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Tagesnotizen: 20.4.17

Die Schädlingsbekämpfungsfirma hat offensichtlich endlich einen Schlüssel zu dem Keller erhalten, in dem die Sanitärfirma neulich nach meinem Anruf bei der Hausverwaltung eine tote Ratte entdeckt hat. Dieser hatten wir anscheinend den schrecklichen Kloakengestank zu verdanken, der über Ostern im Treppenhaus hing. Jetzt ist die Luft wieder rein. Dankbares Aufatmen!

Die Balkonblumen haben die Frostnacht überlebt, alle. Der Zwölfjährige hilft mir am Morgen, die Kübel und Kästen wieder nach draußen zu bugsieren. Ich begleite die Kinder nur noch den halben Weg zur Schule – an dem ungesicherten Kanalufer unter der Brücke vorbei, weil es da gefährlich ist; und bis zur nächsten Straße, weil ich es so gern mag, am Morgen mit den beiden ein Stück zu laufen und dabei zu plaudern – und bin deshalb morgens wieder häufiger pünktlich im Büro.

Nachmittagsprogramm: Die Heimfahrt unterbrechen, um im Copyshop ein Foto für ein Schulprojekt des Zwölfjährigen zu kopieren. Im Stechschritt und mit nur noch fünf Euro im Portemonaie zum Geldautomaten, der ist aber leider defekt. Mit den Kindern in der Drogerie mehr Fotos fürs Schulprojekt drucken. Nach Hause, kurz Pflichten besprechen, mit dem Achtjährigen Keyboard üben und mit ihm zum Einkaufen fürs Wochenende, damit der Zwölfjährige ohne Ablenkung arbeiten kann. Lebensmittel nach Hause schleppen, auspacken. Abendessen machen. Essen. Hinterher kuscheln wir uns ein halbes Stündchen vors Laptop und sehen fern. Schnell Wäsche aufhängen, den Achtjährigen ins Bett. Tickets fürs Barberini-Museum am Samstag kaufen – aber nein: die gibt es nur noch für 18 Uhr, damit fällt unser Wochenendplan ins Wasser. Und das nur, weil ich gestern soooo müde war und nicht mehr nachgesehen habe! Die große Schwester, die uns besuchen wird, ist am Telefon auch zu müde, um zu entscheiden, ob wir es am Sonntag bis 10 Uhr nach Potsdam schaffen und bis 13 Uhr zurück zu ihrem Zug. Abwaschen. Dem Zwölfjährigen Gute Nacht sagen, Müll runterbringen. Haare waschen.

„Verzaubere mich“, sagt die deutlich aus ihrer Jugendform gegangene Frau auf meiner neuen Lieblingspostkarte sehnsüchtig zu dem Mann neben ihr mit dem schütteren Haar. Und erhält die traurige Antwort: „In was?“ –

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2016

2016 war das Jahr, in dem ich das Wort „postfaktisch“ gelernt und meinen Kindern das Wort „populistisch“ erklärt habe. Hätte auf beides auch gerne verzichtet.

2016 war ein Jahr, in dem viel zu oft schon ein paar Minuten Nachrichten am Morgen ausreichten, um auf eine Weise traurig zu werden, die den ganzen Tag einfärbt. Mal abgesehen von Kriegen und Politik: Schmelzende Polkappen; Methan, das ungestört in die Atmosphäre aufsteigt. Wir schaffen es nicht mehr, die Welt zu retten, die wir kennen. Mülltrennen hilft nicht. Ökostrom beziehen reicht nicht. Kein Radio hören ändert auch nichts an der Lage. Wie soll ich das meinen Kindern erklären? Wie sollen sie leben, in 20, 30 Jahren?

Für mich persönlich war 2016 ein Jahr, in dem wenig passiert ist. Außer Älterwerden, das dafür aber um so mehr. Weniger Kraft. Mehr Vergesslichkeit. So oft (wo war ich stehengeblieben?) dieses leere Gefühl im Kopf, manchmal nur grau.

Was ich geschafft habe: Nach Stockholm zu reisen und die Schären zu sehen. Eine Mutter-Kind-Kur zu bekommen. Einen Job-Newsletter zu abonnieren und eine (1) Bewerbung zu schreiben. Meinen Balkon zum Blühen zu bringen. Zwei Paar (4) Socken zu stricken. Mich an die meisten (98) Schul- und Arzt-Termine der Kinder rechtzeitig zu erinnern. Den Alltag am Laufen zu halten. Weiterzumachen.

Was ich nicht geschafft habe: Die Welt zu retten (siehe oben). Irgendwelche guten Vorsätze umzusetzen. Ganz besonders nicht solche, die mit Sport zu tun hatten. Die Stelle zu wechseln. Mit meinen Kindern ausreichend geduldig zu sein.

Was schlimm war (privat und im kleinen): Den Flamenco-Kurs absagen zu müssen, auf den ich mich so(ooo) gefreut hatte. Nach dem Einsetzen der Narkosewirkung die Hand des Elfjährigen loszulassen und aus dem OP zu gehen mit dieser Angstklammer ums Herz: man kann ein Kind auch verlieren. Gelegentlich um fünf Uhr in der leeren Wohnung aufzuwachen mit Herzrasen und dem Gefühl, ziemlich allein auf der Welt zu sein.

Wo ich wirklich glücklich war: Alleine am Meer. In meinem Bett nach langen, anstrengenden Tagen. Auf meiner Geburtstagswanderung mit den Kindern und den liebsten Freundinnen und der ganz großen Schwester. Beim Beerensammeln im Wald. Auf dem Balkon vom Kur-Appartement unter dem großen Sternenhimmel.

Traurigkeiten: Dass es in Berlin so wenig Alltagsfreundlichkeit gibt. Dass liebe, wichtige Menschen in Lebenskrisen getrudelt sind. Dass Freundschaften und Gefühle sich veränderten.

Glücksgeschenke:
Eine neue Freundin zu finden.
Einen neuen Chef zu bekommen, der erst einmal die Überstunden der gesamten Abteilung übernimmt.
Mit der Besuchsfreundin abends im Waldhäuschen zu sitzen und herumzublödeln. Und die Telefonate mit ihr, in denen ausgiebig geklagt werden darf – und sehr viel gelacht wird.
Mit dem liebsten Freund müde auf dem Sofa liegend die Probleme der Welt zu lösen, so theoretisch. Und dabei ein bisschen weniger verzagt zu werden. Der nicht abgeschlossene Strandkorb vor dem Hotel, das uns keinen vermieten wollte (Hah!).
Das unbeschwerte Lachen des Elfjährigen – das so selten ist – und das unwiderstehliche Strahlen in den Augen des Siebenjährigen: Funkelsterne und Sonnenschein.
Manchmal einen ganzen Tag lang allein sein. Manchmal einen ganzen Tag lang nicht allein sein.
Parasolpilze. Ganz kleine gelbe Tomaten.
Wenn bei Kälte, Regen und beginnender Grippe die richtige S-Bahn ohne Wartezeit kam.
Lesen: „Americanah“ von Chimamande Ngozi Adichie und „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić. Jan Wagners „Regentonnenvariationen“. Schauen: Jens Steinbergs Malerei. Hören: Dota. Live! Und Lachen: zum Beispiel über die Weihnachtspostkarte von der Besuchsfreundin. „Stress, Stress“, schnaubt das schweißgebadete Rentier vor dem Schlitten. „Du atmest falsch“, sagt der Weihnachtsmann, der hinten die Zügel in der Hand hält.

Weiter (falsch) atmend und weiter hoffend und dankbar für die Menschen, die für mich da sind und dankbar für die Menschen, für die ich dasein darf – so will ich ins neue Jahr gehen. Uns allen wünsche ich, dass es ein besseres, ein gutes Jahr wird.

Cheers!

 

Tagesnotizen 30.11.2016

Gerate im Büro an meine Stressobergrenze. Nachmittags kommt zur Eiseskälte draußen auch noch Regen hinzu. Durch die Dunkelheit schleppe ich Bastelpapier, Obst und Gemüse, einen sperrigen Regenschirm und den schwer am Regenschirmarm hängenden Siebenjährigen nebst Schulranzen nach Hause.

Unnötiger Streit mit dem Elfjährigen wegen einer schlechten Zensur: der bevorstehende Schulwechsel macht mich nervös; der Dämpfer ausgerechnet in Mathe lässt den Elfjährigen von sich selbst enttäuscht sein und mein Erschrecken so garnicht noch obenauf brauchen.

Das Waldhäuschen für die nächsten Herbstferien buche ich, die Fahrkarte für den Adventsbesuch bei meinem Vater muss erworben, aus Versehen doppelt gelegte Termine müssen geschoben werden.

Am Abend fülle ich die dringend erwarteten Adventsbeutelchen; 13 für den Elfjährigen, 12 für den Siebenjährigen. Die andern liegen schon beim Vater der beiden, und beim Füllen der Beutelchen wird mir klar, dass ich die Vorweihnachtswoche nicht mit meinen Kindern verbringen werde; dass die Leuchtstäbe, die den Kalender krönend abschließen und am Heiligen Abend auf dem Weg zur Kirche leuchten sollten, eine Woche zu früh strahlen und ihre Leuchtkraft verlieren werden.

Der Elfjährige stellt sich überzeugend schlafend, als ich in sein Zimmer schleiche und die Stange mit den Beutelchen an den üblichen Nagel hänge.

„For the Stars“ von Anne Sofie Otter und Elvis Costello wiedergehört, wiederentdeckt. Schon durch andere Vorweihnachtszeiten hat ihre wunderbare Musik mich begleitet, jetzt klingt sie wieder.

Mittagspause

Kurze Mittagspause. Ich krieche unter meine Decke und mache die Augen zu.

Ich habe dem erkälteten Elfjährigen erlaubt, nach der zweiten Stunde – Vorbereitung für den großen Englisch-Ausatz! – nach Hause zu kommen und sich auszuruhen; ich habe versucht, mit dem hustenden Siebenjährigen zum Kinderarzt zu gehen. Und bin gescheitert: ein Zettel an der Tür „Keine Sprechstunde am 10.10. und 14.10.“, zur Vertretung wurde auf „die umliegenden Arztpraxen“ verwiesen; die Inhaberin der einzigen anderen fußläufig erreichbaren Praxis hatte Urlaub, der eigentlich von unserer Kinderärztin vertreten werden sollte. Kein Arztbesuch also, die nette Sprechstundenhilfe in der zweiten Praxis half mir wenigstens mit einer Krankschreibung aus, unkompliziert, freundlich. Das machen auch nicht alle.

Ich habe mit dem Siebenjährigen inhaliert, für beide Kinder Essen gekocht, die Waschmaschine angestellt. Wenn ich aufstehe, warten der Abwasch, das Keyboardüben mit dem Siebenjährigen, das Englischüben mit dem Elfjährigen und die nasse Wäsche; es wartet, wie sich später herausstellt, auch ein Streit mit dem Vater meiner Kinder, der den Siebenjährigen abholt und so gar keinen Nerv dafür hat, dass auch die Kennenlerntermine an weiterführenden Schulen besprochen werden müssen, die für den Elfjährigen in Frage kommen. Tage der offenen Tür, Elternabende und Schnupperunterrichtsangeboten häufen sich in den nächsten Tagen und Wochen: welche Schulen sollen angesehen werden, welche nicht, wer geht mit dem Elfjährigen hin? – Alleingelassen fühle ich mich mit dieser Entscheidung, die die nächsten Jahre lang unser Familienleben mitprägen wird.

Während ich jetzt, am Mittag, kurz die Augen schließe, geht draußen auf der Straße das Dröhnen der Baumaschinen weiter, die seit dem Frühjahr in unserer Straße stehen und irgendetwas am Abwasserkanalsystem sanieren, ohne dass dabei irgendwelche Fortschritte sichtbar wären, nur Absperrungen und aufgebuddelte Straße und Bagger und anderes schweres Gerät, dass hin- und herrollt und lärmt und dröhnt.

Gleich werde ich aufstehen und etwas Gutes aus diesem Nachmittag machen: einen Kaffee für mich kochen, ein Spiel mit den Kindern spielen, eine Rolle Kekse hervorzaubern, eine zweite Folge von „Elefant, Tiger & Co“ erlauben, dem Vater der Kinder nach unserem Streit am Telefon auf seine Rückfrage ganz freundlich versichern, dass ich achtgeben werde, dass der Elfjährige den Schlüssel zur Papa-Wohnung sicher in seinem Ranzen verstaut, freundlich und ruhig mit dem Elfjährigen besprechen, ob wir die Mathe-Profilschule mit den hohen Leistungsanforderungen anschauen wollen oder lieber nicht.

Aber jetzt – während ich für einen Moment alleine bin – erlaube ich mir, diesen Tag einen Moment lang schrecklich eintönig und anstrengend zu finden.

Wieder bloggen. Ein bisschen. Vielleicht.

Zum 5.8. und Frau Brüllens WMDEDGT-Aktion habe ich es nicht geschafft, wieder mit dem Bloggen zu beginnen. Dabei hatte ich es vor; dabei hätte ich viel schreiben können, es war ein langer Tag – mit Aufwachen auf dem Klappsofa in der lolli-lutsche-grün (so die passende Wortschöpfung des Siebenjährigen) gestrichenen Ferienwohnung in Weimar, mit vom Wegesrand genaschten Pflaumen, einem wunderschönen Wasserspielplatz, mit sehr vielen Gesellschaftsspielerunden mit meinem Vater, seiner Frau und meinen hibbeligen, in der friedlichen Seniorenwohnanlage für ungewohnte Unruhe sorgenden Kindern und mit dem Packen unserer Koffer am späten Abend, in denen nach nur fünf Thüringen-Urlaubstagen vier Gläser Marmelade, eine Zucchini, ein Kilo Bohnen und drei paar neue Schuhe (Für mich! Hah! Unter den ungläubigen Augen meiner Kinder eigenhändig spontan erworben!) zusätzlich Platz finden mussten.

Dass ich nach dem 5. Juni mit dem Bloggen aufgehört habe, war nicht geplant oder absichtsvoll. Aber wie von Zauberhand war meine Zeit zum Schreiben von einem Tag auf den anderen verschwunden – verschlungen von den Schuljahres-Abschluss-Veranstaltungen (und sie feierten sieben Tage und sieben Nächte… und alle Eltern mussten jeden Abend etwas zum Buffet beitragen); von einer kleinen Jungs-Sachen-OP des Elfjährigen, dem ich die Hand beim Setzen der Narkose hielt und hinterher den ganzen Tag lang die Spuckschüssel; von meinem 40. Geburtstag, den ich zwar glücklich mit den liebsten Freundinnen und ihren Kindern beim Wandern verbrachte, der mich wegen der ungewohnt hohen Zahl aber doch sehr beschäftigt: Sollte dieses Endlichkeits- und Vergänglichkeitsdingens etwa nicht nur Verwandten von Bekannten und vielleicht noch Großeltern zustoßen, sondern auch mir bevorstehen? Wer bin ich, wenn das Wort „jung“ nicht mehr passt? Und was von all dem, von dem ich immer dachte, dass es irgendwann schon noch kommen wird, ist mir wirklich wichtig; so wichtig, dass ich es vielleicht doch noch in Angriff nehme? –

Jetzt sind Ferien, endlich, seit zwei Wochen, und ich hatte Urlaub; die Hälfte davon haben wir – siehe oben – mit dem Einheimsen von Schuhen und Gemüse in Thüringen, die andere Hälfte gemeinsam mit der Besuchsfreundin (und der Mauz-Laune des Siebenjährigen und der Rumpelstielzchenlaune des anscheinend jetzt endgültig – oh weh! – vorpubertierenden Elfjährigen) hier zu Hause verbracht. Der Rest der Ferien wird gestückelt, ein bisschen Hort und jede Menge Hortschließzeit für den Siebenjährigen und den Elfjährigen; ein langes Wochenende mit ihrem Vater, der einmal mehr zu Ferienbeginn ganz plötzlich Arbeit gefunden hat; ein paar Tage, an denen ich „halben Urlaub“ nehmen werde; ein paar Tage werden die Jungs sogar bei der Freundin ihres Vaters verbringen, bevor wir – aufseufz, ach…  – nochmal zur Kur dürfen, meine Söhne und ich. Nein, an den Haaren herbeigezogen ist es nicht, dass da „Erschöpfungsdepression“ auf meinem Einweisungsbogen steht. Irgendwas ist aus dem Gleichgewicht, schon länger; immer weniger Kraft hatte ich im letzten Jahr, weniger Lust aufs Leben, weniger Glücksgefühl. Immer haben die Arbeit und die Kinder beim Verteilen der Energie mehr als ihren Anteil abbgekommen (und immer ist da das Gefühl, dass bei beidem mehr Engagement nötig wäre), dann kam der Haushalt, und dann war da noch ein bisschen Zeit für Freunde oder wenigstens Simse an Freunde. Alles wichtig. Alles richtig, an sich. Aber danach war da oft garnichts mehr, noch nicht mal genug Zeit zum Schlafen – denn nach meinen zwei Wochen Urlaub merke ich, dass das Allerbeste daran die zusätzliche Stunde Schlaf war, die ich jeden Tag abgekriegt habe. Die hat gutgetan.

Da mag ich plötzlich sogar wieder schreiben, auch wenn ich noch nicht weiß, wie oft und wie viel.
Denn morgen geht das ja mit dem Büro wieder los.
Dreieinhalb Wochen noch, na gut. Das wird schon gehen.

Weiterschreiben

Ich sitze auf meinem Balkon, der in diesem Jahr ein grüner Dschungel ist – mit Ringelblumen, die reichlich Samen ansetzen; Winden, die haufenweise sorgfältig gerollte Blütenknospen für morgen tragen; den blühenden Lilien und der Tomatenpflanze, die sich unter der Last ihrer Früchte schwer auf die Seitenlehne meiner Balkonbank stützt; mit windschiefen Sonnenblumen und einer unter einer wild ausgesamten blauen Winde beinahe erstickten Papkrikapflanze, die eine einzige kleine blässliche Frucht angesetzt hat.

Vor dem Balkon rauscht der Regen und bringt ein wenig Abkühlung nach einem weiteren heißen Tag. Ich sitze hier und denke über das Weiterschreiben nach.

Ich möchte meinen Blog nicht aufgeben.

Aber mein Lebensgefühl (ach, dieses schöne deutsche Gefühlswort – ) hat sich so sehr verändert, dass ich nach einer Form des Weiterschreibens suchen muss, die jetzt für mich passt.

Das ist schwierig.

Was geschieht da gerade?
Vieles verändert sich.

Das Weiterwachsen unseres Wechselmodells wird die Zeit verkürzen, die ich ohne Kinder verbringe. Die beiden sollen um einen Tag versetzt wechseln, um auch Aktivitäten zu ermöglichen, die mit beiden Jungs gemeinsam schwierig sind. Zusätzlich soll der Zehnjährige an einem Tag der Woche über seinen Aufenthalt selbst entscheiden können; er äußert seinen Willen, es ist nicht mehr einzusehen, ihm ohne Berücksichtigung seiner Interessen vorzuschreiben, wann er sich bei seinem Vater oder mir aufzuhalten hat.

Überhaupt wird der Zehnjährige selbständiger. Die ersten Wege außerhalb unseres Kiezes darf er seit diesem Frühjahr allein zurücklegen. Seit der Fahrradprüfung besteht er darauf, allein mit dem Rad zur Schule zu fahren – und ist, wenn hitzefrei angesagt ist oder sein Bruder zum Schwimmen geht, auch schon mal gerne allein zu Hause.

Für mich bedeutet letzteres Erleichterung, ersteres aber weniger als früher die Möglichkeit, mein „eigentliches“ Leben – das, was ich als „eigentlich“ empfinde – in die Zeit zu verlagern, in der meine Söhne bei ihrem Vater sind. Mein „wirkliches“ Leben ist mein Familienleben. So sollte es ja auch sein – oder nicht?

Ach, das große Berlin, voller Leben und Möglichkeiten und Verlockungen. In den letzten fünf Jahren hatte ich fast immer mehr Ideen und Pläne, als sich realisieren ließen. Weder zum Zen noch zum Flamenco bin ich je wirklich gegangen; habe keinen Schreibkurs besucht und bin keiner Wandergruppe beigetreten. Aber von all dem habe ich geträumt, habe mir eingebildet, ich könnte, ich könnte ja, eigentlich jederzeit, sobald dieser oder jener Punkt von der To-Do-Liste abgearbeitet wäre.

Aber seit längerer Zeit schon kommen mir all die wunderbaren Möglichkeiten unrealistisch und mein abenteuerlustiger Übermut weit, weit entfernt vor. Es ist, als ob das, was ich nach der Trennung vom Vater meiner Kinder an mir selbst – unabhängig von meiner Rolle als Mutter – wiederentdeckt habe, nun wieder von mir abfällt. Weil es einen enormen Kraftaufwand bedeutet, das Leben von zwei Grundschulkindern zu organisieren. Weil die Büroarbeit über ihre nett gedachte 80%-Begrenzung in die Abende und Wochenenden suppt. Weil es mir nicht mehr reicht, wichtige, nährende Beziehungen nur in dem Teil meines Lebens zu leben, in dem ich „kinderlos“ bin.

Weil ich so müde bin.

Mehrfach ist mir in den letzten Monaten der Begriff der „Rush-Hour des Lebens“ für diese Jahre begegnet, in denen alles auf einmal wichtig ist, Beruf und Kinder und, wenn möglich, auch noch die Verwirklichung diverser Träume, Reisen und Eigenheimprojekte.
In der neuesten Ausgabe von Publik Forum erzählt ein Artikel davon, dass es genau diese Überforderung mit verschiedensten Themen ist, die es in der „Lebensmitte“ so schwer macht, neue Freunde zu finden. Die meisten Menschen haben schlicht zu wenig Zeit, um den Kontakt zu neuen Menschen aufzubauen. Und da ist was dran. Für die Bekannten und Nachbarn, die uns in den letzten Jahren durch Umzüge „verlorengegangen“ sind, sind kaum neue nachgekommen. Keiner meiner Hausnachbarn nimmt meine Einladung an, als ich im Hinterhof mit Familie und guten Freunden (doch, die gibt es…) feiere und nicht nur mit einem Aushang im Treppenhaus einlade, sondern auch mehrere Familien im Haus direkt anspreche und zu Kuchen und Kaffee bitte. Alle sind zu beschäftigt.

Die Konsequenz ist, dass da manchmal tagelang kein anderer Erwachsener ist, mit dem ich außerhalb von Büro- und Kindergartenhallihallo rede. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich das leicht ändern würde.

All das macht mich in den letzten Monaten still, nachdenklich und zurückgezogen. Es gibt wenig zu schreiben über mein Leben; wenig kommt mir berichtenswert vor.

Alles wird erst einmal einfach genau so weitergehen, denke ich.
Aber auch: wer weiß, wozu diese Zeit gut ist. Und was – irgendwann – Neues kommen wird.

Weiterschreiben also. Vielleicht selten. Vielleicht in kurzer Notizform. Wahrscheinlich immer wieder von den selben Themen. Und davon, wie es weitergeht.

Rauch

Die S-Bahn streikt. Überfüllte U-Bahnen, die Leute tippen angestrengt in der Öffi-App auf ihren Smartphones herum, wer kein Smartphone in der Hand hat, glotzt seinem Nachbarn auf den Bildschirm.

Der „Helpling“, den ich mir bestellt habe, damit ich meine drei Krankschreibungstage tatsächlich zum Erholen nutze und nicht anfange, die verdreckte Wohnung zu putzen, storniert seinen Termin bei mir, ich sei nicht mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln zu erreichen.

Mein Chef am Telefon: So krank klingst Du garnicht! Kannst Du mal eben dies und das –

Abends beutelt mich der Husten dann wieder, die Ärztin hat Keuchhusten und Lungenentzündung und Allergie ausgeschlossen und mich dann mit einer Krankschreibung in der Hand aus dem Untersuchungszimmer geschoben. Schlafen Sie sich mal aus. Sowas kann ja auch von der Erschöpfung kommen.

Ja, ich bin erschöpft. Schrecke um fünf Uhr morgens mit Herzrasen hoch. Habe wenig Geduld mit den Kindern. Habe immer diese lange Liste im Kopf, dieses muss dringend und jenes müsste eigentlich auch. Das Runterkommen klappt nicht mehr, noch nicht mal die drei Tage zu Hause helfen. Sonst fange ich, sobald die Genesung von irgendwas einsetzt, sofort an, im Kopf Pläne zu schmieden und lange Listen mit Dingen zu schreiben, die ich unbedingt dringend sofort machen möchte – und die ich dann nie schaffe, höchstens halbherzig beginne. Aber immerhin.

Jetzt fühle ich mich, als ob ich sogar das Wünschen verlernt habe.

Er wäre da – irgendwo gleich hier, nur einen oder zwei Schritte entfernt, ich kann es spüren: der Raum, in dem ich irgendwas spannendes mit meinem Leben machen, in dem ich etwas gestalten könnte. Aber ich nutze ihn nicht, ich habe viel zu viel zu tun. Und wenn ich nichts zu tun habe, nehme ich mir schnell etwas vor, aus Angst vor der Leere.

Meine Kinder toben über den Nachbarhof und verschwinden mit ihrem Vater im Hinterhofeingang seiner Freundin. Glücklich sehen sie aus. Für die Tests üben, fehlende Schulmaterialien nachkaufen und den drohenden Kita-Streik mit meinen Arbeitszeiten zusammenbasteln – mein absehbares Programm mit den Kindern, sobald sie wieder zu mir kommen – ist so viel weniger schön.

Ich werde zu einer schrecklichen Gesprächspartnerin (und ihr Name war „maulende Myrte“…) für die Menschen, die mit mir reden.

Ich würde gerne fortgehen, irgendwo an einem Meer sitzen und in die Wellen starren und warten, bis ich mir nicht mehr wünsche, dass alles einfach aufhört. Aber das geht nicht, also muss ich wohl das Gegenteil tun, ankommen nämlich, hier, wo ich bin, und den Dingen ins Gesicht sehen. Meiner Einsamkeit. Meiner Traurigkeit. Meiner Erschöpfung.

Ein Frühlingsdurchhänger. Eigentlich kenne ich das schon. Und weiß, dass ich mich auch wieder besser fühlen werde. Vielleicht bald, vielleicht morgen. Bestimmt morgen schon.