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Up and away

Am Morgen ziehe ich nach einem Blick in die Wetterapp die lange Strumpfhose doch wieder aus und stecke sie noch schnell oben in die große Kraxe, bevor ich die aufhucke und die Tür hinter mir ins Schloss ziehe.

Mittags packe ich in einer Büroarbeitspause die dünne Windjacke aus und die mitteldicke Winterjacke ein.

Um halb vier gehe ich schwer bepackt, aber frohlockend an den Türen der Vollzeitkollegen vorbei zum Aufzug und hinaus in die Sonne.  Am Gesundbrunnenbahnhof steige ich in den Zug, in dem der liebste Freund sitzt und uns zwischen den Eberswalde-Pendlern Plätze freigehalten hat.

Voll ist der Zug am Donnerstagnachmittag! Und ich schaue so gern Menschen an. Gegenüber ein Student – vielleicht – der auf seinem Laptop etwas liest und sich gleichzeitig mit einem elektronischen Stift handschriftliche Notizen auf einem Tablet macht, dass er auf der Tastatur seines Laptops abgelegt hat. Die Dame neben ihm liest mit schreckverzerrtem Gesicht eine Ausgabe von pm mit dem Titel „Gefährliche Sonne“. Ein überforderter Vater im weißen Simpsons-T-Shirt macht abwechselnd Quatsch mit seinen Kindern – einem Mädchen im Kindergarten- und einem Jungen im Vorschulalter – und schreit sie zwischendurch, genervt von der Hitze und der Enge des Zuges, immer wieder böse an. Eine Dame in Marineblau runzelt missbilligend die Stirn und wechselt das Abteil, sobald mehr Plätze freiwerden.

Draußen stehen hellbraune Kühe auf Weiden und ein Auto mit offener Heckklappe auf einem Hügel neben einem hölzernen Picknicktisch. Ein wilder Landschaftsmaler hat unwirklich strahlendes Rapsgelb großflächig in die Felder gestrichen.

Das Anzeigesystem des Zuges ist davon ganz durcheinander und kündigt uns Kiesow, Greifswald Süd und Ferdinandshof an, obwohl wir uns doch Chorin, Angermünde und Prenzlau nähern. Live-Durchsageversuche des Zugpersonals gehen im wiederkehrenden Glockenton unter, der sie eigentlich ankündigen soll.

Weil es keinen Empfang gibt, male ich dem liebsten Freund eine gefühlte Karte unseres Reiseverlaufs in mein Notizheft. Als ich wieder aufblicke, hat eine junge Frau angefangen, nett mit den Kindern des überforderten Vaters zu schwatzen. Der hat plötzlich ein schwarzes Simpsons-T-Shirt an, straht die junge Frau an wie eine Heiligenerscheinung und ist von nun ganz entspannt. Der liebste Freund packt die Kaffeekanne, süße Teilchen, Käse, Wurst und Brötchen aus, und wir krümeln glücklich die Sitze voll, bis die Zugbegleiterin vorbeikommt und den Austausch unseres Zuges in Prenzlau ankündigt.

Zwei Stunden später sind wir angekommen und schließen unsere Ferienwohnung auf, die ein bisschen mehr „unsere“ und sofort ein wenig wie zu Hause ist, weil wir hier letztes Jahr schon gewohnt haben. Es gibt das rote Sofa noch und den Großelternsessel, die vielen Spiegel und die Glasteller und die seltsame Küchenlampe und wie letztes Jahr Erbsensuppe aus dem Schlauch und dann das Meer, das kalt ist und rauscht, und ein großzügiges Abendrot, das sich hell in den ruhigen Lachen am Strand spiegelt, die die Wellen nur manchmal erreichen. Und als wir das Abendrot beinahe erreicht haben und uns umdrehen, um zurückzulaufen, steht im Dunst hinter der Seebrücke der Vollmond, dick und orange.

Sonne Kälte Sonne

Der April ist flink vergangen.

Begonnen hat er mit einer glücklichen Sonnenstunde im kleinen Gartencafé im Russischen Viertel von Potsdam, auf einer Holzbank neben dem liebsten Freund, mit kühlem Wasser und den Namen alter Apfelsorten im Mund, während der vom Andrang der an diesem plötzlichen warmen Wochenende zahlreichen Gäste überforderte Caféangestellte Kaffemaschine, Tortenheber und Kasse jonglierte und dabei den Flammkuchen in der Mikrowelle schwarzbruzzeln ließ; mit einer Abendstunde im Barberini-Museum bei den Seerosen von Monet und dem Muschelengel von Sam Francis, in dessen bunte Farben man so viel hineindeuten kann, wie man eben Zeit hat, davor zu verweilen.

Weiter ging der April mit dem ins-Warme-und-wieder-hinaus-Tragen der Balkontöpfe; mit Besuchen von der großen und der ganz großen Schwester; mit einem Schwimmbadtag zu Beginn der Osterferien, bei dem der Achtjährige mich damit überraschte, dass er plötzlich sieben Bahnen schwimmen und bis zum Grund des 2-Meter-Beckens tauchen konnte und mit einem Schwimmbadtag am Ende der Osterferien, bei dem der Zwölfjährige die fürs Bonzeabzeichen notwendigen acht Schwimm-Bahnen in viel weniger als den 15 vorgeschriebenen Minuten hinter sich brachte und ich mich soweit unter Wasser wagte, dass wenigstens meine Füße durch die Eingangsguckscheibe des Schöneberger Stadtbades zu sehen gewesen sein müssen. –

Weiter ging der April mit Ostertagen bei der Besuchsfreundin in Brandenburg, Katzenstreicheln, Töpfermarktschlendern und viiiel Schokolade; mit einer großangelegten Motten- und Milbenschutzaktion in den Kinderzimmern und der Wiederanmeldung in der nun schon lange in den Nachbarkiez verzogenen und daher nicht mehr so leicht besuchbaren Bibliothek, von der ich etliche Kilogramm Lesevorfreude nach Hause trug: Quarks! Hawkings Nussschalenuniversum! Acrylmalerei und Collage! Eine Hasenwuschelgeschichte für den Achtjährigen und haufenweise Fragezeichen fürs große Kind! –

Der April endet, wie er angefangen hat: mit Sonne. Ich löse ein, was ich dem Zwölfjährigen zum Geburtstag geschenkt habe – wir fahren nach Lübbenau ins Spreeweltenbad. Diesmal sind die Pinguine garnicht so wichtig, die brüten sowieso, sondern die Rekorde, die wir im Wasserball-hin-und-her-Schießen aufstellen und die verrückten Sprünge, die der Zwölfjährige macht, wenn er es geschafft hat, auf den großen bunten Ringen im Wasser aufzustehen, während ich auf einem Fleck stehe, auf dem die Sonne zwischen den hölzernen Dachstreben ins Wasser herunterscheint, ihr mein Gesicht entgegenstrecke und glücklich bin.

Im April werde ich…

Ach, das habe ich wieder erst bei der Krähenmutter gesehen (eigentlich stammt die Idee von Frische Brise) – aber ich mag gerne noch mitmachen:

…die Besuchsfreundin besuchen – in ihrer neue Wohnung
…selbst Besuch von der ganz großen Schwester bekommen (seit gestern!) – und vielleicht auch von der großen Schwester
…zwei ganze halbe Tage Urlaub haben
…ein spannendes Buch über Lernstrategien für ADHS-Kinder auslesen und dies und das ausprobieren
…den Zwölfjährigen mit Karten für ein Konzert überraschen, so richtig am Abend und für Große
…rekordverdächtig wenige Ostereier auspusten, färben, bemalen, aufhängen und essen
…mit meinen Söhnen Geburtstagsgeschenke für ihren Vater besorgen
…mit der Mitmutter und unseren Kindern schwimmen gehen, wenn wir alle hübsch gesund bleiben (das war ein Weihnachtsgeschenk an sie, aber manche Dinge brauchen Zeit)
…vielleicht ein Geburtstagsgeschenk einlösen, das ich im letzten Sommer bekommen habe (denn manche Dinge brauchen sehr viel Zeit).
…vielleicht in einen Escape-Room eingeladen werden
…vielleicht mit der leidigen Steuererklärung anfangen
…jeden Morgen auf den Balkon hüpfen und mich daran freuen, wie es dort keimt und wächst und blüht
…jeden Abend die Wetterapp aufrufen, damit ich vor eventuellen Nachtfrösten alles ins Warme holen kann, was ich viiiiiel zu früh rausgepflanzt habe
…in den Kinderzimmern Bilderrahmen mit unseren neuen Linoldrucken aufhängen
…die Korken in den Kleiderschränken mit frischem Mottenschutzöl tränken
…Hornveilchen in die Pflanzschalen für den Friedhof setzen

Bäume

Ich liebe Bäume.

Ich schaue im Winter gerne in kahle Zweige, und noch viel lieber jetzt, wenn das Muster, dass sie vor dem Himmel bilden, durch das Wachstum der Knospen plötzlich lebendig wird und sich von Tag zu Tag verändert. 

Die Birken mag ich gerne, deren unordentlich hängende Zweige von Weitem (aber nicht aus der Nähe) aussehen, als ob sie einen Friseurbesuch nötig hätten. Den Ahorn im Hinterhof mag ich, der mit seinen zum Himmel in schönster Rundung abschließenden jungen Zweigen aussieht, als hätte er seinen Haarschnitt schon bekommen. 

Ich bewundere die Linden, die ich als Nicht-Autobesitzerin rund ums Jahr von ganzem Herzen schön finden kann. Sie haben wahrscheinlich das eine oder andere Seminar gemeinsam mit den klugen Kreuzsspinnen besucht; sie sind Meisterinnen feinster, auf Linden-Art ein klein wenig gebogener Ästchen und Verzweigungen, mit denen sie sich wie mit einem zweiten Wurzelwerk im Himmel verankern.

Ähnlich intensiv verzweigen sich die Platanen, nur ein wenig kräftiger und knorriger, müssen sie doch das Gewicht ihrer Früchte, der Vorbilder der gemeinen Weihnachtsbaumkugel, sicher tragen können.

An den alten, lebenserfahrenen Kastanien freue ich mich, die ihre Zweige, schwer von aufbrechenden Knospen, achtlos, aber dennoch elegant durcheinanderhängen lassen, so dass sie ein wunderschönes Wirrwarrmuster bilden. 

Nicht weit weg stehen die jungen Pappelsprösslinge, die schon große, längliche Knospen haben, aber garnicht daran denken, sich mit kleinen Ästchen aufzuhalten. Sie recken ihre Triebe zum Himmel und träumen davon, eines Tages wie eine hohe Kerzenflamme aufzuragen oder wie riesige Pinsel, mit denen man den Himmel an grauen Tagen blau anmalen könnte. 

Der Urzeitkollege Gingko hat es auch nicht so mit kleinen Zweiglein – der Evolution war diese Idee vielleicht noch garnicht gekommen, als er zum ersten Mal seine zwei-in-einem-Blätter austrieb. Umsomehr konzentriert er sich auf seine Knospen und auf jedes einzelne Blatt darin, weil er hofft, nochmal jemanden zu einem Gedicht zu inspirieren - 

Entlang der S-Bahn-Strecke, die ich fahre, gibt es Bäume mit dekorativ gekrümmten Ästen (Robinien, vielleicht?), ein ganzes Ensemble von ihnen steht am am Rand des Tempelhofer Feldes, in wortloser Absprache die kleineren anmutig um den größten versammelt.

Aber heute sind mir die kleinen Bäume am allerliebsten, die an der zu S-Bahn parallelen Straße stehen und manchmal rosa blühen und deren Namen ich noch nicht mal kenne. Die Ästchen an ihren langen Zweigen geben ein so harmonisches Bild ab, dass ich mich frage, ob schon jemals ein staunender Mathematiker versucht hat, ihr Geheimnis zu ergründen, ob es z.B. mit Fibonaccis Zahlenfolge zusammenhängen könnte – die mich fasziniert, seit ich gelernt habe, dass sich aus ihr der „goldene Winkel“ ergibt, in dem manche Pflanzen ihre Blätter um ihren Stängel herum versetzen, weil die Blätter sich dann gegenseitig das Licht nicht wegnehmen. Aber das ist eine andere Geschichte, keine über Bäume, sondern eine, in der Kiefernzapfen, Ananas und Kakteen vorkommen.

Und am Abend, als ich mit vollgepackten Einkaufsbeuteln zurück nach Hause gehe, freue ich mich über die Trauerweiden am Kanal, die ihren grünen Feenschleier angelegt, und über die wilden Pflaumenbäume, die sich mit weißem Blütenbadeschaum eingeseift haben.

Ich liebe Bäume.

(Warum heiratest du sie dann nicht?, würde der Achtjährige dazu sagen, der nicht müde wird, diesen seinen allerliebsten Achtjährigenwitz anzubringen, sobald irgendjemand sagt, dass er irgendetwas liebt, so dass man – des Achtjährigenwitzes nun doch etwas überdrüssig – nur noch augenrollend antworten kann, dass die Ringe schon bestellt seien. Aber auch das ist eine andere Geschichte.)

Vorfrühlingsgefühle

Der Vorfrühling kommt zögernd nach Berlin. Wir frieren am Morgen auf dem Weg zur Schule, aber hellblaue Krokusse leuchten auf den Rabatten. Mit dem liebsten Freund laufe ich am Wasser entlang und freue mich sogar am giftgrünen Bärlauch, dieser elenden Nasenplage – so gierig bin ich nach Grün, weil der Winter lang und düster war.

Im Zimmer des Achtjährigen entsteht auf einer Rigipsplatte – zwischen Fensterbrett und Stuhllehne – wieder ein Anzuchtgarten mit vielen Töpfchen. Fünf Sonnenblumen keimen schon, drei Tomatenpflänzchen, Sonnenhut und Majoran. Wenn ich morgens ein paar Minuten Zeit habe, sitze ich daneben im Sessel und schreibe in mein Morgenseitenbuch.

Die Tage sind vollgestopft, das ist ja nichts Neues. Zum Chirurgen mit dem Zwölfjährigen und zum Elternabend des Achtjährigen geht es; dann wieder mit dem Großen zur Probestunde in der Musikschule („Wir freuen uns“, schreibt mir die Musikschulverwaltung hinterher, „Ihnen mitteilen zu können, dass wir Ihre Sie/ Tochter / Sohn ab 1.05.2017 im Fach Schlagzeug fortführen / aufnehmen können“ – eine neue Ära beginnt da vielleicht, den Schlagzeuglehrer haben wir schon kennengelernt, er unterrichtet auch besser, als die Verwaltung schreibt) und zur Hortkostenstelle, mit der Unklarheiten bezüglich der Hortkosten geklärt werden müssen, die durch konsequentes Aneinander-vorbei-Kommunizieren von Schule und Amt nun schon ein halbes Jahr lang immer unklarer werden.

Wenn abends die Kinder im Bett sind, lege ich mir Kleidung für den nächsten Arbeitstag im Büro zurecht und gehe auch schlafen; ich bin müde und spüre nichts davon, dass ich – weil meine Kinder ja nun schon größer sind – wieder mehr Freiräume habe; oder vielleicht sind die Freiräume ja auch da, und nur die Kraft ist es nicht. Der Zwölfjährige verschiebt seinen Wechseltag zwischen seinem Papa und mir von Dienstag auf Mittwoch und verbringt nun jeweils zwei Tage ohne seinen Bruder bei jedem Elternteil. Leicht wären die Nachmittag mit ihm allein mit Arbeit für die Schule zu füllen, immer ist da viel zu tun und er ist langsam – aber ich verstehe inzwischen, dass wir – er auf seine Weise und ich auf meine – schon unter viel zu viel Druck stehen und versuche, uns beiden Freiräume zu schaffen, in denen wir durchatmen können.

Am Wochenende fährt der liebste Freund mit uns nach Leipzig in den Zoo, und der Achtjährige ist hingerissen, als sein Lieblingstierpfleger aus der Fernseh-Doku plötzlich vor ihm steht und er ihm ganz aus der Nähe beim Füttern der Löwen, Erdmännchen und Hyänen zusehen kann. Die Seelöwen aalen sich im Wasser wie ein besonders anschauliches Beispiel dafür, was es bedeutet, „ganz in seinem Element“ zu sein; und als die Durchsage kommt, dass alle Besucher nun allmählich zum Ausgang gehen sollen, haben wir die Totenkopfäffchen noch garnicht gesehen und den Kraken, die Husarenaffen und die weißen Wölfe –
Wir fahren im Abendlicht zurück nach Berlin.

Auch morgens ist es jetzt wieder hell, wenn mein Wecker klingelt und ich in die Küche gehe und die Radionachrichten höre, die fast jeden Morgen verstörend und beängstigend sind und Vesperdosen für meine Kinder vorbereite, die. würde man sie alle, seit Beginn der Kita-Zeit bis heute, übereinanderstapeln – so etwas rechnen wir dann am Frühstückstisch aus – inzwischen einen ungefähr 130 Meter hohen Turm bilden würden.

Wir gehen los – Richtung Schule, am Krokusfeld in der Rabatte vorbei; und manchmal gehen meine Söhne inzwischen ohne mich, mit einem Taschengeldeuro in der Hand und rechtzeitig für einen Abstecher in den Laden, der die Päkchen mit den Sammelkarten führt. Ich setze mich in die S-Bahn und schlage ein Buch auf. Kosmologie und Quantenmechanik faszinieren mich gerade (ein Paralelluniversum populärwissenschaftlicher Bücher tut sich vor mir auf -) und es macht nichts, dass ich beim Lesen nicht viel verstehe, denn zum Staunen reicht es.
Und wenn ich aufschaue, ist der Himmel vor dem S-Bahn-Fenster frühlingshell.

Im März werde ich…

…wieder richtig gesund werden und regelmäßig arbeiten
…Kräuter, Paprika, Tomaten und Sonnenblumen auf der Fensterbank vorziehen
…“PopCo“ von Scarlett Thomas und „Kosmologie für Fußgänger“ lesen
…zum Geburtstagfeiern nach Thüringen fahren
…eine Geburtstagseinladung für zwei Freundinnen einlösen
…Arzttermine wahrnehmen und Elternabende besuchen
…Canasta spielen
…Fastenvorsätze umsetzen (z.B. eine Smartfone-Diät)
…die Sommersachen vom Hängeboden holen
…die hellen Abende nach Beginn der Sommerzeit genießen
…Bewerbungsfotos machen lassen – vielleicht
…auf meinem Balkon in der Sonne sitzen

Nach einer Idee von Frische Brise, gefunden bei der Krähenmutter

Von Elfchen, Kirsch-Schnecken… und dem Auja-Prinzip

Das mit dem Flamenco-Workshop ist jetzt schon zweimal schiefgegangen. Angemeldet, gefreut, kurzfristig was dazwischengekommen, abgemeldet, enttäuscht gewesen. Aber das Kreatives-Schreiben-Wochenende, das die ganz große Schwester mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hat, musste ich trotz aller Grippeviren nicht absagen. Hah!

Ein großer Nachteil von Münster ist, dass die Stadt nicht in der Nähe von Berlin liegt, was dazu führt, dass man zu einem Schreibkurs in Münster eine gute Weile fährt, in einem Intercity inmitten einer Gruppe niederländischer Männer, die von einer Konferenz in Berlin nach Hause fahren und aufgeregt über die geplante PKW-Maut diskutieren, während man selbst sich eigentlich gerade nur für die Frage interessiert, ob man eigentlich die Kopfschmerztabletten eingepackt hat. Dann steigt man in eine kleine Regionalbahn um und schaukelt zwischen Städtchen und Dörfern und Pferden hindurch bis Münster.

Statt Thiel auf dem Fahrrad begrüßt mich dort ein kühler Februarschauer (schade!), der Bus fährt schon mal ab, während ich noch den Weg aus dem von Baugerüsten umstellten Bahnhof suche, ich sitze in einem Imbiss vor einer mit Prilblumen verzierten Wand, gucke den Freitagsnachmittagspendlern zu, die zum Bahnhof eilen und erfinde (um ein bisschen in kreative Stimmung zu kommen) einen alten, verwitweten Mann, der am Bahnhof von Münster in einem mit Prilblumen verzierten Imbiss sitzt, auf seine Tochter wartet, den Freitagsnachmittagspendlern zuschaut, die zum Bahnhof eilen, und so deprimiert ist, dass er die wenigen bunten Farbtupfer (Regenschirme und Taschen und Jacken und Fahrräder) zählt, die er im Februargrau sieht. Vielleicht entschließt er sich ja, zu seiner Tochter nach Münster zu ziehen, wenn sich ein Stück blauer Himmel in einer Pfütze spiegelt? –

Dann kommt mein Bus. und eine Stunde später sitze ich zusammen mit neun anderen Frauen, einem wagemutigen Mann und der Kursleiterin – Susanne – an einer aus rauhen Holztischen zusammengeschobenen Tafel, einen Stapel Papier vor mir, einen gespitzten Bleistift in der Hand – und sehr, sehr neugierig auf das, was da an diesem Wochenende kommen wird.

Was kommt? Wir schreiben. Wir schreiben Listen und Elfchen (das sind Gedichte mit fünf Zeilen, auf die sich die 11 Wörter nach dem Schema 1-2-3-4-1 verteilen); wir schreiben „Morgenseiten“, wir gucken unsere unbekannte Nachbarin am Tisch an und dichten ihr in fünf Minuten ein Leben, wir definieren Substantive so ähnlich wie Sebastian23, wir bekommen ein Wort vorgelegt, aus dem wir einen Satz machen müssen; einen Satz, um den herum wir eine Seite aus einem Buch erfinden; eine Frage, aus deren Antwort dann wieder ein Text wird; wir erfinden Wörter und ihre Definitionen gleich mit – die Bleistifte kratzen übers Papier, das Schälchen mit dem Anspitzer wandert auf dem Tisch herum und füllt sich, die Neuronen in meinem Kopf sausen auf alten, halbvergessenen Kreativitätsbahnen durchs Hirn oder hüpfen ins Unbekannte und machen neue.
Die Texte werden vorgelesen. Das ist ein bisschen aufregend, wenn man nicht gewohnt ist, Texte vorzulesen, die man gerade eben in nur fünf Minuten geschrieben hat, aber eigentlich auch nicht so sehr, weil es fast allen am großen Holztisch so geht. Und was für wunderbare Texte da entstehen! Wir hören vom suizidgefährdeten Goldfisch; von einem alten Mann, der sich bei Gott über die Frivolität des Karnevals beklagt und am Ende Konfetti niest; von einem Ich-Erzähler, der überall nach Mustern sucht; einer Großmutter, die vieleviele jeweils entweder mit Kirschen oder mit Schnecken bestickte Tischdecken hinterlässt; einem Jungen, der mit einem Kumpel einen Feuerwerkskörper in den Briefkasten des Lehrers steckt, den er eigentlich mag. Wir hören, wir hören zu, gespannt, gebannt.

Abends und morgens stellen wir am großen Tisch in der Gästeküche die biblische Geschichte von der Speisung der Fünftausend nach; Selbstversorgung ist angesagt und alle haben dies und das mitgebracht. Der Brötchenvorrat wird von Mahlzeit zu Mahlzeit größer, am Abend stehen plötzlich fünf Flaschen Wein auf dem Tisch und vor der Abfahrt am Sonntagmittag sammeln wir die Reste ein und füllen elf Koffer. Aber soweit ist es noch nicht. Beim ersten Abendessen und beim ersten Frühstück werden am Tisch Fragen in diese und jene Richtung gestellt und die Geschichten erzählt, die wir selber erlebt haben, unsere Geschichten. Und dann wird wieder geschrieben. Schnell fühlt die Runde sich vertraut an. Das Wochenende vergeht schnell. Am Samstagabend ist der Kopf voll und die Schreibhand erschöpft, trotzdem würde ich gerne noch einen ganzen Tag lang von meinen Schreibseiten auf- und aus den großen Fenstern der umgebauten Scheune zum Himmel schauen, mit den anderen die Heck-Rinder in der Ems-Aue noch einmal besuchen, eine Nacht länger im klösterlich friedlichen Zimmerlein des christlichen Tagungshofes schlafen – fernab vom Alltag, den Stift griffbereit auf dem Nachtschränkchen.

Aber die letzte Schreibrunde – ein Manifest, ein Glaubensbekenntnis entwerfen wir da, unser ganz eigenes für den Moment – ist schneller als gedacht zu Ende. Es wird noch zur Messe geladen, zu Mittag gegessen und aufgeräumt. Dann stehe ich auch schon wieder vor den Baugerüsten am Bahnhof Münster. Es regnet auch wieder.

Zu Hause hat der Zwölfjährige auf den Anrufbeantworter geklagt, dass er schrecklich gerne bei mir schlafen möchte, er kommt um halb neun noch von seinem Papa zu mir und wir erzählen ein bisschen.
Gegen seinen Montagmorgenfrust versuche ich gleich mal, mit dem „Auja!“-Prinzip anzugehen, das ich auf dem Schreibkurs gelernt habe. Eine total doofe Rolle, die man im Improvisationstheater plötzlich spielen soll (da kommt das nämlich her): „Auja!“ rufen und machen. Eine eher sperrige Schreibaufgabe bekommen (dabei hat uns Susanne das Prinzip erklärt): „Auja!“ rufen und zum Stift greifen. Montags in die Schule müssen?
Ruf doch mal „Auja!“, schlage ich dem Zwölfjährigen vor und ernte einen bitterbitterbösen Blick.

Aber ich setze mich hin – nach dem Frühstück, bevor ich den Zwölfjährigen noch ein bisschen nerve motiviere und wir gemeinsam losgehen – und schreibe in mein schönes schwarzes Heft. Zehn Minuten lang. Morgenseiten. Vielleicht morgen nicht, aber wenigstens heute.