Schlagwort-Archive: Glück

Dazwischen

Mittwochabend vor dem langen Wochenende. Die Koffer sind gepackt; Lebensmittel für drei Tage eingekauft. Ein Schokoladenkuchen kühlt in der Küche aus; die Kinder schlafen; ich weiß, in welchem Zug der liebste Freund zu uns stoßen wird – ein Haus ist gebucht und erwartet uns. Morgen.

Der Abend schenkt mir noch ein paar stille Balkonminuten. Obwohl der Regen aufgehört hat,  klatscht gelegentlich ein schwerer Tropfen von der Ablaufrinne des Balkons über mir – vielleicht kaputt, vielleicht verstopft – in meine Balkon-Wasserablaufrinne. Die erste Fledermaus macht sich auf die Jagd; ein Stern blinzelt mir durch eine Wolkenlücke zu und an der Hauswand zeichnet sich allmählich der Schatten des Balkongeländers ab, weil die vollmondrunde Lampe im Nachbarhof mit zunehmender Dämmerung zur hellsten Lichtquelle wird. Im Haus gegenüber schneidet ein Mann im roten T-Shirt in seiner Küche Brot.

Die zurückliegenden Tage dürfen langsam in den Hintergrund treten. Es waren gute Tage:

Ich weiß nun, wann Cosmo auf Italienisch sendet und wo ich die Sendungen nachhören kann. Ich habe – als mein Online-Französischkurs eine technische Störung hatte – den herrlichen Podcast „One Thing in a French Day“ entdeckt und freue mich bei beiden wie die reinste Schneekönigin, wenn ich hier und da ein Wort verstehe.

Ich habe meinen (hübsch frisch gewaschenen) Fuß und meinen ganzen klapprigen Knochenapparat einer Osteopathin hingehalten, die es geschafft hat, dass ich mich während ihrer Behandlung wunderbar entspannen konnte, obwohl sie ihre Hände beim Aufspüren von Blockaden und Verspannungen eigentlich überall hatte. In Bewegung kommen müsse ich (ach… weiß ich ja schon – wenn die gute Absicht bloß zählen würde…) und solle einmal am Tag die Beine senkrecht an der Wand nach oben strecken. (Wahrscheinlich hört es sich dabei sehr gut Podcasts.)

Die Frau, der ich übers Nachbarschaftsnetzwerk im Winter Blumensamen im Austausch gegen ein paar ungenutzte Bretter (die mal ein neues Bad-Regal für mich werden könnten) gegeben habe, hat mir Fotos von all dem geschickt, was jetzt in ihren Balkonkästen wächst. Eine kleine freundliche Geste, die meinen Tag schön gemacht hat. Ich bin auch nur ein ganz klein wenig in Sorge, weil sie geschrieben hat, dass sie die Blätter der Bienenweide gegessen hat („…weil die Pflanze so groß wurde“).

Der kleine Abendblues, der sich auf dem Balkon neben mir auf der Bank niedergelassen hat, hört sich all diese Dinge an und rutscht zur Seite, damit sich eine ziemlich füllige Dankbarkeit zwischen uns niederlassen kann. Es geht uns gut, hey!

Euch allen ein schönes, entspanntes Himmelfahrtswochenende!
Es werden noch Wetten angenommen, wie viele geschmückte Handwagen mit Bierkästen morgen mit uns im Bähnchen hinaus ins grüne Land reisen werden.

Advertisements

#WmdedgT? 5. Mai 2018

Frau Brüllen fragt wie an jedem Monatsfünften, was wir eigentlich alle den ganzen Tag machen. Hier gibt es viele Antworten – meine ist diese hier:

Ich wache irgendwann ganz früh auf, weil die Amsel vor dem Fenster sich in ihre Morgen-Arie einsingt und der Nachbar von schräg-oben-links sein Radio oder seinen Fernseher einschaltet und die Lautstärke ordentlich aufdreht. Das macht er häufig, er lebt zu ungewöhnlichen Zeiten, weswegen ich ungern auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafe. Aber es hatte sich gestern nach einem langen Telefonat mit der Besuchsfreundin so ergeben – deshalb lege ich mir jetzt ein Sofakissen aufs Ohr und mache die Augen wieder zu.

Als ich wieder aufwache, ist es halb acht. Ich freue mich ein paar Minuten lang an dem Gefühl, nicht aufstehen zu müssen, dann stehe ich auf und mache einen kleinen Kontrollgang auf dem Balkon. Allen Pflanzen (außer den von den Spatzen geplünderten Melden) geht es gut, aber es ist zu frisch, um draußen zu frühstücken. Also setze ich mich mit meinem Tee und drei Toastbroten an den Küchentisch.

Nach einer ausführlichen Dusche packe ich die Sachen des Dreizehnjährigen zusammen, der am Vortag zu seinem Papa gewechselt ist – das bedeutet, dass ich elf transparente Plastik-Stehordner, die  – hoffentlich – jeweils Buch, Hefter und sonstiges Zubehör für genau das Schulfach enthalten, das vorne auf dem Stehordner vermerkt ist, in zwei große blaue IKEA-Taschen stelle; die dünne Jacke, die Sandalen, das Handy, die Schlagzeugnoten und die Sticks dazulege, mir die eine Tasche über die eine Schulter und die andere über die andere Schulter hänge, das Schlagzeugpad in die eine Hand nehme und mit der anderen geradeso noch die Wohnungstür hinter mir zuziehen kann. Diese Routine gibt es alle zwei Wochen (das Zubehör des Neunjährigen ist etwas handlicher und wird immer schon am Donnerstagnachmittag zum Papa – oder in der anderen Woche: zu mir – verbracht).

Ich klinge beim Vater meiner Kinder, begrüße die Jungs, schiebe mich mit den riesigen blauen Taschen in den engen Flur und setze mich kurz zum Vater meiner Kinder an den Küchentisch, um ein paar Absprachen zu treffen. Der maulende Dreizehnjährige muss danach nochmal mit zu mir kommen, weil da noch irgendwo die Informationen herumliegen müssen, die er sich für einen Kurzvortrag zusammengesucht hat.

Kurz vor halb 10 ist das Wechsel-Prozedere für dieses Mal erledigt und ich bin wieder allein.

Ich fange an, die kinderwochenverwüstete Wohnung aufzuräumen, wasche Geschirr ab, sammle Schmutzwäsche ein, stelle die Waschmaschine an, putze den Herd und den Badspiegel, die Badewanne und das Klo und merke gerade zur richtigen Zeit, dass ich eigentlich lieber in die Bibliothek fahren möchte, um einen kleinen Büchervorrat für die anstehenden Feiertage und Reisen zu besorgen. Jodi Picoult und Jörg Maurer für Himmelfahrt, Sue Monk Kidd und Regine Sylvester für Pfingsten, Graeme Simsion für jetzt sofort gleich und dann noch hier ein Buch und da eines – ein erfreulicher Stapel, den ich auf dem Weg zur digitalen Ausleihenverbuchung kaum auf dem Arm balancieren kann. Und dann ist da ja am Ausgang noch das frisch mit aussortierten Beständen bestückte Zu-Verschenken-Regal! Meine Tasche beult sich am Ende, als würde ich einen kleinen Elefanten darin transportieren. Sie ist auch genauso schwer.

Leider ist es zu spät, um nochmal kurz zu Hause vorbeizufahren und die Bücher abzustellen, also bleibe ich in der Bahn sitzen und fahre zum S-Café Friedenau, in dem ich mit der Patentante des Dreizehnjährigen verabredet bin. Die Sonne kommt neugierig um die Hausecke, sobald wir uns an unserem Tisch auf dem freundlichen kleinen Bahnhofsvorplatz niedergelassen haben; es gibt Kichererbsensalat mit Minze, Milchkaffee, kleine Updates aus ihrem und meinem Leben und beinahe einen Sonnenbrand im Nacken. Das ist sehr, sehr schön. Wir verabreden, uns unbedingt zum gemeinsamen Fußballgucken im Juni und vielleicht auf einen gemeinsamen Besuch in einer Trampolinhalle mit meinen Kindern zu treffen. Bald. Bestimmt bald…

Auf dem Rückweg beantworte ich ein paar sms und verpasse meinen Umsteigebahnhof, weil ich in „Das Rosie-Projekt“ vertieft bin. Also dauert die Fahrt etwas länger und ich bin erst um halb drei wieder zu Hause.

Mein Wochenendziel ist es, die Steuererklärung zu machen – damit kann ich aber auf keinen Fall anfangen, solange es in der Wohnung noch so schrecklich aussieht. Also räume ich weiter auf, wische Flur und Schlafzimmer, hänge Wäsche auf, stelle die Waschmaschine wieder an, trage die ersten Kleidungsstücke für die Klassenfahrt des Neunjährigen und für unser Himmelfahrtswochenende in Brandenburg zusammen, sauge das Wohnzimmer, hole die Koffer vom Hängeboden. Dann ist es auch schon Zeit, die letze Sonnenstunde auf dem Balkon zu verbringen, dabei ein paar Brote zu essen, einen auf-keinen-Fall-vergessen-Plan für die nächste Woche zu schreiben und einen Eimer Wasser unter den durstigen Pflänzchen zu verteilen.

Von sieben bis acht sitze ich dann vor dem Rechner, öffne aber mitnichten das Elster-Programm, sondern meinen Online-Sprachkurs Französisch. „tout le monde“ und „rien“, die Kontinente, il est né – il s’est marié – il est mort – solange ich vier Stunden im Monat lerne, stellt mein Arbeitgeber mir eine Sprachlernlizenz zur Verfügung, und ich bin anhaltend glücklich, zu lernen, in eine neue Sprache einzutauchen (bei weitem nicht nur, um den Dreizehnjährigen qualifiziert Vokabeln abfragen zu können!) – ganz ohne immer-wieder-schwierig-einzurichtenden wöchentlichen Kursbesuch, in meinem eigenen Tempo und zu meinen eigenen Zeiten.

Beim Bügeln hinterher versuche ich, einen französischen Podcast zu hören, was sich erwartungsgemäß als schrecklich größenwahnsinnig herausstellt. Ich verstehe kein Wort.

Ich räume die Pullis in den Schrank und das Bügelbrett beiseite. WmdedgT-Zeit.

Und dann mit dem angefangenen Buch unter eine Decke. Gute Nacht!

 

Die schönen Momente

Eine erste Schulwoche mit jeder Menge Neuerungen für gleich zwei Kinder ist anstrengend, das ist normal, so normal, dass ich gar keine Lust hatte, unser Durcheinander aus Schreibwarenbeschaffung, aufgeregten synchronen Schulberichten im rechten und linken Ohr, wichtigen dringenden Formularen, Schnappatmung und vermissten Arbeitsheften für Frau Brüllen festzuhalten (wo ich mich eigentlich sonst gern beteilige).

Aber natürlich gibt es auch immer die schönen Momente.

Die liebevoll von den Elternsprechern und der neuen Erzieherin des Achtjährigen vorbereitete Kennenlernkaffeetafel – mit Blick auf den Fußballplatz, wo der zur Zeit hospitierende Lehramtsstudent mit den Jungs der dritten Klasse stundenlang spielte.

Dem liebsten Freund nach einem langen Tag aus Jan Wagners phantastischem feinem Buch „Beiläufige Prosa“ den Text über die Sixtinische Madonna vorzulesen und dabei zur Ruhe zu kommen.

Ein Mittagessen auf dem Balkon, bei dem die Sonne mit warmen Strahlen wiedergutmachte, dass sie gleichzeitig unbarmherzig auf bespritzte Fliesen, verkleckerte Schranktüren und staubige Fenster (allesamt leider, leider in meiner Wohnung) schien.

Das gemeinsame Spielen des Achtjährigen, des Zwölfjährigen und des Sohnes der Partnerin der Besuchsfreundin – und vor allem: wie die von uns Eltern so ungeliebten Ninjago- und Pokemon-Welten in den Köpfen der Jungs einen gemeinsamen Phantasieraum bildeten, der sich ohne viel Kennenlernzeit einen ganzen Nachmittag lang auf einem Spielplatz mit Holzschiff und Kleinkind-Schaukeltieren bespielen ließ.

Die Unterstützung, die ich von der Lehrerin, der Erzieherin und der Vereinsfrau vom Schwimmverein dabei bekomme, dem Achtjährigen das Training im Verein trotz Ganztagsschule und ungünstiger Trainingszeit zu ermöglichen. Und: dass der Achtjährige selbst seine Hefte und Jacken wiederfand.

Der Jokercanasta, mit dem der Zwölfjährige den liebsten Freund und mich am Abend haushoch besiegte – seine unbeschwerte Freude nach einem dieser langen, anstrengenden ersten Schultage am Gymnasium mit Informations- und Sozial-Overkill.

Die Stunde, die ich meinem Arbeitgeber klaue (zurückzuerstatten Mitte der Woche, sobald die Kinder bei ihrem Vater sind), um mit der Mit-Mutter einen Kakao zu trinken und dabei unsere kleinen Fährnisse und Widernisse, die Sorgen und Mühen, die Pläne, Kleinsiege und Kleinstsiege in unser Lachen und unsere Freundschaft einzuweben.

Das Vergnügen, mit dem ich mir (in den dreienhalb Minuten, die ich nach dem Weckerklingeln um sechs Uhr noch liegenbleiben kann, bevor die Badezimmer-Frühstücksdosen-Aufbruchs-Routine beginnt) ausdenke, als was wohl all die Autoren von Achtsamkeits-Ratgebern wiedergeboren werden, die sich lang und breit darüber auslassen, wie großartig ihr Tag beginnt, dass nichts sie bis zum Abend aus der Ruhe bringen könne, dass ihr ganzes Leben verwandelt und glücklich sei, seit sie morgens immer zuerst eine halbe Stunde allein in der Natur spazierengehen, die fünf Tibeter sieben Mal in Richtung Sonnenaufgang tanzen, zwanzig Minuten schweigend meditieren, eine Viertelstunde auf ihrer Yogamatte* verbringen und dann noch ohne viel Nachdenken vierzehn Seiten ihrer persönliche Schreibkladde füllen.

Und dann der Abend, an dem der Zwölfjährige mit einer gefalteten Zeitung um mich herumquirlt, während ich Abendessen mache – zu machen versuche – machen würde, wenn er nicht ständig da herumhüpfen würde, wo ich gerade hinwill, vor dem Kühlschrank, vor dem Küchentisch, vor dem Brotschneidebrett – und erschlägt die Essigfliegen, die sich auf den Pfirsichen gebildet haben, als ich denen mal kurz den Rücken zugewandt habe. Mama, ich hab schon 22 erwischt!
Und ich bin glücklich.

 

 


*um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich habe garnichts gegen Yoga, Spaziergänge, Mediation, Zeit zum Schreiben und dergleichen. Ich hätte selbst gern welche. Manchmal habe ich ja auch sieben Minuten. Oder dreiundzwanzig. Ich habe nur etwas gegen Ratgerberbuchautoren, die ignorieren, dass es Menschen gibt, denen eine Stunde Schlaf fehlt, wenn sie eine Stunde eher aufstehen.

Up and away

Am Morgen ziehe ich nach einem Blick in die Wetterapp die lange Strumpfhose doch wieder aus und stecke sie noch schnell oben in die große Kraxe, bevor ich die aufhucke und die Tür hinter mir ins Schloss ziehe.

Mittags packe ich in einer Büroarbeitspause die dünne Windjacke aus und die mitteldicke Winterjacke ein.

Um halb vier gehe ich schwer bepackt, aber frohlockend an den Türen der Vollzeitkollegen vorbei zum Aufzug und hinaus in die Sonne.  Am Gesundbrunnenbahnhof steige ich in den Zug, in dem der liebste Freund sitzt und uns zwischen den Eberswalde-Pendlern Plätze freigehalten hat.

Voll ist der Zug am Donnerstagnachmittag! Und ich schaue so gern Menschen an. Gegenüber ein Student – vielleicht – der auf seinem Laptop etwas liest und sich gleichzeitig mit einem elektronischen Stift handschriftliche Notizen auf einem Tablet macht, dass er auf der Tastatur seines Laptops abgelegt hat. Die Dame neben ihm liest mit schreckverzerrtem Gesicht eine Ausgabe von pm mit dem Titel „Gefährliche Sonne“. Ein überforderter Vater im weißen Simpsons-T-Shirt macht abwechselnd Quatsch mit seinen Kindern – einem Mädchen im Kindergarten- und einem Jungen im Vorschulalter – und schreit sie zwischendurch, genervt von der Hitze und der Enge des Zuges, immer wieder böse an. Eine Dame in Marineblau runzelt missbilligend die Stirn und wechselt das Abteil, sobald mehr Plätze freiwerden.

Draußen stehen hellbraune Kühe auf Weiden und ein Auto mit offener Heckklappe auf einem Hügel neben einem hölzernen Picknicktisch. Ein wilder Landschaftsmaler hat unwirklich strahlendes Rapsgelb großflächig in die Felder gestrichen.

Das Anzeigesystem des Zuges ist davon ganz durcheinander und kündigt uns Kiesow, Greifswald Süd und Ferdinandshof an, obwohl wir uns doch Chorin, Angermünde und Prenzlau nähern. Live-Durchsageversuche des Zugpersonals gehen im wiederkehrenden Glockenton unter, der sie eigentlich ankündigen soll.

Weil es keinen Empfang gibt, male ich dem liebsten Freund eine gefühlte Karte unseres Reiseverlaufs in mein Notizheft. Als ich wieder aufblicke, hat eine junge Frau angefangen, nett mit den Kindern des überforderten Vaters zu schwatzen. Der hat plötzlich ein schwarzes Simpsons-T-Shirt an, straht die junge Frau an wie eine Heiligenerscheinung und ist von nun ganz entspannt. Der liebste Freund packt die Kaffeekanne, süße Teilchen, Käse, Wurst und Brötchen aus, und wir krümeln glücklich die Sitze voll, bis die Zugbegleiterin vorbeikommt und den Austausch unseres Zuges in Prenzlau ankündigt.

Zwei Stunden später sind wir angekommen und schließen unsere Ferienwohnung auf, die ein bisschen mehr „unsere“ und sofort ein wenig wie zu Hause ist, weil wir hier letztes Jahr schon gewohnt haben. Es gibt das rote Sofa noch und den Großelternsessel, die vielen Spiegel und die Glasteller und die seltsame Küchenlampe und wie letztes Jahr Erbsensuppe aus dem Schlauch und dann das Meer, das kalt ist und rauscht, und ein großzügiges Abendrot, das sich hell in den ruhigen Lachen am Strand spiegelt, die die Wellen nur manchmal erreichen. Und als wir das Abendrot beinahe erreicht haben und uns umdrehen, um zurückzulaufen, steht im Dunst hinter der Seebrücke der Vollmond, dick und orange.

Sonne Kälte Sonne

Der April ist flink vergangen.

Begonnen hat er mit einer glücklichen Sonnenstunde im kleinen Gartencafé im Russischen Viertel von Potsdam, auf einer Holzbank neben dem liebsten Freund, mit kühlem Wasser und den Namen alter Apfelsorten im Mund, während der vom Andrang der an diesem plötzlichen warmen Wochenende zahlreichen Gäste überforderte Caféangestellte Kaffemaschine, Tortenheber und Kasse jonglierte und dabei den Flammkuchen in der Mikrowelle schwarzbruzzeln ließ; mit einer Abendstunde im Barberini-Museum bei den Seerosen von Monet und dem Muschelengel von Sam Francis, in dessen bunte Farben man so viel hineindeuten kann, wie man eben Zeit hat, davor zu verweilen.

Weiter ging der April mit dem ins-Warme-und-wieder-hinaus-Tragen der Balkontöpfe; mit Besuchen von der großen und der ganz großen Schwester; mit einem Schwimmbadtag zu Beginn der Osterferien, bei dem der Achtjährige mich damit überraschte, dass er plötzlich sieben Bahnen schwimmen und bis zum Grund des 2-Meter-Beckens tauchen konnte und mit einem Schwimmbadtag am Ende der Osterferien, bei dem der Zwölfjährige die fürs Bonzeabzeichen notwendigen acht Schwimm-Bahnen in viel weniger als den 15 vorgeschriebenen Minuten hinter sich brachte und ich mich soweit unter Wasser wagte, dass wenigstens meine Füße durch die Eingangsguckscheibe des Schöneberger Stadtbades zu sehen gewesen sein müssen. –

Weiter ging der April mit Ostertagen bei der Besuchsfreundin in Brandenburg, Katzenstreicheln, Töpfermarktschlendern und viiiel Schokolade; mit einer großangelegten Motten- und Milbenschutzaktion in den Kinderzimmern und der Wiederanmeldung in der nun schon lange in den Nachbarkiez verzogenen und daher nicht mehr so leicht besuchbaren Bibliothek, von der ich etliche Kilogramm Lesevorfreude nach Hause trug: Quarks! Hawkings Nussschalenuniversum! Acrylmalerei und Collage! Eine Hasenwuschelgeschichte für den Achtjährigen und haufenweise Fragezeichen fürs große Kind! –

Der April endet, wie er angefangen hat: mit Sonne. Ich löse ein, was ich dem Zwölfjährigen zum Geburtstag geschenkt habe – wir fahren nach Lübbenau ins Spreeweltenbad. Diesmal sind die Pinguine garnicht so wichtig, die brüten sowieso, sondern die Rekorde, die wir im Wasserball-hin-und-her-Schießen aufstellen und die verrückten Sprünge, die der Zwölfjährige macht, wenn er es geschafft hat, auf den großen bunten Ringen im Wasser aufzustehen, während ich auf einem Fleck stehe, auf dem die Sonne zwischen den hölzernen Dachstreben ins Wasser herunterscheint, ihr mein Gesicht entgegenstrecke und glücklich bin.

Im April werde ich…

Ach, das habe ich wieder erst bei der Krähenmutter gesehen (eigentlich stammt die Idee von Frische Brise) – aber ich mag gerne noch mitmachen:

…die Besuchsfreundin besuchen – in ihrer neue Wohnung
…selbst Besuch von der ganz großen Schwester bekommen (seit gestern!) – und vielleicht auch von der großen Schwester
…zwei ganze halbe Tage Urlaub haben
…ein spannendes Buch über Lernstrategien für ADHS-Kinder auslesen und dies und das ausprobieren
…den Zwölfjährigen mit Karten für ein Konzert überraschen, so richtig am Abend und für Große
…rekordverdächtig wenige Ostereier auspusten, färben, bemalen, aufhängen und essen
…mit meinen Söhnen Geburtstagsgeschenke für ihren Vater besorgen
…mit der Mitmutter und unseren Kindern schwimmen gehen, wenn wir alle hübsch gesund bleiben (das war ein Weihnachtsgeschenk an sie, aber manche Dinge brauchen Zeit)
…vielleicht ein Geburtstagsgeschenk einlösen, das ich im letzten Sommer bekommen habe (denn manche Dinge brauchen sehr viel Zeit).
…vielleicht in einen Escape-Room eingeladen werden
…vielleicht mit der leidigen Steuererklärung anfangen
…jeden Morgen auf den Balkon hüpfen und mich daran freuen, wie es dort keimt und wächst und blüht
…jeden Abend die Wetterapp aufrufen, damit ich vor eventuellen Nachtfrösten alles ins Warme holen kann, was ich viiiiiel zu früh rausgepflanzt habe
…in den Kinderzimmern Bilderrahmen mit unseren neuen Linoldrucken aufhängen
…die Korken in den Kleiderschränken mit frischem Mottenschutzöl tränken
…Hornveilchen in die Pflanzschalen für den Friedhof setzen

Bäume

Ich liebe Bäume.

Ich schaue im Winter gerne in kahle Zweige, und noch viel lieber jetzt, wenn das Muster, dass sie vor dem Himmel bilden, durch das Wachstum der Knospen plötzlich lebendig wird und sich von Tag zu Tag verändert. 

Die Birken mag ich gerne, deren unordentlich hängende Zweige von Weitem (aber nicht aus der Nähe) aussehen, als ob sie einen Friseurbesuch nötig hätten. Den Ahorn im Hinterhof mag ich, der mit seinen zum Himmel in schönster Rundung abschließenden jungen Zweigen aussieht, als hätte er seinen Haarschnitt schon bekommen. 

Ich bewundere die Linden, die ich als Nicht-Autobesitzerin rund ums Jahr von ganzem Herzen schön finden kann. Sie haben wahrscheinlich das eine oder andere Seminar gemeinsam mit den klugen Kreuzsspinnen besucht; sie sind Meisterinnen feinster, auf Linden-Art ein klein wenig gebogener Ästchen und Verzweigungen, mit denen sie sich wie mit einem zweiten Wurzelwerk im Himmel verankern.

Ähnlich intensiv verzweigen sich die Platanen, nur ein wenig kräftiger und knorriger, müssen sie doch das Gewicht ihrer Früchte, der Vorbilder der gemeinen Weihnachtsbaumkugel, sicher tragen können.

An den alten, lebenserfahrenen Kastanien freue ich mich, die ihre Zweige, schwer von aufbrechenden Knospen, achtlos, aber dennoch elegant durcheinanderhängen lassen, so dass sie ein wunderschönes Wirrwarrmuster bilden. 

Nicht weit weg stehen die jungen Pappelsprösslinge, die schon große, längliche Knospen haben, aber garnicht daran denken, sich mit kleinen Ästchen aufzuhalten. Sie recken ihre Triebe zum Himmel und träumen davon, eines Tages wie eine hohe Kerzenflamme aufzuragen oder wie riesige Pinsel, mit denen man den Himmel an grauen Tagen blau anmalen könnte. 

Der Urzeitkollege Gingko hat es auch nicht so mit kleinen Zweiglein – der Evolution war diese Idee vielleicht noch garnicht gekommen, als er zum ersten Mal seine zwei-in-einem-Blätter austrieb. Umsomehr konzentriert er sich auf seine Knospen und auf jedes einzelne Blatt darin, weil er hofft, nochmal jemanden zu einem Gedicht zu inspirieren - 

Entlang der S-Bahn-Strecke, die ich fahre, gibt es Bäume mit dekorativ gekrümmten Ästen (Robinien, vielleicht?), ein ganzes Ensemble von ihnen steht am am Rand des Tempelhofer Feldes, in wortloser Absprache die kleineren anmutig um den größten versammelt.

Aber heute sind mir die kleinen Bäume am allerliebsten, die an der zu S-Bahn parallelen Straße stehen und manchmal rosa blühen und deren Namen ich noch nicht mal kenne. Die Ästchen an ihren langen Zweigen geben ein so harmonisches Bild ab, dass ich mich frage, ob schon jemals ein staunender Mathematiker versucht hat, ihr Geheimnis zu ergründen, ob es z.B. mit Fibonaccis Zahlenfolge zusammenhängen könnte – die mich fasziniert, seit ich gelernt habe, dass sich aus ihr der „goldene Winkel“ ergibt, in dem manche Pflanzen ihre Blätter um ihren Stängel herum versetzen, weil die Blätter sich dann gegenseitig das Licht nicht wegnehmen. Aber das ist eine andere Geschichte, keine über Bäume, sondern eine, in der Kiefernzapfen, Ananas und Kakteen vorkommen.

Und am Abend, als ich mit vollgepackten Einkaufsbeuteln zurück nach Hause gehe, freue ich mich über die Trauerweiden am Kanal, die ihren grünen Feenschleier angelegt, und über die wilden Pflaumenbäume, die sich mit weißem Blütenbadeschaum eingeseift haben.

Ich liebe Bäume.

(Warum heiratest du sie dann nicht?, würde der Achtjährige dazu sagen, der nicht müde wird, diesen seinen allerliebsten Achtjährigenwitz anzubringen, sobald irgendjemand sagt, dass er irgendetwas liebt, so dass man – des Achtjährigenwitzes nun doch etwas überdrüssig – nur noch augenrollend antworten kann, dass die Ringe schon bestellt seien. Aber auch das ist eine andere Geschichte.)