Schlagwort-Archive: die großen Fragen

Sommerende

Ja, es gibt uns noch. Und es geht uns gut.
Meine lange Blogsommerpause war nicht geplant (sonst hätte ich sie angekündigt), sondern ergab sich, weil da einfach nichts, nichts, nichts aufgeschrieben werden wollte.
Ich weiß noch nicht, ob sie nun zu Ende ist, mir das Schreiben wieder Spaß macht, der müde Kopf Texte formulieren mag, dieser Blog dafür weiter die richtige Form ist. Das wird sich finden.

Aber wir hatten einen Sommer, teils schön und teils ereignisreich:
Ein halbes Dutzend Schuljahresendveranstaltungen, einen langwierig verstauchten Fuß, eine zumindest gedanklich beinahe gekaufte Eigentumswohnung, einen weiteren Geburtstag mit dieser Vier vor dem Komma, die sich immernoch anfühlt wie ein zu groß gekauftes Kleidungsstück; einige Sonnenuntergänge an meinen allerliebsten Berliner Seen, das übliche Quantum Lebensfragen und einen hartnäckigen Grauschleier über allem; einen Flickenteppich zerstückelter Kinderbetreuungsferienwochen, ein großartiges Mitte-des-Lebens-Lebensfragen-Buch (Zsuzsa Bank: „Schlafen werden wir später“) und dann – endlich – zwei Wochen dänisches Ferienhaus mit der ganz großen Schwester und ihren Lieben, Großfamilienleben, Sand in allen Kleidungsstücken, Sternschnuppengucken bei Nacht und Schwimmen im eisig kalten, tiefen, grauen, glatten Meer am frühen Morgen (außerdem vormittags, mittags und nachmittags). Zwei Wochen in einer kleinen Glücksblase.

Als Übergangsritual zurück in den Alltag empfielt sich Wäschewaschen. Das habe ich heute sehr ausgiebig gemacht. Ab morgen gibt es dann wieder Pflichten. Im Büro wurde ein anstrengender Herbst ausgerufen, Beginn sofort, Überstunden erwünscht (und meine Büro-Orchideen müssen auch dringend gewässert werden). Die Schulranzen stehen schon bei Fuß, prall gefüllt mit blanken Heften und papierduftenden Büchern; noch eine Woche Frist, dann besucht der Zwölfjährige ein Gymnasium und der Achtjährige wird als Drittlässler die ersten Zensuren bekommen – und hoffentlich eine fähige Englischlehrerin.

Ein wenig graust mir vor dem Herbst. Vor dem neuen Schuljahr. Vor den Elternbriefen und Elternabenden und Hausaufgaben und endlosen Wechselmodellabsprachen. Vor dem Staub in den Winkeln der Wohnung und dem im Herzen. Vor dem zu-oft-Alleinsein. Vor dem Alltag, in dem ich gerade genug Muße habe, um mir sehnlich Veränderungen zu wünschen, aber nicht genug, um wirklich etwas Neues zu beginnen.

Die Cliffhanger der Woche: Werde ich nach drei, fünf oder neun Tagen Büroarbeit den Gedanken aufgeben, mal wieder Tango zu tanzen? Werde ich rechtzeitig Geburtstagsgeschenke für Freundin A, B und C; Schuleinführungsgeschenke für die kleine Patentochter und Zusätzlich-zum-Geschenk-Mitbringsel für den Kindergeburtstag am nächsten Sonntag beschaffen können? Wird mir im Traum eine gute Fee den Sinn des Lebens verraten – oder wenigstens die Lottozahlen vom nächsten Mittwoch?

Einige Antworten – vielleicht – beim nächsten Mal.

Zeit

Eine der ganz großen Illusionen, die ich mir immer wieder mache, ist die Vorstellung, dass wir an einem bestimmten Punkt in der Zukunft – nächste Woche, am Samstag, in den Osterferien – gaaaanz, ganz viel Zeit haben werden.

Dann fangen die Ferien an, und es stellt sich heraus, dass ein halber Teilzeitarbeitstag auch im Homeoffice immernoch mindestens drei Stunden dauert und meistens länger; dass gekocht und abgewaschen und eingekauft werden muss und der Müll schon wieder überquillt und am Ende keine Kraft mehr fürs Schwimmbad übrig ist und keine Zeit für den Zoo und nur gerade noch genug für eine Runde Kartenspielen vor dem Schlafengehen.

Auf den 422 Fotos, die darauf warten, in unsere Fotoalben eingeklebt zu werden, sieht das so anders aus. Wanderungen und Ausflüge, ein Picknick im Park, eine Reise zur Besuchsfreundin, Basteleien, die die Kinder stolz in die Kamera zeigen. Hatte ich vor ein, zwei Jahren noch so viel mehr Unternehmungslust? Oder steckt in meinem Kopf ein Schalter, den ich irgendwann umgelegt habe; der meine Zeitwahrnehmung verändert hat, so dass ich gewohnheitsmäßig immer schon Tage und Wochen im voraus verplane, doppelt am liebsten, so dass ich mich immer gehetzt fühle?

Die ganz große Schwester hatte vor, uns am Karfreitag zu besuchen, muss aber ganz kurzfristig arbeitsbedingt absagen. Plötzlich liegen anderthalb Tage vor uns, die wir anders gestalten müssen, als ich es mir vorgestellt habe – und da versuche ich ganz bewusst, den Schalter im Kopf zu finden und zurückzuschalten.

Ich lasse das Mittagsgeschirr auf dem Tisch stehen und verlocke meine Söhne dazu, Inliner und Rollschuhe vorzukramen und raus in die Sonne zu gehen. Ich ignoriere das Chaos aus Knieschützern, Fahrradhelmen, Schals und Jacken, das hinterher im Flur herrscht, und gehe auf den Wunsch des Siebenjährigen ein, jetzt noch unbedingt seine Lieblingsplätzchen zu backen. Ich lasse den Elfjährigen eine Osterkerze gestalten, weil er das gern machen mag, und kriege es hin, daraus kein Pflichtprogramm für uns alle zu machen.
Am nächsten Tag gelingt es mir, rechtzeitig – und noch ziemlich freundlich – zu sagen, dass ich erschöpft bin und mal eine halbe Stunde allein sein möchte. Und hinterher habe ich wieder genug Elan, um eine Sellerieknolle, einen verbogenen Löffel, Schaschlikstäbe, ein wenig Bienenwachs, ein Teelicht, Stecknadeln und die ausgepusteten Eier hervorzusuchen und den Jungs die alte Batik-Technik zu zeigen, die ich von meiner großen Schwester gelernt habe; und ich schimpfe gar nicht so sehr über die auf dem Küchentisch verkleckerten Ostereierfarben und lasse am Abend einfach alles auf dem Tisch stehen und denke auch noch nicht über den nächsten Tag nach, sondern gehe Schreiben – und das fühlt sich gut an.

Es wird bei uns unordentlicher als sonst sein an diesem Ostern; vielleicht gibt es kein festliches Essen und wir sitzen nicht zu jeder Mahlzeit gemeinsam am Tisch; dass ein Teller mit Broten irgendwo steht, reicht vielleicht aus, wenn wir dafür noch etwas Schönes zu Ende machen können.
Meine innere Anspannung hatte sich tief, tief eingegraben. Ich bin froh, dass es mir gelingt, sie wenigstens ein bisschen abzuschütteln und das Gefühl für „hierundjetzt“ wiederzufinden; bin froh über die freien Tage mit meinen Kindern.

Bald werden Erwerbsarbeit und Schule uns wieder ihren Takt vorgeben, und dann werde ich ans nächste Wochenende denken oder an die nächsten Ferien und mir einbilden, dass wir dann Zeit haben werden, unendlich viel Zeit, für den Zoo und das Schwimmbad, den Kletterpark und die Wanderung und diese und jene Freunde und alles, was wir uns schon sooo lange wünschen; und werde wunderschöne, viel zu große Pläne schmieden und mich immer wieder daran erinnern müssen, das Planen auch mal sein zu lassen und stattdessen tief, tief zu atmen –  weil wir dann… wirklich Zeit haben.

Irgendwo da draußen [*txt.]

I

Irgendwo da draußen ist die Wirklichkeit.
Aber alles, was wir von ihr sehen, sind Bilder. Nehmen wir den Mond:
Auf meinem naturwissenschaftlichen Bild von der Welt kreist er
um die Erde, vom Erdschatten mal mehr und mal weniger verdeckt; auf meinem
halb-mystischen Bild von der Welt hebt er nicht nur
Gewässer an, sondern lässt vielleicht auch Warzen verschwinden, Pflanzen
besser wachsen und Wunden heilen; auf meinem nostalgischen Bild von der Welt
heißt er „der gute alte Ostmond“ und weckt Erinnerungen an Kindheitsnächte;
auf meinem romantischen Bild von der Welt ist er ein dicker gelber Post-Its-Block
auf dem alle meine Träume notiert sind.

II

Irgendwo hier drin bin ich, aber alles, was ihr von mir seht, sind Bilder.
Die tapfere alleinerziehende Mutter; das Großstadtsingle, das immer
Abenteuer erlebt; die Frau kurz vor 40, die sich um ihre Karriere kümmern müsste und
um eine Beziehung für auf Dauer, weil „der Lack ja bald ab“ ist.
Selbst wenn ihr alle ein wenig Recht habt: Ich mag eure Bilder nicht. Sie sperren mich ein.

„Es ist, was es ist“, lässt Erich Fried die Liebe sagen, unter deren Blick
in der, die ich bin, die, die ich auch sein könnte, den Kopf hebt
und lächelt.
Aber sogar mein liebende Blick kann – wenn ich nicht achtgebe – irgendwann nur noch
ein Versuch sein, einen Menschen in mein Sehnsuchtsbild vom Glück einzupassen, da gleich links
in die Lücke zwischen dem Haus am See und den spielenden Kindern und dem rosa
Sonnenuntergang.

III

Irgendwo tief innen haben wir alle
unsere Bilder davon, wie wir sind und die anderen und die Welt:
So sieht Glück aus. So gehen Paare miteinander um. Diesunddas ist Erfolg, ist gut, ist richtig.
Das steht mir zu. Jenes nicht. So bin ich ok. Und so nicht.
Überhaupt zu bemerken, dass das Bilder sind und nicht Wirklichkeit
ist schon viel. Zum ersten Mal
wurde mir das klar, als ich kurz vor dem Abi eine Freundin besuchte, deren Eltern
vor uns Kindern einander zärtlich umarmten und küssten. Die Dinge,
lernte ich da, können auch anders sein, als ich sie mir ausmale. Das war wichtig.

IV

Mach dir kein Bild, lehrt der Koran, und die Muslime schufen
überbordende Ornamente, anbetungswürdig schön.

Mach dir kein Bild, sagten die Bilderstürmer und schlugen steinerne Heilige entzwei;
nur manche Bilder sind gut
sagten die Nazis und verbrannten tausende.
Unwiderbringlich.

Ich bin, was ich poste, fühlt Generation Facebook und stellt die Urlaubs-
bilder, die Hochzeitsbilder und die Kinderfotos ins Netz.
(Und was geschieht dann? Mit den unendlichen Halden in bits und bytes
festgehaltener Momente, die
alle mal jemandem etwas bedeutet haben?)

V

Meine Bilder sind unfertig, ambivalent und im Werden begriffen, schreibt
der liebste Freund, der manchmal so leuchtend und manchmal so düster malt,
und zitiert Tocotronic: im Zweifel für den Zweifel.
Und dafür liebe ich ihn.

Macht euch Bilder, sage ich, macht sie bunt und macht viele.
Bestimmt sind sie ein klein wenig wahr. Sie sind alle nur auch wahr.
Da ist immer noch mehr zu entdecken, als wir auf den ersten Blick sehen. Überall.


Dieser Text ist Teil des [*txt.]-Projektes.

Donnerstagsmelancholie

Von der Supermarktkassenschlange aus kann man durch den Eingang raus auf den begrünten Platz schauen. Dort taucht die Sonne ein paar großwüchsige Koniferen in derart goldenes Abendlicht, dass ihr Grün wie Herbstlaub aufleuchtet und ein paar Oktoberminuten in den März zaubert.

Trübselig hängt zu Hause mein Bademantel rum, in dem ich gestern im Liquidrom vom Liegestuhl aus (ah, dieser herrliche Moment, in dem der Liegestuhl nach hinten klappt und der Kreislauf nach Saunagang und Tauchbecken verrückt spielt und das Schwindelgefühl so schön wie Schweben ist -) Leute beobachtet habe. Paare mit Kaffeesatzpeeling im Gesicht wie halbgesäuberte Schornsteinfeger; junge fremdsprachige Berlin-Touristen, deren englische Gespräche dann doch nicht so leicht zu verstehen waren; eine vielleicht finnische Mutter, die ganz unaufgeregt mit ihrem kleinen aquabewindelten Kind im dampfend warmen Außenbecken planschte – und die Reinigungskraft, die mitten in der „urbanen Badekultur“ mit ihrer grünen, deutlich ruralen Gießkanne Kaffeesatzschlieren von den dunkelgrauen Steinböden spülte.

In der S-Bahn lese ich von den „Kriegskindern“ des zweiten Weltkrieges (Yury und Sonja Winterberg: „Erinnerungen einer Generation“) und schaue mit einem dicken Kloß im Hals auf. Das war hier, genau hier. Und es ist noch nicht mal so lange her. Wie irre gut es uns geht! Mir. Meinen Kindern, die nicht ausgebombt werden und deren Vater nicht in den Krieg ziehen muss und deren Gedanken um die kleinen, superduper-angesagten Supermarktkassensammelfigürchen (eins gratis pro 15 Euro Einkaufswert) kreisen dürfen und nicht um Hunger und Tod.

Und Terry Pratchett ist gestorben.
Wenn es einen Himmel gibt, dann soll er bitte vom Chorgesang befreit werden und ein Schreibzimmer kriegen.