puttgarden stehen, weil das dänische Zugbegleitpersonal nicht da ist, aber irgendwann rollen wir doch in den Schiffsbauch und dürfen aus den Zug klettern. Und noch eine Weile später sind wir endlich da.
Meine Kinder haben irgendeinen goldenen Bahnfahrpreis verdient, geduldig machen sie das alles mit – und wir sind inzwischen absolut eingespielt. Fünf Minuten Umsteigezeit in Hamburg, von Gleis 13 nach Gleis 5, wenn die Rolltreppe kaputt und der Aufzug voll ist? Kein Thema, trotz unserer fünf Gepäckstücke kriegen wir das hin und steigen trotz umgekehrter Wagenreihung dort ein, wo unsere Plätze sind.
Aber nach jeder Bahnreise fühle ich mich, als wäre es die schlimmste gewesen, die wir je gemacht haben.
Zum Glück sind wir dann abends da, gehen am Meer entlang und haben nochmal ein paar Urlaubstage vor uns. Und trotz der schönen Zeit auf der Nordseeinsel ist das hier das richtige Meer: die gute alte Ostsee, verlässlich ans Ufer rauschend, mit ihrem Strand voller Herzsteine und grobem Sand und toten Glockenquallen und glattgeschliffenen Glasscherben, die die Jungs sofort un die Wette zu sammeln beginnen.
In ein paar Tagen müssen wir wieder Bahnfahren. Aber daran denke ich heute mal noch nicht.

Träume, Fäden, Schritte

Wenn ich 40 werde – so mein langgehegter Traum – möchte ich eine größere Auszeit nehmen und den Jakobsweg laufen. (Und dabei, so die geheime Absicht, endlich das Leben verstehen, meine Berufung finden und den Mut, allesalles ganz anders zu machen).

Ich muss dieses Projekt teilen, wurde mir irgendwann klar, ich möchte nicht sechs Wochen lang meine Kinder nicht sehen. Also nicht einmal sechs, sondern zweimal drei Wochen. Warte nicht so lange, geh das doch schon eher an, hat ein Freund vor einem Jahr geraten, und so kam es, dass ich mir Wanderschuhe gekauft und meinen Chef angesprochen habe. Weil aber ein größeres Arbeitsprojekt ansteht, wurden aus den gewünschten vier freien Wochen irgendwann eine, aus dem Jakobsweg in Portugal erst der von München an den Bodensee und nun schließlich der sächsische. Ein Hans-im-Glück-Pilgerprojekt, das sich mehrfach in etwas anderes verwandelte und kleiner und kleiner wurde, bis es nun endlich vor der Tür steht.

Hinter der Tür, in meiner Wohnung, steht der gepackte Rucksack. Ich habe keine Waage, aber er ist bestimmt schwerer als die empfohlenen 10% meines Körpergewichtes. Aber er enthält nur Unverzichtbares (glaube ich, weil meine Schultern ja noch nicht wehtun), den Schlafsack, das kleinste Duschgelpröbchen, viel zu wenig Kleidung, die Wanderkarte, den Reiseführer, ein paar Müsliriegel, Blasenpflaster und Allergietabletten. Und ein Buch.

Mein Pilgerbuch ist „A Field Guide To Getting Lost“ von Rebecca Solnit. Dass ich dieses Buch entdeckt habe und nun mitnehmen kann, verdanke ich meinem neuerworbenen Smartphone, das ich dabeihatte, als ich traurig auf der Rückfahrt von einem Wochenende mit dem liebsten Freund war und in der S-Bahn, weil ich niemanden ansehen wollte, die Word-Press-App ausprobierte, die so eingestellt war, dass ich zuerst die unter der Rubrik „freshly pressed“ empfohlenen Artikel zu lesen bekam. In einem von denen berichtete eine Frau davon, dass sie gerade dieses Buch las – und von einer Wanderung mit ihren Kindern durch den Schnee (Wo kam diese Bloggerin her? Wo liegt gerade Schnee? Ich weißt es nicht.), zu der die Lektüre des Buches sie angeregt hatte.

Eine Anleitung zum Verlaufen und Verlorengehen. Das gefällt mir. Inzwischen habe ich Rebecca Solnits „The Faraway Nearby“ gelesen, eines der wunderbarsten Bücher über das Geschichtenerzählen (und über Empathie, Aprikosen, die Arktis, Labyrinthe, Motten, Kunst, Zufälle, Identität, die Alzheimererkrankung ihrer Mutter und noch ein, zwei Dutzend andere Themen); und „Wanderlust“, ihre Kulturgeschichte des Wanderns, liegt für die Wochen nach der Pilgerreise als Lektüre bereit. Ich habe eine neue Lieblingsschriftstellerin.

Geschichten vergleicht Rebecca Solnit mit Fäden – und wie letztere auf Spulen oder zu Knäulen gewickelt werden, können Geschichten Zeile um Zeile in Büchern zusammengefaltet werden (um sich in der Vorstellung des Lesers wiederum zu entfalten) – wobei sie auch Labyrinthen ähneln, die, schreibt die wunderbare Essayistin, eigentlich nichts anderes als klein zusammengefaltete Wege sind. Ich mag ihre Vergleiche.

Auf den langen Faden, zu dem wir unsere Schritte auf der Pilgerreise aneinanderreihen werden; auf die Geschichten, die wir erleben, wenn wir tatsächlich tun, was ich mir schon so lange vorstelle: losgehen mit den paar Kleinigkeiten auf dem Rücken, mit dem man auskommen kann; den Weg, der auf der Karte zu sehen ist, Schritt für Schritt in Wirklichkeit erleben, offen für das, was uns unterwegs begegnet, offen für das Unerwartete und auch das Anstrengende, den Regen und die schmerzenden Füße und die Möglichkeit des Verlorengehens und mit der Hoffnung, das Alltagsleben möge aus der Ferne ein klein wenig unvertraut werden und deshalb hinterher ein wenig anders, ein wenig neuer sein – darauf freue ich mich jetzt.

Meine ganz große Schwester denkt darüber nach, ein Buch über das Ankommen (bei sich, in der Stille des Herzens) mitzunehmen.

Wir werden uns wunderbar ergänzen.

Weniger und mehr… die ersten anderthalb Wochen

Fastenvorsätze zu fassen ist tatsächlich viiiiel einfacher, als sie dann auch umzusetzen. Sogar, wenn es sich nur um ganz, ganz kleine Vorsätze handelt.

Mein Laptopfasten hat noch nicht besonders gut geklappt. Für die Tage, an denen ich den Computer abends nicht nochmal anschalten wollte, habe ich mich meistens zum Telefonieren verabredet. Das hätte ich ohne Fasten aber auch gemacht. Außerdem habe ich das kleine Wort „abends“ zum Mogeln benutzt – und tagsüber dann doch auch mal die privaten Mails gelesen. So richtig gefastet war das also noch nicht.
Dann kam auch noch ein heftiger Virusinfekt beim Sechsjährigen dazu und dass ich mich – kaum hatte der Vater meiner Kinder die Pflege übernommen – selbst krank ins Bett zurückgezogen habe. Wie groß die Verlockung doch ist, mal eben einen kleinen Krimi zu gucken, wenn der Kopf brummt. Einfach nix mehr denken. Aaaaah… Oder diesen halb-krank/halb-genesen-Zustand zu nutzen, um endlich mal wieder auf meinen Lieblingsblogs herumzustöbern… In Ausnahmesituationen lasse ich also Ausnahmeregeln gelten. Auch für mich.

Dem Zehn-Minuten-Vorsatz erging es ein wenig besser. In den ersten Tagen habe ich abends im Bett das Licht noch zehn Minuten lang angelassen – und über all das nachgedacht, was mir sowieso Sorgen macht. Dann habe ich beschlossen, dass ich ein RItual brauche. Küchentisch. Kerze. Am Küchentisch höre ich also abends den Nachbarn zu, wie sie ihre Kinder anbrüllen und den S-Bahnen, wie sie vorbeirumpeln; denke über mein Leben nach – und merke, dass zehn Minuten ganz schön lang sein können.
Inzwischen liegen ein paar Meditationsbücher neben meinem Bett, vielleicht inspirieren die mich ja.
Gestern habe ich durchs Fenster dem Abendstern zugesehen, wir er durch die Zweige des kahlen Hinterhofbaums wanderte. Das war schön.

Iim Bücherregal bin ich vor ein paar Tagen auch mal wieder auf Julia Karnicks Brigitte-Kolumnen gestoßen – und mittendrin passend zum Thema auf die, in der sie von den Fastenvorsätzen eines befreundeten Paares erzählt:
Im ersten Jahr wollten die auf Fernsehen verzichten, und gingen deshalb immer aus und tranken sehr viel. Im zweiten Jahr wollten die auf Fernsehen und Alkohol verzichten, und luden daher immer viele Freunde zum Essen zu sich ein und nahmen ordentlich zu. Im dritten Jahr wollten sie auf Fernsehen, Alkohol und Fleisch verzichten, weshalb keiner mehr zum Essen kommen wollte und die beiden allein auf dem Sofa Trost in besonders vielen Süßigkeiten fanden.
Ob ein weiteres Kind kam, nachdem die beiden im nächsten Jahr auch noch auf Süßigkeiten verzichtet haben? Das ist leider nicht überliefert.

In diesem Sinne: Allen, die diese sieben Wochen für sich besonders gestalten, wünsche ich weiterhin eine gute Zeit.

Weniger und mehr

Im letzten Jahr hat mich beeindruckt, dass ich auf vielen Blogs von Fastenaktionen gelesen habe. Also, Fasten nicht im Sinne von Kilos-Weghungern, sondern als Begehen der Fastenzeit vor Ostern.

Dieses Jahr habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich in dieser Zeit ausprobieren möchte, irgendetwas anders zu machen. Und ich habe zwei kleine Vorsätze gefasst (mit großen ist es sowieso aussichtslos):

Ich möchte meinen privaten Computer in den nächsten Wochen jeden zweiten Tag ausgeschaltet lassen. Nicht, weil ich meine Mails nicht mehr beantworten möchte oder weniger bloggen möchte – sondern um wiederzuentdecken, was die Abende früher eigentlich gefüllt hat, als nicht ständig irgendwas dringendes am Rechner zu tun war.

Und ich möchte mir – vielleicht jeden Morgen, vielleicht jeden Abend – zehn Minuten Zeit zum Nichtstun nehmen. Nicht, weil ich hoffe, dass das ausreicht, um erleuchtet zu werden oder sonstige spirituelle Höhenflüge zu starten. Aber um zu schauen, was geschieht, wenn ich ganz still bin.
Ich war ziemlich erschrocken, als ich vor einiger Zeit von einer Studie gehört habe, deren Ergebnis es war, dass viele Menschen Stille und Alleinsein mit sich selbst kaum noch aushalten können – und eigentlich möchte ich nicht, dass es mir auch so geht.

An meinen Computer-Abenden werde ich nach anderen BloggerInnen suchen, die über ihre Fastenerfahrungen schreiben. Vielleicht tauschen wir uns aus? Heute wünsche ich allen, die sich wie ich kleine oder ganz mutig große Fastenziele gesetzt haben, einen guten Beginn dieser besonderen Zeit.

Polizeistaat im Kinderzimmer

Die großte Tüte mit dem Geschenkpapiermüll ist schon runtergebracht. Ja, auch wieder genug schönes Papier zum Weiterverwenden aufgehoben, kein Thema. Die Urzeitkrebseier sind zum Schlüpfen angesetzt. (Die werden uns aber nichts tun, frage der Fünfjährige, der noch die Bilder vom Krebsfangen in Bullerbü vor Augen hat, und ich wiege nicht ganz sorglos den Kopf, warum steht auch auf der Packung, dass die Entsorgung der Tierchen über die Kanalisation verboten ist, während man sie unbedenklich als Fischfutter an Freunde weitergeben darf?) Wir haben alle Möglichkeiten der „Alligator-Rettung“ – so der Name eines Kästchens mit Forscher, Boot und Krokodil – besprochen: Muss der Forscher vor dem Alligator gerettet werden oder umgekehrt? Rettet der Forscher das Tier vor der Umweltverschmutzung im Regenwald oder das Tier den Forscher vor irgendeiner Gefahr auf seiner Reise auf dem großen Fluss? Die Wissensbücher sind mit einem undankbaren „Och, nochn Buch“ beiseitegelegt worden – ohne dass ich einen Überblick hätte, bei wem ich mich wofür genau jetzt bedanken muss.

Und natürlich haben die Kinder ihre heiß ersehnten Legokästen ausgepackt und einen langen, geduldigen Vormittag mit den verschiedenen Beutelchen voller Kleinstteile verbracht. Hinterher wird gespielt – und erst da fällt mir auf, dass ich beim Geschenkekaufen besser hätte aufpassen müssen. Gegen den Autotransporter des Fünfjährigen ist nichts einzuwenden. Aber der Neunjährige holt zu seinem neuen Polizeilaster (ausgestattet mit erstaunlich umfangreicher Abhör- und Überwachungstechnik – und mit einer Kaffemaschine) auch noch das Museum mit den Einbrechern, den Polizeihubschrauber und ein Polizeiauto hervor, von dem ich garnicht wusste, dass er das auch schon besitzt. Das Kinderzimmer ist plötzlich voller kleiner Legopolizisten mit festen, entschlossenen Mienen, die kleinen Legodieben – schlechtrasierten Typen mit einem fiesen Grinsen in den finsteren Gesichtern – hinterherjagen.

Eigentlich habe ich das ja garnicht so, bei der Erziehung meiner Söhne jedes Klischee vermeiden zu wollen. Aber was für ein ur-amerikanisches Weltbild wird hier eigentlich via Gabentisch in mein Kinderzimmer eingeschleust? Nicht allein, dass weder auf der Seite der Guten noch auf der Seite der Bösen eine einzige Frau mitmischt – die Begeisterung meines Sohnes für die Jagd der guten Polizisten auf die bösen Bösewichte beginnt mir insgesamt vage Bauchschmerzen zu machen. Hätte ich ihm doch lieber das Bergwerk oder die Küstenwache gekauft! Aber die gab es ausgerechnet in dem Laden nicht, in dem ich auf die größte Legoauswahl gehofft hatte. Und auch bei diesen Bausätzen wird ja zusammen mit den kleinen Steinchen ein Weltbild geliefert, eins, in dem gerettet und gelöscht und die Ordnung eines westlichen Mittelschichts-Lebens wiederhergestellt wird; eins, in dem nichts vorkommt, was diese Ordnung in Frage stellt; eins, in dem frohgemut und fortschrittsgläubig Diamanten in der Arktis oder Bodenschätze in den Bergen abgebaut werden, von Männlein mit immergleichen entschlossenen Heldenmienen.

Und weil Weihnachten ist und ich nicht so viel anderes im Kopf habe, denke ich mir beim Gemüseschnippeln meine eigene Lego-City-Serie aus: Das Gerichtsgebäude, in dem ein korrupter Banker auf der Anklagebank sitzt. Die Maquila, in der heimlich eine Gewerkschaft gegründet wird. Die Kirche mit der Suppenküche hinten dran. Der Supermarkt, hinter dem containert wird; zusammen mit dem Auto von der „Tafel“. Der Wohnwagenpark, in dem ein Rockkonzert stattfindet. Und das Riesen-Set: Ein Flüchtlingswohnheim, zusammen mit dem Containerschiff, in dem die Flüchtlinge übers Meer kommen.

Klar: Kinder – Jungs – meine jedenfalls – mögen Helden. Gut und Böse hübsch getrennt. Und Probleme, die durch ein paar ordentlich ausgerüstete Polizisten gelöst werden können. Wahrscheinlich würde niemand die Kästen kaufen, in denen ich meine Sicht auf die Gesellschaft untergemogelt hätte, weil wir Eltern unseren Kindern ja im Grunde ein Leben in einer Welt wünschen würden, in der die Dinge so einfach wären, wie Lego sie nachbaut. Und ganz klar: Auch ohne meine politischen Bausteinsets werden meine Kinder mitbekommen, wie ich die Welt sehe.

Aber eins steht trotzdem fest – auch wenn die Kindergeburtstage näherrücken und die Wünsche groß sind: Noch mehr Polizei kommt mir so schnell nicht ins Kinderzimmer.

Aus die Maus

Irgendwann muss ich mal an meinem Verhältnis zu Technik arbeiten. Möglichst bevor ich alt werde und neue Technik nicht mehr verstehen kann. Bisher kann ich mir leisten, neue Technik nicht mehr verstehen zu wollen, aber es hat traurige Folgen. Weil ich es immer gerne vermeide, mich mit technischen Geräten auseinanderzusetzen und noch dazu ungern neue kaufe, bin ich umgeben von Dingen, die gerade noch gut genug funktionieren, um irgendwie zu schade zum Wegwerfen zu sein, aber nicht mehr gut genug, um sie komfortabel zu benutzen.

Das Display vom Telefon ist schon lange kaputt. Niemand, der mich anonym anrufen möchte, muss sich die Mühe machen, seine Nummer zu unterdrücken – ein paar verlorene Striche schwimmen dort, wo die eigentlich angezeigt werden müsste. Außerdem ist der Akku hinüber, so dass meine Telefonate immer spätestens nach einer Stunde abrupt enden. Meine Familie und meine Freunde wissen das schon und nehmen es mir nicht mehr übel, wenn ich mitten im Gespräch auflege. Das Telefon, denken sie, mal wieder abgestürzt.

Das Display vom Handy hat einen Sprung. Beim Ladekabel zeigen sich verdächtige Kuperdrähte zwischen Stecker und Schnur; und dass das Handy neuerdings beim Senden von sms oder beim Wählen immer erst ein- oder zweimal abstürzt, beginnt mir nun doch Sorgen zu machen. (Wie, fragt meine Kollegin, Du hast Dein Handy doch nun auch schon ewig! Nee, sage ich, erst zwei Jahre. Aber, meint sie, es war doch schon gebraucht, als du es bekommen hast! Jaja, sage ich, aber mein Handy davor war auch gebraucht und hat sieben Jahre gehalten. Meine Kollegin sagt garnichts mehr, irgendeine ungläubige Bemerkung ist ihr im Hals steckengeblieben.)

Die Computermaus ist schon vor längerer Zeit mal vom Tisch gefallen, irgendwas ist dabei zerbrochen. Trotzdem funktionierte sie noch eine Weile, aber inzwischen muss ich – wenn sie einen schlechten Tag hat – mit der linken Hand ihren USB-Stecker in einer ganz bestimmten Haltung in der USB-Steckbuchse festhalten, damit die Maus Kontakt zum Laptop hat und ich sie mit der rechten Hand bedienen kann. Ich arrangiere mich ja mit vielem, aber das ist lästig. Ich habe sogar schon – obwohl ich das enorm umständlich finde – das Touchpad auf meinem Laptop benutzt, als es mal garnicht mehr anders ging.

Irre stolz bin ich auch nach mehreren Wochen noch, das ich es geschafft habe, mein WLAN nicht nur einzuschalten, sondern auch das Passwort zu ändern. Natürlich habe ich mich damit nur auseinandergesetzt, weil das Internetkabel… äh… leider kaputt ist: der Widerhaken, der das Kabel am Laptop eingesteckt halten soll, ist abgebrochen.

Jetzt hat ein findiger Telefonberater mich überredet, den Internet- und Telefonanbieter zu wechseln, damit ich für das gleiche Geld eine so schnelle Internetverbindung bekomme, dass ich den Tatort in der Mediathek dann zukünftig wahrscheinlich nur noch als Fast-Forward-Version sehen kann. Leider stehe ich allerlei Ängste aus, seit ich dem Wechsel zugestimmt habe. Werde ich eine neue, monströse, vielfarbig blinkende, unverständliche Irgendwas-Box an unpassender Stelle in meiner Wohnung installiert bekommen? Werde ich SCHON WIEDER ein neues WLAN-Passwort für mein dann neues WLAN einrichten und mich an irgendwelche neuen digitalen Spitzfindigkeiten gewöhnen müssen?

Meine Besuchsfreundin hat sich erbarmt und mir zu Weihnachten eine neue Maus versprochen. Wegen der anderen technischen Misstände habe ich inzwischen schon zum zweiten Mal einen Technikladen aufgesucht. Ich stehe vor endlos langen Regalen mit Telefonen. Dutzende Modelle. Keins sieht aus wie das, was ich zu Hause habe. Jedes verfügt über viel zu viele Knöpfe oder über verdächtig wenige. Und sollte ich nicht am besten wieder eins mit Schnur nehmen, wegen der Strahlung? Andererseits ist es ja auch ganz ok, nur eine Stunde lang telefonieren zu können. Ich habe doch immer noch sooo viel vor am Abend. Und vielleicht kann ich ja einfach die Akkus ersetzen und auf ein funktionierendes Display verzichten? Und im Prinzip will ich doch sowieso nicht so viel mit dem Handy machen. Wozu also ein neues? Unverrichteter Dinge flüchte ich auch beim zweiten Anlauf aus dem Laden.

Sogar meine arme, halbtote Computermaus, die heute wieder brav neben mir blinkt und mir warm und vertraut in der Hand liegt, tut mir eigentlich leid. Da gibt sie sich – alt und kaputt, wie sie ist – noch und noch Mühe, und was mache ich? Werde sie einfach ersetzen.