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Novembergeschichten

Am Morgen ist es noch ganz dunkel, wenn der Neunjährige auf den Balkon geht und prüft, wie warm er sich anziehen muss. Am Spätnachmittag, wenn wir zum Sportverein fahren, ist es schon wieder dunkel. Wenn wir von da heimfahren, schauen wir vom Bus aus in die beleuchteten Fenster, kleine Sekundenblicke in andere Leben mit ihren Bücherwänden und Papierlampenschirmen und Hochbetten und Adventsdekorationen und Einbauküchen, in denen Abendessen vorbereitet werden.

Abends, wenn ich das Licht im Zimmer des Fünfjährigen ausschalte, so dass nur noch der Lichtschein von der Lampe im Hinterhof ins Zimmer fällt, die genauso aussieht wie einer der achttausend Ballons, die am 9. November in den Himmel aufgestiegen sind, so dass wir jeden Abend sagen: guck mal, da ist ein vergessener Ballon, bei uns steht noch einer – abends, wenn es im Zimmer des Fünfjährigen dunkel wird, fragt er mich Tag um Tag: Mama, es gibt hier doch keine Wölfe und Füchse in der Nähe? Und wenn die ums Haus schleichen, können sie die Tür ja nicht aufmachen, weil die abgeschlossen ist, stimmts? Und sie können auch nicht an der Wand hochklettern und sich mit Macht durchs Fenster werfen, oder? Und wenn sie sich dann im Zimmer anschleichen, würden wir sie doch hören?

Wenn meine Kinder schlafen, kuschele ich mich, Laptop auf den Knien, im frischgestrichenen halben Zimmerchen ins Bett, neben der Wand, die leuchtend Mangogelb geworden ist, genau wie ich es wollte. Die weiße Wand gegenüber ist noch ganz leer.

Weil der Fünfjährige nun doch zu viel hustet, bin ich ein paar Tage mit ihm zu Hause. Wir inhalieren mit Adrenalin und Mucosolvan und lesen dabei Kapital vom Paddington Bär vor, für die ich mir den richtigen Vorleseton bei einer Berliner Slammerin (leider ihren Namen vergessen und den Link nicht wiedergefunden) abgelauscht habe. Plötzlich funktionieren die Geschichten, die uns langweilig vorkamen, als wir das Buch schonmal in der Hand hatten.

Wir backen Hustenplätzchen (glasieren mag ich sie dann lieber alleine) und hängen Sterne auf und ich arbeite auch von zu Hause aus, aber nur ein bisschen, bis mich mein Chef am Handy erwischt und den großen Notfall ausruft, so dass ich einen ganzen Tag vor dem Rechner verbringen muss, den Fünfjährigen neben mir mit einem Spiel, dass eigentlich dem Neunjährigen gehört und mit dem der Fünfjährige sonst nie, nie spielen darf. Zwischendurch Kochen, Inhalieren, mehr von Paddington, den Neunjährigen begrüßen und dann in seinen Nachmittagstermin mit seinem Papa verabschieden, den Kindern Abendessen machen, Gutenacht sagen, wieder an den Rechner. Schöne neue flexible Arbeitswelt: Irgendwo schnippst einer, der vielleicht nie sein krankes Kind betreuen musste, mit den Fingern, und äußert einen Wunsch. Ich hätte da gerne noch bis Montag früh… Irgendwo anders sitze ich am Rechner und besteche meine Kinder mit zu viel Fernsehen. Dazwischen mein Chef, der auch nichts dafür kann. Und nichts dagegen.

Am Samstag Plätzchenbackgroßaktion mit Freunden. Hinterher Teig abduschen, in die vorbereiteten Kleider schlüpfen, die Freundin begrüßen, die netterweise bei meinen Kindern bleibt, damit ich eine Geburtstagsfesteinladung nicht (wie die letzten gefühlt 137 Parties) absagen muss. Noch einen Schluck starken Kaffee, dann hinaus in die eiskalte Finsternis. Wie gut das tut, mal wieder mit einem Haufen fremder Menschen zu reden, die interessante Leben und Berufe und Hobbies und Ansichten haben. Am nächsten Morgen um halb sieben kann ich nur matt brummen, als der Fünfjährige zu mir unter die Decke schlüpft. Aber um neun beim Frühstück erzähle ich ihnen die besten Geschichten: Von den dunkelgrün gestrichenen Küchenwänden, dem Mann, der für sein Leben gern auf Rennstrecken Motorrad fährt, dem Baby, das stundenlang vergnügt von einem Arm auf den anderen wanderte, und dem Taxifahrer, der mich heimgebracht hat und dann noch die ganze Nacht durcharbeiten musste. Der Neunjährige kann es kaum glauben: wie jetzt, eine Party – und da wurde die ganze Zeit nur geredet?

Am Montagmorgen in der S-Bahn werde ich zum ersten Mal in meinem Leben mit „Junge Frau“ angesprochen, noch dazu nicht von einem älteren Herrn, der das vielleicht ehrlich gemeint hätte haben können, sondern von so einem jungen Typen. Trotz der Bierfahne, die der schon um acht hinter sich herzieht, schmerzt das. Liegt es an der Mütze, ohne die bei dem schneidenden Berliner Ostwind heute garnichts geht – oder sehe ich so alt aus?

Heim komme ich in die leere Wohnung. Die Adventskalender, die ich am Abend noch vorbereitet und den Kindern hingestellt und hingehängt habe, werden eine Woche lang darauf warten, dass jemand die nächsten Türchen öffnet. Die stillen Zimmer wünschen sich Licht und Lachen und Gespräche und Träume – aber nur der Mann von der Telefongesellschaft ruft an, um mich von einem neuen Tarif zu überzeugen. Und der Ostwind heult im Schornstein.

K.o. in zwei Tagen

Liegt es daran, dass ich wegen dem Wechselmodell nicht so richtig an das Leben mit den Kindern gewöhnt bin? Oder ist es bei uns so besonders anstrengend? Jedenfalls schaffen es oft schon wenige ziemlich „normale“ Tage Familienleben, mich total zu erschöpfen.

Zum Beispiel zwei Tage wie diese – in die ich eigentlich nach den Ferien und einer Woche ohne die Kinder ziemlich ausgeruht gestartet bin:

Montagmorgen, der Neunjährige geht rechtzeitig los, um zur ersten Stunde pünktlich zu sein, extrafrüh, weil Montagmorgen Sport auf dem Plan steht. Mit dem Fünfjährigen muss ich zum Blutabnehmen zum Kinderarzt. Was als kleiner Labortermin vor der Arbeit gedacht war, wächst sich – denn wir haben einen sehr gründlichen Kinderarzt – zu einer längeren Geschichte aus. Mit Wiegen und Messen (immerhin war mein Sohn drei Monate lang nicht in der Praxis und KÖNNTE theoretisch in diesen drei Monaten schwerer Unterernährung ausgesetzt gewesen sein), einer Abfrage sämtlicher jemals bei Kindern beobachteter Verhaltensauffälligkeiten (immerhin hatte mein Sohn vor einiger Zeit zwei Wochen lang Bauchschmerzen, und das KÖNNTE ja psychisch gewesen sein), einem beinahe-EKG, gegen das ich mich zur Wehr setze, weil heute EINFACH NUR NAHRUNGSMITTELUNVERTRÄGLICHKEITEN GETESTET WERDEN SOLLEN – Jetzt werden Sie doch nicht gleich so aggressiv!, sagt die Sprechstundenschwester vorwurfsvoll, muss aber zugeben, dass ein EKG wirklich nicht vorgesehen war und sie es einfach reflexartig machen wollte – und einem Rundum-Blutbild (Wie, Sie haben keine familiäre Vorbelastung mit Diabetes? Das – und alles mögliche andere – wird trotzdem mitgetestet. Einfach, weil mein Sohn einmal da ist.). Als wir rauskommen, guckem mich alle, die inzwischen das Wartezimmer füllen, ganz komisch an. War ich wirklich SOOO laut?

Wir kommen eine Minute nach Neun in die Kita, das ist garnicht so schlecht. Draußen hängt ein Zettel, der vor einem besonders heftigen Magen-Darm-Infekt und Kopfläusen in der Gruppe meines Sohnen warnt. Den montags mitzubringenden frischen Schlafanzug haben wir mal wieder vergessen. Halb so schlimm.

Ich hetze zur Arbeit, eine Stunde zu spät. Es ist Planungssaison, das bedeutet: Viiiiiiiel zu tun. Sechs Stunden später stehe ich mit zittrigen Knien wieder auf und flitze zur Bahn zurück. Schnell noch Brot einkaufen, dann zur Kita. Auf dem Zettel an der Tür stehen jetzt zusätzlich Scharlach und Hand-Fuß-Mund. Wegen Hand-Fuß-Mund ist sämtliches Spielzeug aus dem Gruppenraum verbannt worden – so lange, bis zwei Wochen lang kein neuer Fall aufgetreten sein wird. Kuscheltiere dürfen auch nicht mehr mitgebracht werden. Mache mir (ganz unnötig, betont die Erzieherin, alles frisch bezogen) Sorgen, weil ausgerechnet mein Sohn seinen Mittagsschlaf auf der Matte hält, die tagsüber als Kuschelsofa für alle Kinder im Raum liegt. Werden sie uns in der Kinderarztpraxis noch behandeln, nachdem ich heute morgen so laut geworden bin? Schnell an was anderes denken. Schnell nach Hause.

Im Ranzen des Neunjährigen finden sich bei genauem Nachsehen ca. fünf zu unterschreibende Tests und Arbeiten, ca. sieben einzuheftende Arbeitsblätter und allerlei Hausaufgaben. Gefühlte 15 Din A4-Seiten Elternbriefe und Fördervereins-Infos aus Kita und Schule lege ich mir zum Lesen bereit. Irgendwas wichtiges steht meistens doch drin – versteckt zwischen all den Informationen, die ich eigentlich nicht brauche.

An diesem Abend habe ich noch Kraft zum Vorlesen. Und sogar dazu, mit dem hustenden Fünfjährigen (Den Kindern gehts gut, prima gesund, hatte ihr Vater mir bei der Übergabe zu erklären versucht, bevor ihn ein Hustenanfall des Fünfjährigen und das laute Schnauben des Neunjährigen ins Taschentuch unterbrachen – ) zu inhalieren. Hinterher merke ich, dass mein Hals zu kratzen anfängt. Schnell abwaschen. Sachen für Dienstag rauslegen. Zwei Rechnungen bezahlen. Mails beantworten. Schlafen.

Dienstagmorgen. Heute können wir gemeinsam losgehen. Irgendwie bin ich schon nicht mehr so schnell wie am Montag, das Frühstücksgeschirr bleibt auf dem Tisch, und der Neunjährige muss doch schon vorflitzen, um pünktlich in der Schule zu sein. Aber ich komme pünktlich zur Arbeit. Heute nur 20 neue Mails. Sechs Stunden später mache ich mit zittrigen Händen den Rechner aus, eigentlich müsste ich noch, eigentlich hätte ich heute – geht aber nicht, es ist Martingstag, ich muss zum Laternenumzug. In der Kita ein gemütliches Lagerfeuer im Sandkasten, Schmalzstullen und Glühwein (schnell einen trinken, dann überstehe ich das hier auch) werden angeboten, die Kinder – gruselig geschminkt und mit Umhängen ausstaffiert – führen einen wilden Hexentanz auf, dessen Zusammenhang zum  Martinstag mir ein bisschen unklar bleibt.

Der Neunjährige kommt dazu und hat wirklich daran gedacht, alles im Schließfach zu lassen, was er heute nicht zu Hause braucht. Ich hucke mir den ungewöhnlich leichten Ranzen auf, hänge unsere Fischlaternen an unsere funkelnagelneuen LED-Laternenstäbe (die gehen nie mehr kaputt, hat der Verkäufer mir versprochen), und gemeinsam mit einer Freundin und ihren beiden Jungs machen wir uns zur Martinsandacht in der Kirche auf, in der wie jedes Jahr ein paar engagierte Eltern zusammen mit dem Pfarrer die Geschichte vom geteilten Mantel nachspielen, während Dutzende ungeduldiger Kinder von Minute zu Minute lauter werden.

Dieses Mal sind so spät in der Kirche angekommen, dass wir keinen Sitzplatz mehr gefunden haben, was aber bedeutet, dass wir als erste aus der Kirche rauskommen und tatsächlich das Pferd sehen, das den Martinsumzug wie jedes Jahr anführt. Während der Laternenzug sich dreimal um den Block windet, gesellt sich eine dritte Mutter von zwei Jungs zu uns. (Warum wollen eigentlich nur Mütter von zwei Jungs mit anderen Müttern von zwei Jungs befreundet sein, frage ich mich, als Mädcheneltern mit strahlenden Töchtern und blinkenden rosa-Pferd-Laternen gemütlich an uns vorbeiziehen? – Aber ich kann darüber jetzt nicht nachdenken, es ist zu laut, die sechs Jungs versuchen, mit ihren Laternen die Laternen der anderen so anzustoßen, dass sie runterfallen, mindestens eine Laterne muss ständig aufgehoben, an den Leuchtstab gehängt, ausgebeult und wieder zum Leuchten gebracht werden, außerdem hat der Neunjährige angefangen, immer neue unanständig umgedichtete Versionen vom Laternenlied zu singen. Große Begeisterung bei den Kleineren.)

Als wir am Ziel ankommen, wird das Pferd schon wieder in seinen Transporter geladen. Wir Mütter schauen uns an und sind uns wortlos einig: den gemütlichen Ausklag des Martingsumzuges schenken wir uns. Ab nach Hause. Die erste biegt zu ihrem Auto ab, die zweite verabschieden wir an ihrer Haustür. Dann sind nur noch wir in der Dunkelheit unterwegs, wir und unsere beiden ziemlich verbeulten Fischlaternen.

Ach Mama, sagt der Neunjährige zu Hause ganz beiläufig, kannst du mir nachher was über die Zahl Pi ausdrucken? Ich muss im Mathe-Extrakurs morgen einen kleinen Vortrag dazu halten… Wie praktisch, dass das Frühstücksgeschirr noch auf dem Tisch steht. Da können wir ja gleich Abendbrot essen. Während ich den Fünfjährigen ins Bett bringe, merke ich, dass meine Halsschmerzen schlimmer werden. Der Neunjährige bringt seinen Ranzen in Ordnung – keine neuen Tests! keine neuen Elternbriefe! – und dann suchen wir am Rechner nach „Pi einfach erklärt“. Dass alle großen Flüsse dieser Erde eine tatsächliche Länge von ungefähr dem Pi-fachen der Luftlinie zwischen Quelle und Mündung haben, wusste ich auch noch nicht.

Das sind zwei absolut durchschnittliche Tage. Das alles bewegt sich im ganz normalen Rahmen des Lebens mit einem Schulkind, einem Kita-Kind und einem Beruf. Trotzdem bin ich völlig fertig. Durchhalten, rede ich mir gut zu, krankwerden geht jetzt einfach nicht, zu viel Arbeit auf Arbeit! Durchhalten, sage ich mir, und schleunigst bei der Ärztin nach meiner alljährlichen Vitamin-B-Stpritzenkur fragen, die mich im Herbst immer für drei Monate so schön fit macht.

Aber am liebsten möchte ich mir von dem Zeugs jetzt sofort eine Dauerinfusion legen lassen.

Faust aufs Auge

In der letzten Zeit hatte ich einen kleinen Blogbeitrag zum Thema „Mobbing gegen arbeitende Mütter“ im Kopf… wegen der Schulveranstaltung, die selbstverständlich um 15 Uhr schon beginnt, den vielen Schließtagen der Schule und der Kita, mit denen mein Kalender im Juni gespickt ist, wegen der Öffnungszeiten der Kinderarztpraxis, einmal wöchentlich nachmittags. Nicht später als halb fünf ankommen, sonst wird man nicht mehr drangenommen.

Aber die Wirklichkeit schlägt einen Purzelbaum und lässt mich wünschen, mich wieder mit derartigen Kleinigkeiten herumschlagen zu können.

Ungefähr zum Ende seines Kita-Schwimmkurses – das war vor ein paar Wochen – bekommt der Fünfjährige seltsame Pickel unterm Arm. Ach, das ist nix, meint sein Vater, der tagsüber Zeit hat und deshalb auch mal wegen ein paar Pickeln zum Arzt gehen könnte. Vormittags.

Am letzten Arbeitstag der Kollegin, deren Schwangerschaftsvertretung ich übernehmen muss – das war letzte Woche – schaffe ich es dann doch selber, mit dem Fünfjährigen zum Arzt zu gehen, und erfahre, dass es sich bei den munter blühenden Pickeln um einen Befall mit Dellwarzen handelt.

Das Warzenmittel, das die Kinderärztin uns empfohlen hat, ist laut Beipackzettel so stark ätzend, dass die Apothekerin mir dringendst davon abrät, ein Kind damit zu behandeln.

Also erstmal googeln.

Niemals vorher in meinem Leben habe ich mich so sehr darüber gefreut, dass es im Internet Foren zu jedem noch so abseitigen Thema gibt. Und Erfahrungsberichte von Menschen, die dasselbe durchmachen wie man selbst. „Mein Kind“, schreibt eine Mutter, „hat ungefähr 50 Dellwarzen. Was soll ich nur machen?“ Erst einmal macht sie mich glücklich, der Fünfjährige hat nämlich nur etwa 15. Und dann lerne ich, was andere Mütter alles gegen die fiesen Dinger tun. Klebeband (drei Tage dranlassen) oder Knoblauchumschläge. Propolis oder Vitamin A. Infektodell oder Schöllkrautsaft. Aufstechen – oder Besprechen, bei abnehmendem Mond natürlich.

Eigentlich könnten wir ja gleich 15 verschiedene Hausmittel ausprobieren und eine tolle Vergleichsstudie machen. Aber weil ich mich erinnere, dass mein Vater mir vor vielen Jahren Schöllkraut gezeigt und mir erzählt hat, dass der orange Saft gegen Warzen hilft, fange ich erstmal damit an, das Zeug wächst zum Glück gleich um die Ecke am Straßenrand. Ich nehme den Vater meiner Kinder zur Schöllkrautecke mit und zeigt ihm die Pflanzen. Hoffentlich merkt er sich die Form der Blätter und nicht, dass das Kraut gelb blüht – der Saft vom wilden Rucola direkt daneben hilft wahrscheinlich nur halb so gut.

Von der Schöllkrautbehandlung werden die Warzen leuchtendorange. Auffällig. Und so kommt es, wie es kommen muss:

Vier Tage vor meinem ersten Urlaub seit Weihnachten und meinem ersten Urlaub ohne Kinder seit neun Jahren und meiner ersten Auslandsreise seit Menschengedenken – heute – wird der Fünfjährige wegen seinem Warzenbefall aus der Kita verbannt. Ohne eine Bescheinigung darüber, dass er keine ansteckende Hautkrankheit hat, darf er nicht wiederkommen. Und ich kann die Erzieherin sogar verstehen…

Also wochenlang, sagt der Vater meiner Kinder, der tagsüber Zeit hat, kann ich das jetzt auch nicht übernehmen. Ich hab schließlich Termine!

Tiiiiief atmen. Eiiiiiiiinatmen. Auuuuusatmen. Irgendwie wird es schon weitergehen.

Das Telefon klingelt. Mein Chef: Kannst Du morgen vielleicht ein bisschen länger arbeiten?

Von Halloween nach November

An Halloween gewinnt der Sieger des Kürbisschnitzwettbewerbes im Betriebsrestaurant ein Gratisessen.

Auf dem Schulhofspielplatz toben Hexen in zipfeligen Röckchen. Die spitzen Hüte haben sie auf ihren schweren Schultaschen abgelegt. Ein kleiner Junge, einen grimmigen Totenschädel aufs Gesicht geschminkt, geht an der Hand seiner Mutter nach Hause. Später klingeln sie bei uns, kleine Mädchen aus dem Haus, die Mütter müssen beim Aufsagen des Sprüchleins helfen, die verkleideten Hexlein greifen mit beiden Händen in die Schale, die ich ihnen hinhalte. Die großen Taschen, in denen sie die gesammelten Süßigkeiten horten, sind schon halb voll. Nicht so viel, mahnen die Mütter.

Die Kürbisfratze auf unserem Balkon – ein Gesicht vom Achtjährigen ausgeschnitzt, das andere von mir nach den aufgemalten Vorstellungen des Vierjährigen geschnitten – beginnt, von Tag zu Tag ein wenig in sich zusammenzusinken. Am Morgen glitzert Frost auf den Gräsern am Kanal. Über Nacht hat er die Farben weggenommen, die Blätter unter unseren Füßen grau werden lassen. November.

Im Büro husten Kollegen und Kolleginnen, die (wem eigentlich?) beweisen, dass sie auch mit akuter Bronchitis noch unersetzlich – und leistungsfähig und einsatzbereit – sind. Hoffe inbrünstig, dass ich mich nicht anstecke, ich falle dann nämlich aus. Wann ist endlich mein erster Vitaminkurtermin? Der Vierjährigen hustet schon, Schwimmkurs vorbeugend gestrichen, er soll bittebitte gesund bleiben.

Dieser ewige Konflikt in der kalten Jahreszeit: Zwischen meiner Arbeit, auf der es keine echte Vertretungsregelung gibt, und meinen Kindern, für die ich immernoch niemanden habe, der mal eben im Krankheitsfall einspringt. Und meinem eigenen Körper, der mir zu signalisieren versucht, dass ich im Grunde immer mal eine Auszeit brauche. Immer wieder Improvisieren von Tag zu Tag, faule Kompromisse, schlechtes Gewissen nach allen Seiten. Und teure Vitaminpräparate.

Die Werbeplakate, die gerade auf allen S-Bahnhöfen hängen – ein dümmlich blickender Mann, der eine erkältete Version seiner selbst in der Mülltonne entsorgt und uns suggerieren will, dass Krankheiten nie mehr ein Problem sein müssen – machen mich zornig wie Rumpelstilzchen. Gleich neben dem dort beworbenen Zeugs präsentiert die Apotheke eine „Vitalstoffmischung Burn-Out“. Na prima, haben wie dieses Problem auch gleich noch gelöst. Ja, lasst uns alle viele bunte Pillen schlucken. Ein paar, damit wir die Grippe nicht spüren. Und ein paar, damit wir die Müdigkeit nicht spüren. Und ein paar, damit wir den Schmerz nicht mehr spüren. Hurra! (Wir können alles schaffen, wir müssen nur wolln – wer sang das doch gleich?)

Erfreuliche Nachrichten: Wir haben das Portemonnaie wiederbekommen, das der Achtjährige im Laden verloren hat. Wie schön! Wir haben dicke Ballons mit Transparentpapier und Fischgesichtern beklebt – wenn ich es wage, die Ballons anzustechen, werden daraus vielleicht großartige Laternen (der Dank für die Idee geht an Frau Weh!) für den Martinsumzug. Oder es fliegen uns mehrere Quadratmeter buntes Papier spektakulär um die Ohren.

In Böen acht

Von der Kur heimgekommen bin ich gierig nach Veränderungen. Fenster auf! Der Wind of Change soll mal kräftig durchwehen (vielleicht pustet er dann auch gleich die letzten Motten aus der Küche).

Also lege ich los. Die Wohnung muss natürlich grundausgemistet werden. Ich schleppe alte Medikamente in die Apotheke, werfe alle leeren Plastikflaschen weg (leider haben wir plötzlich keine Trinkflaschen mehr für den nächsten Ausflug, kleiner Kollateralschaden), trage große Beutel mit alten Unterlagen zur Papiertonne und ein Drittel meiner Kochbücher in die Bibliothek, wo die Mitarbeiterinnen ganz runde Augen bekommen, als die Jamie Oliver vom Cover lachen sehen. Nee, nee, stellen Sie das mal nicht ins Verschenkregal. Zeigen Sie doch mal her!

Aus meinem großen Bücherregal ziehe ich – fest zur Minimierung der Bestände entschlossen – einen ganzen Regalmeter Romane und Sachbücher. All die nicht-so-spannenden Bücher mit „Frau“ im Titel, die mir geschenkt wurden, als ich ein Emma-Abo hatte und deshalb allgemein als „an Frauenthemen interessiert“ galt. Allerlei alte Romane. Krimis, die ich nie wieder lesen werde. Kinderbücher, die ich schon verstaubt fand, als ich sie vor vielen Jahren mit guten pädagoischen Absichten vorgelegt bekam. Raus damit. Hinterher ist das Regal immernoch ganz voll. Seltsam.

Dann mache ich erst mal Pause mit dem Ausmisten und setze mich an den Rechner. Wohnprojekte in Berlin! Endlich nicht mehr allein leben, sondern in netter Gemeinschaft, das wäre es doch? Eine Stunde später bin ich hellauf begeistert. Was es da alles gibt! Vom selbstsanierten ehemaligen DDR-Seniorenheim im grünen Vorort bis zu den Planungsunterlagen für ganze neue Kieze in Null- oder Plusenergiebauweise. Von der Alternativgemeinschaft mit gemeinsamer Haushaltskasse bis zur sehnsüchtigen Suche nach ausgebauten und gemeinsam interspirituell zu bewohnenden Dachetagen. Noch eine Stunde später mache ich ganz schnell den Rechner aus und falle erschöpft aufs Bett. Ich habe die Listen mit den Quadratmeterkaltmieten zu den schicken Plusenergieappartements entdeckt (huuuuuui) und festgestellt, dass ich eigentlich keine Lust habe, meine Sonntagnachmittage mit dem Verkauf von Kuchen und dem Werben für Multikulti unter der Lichtenberger Urbevölkerung (mit dubiosen politischen Ansichten) zu verbringen. Also ziehe ich vielleicht doch noch nicht morgen in ein Wohnprojekt. Und übermorgen vielleicht auch noch nicht.

Aber als ein paar Tage später in meinem Unternehmen eine Stelle intern neu zu besetzen ist, denke ich nur ganz kurz nach und bewerbe mich dann einfach mal. Das Ergebnis sind Schlafstörungen. Und Magenkrämpfe. Und der Wunsch, möglichst schnell im nächsten Mauseloch zu verschwinden und nie wieder rauszukommen… während die Rädchen der firmeninternen Bewerbungsbearbeitung sich langsam in Bewegung setzen.

Hilfe! Fenster zu! Wäre ich doch beim Abstauben meiner Regale geblieben!

Das Problem mit echten Veränderungen ist ja irgendwie immer, dass man den Ausgang nicht kennt.

Häusliche Krankenpflege

Die Grippewelle ist eigentlich schon vorbeigeschwappt, ihre letzten Spritzer haben wir leider noch abbekommen. Jedenfalls mein Achtjähriger – und sein Vater, nachdem er ihn fünf Tage lang gepflegt hat. Dann habe ich übernommen, Wechselmodell eben.

Ich bin ziemlich froh darüber, dass der Achtjährige inzwischen groß genug ist, um auch mal allein bleiben zu können, wenn ich den Vierjährigen in die Kita bringe oder einkaufen gehe. Ich bin auch ziemlich froh darüber, dass meine Nachbarin noch nicht in ihr Häuschen gezogen ist und den Vierjährigen zusammen mit ihrem kleinen Sohn aus der Kita abholt. Und noch ein Stündchen bei sich spielen lässt. Und am nächsten Morgen wieder mit zur Kita nimmt. Ich bin froh über die – das haben wir noch nie erlebt – leere Kinderarztpraxis und darüber, dass es Antibiotika gibt (wäre einer von uns sonst hier?), wenn die Grippe am Ende doch noch ein bisschen mehr als eine Grippe ist und darüber, dass die Apotheke die Medikamente sogar zu uns nach Hause liefert.

Ich kann mich um meinen Sohn kümmern – inhalieren und Fieber messen und Tee kochen und vorlesen und seine halb aufgegessenen Zwiebäcke wegwerfen und seine vollgeschnieften Taschentücher einsammeln, wenn er zu matt für Zielübungen auf den Papierkorb ist. Und wenn das Fiebermittel wirkt und es ihm besser geht oder wenn er ein wenig schläft, dann schleiche ich mich davon und arbeite ein bisschen. Abends nochmal, wenn die Kinder eingeschlafen sind. Ob ich dann nur schnell das Allernötigste erledige oder weitermache, bis ich vom Stuhl falle (falls das nicht dasselbe ist), muss ich selbst entscheiden.

Das ist garnicht so einfach. Dann und wann von zu Hause aus arbeiten zu können, ist im Rahmen meines nicht selbständigen Arbeitsverhältnisses eine Möglichkeit, die ich gerne nutze, um die Unabsehbarkeiten meines Familienlebens mit meiner Arbeit zu vereinbaren; die mich aber gleichzeitig unter Druck setzt: allein dadurch, dass es sie gibt und es deswegen zu meiner eigenen Entscheidung wird, wo ich die Grenze zwischen meiner Arbeit und meinem Privatleben ziehe. (Da ist es wieder: mein gelegentliches Unbehagen angesichts der Flexibilisierung von Arbeit, das ich in meinem letzten Artikel an dem Radiobeitrag über die 24-Stunden-Kita festgemacht habe – das aber, wie Karens Kommentar ganz richtig klarstellt, aus einer ganz anderen Situation stammt als derjenigen, in der Eltern sind, für die genau diese Kita vielleicht den entscheidenden Unterschied zwischen „eine Stelle annehmen/behalten und das Familienleben darum herum organisieren können“ und „eine Stelle nicht annehmen/behalten können“ macht.)

Am Nachmittag habe ich jedenfalls entschieden, dass ich jetzt Wochenende habe, richtiges, arbeitsfreies. Da die Freunde, die uns besuchen und aufheitern wollten, uns krankheitsbedingt abgesagt haben, werden wir es in Quarantäne verbringen. Die Vorräte – Taschentücher, Fiebersaft, Hustensaft, Inhalierlösung, Salzstangen, Zwieback und Kartoffeln – sind aufgestockt; der Apothekenbote, der das Antibiotikum bringt, ist der letzte, dem wir die Tür öffnen. Bis auf weiteres.

Radio bildet doch

Eigentlich habe ich es ja nicht so mit den Medien.

Mich haben schon Leute als sonderbar bezeichnet, weil ich so ganz ohne Spiegel Online und Facebook und sogar ohne Fernseher mein Dasein friste. Aber würde es meinen Tag schöner machen, wenn ich weiß, ob dieser oder jener B-Politiker sich für oder gegen sexuelle Belästigung ausspricht? Wenn ich alles über die neueste Reality-Show erfahre? (Im Dschungel? In der Arktis? Im Uranbergwerk? Oder wo schicken sie die Leute heute hin?)

Aber so ganz lässt sich dieser Luxus des Nichtwissens natürlich nicht durchhalten, schon allein wegen dem Wetterbericht schalte ich dann doch mal morgens das Radio ein, damit meine Kinder einigermaßen witterungsgerecht bekleidet sind und die Erzieherin in der Kita mich nicht so streng anguckt.

Und manchmal ist es dann direkt interessant, was das Radio einem an einem ganz normalen Dienstagmorgen zwischen sieben und acht so bietet. Radio Eins widmet gerade eine ganze Woche der Frauenquote. Und sie reichern das Thema mit allerlei Informationen an, die mir im Kopf hängenbleiben. Wie lange kramt eine Frau in ihrem Leben durchschnittlich in ihrer Handtasche? 76 Tage. Wie viel Zeit verbringt dieselbe durchschnittliche Frau in ihrem Leben in der Küche? 3,2 Jahre. Während ich noch nachrechne, ob das stimmen kann, fängt die Werbung an, und mir bleibt fast die Zahnbürste im Hals stecken. Mit unverhohlenem Enthusiasmus in der Stimme verkündet da einer: „Plötzlich geht doch beides! Fremdgehen und Treubleiben!“ Kann diese Werbung ernsthaft an Frauen gerichtet sein? Dann wohl doch eher nicht, es geht um Bier. Aber für Frauen haben sie auch einen Spot, gleich hinterher. Eine der Berliner Tageszeitungen versucht ihre weibliche Leserschaft mit einer Serie zur Fitness im Frühling zu vergrößern. Irgendwie weniger toll.

In den Nachrichten geht es darum, dass jeder EU-Bürger ein gesetzliches Recht auf ein Girokonto erhalten soll. Aber sie sagen nicht dazu, ob die Menschen ohne Girokonto hauptsächlich Frauen sind. Wahrscheinlich wurde das Gesetz sowieso von der Lobby der Internethändler eingebracht. Unser lieber Berliner Oberbürgermeister präsentiert sich als Retter der East-Side-Gallery, aber welcher aus Schilda zugezogene Bezirkspolitiker hat eigentlich die Abrissgenehmigung erteilt? Hallo?

Eigentlich bin ich schon fast aus der Tür, aber dann muss ich doch noch den einen Beitrag anhören, der tatsächlich inhaltlich zur Frauenquotenwoche gehört. Sie stellen diese 24-Stunden-Kita in Schwedt vor (die finanziert sich wahrscheinlich über bezahlte Interviewtermine), die gerne als Musterbeispiel für eine Infrastruktur genannt wird, die es Frauen ermöglichen soll, Beruf und Familie zu vereinbaren. Ich schalte das Radio aus und springe los, Richtung Büro. Mir macht dieser Kita-Beitrag Bauchschmerzen. Ich schüttele den Kopf, wenn ich von Kitas in den alten Bundesländern höre, aus denen die Kinder zum Mittagessen abgeholt werden müssen, wie soll das denn gehen? Aber ich möchte auch keine 24-Stunden-Kita für meine Kinder haben. Würde das den Druck nicht einfach nur verlagern – den Arbeitgebern jeden Anlass nehmen, sich Gedanken über familienfreundliche Bedingungen zu machen, den Frauen aber aufbürden, ihre Kinder zu jeder Tages- und Nachtzeit betreuen zu lassen, einfach weil die Möglichkeit besteht und die Präsentation (der Jahresabschluss, der Bericht, das Projekt, der Artikel, der Entwurf, das Irgendwas-ist-immer) deshalb unbedingt heute noch fertig werden muss?  

Wenn sie jemals Bier an Frauen verkaufen wollen, sollten sie es jedenfalls mal so versuchen: „Plötzlich geht doch beides! Als entspannte Mutter viel Zeit mit Ihren Kindern verbringen. Und erfolgreich in Ihrem Beruf sein.“ Ich nehme einen Kasten. Prost!

Von Hustenviren, Gelassenheit, Erwerbstätigkeit und Matschhosen

Es ist eine dieser Wochen, in denen Viren und Bakterien unseren Alltag – meinen vor allem – zu einem anstrengenden organisatorischen Balanceakt machen, bei dem ich permanent ein schlechtes Gewissen habe. Meinen aktuellen Lieblingsgrund dafür kann ich mir von Tag zu Tag aussuchen. Ich würde gerne bei meinem fiebernden Vierjährigen bleiben. Mein Chef verlässt sich darauf, dass ich wieder arbeite und alle die mehr als dringenden Dinge nachhole, die liegengeblieben sind, als ich selber krank war. Die Kollegin, die mich im Krankheitsfall vertritt, verlässt sich auch darauf.

Ich hadere mit meinem Alltag.

Es hilft nicht wirklich, dass sich ausgerechnet in dieser Woche auf dem Hocker neben der Toilette – dort, wo ich alles sammle, worin ich vielleicht mal blättern oder ein paar Zeilen lesen mag – das Jako-o Familienmagazin einfindet. Unter dem Leitthema „Mehr Mut zur Gelassenheit“ wird da für eine entspannte und unverplante Kindheit mit vielen, vielen Erfahrungen in der Natur geworben. (Und ganz nebenbei für die Matschhosen, mit denen man sich bei Jako-o für derartige Erfahrungen ausrüsten kann.)

Entspannt und unverplant habe ich mich zum letzten Mal wann gefühlt? Ich weiß nicht mehr. Meine Kinder vermutlich auch nicht. Und so richtig viel Natur kriegen wir autolosen Großstädter allenfalls in Verbindung mit einem schweißtreibenden S-Bahn-Abenteuer zu sehen, das sehr gut geplant werden muss, damit auch alle zur Schlafenszeit wieder zu Hause sind.

Habe ich als Großstadtmutter denn keine Chance, es richtig zu machen? Schulde ich meinen Kindern ein Leben als Raumpionier, irgendwo in einem Häuschen in Brandenburg, wo ich – Meilen über Meilen entfernt von jeder beruflichen Chance – unter einem Baum im Garten sitzen und Kinos, Restaurants, meine Freunde und den Anblick des Fernsehturms in der dunstigen Ferne schrecklich vermissen würde, während die Kinder glücklich in den Wäldern umherstreifen? Oder schulde ich den Kindern mein eigenes Glück – den Versuch, ihnen im Vorleben eines über die Rolle als Mutter hinaus erfüllten Lebens ein Vorbild zu sein? Oder wäre ich am Ende selber glücklicher, da draußen, unter dem Baum?

Es wäre traurig, im Grunde ausschließlich deshalb in der Stadt zu leben, weil ich meinen Lebensunterhalt verdienen muss. (Das fühlt sich auch nur im Januar so an. Oder vielleicht bis Mitte März. Fragt mich dann nochmal.)

Apropos: Zum Thema „Lebensunterhalt verdienen“ sinniert der im Jako-o Magazin interviewte Psychologe Andreas Engel: „Ich frage mich aber schon manchmal, warum Menschen Kinder bekommen, wenn sie keine Zeit haben, ihr Aufwachsen zu erleben und sich an ihnen zu erfreuen.“

Hatte ich erwähnt, dass mein Chef Niederländer ist? Ich glaube, er musste ein Intensivtraining in interkultureller Kompetenz absovieren, um mit all den deutschen Müttern in seinem Team umgehen zu lernen, die nach der Geburt ihrer Kinder mindestens ein Jahr zu Hause bleiben und dann auf unabsehbare Zeit nur 20 oder 30 Wochenstunden arbeiten wollen. Seine Frau ist wenige Wochen nach der Geburt auch ihres zweiten Kindes wieder zur Arbeit gegangen, ganztags. Das ist dort so. Vielleicht werden da auch die Psychologen anders ausgebildet und sagen in Interviews dann andere Sachen.

Und ich – mit meinem komplizierten Alltag zwischen Fieberthermometer und Telefonkonferenz – und mit diesem Baum in Brandenburg in meinem Kopf – natürlich ist dort Sommer, der Garten trägt Früchte, ohne dass ich mich daran erinnern kann, ihn umgegraben zu haben, Mücken gibt es keine, die Kinder lachen irgendwo im Hintergrund, in ihren bunten Matschhosen – frage mich, warum einem sogar unter der Überschrift „Mehr Mut zur Gelassenheit“ dann wieder so viele Anregungen für ein schlechtes Gewissen geliefert werden.

Vielleicht lese ich lieber nicht weiter. Sondern werfe das Heftchen einfach in den Müll. Ganz gelassen.