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Anfang Oktober 2020

Ferientage ohne meine Kinder.

Ein großes Bedürfnis, rauszugehen und zu laufen. Am Wochenende ist der Stadtwald voller Menschen; die meisten im passenden Alter, um es für möglich zu halten, dass sie die letzten fünf Nächte auf illegalen Partys verbracht haben; dazwischen schnaufende Jogger, deren Aerosoltrails mir meine Fantasie in grellen Farben ausmalt, wie sie sich durch die Luft winden und mir unentrinnbar über Mund und Nase legen. Coronaphobie. Aber ich kenne die einsameren Wege. Die Waldluft tut gut. Die Beine genießen die Bewegung.

Nochmal auf dem Balkon frühstücken, dick eingepackt, mit Marmeladenbroten und Kaffee und Frühstücksei und dem Hannoverliebsten auf einem verpixelten Videobild, weil das wlan zu weit weg steht.

Mir fällt auf, dass ich viele Dinge kaufe, mehr Kleidung für mich als seit langer Zeit; mehr als ich in diesem Homeofficewinter brauchen werde. Schöne Pullover fürs Büro, schöne Hosen (obwohl ich mir Hosen immer verzeihe, weil es so selten welche gibt, die mir passen). Vielleicht hat es etwas mit dem wohltuenden Gefühl zu tun, etwas unter Kontrolle zu haben. Ein paar Klicks und die Lieferung ist auf dem Weg. Wenn das mit dem Ende der Pandemie, dem Klimawandel und dem Frieden auf Erden auch so ginge!

Großes Eskapismusbedürfnis: Auf dem Sofa einigeln, mit Tee und Decke. Fernsehprogramm aus der Mediathek, dabei das Strickzeug in der Hand, auch die Handschuhe werde ich im Winter wenig brauchen. Aber Stricken lenkt so schön ab. Immerhin gibt es „Birnenkuchen und Lavendel“, den habe ich im Kino verpasst. Eine Verfilmung von „Chuzpe“, diesem feinen Roman von Lily Brett. Und „Frizie – der Himmel muss warten“ – eine Serie der anspruchsvolleren Art, es geht um den Umgang einer Frau mit ihrer Brustkrebsdiagnose.

Ich mache die Wohnung sauber, ich möchte es um mich herum schön haben. Nebenbei läuft die Bauchtanz-Playlist und verbreitet gute Stimmung. Weil ich Lust auf Rosenkohl habe, koche ich mir ein Curry, das für drei Tage reichen wird; es ist immer gut, mittags im Homeoffice  ordentliches Essen zu haben.

Zwischendurch finde ich noch eine Praxis, die Coronatests für Selbstzahler anbietet, und buche online einen Termin, von dem ich nicht herausfinden kann, ob ich meine Kinder mitbringen kann – die Hotline ist dauerhaft nicht erreichbar, auch hier, obwohl die Preise so hoch sind.

Die andere Mitmutter schreibt von einem Coronafall in der Schulklasse ihres Sohnes – das Gesundheitsamt hat sich bisher noch nicht bei ihr gemeldet, dabei müsste der Sohn doch jetzt getestet werden? Wird das nicht gemacht, weil wir die Herbstferien sowieso alle in Quarantäne verbringen sollen?
Eine Nachbarin muss nach dem Tod ihrer Mutter im Sommer jetzt auch noch eine schlimme Diagnose bei ihrem Vater verdauen. Krankenhausbesuche sollen bald wieder verboten werden. Sie kauft Seife auf Vorrat.

Ich wäge ab: Gehe ich nochmal ins Büro, bevor wir wieder auf Rot gestuft werden; bevor die Infektionszahlen noch weiter steigen? Kann ich das auch verantworten, wenn ich mir ab und an die Nase putzen muss? Vorhin gehustet habe? Das lange vereinbarte Treffen mit der Patentante des Fünfzehnjährigen ist 30 S-Bahn-Minuten entfernt – es würde mir guttun, aber. Aber. Aber.

An unseren Urlaub zu denken, Sachen herauszulegen, die Koffer vom Hängeboden zu holen… wage ich nicht.

Unwägbar

Das Schreiben fällt mir schwer. Dabei wäre vieles in diesem sonderbaren Jahr aufzeichnungswürdig.

Zwei Monate lang haben die Kinder wieder regulären Schulbetrieb gehabt; morgens frische Masken eingesteckt; aus der Schule gute Noten nach Hause gebracht; zu Hause erschöpft ausgeruht. Ihre Hobbies können sie nun langsam wieder aufnehmen: Schachtraining, einmal in der Woche. Das erste Turnier an zwei Wochenenden fällt nun schon wieder mit hohen Infektionszahlen in Berlin zusammen; mit Sorge denke ich an den Elfjährigen, dessen Asthma zum Glück immer noch unauffällig ist und der sich auf dem Turnier, genau wie auf seinem Schulweg ins Risikogebiet Friedrichshain, tapfer mit FFP2-Maske schützt. Der Fünfzehnjährige geht wieder zu den Angeboten der kirchlichen Jugendarbeit, nur die Wochenendreisen finden noch nicht statt, auf denen er im letzten Winter so viel Spaß hatte.

Immerhin einen ganzen Tag habe ich in diesen zwei vergangenen Monaten im Büro gearbeitet und das als sehr angenehm empfunden. Trotz aller guten Vorsätze kamen danach immer Termine dazwischen (wie habe ich das früher gemacht: Büroarbeit UND Nachmittagstermine?) und jetzt wieder die steigenden Infektionszahlen, so dass ich weiter zu Hause arbeite; mal motiviert und mal nicht. Einmal hat sich das ganze Team getroffen, abends im Park auf zwei Stunden gemeinsames Picknick; jeder auf seiner Decke. Das Essen, das eigentlich jeder für sich mitgebracht hatte, wurde dann doch herumgerecht, aber niemand ist krank geworden.

Der vor uns liegende Winter macht mir Angst. Was im Frühjahr noch auszuhalten war, weil es auf den Sommer zu ging, weil es wärmer und heller wurde, fällt mir jetzt immer schwerer: die Isolation zu Hause, keinen Besuch zu bekommen; nicht leichten Herzens Essen gehen zu können, nicht in die Sauna, nur mit Bedenken ins Kino – und das alles gleich gar nicht mehr, seit Berlin höhere Infektionszahlen hat als im März und April.

Meiner Traurigkeit versuche ich kleine Routinen, kleine Freuden entgegenzusetzen. Es ist schön, wenn der Orion morgens um sechs Uhr über dem Hinterhof steht. Wenn die Kinder gefrühstückt haben, erledige ich den Abwasch und wenn sie losgegangen sind, mache ich Morgengymnastik (35 Sekunden lang kann ich die „Planke“ schon halten – und hege den geheimen Vorsatz, über diesen Winter auf 2 Minuten zu kommen) und gehe meine Morgenrunde am Wasser. Kaffee und Grüntee stehen bereit, wenn ich den Rechner hochfahre. Abends gibt es oft warmes Essen. Stehen keine Termine an, spielen wir zu dritt noch eine Runde Skat und eine Runde Doppelkopf. Am Bett liegt ein Krimi zum Abschalten und besseren Einschlafen; die Mediathek hat neue Folgen der Serien, die ich mag.
Die Wochenenden ohne Kinder verbringe ich in Hannover, manchmal fahre ich auch nach Weimar, wo mein Vater stückchenweise mehr Hilfe braucht. Aber auch dabei Bauchschmerzen und Bedenken: werde ich den ganzen Winter über reisen können? Wage ich mich zu meinem Vater, wenn die Infektionszahlen in Berlin noch weiter steigen?

Unser Herbstferienurlaub im Waldhäuschen jedenfalls hängt nun von mehreren Unwägbarkeiten ab. Wird die Ärztin, deren nette Sprechstundenhilfe uns Coronatests zugesagt hat, diese Tests dann doch dringender für Kinder mit Symptomen benötigen? Wird das Testergebnis den Weg zu uns vor Ablauf von 48 Stunden finden? Wird ein Ferienhäuschen schon am Tag vor unserer geplanten Anreise frei sein, so dass wir die Anreise in die 48-Stunden-Frist nach unserem Test vorverlegen können? 480 Euro hätte ein selbstfinanzierter Schnelltest für uns drei gekostet. Die Termine an den beiden Tagen vor unserer geplanten Reise waren schon alle ausgebucht.
Meinen Kindern, die doch auch unter der ganzen Situation leiden und die ich nicht davor schützen kann, sich in der Schule oder auf dem Weg dorthin mit Corona zu infizieren, jetzt sagen zu müssen, dass unser Urlaub wahrscheinlich ausfallen muss, ist mehr als bitter. Wir haben an keiner einzigen illegalen Party teilgenommen – noch nicht mal an einer legalen. Wir leben in einem Berliner Bezirk mit niedrigen Infektionszahlen. Aber das hilft uns nichts.
Ja, als ungerecht empfinde ich es, dass kein klares Reiseverbot für die Einwohner von Risikogebieten ausgesprochen wird. Das Türchen, dass da offengelassen wird – Reisen mit einem negativen Coronatestergebnis erlaubt, wenn das nicht älter als 48 Stunden ist – bevorzugt ganz eindeutig reiche Menschen und solche, die Ärzte kennen. Wenn es diese Reiseoption gibt, dann müssten auch ausreichend Tests angeboten werden. Für alle.

Ab und zu – zum Glück gelingt das – muss ich die Dinge wieder in Perspektive rücken: Auch wir sind privilegiert. Gesund und ohne Existenzangst. Genug Essen im Kühlschrank, die Heizung läuft. Familie und Freunde immerhin per Textnachricht präsent, und abends sagt mir der Hannoverliebste am Handybildschirm gute Nacht.

Wir werden auch über diesen Winter kommen (won’t we?).

Auf der Schwelle

Wir haben die ersten Lebensveränderungen dieses Sommers hinter uns.

Gut klappt die Zusammenarbeit mit der neuen Chefin – bisher – ; alles aus dem Homeoffice, andere Teammeetings, ein anderer Führungsstil, aber erstaunlich reibungslos. Ein paar Abläufe haken noch, aber das wird schon.

Zehn Jahre hat der Vater meiner Kinder genau drei Türen weiter in der gleichen Straße gewohnt, seine Freundin im Hinterhof gegenüber, ihre abendlichen Rufe nach ihrer Katze gehörten in den Hof wie das Zischen des Rasensprengers und die Krähenschreie. Schön war diese räumliche Nähe für die Kinder; schwierig für mich; vieles war unkompliziert zu regeln, die andere Wohnung mit den vergessenen Dingen immer nur ein paar Schritte entfernt. Seit zwei Wochen lebt der Vater meiner Kinder nun mit neuer Frau, neuem Kind und großem Wechsel-Patchwork im Nachbarbezirk. Auch das muss sich einspielen. Beide Kinder wollen im gewohnten Wechselrhythmus bleiben. „Bei uns ist das so“, sagen sie, wenn sie von ihrem Vater kommen, und ich werde ganz klein angesichts von so viel „uns“. Eure Mutter ist ganz neidisch auf unsere schöne Wohnung, zitiert der Elfjährige die Frau seines Vaters, und ich würde gerne wütend nach dem Telefon greifen und mir dergleichen Bermerkungen verbieten, aber dann lasse ich es bleiben; beim nächsten Vorfall ist ein Gespräch fällig. Den Kindern kein Elternteil schlechtzumachen sollte doch eine Grundregel sein?

Jetzt steht der Berliner Schulbeginn bevor. Wir haben größtmögliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, tönt es aus der Berliner Bildungspolitik; es wird Seife auf dem Klo geben und die Fenster sollen geöffnet bleiben – und: Maskenpflicht immer und überall – außer im Unterricht. Dort ist auch das Abstandsgebot aufgehoben, die Schulen und Klassenräume sind nämlich sowieso zu klein. Während die ersten Schulen in Mecklenburg-Vorpommern schon wieder schließen müssen, startet Berlin sein großes Wie-schnell-stecken-sich-Schüler-gegenseitig-mit-Corona-an-Experiment. Für einige Kinder oder Eltern wird das schlecht ausgehen, tödlich vielleicht, statistisch beinahe unvermeidlich. Können wir uns schützen? Nein. Habe ich Lust auf weitere Monate des Homeschoolings? Auch nein. Ich weiß also auch nicht, was tun; kaufe dem Elfjährigen zwei FFP2-Masken für die überfüllte S-Bahn und Desinfektionsgel für die Hände und rate ihm, im Unterricht eine Papiermaske zu tragen. Aber in der 10. Klasse, in der der Fünfzehnjährige noch ein Jahr mit all den Kindern ausharren muss, mit denen er sowieso schlecht zurechtkommt, dürfte das Maskentragen so uncool sein, dass er es nicht freiwillig während der Unterrichtsstunden machen wird.

Und die Hitze rollt über die Stadt. Während die Natur ächzt und leidet, haben wir es unverschämt gut: Wir schließen die Fenster und auf der Sonnenseite die Gardinen. Wir fangen Brauchwasser auf und haben – weil das nicht reicht – genug Trinkwasser, um am Abend die Balkonblumen zu gießen und die Bienentränke zu füllen. Wir fahren am Morgen zum See und bleiben fast den ganzen Vormittag im Wasser; wir treffen uns am Abend mit Freunden auf dem Restaurantschiff; wir essen Eis und radeln in der nächtlichen Kühle nach Hause zurück; wir trinken sauberes Wasser und schneiden Melone auf; wir kaufen Zeitfenstertickets fürs Schwimmbad und hoffen auf verkürzten Unterricht an den heißen Tagen.

Wir genießen den Sommer, so viel wir können.
Wir beginnen einen neuen Abschnitt, mit mehr Ungewissheit als sonst.
Ich möchte die Schutzengel meiner Kinder bestechen und einen Regentanz tanzen.

Ach

In Berlin sind alle meine Tomatenpflanzen umgeknickt. Vermutlich gabs Wind.

In Berlin geht nach dem einen Laptop gleich noch das andere kaputt, als hätten beide netterweise bis zum Schuljahresende mitgemacht und nun aber Ferien nötig.

In Berlin bekommt der Elfjährige ein Gerstenkorn im linken Auge und ich habe plötzlich eine Zecke in der Wade, und es ist auch kein Trost, dass es vermutlich eine dänische Zecke ist.

In Berlin heißen sogar die Pflanzen unschön; gewöhnliche Graukresse und Mäusegerste, wohin man blickt. Halbvertrocknet und zerzaust.

In Berlin prangen an den Eingängen zum Stadtwald neue Schilder, die vor dem Eichenprozessionsspinner warnen. Wir tun keinen Schritt in den Wald, aber am Rand der Grünanlage auf dem Weg nach Hause – keine drei Meter vom Bürgersteig entfernt – entdeckt der Fünfzehnjährige ein Nest mit leeren Kokons.

In Berlin ist das mit der Verwaltung ja schwierig, und deshalb ist die Ansprechpartnerin vom Grünflächenamt, der man dergleichen melden soll, zwar freundlich, gibt aber die Auskunft, dass die Stadt das Nest nicht entfernen wird, weil der Baum auf einem Grundstück der Bäderbetriebe steht.

Zum Glück gibt es die PC-Reparaturwerkstatt. Zum Glück gibt es die Nachbarin und die ehemalige Nachbarin und den einen warmen Abend, an dem wir zum Lieblingssee fahren – obwohl die S-Bahn mal wieder eine großflächige Störung hat, aber zum Glück gibt es ein Auto und Stoffmasken – und schwimmen und reden und lachen. Zum Glück gibt es die Kollegen, die im Homeoffice anrufen und Zeit zum Schwatzen haben. Zum Glück hat eine einzige Kinderärztin gerade keinen Urlaub. Und zum Glück gibt es Züge nach Hannover.

Februartage

Die Malerplane, die wie ein Schleier am Lenker des Fahrrades weht, von dem der Wind sie in ungeduldiger Kleinarbeit abgefetzt hat.
Der Geruch nach frischem Brot aus dem Backshop.
Das Prasseln von Graupelkörnern auf das Dach über dem Bahnsteig.

Eine Mutter, die ihr Kind anschreit und zwei Mitreisende, die sich einmischen.
Der leuchtend rote Mantel einer Frau, die ihren Freund küsst, mit Haaren so lang und schwarz, als würde sie für immer jung bleiben.
Das Licht in der Imbissbude, das warm auf goldgelbe Brötchen, Croissants und Plunderteilchen fällt.

Strenger Desinfektionsgeruch, als ein Junge sich die Hände mit hellblauem Gel aus einem kleinen Fläschchen einreibt, bevor er ein rotes Gummibärchenspaghetti aus einer Tüte holt und isst.
Der kleine schlafende Hund, dessen Köpfchen aus der Tasche der Frau neben mir hervorschaut; mit einer blanken schwarzen Nase, gelben Flecken über den Augen, seidigem schwarzen Fell und einem nervösen Ohr.
Die letzten Seiten von Sarah Moss‘ Islandbuch.

Kaffeeduft aus der Büroküche.
Und auf dem Heimweg der kalte Wind, der mir ins Gesicht schlägt.
Das Summen von Messenger-Nachrichten.

Meine verhedderten Kopfhörerkabel.
Wunderschöne sperrige Musik von Fieh, immer wieder.
Die ersten Schneeglöckchen und Krokusse.

Der Fünfzehnjährige mit Brille, plötzlich irgendwie älter und reifer, als ob.
Der Elfjährige, der Rubic’s Renvenge mit Hilfe von youtube-Tutorials fertig löst.
Die neuen Spiele auf dem Wohnzimmertisch: Cluedo, Blokus, Tantrix, Go.

Gemüse für eine Hühnersuppe.
Zugverbindungen nach Hannover.
Vorfreude. Unsicherheit. Übermut. Vorfreude.

Gutenachtnachrichten.
Noch einen – nur einen – von Anne Fadimans Essays.
Gegen Morgen singen draußen Vögel.

Weihnachtskonzert

Nein, wir sind nicht in der Philharmonie. Das hier sind auch nicht die Wiener Sängerknaben. Auch keine Show der Supertalente. Der Chor probt nur einmal die Woche; die auftretenden Kinder lernen in der Musikschule das eine oder andere Instrument, die Musiklehrer haben mit ihren Klassen ein bisschen was eingeübt; ein paar Lehrer haben sich zusammengetan und ein paar fetzige Songs einstudiert; die eingestreuten Weihnachtsgedichte sind komplett von jeder christlichen Botschaft befreite Scheußlichkeiten, in denen als Höhepunkt des Weihnachtsabends der Baum abbrennt.

Trotzdem gibt es berührende Momente. Äh… manchmal.

Während des Pachelbel-Kanons wickelt ein Mann schräg links vor mir den dicken weißen Verband ab, den er um seine linke Hand hat. Bevor zum Vorschein kommt, was sich darunter verbirgt, wickelt er ihn zum Glück wieder fest. Die Leute rechts neben mir unterhalten sich halblaut darüber, dass der Enkel zu Weihnachten einen Gutschein für eine Escape-Room bekommt. Das Kleinkind vor mir kuschelt mit seinem Teddy und schlenkert dessen nassgeliebten Arm dann dem Mann in den Nacken, der vor ihm sitzt. Der Zehnjährige zappelt neben mir herum. Programmflyer knistern leise zu Boden.

Vorne wird ein selbstarrangiertes Weihnachtsmedley gezupft, bei den Leuten neben mir – die sich fertig über das Escape-Room-Geschenk unterhalten haben – die Wetterapp aufgerufen. Der Zehnjährige ist auf meinem Schoß fest eingeschlafen, so tief, dass ihn noch nicht mal der tosende Applaus weckt, den das Lehrertrio bekommt.
Und während der Chor sanft „Tausend Sterne sind ein Dom“ säuselt, klappert die Frau neben mir, offenbar zufrieden mit dem, was sie in der Wetterapp erfahren hat, schon mal laut mit ihrem Kleingeld.

Trotzdem. Ein bisschen weihnachtlich wird mir trotzdem zu Mute. Ich nehme Yirumas „River flows in you“ mit in die Winternacht hinaus. Und Einaudis „Una mattina“.

Zehn Uhr im Kiez

Morgens um zehn Uhr bin ich fast nie in meinem Kiez unterwegs. Aber heute bin ich krankgeschrieben und mache einen kleinen Genesungsspaziergang, auf dem ich endlich mal diese blöde Pfandflasche zurückgeben, Minen für die Radierstifte der Kinder besorgen und noch ein violettes Stiefmütterchen erwerben möchte.

Über dem PC-Shop an der Ecke lüftet knallrotes Bettzeug in der milden Morgenluft. Auf der anderen Straßenseite schiebt sich eine ältere Dame mit Gehstock Schrittchen für Schrittchen in Richtung Einkaufsstraße. Den Laden für Reinigungsmittel habe ich noch nie betreten, anders als die magengrippengebeutelte Nachbarin, die nach jeder Virenwelle dort ein Reinigungsmittel erwarb, mit dem sie Betten und Geschirr desinfizierte.  Heute wird gerade Ware angeliefert, große Packen gelber Schwämme, Kisten mit Plastikflaschen, die Namen tragen, deren Klang schon beinahe ausreicht, um Keime und Schmutzpartikel die Flucht ergreifen zu lassen.

Im Nagelstudio nebenan beugt sich eine Frau mit Mundschutz hingebungsvoll über eine mit langen Glitzernägeln zu verschönernde Hand. Der Frisör hat noch sein „We are closed“-Schild im Fenster, trotzdem sitzt schon ein Herr im Wartebereich, wo die Glaskaraffe frisch mit Wasser und Orangenscheiben befüllt ist.

Vor der neu eröffneten Sports-Bar reckt sich eine junge Frau in Lederleggins tatkräftig. Auf den Werbefotos in den Fenstern äugen hübsche junge Damen zu hübschen jungen Männern, deren Aufmerksamkeit aus dem Bild hinaus gerichtet ist, vermutlich zu den Sportereignissen, die die Bar zu übertragen verspricht. Gegenüber beim Bäcker stehen ein paar Tische in der Sonne, an denen einzelne ältere Herren Kaffee trinken; einer mit Stars&Strips-Hose und Cowboyhut, ein anderer mit Zöpfchen im langen Bart. Sie sehen aus wie morgendliche Stammgäste, vom Leben mitgenommen und ein wenig einsam.

Aus dem Bekleidungsgeschäft schiebt eine alte Dame ihren Rollator und müht sich damit die drei Stufen hinunter, hinein in ein kleines Ballett aus Kinderwagen und mehr Rollatoren. Der Stau ist entstanden, weil ein Bauarbeiter zwei Absperrgitter auf dem Gehsteig aufgestellt hat; er schleppt ein nach bedrohlichem Lärm aussehendes Gerät herbei.

Vorne an der Ampel, wo die Händler wie jeden Tag ihre Partyzelte aufgestellt haben und neonleuchtende Turnschuhe, Blümchenblusen, Trolleys, Glitzerspielzeug und Pantoffeln feilbieten, die mich an die Gästepantoffeln im Haus meiner Großeltern vor 30 Jahren erinnern, hat eine Kanalreinigungsfirma schweres Gerät aufgefahren und allerhand Schläuche in die Gullys versenkt. Die Kanalarbeiter sitzen auf der Ladefläche ihres Lasters in der Sonne, während die Maschinen ihre Arbeit tun.

Der Schreibwarenladen hat die Kalender für 2019 jetzt für 1,99 Euro im Angebot, sogar die mit den barbusigen – und schon beinahe ein wenig verblichenen – Frauen.

Auf dem Rückweg bin ich versucht, die auf grünem Tüll grasenden Hasen zu zählen, mit denen die Apotheke, der Kiosk und das kleine Fitnessstudio ihre Schaufenster dekoriert haben. Auch der Bäcker steht auf einem Hocker und hängt eine Girlande mit bunten Hasen über die Theke.

Die Sonne – die von ungewohnter Seite über die Dächer scheint – wärmt heute schon herrlich.
(Woran man merkt, dass dieser Text schon letzte Woche entstanden ist, fröstel…)

Weniger Müll machen

400 Millionen Tonnen Plastik wurden im Jahr 2015 produziert. Tendenz stark steigend, die Hälfte davon ist spätestens nach einem Jahr schon Müll. Hier kann man das nachlesen, die Zahlen sind aus dem letzten Jahr. Im Radio wird ein weiterer, extremer Anstieg der Müllmengen in den nächsten Jahren prognostiziert, und ja, einige Konzerne haben sich gerade verpflichtet, daran mitzuwirken, dass zukünftig mehr Verpackungen recycled werden. So ab 2030, ungefähr. Und die Ohrenstäbchen mit Plastik haben wir ja auch schon verboten.

Ich bin ein klitzekleines bisschen konzernskeptisch und ein Blick in meinen Mülleimer zeigt, dass Ohrenstäbchen eins meiner allerallerkleinsten Probleme sind. Seit einiger Zeit pappt deshalb ein gelber Zettel über dem Müllschrank, auf dem ich notiere, wie oft die große Papiertüte mit dem Plastikmüll voll wird. Da geht doch bestimmt was… Augen auf beim Einkaufen also.

Was auf Anhieb ziemlich gut funktioniert, sind Obst und Gemüse. Jeder Supermarkt in meinem Kiez bietet einen Teil davon lose an, und lose lege ich es in meinen Wagen und aufs Kassenband. Keine Beschwerden von den Kassieren, es brauchte nur mein eigenes Umdenken: Ich kaufe nur noch, was es ohne Verpackung gibt. Meistens mache ich eine oder zwei Ausnahmen, z.B. weil der Dreizehnjährige sooo gerne Blaubeeren isst oder keine Möhren ohne Verpackung da sind, ich aber dringend welche brauche.

Brot kaufen wir schon lange beim Bäcker – wir haben alle drei gern wirklich leckeres Brot – aber Toastbrot ist ein Problem, für das ich noch keine Lösung habe. Baguettescheiben zum Frühstück vor der Schule? Vielleicht probieren wir es aus.

Getränke sind schwierig, weil meine Kinder beide gern verdünnte Säfte trinken. Die Lieblingssorte des Neunjährigen steht zum ersten Mal als Kasten mit sechs Glasflaschen in der Küche, das aber auch nur, weil ich mir einen Einkauf habe liefern lassen. Tendenziell werde ich in der kalten Jahreszeit wohl öfter Tee kochen oder Ovomaltine zum Frühstück; mal sehen. Für Milch gilt allerdings das gleiche. Ständig haufenweise  Flaschen mit mir herumzutragen – volle aus dem Laden, leere zurück – ist vermutlich nicht machbar. Zur Reduzierung des Plastikmülls schaffe ich mir jetzt aber auch kein Auto an.

Was auch noch nicht klappt: Käse und Wurst. Ich bin probeweise auf abgepackte Waren von der Theke umgestiegen, weil die Plastikfolie und die Papiertüte, die man dann bekommt, schon weniger Müll sind als die Verpackungen aus dem Regal, aber ganz ohne Plastik kann die normale Supermarkttheke einfach nicht. Einige Berliner Filialen von Bio Company testen anscheinend jetzt den verpackungsfreien Verkauf über die Theke – mal sehen, ob ich dort in den nächsten Wochen mal mit meinen Vorratsdosen vorbeikomme. Beides ist natürlich teuer, ein ökologisch vertretbares Leben muss man sich erstmal leisten können, das ist traurig.

Und dann gibt es hier in Berlin natürlich noch Original Unverpackt. Auch dieser Laden liegt nicht gerade auf meinem Weg, aber ich nehme mir wenigstens vor, ab und zu dort vorbeizufahren. Einmal habe ich bereits Wasch- und Spülmittelflasche dabeigehabt und weiß jetzt, wie das mit dem Auffüllen funktioniert (1. Leere Flasche wiegen und Gewicht notieren; 2. Unbequem auf den Boden kauern und Waschmittel aus dem großen Kanister in die Flasche pumpen; 3. Bezahlen 4. Karmapunkt an die Weste heften). Auch Tee, Linsen, Haar- und Körperseife von dort gibt es bei mir schon; Experimente mit Müsli, Couscous, Polenta, Trockenfrüchten und Gewürzen stehen aus.

Mein Fazit nach vier Wochen: Der Plastikmüll in unserem Haushalt wird weniger, das ist gut zu sehen.

Vermutlich gilt dabei die alte 80/20-Regel: mit 20% Aufwand kann ich 80% des Plastikmülls vermeiden. Die restlichen 20%, für die ich dann 80% Aufwand bräuchte – und ein Weckglas, um den restlichen Müll des ganzen Jahres zu sammeln – schaffe ich nicht.
Dafür habe ich einen scharfen Blick auf den Papiermüll geworfen und rufe konsequent jeden an, der mir einen Katalog schickt. „Nehmen Sie mich doch bitte aus Ihrem Verteiler…“ –

Sommerwarmer Freitag

Im Handumdrehen sind wieder fast zwei Wochen verstrichen. Mein scheußliches Voltarensalben-Unverträglichkeitsexzem am Knöchel ist beinahe verheilt, und ich kann endlich die schicke Aktiv-Bandage tragen, die ich dann doch irgendwann in einem Sanitätshaus erstehen konnte.

Am Morgen ist alles prima; am sommerlich warmen Nachmittag, wenn die S-Bahn voller unmutiger Feierabendberliner ist, ist mein Fuß auf einmal zwei Nummern zu groß für die sportlich-blaue Knöchelstütze; sie drückt vorn und hinten, deshalb bleibe ich unglücklich auf meinem schwer erkämpften Platz sitzen, als sich ein Mann mit freiem Oberkörper neben mir niederlässt; ich würde ihn seeeehr gern mit Blicken anziehen – oder aus der S-Bahn werfen zum Aussteigen bewegen – weil ich bittedanke selbst entscheiden möchte, wer halbnackt und verschwitzt neben mir sitzen darf.

Unter solchen Umständen ist das Nachhausekommen besonders schön. Ich ziehe die fußgerechten Wanderschuhe aus, die Socken und die nicht mehr ganz taufrische Bandage; dann stelle ich vorsichtig die Paprikapflanze auf den Balkon, die mir noch gefehlt hat, und die Walderdbeere, das Wandelröschen und die Studentenblume, die ich aus Versehen im Oh-lauter-wunderschöne-Pflanzen-Glücksrausch auch noch gekauft habe. Hach, wie schön!

Als alle Neuankömmlinge ein Plätzchen mit ausreichend Erde gefunden und Wasser bekommen haben, sitze ich mit einem Buch auf der Balkonbank und blinzele in die Sonne, die zwischen dem Schornstein des Nachbarhauses und dem Stamm der grünbeschleierten Birke ein paar letzte Strahlen in den Hinterhof schickt. Im rechten Nachbarhof schwatzen zwei Mütter am Sandkastenrand, während ihre Kinder auf dem Rasen Fange spielen; im linken Nachbarhof isst eine Familie zu Abend; oben im Baum wippt die Taube auf einem Ast und lässt es darauf ankommen, von der brütenden Rabenmutter erspät und verjagt zu werden. Gegenüber auf dem Flachdach, wo die Sonne noch richtig hinscheint, laufen ein paar Männer mit hippylike buschigen Haaren und buschigen Bärten hin und her, Becher und Handys in den Händen – unser Kiez verjüngt sich, denke ich, sowas gab es hier noch nie – und schaue ihnen interessiert beim Sonnenuntergangfotografieren zu.

Später, drinnen, ist es ein bisschen einsam. Auf meinem Laptop liegen die Präsentationen, die der Dreizehnjährige zu den Schulvorträgen gemacht hat, die er gestern und heute halten musste und die ich mir in den letzen Tagen immer wieder geduldig angehört habe; im Zimmer des Neunjährigen guckt mich der Kuschelhase traurig an, auf dem Boden liegt der Schlafanzug und aufgeschlagen im Bett das Michel-Buch von Astrid Lindgren, aus dem wir vorgelesen haben; in der Küche erinnert mich das Ligretto-Spiel daran, dass der liebste Freund, der Dreizehnjährige und ich gestern um diese Zeit kartenspielend am Tisch saßen.
Jetzt sind alle fort, und ich habe keine Lust, irgendetwas von all dem anzufangen, was ich machen wollte, wenn ich allein bin.

Es ist okay, sage ich mir, erschöpft zu sein und garnichts zu wollen.
Und vielleicht, tröste ich mich, gibt es nachher ein paar Sterne.

(Meine neue App kennt sie alle – auch den „kleinen Hund“, der abends über meinem Balkon wacht, und den „großen Löwen“, den wir über dem Waldhäuschen, zwischen den hohen Bergen, strahlen sahen – zwei Sternbilder, die ich noch nie gesehen hatte, und die zu meinen großen Frühlingsfreuden gehören…)

Kalt

In den Nächten lehnt die Kälte sich gegen die Hauswand. Ich ziehe die riesengroße Decke über meine Schulter und umarme das dicke Federbett noch fester.

Der Neunjährige, der beim Umziehen zum Schulschwimmen sowieso immer die meiste Zeit braucht, jammert über die dicke Fleecejacke und den Schal und die Mütze, die er anziehen muss. Als wir dann am Nachmittag in der Bahn zur Asthma-Spezialistin sitzen, wärmt die Sonne durch die Scheiben, so dass wir uns in unseren dicken Jacken fühlen wie Kürbisse, die in ihrer dicken Schale verfaulen.

Am Abend gehe ich mit dem liebsten Freund ins Liquidrom. Wir saugen uns voll Wärme, bis wir ins Handtuch gewickelt im Innenhof dem guten alten Ostmond zuwinken können ohne zu frieren. Hinter der Theke hängen immernoch die schwarz-grauen Bilder, die aussehen, als wären es Mikroskopaufnahmen von Schimmelkulturen, das ist sehr urban. Die jungen Männer tragen modische Bärte, die Betonwände sind grau, Klimperjazz senkt sich aus den Lautsprechern über die Wellness-Suchenden.

Die Fahrt zurück nach Hause würden wir gern auslassen. Die S-Bahn fährt wegen eines Notarzteinsatzes nicht, wie sie soll; neben uns pöbelt eine angetrunkene Frau laut gegen die öffentlichen Verkehrsbetriebe Berlins, gegen Spießer und gegen Ausländer, die sich in ihrem wirren Kopf zu einer einzigen großen Verschwörung zusammengetan haben, um sie zu ärgern und ihren Heimweg zu erschweren. Benimm dich mal, Madam, sagt ihr Begleiter immer wieder begütigend, aber sie schreit laut „nö!“ und hat garnichts dagegen, dass jeder sie hört; sie ist noch lange nicht fertig mit ihrer Wut auf die Welt.

In einem der U-Bahn-Höfe haben sich Obdachlose eingerichtet, in der Mitte, wo sie niemandem im Weg liegen; haben sich im fragwürdigen Windschutz von Pfeilern in so viele Schlafsäcke verkrochen, wie sie besitzen; neben sich Tüten mit Habseligkeiten, einen Rollator –
wir wissen es nicht, wir hoffen es, dass dieser Bahnhof nach Betriebsschluss nicht zugesperrt wird. Dass sie hierbleiben dürfen, wenn in der Notunterkunft kein Platz mehr frei war.

Die Melancholie lehnt sich an mein Herz, ein bisschen weniger kaputt könnte die Welt doch sein?, ein bisschen gerechter? Ich ziehe den liebsten Freund unter meine riesengroße Decke und umarme ihn fest.

Am nächsten Morgen gleißt die Sonne wieder und die Kälte kneift uns tief in die Wangen. Am Bahnsteig steht ein Mann mit Schneeschuhen in der Hand, großen Zackendingern aus Metall; ich wüsste gern, zu welchen Abenteuern er aufbricht.

Vor mir liegt nur die Kinderwoche. Mit tropfender Nase und verrutschendem Schal ziehe ich mühsam den Rolli mit dem Wochen-Groß-Einkauf nach Hause und stelle einen Strauß mit knallrosa leuchtenden Gerbera aufs Fensterbrett. Darf ich bitten, Frühling?