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Zuckerstreusel und Geschichten

Am Schönsten an Kindergeburtstagen finde ich die Vorabende.

Alle sind in festlicher Stimmung. Wir backen die traditionellen Becherküchlein – der gerade-noch-Sechsjährige macht bei seinen den Teig schon selber und streut später bunte Zuckerstreusel auf die Küchlein, die ich mit Zuckerguss überziehe; der gerade-noch-Zehnjährige macht schon alles von Anfang bis Ende selber, und ich gebe neidlos zu, dass seine Küchlein hübscher sind als die, die ich mit seinem kleinen Bruder gemacht habe.

Beim Abendessen erzählen wir Geschichten. Auf dem Tisch steht ein Osterglockenstrauß, genausoeinen habe ich heute vor elf Jahren auch gekauft, sage ich, und dann am Nachmittag habe ich die Lichterkette, die inzwischen über unserer Küchentür hängt, in meinem großen Zimmer angebracht, und als ich auf der Leiter stand, habe ich gemerkt, dass mein Baby bald geboren wird, und das warst du! Ich erzähle davon, dass ich in der Schwangerschaft – in beiden – kein Brot essen mochte (ich erinnere mich, ja, ruft der Zehnjährige, als der Siebenjährige in deinem Bauch war, hast du morgens immer so Hirsebrei gegessen, so weißes Zeugs!), und dass ich mir damals vor elf Jahren, abends nach der Arbeit, in der alten Wohnung noch, immer Gemüse gekocht habe. Wie schlimm ich das Essen in den zwei Wochen Spanienurlaub fand, die ich mit dem Vater der Kinder vor der Geburt des gerade-noch-Zehnjährigen gemacht habe, und von dem legendären Einkauf beim Spätlidl am Insbrucker Platz hinterher, wie ich zu Hause schon beim Auspacken die Packungen von Körnerbrötchen und Schinkenwürfeln aufgerissen und beides in mich hineingestopft habe, weil mir nach diesem Urlaub alles, alles wieder schmeckte.

Ich erzähle vom Umzug, zwei Monate vor der Geburt des Großen, vom Möbelaufbauen und Möbellackieren, vom Wäscheständer voller winziger Strampler und Socken. Von meiner Freude. Von der Sonne, die um sieben Uhr morgens vom blauen Himmel leuchtete, als mein Sohn neugeboren auf meinem Bauch lag. Davon, wie schrecklich sich sein Papa beim Anziehen des Babys angestellt hat, wie die Hebamme kopfschüttelnd danebenstand und wie wir dann die Schnallen vom Kindersitz für die Heimfahrt nicht zugekriegt haben… Wir Anfängereltern.

Auch für den gerade-noch-Sechsjährigen gibt es Geschichten. Am Abend vor deiner Geburt, erzähle ich, war ich mit Freundinnen beim Inder essen, mit meinem dicken, dicken Bauch, der kaum noch zwischen Stuhl und Tisch passte. Und dann wolltest du unbedingt noch in derselben Nacht geboren werden, weil du bestimmt die indischen Gewürze nicht mochtest. Ja, so war das, nickt mein Kind, das bis heute nichts kräftigeres als den Geschmack von weißem Streichkäse mag.

Der grade-noch-Zehnjährige weiß noch genau, wo später sein Schutzgitter stand, in dem er bauen konnte, ohne dass sein kleiner Bruder – damals im Krabbelalter – ihm alles kaputtmachen konnte. Er flitzt in sein Zimmer und zeigt uns die Stelle. Und nachts, sagt er zu seinem kleinen Bruder, heute noch empört, hast du geschnarcht! Der an-diesem-Vorabend-schon-Siebenjährige kichert.

Später, wenn die Kinder im Bett sind, decke ich den Frühstückstisch mit den Bürgeltellern und den Namenstassen, stelle Blumen hin und die Taufkerzen, von denen jeder meiner Söhne zwei hat. In meinem kleinen Schlafzimmer hole ich die Kisten vom Schrank, in denen die Geschenke versteckt sind, wickle sie in die Stoffbeutel, die wir nun schon lange zum Einpacken benutzen, schleiche ins Zimmer des schlafenden Geburtstagskindes und baue den Geburtstagstisch auf.

Ich gehe im Kopf die Zutaten fürs Wunschfrühstück am nächsten Morgen durch, treffe letzte Absprachen für die Feier, erinnere mich.

Auch den frühen Geburtstagsmorgen liebe ich, ja doch: tappende Kinderfüße, viel zu früh; eine dicke Geburtstagsumarmung, die Freude über das erste Geschenk und vielleicht noch das zweite –

Das alles ist schöner als das Chaos, in dem das Geschenkeauspacken unweigerlich endet. Schöner als der unsägliche Lärm im Indoorspielplatz, wo der Siebenjährige mit seinen Freunden tobt; sogar schöner als der Hochseilgarten, in dem nicht nur der Elfjährige behände mit seinen Freunden nach oben turnt, sondern auch ich Freude an der Herausforderung habe, aber angespannt bin, soooo angespannt, weil doch heute alles, alles schön werden soll.
Schöner als die Hektik eines Geburtstages zu Hause, an dem das Essen zur richtigen Zeit auf dem Tisch stehen soll, das Geburtstagkind wegen irgendeiner Enttäuschung getröstet werden muss, nie genug Zeit für alle Spiele und alle Freunde und alle liebevoll geschriebenen Geburtstagskarten ist; der viel zu schnell vorbeigeht und niemals so ganz hält, was der Vorabend verspricht, an dem wir zusammensitzen und Geschichten erzählen… und uns erinnern.

…und Feiertag

Ja, 3.10.2015! Ob mir nach Feiern zu Mute ist, weiß ich garnicht.
Denn… wie mein Leben alternativ verlaufen wäre, mit Wende, aber ohne Wiedervereinigung – ich kann es mir schlicht nicht vorstellen.

Wenn ich mich zurückerinnere, an diese sonderbare Zeit zwischen 1989 und 1990, fallen mir die Rebellen aus meiner Schulklasse ein, die mit Tomaten in der Tasche zu der Großveranstaltung gingen, auf der Helmut Kohl sprach. Der West-Lehrer, der plötzlich an unserer Schule unterrichtete, und sich durch den Zettel unmöglich machte, der aus seinen Unterlagen vom Lehrertisch flatterte: „Mama anrufen!“. An das neue Fach „Wirtschaft und Recht“, in das ich mich – widerwillig gegen das Gesellschaftssystem, das vor einem Jahr noch der angebliche Feind war und uns da jetzt plötzlich überrollte, aber doch auch neugierig – wütend verbiss.
Ich erinnere mich an unsere Katze, die sich fast an einem nicht mehr abreißenden Faden irgendwie doch schlecht gewordener H-Milch verschluckte, den sie beim Schlecken aus ihrem Napf gezogen hatte. Meine Mutter sehe ich vor mir, die über ihren Rentenunterlagen verzweifelte, als langjährig geringverdienende ostdeutsche Pfarrersfrau hätte sie nicht wirklich viel zu erwarten gehabt. Die plötzliche Fülle an Möglichkeiten fällt mir ein, die die Wiedervereinigung uns brachte: Auslandsjahre und Berufsziele, Studienstädte und Reisen. Und ich erinnere mich daran, wie schwierig das war, plötzlich entscheiden zu müssen.

All das ist lange her, und selbst wenn ich mich noch immer als „ostdeutsch“ empfinde – in der Welt, in der meine Kinder aufwachsen, spielt das keine Rolle mehr, die ist von ganz anderen Entwicklungen geprägt. Durchrationalisierte Studiengänge. Digitalisierung. Freihandelsabkommen. Klimawandel. Immer wieder neue Kriege. Flüchtlingsströme.

Vielleicht ist die Erinnerung daran, wie sehr eine Gesellschaft sich verändern kann, eine gute Sache an so einem 3. Oktober. Und daran, dass Veränderungen von denen ausgehen können, die sich für eine Welt einsetzen, in der ein gutes Leben möglich ist, für alle. Nein, ich schaffe es vor lauter To-Do-Listen nicht, viel für diese Welt zu tun. Aber davon träumen möchte ich, trotzdem.

Im neuen Jahr

2015 ist noch keine zwei Wochen alt, aber schon liegt ist der Jahresanfang hinter einem kleinen Berg Alltag weit, weit zurück.

Wir haben mit der Familie gefeiert: Mit der großen Schwester und der ganz großen Schwester und den Männern von beiden und der ganz großen Nichte, der meine Söhne am liebsten nicht mehr von der Seite gewichen wären. Mit Wunderkerzen auf einem Hügel über der Stadt und mit Sorgen um unseren Vater, der das neue Jahr im Krankenhaus beginnen musste. Dieses Mal alles gut, aber wie soll es weitergehen? Mit dem Auto? Mit dem Garten? Mit der nicht altersgerechten Wohnung, den Papierstapeln im Arbeitszimmer?

Den Weimar-Tatort schauen wir uns an, schließlich kennen wir die Stadt gut, nicht so schlimm also, dass wir den Kommissar nicht verstehen. Was für ein Genuschel! Die Kinder wollen „Pünktchen und Anton“ am nächsten Tag gleich nochmal sehen, und irgendwann zwischendurch hole ich all die Zettel mit schönen Erinnerungen aus 2014 aus dem Honigglas in meinem Gepäck – es sind viel mehr, als ich dachte, wir kommen mit dem Vorlesen kaum zum Ende. Einstimmig beschließen wir, das Glas auch in 2015 wieder aufs Küchenfensterbrett zu stellen und zu füllen.

Dann fahren wir zurück nach Berlin. Arbeit, Kita und Schule nehmen ihren Betrieb wieder auf. Kindergeburtstags-Einladungen müssen geschrieben, Urlaubstermine mit Kollegen abgestimmt werden; ich erkundige mich nach den letzten Kinder-Schwimmkursen vor der Umwandlung unserer Kiezschwimmhalle in einen reinen Vereinsbetrieb, und der Vermieter hätte gerne mehr Geld von mir und meint, der Müllplatz des Nachbargrundstücks sei kein Stück verwahrlost, unser Hinterhof – mit der aus Brettern schief zusammengenagelten, uralten und noch nicht mal nutzbaren Kompostecke und dem inzwischen total vergrasten Sandkasten und den mickerigen Beerenbüschen und dem Kirschbaum, der so beschnitten ist, dass man noch nicht mal mehr von der Leiter aus an die Früchte kommt – dagegen „aufwändig gestaltet“. Morgens, wenn ich zur Arbeit gehe, ist es zu dunkel, um den Sperrmüll auf dem Nachbargrundstück zu fotografieren, abends, wenn ich zurückkomme, auch. Kann ich einen wohnwertmindernden Mangel an Licht und Sonnenschein geltend machen?

Fassungslosigkeit beim Nachrichtenhören, nachdem die Schreckensbotschaft aus Paris meiner Bürokollegin per Spiegel-App ins Handy geplingt ist.

Der Sturm am Freitagnachmittag zerknickt meinen Regenschirm auf dem Weg von der Arbeit zur Kita in Nullkommanix. Damit wir keinen Schaden nehmen, bleiben wir am Wochenende zu Hause, gucken „Michel aus Lönneberga“ und kramen das alte Monopoly-Spiel hervor, das mein Vater vor Jahrzehnten selbst nachgebaut hat. Die bunten Linien auf dem Sperrholz-Spielfeld sind verblichen, die 5.000-Mark-Scheine mussten ungefähr zur Zeit der Wende (aber vor der Währungsreform) schon einmal ersetzt werden – aber die Ereigniskarten und die Straßenkarten sind noch prima lesbar und die Zahnpastatubendeckel erfüllen ihren Zweck als Hotels so gut wie eh und je.

Komm, ich helf Dir, sage ich zum Fünfjährigen, der gleich am Anfang eine miese Ereigniskarte zieht, und zahle seine Steuerschuld. Von da an helfen wir uns alle drei gegenseitig. Wir erlassen uns Mieten, die wir nicht zahlen können; und als mir das Geld komplett ausgeht, schiebt der Fünfjährige mir mal eben 10.000 Mark rüber. Hier, Mama! – Irgendwann müssen meine Söhne dann doch mal dringend an die Luft; ich drücke ihnen meine Teilzustimmung-zur-Mieterhöhung in die Hand (nein, ich werde es nicht auf einen Prozess ankommen lassen, das geht grad einfach nicht, schon der Gedanke daran verursacht die Sorte Schmerzen in der Herzgegend, die mir schonmal so viel Angst gemacht hat) und schicke sie zum Briefkasten.

Ich räume unser Spiel zusammen und denke an meinen Vater, der vor vielen, vielen Jahren sorgfältig all die Linien gezogen und liebevoll all die Felder beschriftet hat; der gemalt und geschnitten und geschrieben und Spielfiguren und Zahnpastadeckelhotels zusammengesucht hat – natürlich gab es das Spiel in der DDR nicht, obwohl es den Kapitalismus eigentlich überhaupt nicht gut wegkommen lässt. Denke an meinen Vater, der manches davon jetzt nicht mehr könnte.

Der Neunjährige und der Fünfjährige kommen vom Briefkasten zurück und betteln um eine weitere Runde Monopoly. Hinterher schreiben wir einen kleinen Zettel und tun ihn in unser Glas-mit-glücklichen-Momenten.

Trotz der Nachrichten. Trotz allem. Jetzt. Hier. 2015.

25 Jahre

Meine Erinnerungen an die Wende und den Fall der Berliner Mauer sind grobkörnige Fernsehbilder, schwarz-weiß, die echten Erinnerungen überlagert von späteren Widerholungssendungen. Die Menschen da in Leipzig bei den Montagsdemos, oder die, die da in Berlin auf der Mauer tanzten… das war ganz schön weit weg. Unwirklich. Etwas, das mir passierte, wurde die Wende erst später: Mit den wenigen Demos, zu denen ich dann – als es ungefährlich war – mitgehen durfte. Mit der bunten H-Milch im Regal, der Staatsbürgerkunde-Lehrerin, die sicherheitshalber ein paar Monate lang nur noch Sexualkunde unterrichtete, bis sie ihre Blitzumschulung zum Fach Gesellschaftskunde abgeschlossen hatte; mit dem ersten Ausflug nach Kassel, den Karottenhosen, für die ich mein „Begrüßungsgeld“ ausgab und dem Staunen vor den riesigen, bunten, herrlichen Regalen in einer Kasseler Buchhandlung. Mit dem Besuch meiner Klassenlehrerin, die mit der guten Nachricht kam, dass ich nun auch als Pfarrerstochter würde Abitur machen dürfen. Mit der ersten Reise nach Ungarn, den lauen Abenden an der Donau und dem herrlichen Duft der Pfirsiche auf den Märkten.

Nein, wir waren keine Familie von Visionären, die den Fall der Mauer herbeigesehnt oder von Rebellen, die ihn herbeigeführt hätten. In unserer Familie wird die Gabe weitergegeben, sich in die Umstände zu fügen, die wir vorfinden. Die Wende kam deshalb für mich nicht nur unerwartet, sondern von irgendwo weit, weit außerhalb der Gesamtmenge der Möglichkeiten, die ich für mein Leben in Betracht gezogen habe, damals; als seltsames Wunder.

Heute – und nicht nur heute (denn ich halte viel von Familien-Sagas, von einem Geschichtenschatz, aus dem die Kinder sich Antworten auf die Frage heraussuchen könnnen, woher sie kommen) – erzähle ich meinen Söhnen davon. Euch, sage ich, hätte es garnicht gegeben ohne die Wende. Euer Vater und ich wären uns nämlich nicht begegnet. Wir rechnen aus, dass meine Kinder halb-schlesisch, viertel-fränkisch und viertel-thüringisch sind – und dann noch Berliner, sagt der Fünfjährige. Klar! Ganze Berliner noch dazu.

Zum Gedenktag des Mauerfalls wollen wir natürlich die Lichtergrenze sehen, ein kleines Stückchen der 15 Kilometer, auf denen – so haben sich das zwei findige Künstler ausgedacht – in kurzen Abständen leuchtende Heliumballons auf schlanken Stängeln den Verlauf der Mauer von der Bornholmer Brücke im Norden Berlins bis zur Oberbaumbrücke in Kreuzberg nachstellen und dann als Symbol der Maueröffnung aufsteigen sollen. Weil der Fünfjährige so gerne ein echtes Stück Mauer sehen möchte, gehen wir zur East Side Gallery. Da ist die lange Reihe leuchtender Tropfen in der Dunkelheit! Schön sieht das aus. „Ballonpaten“ in roten Windjacken mit Sponsorenlogos drauf hängen runde Zettel mit ihren Botschaften an die Ballons oder treten frierend von einem Bein aufs andere. Ein Bläserchor spielt einen Choral, ein Straßenmusiker klampft über seine Gitarrenseiten, noch ein Stück weiter gibt es laute Elektro-Beats. Guckt, sage ich zu meinein Kindern, da ist die Mauer! Bloß die Bilder gab es zu DDR-Zeiten nicht, da war die Mauer grau, und es standen Soldaten davor. Andächtig legt der Fünfjährige seine Hand auf den bunten Beton. Und dann gehen wir an den bunten Mauerstücken entlang in Richtung Oberbaumbrücke. Um uns herum ein dichtes Gewimmel, überwiegend junge Leute, die in vielen Sprachen durcheinanderreden, ihre Smartfons zücken, sich selbst, ihre Freunde, die Mauer, die leuchtenden Ballons und unbeteiligte Passanten fotografieren und wahrscheinlich sämtliche sozialen Netzwerke mit ziemlich gleich aussehenden Fotos fluten.

Auf einer riesigen Leinwand werden – noch einmal, einmal mehr – die Filmaufnahmen vom 9. November 1989 gezeigt. Schaut hin, sage ich zu meinen Kindern, so war das, so sah der Fall der Mauer aus, das da ist heute vor 25 Jahren passiert! Mama, sagt der Fünfjährige, da hat eine Frau einen Grenzpolizisten geküsst! Ja, sage ich, so sehr haben die Menschen sich gefreut. Genau wie damals, als es echt war, stehen mir Tränen in den Augen.

Weiter vorne, zur Oberbaumbrücke hin, drängen sich die Menschen so dicht, dass wir nicht mehr weiterkommen. Und immer mehr Leute strömen zur Brücke. Zwei verschnupfte Kinder an einem kalten Abend in einer undurchdringlichen Menschenmenge – und dann noch eine Stunde auf den Aufstieg der Ballons warten? Das schaffe ich nicht. Auf nach Hause! Zum Trost für die Kinder löst einer der Ballons sich plötzlich viel zu früh von seiner Halterung, steigt auf, wird vom Wind abgetrieben, immer höher, immer weiter.

Die restlichen sehen wir dann zu Hause im Fernsehen. Auch schön. Und wie das mit historischen Ereignissen so ist: Die Kinder kommen viel zu spät ins Bett. Und der Abwasch bleibt stehen. Aber wir waren dabei. Ein bisschen (wieder mal).

Jahresanfang, Teil III

Wofür die paar Tage Urlaub diesmal alles gereicht haben! Auch noch für einen Kurzbesuch bei meinem Vater und seiner Frau. Ohne Kinder, heißt ohne Frieren auf Spielplätzen, ohne Unordnung im Wohnzimmer, ohne Furcht, dass der Kinderlärm die Lampe der Untermieter zum Wackeln bringen könnte. Heißt ein langer, geruhsamer Spaziergang durch die noch neujahrsstille Stadt: Weimar.

Wir schlendern durch den Park an der Ilm mit Goethes Gartenhäuschen. Die Wackelbrücke, von der meine Kinder sonst immer Papierschiffchen ins Wasser werfen, wurde vom letzten Hochwasser zerstört und noch nicht wieder aufgebaut. Aber es gibt ja andere.

Da steht das Haus, in dem mein allererster Freund früher lebte. Dort ist die Gärtnerei, in der ich damals ausgeholfen habe, die hat das anscheinend überlebt, genauso wie die zwanzig Jahre danach. Dann ins Imltal! Der Ilmradweg ist von lehmigem Schlamm bedeckt. Unterm Viadukt, über das inzwischen eine Thüringer Privatbahnlinie verkehrt, hallen die Stimmen genau wie früher, als ich hier herumgestromert bin, bis ich es nicht mehr durfte, weil eine Frauenleiche ohne Kopf im Fluss trieb. Auf jeder Seite der riesigen Bogenbrücke eine kleine Gedenkstätte, geschmückt wie ein Grab.

Weiter zum Hundeplatz, auf dem die Trainigszeiten der Welpengruppe und der Blindenhundegruppe und der Turniergruppe und der Freizeithundegruppe ausgehängt sind. Am Hang neue Eigenheime. Hier und da weiß mein Vater Namen und Geschichten, etliche von westdeutschen Akademikern i.R., die hier in einen gediegenen Lebensabend mit Kultur investiert haben. Auch das Haus, in dem wir mal gelebt haben, wurde längst entkernt und in einen Wohntraum verwandelt.

Vorbei am E-Werk, alternativer Kulturort, gegenüber steht das riesige „Atrium“ – Teil des „Gau-Forums“ aus der Hitlerzeit – das aus so stabilem Stahlbeton besteht, dass ein Abriss unmöglich war und eine Sprengung die halbe Altstadt zerstört hätte. Also beherbergt es jetzt ein Einkaufszentrum. Ein toller Indoor-Spielplatz ist da drin, weiß ich von einer alten Schulfreundin. Und für die „größte Kinoleinwand Thüringens“ wird auch geworben.

Wir gehen weiter. Die Fleischerei, deren Türscheibe ich in meiner pubertären frommen Phase beinahe mal eingeschlagen hätte, weil ich das Innungszeichen der Fleischer – das Lamm mit der Siegesfahne – für ziemlich gotteslästerlich hielt, gibt es nicht mehr. Dafür ist das alternative Zentrum „Gerberstraße“, wo schon damals die Linksautonomen ihr Domizil hatten, immernoch da, rotbunte Graffiti, die dem Auge nach allzuviel allerliebst pastellfarbig sanierten Häuschen wohltun.

Weimar ist eine Puppenstubenstadt, liebevoll und sorgsam – und an manchen Stellen mit ein wenig Übermut – aus einem Stilmix-Baukasten zusammengesetzt.

Stolpersteine im Gehweg. Vorbei an Marstall und Schloss, auf dem zentralen Platz an der Herderkirche muss ich das neue, feine, teure, graue Pflaster bewundern. Hier beginnt die Touristenmeile mit den Touristenläden, „Naturtextilien und Esoterik“, „Hutmoden“, „Ginko-Design“ und „Bauhaus-Souvenirs“. Stimmungsvolle Cafés. Vor der Buchhandlung, in der ich gejobbt und mich in die Buchbrache verliebt habe, Postkartenserien mit den Köpfen all der klassischen Berühmtheiten, die sich in Thüringen herumgetrieben haben, Liszt, Fichte; Namen, die mir weniger sagen, als sie sollten. Goethehaus. Im Brunnen gegenüber wurden wir Abiturienten damals „getauft“. Ein Blick auf meine alte Schule, rote Backsteinwürde durch und durch. Und dort ist die Stadtbibliothek, in der ich mit der Zeit alle Lesbenkrimis ausgeliehen habe, heimlich und fasziniert – nach der frommen Phase. Neue Bauhaus-Buswartehäuschen, ohne Scheiben, die zerschlagen werden könnten, ohne Sitzbänke leider auch, wir sind erschöpft. Meine Eltern erzählen vom Weimar-Tatort, der die Regionalzeitungen noch immer beschäftigt, und von der Wurst, die ein findiger Geschäftsmann jetzt flugs unter dem Namen „Fette Hoppe“ vertreibt.

Weimar: Mit seiner Mischung aus Kultur und Provinzialität, aus hübsch und alt, aus weiten Blicken und Puppenstubenwinkeln, aus Fördergeldern und kleinen verbliebenen Ecken des Verfalls, aus Studenten, Touristen, zugewandertem Geld und eigensinnigen Thüringer Macher-Menschen… und Erinnerungen. Es ist immernoch schön hier.

Geschichte

Neulich stand ich am Bügelbrett und der Achtjährige saß am Tisch und puzzelte Kanada. Wäre ich geografisch weniger hoffnungs- und orientierungslos, wenn ich als Kind ein Puzzlebuch mit allen Kontinenten gehabt hätte? Müßige Spekulation, ich hatte keins und deshalb müssen wir googeln, als der Achtjährige wissen will, ob Kanada eigentlich das größte Land der Erde ist. Und wenn nicht, welches dann.

Dabei kommen wir über Russland und Amerika ins Gespräch, über die UDSSR, die es nicht mehr gibt und die noch viel größer war, und darüber, dass Deutschland mal aus zwei Ländern bestanden hat, die – genauso wie die UDSSR und die USA – unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie die Welt sein sollte. Als Berliner Kind weiß der Achtjährige schon, dass es die Mauer gab. Aber er staunt, als ich ihn frage: weißt Du eigentlich, dass Dein Papa und ich uns garnicht kennengelernt hätten, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?

Plötzlich sind wir da, wo die dünnen Fäden der kleinen Familiengeschichte an den dicken Fäden der großen Lehrbuchgeschichte hängen. Bei einem Mann aus Franken und einer Frau aus Thüringen, die sich im Nachwendeberlin kennenlernen. Und das ist ja noch nicht alles. Ich versuche, dem Achtjährigen zu erklären, wie es dazu kam, dass Deutschland in zwei Teile geteilt wurde, und erzähle ihm, dass auch seine Großeltern – die in Süddeutschland und die in Thüringen – sich nur kennengelernt haben, weil seine Oma väterlicherseits und sein Opa mütterlicherseits als Kinder unter denen waren, die aus Schlesien fliehen mussten.

Flüchtlingsgeschichten können die Kinder sich noch von ihren Großeltern erzählen lassen. Musste die Mutter meines Vaters von einem Tag auf den anderen einen Koffer packen, sich und ihrem fünfjährigen Sohn anziehen, was sie an Kleidung nur tragen konnten, und gehen? Oder waren sie vorbereiteter? Haben sie ihr Gepäck verloren, als der Zug bombardiert wurde? Sind sie unterwegs russischen Soldaten begegnet? Mein Gedächtnis lässt mich im Stich, auch wenn mein Vater schon manchmal erzählt hat, das ist seltsam. Als ob es sich weigert, zu wissen. Warum? Möchte es die Erinnerung an meinen Vater so viel lieber auf schöne Geschichten bauen, Heileweltgeschichten? So wie die, dass er und meine Mutter einander als Jugendliche über den Gartenzaun mit faulen Äpfeln beworfen haben? So wie die Geschichten, die ich meinen Kindern von meiner eigenen Kindheit erzähle: vom Aufwachsen auf dem Pfarrhof, vom Einmachen der Früchte aus dem großen Garten, von den Hühnern, die im Frühling auf den Haselbäumen schlafen wollten und von den herrlichen Mäusegeschichten, die meine Mutter mir erzählt hat, wenn ich krank war.

Freilich muss ich meinen Kindern auch von der Wende erzählen; so, dass sie es verstehen können; jetzt ein bisschen und später mehr, wenn sie älter sind und Fragen stellen. Ihnen erklären, dass die Menschen rausgegangen sind, viele; dass im entscheidenden Moment jemand klug genug war, nicht den Befehl zum Schießen zu geben, in vielen entscheidenden Momenten, in denen das noch möglich gewesen wäre. Und davon, wie das für mich war, aus der Sicherheit eines im Großen und Ganzen vorherbestimmten Lebens in eine Situation zu kommen, in der mir so viele unerwartete Möglichkeiten offenstanden; eine Art umgekehrtes Auswandern, bei dem niemand fortgehen musste (auch wenn viele fortgegangen sind), weil das Fremde zu uns kam, eine andere Gesellschaftsordnung.

Noch lange nach dem Gespräch mit meinem Sohn denke ich über Geschichte und Familiengeschichte nach. Bestelle nochmal das Buch über die Kinder der Kriegskinder, das ich an meine Schwester verliehen und nicht zurückbekommen habe: das Thema beschäftigt uns. Frage mich wie schon manches Mal, ob ich – seit ich mit ebensoviel Widerwillen wie Faszination nach der Wende den Unterricht im neuen Fach „Wirtschaft und Recht“ besuchte – ein Stück ungelebtes Leben meiner Mutter nachhole, die ihre kaufmännische Ausbildung als „bester Lehrling“ abschloss, bevor sie die Möglichkeit einer glänzenden Karriere aufgab, um an der Seite des Mannes, den sie ein paar Jahre vorher über den Zaun mit faulen Äpfeln beschossen hatte, in der Rolle der Pfarrfrau aufzugehen.

Was werden meine Kinder aus dem machen, was ihr Vater und ich ihnen vorleben? Und was wird die große Geschichte mit ihnen machen, wenn sie sie in ihre Finger bekommt? Es wird die Geschichte sein, die wir heute vorbereiten. Die Geschichte einer Welt, die nicht mehr von zwei großen verfeindeten Systemen, sondern von kleinen Staaten mit kleinen Diktatoren und kleinen Atomwaffenvorräten in Atem gehalten wird (in den Nachrichten ist von der Möglichkeit nuklearer Erstschläge durch Nordkorea die Rede, ich möchte mir die Ohren zuhalten, ich möchte, dass das nicht wahr ist); einer Welt, in der der Klimawandel gerade noch begrenzt oder zur Katastrophe wird. Und das sind ja nur zwei von vielen Themen.

Doch, es lohnt sich wohl, das Quäntchen Kraft, das ich ab und zu übrighabe, dafür einzusetzen, dass auch meine Kinder ein gutes Leben haben. Auch wenn das die Form albern anmutender Kleinigkeiten annimmt, weil ich nicht der Mensch für große politische Proteste oder radikales Aussteigen bin. Auch wenn ich als Einzelne es nicht in der Hand habe und vielleicht noch nicht mal wir alle und vielleicht noch nicht mal die Politiker, von denen wir glauben (und manchmal war es ja auch so), dass sie sie gestalten können, die Geschichte.