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halbundhalb

Dieses Jahr fahren wir erst im Herbst richtig in den Urlaub. Deshalb habe ich im Sommer zwei Wochen lang halbe Tage freigenommen während der Zeit, in der der Vierzehnjährige und der Zehnjährige bei mir sind. Diese beiden Wochen liegen nun hinter uns… und das Experiment ist gelungen.

Nein, erholt habe ich mich nicht. Glaube ich. Höchstens marginal. Aber es hat gut geklappt, dass die meine Söhne vormittags allein waren und dies und das im Haushalt erledigt haben. Und was haben wir nicht alles gemacht! Einen Draisinenausflug mit dem liebsten Freund. Viermal Lieblingsschwimmbad. Dreimal an der einen und zweimal an der anderen Tischtennisplatte gespielt, dabei dem Sohn der anderen Mitmutter das Tischtennisspielen vermutlich dauerhaft verleidet, obwohl ich versucht habe, ihm immer mal einen Punkt zu schenken. Ein Augenarzttermin. Einmal Public Viewing und einmal Kino für den Vierzehnjährigen. Etliche feinste Frauen-Fußballspiele vom Sofa aus gesehen – und heftig über die Bezeichnung Frauen-Weltmeisterschaft geschimpft. Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen, es ging doch um Fußball und nicht darum, wer Weltmeister im Frausein wird? Außerdem Sauerkirschen vom Baum gerettet und zweimal Schneewittchenkuchen gebacken. Einen unspektakulären krummen Geburtstag tiefenentspannt gefeiert. Zweimal Besuch gehabt. Freunde im Schwimmbad und auf dem Fußballplatz getroffen. Monopoly, Mah-Jong und Skat gespielt. Abends manchmal vorgelesen. Abends manchmal übriggebliebene Kartoffeln oder Schokoladenkuchen gegessen und kein Abendbrot gemacht. Mittags Wunschessen gekocht. Ziemlich viel Eis spendiert. Neue Sportsachen für die Schule gekauft und nebenher auch das meiste sonstige Schulmaterial besorgt und vorbereitet. Insgesamt etwa 30 Stunden gearbeitet. Über ein Stellenangebot in der Nachbarabteilung in meiner Firma gegrübelt, mit dem potentiellen Chef gesprochen und dann unter Schlaf- und Ess-Störungen gegen eine Bewerbung entschieden (vermutlich richtig). Am Ende große Ikea-Taschen mit allem vollgepackt, was der Vierzehnjährige und der Zehnjährige im Urlaub mit ihrem Vater brauchen werden – und für fast drei Wochen Abschied genommen.

Jetzt liegt die große Freiheit vor mir, naja, die kleine vielleicht, bei näherer Betrachtung. Arbeiten, ohne jemandem versprochen zu haben, wann ich zu Hause sein werde. Einen Nachmittag im Café mit der Patentante des Vierzehnjährigen verbringen, die ich ewig nicht mehr in Ruhe gesprochen habe. Katzensitting bei der anderen Mitmutter. Der Hausverwaltung auf die Füße treten, die veranlassen muss, dass der Heizkörper im Badezimmer ausgetauscht wird. Mich noch weiter um das Röntgen des Problemzahns drücken. Ein Termin bei der weltbesten Osteopathin, einer beim Anwalt und ein Experiment in systemischer Familienarbeit (letzteres beides im Zusammenhang mit dem Patchwork-Familiennachwuchs und den Umzugsplänen auf Seiten des Vaters meiner Kinder – ersteres zum Glück zu meinem reinen Privatvergnügen). Eine große Geburtstagsparty bei der ehemaligen Nachbarin. Ein halber Regalmeter Bücher, die ich unverhofft geschenkt bekommen habe. Und vielleicht anderthalb Tage am Meer.

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Reste

Nach der Konfirmation hängt noch die Schürze der großen Schwester am Haken und die Augentropfen der ganz großen Schwester stehen im Kühlschrank. Mehrere fremde Paare Gummihandschuhe tummeln sich am Abwaschtisch und die Müslischälchen sind alle verräumt. Nach der Konfirmation purzeln im Wäschekorb Tischkärtchen, halb abgebrannte Kerzen und Gläser mit getrockneten Tomaten und Kräuteroliven durcheinander. Nach der Konfirmation liegt der ganze Wohnzimmertisch voller Gratulationskarten und Geschenke; sammeln sich Links zu in Clouds gespeicherten Fotos und Foto-CDs; quellen Tischdecken und Bettwäsche aus dem Wäschekorb.

Im Kühlschrank sind sieben Päckchen Kräuterbutter, fünf Schachteln Frischkäse, drei offene Milchpackungen, vier offene Packungen Toastbrot; Ajvar, Humus, eine Tupperdose mit Lammbraten und Bohnen, eine mit einem Stück Lasagne und eine mit Gemüsesuppe; ein nicht genutzter Tortenboden steckt hinter den vier offenen Saftpackungen, die noch einen Platz in der Kühlschranktür ergattert haben. Auf dem Kühlschrank stehen mehr offene Flaschen Wein, als ich sonst in einem Jahr anbreche, und die restlichen offenen Saftpackungen und Wasserflaschen.

Nach der Konfirmation essen wir Toast mit Tortenguss, Lammbraten mit Kräuterkartoffeln und tagelang Thüringer Mohnkuchen, der gut gehaltvoll ist und deshalb nur in kleinen Mengen verzehrt werden kann. Dann bin ich ein paar Tage alleine und speise mich langsam von vorne nach hinten durch die Kühlschrankfächer. Beim Pesto und beim Schokoladenkuchenkanten bin ich auch nach anderthalb Wochen noch nicht angelangt; der Vierzehnjährige kommt jetzt wieder zu mir und wir belegen kurz entschlossen den schon etwas hart gewordenen Tortenboden mit Puddingcreme und Erdbeeren. Weil es keinen Tortenguss mehr gibt, rühre ich Himbeergötterspeise an und löffle sie über die fest in den Tortenring gespannte Torte. Kurz danach haben wir Götterspeise auf der Tortenplatte, in der Tortenschachtel, im Kühlschrank und auf dem Küchenfußboden. Nur auf der Torte ist keine.

Ja, wir hatten ein schönes Fest. Mit einem gelungenen Gottesdienst, leckerem Essen, schönen Spielen und Texten, einem über die vielen Geschenke ganz verzückten Vierzehnjährigen und mit Liedern zum Ausklang in der Sommerabenddämmerung.

Und ganz langsam kehrt wieder Normalität ein.

WmdedgT – 6/2019: Konfirmationsvorbereitungen

Schon wieder hat ein Monat begonnen – „Schöne Familienfeste gestalten“ ziehe ich aus dem Kistchen, in dem ich an Silvester für jeden Monat ein Projekt oder einen Vorsatz notiert habe – und am 5. fragt Frau Brüllen wie üblich nach, wie wir den Tag verbracht haben.

Voila:

Aufstehen ist halb sieben, weil der Vierzehnjährige erst zur 2. Stunde Unterricht hat. Wach werde ich wie üblich schon um fünf, mache die Balkontür auf, weil es jetzt eine Chance auf einen kühlen Luftzug gibt, lege mich wieder hin und höre mit einem halben Ohr den Vögeln draußen (das heurige halbwüchsige Krähenküken scheint schon hungrig) und mit dem anderen halben Ohr den Sorgen drinnen (die sich die To-Do-Liste für die Konfirmation am Sonntag vorgenommen haben) zu.

Halb sieben stelle ich froh fest, dass ich nochmal geschlafen habe.

Ich gehe schnell ins Bad, weil ab sieben die Lieferung des Einkaufs für die Konfirmationsbäckerei ansteht und mache dann Frühstück für den Vierzehnjährigen und mich. Nebenbei entwickeln wir einen Plan, wie wir bei angekündigten 26 Grad Celsius sechs Kuchen, zwei Töpfe Suppe, anderthalb Kilo Frischkäse und ungefähr genausoviel Weißkrautsalat – nebst Sekt und Weißwein etc. – von Samstag bis Sonntagnachmittag kühl halten, wenn wir nur einen kleinen Kühlschrank vor Ort zur Verfügung haben. Dann fällt dem Vierzehnjährigen ein, dass er schon eine Bücherliste fürs neue Schuljahr hat und dann, dass er die von der Schule gestellten Bücher fürs laufende Schuljahr heute abgeben muss. Leichte Hektik, aber er verlässt trotzdem pünktlich das Haus.

Ich habe mir einen Tag Vorbereitungsurlaub genommen und warte deshalb in aller Ruhe auf meinen Einkauf. Nebenbei: Wäsche falten und wegräumen, Anmeldung des Vierzehnjährigen zur Junge-Gemeinde-Woche ausfüllen, diverse Konfirmationsgäste nach ihren Ankunftszeiten fragen, meine Schwestern um das Mitbringen diverser Dinge (Kühltasche, Kühlakkus, Klappkisten) bitten, Mails checken, geschätzte Überlänge des Konfirmationsgottesdienstes wird vom Jugendpfarrer bestätigt, also Ankunftszeit des Caterers nach hinten verschieben, Vermieter der Ferienwohnung anrufen und um fünftes Set Bettwäsche bitten, außerdem nachfragen, ob wir in der Ferienwohnung wohl zwei große Töpfe Suppe im Kühlschrank einlagern können.

Der Einkaufslieferant muss das Kartenzahlgerät im Treppenhaus eine ganze Weile in verschiedene Richtungen halten, bis eine Verbindung zu Stande kommt. Beim Auspacken erst merke ich, dass mir die nicht lieferbare Sprühsahne durch 3 Dosen dubioses Margarine-Cremafinozeugs ersetzt wurden – blöde Idee, hätte ich etwas ohne Sprühen gewollt, hätte ich doch etwas ohne Sprühen bestellt… Sprühsahne kommt also mit auf die Extra-Liste, kurz vor zehn stehe ich an der S-Bahn und fahre ins nächstgelegene Einkaufszentrum. Da im Online-Tool der Deutschen Bahn aus irgendeinem Grund meine bevorzugten Zahlungsoptionen nicht mehr zur Verfügung stehen, gehe ich als erstes zur DB-Fahrkartenagentur und schaue von meinem Platz in der Warteschlange aus geduldig einem älteren Herrn zu, der eine eher komplizierte Verhandlung mit der Angestellten führt. Einige Zeit später führe ich eher komplizierte Verhandlungen mit der Angestellten, die die Wartenden in der Schlange hinter mir die Augen verdrehen lassen. Ich möchte eigentlich nur eine Fahrkarte nach Thüringen, aber ich bin daran gewöhnt, alle Optionen auf dem Bildschirm vor mir zu haben und erst ganz zuletzt eine Entscheidung über Sitzplätze, Spar-, Superspar-, Extrasuperspar- und Cityticket-Angebote treffen zu müssen. Also verwirre ich die Angestellte durch Nachfragen und Umentscheiden, dann vergisst sie eine Änderung, die Karten müssen storniert und neu ausgedruckt werden – und hinterher habe ich auch noch das Gefühl, dass das Ganze online ganz bestimmt weniger gekostet hätte.

Als nächstes brauche ich eine Chormappe in schwarz für den kleinen Auftritt im Konfirmationsgottesdienst, das ist einfach, und dann verschluckt mich die Riesen-Einkaufshalle, in der es ganz bestimmt alles gibt (sogar gelbe Götterspeise für eine experimentelle Zitronentorte und Sprühsahne sowieso), in der ich aber längere Zeit herumirre, weil ich sonst nie hier einkaufe und außerdem auch nur Dinge auf der Liste habe, die ich normalerweise nie brauche. Trotzdem bin ich gegen elf schon wieder zu Hause. Ich halte einen ganz kleinen Schwatz mit der alten Dame von gegenüber, die sich noch ein wenig auf ihrem Balkon aufhält, bevor sie die Jalousien schließt und sich vor der Hitze schützt. Ich muss gleich nochmal los, ich brauche noch sieben Kleinigkeiten aus diversen Läden im Kiez und freue mich, dass alles erhältlich ist – sogar dunkelblaue Füßlinge passend zu meinen allerfeinsten neuen Schuhen. Zwischendurch schaue ich bei der Mitmutter im Allesladen vorbei, aber die muss arbeiten, der Chef steht hinter ihr, wir verabreden uns nur kurz auf einen Kaffee für Donnerstagmorgen.

Gegen zwölf bin ich wieder in meiner kühlen Wohnung. Der Vierzehnjährige hat heute hitzebedingt verkürzten Unterricht und schon angekündigt, dass er nicht in der Schule essen, sondern von mir bekocht werden möchte. Ich bereite Bohnensalat vor und werfe Thüringer Bratwürste in eine Pfanne, als das Kind eintrifft und bestätigt, tatsächlich sehr hungrig zu sein. Ich feiere meinen Urlaubstag mit einem kleinen Mittagsnickerchen, anschließend koche ich mir einen Kaffee und zwinge bringe den Vierzehnjährigen dazu, sein Zimmer aufzuräumen, weil morgen jemand zum Putzen kommt. Aufräumbedingt füllt sich der Wäschekorb, also stelle ich eine Maschine Wäsche an. Der Vierzehnjährige geht zum Friseur, sieht hinterher angemessen schick aus und übt wie abgesprochen Schlagzeug. Ich habe derweil noch eine Verabredung mit einigen Schmuddelecken in der Küche, unter anderem dem Küchensiphon, der häufiger mal gereinigt werden muss, seit ich möglichst viel Wasser, das sonst beim Gemüsewaschen oder vor dem Abwasch einfach abgeflossen wäre, für meinen Balkon auffange. Ein paar Absprachen mit dem Vater der Kinder sind auch noch zu treffen, denn der Zehnjährige kommt am Donnerstag von der Schule zu mir und hat hitzebedingt wie sein Bruder zeitigeren Schulschluss.

Irgendwann sind aber die meisten Dinge erledigt. Der Vierzehnjährige und ich setzen uns mit einem Teller voll Melonenstücken und Erdbeeren auf den Balkon, wir haben Zeit für ein Spiel und am Abend – nachdem der Vierzehnjährige noch mit ganz wenig Murren sämtliche Pflanzen auf dem Balkon gegossen hat – für einen Krimi aus der Mediathek. Vorher ist noch kurz die große Schwester am Telefon; hinterher – als der Vierzehnjährige schon im Bett liegt – der liebste Freund.

Und dann sitze ich draußen auf dem Balkon, es dämmert, die Luft kühlt ab, Fledermäuse schwirren. Eine halbe Hilfe-für-schlaflose-Zeiten-Tablette einnehmen. Drei Seiten lesen. Schlafen.

Achtung Baustelle

Im Bad rostet der Heizkörper. Im Wohnzimmer ist der Dielenlack durchgescheuert, obwohl ich Filzgleiter unterm Stuhl habe. Der Zehnjährige bekommt demnächst Bescheid, ob er schon nach der 4. Klasse aufs Gymnasium wechseln kann, und ich weiß noch immer nicht, ob das eine gute Idee ist. Ich meine: 80 Minuten zusätzliche Wegezeit (fast) täglich für mich für geschätzt ein Jahr, wie wiege ich das ab dagegen, dass er dort vermutlich keine dummen Bemerkungen hört, wenn er gute Noten schreibt? Falls er noch gute Noten schreibt, wenn er etwas dafür tun müsste. Der Vierzehnjährige jedenfalls erklärt, dass er keinerlei Grund mehr sieht, sich für die Schule anzustrengen. Ich bin zu kritisch mit ihm, das weiß ich, und mache eine entsprechende gedankliche Notiz: Nicht mehr so kritisch sein. Mehr loben. Am Vorabend des 1. Mai fahre ich mit dem Zehnjährigen seinen theoretischen zukünftigen Schulweg ab, mit Stoppuhr. Auf dem Rückweg liegt ein Schuhladen, in dem finden wir schwarze Kompromissturnschuhe, die der Zehnjährige zur Konfirmation anziehen kann. Am 1. Mai drucken wir Tischkärtchen für die Konfirmation und ich mache mich auf die Suche nach einer realisierbaren (und superleckeren, beeindruckenden) Kuchenkombination. Der Elektriker muss außerdem kommen und sich meine nicht einsatzbereite Multimediadose ansehen, weil das DSL-Upgrade auf eine schnellere Leitung nicht zum Neukundentarif zu haben ist, die Umstellung auf Kabel aber schon (Schwachsinnige Preisgestaltung!). Leider versteckt sich die Multimediadose hinter einem Schrank voller Dokumenenordner. Der liebste Freund, den ich anstellen wollte, mir beim Schranrücken zu helfen, wird leider gerade an diesem Tag krank. Sollte hier irgendwann eine – rein hypothetische – Playstation angeschafft werden, brauchen wir nicht nur ein schnelleres Internet, sondern auch einen Standort für den – hypothetischen – Fernseher, also gipse ich die Dübel vom Wandregal, das nicht mehr ganz stabil ist, seit mir vor längerer Zeit eine schwere Teppichrolle draufgefallen ist, recht und schlecht wieder in ihre Löcher. Die restliche Wandfarbe, mit der ich die Löcher überstreichen wollte, ist im Keller verschimmelt und riecht übel. Die Zahnarztpraxis hat zu meinem großen Glück eine neue Kollegin, bei der noch ein Acht-Uhr-Termin zum Begutachten der Füllung zu haben ist, unter der mein Zahn sich gelegentlich unwillig rührt. Der Zehnjährige hat unterdessen sein Sportzeug verloren. Ich müsste eine Ferienwohnung im Weimar buchen, um im Sommer mit meinen Söhnen ein paar Tage in der Nähe meines Vater zu verbringen, aber der Vater meiner Kinder lernt für eine Weiterbildung und kann deshalb meine Mail nicht beantworten, in der ich eine Wochenendaufteilung für den Aufenthalt der Kinder in den Sommerferien vorschlage. Nicht näher bekannte Mitglieder meiner Herkunftsfamilie mütterlicherseits haben vor gefühlt 20 Jahren einen Antrag auf Entschädigung wegen einer Nachkriegsenteignung gestellt, der nun bearbeitet wurde und auf einmal flattert mir als 54tel-Erbin nicht nur Familiengeschichte um die Ohren (Was war das für ein Urgroßvater und was hat er vor und während des Zweiten Weltkrieges wirklich getan? Kann man dem Amt vertrauen, wenn es mitteilt, festgestellt zu haben, dass es sich nur um einen Mitläufer gehandelt hat?), sondern auch vielseitige Behördenbriefe ins Haus – jedenfalls sobald mir die adress-stabile ganz große Schwester mitgeteilt hat, dass es wieder einen Brief gab und ich – nein: um ehrlich zu sein: die große Schwester – der jeweils absendenden Behörde meine aktuelle Adresse mitgeteilt hat, denn alle beteiligten Ämter haben noch meine Adresse von vor 20 Jahren. Irgendwie muss ich aber auch noch die Gesamtgästezahl der Konfirmation herausbekommen und dem Caterer mitteilen; den Raum besichtigen, in dem wir feiern wollen und daran denken, auch die Fragen zu stellen, die mir dann gerade nicht einfallen. Der Vierzehnjährige bekommt derweil einen Wachstumsschub nach oben, ich kann ihn kaum noch auf die Stirn küssen – und alle gerade neu angeschafften Hosen haben Hochwasser. (Sagt man das noch?) Vermutlich auch die Konfirmationshose.

Zwischendurch stehle ich mich auf meinen Balkon und schaue meine Blumen und Kräuter an. Und atme. Der Zehnjährige und ich haben neulich gewettet, ob wir mehr oder weniger als 40 Pflanzenarten dort anbauen, und dann mussten wir natürlich eine Liste schreiben und sie alle aufzählen. Es sind 44. Wenn ich mal nichts zu tun habe, werde ich zu jeder einzelnen etwas schreiben. Vielleicht.

 

 

Eine Woche

Montag.

Heute habe ich herausgefunden, dass unser Späti, der Hermespakete annimmt, kein Frühi mehr ist. Es muss am neuen Inhaber liegen. Herausgefunden habe ich es um halb acht, bei strömendem Regen, mit zwei großen Paketen vor mir auf den Armen.

Ich habe das Kleid, das ich mir gekauft habe, um es vielleicht zur Konfirmation des Vierzehnjährigen anzuziehen, über einer Feinstrumpfhose anprobiert. Es klebt grässlich an. Das Internet weiß, dass man in so einem Fall am besten die angezogene Feinstrumpfhose von außen mit Haarspray behandeln soll und das Kleid von innen. Alternativ kann man auch Handcreme verwenden (nur auf der Feinstrumpfhose), Wasser aus einer Sprühflasche (nur auf dem Kleid) oder ein Anti-Statik-Spray, das als Nebenwirkungen Schläfrigkeit und Benommenheit auslösen kann. Ich habe vermutlich noch eine extensive Testphase vor mir. Hoffentlich muss ich mir nicht noch ein Kleid kaufen.

Dienstag.

Die Frau, die mir heute Morgen in der S-Bahn gegenübersaß, fragte mich erst nach einem Tempotaschentusch und schminkte sich dann ungefähr fünf Stationen lang ausgiebig und in aller Ruhe. Ich war sehr fasziniert.

Der Vierzehnjährige hat heute Fieber bekommen und liegt schniefend und frierend unter mehreren Decken vergraben. Zum Glück habe ich jetzt vorsichtshalber immer mein Dienstlaptop dabei, ich werde also von zu Hause arbeiten können.

Mittwoch.

Heute habe ich den Ratschlag bekommen, meinem Vierzehnjährigen eine PlayStation zu kaufen, damit er leichter Freunde findet. Dafür würde ich vieles tun. Ein Konfirmationsgeschenk brauche ich auch noch. Trotzdem wird mir ganz schlechte bei der Vorstellung, riesige Kisten mit unverständlichen technischen Geräten auspacken und irgendwie zum Funktionieren bringen zu müssen; ich stelle mir Kabel vor, die sich wie bösartige Schlangen durch die Wohnung winden, unverständliche Bedienungsanweisungen, einen Riesenbildschirm, der blasiert auf mich herabglotzt – und habe noch nicht mal Lust, herauszufinden, ob irgendwo in meiner Wohnung eine Fernseh-Kabelempfangsdose versteckt ist.

Was mich tröstet, ist wie fast immer ein Buch. Ich fange Lily Bretts Kolumnensammlung „New York“ an zu lesen und freue mich sehr an ihren kleinen, feinen Beobachtungen.

Donnerstag.

Heute war der Vierzehnjährige beim BoysDay in einem Kindergarten. Weil sein Rucksack zu klein war für seine Wechselschuhe in Größe 41, habe ich ihm meinen ausgeliehen und dann aus Versehen mein Handy wie üblich in diesen Rucksack gesteckt. Auf dem Weg simste mein Sohn mir mehrfach, hatte aber keine Idee, warum es auf seinem Rücken immer wieder mal brummte.

Nach dem BoysDay sind wir schrecklich enttäuscht. Die Erzieherin, in deren Gruppe mein Sohn den Tag verbracht hat, wusste garnicht, was der BoysDay überhaupt ist. Vermutlich wusste sie noch nicht mal, dass der Vierzehnjährige an diesem Tag zu einem kleinen Praktikum kommt. Hätte er nicht eine schon vorausgefüllte Teilnahmebestätigung im Rucksack gehabt, hätte er keine bekommen, weil die Kita-Leiterin sich darum nicht gekümmert hatte. So geht Werbung für den Erzieherberuf jedenfalls nicht.

Freitag.

Heute habe ich den Tag begonnen, indem ich mit der Mitmutter vor der Arbeit einen Kaffee getrunken habe. Am Nachmittag habe ich auf dem Balkon Cosmeen und Tomaten vereinzelt, Zinnien und kleinblütige Studentenblumen. Beides war sehr, sehr schön.

Außerdem habe ich eine verstopfte Nase – vermutlich habe ich mich beim Vierzehnjährigen angesteckt. Trotzdem machen wir, was wir uns gestern vorgenommen haben: Der Zehnjährige, der Vierzehnjährige und ich bauen uns ein großes Bett auf dem Sofa, gucken noch ein bisschen Fernsehen auf dem Laptop, lesen noch ein paar Seiten und schlafen dann alle drei ein.

Bald, bald

Die Ferien rücken näher und sind nur noch zwei Sommerfeste, ein Schulfußballturnier, einen Grillabend, ein Musikschulvorspiel, zwei Nachsorgetermine beim Kinderchirurgen, einen Konfirmandengottesdienst, eine Kindergeburtstagseinladung mit Lasertag (zu der der Dreizehnjährige UNBEDINGT hingehen will), einen Ausflug-zum-Sommerbad (bei dem der Neunjährige sich wahrscheinlich wieder erkälten wird), einen Termin im Bürgeramt Hellersdorf um 7.54 Uhr zur Anschaffung eines Personalausweises für den Dreizehnjährigen und eine Geburtstagswanderung weit entfernt.

Die Sommerparty, die fürs Büro gegeben wird, ist dabei nicht mitgerechnet, denn an der kann ich sowieso nicht teilnehmen (wegen: siehe oben). Ein Wunder, dass ich eingeladen wurde – mein Default-Arbeitsmodus der letzten Wochen ist Homeoffice mit Kinderkrankenpflege und Urlaubsvertretung innerhalb der Abteilung. Wahrgenommen wird das – fürchte ich, entnehme ich dem, was über andere KollegInnen im Homeoffice gesagt wird – als „sie ist schon wieder nicht da“.
Der Chef wünscht mir für die beiden Tage, die ich wegen des Kinderchirurgentermins des Dreizehnjährigen mit Krankschreibung zu fehlen angekündigt habe, einen „schönen Sonderurlaub“. Aber er entschuldigt sich, er hatte dem Grund meiner Abwesenheit in seinem eigenen – dreiwöchigen – Urlaub vergessen.

Auf dem Wohnzimmertisch steht ein neues, aus Nachhaltigkeitsgründen gebraucht gekauftes Laptop und blinzelt mir verschwörerisch zu. Ich werde es irgendwann vorsichtig aufklappen und mich auf den langen, steinigen Weg machen, es einzurichten – denn auf meinem treuen Altgerät läuft mein Sprachkurs nun endgültig nicht mehr. Seufz.
Neben dem neuen Laptop reift Rhabarberlikör, die ersten Urlaubsbücher tuscheln miteinander, im WM-Spielplan werden alle Ergebnisse eingetragen, und bisher hinke ich mit meiner intuitiven, von geografischen Vorlieben getriebenen Spielausgangsvorhersage den Tippspielpunkten meiner von Fußballwissen übersprudelnden Söhne nur ein bisschen hinterher.

Morgens zwinge ich mich zu ein wenig Gymnastik. Nachmittags versuche ich mich an einer Viertelstunde Stille. „Zum Lieblingssee fahren“, notiere ich auf einem virtuellen Klebezettel in meinem Handy; „diesen Ort am gegenüberliegenden Spreeufer erkunden, an dem neulich abends Musik gespielt wurde“ und „mit dem liebsten Freund die Gartenbilderausstellung am Wannsee anschauen“.

Denn bald, bald, bald sind Ferien.

#WmdedgT: 5. Juni 2018

Frau Brüllen fragt wie an jedem 5. eines Monats, was wir alle so den ganzen Tag lang machen – und hier sammelt sie die Alltagsberichte von allen, die sich beteiligen.

Mein 5. Juni war ein Erledigungstag, was daran liegt, dass ich am Wochenende das Lotterleben einer Wechselmodellmutter geführt habe und in Heringsdorf war, wo ich den liebsten Freund beinahe die ganze Zeit fröstelnd habe am Ostseestrand sitzen lassen, um mit allerlei Gejauchze ins Meer zu hüpfen und für viele Berlin-Wochen auf Vorrat zu schwimmen. Noch dazu habe ich am Montagnachmittag auf dem Tisch der weltbesten Osteopathin gelegen und am Abend eine äußerst leckere Pizza verzehrt. Alles ohne meine Kinder.
Hinterher ist natürlich zu Hause der Mülleimer voll und der Kühlschrank leer, der Staub tanzt auf dem Tisch und die Spatzen auf dem Balkon, die Wäsche guckt vorwurfsvoll und die Erledigungsliste reicht bis Honolulu. Die war dann mal heute dran.

5.55 Ich wache auf und entscheide, besser gleich aufzustehen. Mein neuester Morgen-Programmpunkt ist– die weltbeste Osteopathin hat es angeordnet, und da mein schmerzender Knöchel unter ihren Händen wieder friedlich wird, tue ich alles, was sie vorschlägt – Gymnastik. Fünf bis zehn Minuten lang, je nachdem. Heute ist ein Zehn-Minuten-Tag. Danach koche ich mir einen Tee und gieße eine Schale Müsli mit halbundhalb heißem Wasser und Milch auf. Ich ziehe den Bademantel an und frühstücke auf dem Balkon. Die Bienen kommen wieder regelmäßig, seit die Bienenweide blüht, also sage ich der Frühschichtbiene Guten Morgen und drohe den Spatzen, die mir nach den roten Melden jetzt den rotstieligen Mangold verwüsten.

6.40 Duschen, Anziehen, Herumtrödeln.

7.10 Ich nehme den Bus zum Baumarkt. Ich brauche Orchideensubstrat, Orchideentöpfe und einen neuen Duschkopf. Alles erhältlich.

7.55 Zurück nach Hause. Im Treppenhaus begegnet mir die Nachbarin von Untendrunter und drückt mir schnell ein Päckchen in die Hand, das sie für mich angenommen hat. Ich streiche die ersten beiden Punkte von der Liste, schraube fix den neuen Duschkopf an und packe den Rucksack mit gefühlten zwei Zentnern aussortierter Bücher und einem kaputten Paar Schuhe voll. Dann zur S-Bahn.

8.45 Büro. Der Chef hat Urlaub, die geschätzte Kollegin ist krank im Homeoffice, sonst ist auf dem Gang auch noch keiner da. Durchatmen, Kaffee holen, Tagesprojekt anfangen. Zwischendurch versuche ich, den Vater meiner Kinder zu erreichen, der heute mit dem Neunjährigen zum Durchgangsarzt zum Fädenziehen geht und unbedingt fragen soll, wann der Neunjährige wieder schwimmen darf.

12.00 Mittagessen mit einer Kollegin in der Kantine: Couscouspfanne und Ratatouille – lecker! Danach schleppe ich die mitgebrachten Bücher in die Bücher-Zelle und vertraue meine allerbesten (aber kaputten) alten Urlaubssandalen dem Schuhmacher an. Hinterher gibt es im Büro noch einen Kaffee und ein bisschen Mailverkehr mit dem Chef des Chefs, der vom Chef des Chefs des Chefs auf ein paar Fragen des Chefs Antworten – leider unklare Antworten – bekommen hat, mit denen ich jetzt weiterarbeiten soll. Auch der Chef mischt sich aus dem Urlaub in die Diskussion ein. Fazit: das kann alles warten, bis er wieder da ist.

14.15 Der Vater meiner Kinder ruft mich zurück – Fäden gezogen, Schwimmen erlaubt. Der Neunjährige berichtet von den drei grässlichen blutigen Stellen an seinem Bein, die das Entfernen der Fäden hinterlassen hat.

15.00 Ich mache pünktlich Schluss. Der nächste Weg führt ins Kaufhaus, wo ich Witscher (bekannter unter dem Handelsnamen „Teigschaber“) für die Schwiegermutter meiner Schwester besorge. Denn die allerbesten Witscher ihres Vertrauens gibt es nur in Berlin! Außerdem brauche ich ein paar hellbraune Sandalen und probiere eine Weile alles an, was mir in die Hände fällt. Die Auswahl von Schuhen in dieser tendenziell schwierigen Ü-40-Farbe wird nicht leichter dadurch, dass die Schuhe wenigstens für halbe Einlagen tauglich sein sollen. Ach: Älterwerden! Ich schließe eine Vernunftehe mit einem Paar Riemchenballerinas und gehe seufzend (aber diszipliniert) an all den Ständern mit Sommerkleidern vorbei zur Kasse.

16.50 Zu Hause. Eigentlich habe ich noch mehr vor (und die Fan-Schminke, die ich den Jungs besorgen wollte, habe ich auch vergessen), aber ich bin zu müde, um nochmal loszugehen. Immerhin erreiche ich telefonisch den Spendenladen der Kinderhilfe und bekomme eine sehr erfreute Antwort auf meine Frage, ob sie den Schulanfängerranzen des Neunjährigen und seine Zuckertüte annehmen würden. Das kommt auf die Liste für den nächsten Erledigungstag. Ich stelle die Waschmaschine an, gieße mir ein großes Glas Wasser ein und setze mich kurz auf den Balkon. Trotz der sehr ausgefeilten Konstruktion aus Bambusstäben und Fäden, die ich um den Mangold gesponnen habe, haben die Spatzen von einer der Pflanzen heute weiter Blätter abgerissen. Ich schwöre Rache, habe aber keine Ahnung, was ich tun soll. Dafür freue ich mich an der ersten Cosmea, deren Blütenblätter heute Morgen noch zu einem ganz festen Päckchen zusammenlegt waren und die jetzt – wunderschön rosa – aufgeblüht ist.

17.30 Ich schreibe die Einkaufsliste für die Kinderwoche und suche Rezepte fürs Wochenende raus. Hühnchen mit Erdnusssauce, Kichererbsensalat und gefüllte überbackene Zucchinis soll es geben. Bevor ich den Einkauf bestelle, esse ich ein paar Brote. Da die Woche ruhig ist, kann ich am Donnerstag von zu Hause aus arbeiten und den Einkauf vormittags liefern lassen. Sehr schön. Jetzt ist die trockene Wäsche an der Reihe, schnell zusammenfalten und wegräumen. Dann mache ich eine Aufstellung über Kosten für Kleidung, Schuhe, Frisör, Klassenfahrt etc., die ich im letzten halben Jahr für die Kinder bezahlt habe, und schicke sie an den Vater meiner Kinder, denn wir teilen uns die meisten dieser Ausgaben und gleichen ab und zu aus, wenn einer mehr als der andere bezahlt hat. Danach ist die neue Wäsche fertig – schnell aufhängen.

19.30 Zeit zum Schreiben!

21.00 Um diese Zeit sendet Radio Colonia auf Italienisch – nebenbei kann ich noch etwas bügeln… Hinterher brauche ich nur noch ein Bett und ein Buch. Arrivederci! Buonanotte!