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Bitter an Dienstagen

Manchmal funktioniert das mit dem Wechselmodell gut, aber fragt mich bitte nicht an Dienstagen danach. Nicht an denen, an denen der Elfjährige – einen Tag nach dem Siebenjährigen – zu mir wechselt. Solche Wochen beginnen nämlich oft ungefähr wie diese:

Am Montag mache ich mit dem Siebenjährigen alles, was sein Papa nicht gemacht hat: Seine Schuhe erst trockenen und dann gründlich imprägnieren. Einen Tag vor der Keyboard-Stunde endlich mal üben, und zwar ordentlich. Den Ranzen aufräumen und alle losen Blätter sortieren. Schulessen für die nächsten Tage und Wochen im Internet bestellen. Den Siebenjährigen mit viel Überredungskunst Möhre, Chinakohl und Gurke zum Abendessen unterjubeln.

Am Dienstag mache ich mit dem Elfjährigen alles, was sein Papa nicht gemacht hat: Meinen Sohn dazu bringen, dass er seinen Ranzen auspackt, die losen Blätter der letzten Schulwochen (die vor Weihnachten war ja auch eine Papa-Woche) einheftet und sein „Lerntagebuch“ für die laufende Woche vorschreibt und auszufüllen beginnt. Angesammelte Tests unterschreiben. Die Elternpost durchsehen. Den Elfjährigen im Internet Schulessen für die nächsten Tage und Wochen bestellen lassen.

Das kling alles nicht so schlimm? Montags mit dem Siebenjährigen ist es auch noch ganz entspannt. Ist ja nur ein Kind, und dieses Kind kann sich gut konzentrieren. Aber noch bevor der Elfjährige am Dienstag mit seinen Schulsachen fertig ist, ist es Abend, habe ich ihn gefühlte dutzende Male ermahnt, sich nicht ablenken zu lassen und weiterzumachen – und er hat Kopfschmerzen. Schluss also für heute. Kurz bevor ich ins Bett gehen will, entdecke ich, dass seine Winterschuhe innen ganz nass sind, hole schnell Zeitungspapier und schalte die Heizung wieder ein. Die Schuhe des Siebenjährigen sind heute trocken geblieben, warum wohl?

An diesen Dienstagen habe ich es satt, einfach nur noch satt. Meine Kinder verbinden die Zeit bei mir mit Pflichterfüllung, Arbeiten für die Schule, Üben für den Musikunterricht, und spätestens dann, wenn zusätzlich zu den Pflichten einer ganz normalen Woche noch die Papawoche nachgearbeitet werden muss, mit Stress und Anspannung. Beim Papa dagegen gibt es ungefüllte Zeit, Pommes und Netflix. Und ich kann nirgendwo hingehen; es gibt keine Instanz, die mich in meinem Anliegen unterstützt, dass auch bei mir Zeit für Schönes bleiben und auch bei ihrem Vater das Notwendige getan werden soll. Hallo Jugendamt, meine Kinder kriegen bei ihrem Papa keine Vitamine und lernen nicht für die Schule? Vernachlässigung sieht ganz anders aus, das weiß ich wohl. Es geht ihnen ja gut dort. Und warme Handschuhe hat er dem Elfjährigen (auf meine Anregung hin) gestern dann mal eben besorgt.

Aber was genau lernen unsere Kinder bei alledem – zum Beispiel über die Rollen von Mann und Frau?

Schwierig, ganz schwierig.

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Waldhäuschennotizen (3)

Die Abende sind hier lang, die Besuchsfreundin und ich kommen ins Reden, wenn die Jungs – eigentlich viel zu spät – schlafen gegangen sind. Morgens sind der Siebenjährige und der Elfjährige trotzdem vor sieben wach. Am Tag leiden also alle unter der typischen Urlaubsmüdigkeit, Abends ist sie dann plötzlich weg. Und von vorn.
Am Dienstagmorgen geht es dem Siebenjährigen schlecht, er kann nicht mit zum Frühstück und übergibt sich. Die Besuchsfreundin und ich bleiben abwechselnd bei ihm. Mittags geht es dann besser, zum Glück. 

Der Elfjährige ist zappelig, müde und widerborstig. Jede Bitte an ihn muss erst im Streit durchgesetzt werden, das ist schade. Am Abend gehe ich mit ihm allein ein paar Runden Tischtennis spielen. Hinterher ist es besser – und als der Siebenjährige im Bett ist, ist der Große wie ausgewechselt; ich lasse ihn gerne noch beim Marmeladekochen die Nase über den Topf halten und später den Löffel abschlecken.

Man stellt sich das immer so harmonisch vor, mit Kindern an einem Ort zu sein, den wir alle lieben. Im Rückblick wird es das wohl auch gewesen sein. Aber während wir da sind, müssen Gummistiefel ordentlich weggestellt, Pflichten – ganz wenige, aber: Pflichten – verteilt, einander widersprechende Wünsche verhandelt werden. 

September

Was in einen Monat so alles hineinpasst!
Septembereindrücke:

Der Sechsjährige mit seiner Schulklasse auf den Treppen zum Eingang der Schule. All die Eltern, die um uns herum Handys und Kameras recken und die stolzen Gesichter ihrer Schulanfänger einfangen wollen. Der altbekannte Schulflur, in dem ich nun in jeder zweiten Woche wieder täglich stehe, um meinen kleinen Sohn abzuholen. Mein Ärger darüber, dass die Elternabende für Klasse 1c und 5c natürlich – natürlich! – parallel stattfinden. Der Zehnjährige, der abends bis neun Hausaufgaben erledigt, die auf einmal schlagartig so viel mehr geworden sind, dass mein unkonzentriertes Kind sie nicht mehr in den dafür vorgesehenen Arbeitszeiten im Ganztagsschultag schafft.

Ein Familienwochenende mit der örtlichen Kirchgemeinde. Viele fremde Gesichter – aber alle sind aufgeschlossen und freundlich. Mit den ersten teilnehmenden Familien kommen wir schon in der Bahn ins Gespräch; was für ein wohltuender Kontrast zum Berliner Alltag, in dem Fremde sonst meistens ausdruckslos aneinander vorbeistarren… Meine Söhne laufen zum ersten Mal einfach mit den anderen Kindern mit. Der Zehnjährige hat einen alten Kita-Freund wiedergetroffen, den wir aus den Augen verloren hatten, weil er eine andere Schule besucht. Ganz selbstverständlich setzen beide sich zusammen an einen eigenen Tisch und verschwinden nach dem Frühstück in Richtung Tischtennisplatte, sobald sie genug Schokomüsli in sich hineingestopft haben. Am Nachmittag steigt plötzlich schon Rauch von der Feuerstelle auf, an der es eigentlich erst am Abend ein Lagerfeuer geben soll. Vom Feuer des Vorabends war genug Glut übrig, ein paar pfadfindererfahrene Mädchen haben das Feuer in Gang gebracht, meine Söhne sind mitten unter den Kindern, die da ohne jede Erwachsenenaufsicht Holz zusammentragen und das Feuer schüren. Abends gibt es dann Stockbrot, das auch nach langer Zeit über der Glut immernoch wie süßer Kuchenteig schmeckt, Gitarrenlieder, eine Gutenachtgeschichte und einen großen brandenburger Himmel voller leuchtender Sterne.

Ein Wochenende mit dem liebsten Freund. Zum ersten Mal in diesem Herbst in die Sauna, mit Blick auf einen See, in dem man von der Sauna aus direkt schwimmen kann, hinaus in die pechschwarzen, kalten, nächtlichen Wasser. Vom See aus sieht man die beleuchtete Stadt, das ist wunderschön. Am nächsten Tag eine Paddeltour, spätsommerliche Sonne, glitschige Haltestangen in der Schleuse, ein Café am Wasser, das Liegestühle rausgestellt hat. Auf dem Rückweg psychosomatischer Gegenwind (eigentlich will ich garnicht zurück…), der für zwei Tage Muskelkater sorgt.

Eine Ausstellung moderner samischer Kunst in den Nordischen Botschaften in Berlin, in einem lichten, mehrstöckigen Gebäude. Ich verliebe mich in einen Baumstamm, ein großes Stück Treibholz, das eine Künstlerin mit Farbe und Glitzersteinen gestaltet hat, „Tochter der Aurora Borealis“. Manchmal möchte ich auch gern eine Künstlerin sein.
Stattdessen nimmt immerhin nebenher meine selbstgestricke Mütze Gestalt an, obwohl ich Fehler mache und häufiger „rückwärts stricken“ muss. Etwas unförmig wird das Ganze am Ende dann doch, leider.

Was noch?

Ich lese „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge und bin beeindruckt; ich verpasse ein Kiezfest, ein Drachenfest, die ArtWeek, den Herbstspaziergang des Schulfördervereins, den Geburtstag einer Freundin und jede Menge Kinofilme. Ich freue mich über und auf Einladungen zu Freunden. Meine ganz große Schwester besucht mich, spontan, für einen Abend und einen Morgen, und begleitet mich und den Sechsjährigen zur zweiten „nasalen Provokation“ bei der Lungenärztin, bei der ihm Hausstaubmilben in die Nase gepustet werden, damit die Krankenkasse nach erfolgter Allergiediagnose einen milbendichten Matratzenbezug stellt.
Ich führe ein Punktesystem für den Sechsjährigen ein – 40 Mal Kortisoninhalation (ohne Meckern und ohne zwischendrin den Mund vom Spacer zu nehmen) wird mit einem Kinobesuch belohnt. Ich führe ein Punktesystem für den Zehnjährigen ein – 30 Mal Hausaufgaben und Ranzenpacken (ohne Meckern, selbständig und vollständig) wird mit einem Mama-und-Sohn-Tag in einem Erlebnisbad belohnt. Der Vater meiner Kinder und ich beginnen, die Kinder um einen Tag verschoben wechseln zu lassen; die ersten Montage mit jeweils nur einem Kind allein sind wunderbar entspannt, auch wenn Arzttermine wahrgenommen und Hausaufgabenberge abgearbeitet werden müssen.

Und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, stelle ich im Kopf mein kompliziertes Familien-und-auch-sonst-System auf, nachdem ich mit meiner ganz großen Schwester über Familienaufstellungen gesprochen habe. Es ist offensichtlich, dass es in meinem System viel zu viel Hinundher gibt; dass jede friedliche Interaktion mit dem Vater meiner Kinder gut ist, weil sie den beiden hilft, damit es sie nicht zerreißt; und dass da jemand fehlt, der neben mir steht, der nicht fortgeht.
Therapeutische Septemberbinsenweisheiten um fünf Uhr in der Frühe.

Back at school

Die ersten Schultage! Hurra… oder lieber doch kein Hurra. Nach dem zweiten Schultag möchte ich jedenfalls in die Schule des Zehnjährigen gehen und mit der Faust auf irgendeinen Lehrertisch schlagen, bis ich mir die Hand verstauche.

Zwischen dem Erstellen der Materialliste für das fünfte Schuljahr und dem Schuljahresbeginn hat sich die Zuordnung der Lehrer in einigen Fächern verändert. An sich nicht schlimm – nur dass die neuen Lehrer wieder neue, andere Materialwünsche haben. Verschwunden ist zum Beispiel die Englischlehrerin, die gerne genau fünf linierte und zwei weiße Blätter in einem Hefter aus Pappe haben wollte. Wozu haben wir uns in den Ferien eigentlich all die Mühe gemacht?

In einen „Lernmittelfonds“ habe ich jede Menge Geld einbezahlt, mit dem die Bücher und Arbeitshefte für das neue Schuljahr besorgt werden sollten. Nun stellt sich heraus, dass die Kinder nur ihre Arbeitshefte bekommen – die Bücher aber anscheinend ausschließlich in der Schule ausgeteilt und nach jeder Stunde wieder eingesammelt werden und nur in begründeten Ausnahmefällen mit nach Hause genommen werden dürfen. Hallo? Wozu dann noch ein Schulbuch? Ach, früher, in der guten alten Zeit… da las man zu Hause nochmal was nach. Lernte mit Hilfe eines Buches für Klassenarbeiten. Bekam Fernweh über den Karten im Atlas. Die Lernmittelfondskinder werden das nicht so leicht hinbekommen.

Der Zehnjährige wird am ersten Schultag mit Informationen bombardiert, bis er nicht mehr kann. Alles wird jetzt anstrengender! verkündet er; wir müssen viel mehr lernen und selbständig zum Unterricht kommen und uns richtig anstrengen. Seine ersten Arbeitszeitstunden verbringt er brav mit der ersten Englischhausaufgabe – dem Ausmalen des Deckblattes für den Hefter. Das Deckblatt für NAWI (Naturwissenschaften) ist auch schon fast fertig. Liebevoll hat der Zehnjährige eine Rankepflanze und ein Eselchen gezeichnet. In das große „N“ soll auch noch ein Bildchen. Das sieht richtig schön aus, aber… mich packt angesichts dieser Malaufgaben der Zorn. Anstrengend wird die fünfte Klasse, wie? Warum werden dann nicht ein paar Vokabeln wiederholt, damit es am Ende nicht gar so eng und stressig wird? Warum wird nicht mit einem spannenden NAWI-Thema begonnen? Ausmalen ist irgendwie sowas von Schuleingangsstufe… kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass ich meine fünfte Klasse damit verbracht habe.

Mama, schimpf doch nicht so rum, klagt mein Sohn, ich kann doch auch nix dafür! Ich gebe ihm recht und knirsche nur noch leise mit den Zähnen.

Aus der Elternpostmappe flattern am ersten Tag drei (!) Elternbriefe. Für den dritten Schultag wird zu einer Informationsveranstaltung eingeladen – es geht um den Übergang an weiterführende Schulen. Wohl dem Elternteil, das in der Schulzeit seiner Kinder seine Abende nicht verplant hat: zwei Tage Vorlauf müssen eben reichen. Gut, dass der Vater meiner Kinder in dieser Woche – weil „kinderlos“ – für sowas zuständig ist. Und noch besser, dass ich ihn  – er kriegt das mit dem Verdrängen ganz schön gut hin – am zweiten Schultag nochmal an den Termin erinnere.

Am ersten Schultag kriege ich den Zehnjährigen halb neun ins Bett. Seine Müdigkeit am nächsten Morgen ist groß. Nein danke, Mama, sagt er, als ich ihn wecke, heute stehe ich mal nicht auf.
Heute abend geht er früher ins Bett, nehme ich mir vor, aber daraus wird nix, in der Papawoche hatten sie nämlich viel zu viel vor, um mal im Internet das Essen für den September zu bestellen. Also muss der Zehnjährige das noch machen. Der Schulcaterer hatte in den Ferien leider, leider Zeit, seine Bestellmaske zu verändern – jetzt muss der Zehnjährige bei jedem der drei Wahlessen für jeden einzelnen Tag erst ein Kästchen öffnen, um zu lesen, was es zu „Fischfilet“ oder „Hähnchenschnitzel“ oder „Gemüsepfanne“ für Beilagen gibt. Das dauert! Während mein Sohn seine Zähne putzt, ergießt sich mein gesammelter Tagesfrust ins Kontaktformular des Schulcaterers.

Um neun sammelt der Zehnjährige endlich seine Kuscheltiere zusammen. Mama, weißt du eigentlich, warum „motivieren“ „motivieren“ heißt?, fragt er mich plötzlich. Nee, wieso? Na weil die Muttis immer die Kinder muttivieren müssen.

Wisst ihr was? Mir reichts für heute mit dem Muttivieren. Aber sowas von.

Und ab nächste Woche habe ich dann zwei Grundschulkinder. In Worten: ZWEI.

Aufgabenzettelchen

Dass mein Arbeitgeber mir ermöglicht, auch ab und zu von zu Hause zu arbeiten, ist ein glücklicher Umstand – und einer der Gründe, warum ich von Jobwechselgedanken immer wieder abkomme. Zwei der vielen langen Sommerferienwochen – eine im August und dann nochmal die erste Septemberwoche – verbringe ich also zu Hause und habe zusätzlich halbe Urlaubstage genommen, um Zeit für meine Kinder zu haben.

Diese Halbzeit-Ferienbetreuung probiere ich zum ersten Mal aus, und daraus wird eine ganz entspannte Woche nach unserem Urlaub am Meer. Ach, könnten wir doch immer so leben!
Ich spare die langen Fahrtwege.
Ich verpasse den Schienenersatzverkehr und die 30 Grad, die bei Sommertemperaturen im Büro unvermeidlich herrschen, weil niemand da ist, der nachts durchlüftet.
Ich gehe morgens mit den Kindern auf den Spielplatz und sitze mittags eine überschaubare Zahl an Stunden am Rechner, abends wird gespielt und vorgelesen.

Und ich habe eine Idee, die sich als genial heraustellt: Vor dem Frühstück überlege ich mir, was heute im Haushalt zu tun ist – und dann schreibe ich Aufgabenkärtchen für meine Kinder, jeden Tag sechs Stück.
Einmal Abwaschen. Einmal Abtrocknen. Einmal Einkaufen. Wäsche aufhängen. Tisch decken und abräumen. Nudeln kochen und Soße warmmachen. Glas zum Container bringen. Müll runterschaffen. Küche fegen und wischen. Eine halbe Stunde Hilfe beim Wäschelegen… Für jede erfüllte Aufgabe dürfen die beiden sich für den Abend ein kleines Spiel wünschen – oder auch mal entscheiden, welche Naschtüte aufgemacht werden soll.
Und das funktioniert so gut, dass ich am Ende der Woche ganz fassungslos vor Freude bin.

Eigentlich sind meine Söhne nämlich faul. An vereinbarte regelmäßige Pflichten muss ich ständig erinnern. Bitten um Hilfe werden schon mal mit einem coolen „Keine Lust“ kommentiert, was unweigerlich Streit nach sich zieht. Denn ich mag nicht mehr alle Hausarbeiten allein machen!

Aber als da letzte Woche die Aufgabenkärtchen lagen, was alles anders. Schon beim Frühstück nahm der Zehnjährige sich die Kärtchen vor und entschied mit seinem Bruder gemeinsam, wer welche Aufgabe erledigen würde und welche sie sich teilen wollten. Die meisten Arbeiten haben die beiden dann ganz oder fast ohne Hilfe, mit nur wenig Erinnern von meiner Seite und ohne Diskutieren und Streiten erledigt. Ich habe mich wirklich entlastet gefühlt – nicht zuletzt weil ich, statt mit hohem Energieverschleiß um die Erfüllung regelmäßiger Pflichten zu kämpfen, die an manchen Tagen garnicht notwendig gewesen wären, um Sachen bitten konnte, die ich gerade wichtig fand. Ich habe das, was für mich zu tun übrig blieb, sehr viel fröhlicher gemacht. Meine Söhne fanden es toll, dass ich mich bei ihnen bedankt und ihnen gesagt habe, dass das, was sie tun, eine echte Hilfe für mich ist. Und wenn mal ein Kärtchen für den nächsten Tag liegengeblieben ist, war das nicht so schlimm.

Außerdem gab es jede Menge Lerneffekte: Der Sechsjährige hat begriffen, wie man Socken zusammenlegt und festgestellt, dass er sehr, sehr gerne wischt. Ich weiß, dass ich ihm noch ein paarmal erklären muss, welche Mülltüte in welche Mülltonne kommt. Der Zehnjährige ist stolz, dass er ganz alleine ein Mittagessen auf den Tisch stellen kann – und ich habe gelernt, dass er mit Schmorgurken dann aber doch noch überfordert ist.

Und beide Kinder haben wohl ein bisschen besser verstanden, wie viel Arbeit ein Haushalt Tag für Tag macht. Am Ende der Woche platzte der Zehnjährige beim Abendessen jedenfalls ganz unvermittelt heraus: Mama, du machst so viel für uns! Danke!

Und das hat sich soooooo toll angefühlt.

Wertschätzung, dieser gute alte Zauber, der einfach immer wirkt.

Jetzt sind erst einmal Papawochen. Aber hinterher – wenn der Alltag wieder bei uns einzieht – möchte ich das mit den Aufgabenkärtchen weitermachen. Vielleicht müssen es dann „Wochenkärtchen“ werden, weil meine ganztagsbeschulten Kinder unter der Woche ja wenig unverplante, freie Zeit haben. Vielleicht erfordert es ein wenig Experimentieren, aber versuchen möchte ich es.
Denn dieses Wir-sind-eine-Familie-und-alle-helfen-mit-Gefühl möchte ich dann auch haben.

Polizeistaat im Kinderzimmer

Die großte Tüte mit dem Geschenkpapiermüll ist schon runtergebracht. Ja, auch wieder genug schönes Papier zum Weiterverwenden aufgehoben, kein Thema. Die Urzeitkrebseier sind zum Schlüpfen angesetzt. (Die werden uns aber nichts tun, frage der Fünfjährige, der noch die Bilder vom Krebsfangen in Bullerbü vor Augen hat, und ich wiege nicht ganz sorglos den Kopf, warum steht auch auf der Packung, dass die Entsorgung der Tierchen über die Kanalisation verboten ist, während man sie unbedenklich als Fischfutter an Freunde weitergeben darf?) Wir haben alle Möglichkeiten der „Alligator-Rettung“ – so der Name eines Kästchens mit Forscher, Boot und Krokodil – besprochen: Muss der Forscher vor dem Alligator gerettet werden oder umgekehrt? Rettet der Forscher das Tier vor der Umweltverschmutzung im Regenwald oder das Tier den Forscher vor irgendeiner Gefahr auf seiner Reise auf dem großen Fluss? Die Wissensbücher sind mit einem undankbaren „Och, nochn Buch“ beiseitegelegt worden – ohne dass ich einen Überblick hätte, bei wem ich mich wofür genau jetzt bedanken muss.

Und natürlich haben die Kinder ihre heiß ersehnten Legokästen ausgepackt und einen langen, geduldigen Vormittag mit den verschiedenen Beutelchen voller Kleinstteile verbracht. Hinterher wird gespielt – und erst da fällt mir auf, dass ich beim Geschenkekaufen besser hätte aufpassen müssen. Gegen den Autotransporter des Fünfjährigen ist nichts einzuwenden. Aber der Neunjährige holt zu seinem neuen Polizeilaster (ausgestattet mit erstaunlich umfangreicher Abhör- und Überwachungstechnik – und mit einer Kaffemaschine) auch noch das Museum mit den Einbrechern, den Polizeihubschrauber und ein Polizeiauto hervor, von dem ich garnicht wusste, dass er das auch schon besitzt. Das Kinderzimmer ist plötzlich voller kleiner Legopolizisten mit festen, entschlossenen Mienen, die kleinen Legodieben – schlechtrasierten Typen mit einem fiesen Grinsen in den finsteren Gesichtern – hinterherjagen.

Eigentlich habe ich das ja garnicht so, bei der Erziehung meiner Söhne jedes Klischee vermeiden zu wollen. Aber was für ein ur-amerikanisches Weltbild wird hier eigentlich via Gabentisch in mein Kinderzimmer eingeschleust? Nicht allein, dass weder auf der Seite der Guten noch auf der Seite der Bösen eine einzige Frau mitmischt – die Begeisterung meines Sohnes für die Jagd der guten Polizisten auf die bösen Bösewichte beginnt mir insgesamt vage Bauchschmerzen zu machen. Hätte ich ihm doch lieber das Bergwerk oder die Küstenwache gekauft! Aber die gab es ausgerechnet in dem Laden nicht, in dem ich auf die größte Legoauswahl gehofft hatte. Und auch bei diesen Bausätzen wird ja zusammen mit den kleinen Steinchen ein Weltbild geliefert, eins, in dem gerettet und gelöscht und die Ordnung eines westlichen Mittelschichts-Lebens wiederhergestellt wird; eins, in dem nichts vorkommt, was diese Ordnung in Frage stellt; eins, in dem frohgemut und fortschrittsgläubig Diamanten in der Arktis oder Bodenschätze in den Bergen abgebaut werden, von Männlein mit immergleichen entschlossenen Heldenmienen.

Und weil Weihnachten ist und ich nicht so viel anderes im Kopf habe, denke ich mir beim Gemüseschnippeln meine eigene Lego-City-Serie aus: Das Gerichtsgebäude, in dem ein korrupter Banker auf der Anklagebank sitzt. Die Maquila, in der heimlich eine Gewerkschaft gegründet wird. Die Kirche mit der Suppenküche hinten dran. Der Supermarkt, hinter dem containert wird; zusammen mit dem Auto von der „Tafel“. Der Wohnwagenpark, in dem ein Rockkonzert stattfindet. Und das Riesen-Set: Ein Flüchtlingswohnheim, zusammen mit dem Containerschiff, in dem die Flüchtlinge übers Meer kommen.

Klar: Kinder – Jungs – meine jedenfalls – mögen Helden. Gut und Böse hübsch getrennt. Und Probleme, die durch ein paar ordentlich ausgerüstete Polizisten gelöst werden können. Wahrscheinlich würde niemand die Kästen kaufen, in denen ich meine Sicht auf die Gesellschaft untergemogelt hätte, weil wir Eltern unseren Kindern ja im Grunde ein Leben in einer Welt wünschen würden, in der die Dinge so einfach wären, wie Lego sie nachbaut. Und ganz klar: Auch ohne meine politischen Bausteinsets werden meine Kinder mitbekommen, wie ich die Welt sehe.

Aber eins steht trotzdem fest – auch wenn die Kindergeburtstage näherrücken und die Wünsche groß sind: Noch mehr Polizei kommt mir so schnell nicht ins Kinderzimmer.

Zwieback, WM-Sofa, Dornröschenträume

Ungefähr eine Stunde bevor der Fünfjährige zur Kita-Fahrt aufbrechen soll, fängt es an. Mama, mir ist sooo schlecht! Aufregung, denke ich, und gehe mit meinem Sohn los, obwohl er sich sogar übergeben hat. Aber als ich dann auch auf dem Weg zur Kita – trotz der frischen Luft und so – die Tüte rausholen muss, die ein gnädiger Geistesblitz mich noch hat einstecken lassen, ist es klar: ab nach Hause und ins Bett. Magenvirus. Der Neunjährige – heute ist mal wieder Schulschließtag – kann zum Glück zu seiner Patentante gehen. Ach, er hatte sich so auf die Woche ohne seinen kleinen Bruder gefreut – der jetzt wieder den allergrößten Teil meiner Aufmerksamkeit einfordern wird.

Abends geht es dem Fünfjährigen schon wieder besser.

Die Patentante des Neunjährigen hat keine Furcht vor Viren und netterweise auch Zeit – also decke ich mein blaues Sofa mit einer gelben Decke („Krankheitsseite“) für mich und den Fünfjährigen und mit einer grünen Decke („Gesundheitsseite“) für die Patentante ab – der Neunjährige bildet den Puffer in der Mitte. Stelle mein Laptop vors Sofa, einen Teller mit Broten und ein paar Schälchen mit Zwieback und Kirschen und Erdbeeren auf ein paar Stühle daneben – perfekt. Dass ich nur Fleecedecken in den brasilianischen Farben habe, geht schon ok, auch wenn Deutschland und Portugal spielen. Anderthalb Stunden lang lümmeln wir gemütlich zusammen, jubeln über Tore, piken Erdbeeren auf, erkläre ich meinen Söhnen, dass man nicht „der portugiesische Torwart muss in den Müll“ sagt, weil das unsportlich ist und dass es langweilig wäre, gegen einen Gegner zu spielen, der einem nicht einigermaßen gewachsen ist. Und anderthalb Stunden lang bin ich hin- und hergerissen zwischen meiner gerade entdeckten Sympathie für die Portugiesen und meiner Freude an den deutschen Toren. Ach, können sie nicht wenigstens ein Gegentor schießen? Não!

Tags drauf fällt die endgültige Entscheidung, der Fünfjährige braucht noch zwei Erholungstage und wird seiner Kita-Gruppe nicht mehr hinterherreisen. Wenigstens kann der Arzt mich beruhigen, dass sein Zustand nichts mit dem Sturz auf dem Spielplatz am Sonntag zu tun hat. Der Neunjährige bringt neue Elternbriefe aus der Schule mit, eine Einladung zum Schuljahresausklang mit Schulübernachtung und Wandertag (bitte auf der Wer-bringt-was-mit-Liste für den Grillabend eintragen), und dann haben wir endlich Zeit, uns zum lange fälligen Familienrat zum Thema Schlafenszeiten zusammenzusetzen, die in den letzten Wochen immer öfter für Streit sorgen.

Wer muss wann ins Bett – an Schultagen, am Wochenende, in den Ferien? Die Kinder kämpfen um längere Spielzeiten am Abend, ich sehe zu, dass es wieder einen (für die Beziehung zwischen dem vorpubertären Neunjährigen und mir dringend nötigen) Abstand zwischen der Schlafenszeit des Fünfjährigen und der des Neunjährigen gibt und schreibe – ganz besonders groß und deutlich – auf unsere Vereinbarungs-Liste, dass ich am Wochenende nicht mehr vor halb Acht geweckt werden darf. Hundert Jahre Schlaf kommt mir in letzter Zeit so unendlich viel attraktiver vor als durch einen Kuss geweckt zu werden. Oder gar durch ein fröhliches „Mama, es ist schon halb sechs!“ am Samstagmorgen.

Aber wirklich wasserdicht sind unsere Familienregeln noch nicht – merke ich am nächsten Tag, als der Neunjährige um Viertel nach Fünf zu mir ins Bett kommt und am liebsten gleich die anstehenden WM-Spiele erörtern möchte. Schließlich ist ja kein Wochenende…