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Alberne Sportverletzungen

Frühlingsstimmungtief trifft PMS trifft ein bisschen zu viel Alleinsein. Gut, dass mir die sonntagvormittägliche Zumba-Stunde einfällt, zu der die ehemalige Nachbarin manchmal geht. Da kann man kostenlos probehüpfen – wo das Krankenkassen-Mitgliederblättchen doch kürzlich mahnend geschrieben hat, man verbringe die Zeit, in der man jetzt keinen Sport treibe, später mit schrecklichen Krankheiten.

Zumba also. Ein schöner heller Raum, eine nette junge Kursleiterin. Zwischen den sieben oder acht Frauen, die nach und nach in den Raum kommen, tatsächlich ein Mann, nanu? Mir schaudert, als wir uns vor der Spiegelwand aufstellen müssen. Hopsen ohne Kondition mag gerade noch angehen, aber mich dabei auch noch sehen können? Der innere Kritiker runzelt schon die Stirn, nein, er facepalmt. Ich hefte meine Blicke fest auf die Kursleiterin, damit ich nicht sehe, wie ich hilflos dem Takt und ihrer Choreographie hinterherstolpere; Anleitung gibt es nicht, das eine oder andere aufmunternde „Hep!“ muss reichen, wenn plötzlich wieder eine andere Bewegungsfolge beginnt.

Meine wichtigste Probestundenerkenntnis ist, dass das hier mit Tanzen weniger zu tun hat, als die Zumba-Werbung mir suggeriert hatte. Es läuft Musik – na gut; lateinamerikanisch mag sie auch sein; ansonsten ist das hier einfach nur Sport; Brachalfitness statt tänzerischer Sinnlichkeit und Leichtigkeit.
Trotzdem ist es eigentlich garnicht so schlimm. Alle kommen aus dem Takt, alle sind nach einer Weile ziemlich fertig. Alle lachen. Meine frühere Nachbarin ist da, ihr Spiegelbild grinst mich aufmunternd an, und nach einer Dreiviertelstunde gibt es langsamere Musik und Dehnübungen. Wenn ich heimlich meinen Bauch wegtrainiere, mir schickere Sportklamotten kaufe und mich beim nächsten Mal da rechts hinten ganz in die Ecke stelle, wo mich niemand sieht… dann könnte ich vielleicht sogar bei Gelegenheit wieder mitmachen.

Als ich hinterher mit meiner ehemaligen Nachbarin noch auf einen Chai Latte zusammensitze, sehe ich das alles jedenfalls schon wieder ganz optimistisch. Bis ich aufstsehe, um an der Theke zu zahlen. Autsch… Ich weiß garnicht, auf welchem Fuß ich zuerst hinken soll.

Irgendwie habe ich es geschafft, mir zwei ganz große Blasen auf den Unterseiten beider großer Zehen zu erhopsen.

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Wie ich beinahe – aber nur beinahe – Stehpaddeln lernte

Meine ganz große Schwester und ich verfügen beide über ein besonderes Talent. Es hat gaaanz sicher nichts mit Spaßverderben zu tun – aber erzählt uns von einem Plan, und wir finden die Schwachstellen. Uns fällt alles ein, was schiefgehen könnte, und wir sind gerne bereit, den Plan – damit auch ganz sicher doch nichts schiefgehen kann – bis zur Undurchführbarkeit zu verkomplizieren.

Mit einem solchen Talent spontan und übermütig zu sein, ist ganz schön schwierig.

Neulich in Warnemünde fiel mir in der Tourist-Information ein Flyer in die Hand. Auf dem Flyer wurde für Einführungskurse in das SUP-Paddeln geworben. Der Laden des Anbieters war gleich um die Ecke, und ich hatte das Gefühl, schon lange nichts wirklich Lustiges, Mutiges, Unerwartetes mehr gemacht zu haben. Ich tarnte meinen Übermut als patentantliche Großzügigkeit, lud die große Patennichte zu einem Einführungskurs ins SUP-Paddeln ein und meldete uns an.

Am Morgen des Tages, an dem wir uns aufs Wasser begeben sollten, wachte ich mit einem mulmigen Gefühl auf. Würde ich im Neoprenanzug schrecklich aussehen? Pausenlos ins Wasser fallen? Nicht wieder aufs Paddelbrett kommen? Zum Gespött aller Strandbesucher werden? Nein, redete ich mir gut zu, das mache ich jetzt. Das ist lustig. Das wird Spaß machen. Ich werde etwas zu erzählen haben. Ich werde etwas lernen, von dem ich noch vor zwei Tagen gedacht habe, dass ich es garnicht lernen will – oder kann.

Am Mittag des Tages, an dem wir uns aufs Wasser begeben sollten, gingen wir sicherheitshalber nochmal in dem Surfladen vorbei, um zu fragen, was man unter so einen Neoprenanzug denn in dieser Saison so trägt, und erfuhren, dass wir wegen des schönen Wetters keinen Anzug, sondern nur ein UV-Schutz-Shirt bekommen würden.

Ich übte mich still in Bauchatmung und redete mir insgeheim gut zu: Ich mache das jetzt, ich will endlich mal wieder etwas ganz Lustiges machen, das haben doch schon andere vor mir hinbekommen, ohne sich gleichzeitig einen Sonnenbrand UND eine Blasenentzündung zu holen. Das wird schon gutgehen. Und außerdem freut sich doch die Patennichte jetzt drauf!

Aber auch meine ganz große Schwester hatte das mit den UV-Shirts gehört. Und begann sich Sorgen um das Wohlergehen ihrer Tochter zu machen… allerdings nicht im Stillen: So habe ich mir das jetzt aber nicht vorgestellt! Ihr werdet die ganze Zeit in klatschnassen Klamotten auf diesem Brett stehen und euch den Tod holen! Ihr werdet schrecklichen Sonnenbrand kriegen, wenn ihr da bei der Hitze zwei Stunden lang auf dem Wasser ohne Schatten unterwegs seid! Kind, du musst einen Sonnenhut aufsetzen, ich gehe dir gleich mal einen kaufen. Du musst die Bergsonnencreme benutzen, und zwar für dein ganzes Gesicht. Du kannst doch sicherlich die Sonnenbrille auflassen? Und jetzt gehe ich da nochmal in diesen Laden und bestehe darauf, dass du einen Neoprenanzug bekommst, damit du dich nicht erkältest. Und wenn ich auch nur einen Hauch von Rot auf deiner Haut sehe, darfst du morgen nicht an den Strand gehen, sondern bleibst den ganzen Tag zu Hause im Schatten! Aber du musst das natürlich selber entscheiden, was du tust. Ich wollte das ja nur mal gesagt haben.

Irgendwann gelang es uns, meine ganz große Schwester für einen Moment aus dem Raum zu schicken. Ratlos sahen die große Patennichte und ich uns an. Eigentlich hätten wir gern diesen ulkigen Sport ausprobiert. Aber am nächsten Tag zu Hause sitzen – das wollte die große Patennichte dann doch nicht. Und ich? Dem gleichzeitigen Ansturm innerer und äußerer Bedenken war mein kleiner Ferienübermut auch nicht gewachsen.

Hallo? Ja, wir hatten heute eine Einführung ins Stehpaddeln bei Ihnen gebucht… Leider haben wir grade gemerkt, dass wir es heute morgen schon mit der Sonne übertrieben haben und einen Sonnenbrand haben und heute leider den Kurs nicht machen können. Jaaaa, das ist sooo schade! Tut mir leid!

Frohlockend funkelten die Augen meiner ganz großen Schwester, als sie von unserer vernünftigen Entscheidung erfuhr. Und sie funkelten weiter, bis die große Patennichte später am Strand beim Ballspielen Kopf an Kopf mit dem Neunjährigen zusammenstieß und mit einer Platzwunde zum Notarzt nach Lütten Klein gebracht werden musste. DAS wäre beim Stehpaddeln nicht passiert. Obwohl, wer weiß.

 

Fußmassagen in der Ferne und Umziehen zu Hause

Eigentlich wollte ich noch einen zweiten Text über meine Reise schreiben. Darüber, dass es nur am Anfang eine Reise allein war und am Ende eine gemeinsame mit meiner ganz großen Schwester. Über die Landkarten, die uns die Mitreisenden – in deren oberpfälzer Dialekt wir uns mit der Zeit und viel Konzentration einhörten – an die Wand der Regionalbahn malten, um unseren Zug irgendwo in der Finsternis zwischen Hof, Regensburg und Cham zu verorten und über das alte, mächtige Klostergebäude, an dem wir irgendwann ankamen. Über Schwester Jubilata, die betagte, energische Nonne mit den heilenden Händen, zu der die Menschen aus der Umgebung kommen, wenn die Ärzte ihnen nicht helfen können; über ihre Heilungsgeschichten: Taubheit, Magenverschluss, steife Gelenke – nichts, was Schwester Jubilata nicht mit Fußreflexzonenmassage heilen könnte. Diagnose erst mal nicht so wichtig – „wos wehtut, da putzet mers halt“, so die resolute alte Dame. Über die zwei Tage, an denen sie uns die Grundlagen der Fußreflexzonenmassage beizubringen versuchte; über die schrecklichen Sekunden, in denen sie meiner Schwester den Fersensporn – der sie seit etlichen Jahren geplagt hat – mit dem „Stöckle“ zerdrückte. Erforgreich, anscheinend. Über die Vorträge, in denen die Nonne Aspartam, vorgeburtlichen Ultraschall und Fremdbetreuung von Kindern unter drei Jahren zu den großen Übeln der modernen Welt erklärte. Darüber, dass ich gar zu vehement vertretenen Heilslehren misstraue und so viel lieber Menschen glaube, die die Möglichkeit ihrer eigenen Fehlbarkeit, ihres Misserfolges, nicht ausschließen – und auch die Wahrheit ihres Gegenübers zu hören bereit sind. Darüber, dass sie mich trotz allem mächtig beeindruckt hat, Schwester Jubilata: Die ihr großes Heilungswissen gegen kleines Entgelt vielen weitergibt; die uns am Ende des Kurses mit bewegenden Worten aufforderte, das Gelernte weiterzugeben und anderen Menschen Berührung und Heilung zu schenken. Schwester Jubilata: Eine von 60 alten Nonnen, die nach langen Jahren der Missionstätigkeit in Afrika jetzt in das Haus zurückgekehrt sind, in dem sie einst ausgebildet worden sind, die alt werden und sterben werden, für deren Orden es keinen Nachwuchs gibt. Darüber, dass mich das traurig macht. Dass sie – dass ihr Klosterleben, ihre Kurse, ihr Begegnungshaus, ihre Erfahrungen, ihre Ansichten – der Welt fehlen werden.

Jetzt ist das alles schon wieder beinahe zwei Wochen her.

Das nächste ereignisreiche Wochenende steht vor der Tür. Einmal zu oft habe ich davon erzählt, wie gern ich mein großes Zimmer mal streichen würde. Jetzt haben sich Helfer angesagt und ich kann keinen Rückzieher mehr machen. Irgendwo in dem Chaos aus Farbeimern, den ersten unauffällig kindersicher weggestellten Weihnachtsgeschenken, vorbereiteten Friedhofsgestecken und den letzten von den Nachbarn vorbeigebrachten Gartenäpfeln müssen heute meine Renovierungsgäste untergebracht werden. Mitten in dem Chaos aus halb gepackten Kisten und halbvollen Regalen (nein, die sind schon halbleer, mindestens!, quatscht die innere Optimistin dazwischen) mit hinter Buchreihen auftauchenden Staubschichten, aus denen man glatt Filzpantoffeln nähen könnte, sehne ich adventlich geschmückte Ordnung herbei, von der ich nicht weiß, ob sie sich nach dieser Aktion in diesem Jahr überhaupt einstellen wird.

Die sonnengelbe und die ockerfarbene Abtönpaste, mit denen ich die weiße Wandfarbe in etwas verwandeln möchte, mit dem ich eine dauerhafte Illusion von Sonnenschein an meine Nordzimmerwand zaubern kann, haben sich inzwischen darauf geeinigt, beide nur noch nach Senf auszusehen.

Tröste mich mit einem alten Sprüchlein aus dem kleinen Sprichwörterbuch, dass ich mir als Kind manchmal heimlich mit ins Bett genommen habe: Wird schon wer´n, sprach Mutter Bern. Bei Mutter Born isses auch was wor´n. (Und bei Mutter Langen isses auch gegangen.)

Also pack ich mal weiter meinen Kram zusammen.

Die Stunde der Wahrheit

Unsere Fischlaternen sind schön geworden! Obwohl ich die ganzen Profitricks nicht kannte und wir einfach darauflosgekleistert haben. Traurig hängen sie in den Zimmern der Kinder herum, ausgerechnet in der Martinstagswoche musste der hustende Vierjährige dann doch zu Hause bleiben.

Nachdem die Schule in den letzten Wochen unser Leseverhalten mit verschiedenen Projekten optimiert hat, kommt jetzt der Rest unseres Lebens an die Reihe. Los ging es an einem dieser Mittwochnachmittage, an denen ich die Kinder von ihrem Papa wiederbekomme und an denen dem Ranzen des Achtjährigen – so ähnlich wie der Büchse der Pandora – regelmäßig immer neue zeitraubende Projekte und Aufgaben entsteigen. Neues Thema in der dritten Klasse: Fitness und Bewegung.

Nicht, dass ich irgendwas gegen Bewegung hätte, keineswegs! Dass ich keinen Sport mache – jedenfalls in letzter Zeit nicht gerade regelmäßig – ist ganz bestimmt keine Entscheidung gegen Sport. Sondern eine Entscheidung für schrecklich viele andere Dinge, die ich auch wichtig finde.

Der Achtjährige jedenfalls darf sich drei Wochen lang – puh, die erste haben wir hinter uns – für jeweils 10 Minuten sportliche Bewegung einen Punkt gutschreiben. Täglich werden die gesammelten Punkte seiner Schulklasse im Internet eingegeben, wo die Sportvereinsstunden und die zu Fuß zurückgelegten Schulwege, die Fußballspiele in den Pausen, der Sportunterricht und das nachmittägliche Toben mit Freunden zu virtuellen Kilometern auf einer virtuellen Europareise werden. Jeden Nachmittag möchte der Achtjährige sich mit mir an den Computer setzen und die neu erreichten Städte anschauen.  

Mache ich ja, meinetwegen. Sitzen wir eben eine halbe Stunde länger vor dem Computer.

Bloß dass das die halbe Stunde zwischen Heimkommen, Ranzenpacken und Abendessen ist, in der wir ein bisschen Gymnastik machen könnten. Bloß dass die Kinder auf der Rückseite des Punktesammelheftchens auch dazu angehalten werden, ihren täglichen Fernseh- und Internetkonsum aufzuschreiben und aufzupassen, dass er nicht zu groß wird. Führt das Projekt sich hier mögliciherweise selbst ad absurdum, ein klitzekleines bisschen? Dem Achtjährigen gefällt es aber. Ja, erzählte er eifrig, jeder aus meiner Klasse soll 700 Punkte erreichen! Und wenn wir das nicht schaffen, werden die drei Wochen verlängert!

Rechnen kann ich allemal besser als Sport. Deshalb dauerte es garnicht lange, bis ich heraushatte, dass 700 Punkte in drei Wochen nur mit durchschnittlich 330 Minuten Bewegung am Tag zu erreichen wären. Äh…  Hatte der Achtjährige da vielleicht etwas missverstanden? Da die Eltern in einem separaten Flyer herzlich eingeladen wurden, sich mit ihren Kindern für mehr Bewegung zu engagieren, überlegte ich gleich, ob wir unseren Schulheimweg vielleicht etwas langsamer – in 20 statt 10 Minuten? – angehen könnten. Und ob „10 Minuten am Frühstückstisch herumgezappelt“ vielleicht auch einen Punkt wert wäre? Würde ich es damit vermeiden können, dass uns das Schulprojekt als Familie entlarven würde, in der sich die Eltern nicht darum kümmern, dass ihre Kinder ausreichend Bewegung bekommen?

Der Vater des Achtjährigen – der am Wochenende auch schon mal einen ganzen Tag mit den Kindern in der Wohnung herumhängt  (missbilligend die Augenbrauen hochzieh), während ich am Wochenende mit den Kindern nur dann auch schon mal einen ganzen Tag in der Wohnung bleibe, wenn wir alle nach einer anstrengenden Woche dringend einen ruhigen Tag brauchen (sehr wichtig!) – verdrehte bloß die Augen, als ich ihn fragte, ob der Achtjährige ihm schon sein Punktesammelheft gezeigt habe. Wieso ausgerechnet im November? fragte ich kläglich. Was kommt als nächstes? fragte er kopfschüttelnd. Kalorien zählen? Eine Liste darüber führen, wie häufig wir uns die Füße waschen?

Nach dem Mittwoch kam der Donnerstag mit vielen schönen Sportvereinspunkten für den Achtjährigen; es kam das Wochenende, es kam ein neuer Mittwoch und mit ihm eine neue Hausaufgabe.

Diese Woche muss der Achtjährige an mehreren Tagen aufschreiben, was er von morgens bis abends so isst.

Och menno. Jetzt kommt alles raus: Dass ich am Wochenende leidenschaftlich gerne absonderliche Currygerichte koche, dass es bei uns ziemlich viel Saftschorle gibt und abends bloß Käsebrote.

Ich weiß es ja: Diese Projekte sind gut gemeint und bewirken wahrscheinlich auch viel Gutes. Und ich freue mich doch darüber – das tue ich wirklich – dass die Lehrerin des Achtjährigen engagiert und motiviert ist, nicht nur Dienst nach Vorschrift macht, sondern sich bemüht, den Kindern Wichtiges nahezubringen und aus ihrem wilden Haufen Drittklässler eine Klassengemeinschaft im besten Sinne zu machen.

Trotzdem seufze ich ein bisschen, jeden Mittwoch. Und das liegt daran, dass ich, wenn der Achtjährige Rechenschaft über sein Tun und Lassen zu Hause ablegen soll, wieder einmal dagegen kämpfen muss, mir die ewige, alte Frage zu stellen: Mache ich es gut genug? Machen die anderen es alle besser, mit links und ohne zu ermüden? Habe ich überhaupt eine Chance – als alleinlebende berufstätige Rabenmutter ohne Garten oder Waldstück zum Toben – es „richtig“ zu machen?

Wenn es mir gelingt, diese Frage beiseite zu schieben, sehe ich klarer: Im Grunde würde ich meinen Kindern gern vieles ermöglichen, was – so, wie unser Leben nun mal organisiert ist – im Alltag nicht geht. Das macht mich sowieso immer wieder unzufrieden. Und genau daran erinnert mich die Schule gerade. Ziemlich oft.

Ein paar Momente noch

Gegen Ende unserer drei Kurwochen nochmal intensive Tage. Wolken und Sturm: Der Wind heult in den Tauen, von denen die Masten der Segelbote im Hafen gehalten werden. Die Fischer, die im Windschatten der Imbissbude ihren Kaffee trinken, freuen sich am Anblick einer Frau, die neben der Hafenmole nackt ins Wasser watet. Riesige Möwen lassen sich geschickt vom Wind tragen, unsere Drachen gewinnen nur kurz an Höhe und stürzen im Sturm immer wieder ab. Dann wieder strahlende Tage, Sonne und Wind im perfekten Verhältnis, tiefblaues Wasser und weicher Sand. Nahezu karibische Gefühle kommen auf – auch wenn die Bäume hinter den Dünen Kiefern und die leuchtenden Blumen, die die Strandzugänge säumen, Wegwarten sind. Abends vergleichen die Mütter im Speisesaal ihre rotgebrannten Schultern.

Jedenfalls die Mütter, die noch miteinander reden. Allmählich treten die Eigenheiten der Frauen und Kinder stärker hervor, unsere Ecken und Kanten. Grüppchen haben sich gebildet. Am Rauchertisch draußen wird besprochen und ausgewertet. Mutter A lässt ihre Kinder vor dem Speisesaal toben, ist aber überzeugt, dass die Kinder von Mutter B angefangen haben. Mutter B sieht das genau umgekehrt. Mutter C ist beleidigt, weil die Kaffeemaschine den Geist aufgibt, als sie sich ihren Frühstückskaffee holen will; Mutter D wurde beobachtet, wie sie ihrem Sohn einen Klaps auf die Finger gab. Kind E grüßt nicht höflich, Kind F – das ist mein Achtjähriger – schlägt zwar niemandem einen Zahn aus, dafür aber einem anderen Kind, das sich unserer Uno-Runde anschließen will, die Tür vor der Nase zu. Die ersten Frauen fangen an, sich nach Hause zu sehnen, fort von den nervenden Mitmüttern, hin zu ihren nicht mitgereisten Kindern, zu ihren Ehemännern.

Männer, ach ja! Bei gelegentlichen Spaziergängen durch den Ort sehen wir Paare – und schauen diese Existenzform nach beinahe drei Wochen Kur für einen kleinen Moment genauso irritiert an, wie wir allein mit unseren Kindern herumziehenden Kurfrauen von ihnen betrachtet werden. Nach der Alleinerziehendengesprächsrunde ist mein Blick auf die glücklichen Familien anders. Wird der Mann, der vor dem Eiscafé seinen Kindern beim Toben zusieht, eines Tages eine andere Frau kennenlernen? Wird der goldblondierten Mutter neben ihm spätestens dann endgültig das Herz brechen, wenn er den gemeinsamen Sohn zum ersten Mal mit in einen Urlaub mit der neuen Frau nimmt? Wird der Vater, der sein Baby im Sand routiniert aus dem Tragetuch hebt, vom zweiten Kind so überfordert sein, dass er die Familie verlässt und wenige Jahre später nur noch gelegentlich Freitagabends halbherzig am Telefon anbietet, dass die Kinder ja heute mal bei ihm übernachten könnten?

Wir überlassen die Familien ihrem Urlaubsglück, solange es anhält; wir gehen weiter. Ich habe abzuarbeiten, was ich meinen Kindern leichtherzig versprochen habe, als noch viel Zeit vor uns lag. Nochmal auf dem Abenteuerspielplatz toben. Beim Quarkladen schlemmen. Ein Fahrrad für den Vierjährigen ausleihen, mit dem Achtjährigen einmal allein schwimmen gehen.

Als die Kinder endlich schlafen, sind meine Wünsche an der Reihe. Nochmal in die Sauna, ein paar Runden in der Schwimmhalle drehen, das Licht ist schon abgeschaltet, vor den Panoramafenstern schiebt der Wind die Wolken zusammen, bis sie den halben Mond durchscheinen lassen. Noch nicht überlegen, wo ich das Klebeband für die Kisten hingelegt habe, die per Post nach Hause geschickt werden. Noch ganz hier sein, ein paar Momente noch.

Allein unter Müttern

100 Mütter. 21 Tage. Eine Kurklinik. Klingt wie das Setting zu einer neuen Reality-Show. Mit Wochenaufgaben. (Nehmen sie fünf Kilo ab. Bringen Sie ihr Kind dazu, Brokkoli zu essen. Lösen Sie all ihre Probleme in einem einzigen therapeutischen Einzelgespräch.) Untermalt mit anrührenden Szenen aus dem schweren Alltag der teilnehmenden Frauen. Und jede Woche dürfen die Zuschauer entscheiden, wer noch bleiben darf.

Nein, ist schon ok dass noch niemand auf diese Vermarktungsidee gekommen ist.

Ein seltsames Gefühl, aus dem Alltag plötzlich an einen so fremdartigen Ort versetzt zu werden, in eine Kurklinik. Voller Frauen und Kinder, die in den ersten Tagen mit unsicheren Blicken durch die Gänge – je nach Temperament – huschen oder stolzieren. Ist hier die medizinische Abteilung? Wann hat das Spielhaus geöffnet? Wo liegen die Listen aus, in die ich mich für die Mutter-Kind-Entspannung eintragen muss? Um wieviel Uhr gibt es Essen, und kann ich meinem Vierjährigen auch nackige Nudeln bestellen?

Informationsveranstaltungen. Begrüßungsabend. Kennenlernrunden. (Fröhliche Rheinländerinnen mit pubertierenden Kindern, die ihre erste Liebe erleben und zwischen Ankunft und Abreise nur zum Schlafen ins Apartment kommen werden. Zerzauste Berlinerinnen mit nervenden Kleinkindern, die heulen, wenn sie in der Betreuung abgegeben werden sollen. Tapfere ostdeutsche Frauen, die über Probleme mit den Kollegen und lange Wege zwischen Arbeit und Kita ins Gespräch kommen, während die perfekte Mutter-und-Hausfrau aus Süddeutschland (nein, sie geht auch ein paar Stunden ins Büro, erfahre ich später) sich von einer der Rheinländerinnen darüber belehren lassen muss, dass ein Hemd ganz ohne Bügeln am Mann faltenfrei wird, wenn frau es vorher schön glatt aufgehängt hat. Dazwischen die Frauen, die hier an ihren Ernährungsgewohnheiten arbeiten sollen und sich angesichts ihrer kargen Diät dankbar über die am Kennenlernabend vom Haus gestellten Schalen mit Chips und Erdnüssen hermachen).

Und dann sitze ich wieder allein im Apartment, vor mir den Behandlungsplan für den Achtjährigen und den Behandlungsplan für den Vierjährigen und meinen Behandlungsplan und den Freizeitplan für den Achtjährigen und den Ausflugsplan und den Freizeitsportplan für die Mütter und den Plan mit den Öffnungszeiten des Bewegungsbades. Das Haus stellt einen kleinen Kalender zur Verfügung, in dem man sich aus all dem einen Tagesablauf stricken kann. (Also, wenn der Achtjährige um 9.30 Uhr Sandskulpturen baut und um 13.45 Uhr Hockey spielt und der Vierjährige zwischen 8.30 Uhr und 12.00 Uhr zum Wassertreten muss und ich selber Wirbelsäulengymnastik um zehn und Massage um 14.40 Uhr habe… muss ich dem Achtjährigen dann schon am Morgen die Badehose für das Bewegungsbad um 16 Uhr mitgeben? Habe ich dann Zeit für einen Strandspaziergang? Und hole ich den Vierjährigen vor oder nach der Krankengymnastik des Achtjährigen aus der Betreuung ab? Und so weiter.)

Und dann, irgendwann später (Ich habe Stifte in vier Farben benutzt, um den morgigen Tagesablauf im Kalender vorzustrukturieren), sitze ich am Fenster. Ich sehe zweieinhalb Quadratzentimeter Meer hinter den windschiefen Bäumen. Den strahlenden Abendhimmel mit der Sonne, die immer erst aus den Wolken kommt, wenn die Kinder ins Bett müssen. Und den klinikeigenen Hasen, der auf dem begrünten Flachdach vor meinem Balkon erst sein Abendessen verzehrt und dann in aller Ruhe seine Abendtoilette macht.

Schön hier.

Der Kur-Countdown: Zwei…

Bei den Unterlagen für meine Kur war auch eine kleine Liste an Sachen, die man mitbringen sollte.

Die sah auf den ersten Blick ganz harmlos aus.

Auf den zweiten Blick nicht mehr.

Ungefähr einen Tag lang war ich damit beschäftigt, den Bestand an Sportsachen in unserem Haushalt zusammenzutragen und durchzusehen. Niederschmetternd. Eigentlich war alles, was schon da war, zu klein geworden (auch mir). Einen ganzen Tag – von morgens bis abends – habe ich in drei verschiedenen Einkaufszentren verbracht, um einzukaufen, was bei uns fehlte, für eine Kur aber anscheinend gebraucht wird.

Wir verfügen jetzt über kurze Sporthosen und lange Sporthosen (irgendwelche passenden sportlich aussehenden Jacken hatten die Jungs zum Glück; und dass wir nicht ausreichend T-Shirts haben, werde ich erst am Tag vor der Abreise merken). Wir haben Badehosen, die weder zu klein sind noch im falschen Moment von den Hüften rutschen. Bademäntel und Badelatschen. Drinnenturnschuhe mit heller Sohle und Draußenturnschuhe mit dunkler Sohle… damit man sie nicht aus Versehen verwechselt.

Als ich das alles zu einem schönen großen Haufen in der Zimmerecke aufgestapelt hatte, habe ich mal angefangen zu rechnen. Wenn wir also Hausschuhe und Badelatschen und Drinnenturnschuhe und Draußenturnschuhe und Sandalen und feste Schuhe und vielleicht sogar noch Gummistiefel brauchen… und drei Personen sind… werden wir mit sage und schreibe 21 Paar Schuhen (in Worten: Einundzwanzig!) zur Kur fahren.

Das war der Moment, in dem ich das ganze gern wieder abgesagt hätte.

Aber dann bin ich stattdessen in den Baumarkt gegangen und habe zwei Umzugskisten gekauft. Eine für die Sportsachen. Eine für die Schuhe.

Inzwischen kommt mir das ein bisschen wenig vor. Ich muss doch auch noch den Bücherstapel irgendwo unterbringen, der wie von selbst zwischen dem ganzen Turnzeug zu wachsen beginnt. Und eigentlich könnte ich – wenn ich einmal dabei bin – gleich noch drei oder vier Kisten mehr packen und an der See mit meinen Kindern ein neues Leben beginnen. Schuhe hätten wir ja schon mal genug dabei.