Schlagwort-Archive: Brandenburg

Ich packe meinen Koffer…

Die Kinder sind „durch“. Ständiges Gezoff, egal, ob die Nägel geschnitten oder die Hausaufgaben gemacht werden sollen; ob es ums Duschen oder um die Schlafenszeit geht. Morgens kriege ich sie kaum wach und schmiere ihnen mitleidig Honigbrote und Wurstbrote, damit sie was essen, bevor wir raus in den Nieselregen gehen.

Zum Glück fällt wenigstens die Englisch-Klassenarbeit des Zehnjährigen aus, deshalb kann er, statt zu lernen, mit seinem Papa Wintersachen kaufen gehen. Wäre ich mal lieber selber gegangen, denke ich hinterher, als der Zehnjährige stolz mit Handschuhen von einem für die üblen Zustände bei seinen Zulieferern verschriehenen Bekleidungs-Discounter und mit vollsynthetischen (aber seiner Meinung nach total schicken!) Winterschuhen ankommt, die wahrscheinlich weder wärmen noch luftdurchlässig sind. Aber zum Zurückbringen haben wir vor dem Urlaub keine Zeit mehr.

Im Büro herrscht Hektik. Planungszeit. Die Anspannung kriecht mir in die Kieferngelenke, meine alte Schwachstelle, die ich (das ist ein gutes Zeichen, eigentlich) schon fast vergessen hatte. Zwischendurch telefoniere ich privat herum: arrangiere den Keyboard-Unterricht für den Sechsjährigen und ein Leih-Instrument; schubse die Hausverwaltung, die endlich jemanden beauftragen muss, der die Heizung in meiner Wohnung wieder in Ordnung bringt; bestelle den Rufbus, mit dem wir am Samstag in Brandenburg vielleicht trotz Schienenersatzverkehr zu unserem Waldhäuschen kommen.

In meinem Wohnzimmer quellen dicke Pullover, lange Unterhosen und warme Socken aus den noch nicht ganz fertiggepackten Koffern. Lesestoff und Bastelkram nehmen den Platz ein, der eigentlich für die Zutaten für sechs Mittagessen vorgesehen war. Mit müssen die trotzdem – auf reichlich frische Pilze und Beeren können wir uns in diesem Jahr ja nicht verlassen. Irgendwohin muss auch noch das Spielzeug, vor allem die gerade total angesagten sonderbaren Kreisel, die die Jungs aus allerlei Metall- und Plastikteilen zusammenschrauben und dann gegeneinander „kämpfen“ lassen.

Obwohl der Sechsjährige einen Flunsch zieht, weil wir vielleicht nicht gar so viel in den Wald gehen können wie in den letzen Jahren, obwohl ich nicht weiß, ob der Zehnjährige sich langweilen und alles ganz uncool finden wird – andere Kinder aus seiner Klasse fahren nach Teneriffa, Amerika oder Hamburg – freue ich mich, dass wir nochmal, zum vierten Mal inzwischen, dahin zurückkehren, wo wir ein kleines Stückchen Urlaubsheimat gefunden haben.

Ich möchte unter meiner Lieblingsbirke sitzen, auch wenn ich dabei sieben Pullover und eine Regenjacke tragen muss. Ich möchte ein Pfännchen mit den letzten Marönchen braten; ich möchte jeden Morgen im großen, lauten Speisesaal ein Schokolade-Marmelade-Brötchen essen und mit meiner zweiten Tasse Kaffee sitzen bleiben, bis alle außer mir und der Besuchsfreundin gegangen sind und wir es ganz ruhig haben; ich möchte abends im Finsteren frierend vom Kickern zurückkommen und die Herbstkälte unter der Dusche im klitzekleinen Bad aus meinen Knochen spülen; ich möchte mit meiner neuen Sternenkarte spätabends auf der Wiese am See stehen und mit den Jungs nach Sternbildern suchen, die wir noch nicht kennen. Es ist schön, mit so viel Vorfreude an einen so vertrauten Ort zu reisen!

Und ich würde gerne eine ganze Woche nicht nörgeln, nicht meckern, nicht drängeln, nicht an meine Arbeit denken, kein Auto hören und keinen Handyempfang haben.
Zumindest das letzte hat in den letzten Jahren auch immer ganz gut geklappt.

Und nach unserem ersten Urlaub im Wald habe ich mit dem Bloggen angefangen. Das war – WordPress hat nicht vergessen, mir zu gratulieren – vor drei Jahren. Durchgehalten, juhu!

Advertisements

September

Was in einen Monat so alles hineinpasst!
Septembereindrücke:

Der Sechsjährige mit seiner Schulklasse auf den Treppen zum Eingang der Schule. All die Eltern, die um uns herum Handys und Kameras recken und die stolzen Gesichter ihrer Schulanfänger einfangen wollen. Der altbekannte Schulflur, in dem ich nun in jeder zweiten Woche wieder täglich stehe, um meinen kleinen Sohn abzuholen. Mein Ärger darüber, dass die Elternabende für Klasse 1c und 5c natürlich – natürlich! – parallel stattfinden. Der Zehnjährige, der abends bis neun Hausaufgaben erledigt, die auf einmal schlagartig so viel mehr geworden sind, dass mein unkonzentriertes Kind sie nicht mehr in den dafür vorgesehenen Arbeitszeiten im Ganztagsschultag schafft.

Ein Familienwochenende mit der örtlichen Kirchgemeinde. Viele fremde Gesichter – aber alle sind aufgeschlossen und freundlich. Mit den ersten teilnehmenden Familien kommen wir schon in der Bahn ins Gespräch; was für ein wohltuender Kontrast zum Berliner Alltag, in dem Fremde sonst meistens ausdruckslos aneinander vorbeistarren… Meine Söhne laufen zum ersten Mal einfach mit den anderen Kindern mit. Der Zehnjährige hat einen alten Kita-Freund wiedergetroffen, den wir aus den Augen verloren hatten, weil er eine andere Schule besucht. Ganz selbstverständlich setzen beide sich zusammen an einen eigenen Tisch und verschwinden nach dem Frühstück in Richtung Tischtennisplatte, sobald sie genug Schokomüsli in sich hineingestopft haben. Am Nachmittag steigt plötzlich schon Rauch von der Feuerstelle auf, an der es eigentlich erst am Abend ein Lagerfeuer geben soll. Vom Feuer des Vorabends war genug Glut übrig, ein paar pfadfindererfahrene Mädchen haben das Feuer in Gang gebracht, meine Söhne sind mitten unter den Kindern, die da ohne jede Erwachsenenaufsicht Holz zusammentragen und das Feuer schüren. Abends gibt es dann Stockbrot, das auch nach langer Zeit über der Glut immernoch wie süßer Kuchenteig schmeckt, Gitarrenlieder, eine Gutenachtgeschichte und einen großen brandenburger Himmel voller leuchtender Sterne.

Ein Wochenende mit dem liebsten Freund. Zum ersten Mal in diesem Herbst in die Sauna, mit Blick auf einen See, in dem man von der Sauna aus direkt schwimmen kann, hinaus in die pechschwarzen, kalten, nächtlichen Wasser. Vom See aus sieht man die beleuchtete Stadt, das ist wunderschön. Am nächsten Tag eine Paddeltour, spätsommerliche Sonne, glitschige Haltestangen in der Schleuse, ein Café am Wasser, das Liegestühle rausgestellt hat. Auf dem Rückweg psychosomatischer Gegenwind (eigentlich will ich garnicht zurück…), der für zwei Tage Muskelkater sorgt.

Eine Ausstellung moderner samischer Kunst in den Nordischen Botschaften in Berlin, in einem lichten, mehrstöckigen Gebäude. Ich verliebe mich in einen Baumstamm, ein großes Stück Treibholz, das eine Künstlerin mit Farbe und Glitzersteinen gestaltet hat, „Tochter der Aurora Borealis“. Manchmal möchte ich auch gern eine Künstlerin sein.
Stattdessen nimmt immerhin nebenher meine selbstgestricke Mütze Gestalt an, obwohl ich Fehler mache und häufiger „rückwärts stricken“ muss. Etwas unförmig wird das Ganze am Ende dann doch, leider.

Was noch?

Ich lese „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge und bin beeindruckt; ich verpasse ein Kiezfest, ein Drachenfest, die ArtWeek, den Herbstspaziergang des Schulfördervereins, den Geburtstag einer Freundin und jede Menge Kinofilme. Ich freue mich über und auf Einladungen zu Freunden. Meine ganz große Schwester besucht mich, spontan, für einen Abend und einen Morgen, und begleitet mich und den Sechsjährigen zur zweiten „nasalen Provokation“ bei der Lungenärztin, bei der ihm Hausstaubmilben in die Nase gepustet werden, damit die Krankenkasse nach erfolgter Allergiediagnose einen milbendichten Matratzenbezug stellt.
Ich führe ein Punktesystem für den Sechsjährigen ein – 40 Mal Kortisoninhalation (ohne Meckern und ohne zwischendrin den Mund vom Spacer zu nehmen) wird mit einem Kinobesuch belohnt. Ich führe ein Punktesystem für den Zehnjährigen ein – 30 Mal Hausaufgaben und Ranzenpacken (ohne Meckern, selbständig und vollständig) wird mit einem Mama-und-Sohn-Tag in einem Erlebnisbad belohnt. Der Vater meiner Kinder und ich beginnen, die Kinder um einen Tag verschoben wechseln zu lassen; die ersten Montage mit jeweils nur einem Kind allein sind wunderbar entspannt, auch wenn Arzttermine wahrgenommen und Hausaufgabenberge abgearbeitet werden müssen.

Und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, stelle ich im Kopf mein kompliziertes Familien-und-auch-sonst-System auf, nachdem ich mit meiner ganz großen Schwester über Familienaufstellungen gesprochen habe. Es ist offensichtlich, dass es in meinem System viel zu viel Hinundher gibt; dass jede friedliche Interaktion mit dem Vater meiner Kinder gut ist, weil sie den beiden hilft, damit es sie nicht zerreißt; und dass da jemand fehlt, der neben mir steht, der nicht fortgeht.
Therapeutische Septemberbinsenweisheiten um fünf Uhr in der Frühe.

Brandenburg an der Buga

Die Besuchsfreundin lebt seit einiger Zeit in Stadt Brandenburg, und diesmal kommt meinem geplanten Besuch dort auch keine Grippe dazwischen. Zählt man die S-Bahn-Zeit mit, dann wohnt die Besuchsfreundin noch genau so weit entfernt wie vorher; zählt man nur die 25 Minuten Regionalbahnfahrt von Berlin-Wannsee, dann ist es ganz nah, gleich hinter der Stadtgrenze.

Die Stadt Brandenburg ist im Buga-Rausch, das ist gleich zu sehen. Vor dem Bahnhof stehen die ersten von vielen mannshohen, mit Stiefmütterchen bepflanzten Etageren, mit denen die Stadt sich herausgeputzt hat. Bei meiner Freundin liegen Werbeflyer herum, die das komplexe Konzept einer Bundesgartenschau in fünf verschiedenen Orten erläutern; man muss aufpassen, um nicht aus Versehen den Flyer vom falschen Ort benutzen, um den Stadtspaziergang zu planen.

Den machen wir am nächsten Tag, nachdem wir ausgeschlafen haben. Brandenburg erinnert uns beide an andere kleine Städte in Ostdeutschland; an Weimar, an Erfurt. Kleine, hübsche, alte Häuser, viele schon saniert; an den unsanierten sind aus Buga-Gründen entschuldigende Plakate angebracht: „Wir sind in Arbeit“, neben dem Bild einer Frau, die angriffslustig eine Farbrolle schwingt. Durch die Innenstadt bummeln wir zur Jahrtausendbrücke (überhaupt, die Namen hier sind so schön: Trauerberg, Buhnenhaus, Schmerzke, Salzhof, Hohenstücken – ). Riesige Werbeplakate machen noch den letzten Ignoranten auf die Buga aufmerksam, sogar die Elektrokästen sind mit Bildern von Blumen und Pflanzen besprayt. Den Eintritt wollen wir nicht bezahlen, aber wir werfen in der Eingangshalle am Packhof einen Blick auf die vielen Orchideentöpfe, die auf bunten Plastikschiffen stehen; und durch die Tür der extra für die Bundesgartenschau wiederhergerichteten Johanniskirche schauen wir auch mal kurz, dort ist die erste von vielen geplanten Blumenschauen aufgebaut; es riecht gut nach Floristik. Draußen, rund um die Kirche, sind Stiegen mit allerlei blühenden Tulpen aneinandergereiht.

Im Brückenpfeilerhäuschen an der Jahrtausendbrücke ist ein winziges Café untergebracht, unter der Brücke können Kanuten zur Kaffeepause anlegen, auf den Steinstufen daneben laden orangefarbige Sitzkissen und Decken zum Verweilen ein. Sogar orange leuchtende Sonnenschirme mit kleinen Tischchen zum Abstellen der Getränke stecken in der Wiese, und hier holen auch wir Kaffee und Kekse aus dem Rucksack. Am anderen Ufer, gleich gegenüber, steht der „Buga-Skyliner,“ der große Turm, dessen Aussichtsplatform, rund wie ein Bagel, alle paar Minuten nach oben gefahren wird, sich dort eine Weile dreht und dann wieder nach unten rutscht. Wir sind zu weit weg, um zu sehen, ob den Leuten bei der seltsamen Fahrt schlecht wird oder nicht, wir wollen das selber lieber nicht ausprobieren. Vor uns schippern die „Buga-Fähren“ vorbei, die liebevoll mit Blumen bemalt sind und Fleißiges Lieschen, Pusteblume, Klatschmohn und Frieda (warum eigentlich Frieda?) heißen.

Der Wind frischt auf und weht eins der leuchtenden Kissen ins Wasser, langsam schaukelt es auf der Havel davon. Wir schlendern weiter, durch die vielen kleinen Altstadtstraßen. Ein kleines Elektrogeschäft, in dem die Farben auf den Verpackungen der Auslagen zu diesem typischen Provinzstadtnebenstraßenschaufensterblau verblichen sind, wirbt mit seinem Vorrat an alten Glühbirnen. Im Park steht eine Goethe-Büste mit Zitat – „nur der verdient die Freiheit und das Leben, der täglich sie erkämpfen muss“ – alter Angeber, sagt die Besuchsfreundin. Wie immer in fremden Städten schaue ich neugierig auf jedes „Zu vermieten“-Schild; zu diesem oder jenem besonders schönen Haus, das hier fast immer ganz nah an einem der Havelarme steht. Wie das wohl wäre, hier zu leben, in der kleinen Stadt am Wasser?

Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug mit dem Fährschiff, raus zur Halbinsel „Malge“ im Breitlilngsee. Mehr als eine Stunde lang schippern wir zwischen den grünen Havelufern entlang, die mich von ausgedehnten Paddeltouren träumen lassen; dann hinaus auf den großen See, von dem aus das Land mit seinem fahlbraunen Schilf vom letzten Jahr und seinen frühlingsgrünen Baumgruppen zu einer ganz schmalen Linie zwischen Wasser und Himmel wird. Im Restaurant an der Malge sind alle Tische reserviert; eine reizende alte Dame feiert ihren einhundertsten Geburtstag. Sogar der Hund trägt eine kleine Krawatte und bellt verärgert den Akkordeonspieler an, der die Gesellschaft unterhalten soll.

Wir pikniken am Badestrand und fahren zurück, bevor das Frühlingsgewitter losbricht. Der Regen rauscht noch, als ich wieder in den Zug steige, und rinnt während der Fahrt in weitverzweigten Flusslandschaften über die Scheiben. Die elektronische Anzeige zeigt die ganze Fahrt über 15:57 an, als ob es für immer Sonntagnachmittag bleiben könnte.

In Berlin ist es halb sieben; der Regen ist vorbei, es riecht nach China-Box und heruntergeregnetem Straßenstaub. Zu Hause wartet meine kleine Balkongartenschau, die der Regen umsichtig vor dem Austrocknen bewahrt hat. Die Hornveilchen blühen so schön; die weiße Petunie gewöhnt sich an ihren Standort und setzt vorsichtig Blüten an, die Ringelblumen sind gekeimt.

Und nach Brandenburg möchte ich bald mal wieder fahren. Durch den Umzug meiner Freundin bekomme ich einen neuen Ort geschenkt. Vielleicht wird daraus ja ein Stückchen – ausgelagerte – Heimat.

Entschleunigen

Zum dritten Mal fahren wir in den Herbstferien in ein Feriendorf in der Uckermark. „Unser“ Häuschen nehmen wir in Besitz, als ob wir hier zu Hause sind und nur mal eben verreist waren – stellen den Kühlschrank an, legen unsere Sachen in die selben Schubladen wie im letzten Jahr, packen die Kekse wieder nach oben auf den Schrank, kümmern uns darum, dass die kaputte Abdeckung vom Herd gerichtet wird, holen den Techniker, weil die Tür nicht mehr von innen abschließbar ist – dabei ist noch ein letzter Rest von der Wärme in den Räumen, die die Leute vor uns hinterlassen haben, die nur Stunden vor unserer Ankunft abgereist sind.

Ach, Sie sind auch mal wieder da!, begrüßt uns am Abend die Frau, die das Buffet betreut. Ja, wir fallen hier auf und werden deshalb wiedererkannt: Zwei Frauen mit zwei Kindern – und dann auch noch ohne Auto, dafür aber mit einem Trolley voller Lebensmittel, weil wir mittags nicht im Speisesaal mit den Gruppen und den anderen Familien essen, sondern selbst kochen.

Was ist es, was ich an diesem Waldurlaub so mag, dass ich lieber wieder hierherkommen möchte (aber keinesfalls in ein anderes als „unser“ Häuschen), als irgendetwas neues auszuprobieren, irgendetwas aufregendes, irgendwas, was weniger umständlich ist? Warum tut es mir und meinen Kindern und der Besuchsfreundin gut, im Urlaub diesen vertrauten Ort aufzusuchen, über den wir schon so viel wissen – wo die besten Marönchenstellen sind, dass Billiardspielen sich nicht lohnt, weil die Queues immer an die Wände des zu kleinen Raumes stoßen, in dem der Billiardtisch steht, dass man nach dem  Abendessen im Speisesaal den Tisch abwischt, auf welcher der vier Elektroplatten im Häuschen die Pfanne am schnellsten heiß wird, dass es unter den Birken auf dem Gelände manchmal Birkenpilze gibt – und viel Zeit damit verbringen, Dinge zu wiederholen, die wir im letzten Jahr gern getan haben?

Vor allem – und vor allem: für mich – ist das alles Entlastung. Das, was ich schon kenne, und nicht neu entdecken muss. Die kurzen Wege, alle zu Fuß. Der schlechte Handy-Empfang, hinter dem ich mich verstecken kann, wenn ich keine Lust auf Kontakt zur Außenwelt habe. Die winzige Küche, in der das Kochen Spaß macht und nicht Stress. Die wenigen Dinge, die aufzuräumen nur eine Viertelstunde am Morgen in Anspruch nimmt. Ein klitzekleiner Alltag – überschaubar, zu bewältigen, frei von komplexen Entscheidungen. Beim Frühstück esse ich Marmelade-Schokolade-Brötchen und trinke Kaffee dazu. Die Kinder meckern, wir gehen trotzdem in den Wald. Wir sammeln Pilze und Beeren. Wir spielen Federball und Tischtennis; wir leihen Minigolfschläger aus, wir spielen am Tisch („Ligretto“ und „Phase 10“ in diesem Jahr), wir kickern, es gibt Griesbrei mit Waldbeeren oder Nudeln mit Pesto und frischen Pilzen, mittags lese ich eine Stunde, dann gibt es Kaffee, und abends muss abwechselnd immer eins der Kinder unter die Dusche.

Und es wird uns nicht langweilig. Jedesmal, wenn wir abreisen, wollen wir wiederkommen. Beim nächsten Mal aber ganz bestimmt Zeit zum Briefeschreiben haben. Dann endlich auch mal eine richtige lange Wanderung machen. Und unbedingt in der Stadt in die Therme gehen.

Oder wir machen einfach dieselben Sachen wie in diesem Jahr.

Zwischenstand (ins Unreine): Herbst

Blättergeruch in den Straßen, den mag ich. Pappellaub riecht am besten, auch wenn der Berlin-übliche Eiche-Ahorn-Mix und die braunen Lindenblätter auch nicht schlecht abschneiden. Die Farben sind schön: braun und gelb, rot und orange und rosa, überall. Graue Wolken, Nieselregen, zwischendurch die Sonnenwärme vom letzten Wochenende.

Für unsere alte Blätterlaterne (wenn man sie mit der kaputten Seite zum Fenster dreht, sieht sie immer noch schön aus) haben wir ein neues Päckchen Teelichte gekauft. Im Kalender Termine für Plätzchenbacken und Geschenkebasteln.

Im Kopf Erinnerungen an den Sommer, in dem ich so viel in Brandenburg unterwegs war: an ein verzaubertes Regenpicknick auf einem Hochsitz, an die Sonnenwärme beim Paddeln auf der Spree, den prächtigen Stock Hallimasch am Bootshaus in Bredereiche und die herrlichen Schirmpilze, die wir später im zum Beutel umfunktionierten Schal nach Hause getragen haben; an den Blick über den Neuruppiner See, an das Geschnatter der Wildgänse, die über dem Oberuckersee Züge für den Flug nach Süden bilden, und an die Kälte des Wassers, in dem wir natürlich nochmal herumwaten mussten.

Und die Ausflugszeit ist noch nicht ganz vorbei. Im Zimmer des Fünfjährigen stapeln sich die Winterjacken, die Gummistiefel, warme Pullover, Mützen, Handschuhe, Spiele, Bücher, Zeckenschutzmittel, eine riesige Tasche voller Medikamente (nur für den Fall), drei Beeren-Sammel-Eimerchen (nur für den Fall) und allerlei Lebensmittel – zusammen mit einer Liste, auf der steht, was ich noch alles kaufen muss, damit wir in der Uckermark sieben Tage ohne Auto überleben können und zusammen mit dem (recht komplexen) Plan, wie wir an einem der Tage die Therme in der nächstgelegenen Stadt besuchen können. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Slogen des Berlin-Brandenburgischen Verkehrsverbundes –  „Alles ist erreichbar“ – hat mich bei der stundenlangen Recherche nach Rufbussen und der Mühe, einander widersprechende Fahrplanauskünfte zu verstehen, mit der Zeit ziemlich erheitert.

In ein paar Tagen sind wir in „unserem“ Waldhäuschen. Hurra!

Spätsommerglück

Das schlechte Augustwetter verzieht sich noch einmal für ein paar Tage. Wie gut! Denn für einen dieser letzten sommerlichen Samstage habe ich eine Paddeltour mit dem liebsten Freund geplant. Ein Ausflug! Ein Abenteuer!

Fürstenwalde kennen wir schon, dort hat vor einiger Zeit auch meine Geburstagswanderung angefangen. Heute gehen wir direkt zur Spree. Da, wo zwei Bänke mit hochstehenden roten und gelben Rudern am Ufer stehen, ist die Einsetzstelle, zu der die Paddelbootverleiher aus Hangelsberg die Boote bringen. Unser schlichter grüner Kanadier liegt ganz oben auf dem Bootsanhänger, darunter eine muntere Schar leuchtender Kajaks, orange und rot und blau. Eine Familie mit zwei Teenager-Söhnen, die müssen trotzdem noch Rettungswesten anziehen, oder wenigstens mitnehmen. Dem älteren Paar, das vielleicht zum ersten Mal in einem Kajak paddeln wird, stellt der Mitarbeiter der Verleihstation besonders sorgfältig die Lenkung ein und erklärt ganz genau, wie sie funktioniert. Und dann ist da noch ein Grüppchen befreundeter Paare, einer hält die Videokamera auf den Bootsanhänger und spricht leise dazu ins Mikro, die anderen verstauen ihre Hosen und Schuhe in wasserdichten Säcken, schlüpfen in Paddelschuhe und binden sich geübt den schwarzen Spritzschutz um.

Und dann können endlich auch wir starten. Der Weg ist einfach – immer geradeaus – am Abzweig rechts abbiegen – und dann wieder: immer geradeaus. 12 Kilometer, ungefähr. Die Sonne wärmt herrlich, hat aber ein Einsehen (wir haben die Sonnenmilch vergessen, beide) und schickt dann und wann eine Schattenwolke vorüber.

An der Spree liegt Berlin. Dass sie auch ein Eigenleben führt, losgelöst von der großen Stadt – darüber habe ich früher nie nachgedacht. Aber hier ist sie: ein richtiger Fluss, breit und schön. An den Ufern hat sich jemand die Mühe gemacht, viele, viele Schilder aufzustellen. Fröhliches Schifffahrtszeichenraten: Der durchgestrichene Schirmpilz ist ein Ankerverbot, ok. Aber was bedeuten die vielen Zahlen, „+“ oder „D“ auf den Schildern am Ufer, alle paar Meter fast?

Vor uns werden die bunten Punkte wieder größer, in die die Kajaks sich verwandelt hatten. Das Grüppchen hat in Flußmitte gestoppt, um einer prächtigen Schwanenfamilie mit fünf oder sechs pubertierenden Küken zuzusehen, die sich übermütig im Wasser wälzen und mit den Flügeln schlagen, dass die hässliche-Entlein-Federn, die sie trotz ihrer Größe noch haben, nur so stieben. Eins der Küken steckt den langen Hals so tief ins Wasser, dass es vornüberkippt und plötzlich auf dem Rücken im Wasser liegt.

Sachte paddeln wir in Ufernähe an der ausgelassenen Vogelfamilie vorbei.

Von der Spree zweigen immer wieder kleine Arme ab, wir kommen an überwuchterten Inselchen vorbei und an kleinen Buchten. Die Ufer des Hauptstroms sind mit Steinen eingefasst, zwischen denen dann und wann eine sandige Lücke das Landen ermöglicht. Wir rasten unter einer riesigen Pappel, die gedankenverloren ein gelbes Blatt nach dem anderen aufs Wasser fallen lässt. Kaffee aus der großen Kanne, Butterbrote, Käse und Würstchen. Große Waldameisen krabbeln emsig den Baumstamm auf und ab, von dem Biber unten vor langer Zeit schon die Rinde abgenagt haben. Eine Grille zirpt dicht hinter uns, ich entdecke sie auf einem breiten Grashalm. Rhythmisch reibt sie ihre Beine an ihrem Körper, wiederholt ihre kleine Melodie immer zweimal, dreht sich dann ein Stückchen weiter und beginnt von vorn. Einmal im Kreis, dann springt sie zum nächsten Halm. Behauptet sie so ihr Revier?

Ein Stück weiter der Abzweig in die Müggelspree. Das Wasser fällt hier über eine kleine Stufe. Man darf nicht ausprobieren, ob man umkippt, wenn das Boot über diese Stufe fährt, es muss aus dem Wasser. Ein kleiner Wagen auf Schienen an einer langen Kette steht bereit, um das Boot auf die andere Seite des Wasserfalls zu ziehen. Wir machen das zum ersten Mal, ungeschickt und unsicher (kann man den Wagen wirklich einfach ins Wasser fahren lassen, bis das Boot darauffahren kann?), ein geübter Paddler springt uns zur Hilfe.

Unser Flüsschen ist jetzt schmaler und nennt sich Müggelspree. Am Ufer ein Dickicht – Schilf und Rohrkolben. Wassergras, von der Strömung (sie ist hier stärker und hilft beim Vorankommen) gekämmt. Kleine Dellen im Wasser, winzige Strudelchen, die der Fluss macht, und die bleiben, während unsere, tiefe Löcher, wo wir die Paddel durchs Wasser ziehen, sich hinter uns sofort wieder glätten. Abgestorbene Bäume am Ufer, zwei Graureiher. Ein paar Regentropfen fallen wie eine Hand voll Silberflitter aufs Wasser. Ich lege mich auf den Rücken ins Boot und schaue zum Himmer, der jetzt wie eine dichte Daunendecke über der grünen Flusslandschaft liegt. Wir lassen uns treiben, das Boot stellt sich quer zur Strömung, es ist still um uns. Gelbe Pappelblätter sind wie eilige kleine Schiffchen in dieselbe Richtung unterwegs wir wir.

An beinahe allen Uferbäumen haben die Biber die Rinde abgenagt; manche Spuren sind frisch. Aber kein Biber und kein Biberbau ist zu sehen. Wo leben sie? Gibt es einen Flusspfleger, der sie immer wieder vertreibt, ehe sie einen Baum fällen, einen Damm bauen können? Kommen sie zurück, Jahr um Jahr?

Schneller als gedacht erreichen wir Hangelsberg. Pause an der Badestelle am Ortseingang. Ein Vater mit zwei kleinen Kindern im Kajak landet gleich nach uns am sandigen Strand. Ein Weilchen schauen wir ihm beim Erziehen seiner Kinder zu – Nein, bitte wirf den Sand NICHT auf die Boote (der Junge lässt stattdessen eine Schippe voll über seine Schoko-Reiswaffel rieseln) – ja, du darfst ins Wasser pullern (was das kleine Mädchen auch tut) – in fünf Minuten müssen wir weiter, kommt, Kinder, einsteigen, oh, da ist ja noch ein Schuh am Ufer. Mein eigener Versuch, ein paar Minuten später unser Boot ins Wasser zu schieben und gleichzeitig elegant hineinzuspringen, bringt uns fast zum kentern. Zum Glück ist mein Packsack wirklich richtig wasserdicht.

Schlängelkurve um Schlängelkurve mäandert die Müggelspree um Hangelsberg herum. Schafe blöcken entrüstet am Ufer, es gibt mehr tote Bäume, einen Hain alter Eichen. Abendlicht und Abendfrieden.

Ja, die Schulter tut weh, inzwischen. Trotzdem mag ich nicht aussteigen!

Der Bootsverleih in Hangelsberg ist klein und auf nette Weise unfertig. Ein altes Haus wird saniert, Ferienwohnungen im Nebengebäude sind in Arbeit. Eine Jurte und zwei Zelte auf der Wiese, campen könnte man hier auch. Liebevoll ist die Treppe den Hang hinauf mit kleinen Papierlämpchen geschmückt.

Ein Bierchen noch beim Hangelwirt – dem kauzigen Inhaber der gleichnamigen Restauration am Bahnhof – und dann nach Hause.

Einer dieser Tage, die ich beiseitelegen und irgendwann nochmal erleben möchte. Glück.

 

 

Sommerwald

Die Regionalbahn RE1 braucht vom Bahnhof Fangschleuse – irgendwo östlich von Berlin – zum Bahnhof Hangelsberg drei oder vier Minuten.

Wesentlich lohnender ist es, den Weg zwischen beiden Bahnhöfen zu Fuß zurückzulegen – eine der vielen, vielen Touren, die die schöne Internetseite über „Wanderbahnhöfe“ Menschen vorschlägt, die wie ich beim Wandern auf An- und Abreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln rund um Berlin angewiesen sind.

Statt also drei oder vier Minuten lang aus dem Zugfenster zu schauen und „Wald“ zu denken, kann man auch…

Ungefähr zwei Stunden lang einem leicht zu findenden Wanderweg folgen.

Oder ungefähr drei Stunden lang mit kleinen Pausen auf diesem Weg herumbummeln.

Oder besser gleich sechs Stunden einplanen und einen herrlichen Tag im Sommerwald verbringen.

Mit dem liebsten Freund die große Stadt für ein paar Stunden vergessen, nicht dem vorgesehenen, sondern dem schönsten Weg folgen. Kiefernduft schnuppern. Den Regenschauer auf dem Jägeransitz aussitzen, unter der Picknickdecke, die sich als luftiges Dach ausspannen lässt, mit Kaffee aus der bauchigen Kaffeekanne. Rehe springen sehen, auf den richtigen Weg zurückfinden, Blaubeeren entdecken, das alte, traurig von hohem Gras überwachsene Kinderferienlager mit den mit Indianermotiven bemalten Hütten betrachten. Die allerallerersten Waldhimbeeren finden, auf dem richtigen Weg glauben, dass wir uns verlaufen haben, zurückgehen, dann herausfinden, dass es doch der richtige Weg war. Dem kleinen Pfad im Flusstal der Löcknitz folgen, uns von Mücken stechen lassen und dann, zuletzt, auf dem kleinen Wegstück entlang der Straße zum Bahnhof, noch eine Geschichte zu den Fußtapfen erzählen, die da mit Leuchtfarben auf den Weg gesprayt sind: Kinderfüße, Papafüße, Mamafüße in Absatzschuhen – und das wilde, wilde Waldmonster, barfuß.

Weil die Blaubeeren am Weg so geleuchtet haben und weil ich schon so lange mal mit meinen Kindern ein Stückchen wandern gehen wollte und weil meine Besuchsfreundin mir den letzten kleinen Mutschubs gibt (wir gehen einfach nur bis zur Blaubeerstelle und wieder zurück…), gehe ich den Weg nochmal. Diesmal „in Familie“. Meine Kinder legen auf dem ersten halben Kilometer gleich eine akute Nörgelphase ein. Das ist sooo langweilig! Können wir nicht nach Hause fahren? Mir tun die Füße weh! Der mitgebrachte kleine Fußball, den die Kinder in meiner Vorstellung jauchzend auf dem einsamen Wanderweg vor sich herschießen, erweist sich als schlechte Idee – der Fünfjährige fällt beim zweiten Schuß über die eigenen Füße, dann stellt er dem Neunjährigen ein Bein. Beide hinken theatralisch. Und dann müssen wir uns auch noch mit Insektenschutzmittel einreiben. Igitt.

Aber ich will mir den Tag nicht verderben lassen, menno! Und das Wandern mit meinen Söhnen nicht schon aufgeben, bevor wir es auch nur ein einziges Mal probiert haben. Also greift sich meine Besuchsfreundin den Kleinen, ich nehme den Großen an die Hand, die Kinder dürfen das Tempo vorgeben und das ist so ungleich, dass die beiden zum Glück auch nicht mehr streiten können. So schaffen wir tatsächlich den zweiten Kilometer bis zum Picknickplatz. Die Aussicht ist herrlich – Himmel, Wolken, weiches, blühendes Waldgras, Johanniskraut, blaue Knopfblumen und Natternkopf (auch eine Blume, auch blau, grade endlich den Namen gefunden!). Wir haben Brote und Kuchen und Kaffee und Saft dabei und Kirschen, der Neunjährige schlägt mich locker im Kirschkernzielspucken, der Fünfjährige darf seine müden Beinchen ausstrecken und eine Weile kuscheln. Und als alle satt sind und ich die große Frage stelle: Weiterwandern oder umdrehen? – Da wollen auf einmal alle weitergehen.

Während meine Freundin und ich am Wegesrand die mitgebrachte Beerendose mit Blaubeeren füllen, tragen die Kinder auf dem breiten Weg ihre Version der Fußball-Weltmeisterschaft aus. Und ehe dem Fünfjährigen seine schmerzenden Beine wieder einfallen, haben wir die halbe Strecke geschafft. Der Neunjährige und ich krempeln die Hosenbeine hoch und erfrischen unsere Füße in der Löcknitz, die wir bei Klein-Wall überqueren. Auf der anderen Seite ist plötzlich alles voller Autos – hier gibt es eine Fischzuchtanlage. Wir dürfen reingehen und den Anglern an den vier Teichen ein Weilchen über die Schultern schauen. Störe, Hechte und Karpfen, Forellen und Goldforellen – allerlei Fische werden hier gezüchtet und angelfertig in die Teiche gesetzt. Männer – allein oder mit Söhnen – bevölkern die Teichränder, schwingen mit großer Geste ihre Angelruten, es wird mit Haken und Schnüren hantiert, gefachsimpelt (reich mir doch mal die Maden, bitte) und da – tatsächlich – wird ein Fisch vom Haken gelöst, ein Vater zeigt seinen Kindern, wie man ihn fachgerecht totschlägt.

Maden und Totmachen – och nee, mein Sport wäre das nicht. Zum Glück beißen die Fische wegen der Wärme nicht gut an, und so können wir uns ein Weilchen an ihnen freuen, wie sie da im Wasser stehen oder elegant den Angeln davongleiten. Und dann gehen wir schnell wieder – dann doch mit zwei Fischbrötchen vom Verkaufstresen im Gepäck.

Den nächsten Kilometer verbringen wir wieder mit Beerensammeln. Walderdbeeren lachen uns vom Wegesrand an! Beinahe Kirschgroß sind sie, rund und voller roter Nöppchen wie klitzkleine Massagebälle. Schnell verschwinden unsere Blaubeeren unter dem, was wir – zunehmend misstrauisch – irgendwann dann doch nicht mehr für die Sorte Walderdbeeren halten, die wir kennen. Also ein Zweiglein dazu, damit wir zu Hause herausfinden können, was wir da eigentlich sammeln.

An der Bank, auf der wir uns zum zweiten Picknick hinsetzen, zerstören wir aus Versehen ein Ameisennest. Lange beobachten wir die Tierchen, die verstört durcheinanderwimmeln und dann nach und nach ihre Eier in Sicherheit bringen. Ob sie unseren Entschuldigungs-Kuchenkrümel mögen werden? Bis wir weitergehen, lassen sie ihn erstmal liegen.

Allmählich wird der Weg lang. Den Neunjährigen sticht die Sonne, dann plagen ihn Bauchschmerzen. Der Fünfjährige wird müde. Ablenkung muss her – und findet sich: Die ersten Springkrautsamen sind reif. Wir haben Zeit, sie alle, alle zu finden. Und Himbeeren wachsen am Weg, süß und lecker und hoch genug, um – nicht fuchsbandwurmgefährdet – zum Sofort-Essen freigegeben zu werden. Irgendwann hilft alles nichts mehr, wir teilen uns wieder auf, ein Quengelkind pro Erwachsenem. Jetzt ist es doch sicher nur noch ein Kilometer, fragt der Neunjährige an meiner Hand; Jetzt doch bestimmt nicht mehr mehr als fünfhundert Meter? Jetzt doch sicher nur noch dreihundert? – Der Fünfjährige und meine Besuchsfreundin sind weit zurückgeblieben, als der Neunjährige und ich erschöpft die Straße erreichen. Die bunten Fußabdrücke sind noch da, hurra – und helfen uns über das letzte Wegstück zur Bahn.

Meine erste Wandertour mit beiden Kindern und ohne Bollerwagen! Ich freue mich über die gute Erfahrung. Vielleicht traue ich es mir noch eine Weile nicht zu, alleine mit den beiden loszuziehen. Aber wir haben ja Freunde. Und der Sommer fängt erst an… Richtig gute Aussichten sind das.

Ach ja: die seltsamen roten Beeren? Wikipedia weiß Antwort: Scheinerdbeeren sinds. Nicht giftig, aber geschmacklos. Werden wieder aussortiert, bevor wir ein prima Beerenkompott kochen.