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Weniger Müll machen

400 Millionen Tonnen Plastik wurden im Jahr 2015 produziert. Tendenz stark steigend, die Hälfte davon ist spätestens nach einem Jahr schon Müll. Hier kann man das nachlesen, die Zahlen sind aus dem letzten Jahr. Im Radio wird ein weiterer, extremer Anstieg der Müllmengen in den nächsten Jahren prognostiziert, und ja, einige Konzerne haben sich gerade verpflichtet, daran mitzuwirken, dass zukünftig mehr Verpackungen recycled werden. So ab 2030, ungefähr. Und die Ohrenstäbchen mit Plastik haben wir ja auch schon verboten.

Ich bin ein klitzekleines bisschen konzernskeptisch und ein Blick in meinen Mülleimer zeigt, dass Ohrenstäbchen eins meiner allerallerkleinsten Probleme sind. Seit einiger Zeit pappt deshalb ein gelber Zettel über dem Müllschrank, auf dem ich notiere, wie oft die große Papiertüte mit dem Plastikmüll voll wird. Da geht doch bestimmt was… Augen auf beim Einkaufen also.

Was auf Anhieb ziemlich gut funktioniert, sind Obst und Gemüse. Jeder Supermarkt in meinem Kiez bietet einen Teil davon lose an, und lose lege ich es in meinen Wagen und aufs Kassenband. Keine Beschwerden von den Kassieren, es brauchte nur mein eigenes Umdenken: Ich kaufe nur noch, was es ohne Verpackung gibt. Meistens mache ich eine oder zwei Ausnahmen, z.B. weil der Dreizehnjährige sooo gerne Blaubeeren isst oder keine Möhren ohne Verpackung da sind, ich aber dringend welche brauche.

Brot kaufen wir schon lange beim Bäcker – wir haben alle drei gern wirklich leckeres Brot – aber Toastbrot ist ein Problem, für das ich noch keine Lösung habe. Baguettescheiben zum Frühstück vor der Schule? Vielleicht probieren wir es aus.

Getränke sind schwierig, weil meine Kinder beide gern verdünnte Säfte trinken. Die Lieblingssorte des Neunjährigen steht zum ersten Mal als Kasten mit sechs Glasflaschen in der Küche, das aber auch nur, weil ich mir einen Einkauf habe liefern lassen. Tendenziell werde ich in der kalten Jahreszeit wohl öfter Tee kochen oder Ovomaltine zum Frühstück; mal sehen. Für Milch gilt allerdings das gleiche. Ständig haufenweise  Flaschen mit mir herumzutragen – volle aus dem Laden, leere zurück – ist vermutlich nicht machbar. Zur Reduzierung des Plastikmülls schaffe ich mir jetzt aber auch kein Auto an.

Was auch noch nicht klappt: Käse und Wurst. Ich bin probeweise auf abgepackte Waren von der Theke umgestiegen, weil die Plastikfolie und die Papiertüte, die man dann bekommt, schon weniger Müll sind als die Verpackungen aus dem Regal, aber ganz ohne Plastik kann die normale Supermarkttheke einfach nicht. Einige Berliner Filialen von Bio Company testen anscheinend jetzt den verpackungsfreien Verkauf über die Theke – mal sehen, ob ich dort in den nächsten Wochen mal mit meinen Vorratsdosen vorbeikomme. Beides ist natürlich teuer, ein ökologisch vertretbares Leben muss man sich erstmal leisten können, das ist traurig.

Und dann gibt es hier in Berlin natürlich noch Original Unverpackt. Auch dieser Laden liegt nicht gerade auf meinem Weg, aber ich nehme mir wenigstens vor, ab und zu dort vorbeizufahren. Einmal habe ich bereits Wasch- und Spülmittelflasche dabeigehabt und weiß jetzt, wie das mit dem Auffüllen funktioniert (1. Leere Flasche wiegen und Gewicht notieren; 2. Unbequem auf den Boden kauern und Waschmittel aus dem großen Kanister in die Flasche pumpen; 3. Bezahlen 4. Karmapunkt an die Weste heften). Auch Tee, Linsen, Haar- und Körperseife von dort gibt es bei mir schon; Experimente mit Müsli, Couscous, Polenta, Trockenfrüchten und Gewürzen stehen aus.

Mein Fazit nach vier Wochen: Der Plastikmüll in unserem Haushalt wird weniger, das ist gut zu sehen.

Vermutlich gilt dabei die alte 80/20-Regel: mit 20% Aufwand kann ich 80% des Plastikmülls vermeiden. Die restlichen 20%, für die ich dann 80% Aufwand bräuchte – und ein Weckglas, um den restlichen Müll des ganzen Jahres zu sammeln – schaffe ich nicht.
Dafür habe ich einen scharfen Blick auf den Papiermüll geworfen und rufe konsequent jeden an, der mir einen Katalog schickt. „Nehmen Sie mich doch bitte aus Ihrem Verteiler…“ –

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Sommerwarmer Freitag

Im Handumdrehen sind wieder fast zwei Wochen verstrichen. Mein scheußliches Voltarensalben-Unverträglichkeitsexzem am Knöchel ist beinahe verheilt, und ich kann endlich die schicke Aktiv-Bandage tragen, die ich dann doch irgendwann in einem Sanitätshaus erstehen konnte.

Am Morgen ist alles prima; am sommerlich warmen Nachmittag, wenn die S-Bahn voller unmutiger Feierabendberliner ist, ist mein Fuß auf einmal zwei Nummern zu groß für die sportlich-blaue Knöchelstütze; sie drückt vorn und hinten, deshalb bleibe ich unglücklich auf meinem schwer erkämpften Platz sitzen, als sich ein Mann mit freiem Oberkörper neben mir niederlässt; ich würde ihn seeeehr gern mit Blicken anziehen – oder aus der S-Bahn werfen zum Aussteigen bewegen – weil ich bittedanke selbst entscheiden möchte, wer halbnackt und verschwitzt neben mir sitzen darf.

Unter solchen Umständen ist das Nachhausekommen besonders schön. Ich ziehe die fußgerechten Wanderschuhe aus, die Socken und die nicht mehr ganz taufrische Bandage; dann stelle ich vorsichtig die Paprikapflanze auf den Balkon, die mir noch gefehlt hat, und die Walderdbeere, das Wandelröschen und die Studentenblume, die ich aus Versehen im Oh-lauter-wunderschöne-Pflanzen-Glücksrausch auch noch gekauft habe. Hach, wie schön!

Als alle Neuankömmlinge ein Plätzchen mit ausreichend Erde gefunden und Wasser bekommen haben, sitze ich mit einem Buch auf der Balkonbank und blinzele in die Sonne, die zwischen dem Schornstein des Nachbarhauses und dem Stamm der grünbeschleierten Birke ein paar letzte Strahlen in den Hinterhof schickt. Im rechten Nachbarhof schwatzen zwei Mütter am Sandkastenrand, während ihre Kinder auf dem Rasen Fange spielen; im linken Nachbarhof isst eine Familie zu Abend; oben im Baum wippt die Taube auf einem Ast und lässt es darauf ankommen, von der brütenden Rabenmutter erspät und verjagt zu werden. Gegenüber auf dem Flachdach, wo die Sonne noch richtig hinscheint, laufen ein paar Männer mit hippylike buschigen Haaren und buschigen Bärten hin und her, Becher und Handys in den Händen – unser Kiez verjüngt sich, denke ich, sowas gab es hier noch nie – und schaue ihnen interessiert beim Sonnenuntergangfotografieren zu.

Später, drinnen, ist es ein bisschen einsam. Auf meinem Laptop liegen die Präsentationen, die der Dreizehnjährige zu den Schulvorträgen gemacht hat, die er gestern und heute halten musste und die ich mir in den letzen Tagen immer wieder geduldig angehört habe; im Zimmer des Neunjährigen guckt mich der Kuschelhase traurig an, auf dem Boden liegt der Schlafanzug und aufgeschlagen im Bett das Michel-Buch von Astrid Lindgren, aus dem wir vorgelesen haben; in der Küche erinnert mich das Ligretto-Spiel daran, dass der liebste Freund, der Dreizehnjährige und ich gestern um diese Zeit kartenspielend am Tisch saßen.
Jetzt sind alle fort, und ich habe keine Lust, irgendetwas von all dem anzufangen, was ich machen wollte, wenn ich allein bin.

Es ist okay, sage ich mir, erschöpft zu sein und garnichts zu wollen.
Und vielleicht, tröste ich mich, gibt es nachher ein paar Sterne.

(Meine neue App kennt sie alle – auch den „kleinen Hund“, der abends über meinem Balkon wacht, und den „großen Löwen“, den wir über dem Waldhäuschen, zwischen den hohen Bergen, strahlen sahen – zwei Sternbilder, die ich noch nie gesehen hatte, und die zu meinen großen Frühlingsfreuden gehören…)

Kalt

In den Nächten lehnt die Kälte sich gegen die Hauswand. Ich ziehe die riesengroße Decke über meine Schulter und umarme das dicke Federbett noch fester.

Der Neunjährige, der beim Umziehen zum Schulschwimmen sowieso immer die meiste Zeit braucht, jammert über die dicke Fleecejacke und den Schal und die Mütze, die er anziehen muss. Als wir dann am Nachmittag in der Bahn zur Asthma-Spezialistin sitzen, wärmt die Sonne durch die Scheiben, so dass wir uns in unseren dicken Jacken fühlen wie Kürbisse, die in ihrer dicken Schale verfaulen.

Am Abend gehe ich mit dem liebsten Freund ins Liquidrom. Wir saugen uns voll Wärme, bis wir ins Handtuch gewickelt im Innenhof dem guten alten Ostmond zuwinken können ohne zu frieren. Hinter der Theke hängen immernoch die schwarz-grauen Bilder, die aussehen, als wären es Mikroskopaufnahmen von Schimmelkulturen, das ist sehr urban. Die jungen Männer tragen modische Bärte, die Betonwände sind grau, Klimperjazz senkt sich aus den Lautsprechern über die Wellness-Suchenden.

Die Fahrt zurück nach Hause würden wir gern auslassen. Die S-Bahn fährt wegen eines Notarzteinsatzes nicht, wie sie soll; neben uns pöbelt eine angetrunkene Frau laut gegen die öffentlichen Verkehrsbetriebe Berlins, gegen Spießer und gegen Ausländer, die sich in ihrem wirren Kopf zu einer einzigen großen Verschwörung zusammengetan haben, um sie zu ärgern und ihren Heimweg zu erschweren. Benimm dich mal, Madam, sagt ihr Begleiter immer wieder begütigend, aber sie schreit laut „nö!“ und hat garnichts dagegen, dass jeder sie hört; sie ist noch lange nicht fertig mit ihrer Wut auf die Welt.

In einem der U-Bahn-Höfe haben sich Obdachlose eingerichtet, in der Mitte, wo sie niemandem im Weg liegen; haben sich im fragwürdigen Windschutz von Pfeilern in so viele Schlafsäcke verkrochen, wie sie besitzen; neben sich Tüten mit Habseligkeiten, einen Rollator –
wir wissen es nicht, wir hoffen es, dass dieser Bahnhof nach Betriebsschluss nicht zugesperrt wird. Dass sie hierbleiben dürfen, wenn in der Notunterkunft kein Platz mehr frei war.

Die Melancholie lehnt sich an mein Herz, ein bisschen weniger kaputt könnte die Welt doch sein?, ein bisschen gerechter? Ich ziehe den liebsten Freund unter meine riesengroße Decke und umarme ihn fest.

Am nächsten Morgen gleißt die Sonne wieder und die Kälte kneift uns tief in die Wangen. Am Bahnsteig steht ein Mann mit Schneeschuhen in der Hand, großen Zackendingern aus Metall; ich wüsste gern, zu welchen Abenteuern er aufbricht.

Vor mir liegt nur die Kinderwoche. Mit tropfender Nase und verrutschendem Schal ziehe ich mühsam den Rolli mit dem Wochen-Groß-Einkauf nach Hause und stelle einen Strauß mit knallrosa leuchtenden Gerbera aufs Fensterbrett. Darf ich bitten, Frühling?

Überwintern

Der Winter ist lang und dunkel; die Sonne hat wochen-, ja monatelang besseres zu tun als in Berlin nach dem Rechten zu schauen; die Weltlage legt sich wie ein eiserner Reif um mein Herz.

Ich überwintere mit Vitamin D, Salsa, und Kakao.

Das Vitamin D gibt mir die ganz große Schwester aus ihren Vorräten ab, hochdosiert, alle zwei Wochen ein Kügelchen. Auch der Achtjährige hat trotz seiner schrägen Ernährung seltsamerweise keinen Mangel an Eisen, nur an Vitamin D. Aus seiner Packung wird auch der Zwölfjährige mitversorgt, sicherheitshalber.

Zum Salsakurs kommen nur Frauen, die geschäftstüchtige Tanzschule nennt es „Solo Style“, aber es ist trotzdem besser, als den ganzen Winter über nur zu Hause zu sitzen. Die ehemalige Nachbarin, der ich Anfang November von meinen Tanzplänen erzähle, meldet sich kurzentschlossen auch an, das ist großartig, und weil sie die allerbeste ehemalige Nachbarin der Welt ist, fährt sie beim ersten und zweiten Mal tapfer mit mir S-Bahn und hält vom dritten Mal an mit ihrem Auto vor meiner Tür. Die Wochen werden ein bisschen heller dadurch, dass wir uns sehen und uns bewegen; sie verfliegen, jeden Montag verabschieden wir uns mit „bis morgen“ und lachen dabei.

Den Kakao trinke ich mit der Mitmutter, immermal morgens, bevor sie den Allesladen aufmacht, bummele ich eine Überstunde ab und setze mich mit ihr in das ganz kleine Cafe, das noch garnicht richtig offen hat und in dem tagsüber nur alte Leute sind. Wir klagen uns unsere Alltagssorgen und kriegen sie damit beinahe klein; wir träumen von Paris, wie wäre das wohl, ein paar Tage, mit den Kindern?

Noch lange nach dem im Internet veröffentlichten Abholtermin kauern sich die rausgeworfenen Weihnachtsbäume an der Straßenecke zusammen, als suchten sie Schutz vor dem kalten Wind. Auf dem Weg zur S-Bahn liegt jede Woche neuer Müll – ein Beutel mit Kleidung, eine Gastherme, ein paar Schuhe, kaputte Möbel aus Spanplatten, ein Staubsauger – und die bunt gekleidete Mutter, die mir morgens oft entgegenkommt, weil sie ihr Kind in die neugegründete Waldorfschule bringt, würdigt mich in all den Wochen, in denen ich beiseitetrete, um ihr und ihrer fröhlichen Tochter auf dem schmalen Fußweg Platz zu machen, nicht einmal eines Blickes.

Ich hänge Girlanden auf. Der Achtjährige feiert Geburtstag und wird zum Neunjährigen, der Zwölfjährige feiert Geburtstag und wird zum Dreizehnjährigen, beide Kinder bringen erfreulicher Halbjahreszeugnisse nach Hause, noch immer ist es trübe draußen und viel zu früh dunkel. Abwechselnd legen die Kinder Krankentage ein, der neue Kinderarzt, der die Praxis unserer guten alten Ärztin übernommen hat, die niemals eine Krankheit übersah, verschreibt gegen alles nur Schmerzmittel. Zum Glück wissen wir, dass der Neunjährige bei Bronchitis mit Salbutamol inhalieren muss, wir haben es oft genug mitgemacht, wir haben es auch noch im Medikamentenschrank.

Der Winter schert sich nicht darum, dass ich Ende Januar jedem erzähle, dass er nicht mehr kommen wird, aber mit der Kälte kommt auch die Sonne wieder und lässt die Lebensgeister erfreut blinzeln. Ich möchte sofort ein Ostseewochenende planen, meinen Flur renovieren, mir einen Tango-Tanzpartner suchen, mein Fahrrad von drei Jahren Staub befreien und zur Durchsicht bringen und den Default-Modus von „alleinsein-und-möglichst-schnell-ins-Bett-wollen“ auf „rausgehen-und-leben“ umstellen.

Erstmal melde ich mich – endlich – beim Nachbarschaftsnetzwerk an, jetzt brauche ich nur noch einen Vorwand, um die netten Leute kennenzulernen, die es bestimmt in der Nähe gibt, mit denen ich aber nie zufällig ins Gespräch kommen werde. Ich könnte mein das Glas Tahin, mit dem ich nichts anfangen kann, in der Foodsharing-Gruppe anbieten? bei Zeit und Gelegenheit nach Doppelkopfmitspielern fragen? – Es wird sich ergeben.

Und auch die Schreiblust ist noch da und regt sich.

Es gibt uns noch!

 

 

Das eine und das andere Nah

Es ist kurz vor Silvester. Die Stimme der großen Patentochter, die laut darüber nachdenkt, ob sie trotz ihres hohen Fiebers eine geplante Urlaubsreise antreten kann, füllt meine Küche. Als sie ihre Argumente vorgetragen hat, die im Wesentlichen darauf hinauslaufen, dass es sehr, sehr schade wäre, den schönen Urlaubsplan platzen, die schöne Gelegenheit verstreichen zu lassen, antwortet ihr ihre Mutter – meine ganz große Schwester – und rät zu größter Vorsicht, weil man mit hohem Fieber dann lieber doch nicht leichtfertig umgeht.

Es könnte ein ganz normales Gespräch sein – aber die Stimme der großen Patentochter kommt via Whatsapp aus Uruguay und auch meine Schwester (immerhin ist wenigstens sie leibhaftig in meiner Küche) spricht nur eine Sprachnachricht auf.

Wenige Tage später bin ich wieder mit der ganz großen Schwester zusammen, und wir beobachten, wie der Flieger mit der großen Patentochter dem Flughafen entgegenschwebt, zur Landung ansetzt und elegant auf der Landebahn aufkommt.

Aber auch dieses Mal können wir die große Patentochter nicht in die Arme schließen, wir sitzen – mit dem begeisterten Elfährigen – vor Flightradar24 und haben eben schon das Flugzeug des ganz großen Schwagers, mit dem er nach Lateinamerika zu seiner Tochter unterwegs ist, ungefähr an der großen Ecke von Afrika entdeckt und eine Weile beim Weiterruckeln beobachtet. Die große Patentochter, die nun wieder gesund ist und einen kleinen Ersatz-Urlaub macht, bevor sie ihren Vater trifft, landet gerade in Ushuaia. Feuerland. Und wir jubeln ihr gemeinsam auf die Mailbox, dass wir sie gerade haben ankommen sehen.

„Nah“ und „fern“ sind schillernde Begriffe geworden.

Die ganz große Schwester verbringt nun zwei wunderbare, lange Wochen bei mir, während ihr Mann in Lateinamerika ist. Wir frühstücken zusammen, und während ich arbeite, läuft sie viele Stunden durch die Stadt; erkundet Parks und neue Viertel, macht den Einkauf, hängt die Wäsche ab und neue auf, räumt dem Elfjährigen (möge er ihr für immer dankbar sein!) das vorpubertäre Chaoszimmer auf, geht nochmals zwei Stunden raus, trifft Freunde und ist wieder da, wenn ich müde aus dem Büro komme.
Wir kochen zusammen; wir holen einen Film aus der Videothek oder schalten einen Krimi ein; wir lesen Gedichte vor und reden.
Am Wochenende hat meine ganz große Schwester mich Einsiedlerin so weit, dass ich an beiden Tagen mit ihr rausgehe und wir gemeinsam durch Berlin laufen; vom Schlesischen Tor zum Passage-Kino; vom Südstern durch die Bergmannstraße und die Akazien- und Golzstraße bis zum Nollendorfplatz. Ich zeige hierhin und dorthin, in diesem Café habe ich mal jemanden zum ersten Mal getroffen, dort kann man diesunddas gut kaufen; da oben wohnte derundder; dort müssten wir mal essen gehen, da ist es lecker, da drüben könnte man noch langlaufen und bis zur Jannowitzbrücke kommen –

Ich merke, dass ich wieder Spaß an meiner Stadt finde, in der ich mich in letzter Zeit fremd gefühlt habe. Ich merke – ich habe mal wieder eine Gelegenheit, zu merken – wie viel Freude es mir macht, eine Weile „zusammenzuleben“, nicht alles allein tun zu müssen, mich nicht zu verabreden und trotzdem am Abend noch ein paar Alltäglichkeiten austauschen zu können und ein gemeinsames Nippchen Wein zu trinken. Etwas in mir taut auf.

Das „echte“, analoge Nah tut wohl. Irgendwann möchte ich mal nicht mehr allein mit mir und meinen Kindern leben. Euch nahen fernen Menschen sprechen und schreiben wir dann trotzdem noch Nachrichten. Verspochen!

Jahreserstwoche

Silvester scheint schon wieder weit zurückzuliegen. Stimmt doch garnicht, weniger als eine Woche ist es her, seit wir um den großen Tisch saßen, die Schwestern und der eine Schwager und die Mitmutter und meine Kinder und ihres. Pünktlich zum Anstoßen kam der Mann der ganz großen Schwester dann auch dazu; den Siebenjährigen hatte ich gegen halb 11 vom Sofa geklaubt und in sein Bett getragen; der Elfjährige bestaunte bis halb eins das Feuerwerk, das vor und hinter dem Haus über die Dächer aufstieg und war fidel.

Drei Tage später klingt die große Schwester am Telefon schon wieder ganz erschöpft; ihr Arbeitseinstieg glich wegen Krankheits- und Urlaubsvertretung einem Kopfsprung. Meiner ist zum Glück eher ein Hineinwaten, weil die Chefs mit ihren Kindern auf irgendwelchen Schipisten unterwegs sind und auch viele Kollegen noch frei haben.

Es gelingt mir, die Zeit in dieser ersten Woche des neuen Jahres zu dehnen, so dass neben den Arbeitsstunden noch ein gemütliches Abschiedsfrühstück mit den verbliebenen Gästen am 2. Januar, ein Kinobesuch (traurig: „Ich, Daniel Blake“), eine lange Telefonier-Nacht mit der Besuchsfreundin und ein Wiedersehen mit der Studienfreundin nebst Jahresrückblick der „Brauseboys“ hineinpassen. Ich gebe mir Mühe, gesund genug zu bleiben, um die Patentante des Elfjährigen am Wochenende zu ihrem lange ausstehenden Wellness-Geschenk begleiten zu können, freue mich am Schnee, den der Wind von den Dächern stiebt, schaffe es, den Siebenjährigen auf einen der vorderen Plätze der aktuellen Warteliste der Bronze-Gruppe des hiesigen Schwimmvereins gesetzt zu bekommen (Training vielleicht ab April – ), trage ein dickes Buch in der Tasche, in das ich mich in jeder ruhigen S-Bahn-Minute vertiefe (Juli Zeh: „Unterleuten“ – ein sich fein spannend anlassender Uckermark-Roman mit vielerlei Perspektiven).

Der Weihnachtsbaum grüßt mich freundlich, wann immer ich zwischendurch kurz zu Hause aufschlage, die Tasche fallen lasse und schlafen gehe; morgens nach frischen Sachen krame, zwischendurch kurz Rast mache.

Nächste Woche dann wieder Alltag. Jetzt halte ich ihn mir noch ein wenig vom Leib.

Vielleicht so

Nein, wir waren nicht in der Nähe vom Breitscheidplatz, niemand von meinen Freunden und Bekannten, keine Arbeitskollegen. Von dem schrecklichen Ereignis auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche erfahre ich von meiner großen Schwester, die mich mit Kloß im Hals anruft und fragt, ob es uns gutgeht. Dann die Informationen im Internet. Eine Kurfreundin aus München schickt ein großes erleichtertes Whatsapp-Herz, als ich ihr schreibe, dass wir wohlauf sind. Und dafür bin ich ihr dankbar.

Traurig, bedrückt, schlaflos verbringe ich die Nacht; am Morgen erzähle ich dem Elfjährigen, was geschehen ist. Er geht an diesem Tag zum Schnupperunterricht in eine weiterführende Schule und ich schärfe ihm ein, mich auch ja auf dem Rückweg von der S-Bahn aus anzurufen; ich möchte mein Kind an diesem Morgen nicht loslassen, ich möchte – so sehr! – die Gewissheit haben, dass ihm kein Leid geschieht –

Im Büro macht der Personalchef persönlich die Runde auf den Fluren und schaut, ob alle Mitarbeiter da sind. Für die Kollegen in anderen Ländern schreibt er im Intranet einen kurzen Text, in dem das Entsetzen und die Traurigkeit spürbar sind, die wir alle an diesem Morgen fühlen.

Spätestens am Abend kommt zu den bedrückenden Gedanken an die Menschen, für die jetzt nichts mehr so sein wird wie vorher, weil sie jemanden verloren haben oder selber zum Opfer des Anschlages geworden sind, die Beklemmung angesichts der Mediendebatten hinzu. „Verschärfen“, „Abschieben“, „Sicherheit“, „Schuld“ – und das ist ja erst der Anfang.

„Ich bin fest entschlossen, furchtlos zu bleiben“, schreibt mir die Patentante des Elfjährigen, und erzählt mir beim gemeinsamen Mittagessen vom Plätzchenbacken mit den Flüchtlingskindern in der Willkommensklasse, in der sie unterrichtet; und von der großen Vorfreude der Kinder auf den Weihnachtsmann, der am letzten Tag vor den Ferien zu ihnen in den Unterricht kommen soll.

Furchtlos bleiben – es wenigstens versuchen – und den Kindern beibringen, nicht zu hassen. Ja. So können wir vielleicht weitermachen. An der Gedächtniskirche Lichter anzünden. Und Weihnachten nach diesem Anschlag und nach diesem verstörenden Jahr als ein Fest feiern, bei dem es um die Hoffnung auf kleine Lichter im großen Dunkel geht.