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Kunstspaziergang

Es war einmal, im tiefen Wedding, wo die Leute nicht so gerne wohnen mögen und die Nächte kalt und grau und finster sind… Da fand sich – vor vielen Jahren schon – eine freundliche Wohnungsbaugenossenschaft, die Künstlern Räume zum Nebenkostenpreis zur Verfügung stellte.
Und an jedem letzten Freitag im Monat darf man durch das Viertel laufen und ein paar dieser Kunsträume ansehen.

Der geführte Spaziergang beginnt in der „Kegelbahn“, einem gemütlichen Raucherlokal mit echtem Kaminfeuer und Ölbildern und Drucken an der Wand, die mir sofort gut gefallen. Die Künstlerin ist anwesend und erzählt ein wenig von ihrer Arbeit.
Sie ist ganz jung (ich habe sie mir fünfzehn Jahre älter vorgestellt, als ich ihr Gemälde auf dem Ausstellungsflyer gesehen habe, sagt der liebste Freund), die meisten Teilnehmer am Kunstspaziergang sind das auch. Vom Treffpunkt aus ziehen wir jetzt durch die Ateliers und „Projekträume“. Eine russische Malerin hat die Abendstimmung auf der winterlichen Straße Unter den Linden so schön eingefangen, dass ich sicher bin, dass die Rücklichter der Autos und die Lichterketten in den Bäumen leuchten würden, wenn im Atelier das Licht ausginge. Schmälert es meine Bewunderung für ihre Bilder, dass man ihnen ansieht, dass sie zumeist von Fotos abgemalt sind? Ein wenig.
Eine serbische Künstlerin präsentiert Monotypien, ihre Technik bleibt trotz ihrer bereitwilligen Erklärungen in gebrochenem Englisch geheimnisvoll. Der Galerieinhaber lädt breit lächelnd zur Balkan-Party ab Mitternacht ein. Hier ist es, denke ich, das junge, wilde, lebendige, Berlin, ach! Nur müde darf man nicht sein, um es zu erleben, jedenfalls nicht nachts.

Ein anderer Raum zeigt Videoanimationen, die sich künstlerisch mit Molekularbiologie auseinandersetzen. Wir bekommen 3D-Brillen und sehen riesige wabernde Kugeln durch den Raum auf uns zuschweben. Es geht hier auch um String-Theorie, sagt der junge Mann, der das Projekt ein wenig erklärt, darum, wie die Dimensionen ineinandergefaltet sind. Und solange ich ihm zuhöre und mit meiner rot-blauen Brille auf den Bildschirm starre, auf dem ein Liniengitter sich wellt, leuchtet mir das auch ein, eine gefaltete Linie wird flächig, eine gefaltete Fläche wird 3-dimensional, gefalteter Raum wird zur Raumzeit – meinetwegen. Nur wie man einen Punkt falten soll, um eine erste Dimension zu bekommen, versteht mein armes 3D-Hirn nicht.

Draußen, auf der Straße, versuche ich, ein paar Blicke in die Wohnungen zu werfen, an deren Fenstern wir vorübergehen. Da – ein Zimmer mit einem Kronleuchter aus ganz viel funkelndem Kristall-Imitat und mit vielen pastellfarbigen Schmetterlingen an der Wand. Und da – ein ganz kahler Raum, in dem ein Mann still am Fenster sitzt.

Dass die Kunsträume eigentlich auch kleine Wohnungen sind, verleiht ihnen etwas äußerst Gemütliches. Fast überall gibt es eine Küche, steht Essen auf einem Tisch, sitzen Künstler mit ihren Freunden zusammen. Besonders klein ist der Raum, in dem die Performance „Licht trifft Klang“ gezeigt werden soll. Gerade hier ist es rappelvoll, der liebste Freund und ich flüchten nach draußen, bevor ich mich – macht es Euch doch bitte gemütlich, das dauert jetzt eine Weile, so lange stehen geht ja nicht – ganz hinten in der Ecke eingequetscht auf eine Decke niederlassen muss. Hinter uns gehen die Jalousien runter, ein paar enttäuschte Performance-Fans kommen zu spät und werden dann doch noch über den Hausflur eingelassen.

Weil wir nicht von außen zusehen können und auch nicht im Nieselregen abwarten wollen, bis Licht und Klang sich kennengelernt haben, schauen wir uns auf eigene Faust noch zwei Gruppenausstellungen an, die auf der heutigen Spaziergangsroute liegen.
Die erste, tief in einem finsteren Hinterhof, übersehen wir fast, weil die Räume so kahl sind und draußen nur „Prayer-Workshop“ dransteht (vorne an der Toreinfahrt war ja auch ein Schild der neuapostolischen Kirche, hätte ja sein können – ). Einer der Künstler hat Holzklötzchen schwarz-weiß angestrichen und dann ein Bild von ihnen gemalt, beides zusammen steht da nun. Ein anderer zeigt unter dem Titel „Horror vacui“ die Reservierungsbestätigung einer Pension für eine Buchung in 2025. Wieder ein anderer hat sich darauf spezialisiert, gedrechselte Holzstäbe in die Tüllen von Gießkannen oder die Öffnungen von Sonnenschirmständern zu stecken. Diese Ausstellung macht mich ratlos, besteht denn diese Art von Kunst vor allem darin, dass da ein Künstler sich selbst und seine Ideen so ernst nimmt, dass er es schafft, Ausstellungsmacher und -publikum davon zu überzeugen, dass sie tiefe Bedeutung besitzen? Beweisen meine Irritation – und mein Lachen beim Lesen der Buchungsbestätigung – dass die Künster Recht hatten, dass gelungen ist, was sie beabsichtigt haben?

Die letzte Ausstellung zeigt Kunstwerke von vier Frauen. Eine hat Nasen aus schwarzem Glas gemacht und sie zu hohen Stapeln aufgetürmt oder einzeln in Eierbecher drapiert; eine hat verschiedene Objekte in weiß und orange zusammengestellt; gegenüber hängen viele Fotos von einem Rasen, die nach rechts hin immer grüner werden (ist das eine optimistische Aussage, weil unsere kulturelle Lesrichtung von links nach recht verläuft?) – und im hinteren Raum zeigt ein Bildschirm das Bild einer riesigen Clivia.
In diese Ausstellung, sagt der liebste Freund, wäre ich gern gekommen, ohne zu wissen, dass diese Kunstwerke alle von Frauen sind. Ob ich es erraten hätte? In diese Ausstellung, sage ich, würde ich gern in einem (mal eben aus einer Raum-Zeit gefalteten) Paralleluniverum nochmal in der Überzeugung kommen, dass alle diese Kunstwerke von Männern stammen. Und dann vergleichen: Hätte ich sie anders interpretiert?

Mit Bildern, Gedanken und Fragen im Kopf machen wir uns auf den Weg in Richtung Straßenbahn. Vor uns laufen junge Menschen, die Jungs in hautengen Hosen und unförmigen Pelzmänteln, die Mädchen in hautengen Hosen und unförmigen Wolljacken und mit um den Kopf geflochtenen Haaren; ich möchte garnicht fünfzehn Jahre jünger sein, sage ich.

Wir steigen in die Bahn. Ich schließe die Augen und lehne meinen Kopf müde an die Schulter des liebsten Freundes. In dem einen Atelier fängt vielleicht gerade jetzt diese Balkan-Party an, laut und ausschweifend; in dem anderen ist vielleicht gerade jetzt die Klang-trifft-Licht-Performance zu Ende und die beeindruckten Zuschauer schnappen nach frischer Luft; überall hier im Wedding wachsen in den Köpfen von jungen Künstlern und Künstlerinnen gerade jetzt neue Ideen, still und unaufhaltsam wie Haare oder Fingernägel oder Bäume.
Und einige ihrer Kunstwerke könnten zu mir sprechen oder mich anrühren, mich irritieren oder zum Nachdenken bringen, beim nächsten Mal, irgendwann.

Irgendwo da draußen [*txt.]

I

Irgendwo da draußen ist die Wirklichkeit.
Aber alles, was wir von ihr sehen, sind Bilder. Nehmen wir den Mond:
Auf meinem naturwissenschaftlichen Bild von der Welt kreist er
um die Erde, vom Erdschatten mal mehr und mal weniger verdeckt; auf meinem
halb-mystischen Bild von der Welt hebt er nicht nur
Gewässer an, sondern lässt vielleicht auch Warzen verschwinden, Pflanzen
besser wachsen und Wunden heilen; auf meinem nostalgischen Bild von der Welt
heißt er „der gute alte Ostmond“ und weckt Erinnerungen an Kindheitsnächte;
auf meinem romantischen Bild von der Welt ist er ein dicker gelber Post-Its-Block
auf dem alle meine Träume notiert sind.

II

Irgendwo hier drin bin ich, aber alles, was ihr von mir seht, sind Bilder.
Die tapfere alleinerziehende Mutter; das Großstadtsingle, das immer
Abenteuer erlebt; die Frau kurz vor 40, die sich um ihre Karriere kümmern müsste und
um eine Beziehung für auf Dauer, weil „der Lack ja bald ab“ ist.
Selbst wenn ihr alle ein wenig Recht habt: Ich mag eure Bilder nicht. Sie sperren mich ein.

„Es ist, was es ist“, lässt Erich Fried die Liebe sagen, unter deren Blick
in der, die ich bin, die, die ich auch sein könnte, den Kopf hebt
und lächelt.
Aber sogar mein liebende Blick kann – wenn ich nicht achtgebe – irgendwann nur noch
ein Versuch sein, einen Menschen in mein Sehnsuchtsbild vom Glück einzupassen, da gleich links
in die Lücke zwischen dem Haus am See und den spielenden Kindern und dem rosa
Sonnenuntergang.

III

Irgendwo tief innen haben wir alle
unsere Bilder davon, wie wir sind und die anderen und die Welt:
So sieht Glück aus. So gehen Paare miteinander um. Diesunddas ist Erfolg, ist gut, ist richtig.
Das steht mir zu. Jenes nicht. So bin ich ok. Und so nicht.
Überhaupt zu bemerken, dass das Bilder sind und nicht Wirklichkeit
ist schon viel. Zum ersten Mal
wurde mir das klar, als ich kurz vor dem Abi eine Freundin besuchte, deren Eltern
vor uns Kindern einander zärtlich umarmten und küssten. Die Dinge,
lernte ich da, können auch anders sein, als ich sie mir ausmale. Das war wichtig.

IV

Mach dir kein Bild, lehrt der Koran, und die Muslime schufen
überbordende Ornamente, anbetungswürdig schön.

Mach dir kein Bild, sagten die Bilderstürmer und schlugen steinerne Heilige entzwei;
nur manche Bilder sind gut
sagten die Nazis und verbrannten tausende.
Unwiderbringlich.

Ich bin, was ich poste, fühlt Generation Facebook und stellt die Urlaubs-
bilder, die Hochzeitsbilder und die Kinderfotos ins Netz.
(Und was geschieht dann? Mit den unendlichen Halden in bits und bytes
festgehaltener Momente, die
alle mal jemandem etwas bedeutet haben?)

V

Meine Bilder sind unfertig, ambivalent und im Werden begriffen, schreibt
der liebste Freund, der manchmal so leuchtend und manchmal so düster malt,
und zitiert Tocotronic: im Zweifel für den Zweifel.
Und dafür liebe ich ihn.

Macht euch Bilder, sage ich, macht sie bunt und macht viele.
Bestimmt sind sie ein klein wenig wahr. Sie sind alle nur auch wahr.
Da ist immer noch mehr zu entdecken, als wir auf den ersten Blick sehen. Überall.


Dieser Text ist Teil des [*txt.]-Projektes.

Gesehen, gelesen, gehört… im Februar

Der Februar beginnt mit Kunst: Ich mag das, wenn Cafés ihre Wände Künstlern zur Verfügung stellen und wechselnde kleine Ausstellungen veranstalten. Zum Beispiel Café Behring in Treptow, in dem gerade Acrylbilder von Martin Künkler zu sehen sind. Leuchtende Bilder, mal ganz abstrakt, mal gegenständlich, die weder sich selbst noch den Betrachter auf eine Deutung festlegen, sondern die Gedanken – über Kaffee und Frühstücksbrötchen – zum Fliegen einladen.

Nochmal Kino: „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“. Mit schrägen, sonderbaren Filmen habe ich viele Erfahrungen. Ein ganzes halbes Jahr lang saß ich vor langer Zeit mit der Patentante des Neun- äh… Zehnjährigen wöchentlich in der Spätvorstellung, die in der kleinen Stadt die einzige Möglichkeit war, kleine, sonderbare europäische Filme anzusehen. Dieser hier ist aber nur am Anfang spannend. Die blassen Bilder, vor denen die Kamera jeweils für eine ganze Szene still verharrt. Die Hintergründe, die zu betrachten sich immer lohnt, weil dort noch eine weitere, eine Hintergrundgeschichte, spielt. Dieser Satz, den immer wieder Leute am Telefon sagen: „Ich freue mich, zu hören, dass es Euch gutgeht“. Aber dann fährt der Film sich fest, da kommt nichts mehr, nur immer beklemmendere und verstörende Bilder, Krieg, Kolonialismus, Tierversuche, Tod – und jede Menge einsame Männer. Das alles mag „wahr“ sein, und wäre es die ganze Wahrheit über das Leben und die Menschen – wie der Film behauptet – bliebe einem nur noch, sich umzubringen. Aber so ist es nicht, ich weiß es.

Aus dem Bücherstapel, den ich beim Bücherkistenpacken für den Umzug meiner Besuchsfreundin beiseitegeschafft habe, ziehe ich Banana Yoshimotos „Amrita“.Wie schon vor vielen Jahren, als ich „Kitchen“ gelesen habe (das Buch steht seitdem in dem besonderen Regalfach bei den Büchern, die mich schwer beeindruckt haben), fasziniert mich wieder, wie die Autorin ihre Geschichte von den Gefühlen ihrer Hauptperson aus erzählt – das, was geschieht und diese Gefühle auslöst, wird eher nebenbei erwähnt oder ist zum Erzählzeitpunkt sowieso schon passiert – und mich damit ganz nah an ihre Geschichte heranholt. Ich mag die Frauen in Banana Yoshimotos Büchern, junge Großstädterinnen, die die großen Lebensfragen immer mit sich herumtragen. Und manchmal hätte ich beim Lesen gern eine Übersetzerin an der Seite, die mir ihre Emotionen deutet, wo ich sie ungewöhnlich oder widersprüchlich finde, wo sich die „Gefühlskonventionen“ in der japanischen Kultur vielleicht von unseren westlichen unterscheiden.

Ein schöner Kontrast dazu ist „Wenn ich eine Frau wäre“ von Sarah Bosetti. Viele kleine Geschichten – von denen etliche auch einzeln funktionieren und von ihr auf der einen oder anderen Lesebühne gelesen werden – reihen sich zu einer unglaublich komischen, klugen, traurigen, bösen Geschichte über ein Großstadtpaar mit chronischem Geldmangel aneinander. Das einzige, was noch schöner ist, als dieses Buch zu lesen, ist, Sarah Bosetti selbst lesen zu hören. Noch so ein Buch! Bitte!

Und meine neueste nette Musikentdeckung stammt (um den Kreis zu schließen) von dem von Sarah Bosetti moderierten „Peace, Love & Poetry“-Slam. Byebye ist ein Duo mit einem mir sehr sympathischen restsächsischen Akzent, schönen Texten und angenehmem Gitarrengeschrabbel. Schön!

Ich fülle literarische Wissenslücken, lese Wilhelm Genazinos „Die Kassiererinnen“ (auf der Innenklappe als „Genazinos beschwingtestes, heiterstes, humorvollstes Buch“ bezeichnet, was mich davor zurückschrecken lässt, gleich mehr von ihm lesen zu wollen) und Jakob Arjounis „Idioten. Fünf Märchen.“ An dem gefällt mir das Setting – dass zu den fünf Personen in seinen Geschichten jeweils eine gute Fee kommt, die dem- oder derjenigen einen Wunsch erfüllt (Geld im Wert von mehr als einer Spülmaschine, Liebe, Gesundheit und Unsterblichkeit ausgeschlossen). Wie zu erwarten, geht das mit dem Wünschen in den meisten Geschichten schief. Davon könnte wohl jeder seine eigenen Märchen dazuspinnen.

Schraubhäkchen an Nylonseilen

Dass kleine Cafés häufig ihre Wände nutzen, um kleine, wechselnde Ausstellungen zu präsentieren, fand ich schon immer nett.

Zwischen dem Moment, in dem ich mit meinem liebsten und außerdem nebenberuflichen Künstlerfreund an einem dieser Cafés vorbeispazierte und wir die Idee aus der Luft pfückten, dass dort eigentlich auch seine Bilder mal hängen könnten, und dem Moment, in dem wir glücklich von außen durch die Scheiben auf seine erste Café-Ausstellung schauten, lag zwar eine ganze Menge Zeit – eigentlich aber nur eine freundliche Frage nach der Mailadresse der Café-Inhaberin, eine Mail mit einigen angehängten Bildern, ein bisschen Vorbereitungsarbeit und zwei Stunden, in denen die Bilder an die Wände kamen. Und wie es ein wohlmeinendes Schicksal wollte, durfte ich an diesem Abend dabeisein.

Jetzt weiß ich, warum immer alle Kulturmanagement studieren wollen.

Weil es einfach sooo viel Spaß macht.

Zuerst die Bilder der vorherigen Ausstellung abnehmen. Herzklopfend – ich will ja nix kaputtmachen – nehme ich die auf dicke Pappen aufgezogenen Fotos in die Hand. Hinten sind Ösen aufgeklebt, die sich einfach an die kleinen Häkchen hängen lassen, die wiederum an kleinen Metallröhrchen befestigt sind, die sich auf Nylonseile schieben und dort mit einem kleinen Schraubrädchen feststellen lassen. So geht das also!

In den Ösen hinter den Fotos hängen auch noch Stückchen dieser schweren Kordeln, mit denen Gardinen in fallschöner Form gehalten werden. Sonst wären die Fotos zu leicht und würden die Nylonseile nicht straffziehen. Wo die Kordeln nicht gereicht haben, sind – ich staune mächtig – Messer angeklebt. Ach, ruft die Bedienung, so verschwindet also immer unser Besteck!

Die Inhaberin schimpft, weil der Fotograf kleine Zettelchen mit den Titeln seiner Bilder an die Wände geklebt hat, die nun beim Ablösen Teile der Wandfarbe mitnehmen.

Mein liebster Künstlerfreund packt schon mal die Zettel aus, auf denen er geplant hat, welche seiner Bilder wo aufgehängt werden sollen. Aber so einfach ist das garnicht, der Künstlerfreund und die Café-Inhaberin und die Bedienung und ich hängen dort ein Bild zur Probe auf und halten da ein anderes hin – und halten kritisch die Köpfe schief. Abstrakte und gegenständliche Bilder vertragen sich nicht. Bilder, die thematisch zusammengehören, wirken erst so richtig, wenn sie auch nebeneinanderhängen, brauchen dann aber ordentlich Abstand zu den anderen. Zu viele abstrakte Bilder in einer Ecke sehen zusammen uninteressant aus. Das Lieblingsbild der Café-Inhaberin muss den schönsten Platz bekommen. Das Rot auf den Bildern darf sich nicht mit dem Rot auf der Präsentationswand beißen. Wer ins Café schaut, soll sich nicht vor düsteren Bildern erschrecken. Die Bedienung muss aus der Küche auf ein Bild schauen, das sie mag. Leuchtende Bilder wirken nur, wenn sie nicht neben anderen leuchtenden Bildern hängen. Und so weiter.

Irgendwann nicken dann doch alle zufrieden. Und dann darf aufgehängt werden. Alle Bilder in gleicher Höhe, 1,87 Meter. Und gerade, bitte. Garnicht so leicht, wenn die Keilrahmen in sich nicht so ganz rechtwinklig sind und die Altbauwände auch nicht. Mit einem altmodischen Spinnweben-von-der-Decke-Kehr-Besen lassen sich die überschüssigen Nylonseile prima aus den Schienen schieben, die an der Decke befestigt sind.

Hier noch ein „mü“ nach oben. Dort noch einen Hauch nach unten. Da hinten ist die rechte Schnur noch nicht gerade. Und das Bild neben der Tür muss so weit nach links geschoben werden, dass es die Macke in der Wandfarbe verdeckt, die der Klebezettel vom Vorkünstler hinterlassen hat.

So viel wie heute habe ich schon lange nicht mehr gelernt.

Dann stehen wir draußen in der Dunkelheit und schauen durch die erleuchteten Fenster. Wunderschön sieht das aus. Hereinspaziert! Hier gibt es Kunst zu sehen!

Gesehen, gelesen, gehört… Im September und Oktober

Neue Postkarte für schlechte Tage: „Lächle und geh weiter. Du kannst sie nicht alle umbringen.“

„The Stone Diaries“ von Carol Shields – wieder so eine lesenswerte Kanadierin, oder jedenfalls Autorin, die lange Zeit in Kanada lebte und schrieb. In diesem Roman erzählt sie ein Frauenleben, ein ziemlich gewöhnliches, etappenweise von der Geburt 1905 bis zum Tod ungefähr Ende der 80er Jahre. Ein ganzes Leben mit seinen großen Themen, mit guten und schlechten Zeiten und mit seinem Ende so vor Augen geführt zu bekommen, stellt viele Fragen in den Raum: Was macht ein Leben aus? Wann ist es ein gutes Leben? Und: Was bleibt? – Es lohnt, nachzudenken. Und dieses Buch zu lesen.

Die Bauanleitung zum Hochbett „Frieda“. Erst Teil Z6 in Teile A, C, F, G, H, I und J stecken. Teil Z18 kommt natürlich zu Teil K. Und dann werden die Kopfteile mit Z1, Z4 und Z5 an den Seitenteilen befestigt. Alles klar? Was als kleines zwei-Stunden-Projekt gedacht war – „Kinder, heute bauen wir das neue Hochbett auf“ – endete als Wochenaufgabe, an der mehrere Freunde mithelfen mussten. Aber jetzt ist es eingeweiht, das schöne neue Möbel.

Eine feine, kleine Ausstellung: „Wedding – Kunst pur 2014!“ im Rathaus Wedding (noch bis 1. November). Eine bunte, spannende Zusammenstellung von Fotos, Bildern und Skulpturen mit „irgendwie wedding-typischen“ und ganz überraschenden Kunstwerken: Susanne hat Glasobjekte zum Thema „Fliegen“ beigesteuert; ein großer Kreis aus Salz mit einem Hocker mittendrin lässt die Besucher zwischen ihrem Wunsch, den Kreis zu betreten und sich auf den Hocker zu setzen und ihrem Respekt für das Kunstwerk schwanken; und zwei riesige Wandbehänge – meine Lieblingsstücke dieser Ausstellung – zeigen ganz unterschiedliche Frauenbilder, die von dem sie umgebenden Patchwork aus textilen Aufschriften kommentiert werden. Ganz sehenswert!

Stefan Moster: „Die Frau des Botschafters“ – eine Besprechung hatte mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht – auf die Fremdheit, die die Frau des fiktiven deutschen Botschafters in Finnland empfindet, und auf ihre abenteuerliche Reise, die sie unternimmt, um ihrem erblindenden Sohn das Licht des Nordens zu zeigen. Ich bin nicht sicher, warum ich so recht nicht in der Geschichte angekommen bin, obwohl der Umgang des Autors mit der Sprache mir sehr gut gefallen hat: Lag es daran, dass mit – so habe ich es empfunden – viel Distanz zu den Figuren und ihren Gefühlen erzählt wird? Dass ich mir ein Botschaftergattinnenleben so garnicht vorstellen kann? Oder daran, dass der Roman viele große Themen berührt, ohne sie breiter auszuführen?

Amélie Nothomb war mir bisher nur dem Namen nach vertraut. Jetzt fiel mir ihre „Biografie des Hungers“ in die Hände. Wie genau sich die Autorin die Gefühlswelt des Kindes und der Jugendlichen vergegenwärtigt, die sie erzählen lässt, hat mich erstaunt. Und ein wenig erschreckt.

Und mehr von meiner aktuellen Lieblingsautorin Scarlett Thomas: „Troposphäre“. Stell Dir ein Computerspiel vor, dessen Programmcode es erlaubt, dass die Figuren sich entwickeln und – zufällig – Bewusstsein entsteht. Woraus wären ihre Gedanken? Aus den gleichen Nullen und Einsen, aus denen auch das Computerprogramm besteht, in dem sie sich bewegen. Und was wäre, wenn einige von Ihnen in der Sprache zu denken fähig wären, in der ihr Spiel programmiert wurde? – Was ist Bewusstsein, woraus besteht es, und: was wäre, wenn wir in das Bewusstsein anderer Menschen hineinsehen könnten? Um diese Fragen geht es in Scarlett Thomas`Roman. Da ich ihre Art, wissenschaftliche Erkenntnisse und philosophische Gedanken, übersinnliche Phänomene und „greifbare“ Figuren zusammenzuspinnen, mag, folge ich ihr gern auch in die Troposphäre. Und schaue hinterher irgendwie anders auf die Welt. Woraus bestehen Bäume, Häuser – und Gedanken? Aus Elektronen und Quarks? Oder?

Gesehen, gelesen, gehört und gespielt… im Juli

Scarlett Thomas‘ Roman „Bright Young Things“ wurde nach seinem Erscheinen häufig in einem Zusammenhang mit Reality-TV-Formaten wie „Big Brother“ rezipiert. Geschrieben hat die Autorin ihn, so geht es aus ihrem eigenen Vorwort zu meiner späteren Auflage des Buches hervor, jedoch bevor derartige Sendungen ins Fernsehen kamen. Das Setting ist einfach: Sechs Leute, die aus einer großen Menge an Bewerbern auf eine skurile Stellenanzeige ausgewählt wurden, finden sich auf einer einsamen Insel wieder. Wie gehen junge Leute um die Jahrtausendwende mit dieser Situation um? Leben wir in einer Welt, in der sie schon mit Anfang 20 eine „Überdosis“ an Sorgen – um die Welt und sich und die Zukunft – abbekommen haben? Verfügen junge, gebildete Großstädter noch über die Fähigkeiten, als Robinsons zu überleben oder auch: aus einer ausweglosen Lage zu entkommen? Können wir Menschen der Postmoderne noch irgendetwas als „real“ wahrnehmen – oder ist alles schon Zitat, sogar unser eigenes Leben? Spannende, große Fragen.

„100 Beste Plakate“ – die Sieger des gleichnamigen, jährlichen Wettbewerbes sind derzeit im Foyer des Berliner Kulturforums am Potsdamer Platz ausgestellt. Klein und fein – und kühl in der Berliner Sommerhitze – wird dieses El-Dorado für Grafik-Designer im Untergeschoss des großen Museumsbaus präsentiert. Was gilt heute als „bestes“ Plakat? Mit dieser Laienfrage gehe ich in die Ausstellung. Und entdecke: Viel, viel durcheinanderiges Kribbelkrabbel. Schöne Spiele mit großen Lettern. Knallige Kontrastfarben. Plakatserien, die mit Farben und Motiven experimentieren. Vielleicht am schönsten: die Kino-Programmplakate einer Hochschule für angewandte Kunst, gedruckt auf verschiedenen Stoffen, edel und schlicht.

Ein neues Spiel im Schrank: „Concept“ – und erst einmal bin ich misstrauisch. Vorgegebene Begriffe sind in diesem Spiel durch das Setzen logischer Zusammenhangsmarker auf Piktogramme zu erläutern, die „Konzepte“ darstellen. Kann das wirklich sein, dass man die ganze Welt (oder jedenfalls die halbe) mit Hilfe von nicht mehr als 40 oder 50 Piktogrammen erklären kann? Meine Besuchsfreundin ist bereit, zu testen. Und siehe da: Unsere Versuche („Rechtsanwalt“ z.B. ist „Mann/Frau“, „Beruf“, „grau“, „Staatsmacht“, Geld“ und „Gefängnis“) reichen zwar nicht immer, um richtig zu raten – aber lustig genug für einen langen Abend ist es doch, mit der gedanklichen Zusammensetzung von Begriffen herumzuexperimentieren.

Nach Neil Gaimans Roman „Niemalsland“ habe ich gegriffen, weil ich Terry Pratchett schätze und ich mir nach dem Lesen einiger Bewertungen vorstellen konnte, dass Gaimans Roman auf ähnliche Weise mit der Welt der Sagen und Legenden spielen würde – in diesem Fall angesiedelt in einem „Unter-London“, in das ein biederer Büroangestellter gerät, als er einem von dort stammenden Mädchen hilft – und danach für die „normale“ Welt nicht mehr existiert. Aber überzeugt hat mich das Buch nicht: Die Anderswelt unter London wird nur angerissen und bleibt blass und unscharf, seine Figuren zeichnet der Autor bei weitem nicht mit dem liebevollen Schalk, der Terry Pratchett auch noch beim Fabulieren über Mörder und Monster im Nacken sitzt, und die Handlung habe ich mit nur mittelmäßigem Interesse verfolgt. Irgendetwas fehlt, obwohl die Zutaten für eine gute Geschichte alle in diesem Buch verarbeitet sind. Schade.

Und ein Buchgeschenk: „Das Lavendelzimmer“ von Nina George. So ein Wohlfühlbuch über eine große Frage: Wie kann man ins Leben zurückkehren nach dem Verlust einer ganz (ganz ganz) großen Liebe? Wie aufarbeiten und heilen und einen neuen Menschen ins Herz schließen? – So weit, so gut. Aber ach: Sooo viele Adjektive! (Scarlett Thomas macht mit ihren Schriftstellerschülern eine Übung, bei der alle Wörter bei einer „Wörterbank“ „gekauft“ werden müssen – Adverbien und Adjektive zum Höchstpreis. Dieses Buch wäre schweineteuer gewesen,,,) Sooo viel südfranzösische Landschaft! Ich würde dieselbe Geschichtenkonstellation gern mal lesen, wenn sie mit Personen besetzt wäre, die nicht einfach davonlaufen können, sondern sich weiter um ihren ganzen Kleinkram (Haushalt, Kinder, Broterwerb) kümmern müssen. Dafür gern mit weniger Adjektiven und Landschaft. Frau George? Wie wärs?

Mehr von Mark Haddon: „A Spot of Bother“ – große Familiengeschichte um eine Hochzeit, von der alle glauben, dass sie falsch ist, und einen Vater, der langsam den Verstand verliert. Wie macht der Autor das, sich in so viele verschiedene Hauptpersonen – vier sind es in diesem Buch, Mutter, Vater, Tochter und Sohn – hineinzuversetzen, und in so außergewöhnliche noch dazu: in den Vater mit seinen immer heftigeren Anfällen von Verwirrtheit; oder – in seinem anderen Buch – in einen autistischen Jungen? Von Mark Haddon möchte ich noch viel, viel mehr lesen.

Ans gefrorene Meer

Der Tag beginnt großartig – ich kann mir die Haare wieder kämmen. Der Arm wird besser. Über Berlin zieht der heißeste Tag von allen herauf, und bevor er die Stadt in einen unerträglichen Glutofen verwandelt, mache ich mich auf den Weg zur Oberbaumbrücke, auf der die 12. Open Air Gallery stattfindet.

Die Straße ist gesperrt, auf beiden Seiten hämmern Künstler – etablierte Künstler und Hobbymaler, solche mit viel Straßenkunstmarkterfahrung und solche, die das hier gerade zum ersten Mal machen – die letzten Nägel in die Balken der kleinen Marktstände, in denen sie heute ihre Kunst präsentieren können. Bilder werden aus Autos und von Trolleys geladen, aufgehängt, geradegerückt, vorne angelehnt, gefällig angekippt auf Tischen drapiert.

Hier herumzuschlendern und Bilder anzuschauen macht Spaß.

Aber besonders spannend ist, dass ich den liebsten Freund, der heute hier ausstellt, für ein paar Minuten in seinem Marktstand vertreten darf. Auf einmal kann ich – nach dem Affen-im-Zoo-Prinzip – den Kunstguckern beim Kunstgucken zusehen. Wie sie von mir auf die Bilder schauen – und zurück. Die Münder verziehen. Erst garnicht näher rankommen, weil sie meinen neugierigen Blick bemerken. Nur die alte Dame mit dem weißen Spitzenschirm grüßt mich freundlich. Die anderen drücken sich stumm am Stand vorbei.

Was sehen sie alle? Sehen sie mich anders, wenn ich neben den Bildern vom liebsten Freund stehe? Sehen sie die Bilder anders, wenn ich neben ihnen stehe und nicht er? Wieviel hat Kunstrezeption mit der Person des Künslers zu tun? Was würden die Bilder da gegenüber mir sagen, der rötlich gerakelte Wald z.B., wenn nicht ein älterer Herr (der im Ruhestand, sofort habe ich diese Geschichte im Kopf, sein Hobby nun endlich auslebt) davorstehen würde, sondern ein junges Mädchen im kurzen Kleid? Würden die Afrikacollagen mit Gesichtern und Elefanten mir besser gefallen, wenn das Pärchen davor in mir nicht die Vorstellung von zwei begeisterten Safari-Touristen wecken würde? Würde ich erraten, dass das Monster mit den vielen, vielen geleerten Trinkbechern und die Zeichnung vom Himmel, der voller Pizzen hängt, von einer jungen Frau gemalt wurden – oder nicht?

Denke weiter, denke über mein Kunstverständnis nach. Viele Bilder hier sind schön. Und schön mag ich. Aber wenn das Schöne sich im Dekorativen erschöpft – acht Bilder in beige mit roten Gnuppeln und einem oder zwei elegant gewundenen Blumenstängeln sehe ich an einem Stand, und da wird sogar was verkauft – dann reicht das nicht. Arztpraxis-Vorzimmerkunst. Was ist es, das Kunst „groß“ macht und (aber das muss nicht dasselbe sein) mich berührt? Wenn in den Bildern beim Malen oder Zeichnen ein Stückchen Seele hängengeblieben ist?

Mein Kunstverständnis stammt aus der Literatur, merke ich beim Nachdenken. Große Fragen, sagt Scarlett Thomas, sollen Romane und Erzählungen stellen (und nicht etwa beantworten). Und mein alter, bärtiger Literaturprofessor – der unseren mit Sachwissen vollgestopften Studentenköpfen die Liebe zur Literatur nahebringen wollte, in seinem letzten Hochschul-Semester – zitierte immer wieder Kafka: Die Axt an das gefrorene Meer in uns – das sei Literatur.

Bilder können das auch, finde ich. Beides. Und trotzdem sind sie anders als Bücher:

Sie können mir erzählen, wie der Künstler die Welt sieht. Den rötlichen Wald. Das innere seiner Seele. Einen Blumenstängel. Die Farben Schwarz und Rot. Ich-zeig-dir-was-was-du-nicht-siehst – es ist der ganz eigene, andere, besondere Blick des Künstlers – auf die Welt, in sich hinein, irgendwohin – der Bilder zu Kunst macht. Oder?