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Das eine und das andere Nah

Es ist kurz vor Silvester. Die Stimme der großen Patentochter, die laut darüber nachdenkt, ob sie trotz ihres hohen Fiebers eine geplante Urlaubsreise antreten kann, füllt meine Küche. Als sie ihre Argumente vorgetragen hat, die im Wesentlichen darauf hinauslaufen, dass es sehr, sehr schade wäre, den schönen Urlaubsplan platzen, die schöne Gelegenheit verstreichen zu lassen, antwortet ihr ihre Mutter – meine ganz große Schwester – und rät zu größter Vorsicht, weil man mit hohem Fieber dann lieber doch nicht leichtfertig umgeht.

Es könnte ein ganz normales Gespräch sein – aber die Stimme der großen Patentochter kommt via Whatsapp aus Uruguay und auch meine Schwester (immerhin ist wenigstens sie leibhaftig in meiner Küche) spricht nur eine Sprachnachricht auf.

Wenige Tage später bin ich wieder mit der ganz großen Schwester zusammen, und wir beobachten, wie der Flieger mit der großen Patentochter dem Flughafen entgegenschwebt, zur Landung ansetzt und elegant auf der Landebahn aufkommt.

Aber auch dieses Mal können wir die große Patentochter nicht in die Arme schließen, wir sitzen – mit dem begeisterten Elfährigen – vor Flightradar24 und haben eben schon das Flugzeug des ganz großen Schwagers, mit dem er nach Lateinamerika zu seiner Tochter unterwegs ist, ungefähr an der großen Ecke von Afrika entdeckt und eine Weile beim Weiterruckeln beobachtet. Die große Patentochter, die nun wieder gesund ist und einen kleinen Ersatz-Urlaub macht, bevor sie ihren Vater trifft, landet gerade in Ushuaia. Feuerland. Und wir jubeln ihr gemeinsam auf die Mailbox, dass wir sie gerade haben ankommen sehen.

„Nah“ und „fern“ sind schillernde Begriffe geworden.

Die ganz große Schwester verbringt nun zwei wunderbare, lange Wochen bei mir, während ihr Mann in Lateinamerika ist. Wir frühstücken zusammen, und während ich arbeite, läuft sie viele Stunden durch die Stadt; erkundet Parks und neue Viertel, macht den Einkauf, hängt die Wäsche ab und neue auf, räumt dem Elfjährigen (möge er ihr für immer dankbar sein!) das vorpubertäre Chaoszimmer auf, geht nochmals zwei Stunden raus, trifft Freunde und ist wieder da, wenn ich müde aus dem Büro komme.
Wir kochen zusammen; wir holen einen Film aus der Videothek oder schalten einen Krimi ein; wir lesen Gedichte vor und reden.
Am Wochenende hat meine ganz große Schwester mich Einsiedlerin so weit, dass ich an beiden Tagen mit ihr rausgehe und wir gemeinsam durch Berlin laufen; vom Schlesischen Tor zum Passage-Kino; vom Südstern durch die Bergmannstraße und die Akazien- und Golzstraße bis zum Nollendorfplatz. Ich zeige hierhin und dorthin, in diesem Café habe ich mal jemanden zum ersten Mal getroffen, dort kann man diesunddas gut kaufen; da oben wohnte derundder; dort müssten wir mal essen gehen, da ist es lecker, da drüben könnte man noch langlaufen und bis zur Jannowitzbrücke kommen –

Ich merke, dass ich wieder Spaß an meiner Stadt finde, in der ich mich in letzter Zeit fremd gefühlt habe. Ich merke – ich habe mal wieder eine Gelegenheit, zu merken – wie viel Freude es mir macht, eine Weile „zusammenzuleben“, nicht alles allein tun zu müssen, mich nicht zu verabreden und trotzdem am Abend noch ein paar Alltäglichkeiten austauschen zu können und ein gemeinsames Nippchen Wein zu trinken. Etwas in mir taut auf.

Das „echte“, analoge Nah tut wohl. Irgendwann möchte ich mal nicht mehr allein mit mir und meinen Kindern leben. Euch nahen fernen Menschen sprechen und schreiben wir dann trotzdem noch Nachrichten. Verspochen!

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Jahreserstwoche

Silvester scheint schon wieder weit zurückzuliegen. Stimmt doch garnicht, weniger als eine Woche ist es her, seit wir um den großen Tisch saßen, die Schwestern und der eine Schwager und die Mitmutter und meine Kinder und ihres. Pünktlich zum Anstoßen kam der Mann der ganz großen Schwester dann auch dazu; den Siebenjährigen hatte ich gegen halb 11 vom Sofa geklaubt und in sein Bett getragen; der Elfjährige bestaunte bis halb eins das Feuerwerk, das vor und hinter dem Haus über die Dächer aufstieg und war fidel.

Drei Tage später klingt die große Schwester am Telefon schon wieder ganz erschöpft; ihr Arbeitseinstieg glich wegen Krankheits- und Urlaubsvertretung einem Kopfsprung. Meiner ist zum Glück eher ein Hineinwaten, weil die Chefs mit ihren Kindern auf irgendwelchen Schipisten unterwegs sind und auch viele Kollegen noch frei haben.

Es gelingt mir, die Zeit in dieser ersten Woche des neuen Jahres zu dehnen, so dass neben den Arbeitsstunden noch ein gemütliches Abschiedsfrühstück mit den verbliebenen Gästen am 2. Januar, ein Kinobesuch (traurig: „Ich, Daniel Blake“), eine lange Telefonier-Nacht mit der Besuchsfreundin und ein Wiedersehen mit der Studienfreundin nebst Jahresrückblick der „Brauseboys“ hineinpassen. Ich gebe mir Mühe, gesund genug zu bleiben, um die Patentante des Elfjährigen am Wochenende zu ihrem lange ausstehenden Wellness-Geschenk begleiten zu können, freue mich am Schnee, den der Wind von den Dächern stiebt, schaffe es, den Siebenjährigen auf einen der vorderen Plätze der aktuellen Warteliste der Bronze-Gruppe des hiesigen Schwimmvereins gesetzt zu bekommen (Training vielleicht ab April – ), trage ein dickes Buch in der Tasche, in das ich mich in jeder ruhigen S-Bahn-Minute vertiefe (Juli Zeh: „Unterleuten“ – ein sich fein spannend anlassender Uckermark-Roman mit vielerlei Perspektiven).

Der Weihnachtsbaum grüßt mich freundlich, wann immer ich zwischendurch kurz zu Hause aufschlage, die Tasche fallen lasse und schlafen gehe; morgens nach frischen Sachen krame, zwischendurch kurz Rast mache.

Nächste Woche dann wieder Alltag. Jetzt halte ich ihn mir noch ein wenig vom Leib.

Vielleicht so

Nein, wir waren nicht in der Nähe vom Breitscheidplatz, niemand von meinen Freunden und Bekannten, keine Arbeitskollegen. Von dem schrecklichen Ereignis auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche erfahre ich von meiner großen Schwester, die mich mit Kloß im Hals anruft und fragt, ob es uns gutgeht. Dann die Informationen im Internet. Eine Kurfreundin aus München schickt ein großes erleichtertes Whatsapp-Herz, als ich ihr schreibe, dass wir wohlauf sind. Und dafür bin ich ihr dankbar.

Traurig, bedrückt, schlaflos verbringe ich die Nacht; am Morgen erzähle ich dem Elfjährigen, was geschehen ist. Er geht an diesem Tag zum Schnupperunterricht in eine weiterführende Schule und ich schärfe ihm ein, mich auch ja auf dem Rückweg von der S-Bahn aus anzurufen; ich möchte mein Kind an diesem Morgen nicht loslassen, ich möchte – so sehr! – die Gewissheit haben, dass ihm kein Leid geschieht –

Im Büro macht der Personalchef persönlich die Runde auf den Fluren und schaut, ob alle Mitarbeiter da sind. Für die Kollegen in anderen Ländern schreibt er im Intranet einen kurzen Text, in dem das Entsetzen und die Traurigkeit spürbar sind, die wir alle an diesem Morgen fühlen.

Spätestens am Abend kommt zu den bedrückenden Gedanken an die Menschen, für die jetzt nichts mehr so sein wird wie vorher, weil sie jemanden verloren haben oder selber zum Opfer des Anschlages geworden sind, die Beklemmung angesichts der Mediendebatten hinzu. „Verschärfen“, „Abschieben“, „Sicherheit“, „Schuld“ – und das ist ja erst der Anfang.

„Ich bin fest entschlossen, furchtlos zu bleiben“, schreibt mir die Patentante des Elfjährigen, und erzählt mir beim gemeinsamen Mittagessen vom Plätzchenbacken mit den Flüchtlingskindern in der Willkommensklasse, in der sie unterrichtet; und von der großen Vorfreude der Kinder auf den Weihnachtsmann, der am letzten Tag vor den Ferien zu ihnen in den Unterricht kommen soll.

Furchtlos bleiben – es wenigstens versuchen – und den Kindern beibringen, nicht zu hassen. Ja. So können wir vielleicht weitermachen. An der Gedächtniskirche Lichter anzünden. Und Weihnachten nach diesem Anschlag und nach diesem verstörenden Jahr als ein Fest feiern, bei dem es um die Hoffnung auf kleine Lichter im großen Dunkel geht.

Licht

Was ich an diesem Winter mag, ist, dass die Welt mit wenigen, je nach Tageszeit und Licht wechselnden Farben gemalt zu sein scheint.

Ein stillgrauer See unter himmelgrauen Wolken, graue Buchen- und schwarze Kiefernstämme.

Dächer und Bäume und nasses Laub vor dem Bürofenster an einem wolkigen Tag: alles in Schattierungen von Rotbraun.

Hellblau und Hellgelb an einem klaren Morgenhimmel hinter den tiefschwarzen kahlen Ästen; das Blau färbt auf die Straße und das Gelb auf die Häuser ab. Am Nachmittag dominiert an derselben Stelle Rosa, plötzlich sind die Häuser in den Hintergrund getreten und das blassrote Geländer der S-Bahn-Brücke leuchtet im selben Ton wie die Abendwolken.

 

Sonntag, 5. Juni

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? – Das fragt Frau Brüllen heute wieder und sammelt sehr viele sehr schöne Beiträge auf ihrer Seite. Schon wieder der 5. also! Der letzte Monat ging schnell um, kein Wunder bei all den Feiertagen.
Und so ein Tag war heute:

Obwohl es gestern später geworden ist, ist der Elfjährige um halb sechs wach. Aber leise. Halb sieben kommt der Siebenjährige dazu, von da an höre ich die beiden im Zimmer des Elfjährigen schwatzen. Ich kann mich nochmal umdrehen und weiterdösen. Von Hof ist die Amsel zu hören und ein Schwarm lärmender Spatzen.

Halb acht stehe ich auf und sage der Frühschichtbiene auf dem Balkon guten Morgen. Dann Sonntagsfrühstück vorbereiten, mit einem gekochten Ei für jeden, wir machen das noch immer so, wie früher. Aus irgendeinem Grund fangen wir am Frühstückstisch an, Wörter auf -eis zu reimen, davon gibt es erstaunlich viele und es wird eine richtige kleine Reisegeschichte (leider natürlich nur im Kreis…) daraus.
Meine Söhne haben feierlich versprochen, am Sonntagmorgen ihre Schulranzen durchzusehen und müssen das jetzt einlösen. Ich nehme mir derweil den Topf vor, in dem wir am Freitagabend nochmal Holunderblüten in Wasser versenkt haben. Es duftet herrlich. Ich setze die zwei Tüten Gelierzucker entsprechende Menge Saft auf den Herd und koche Gelee. Das restliche Holunderwasser wird nochmal zu Sirup verarbeitet. Weil vor drei Tagen der Elfjährige den Sirup kochen und abfüllen durfte, ist heute der Siebenjährige dran, dem allerdings nach dem Einrühren des Zuckers der Arm sooo wehtut, dass er bis zum Abfüllen Pause machen muss.

Ein garstiger Abwasch hat sich während all dem angesammelt und muss schnell erledigt werden. Hinterher ist der Tag schon halb um, deshalb bleibe ich gleich in der Küche und mache Quicheteig. Der kommt in den Kühlschrank, dann habe ich Zeit, um mit dem Siebenjährigen Keyboard und Lesen zu üben.
Danach hilft der Elfjährige mir, den Quicheteig mit Birnen und Gorgonzola zu belegen. Eierschmand drüber – und ab in den Ofen.

Und dann… gehe ich endlich ins Bad.

Um Viertel nach Zwölf sind wir alle angezogen und essen, und dann ist es auch schon Zeit, aufzubrechen, denn wir haben noch Sonntagspläne. Wir verlassen das Haus bei strahlendem Sonnenschein; aber als ich an der ersten Ecke meine Sonnenbrille aufgesetzt habe, ist der Himmel plötzlich voller grauer Wolken und es tröpfelt, der Regen beginnt zu strömen, Donner rollt. Statt zum Eisessen ins Café kommt die befreundete Mitmutter mit ihrem Töchterchen gleich an die S-Bahn; der Elfjährige flitzt nochmal nach Hause und holt Regenschirme. Mit drei total überdrehten Kindern und vier Regenschirmen fahren wir nach Kreuzberg zum Colulmbia-Theater, wo ein Liedermacherkonzert für Kinder stattfindet. Das Columbia-Theater kennen weder die Mitmutter noch ich, aber es ist leicht zu finden und wir sind begeistert von dem kleinen Garten, in dem die Kinder noch eine halbe Stunde abwechselnd Fange spielen und um Mini-Muffins und kalte Getränke von der Bar betteln können. Die Luft im Saal ist stickig, die Stimmung angespannt. Es gibt Gedrängel um die Sitzplätze auf den Stufen; der Siebenjährige ist schon völlig fertig, ehe der erste Ton von der Bühne gekommen ist. Aber dann geht es endlich los. Nachdem alle, die die Hitze nicht aushalten, den Saal verlassen haben und alle Türen weit geöffnet worden sind, wird es ein richtig gutes Konzert mit sieben verschiedenen Liedermachern, die Lieder für Kinder und Erwachsene singen. Den Elfjährigen bekomme ich kaum zu Gesicht, er steht weit vorne und rockt und passt ein bisschen auf die Schulkameradin des Siebenjährigen auf, während der manchmal vorne mittanzt und manchmal (ich verspreche meinem Beckenboden alles, was er hören will, sieben Stunden Training täglich, gleich ab morgen, ganz bestimmt – ) von meiner Schulter aus über die Köpfe der Erwachsenen vor uns zur Bühne guckt und begeistert seinen Kuschelhasen in die Luft wirft.

Irgendwann gehe ich mit den Kleinen raus, während der Elfjährige und die Mitmutter noch die schönen Abschlusslieder mitbekommen. Irgendwann ist das Konzert zu Ende und wir gehen nach Hause, und irgendwann kurz vor der U-Bahn fällt es uns ein, dass unsere Schirme noch in der Garderobe neben dem Konzertsaal liegen. Die Mitmutter läuft zurück, ich lenke unterdessen die drei Kinder, die sehr laut und sehr textsicher die im Konzert aufgeschnappte Zeile – „Immer! muss ich! alles! sollen!“ – singen, vom sehr lauten Singen ab, in dem ich eine Suche nach Glücksklee in der Rabatte anrege. Dann fahren wir wirklich nach Hause.

Der Siebenjährige und der Elfjährige sind so verschwitzt, dass sie sich ohne Murren in die Badewanne begeben; ich stelle den Rest von der Quiche und ein paar Streichkäsebrote auf den Tisch; dann bringe ich den Siebenjährigen ins Bett. Schon wieder hat sich ein unerfreulicher Abwasch angesammelt. Ich spüle, nehme Wäsche ab, habe noch ein Weilchen Zeit für den Elfjährigen. Als der Große auch schläft, gieße ich die Kästen und Kisten und Töpfe auf dem Balkon und setze mich mit dem Laptop auf die Bank zwischen den Blumen.

Abendstille.

 

Eine Woche, ein Wochenende, ein Abend

Obwohl nach Stockholm nur noch eine halbe Alltagswoche kommt, ist die ganz voll. Irgendwas ist ja immer. Ich verarzte (nach dem vereiterten Daumennagelbett zwei Wochen vorher) ein vereitertes Zehennagelbett, gehe mit dem Elfjährigen deswegen zum Arzt und hole bei der Gelegenheit gleich eine Zweitmeinung zu chirurgisch behandlungsbedürftigen Jungsproblemen ein, OP steht ins Haus. Ich gehe mit dem Siebenjährigen schwimmen, bringe den Elfjährigen dazu, die Eigenschaften von gefühlten sieben Dutzend Metallen für ein beim Papa nur schlampig vorbereitetes „Portfolio“ für das Fach Naturwissenschaften zu googeln (und helfe ein bisschen mit, aus purer Empörung darüber, dass die Lehrerin den gewünschten Umfang des Projektes total im Unklaren gelassen hat; „weiterführende Recherche“ nennt sich das in der Aufgabenstellung, na prima. Wieso kann sie nicht einfach eine Klassenarbeit schreiben lassen?). Ich arbeite zweieinhalb Tage, habe diverse „Calls“, mache pünktlich Feierabend, um mit dem Siebenjährigen ins Einkaufszentrum zu fahren und eine Sommerjacke und Socken und eine Badehose und Sandalen zu kaufen, und Zumba-geeignete Turnschuhe für mich. Außerdem ist Pädagogensprechtag, wir gehen also um 18 Uhr nochmal in die Schule, um mit der Klassenlehrerin des Elfjährigen zu reden; der Siebenjährige sitzt unterdessen friedlich im Schulflur, bestochen mit zwei Päckchen Fußballkarten und einer kleinen Schachtel Smarties, die bei den Recherchen für das „Portfolio“ des Elfjährigen wegen der aufgedruckten Zutatenliste gekauft werden mussten.

Dann ist Wochenende. Zu Hause habe ich seit längerem auf Notfallmodus geschaltet, das bedeutet, dass es nichts macht, wenn alles unordentlich und schmutzig ist, und dass ich mir jeden Tag nur eine oder zwei wichtige Sachen vornehme. Für das Wochenende heißt das: Großeinkauf. Zwei Maschinen Wäsche waschen und die alte Wäsche weglegen. Einmal richtiges Essen kochen. Die Kinder räumen unter viel Gemecker ihre Zimmer auf, fegen in Küche, Bad und Flur; der Siebenjährige muss zweimal Keyboard üben und zweimal zehn Minuten laut vorlesen, der Elfjährige muss alle losen Blätter in seinem Ranzen einheften und zweimal Übungen für seinen Rücken machen. Nach dem Samstagmittagessen falle ich ins Bett und wache erst nach anderthalb Stunden wieder auf. Das tut gut. Abends gehen die Jungs zu ihrem Papa, denn die Patentante des Elfjährigen hat mich zu einem Konzert eingeladen, eigentlich anlässlich meines letzten Geburtstages, es wird also Zeit. Am Sonntagmorgen wache ich mit dicken Halsschmerzen auf, aber wir sind mit der Mitmutter aus der Klasse des Siebenjährigen, mit der ich mich so gern richtig anfreunden möchte, zum Schwimmen verabredet. (Jemanden finden, der mit dem, was man zu geben hat, etwas anfangen kann. Das wurde eigentlich über die Liebe gesagt, aber auf Freundschaft trifft es doch auch zu: Eine andere alleinerziehende Mutter, die wie ich am Wochenende gerne mal etwas gemeinsam unternehmen mag, mit noch einem Erwachsenen dabei; Eisessen, Spielplatz, Schwimmbad – das tut mir sooo gut. Und sympatisch war sie mir schon zu Kita Zeiten.) Also schlucke ich eine Schmerztablette und bleibe im Schwimmbad am Beckenrand, laufe neben dem Elfjährigen her, der acht Bahnen fürs Bronzeabzeichen übt, und neben dem Siebenjährigen, der nur noch einen Schwimmärmel braucht und tapfer Bögen um die vielen bunten Berliner Multikulti-Spaßbade-Kinder im Nichtschwimmerbecken schwimmt. Wir teilen mitgebrachtes schwedisches Knäckebrot und Erdbeeren aus dem Erdbeerhäuschen und Pizza und Pommes aus dem Schwimmbadrestaurant. Ins heiße Solebecken gehe ich am Ende dann doch mit, wir sitzen auf den Sprudelliegen zwischen der Frau im Burkini und dem stiernackigen Sumo-Ringer, dem der Siebenjährige aus Versehen seinen Ball an den Bauch wirft und den er mit seinem zahnlückigen Charme zum Lächeln – und freundlichen Zurückwerfen – bringt.
Der Siebenjährige geht zum ersten Mal mit dem Elfjährigen in die Jungsumkleide, die beiden kriegen das prima hin, ich bin sehr gerührt: so groß sind meine Kinder jetzt schon.
Als wir uns nach dem Baden im Vorraum der Schwimmhalle wiedertreffen – da, wo das geniale Unterwasser-Guckfenster in die Sprunggrube des großen Schwimmbeckens ist – freut sich das Töchterchen der Mitmutter riesig, weil da tatsächlich Meerjungfrauen schwimmen; Meerjungfrauen, deren wedelnde Fischschwänze wir von unterhalb wunderbar sehen können.

Irgendwann abends sind die Kinder satt, die letzten Pflichten erledigt, die Badesachen ausgewaschen und aufgehängt, die welken Pflanzen auf dem Balkon gegossen; ist die Sendung mit der Maus geguckt, das Geschirr gespült, das Wissen über Ägypten für den Geschichtstest abgefragt, das Gutenachtlied gesungen. Mein Hals tut schon länger wieder weh, ich möchte jetzt am liebsten vor einem Krimi einschlafen. Aber da steht noch das Tablett, auf das ich alle Papiere gestapelt habe, die sich in den letzten Wochen angesammelt haben. Irgendwo da drin stecken Sachen, die dringend sind. Ich mache Überweisungen; ich räume den Stadtplan von Stockholm beiseite. War das wirklich erst vor einer Woche? Die nächsten Wochenend-Projekte – vieleviele Reisen und Ausflüge in diesem Jahr – plane ich heute nicht mehr. Es geht einfach nicht. Es geht immer nur ein bisschen, gerade. Viel weniger, als ich müsste und möchte. Und in Summe trotzdem gut. Und wichtig und richtig und schön.

Kinderrettungsstelle

Der Taxifahrer wünscht uns viel Glück. Die Türen öffnen sich automatisch. Unsere Chipkarte wird eingelesen, nach der Gültigkeit der Telefonnummer gefragt. Dann sitzen wir im Warteraum, der ist noch ganz leer. Wir wissen aus Erfahrung, wann man hier die besten Chancen hat, weniger lange zu warten.

Als der Elfjährige ein Baby war, hatte er ein untrügliches Gespür für Feiertage. Ostern, Pfingsten, Weihnachten – kein Fest ohne ein rätselhaftes, nicht in den Griff zu bekommendes Fieber, eine schwere Bronchitis, Scharlach oder Yersinien. Später kam die Phase der Kopfstürze, vor allem des Siebenjährigen: vom Sofa auf die Dielen, beim Spielen auf den Metallhaken vom Kranauto. Es ist also nicht nur unsere Telefonnummer, sondern auch ein größeres Kapitel unserer Familiengeschichte im System vermerkt; eigentlich erwarte ich fast, als Stammkundin begrüßt und mit einem kleinen Willkommenssekt überrascht zu werden. –

Im Warteraum dieselben dunkelblau bezogenen Bänke; das Spielhaus wurde zwischenzeitlich abgeschafft, zusammen mit allem anderen Spielzeug. Der Elfjährige, dessen außer Kontrolle geratene – natürlich am Brückentag! – Nagelbettvereiterung  sich unter einem popeligen kleinen Heftpflaster am Daumen versteckt, greift sich den ersten der drei Comicbände, die er mir in die Tasche gesteckt hat. Heute nützt uns die frühe Ankunftszeit nichts. Wir warten. Um uns füllt sich der Raum – ein weinendes kleines Mädchen, dessen Mama dringend Geld für den Kaffeeautomaten wechseln möchte; eine Kopftuchmutter mit zwei kleinen Jungs; eine Großfamilie, eine Kleinfamilie, ein Baby, noch eine Familie, noch eine und noch eine. Die ersten werden aufgerufen, wir warten. Nach der ersten Stunde kriegt der Elfjährige das eine von den beiden Knoppers, die ich schnell noch in meine Tasche geworfen habe, und seinen zweiten Comic. Wir warten weiter. Ich stelle mir vor, wie es im Zeitraffer aussehen würde, dass um uns herum all die Familien, die schlimmere Krankheiten mitbringen als wir und deshalb schneller aufgerufen werden, erscheinen und wieder verschwinden. Wir warten. Meine Haare beginnen grau zu werden, wir trinken etwas, die Welt dreht sich, Imperien wachsen, steigen zum Höhepunkt ihrer Macht auf und zerfallen wieder, neue Weltreligionen entstehen, unbekannte Kontinente werden entdeckt, wir sitzen immer noch hier. (Und ich komme in Hararis „Kleiner Geschichte der Menschheit“ eine beträchtliche Zahl an Seiten weiter, während mein Sohn den dritten Comic verschlingt…) Und wir warten.

Nach drei Stunden ins Behandlungszimmer, Handbad in Desinfektionslösung. Die Ärztin kommt und ist so freundlich und kompetent, dass ich unendlich dankbar bin – für die Arbeit, die hier in der Rettungsstelle gemacht wird, jeden Tag, rund um die Uhr, für alle, die mit ihren Wehwehchen und Notfällen und Ängsten und schrecklichen Krankheiten durch die automatische Tür kommen.
Der aberwitzig große Verband, unter dem eine aus Gipsbinden improvisierte Schiene Finger und Handgelenk des Elfjährigen stillegt, rechtfertigt am Ende locker drei Stunden Wartezeit. Mit Salben und Desinfektionslösung kommen wir übers Wochenende und an der Blutvergiftung dann wohl doch vorbei. Gerettet. Mal wieder.