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WmdedgT – 1/2020

Kaum beginnt das Jahr, ist auch schon wieder WmdedgT-Tag. Frau Brüllen lädt uns alle ein, zu erzählen, was wir alle eigentlich den ganzen Tag machen – und alle, die mitschreiben, finden sich hier.

Ca. 3 Uhr. Ich bin kurz wach und stecke meinen Wecker unters Kissen, damit er später nicht die Kinder gleich mit wachklingelt. Gestellt ist er auf 5.45 Uhr, der Zehnjährige spielt bei einem Schach-Turnier mit, das ist in Potsdam, der Weg ist weit, die Gruppe muss um sieben Uhr schon losfahren.

6.15 Uhr. Irgendwas piept ganz leise unterm Kissen. Au weia, verschlafen. Schnell in die Küche, eine Trinkflasche spülen und füllen, die allerletzten Lieblingsplätzchen in eine Dose stecken, zum Mitnehmen. Ich setze Wasser auf, mache schon mal die Tür zum Zimmer des fest schlafenden Zehnjährigen auf, stelle Müsli auf den Tisch und schäle eine Birne, die er sowieso nicht essen wird. Aus Prinzip.
Dann versuche ich, mein murrendes Kind wachzustreicheln. Ich brauche auch nur ungefähr vier Anläufe. Wir frühstücken schnell, ziehen uns an, ich fahre dem Zehnjährigen mit der Bürste durch die Haare und packe die Trinkflasche in seinen Rucksack. Zähneputzen, losgehen, Fahrscheine nach Potsdam müssen wir ja auch noch kaufen.

Die Stadt schläft noch tief und fest, als wir zur S-Bahn gehen. Nur die anderen Schachspieler sind schon wach, sammeln sich auf dem Bahnsteig, lächeln sich zu. Sie wissen, welche Tapferkeit es verlangt, in den Ferien drei Tage lang so früh aufzubrechen. Gemeinsam mit einer anderen Mutter winke ich der Bahn hinterher, wir wechseln noch ein paar Worte. Ich nehme vom Bäcker zwei Brötchen mit und gehe wieder nach Hause. Im Osten wird der Himmel ganz langsam hell.

Der Vierzehnjährige hat unseren Aufbruch heute verschlafen, also lege ich die Brötchentüte ab und falle selber auch wieder ins Bett.

8.50 Uhr. Der Vierzehnjährige steht auf. Wir kochen – und teilen uns – das eine Ei, das sich im Kühlschrank noch findet, essen die beiden Brötchen und die für den Zehnjährigen geschälte Birne auf. Irgendjemand hat über Nacht schon wieder das ganze Geschirr benutzt und in den Abwasch gestellt, aber ehe ich den Vierzehnjährigen auch nur bittend ansehen kann, winkt er schon ab und meint, er würde mir viiiiiiel lieber alles andere helfen, wenn er nur nicht abwaschen muss.
Weil ja in zweieinhalb Wochen der französische Austauschschüler kommt und dann alles schön aussehen soll, habe ich beschlossen, dass heute Fensterputzen angesagt ist, und nutze das Hilfsangebot des Vierzehnjährigen gleich mal dafür aus. Zusammen kriegen wir es sogar hin, den großen Querflügel des Fensters im Zimmer des Zehnjährigen zu reinigen, den man aushängen muss und dann von außen trotzdem nur von der obersten Leiterstufe aus erreicht, wenn man sich sehr, sehr weit aus dem Fenster lehnt. Das Experiment glückt, und bis zum Mittag habe ich zwei weitere Fenster geputzt, ein paar nicht mehr so gut riechende Adventszweige entsorgt und sogar meine Haarbürste saubergemacht. Es ist Luxus, sich um unwichtige Dinge kümmern zu können, Ferienluxus!

11.30 Uhr. Ich spiele mit dem Vierzehnjährigen eine Partie Reversi und muss leider eine Niederlage einstecken – schon die zweite in diesen Tagen, dabei habe ich mich in diesem Spiel mal für relativ unbesiegbar gehalten. Grrrr.
Ich koche – Linsen, Rosenkohl, Hirse – und wir essen. Der Vierzehnjährige wünscht sich noch eine Partie Scrabble (wir haben viel Freude an „Käsequote“ und „Keimteig“, wir spielen sowieso, ohne Punkte aufzuschreiben), hinterher sinke ich aufs Sofa und bin eingeschlafen, ehe ich auch nur eine einzige Whatsapp-Nachricht beantwortet habe. Kurz vor zwei werde ich wieder wach und verabrede mich mit der anderen Mitmutter auf einen Spaziergang im Stadtwald. Wir nehmen uns unterwegs vor, dieses Jahr ganz, ganz bestimmt unbedingt beide wieder tanzen zu gehen, vielleicht finden wir ja sogar einen Kurs, den wir gemeinsam besuchen können. Gegen drei bin ich wieder zu Hause, die Schachkinder sind noch nicht zurück. Ich suche für die große Schwester ein Rezept aus dem Internet und schicke es ihr, mache mir einen Kaffee, stelle die erste Waschmaschine seit Weihnachten an.

Ungefähr um vier ist der Zehnjährige zurück, er hat insgesamt 2,5 von 5 Punkten erreicht und ist zufrieden. Und extrem erschöpft! Ich heile seine Erschöpfung mit ein paar Honig-Toastbroten, und danach spielen wir das neue Weihnachtsspiel, Halali. Drei Runden reichen nicht aus, um mich für den Kampf zwischen Jägern und Holzfällern auf der einen, Bären und Füchsen auf der anderen Seite zu begeistern. Irgendwie verliere ich immer, das Spiel verlangt zu viel Vorausdenken, das hat der Zehnjährige gerade zweieinhalb Tage lang geübt.

Dann Abendessen. Hinterher bereite ich in der Küche alles für Montagmorgen vor, wir müssen alle drei früh los. Die Kinder spielen so lange an ihren Handys und haben sich auch noch eine halbe Stunde Fernsehen gewünscht. Während der Zehnjährige sich danach ins Bad trollt, schaue ich mit dem Vierzehnjährigen noch Tagesschau. Bedrückende Bilder aus Iran und Irak. Der Vierzehnjährige würde sehr, sehr gerne noch Tatort gucken, aber ich weiß schon, dass ich ihn nach einer halben Stunde da nicht mehr losgeeist kriege. Außerdem bin ich zum Telefonieren verabredet. Also schalte ich den Laptop aus und schaue mein Handy auf Nachrichten durch. Der Vierzehnjährige macht sich bettfertig und darf noch lesen.

21.00 Uhr. Die aus Berlin verzogene Mitmutter ruft an – monatelang haben wir nichts voneinander gehört, jetzt gibt es viel nachzuholen.

22.30 Uhr. Ich stelle das Telefon auf die Ladestation zurück, die Heizung und das WLAN ab. Bad, Buch, Bett. Zu müde zum Lesen, also Licht aus. Der Wecker steht wieder auf 5.45 Uhr.

Adventswochenende

Im Schlafanzug die Lieblingsplätzchen des Zehnjährigen backen
Nach dem Vierzehnjährigen Ausschau halten, der einkaufen wollte und erstaunlich lange wegbleibt
Die Besuchsfreundin, die allerliebste, begrüßen und umarmen
Kochen Essen Abwaschen (da capo ad libitum) und Kaffee, und Reden
Mit dem Vierzehnjährigen streiten, der so gar keine Lust hat, sich auf die Englischklassenarbeit vorzubereiten
Spielerunde mit quirligen Kindern
Doch einen Stern falten, und dann noch einen
Dem Vierzehnjährigen englische Youtube-Filme über Australien raussuchen
Mit der Besuchsfreundin im Internet nach der perfekten Pfanne suchen (mit Titanic-Beschichtung und Hotspot)
Ins Batt fallen

Früh um acht Uhr Brötchen und Croissants holen
Dabei in meinem Gummistiefel ein verspätetes Nikolausgeschenk vom Zehnjährigen finden
Mit der Besuchsfreundin spontan auf den kleinen Weihnachtsmarkt fahren
Ihr an der Bushaltestelle das ganze Elend einer Textnachrichten-Kommunikation mit einem potentiellen Date zeigen
Schmuck aus pflanzlichem Elfenbein bewundern, Creme de Leche kosten, an gefilzten Quallen freuen
Kochen Essen Abwaschen (da capo ad libitum) und Kaffee
Die Besuchsfreundin zum Abschied fest umarmen
Den Vierzehnjährigen motivieren, doch noch eine Seite Englisch schreiben zu üben
Dienstlaptop anschalten und etwas Arbeit, bis der Chef vom Chef offiziell durchgibt, dass alles auf Montagmorgen verschoben ist
Abendessen und dabei Menü und Programm für Heiligabend planen
Den Zehnjährigen an Mathe-im-Advent erinnern und die Phyisk-im-Advent-Aufgabe mit halben Ohr mitkriegen
Textnachrichten von lieben Menschen
Küche aufräumen und gut vorbereiten: Montag müssen beide Kinder zur 1. Stunde
Bügelbrett aufstellen, Kopfhörer auf, superkitschigen Weihnachtsfilm an

Bloggen, Wecker stellen.

WmdedgT – 5.12.2019

Ein letztes Mal in diesem Jahr lädt Frau Brüllen uns zum Tagebuchbloggen ein. Alle Texte dazu finden sich hier.

Gegen halb sechs drifte ich ganz langsam aus einem Traum ins Wachsein. Ich könnte noch eine Stunde schlafen – der Vierzehnjährige hat heute erst zur 2. Stunde Unterricht – aber im Kopf beginnt es sofort zu rattern. Ich entwerfe whatsapp-Antworten, ein Blogtext beginnt sich zu formen, Punkte für die heutige To-Do-Liste fallen mir ein. Um halb sieben stehe ich dann doch auf. Unter der Tür des Vierzehnjährige schimmert schon Licht, mir fällt ein, dass ich seine Handynutzungszeit in der App noch nicht von Papawoche auf Mamawoche umgestellt – d.h. jeden Tag um eine halbe Stunde reduziert – habe, also mache ich das schnell. Dann Bad.

Um Viertel nach sieben bringt der Vater meiner Kinder die Sachen vom Zehnjährigen vorbei, der nach der Schule bei mir eintrudeln wird. Halb acht ist Frühstück, das ist wunderbar spät, der Vierzehnjährige räumt den Tisch ab, während ich schon zur Arbeit losgehe. In der S-Bahn beantworte ich ein paar Handynachrichten, aber eigentlich ist es viel schöner, aus dem Fenster zu schauen, denn der Morgen ist blassblau und sonnig.

Im Büro ist Donnerstagmorgen die beste Zeit, um meine Orchideen zu wässern. Dabei treffe ich in der Küche eine Kollegin – auch alleinerziehend, mit Kindern im gleichen Alter wie ich – , mit der ich kurz austausche, wie viele Klassenarbeiten die Kinder noch schreiben müssen, wie die Stimmungslage in ihrer und meiner Abteilung ist und wer an Weihnachten voraussichtlich wie viel Urlaub nehmen kann. Im Posteingang 3MB Mails mit Arbeitsaufträgen, die mich bis mittags beschäftigen. Kantine. Weiterarbeiten. Trotz Kaffee überfällt mich eine grässliche Müdigkeit, und der undefinierbarer Ziegelstein, der als Nudelauflauf getarnt in meinem Magen gelandet ist, liegt dort so schwer, dass ich auf den Geburtstagskuchen der Kollegin im Büro um die Ecke und auf den von der Geschäftsleitung als kleines Advents-Event ausgegebenen Glühwein lieber verzichte.

Arbeitsende pünktlich um drei, aber nur, weil heute noch Weihnachtsfeier in der Schule des Zehnjährigen ist. Also schnell nach Hause. Der Himmel schon wieder blassblau, die Sonne beleuchtet die vielen Rohbauten entlang der S-Bahn – Eigentumswohnungen, die sich niemand, den ich näher kenne, wird leisten können – jetzt von der anderen Seite. Ich besorge zwei Baguettes. Zu Hause lege ich mich kurz hin und hoffe, die Müdigkeit durch ein Feldherrenschläfchen in den Griff zu bekommen, aber der Vierzehnjährige kommt nach ungefähr einer halben Minute ins Zimmer, um aus den neben meinem Bett gestapelten Plätzchendosen einen neuen Teller voller Naschwerk zusammenzustellen und der Zehnjährige kommt dazu, um sicherzustellen, dass von seinen Lieblingssorten auch genug Plätzchen auf den Teller kommen. Wisst ihr, in was Mütter sich verwandeln, die nicht genug Schlaf bekommen?, ächze ich mit halbgeschlossenen Augen – in schreckliche Monster! – Meine Kinder kichern. Statt Schläfchen setze ich also Kaffee auf. Ich schneide Baguette, hole das vorbereitete Blech mit Datteln im Speckmantel vom Balkon und stecke es in den Ofen, packe Käsecremes, Geschirr, Spiele zusammen. Der Zehnjährige hat in der Papawoche kein Schulessen für Dezember bestellt, das schaffen wir auch noch, bevor wir uns wieder anziehen und uns auf den Weg zur Schule machen.

Gegen halb sechs trudeln Eltern und Kinder erwartungsvoll im Speisesaal der Schule des Zehnjährigen ein. Er ist stimmungsvoll mit Lichterketten geschmückt, es sind Tische gestellt und Plätzchen auf Tellern arrangiert; es gibt Fotos vom Wandertag, den leckersten Schokoladenkuchen, den ich je gegessen habe, und Gelegenheit, mit verschiedenen Eltern ins Gespräch zu kommen, von denen ich erst ganz wenige kenne. Die Kinder toben unterdessen auf dem Schulhof herum und spielen im Dunklen Verstecken und Fange. Nach zwei Stunden knipst der Klassenlehrer unbarmherzich das Deckenlicht an, bittet um Hilfe beim Aufräumen und freut sich sichtlich auf seinen späten Feierabend. Der müde Zehnjährige klagt mir in der S-Bahn sein Leid – diese oder jene Klassenarbeit könnte schlecht ausgefallen, seine mündliche Mitarbeit nicht ausreichend für eine gute Note sein und in seiner Klasse sei er auch nicht glücklich gerade. Meinem müden Kind erscheint die ganze Welt düster; gut, dass wir bald zu Hause sind. Dort muss noch der Ranzen gepackt und „Mathe im Advent“ und „Physik im Advent“ gemacht werden, während ich spüle und der Vierzehnjährige über die Reste herfällt, die wir vom Buffet wieder mit nach Hause gebracht haben.

Der Vierzehnjährige putzt noch seine Schuhe, der Zehnjährige schafft das nicht mehr und handelt mit mir eine Verschiebung des Nikolaustages aus. Meinetwegen, sage ich, und der Vierzehnjährige bietet an, die Schue des Zehnjährigen mitzuputzen (für fünf Euro? drei? einen?), aber der spart sein Geld und bestellt den Nikolaus für Sonntagmorgen. Ich bringe ihn schnell ins Bett. Dann sinke ich selbst aufs Sofa und schaue fern. Ungefähr alle fünf Minuten rufe ich: Vierzehnjähriger! Du musst jetzt ins Bett! – und irgendwann geht er sogar.

Dann nur noch ich. Stille. Bloggen. Gute Nacht!

Was ich mir wünsche (Dezember 2019)

Zwei oder drei gute Bücher für die dunklen Abende.
Und Abende mit Freunden, lachend, erzählend.
Keine Katastrophen in den Nachrichten morgens
um sechs Uhr dreißig. Stattdessen ab und zu Wunder.
Zeit zum Schreiben, im Kopf genug Raum für ein paar neue Gedanken.
Jeden Tag jemanden anlächeln, der das Lächeln erwidert,
und in der S-Bahn einen Sitzplatz weit weg von dem, der schon wieder
so laut seine Nase hochzieht.
Einmal wenig genug erkältet,
um in die Sauna zu gehen, und dann am liebsten
einen Aufguss mit Grüntee und Zitrus.

Zwischen Büro und Schulweihnachtsfeier ein bisschen Stille.
Eine geschenkte Stunde an Tagen, an denen die Kinder
für Sprachklassenarbeiten lernen. Anrufe und Mails statt Whatsapps.
Dass weder Toilettenpapier noch Geduld im falschen Moment ausgehen
(und der Sauerstoff uns über den Winter reicht und gerne viel Regen).
Einen Euro in der Tasche für jemanden, der mich bittet.
Vielleicht einen Weihnachtsmarkt besuchen, ganz früh,
wenn die Buden erst öffnen,
und abends
in fremden Fenstern Herrnhuther Sterne und über den Dächern
den Orion sehn.

Einen Weihnachtsbaum (der darf auch schief stehn),
noch Geschenkideen für Menschen, die mir lieb sind. Bitte
kein Kaufhaus
betreten müssen (und wenn doch, dann nur die Abteilung
mit der Sockenstrickwolle) – und dem Paketboten,
der mich freundlich grüßt seit er mir mal ein Möbelstück in den Keller geschleppt hat,
einen Weihnachtsgruß geben.
Dass am Heiligen Abend die Kinder irgendwann hochglücklich einschlafen.
Ein bisschen Feuerwerk am Silvesterhimmel, funkelnde Räder; jemanden,
der mich umarmt und die richten Wünsche weiß, und
dass der Sekt gut schmeckt und dass später die Ohrstöpsel halten.

Von vorn

Die Ferien sind vorbei. Keinen richtigen Urlaub zu haben, hat mir gefehlt, das möchte ich nächstes Jahr wieder anders. Trotzdem war es schön, länger schlafen zu können, mein Müsli morgens auf dem Balkon zwischen Ringelblumen, Sonnenhut und reifenden Paprika zu essen und die Windenblüten zu zählen. Ich hatte auf zwei Zetteln schöne Unternehmungen und Projekte oder Pflichten sowohl für die drei Ferienwochen mit meinen Jungs als auch für meine drei Ferienwochen allein aufgeschrieben. Die meisten schönen Dinge, die ich mit den Kindern vorhatte, haben wir gemacht. Die meisten Dinge, die ich selbst gern gemacht hätte, sind nichts geworden. Aber dafür war ich spontan in Dänemark, am Meer, das war wunderbar.

Mit meinen Söhnen galt es, das Familienleben neu auszutarieren. Was kann ich fordern, wo möchte ich loslassen – gelassener werden – und gerade den Vierzehnjährigen selbst Verantwortung übernehmen lassen? Was brauche ich selbst, um einen freien Tag mit den Kindern schön zu finden? Und vor allem: Was möchte ich selbst gern tun und woher nehme ich die Freiheit dafür? Diese Fragen nehme ich ins neue Schuljahr mit, in dem ich mich schon am ersten Tag wieder in die Basis-Versorgungsstation der Familie mit Rundum-Service verwandle, Kleidung, Essen, Sauberkeit, Regeln, Struktur, Unterschriften, ein offenes Ohr, Zärtlichkeit und die Erfüllung von Wünschen bereitstelle.

Der Vierzehnjährige verbringt die erste Schulwoche im Jugendhaus der Kirche mit der Jungen Gemeinde. Das freut mich, auch wenn die Kinder vielleicht zu wenig schlafen und deshalb ein wenig holprig ins neue Schuljahr starten werden. Aber ich bekomme am Montagmorgen – nach der ersten dort verbrachten Nacht – eine begeisterte Sprachnachricht; anscheinend hat der Vierzehnjährige eine Menge Spaß. Nachmittags kommt er vorbei, es sind Bücher einzubinden, Formulare auszufüllen, Schulsachen für den nächsten Tag zu holen. Dann schwirrt er wieder ab, selbständig, mein großes Kind.

Den Zehnjährigen habe ich am Morgen zum ersten Mal in seiner neuen Schule abgeliefert. Gegen neun ist die S-Bahn dorthin angenehm leer, die Straße morgensonnig, Cafés haben geöffnet, an einem Spielplatz mit Tischtennisplatte kommen wir vorbei, an einem Eiscafé, an einem indischen Restaurant. Auf dem Weg schon lernen wir ein Kind aus der neuen Parallelklasse kennen und seinen Vater. Vor dem Schultor mache ich schnell ein Foto von meinem kleinen großen Sohn, bevor wir uns auf die Suche nach dem Klassenraum begeben und ich mich verabschiede. Zwei Stunden Homeoffice, dann hole ich ihn wieder ab, der erste Schultag ist kurz. Eigentlich müsste ich jetzt noch bis zum Abend arbeiten; drei Stunden zusätzliche Wegezeit passen eigentlich nicht in einen Tag, der kein Urlaubstag ist. Aber das wird sich einspielen, der Zehnjährige wird seinen Schulweg bald allein bewältigen können und die Schultage werden spätestens in zwei, drei Wochen ihre übliche Länge erreicht haben, die es Eltern erlaubt, „zwischendurch“ auch berufstätig zu sein.

Auf dem Smartfon, dass der Zehnjährige jetzt bekommen hat, um im Klassenchat Anschluss zu finden und per Öffi-App den Heimweg auch an den vielen Tagen zu finden, an denen die Berliner S-Bahn unzuverlässig ist, habe ich eine Kindersicherungs-App installiert; wir sind noch im Prozess des Experimentierens – wie viel darf jeden Tag gespielt werden; wie viel darf jeden Tag gechattet werden und was muss immer erlaubt sein, damit wir in Kontakt bleiben können, wenn er in der Stadt allein unterwegs ist. Der Vierzehnjährige hat ein Handy anderer Marke und konnte die App nach wenigen Tagen selbständig deinstallieren. Dabei fällt es gerade ihm schwer, sich von Handyspielen loszureißen und um das kümmern, was ihn (jedenfalls nach der unmaßgeblichen Meinung seiner Mutter) wirklich angeht – Schulprojekte, die Bewerbung fürs Schülerpraktikum, Vokabeln.

Am Abend kehrt Ruhe ein. Die Ruhe der Noch-Urlaubszeit: keine Anrufe, keine Nachrichten auf dem Handy. Ich habe mich ein bisschen zu sehr ans Nicht-Kommunizieren gewöhnt; seit wir im letzten Herbst zum ersten Mal allein im Waldhäuschen waren, ist Einsamkeit mein Thema gewesen. Ja, ich hätte gerne wieder so etwas wie ein eigenes Leben. Und Menschen um mich, Erwachsene.

Hoffen auf ein gutes Jahr.

halbundhalb

Dieses Jahr fahren wir erst im Herbst richtig in den Urlaub. Deshalb habe ich im Sommer zwei Wochen lang halbe Tage freigenommen während der Zeit, in der der Vierzehnjährige und der Zehnjährige bei mir sind. Diese beiden Wochen liegen nun hinter uns… und das Experiment ist gelungen.

Nein, erholt habe ich mich nicht. Glaube ich. Höchstens marginal. Aber es hat gut geklappt, dass die meine Söhne vormittags allein waren und dies und das im Haushalt erledigt haben. Und was haben wir nicht alles gemacht! Einen Draisinenausflug mit dem liebsten Freund. Viermal Lieblingsschwimmbad. Dreimal an der einen und zweimal an der anderen Tischtennisplatte gespielt, dabei dem Sohn der anderen Mitmutter das Tischtennisspielen vermutlich dauerhaft verleidet, obwohl ich versucht habe, ihm immer mal einen Punkt zu schenken. Ein Augenarzttermin. Einmal Public Viewing und einmal Kino für den Vierzehnjährigen. Etliche feinste Frauen-Fußballspiele vom Sofa aus gesehen – und heftig über die Bezeichnung Frauen-Weltmeisterschaft geschimpft. Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen, es ging doch um Fußball und nicht darum, wer Weltmeister im Frausein wird? Außerdem Sauerkirschen vom Baum gerettet und zweimal Schneewittchenkuchen gebacken. Einen unspektakulären krummen Geburtstag tiefenentspannt gefeiert. Zweimal Besuch gehabt. Freunde im Schwimmbad und auf dem Fußballplatz getroffen. Monopoly, Mah-Jong und Skat gespielt. Abends manchmal vorgelesen. Abends manchmal übriggebliebene Kartoffeln oder Schokoladenkuchen gegessen und kein Abendbrot gemacht. Mittags Wunschessen gekocht. Ziemlich viel Eis spendiert. Neue Sportsachen für die Schule gekauft und nebenher auch das meiste sonstige Schulmaterial besorgt und vorbereitet. Insgesamt etwa 30 Stunden gearbeitet. Über ein Stellenangebot in der Nachbarabteilung in meiner Firma gegrübelt, mit dem potentiellen Chef gesprochen und dann unter Schlaf- und Ess-Störungen gegen eine Bewerbung entschieden (vermutlich richtig). Am Ende große Ikea-Taschen mit allem vollgepackt, was der Vierzehnjährige und der Zehnjährige im Urlaub mit ihrem Vater brauchen werden – und für fast drei Wochen Abschied genommen.

Jetzt liegt die große Freiheit vor mir, naja, die kleine vielleicht, bei näherer Betrachtung. Arbeiten, ohne jemandem versprochen zu haben, wann ich zu Hause sein werde. Einen Nachmittag im Café mit der Patentante des Vierzehnjährigen verbringen, die ich ewig nicht mehr in Ruhe gesprochen habe. Katzensitting bei der anderen Mitmutter. Der Hausverwaltung auf die Füße treten, die veranlassen muss, dass der Heizkörper im Badezimmer ausgetauscht wird. Mich noch weiter um das Röntgen des Problemzahns drücken. Ein Termin bei der weltbesten Osteopathin, einer beim Anwalt und ein Experiment in systemischer Familienarbeit (letzteres beides im Zusammenhang mit dem Patchwork-Familiennachwuchs und den Umzugsplänen auf Seiten des Vaters meiner Kinder – ersteres zum Glück zu meinem reinen Privatvergnügen). Eine große Geburtstagsparty bei der ehemaligen Nachbarin. Ein halber Regalmeter Bücher, die ich unverhofft geschenkt bekommen habe. Und vielleicht anderthalb Tage am Meer.

Reste

Nach der Konfirmation hängt noch die Schürze der großen Schwester am Haken und die Augentropfen der ganz großen Schwester stehen im Kühlschrank. Mehrere fremde Paare Gummihandschuhe tummeln sich am Abwaschtisch und die Müslischälchen sind alle verräumt. Nach der Konfirmation purzeln im Wäschekorb Tischkärtchen, halb abgebrannte Kerzen und Gläser mit getrockneten Tomaten und Kräuteroliven durcheinander. Nach der Konfirmation liegt der ganze Wohnzimmertisch voller Gratulationskarten und Geschenke; sammeln sich Links zu in Clouds gespeicherten Fotos und Foto-CDs; quellen Tischdecken und Bettwäsche aus dem Wäschekorb.

Im Kühlschrank sind sieben Päckchen Kräuterbutter, fünf Schachteln Frischkäse, drei offene Milchpackungen, vier offene Packungen Toastbrot; Ajvar, Humus, eine Tupperdose mit Lammbraten und Bohnen, eine mit einem Stück Lasagne und eine mit Gemüsesuppe; ein nicht genutzter Tortenboden steckt hinter den vier offenen Saftpackungen, die noch einen Platz in der Kühlschranktür ergattert haben. Auf dem Kühlschrank stehen mehr offene Flaschen Wein, als ich sonst in einem Jahr anbreche, und die restlichen offenen Saftpackungen und Wasserflaschen.

Nach der Konfirmation essen wir Toast mit Tortenguss, Lammbraten mit Kräuterkartoffeln und tagelang Thüringer Mohnkuchen, der gut gehaltvoll ist und deshalb nur in kleinen Mengen verzehrt werden kann. Dann bin ich ein paar Tage alleine und speise mich langsam von vorne nach hinten durch die Kühlschrankfächer. Beim Pesto und beim Schokoladenkuchenkanten bin ich auch nach anderthalb Wochen noch nicht angelangt; der Vierzehnjährige kommt jetzt wieder zu mir und wir belegen kurz entschlossen den schon etwas hart gewordenen Tortenboden mit Puddingcreme und Erdbeeren. Weil es keinen Tortenguss mehr gibt, rühre ich Himbeergötterspeise an und löffle sie über die fest in den Tortenring gespannte Torte. Kurz danach haben wir Götterspeise auf der Tortenplatte, in der Tortenschachtel, im Kühlschrank und auf dem Küchenfußboden. Nur auf der Torte ist keine.

Ja, wir hatten ein schönes Fest. Mit einem gelungenen Gottesdienst, leckerem Essen, schönen Spielen und Texten, einem über die vielen Geschenke ganz verzückten Vierzehnjährigen und mit Liedern zum Ausklang in der Sommerabenddämmerung.

Und ganz langsam kehrt wieder Normalität ein.