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Die schönen Momente

Eine erste Schulwoche mit jeder Menge Neuerungen für gleich zwei Kinder ist anstrengend, das ist normal, so normal, dass ich gar keine Lust hatte, unser Durcheinander aus Schreibwarenbeschaffung, aufgeregten synchronen Schulberichten im rechten und linken Ohr, wichtigen dringenden Formularen, Schnappatmung und vermissten Arbeitsheften für Frau Brüllen festzuhalten (wo ich mich eigentlich sonst gern beteilige).

Aber natürlich gibt es auch immer die schönen Momente.

Die liebevoll von den Elternsprechern und der neuen Erzieherin des Achtjährigen vorbereitete Kennenlernkaffeetafel – mit Blick auf den Fußballplatz, wo der zur Zeit hospitierende Lehramtsstudent mit den Jungs der dritten Klasse stundenlang spielte.

Dem liebsten Freund nach einem langen Tag aus Jan Wagners phantastischem feinem Buch „Beiläufige Prosa“ den Text über die Sixtinische Madonna vorzulesen und dabei zur Ruhe zu kommen.

Ein Mittagessen auf dem Balkon, bei dem die Sonne mit warmen Strahlen wiedergutmachte, dass sie gleichzeitig unbarmherzig auf bespritzte Fliesen, verkleckerte Schranktüren und staubige Fenster (allesamt leider, leider in meiner Wohnung) schien.

Das gemeinsame Spielen des Achtjährigen, des Zwölfjährigen und des Sohnes der Partnerin der Besuchsfreundin – und vor allem: wie die von uns Eltern so ungeliebten Ninjago- und Pokemon-Welten in den Köpfen der Jungs einen gemeinsamen Phantasieraum bildeten, der sich ohne viel Kennenlernzeit einen ganzen Nachmittag lang auf einem Spielplatz mit Holzschiff und Kleinkind-Schaukeltieren bespielen ließ.

Die Unterstützung, die ich von der Lehrerin, der Erzieherin und der Vereinsfrau vom Schwimmverein dabei bekomme, dem Achtjährigen das Training im Verein trotz Ganztagsschule und ungünstiger Trainingszeit zu ermöglichen. Und: dass der Achtjährige selbst seine Hefte und Jacken wiederfand.

Der Jokercanasta, mit dem der Zwölfjährige den liebsten Freund und mich am Abend haushoch besiegte – seine unbeschwerte Freude nach einem dieser langen, anstrengenden ersten Schultage am Gymnasium mit Informations- und Sozial-Overkill.

Die Stunde, die ich meinem Arbeitgeber klaue (zurückzuerstatten Mitte der Woche, sobald die Kinder bei ihrem Vater sind), um mit der Mit-Mutter einen Kakao zu trinken und dabei unsere kleinen Fährnisse und Widernisse, die Sorgen und Mühen, die Pläne, Kleinsiege und Kleinstsiege in unser Lachen und unsere Freundschaft einzuweben.

Das Vergnügen, mit dem ich mir (in den dreienhalb Minuten, die ich nach dem Weckerklingeln um sechs Uhr noch liegenbleiben kann, bevor die Badezimmer-Frühstücksdosen-Aufbruchs-Routine beginnt) ausdenke, als was wohl all die Autoren von Achtsamkeits-Ratgebern wiedergeboren werden, die sich lang und breit darüber auslassen, wie großartig ihr Tag beginnt, dass nichts sie bis zum Abend aus der Ruhe bringen könne, dass ihr ganzes Leben verwandelt und glücklich sei, seit sie morgens immer zuerst eine halbe Stunde allein in der Natur spazierengehen, die fünf Tibeter sieben Mal in Richtung Sonnenaufgang tanzen, zwanzig Minuten schweigend meditieren, eine Viertelstunde auf ihrer Yogamatte* verbringen und dann noch ohne viel Nachdenken vierzehn Seiten ihrer persönliche Schreibkladde füllen.

Und dann der Abend, an dem der Zwölfjährige mit einer gefalteten Zeitung um mich herumquirlt, während ich Abendessen mache – zu machen versuche – machen würde, wenn er nicht ständig da herumhüpfen würde, wo ich gerade hinwill, vor dem Kühlschrank, vor dem Küchentisch, vor dem Brotschneidebrett – und erschlägt die Essigfliegen, die sich auf den Pfirsichen gebildet haben, als ich denen mal kurz den Rücken zugewandt habe. Mama, ich hab schon 22 erwischt!
Und ich bin glücklich.

 

 


*um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich habe garnichts gegen Yoga, Spaziergänge, Mediation, Zeit zum Schreiben und dergleichen. Ich hätte selbst gern welche. Manchmal habe ich ja auch sieben Minuten. Oder dreiundzwanzig. Ich habe nur etwas gegen Ratgerberbuchautoren, die ignorieren, dass es Menschen gibt, denen eine Stunde Schlaf fehlt, wenn sie eine Stunde eher aufstehen.

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Up and away

Am Morgen ziehe ich nach einem Blick in die Wetterapp die lange Strumpfhose doch wieder aus und stecke sie noch schnell oben in die große Kraxe, bevor ich die aufhucke und die Tür hinter mir ins Schloss ziehe.

Mittags packe ich in einer Büroarbeitspause die dünne Windjacke aus und die mitteldicke Winterjacke ein.

Um halb vier gehe ich schwer bepackt, aber frohlockend an den Türen der Vollzeitkollegen vorbei zum Aufzug und hinaus in die Sonne.  Am Gesundbrunnenbahnhof steige ich in den Zug, in dem der liebste Freund sitzt und uns zwischen den Eberswalde-Pendlern Plätze freigehalten hat.

Voll ist der Zug am Donnerstagnachmittag! Und ich schaue so gern Menschen an. Gegenüber ein Student – vielleicht – der auf seinem Laptop etwas liest und sich gleichzeitig mit einem elektronischen Stift handschriftliche Notizen auf einem Tablet macht, dass er auf der Tastatur seines Laptops abgelegt hat. Die Dame neben ihm liest mit schreckverzerrtem Gesicht eine Ausgabe von pm mit dem Titel „Gefährliche Sonne“. Ein überforderter Vater im weißen Simpsons-T-Shirt macht abwechselnd Quatsch mit seinen Kindern – einem Mädchen im Kindergarten- und einem Jungen im Vorschulalter – und schreit sie zwischendurch, genervt von der Hitze und der Enge des Zuges, immer wieder böse an. Eine Dame in Marineblau runzelt missbilligend die Stirn und wechselt das Abteil, sobald mehr Plätze freiwerden.

Draußen stehen hellbraune Kühe auf Weiden und ein Auto mit offener Heckklappe auf einem Hügel neben einem hölzernen Picknicktisch. Ein wilder Landschaftsmaler hat unwirklich strahlendes Rapsgelb großflächig in die Felder gestrichen.

Das Anzeigesystem des Zuges ist davon ganz durcheinander und kündigt uns Kiesow, Greifswald Süd und Ferdinandshof an, obwohl wir uns doch Chorin, Angermünde und Prenzlau nähern. Live-Durchsageversuche des Zugpersonals gehen im wiederkehrenden Glockenton unter, der sie eigentlich ankündigen soll.

Weil es keinen Empfang gibt, male ich dem liebsten Freund eine gefühlte Karte unseres Reiseverlaufs in mein Notizheft. Als ich wieder aufblicke, hat eine junge Frau angefangen, nett mit den Kindern des überforderten Vaters zu schwatzen. Der hat plötzlich ein schwarzes Simpsons-T-Shirt an, straht die junge Frau an wie eine Heiligenerscheinung und ist von nun ganz entspannt. Der liebste Freund packt die Kaffeekanne, süße Teilchen, Käse, Wurst und Brötchen aus, und wir krümeln glücklich die Sitze voll, bis die Zugbegleiterin vorbeikommt und den Austausch unseres Zuges in Prenzlau ankündigt.

Zwei Stunden später sind wir angekommen und schließen unsere Ferienwohnung auf, die ein bisschen mehr „unsere“ und sofort ein wenig wie zu Hause ist, weil wir hier letztes Jahr schon gewohnt haben. Es gibt das rote Sofa noch und den Großelternsessel, die vielen Spiegel und die Glasteller und die seltsame Küchenlampe und wie letztes Jahr Erbsensuppe aus dem Schlauch und dann das Meer, das kalt ist und rauscht, und ein großzügiges Abendrot, das sich hell in den ruhigen Lachen am Strand spiegelt, die die Wellen nur manchmal erreichen. Und als wir das Abendrot beinahe erreicht haben und uns umdrehen, um zurückzulaufen, steht im Dunst hinter der Seebrücke der Vollmond, dick und orange.

Sonne Kälte Sonne

Der April ist flink vergangen.

Begonnen hat er mit einer glücklichen Sonnenstunde im kleinen Gartencafé im Russischen Viertel von Potsdam, auf einer Holzbank neben dem liebsten Freund, mit kühlem Wasser und den Namen alter Apfelsorten im Mund, während der vom Andrang der an diesem plötzlichen warmen Wochenende zahlreichen Gäste überforderte Caféangestellte Kaffemaschine, Tortenheber und Kasse jonglierte und dabei den Flammkuchen in der Mikrowelle schwarzbruzzeln ließ; mit einer Abendstunde im Barberini-Museum bei den Seerosen von Monet und dem Muschelengel von Sam Francis, in dessen bunte Farben man so viel hineindeuten kann, wie man eben Zeit hat, davor zu verweilen.

Weiter ging der April mit dem ins-Warme-und-wieder-hinaus-Tragen der Balkontöpfe; mit Besuchen von der großen und der ganz großen Schwester; mit einem Schwimmbadtag zu Beginn der Osterferien, bei dem der Achtjährige mich damit überraschte, dass er plötzlich sieben Bahnen schwimmen und bis zum Grund des 2-Meter-Beckens tauchen konnte und mit einem Schwimmbadtag am Ende der Osterferien, bei dem der Zwölfjährige die fürs Bonzeabzeichen notwendigen acht Schwimm-Bahnen in viel weniger als den 15 vorgeschriebenen Minuten hinter sich brachte und ich mich soweit unter Wasser wagte, dass wenigstens meine Füße durch die Eingangsguckscheibe des Schöneberger Stadtbades zu sehen gewesen sein müssen. –

Weiter ging der April mit Ostertagen bei der Besuchsfreundin in Brandenburg, Katzenstreicheln, Töpfermarktschlendern und viiiel Schokolade; mit einer großangelegten Motten- und Milbenschutzaktion in den Kinderzimmern und der Wiederanmeldung in der nun schon lange in den Nachbarkiez verzogenen und daher nicht mehr so leicht besuchbaren Bibliothek, von der ich etliche Kilogramm Lesevorfreude nach Hause trug: Quarks! Hawkings Nussschalenuniversum! Acrylmalerei und Collage! Eine Hasenwuschelgeschichte für den Achtjährigen und haufenweise Fragezeichen fürs große Kind! –

Der April endet, wie er angefangen hat: mit Sonne. Ich löse ein, was ich dem Zwölfjährigen zum Geburtstag geschenkt habe – wir fahren nach Lübbenau ins Spreeweltenbad. Diesmal sind die Pinguine garnicht so wichtig, die brüten sowieso, sondern die Rekorde, die wir im Wasserball-hin-und-her-Schießen aufstellen und die verrückten Sprünge, die der Zwölfjährige macht, wenn er es geschafft hat, auf den großen bunten Ringen im Wasser aufzustehen, während ich auf einem Fleck stehe, auf dem die Sonne zwischen den hölzernen Dachstreben ins Wasser herunterscheint, ihr mein Gesicht entgegenstrecke und glücklich bin.

Im April werde ich…

Ach, das habe ich wieder erst bei der Krähenmutter gesehen (eigentlich stammt die Idee von Frische Brise) – aber ich mag gerne noch mitmachen:

…die Besuchsfreundin besuchen – in ihrer neue Wohnung
…selbst Besuch von der ganz großen Schwester bekommen (seit gestern!) – und vielleicht auch von der großen Schwester
…zwei ganze halbe Tage Urlaub haben
…ein spannendes Buch über Lernstrategien für ADHS-Kinder auslesen und dies und das ausprobieren
…den Zwölfjährigen mit Karten für ein Konzert überraschen, so richtig am Abend und für Große
…rekordverdächtig wenige Ostereier auspusten, färben, bemalen, aufhängen und essen
…mit meinen Söhnen Geburtstagsgeschenke für ihren Vater besorgen
…mit der Mitmutter und unseren Kindern schwimmen gehen, wenn wir alle hübsch gesund bleiben (das war ein Weihnachtsgeschenk an sie, aber manche Dinge brauchen Zeit)
…vielleicht ein Geburtstagsgeschenk einlösen, das ich im letzten Sommer bekommen habe (denn manche Dinge brauchen sehr viel Zeit).
…vielleicht in einen Escape-Room eingeladen werden
…vielleicht mit der leidigen Steuererklärung anfangen
…jeden Morgen auf den Balkon hüpfen und mich daran freuen, wie es dort keimt und wächst und blüht
…jeden Abend die Wetterapp aufrufen, damit ich vor eventuellen Nachtfrösten alles ins Warme holen kann, was ich viiiiiel zu früh rausgepflanzt habe
…in den Kinderzimmern Bilderrahmen mit unseren neuen Linoldrucken aufhängen
…die Korken in den Kleiderschränken mit frischem Mottenschutzöl tränken
…Hornveilchen in die Pflanzschalen für den Friedhof setzen

Bäume

Ich liebe Bäume.

Ich schaue im Winter gerne in kahle Zweige, und noch viel lieber jetzt, wenn das Muster, dass sie vor dem Himmel bilden, durch das Wachstum der Knospen plötzlich lebendig wird und sich von Tag zu Tag verändert. 

Die Birken mag ich gerne, deren unordentlich hängende Zweige von Weitem (aber nicht aus der Nähe) aussehen, als ob sie einen Friseurbesuch nötig hätten. Den Ahorn im Hinterhof mag ich, der mit seinen zum Himmel in schönster Rundung abschließenden jungen Zweigen aussieht, als hätte er seinen Haarschnitt schon bekommen. 

Ich bewundere die Linden, die ich als Nicht-Autobesitzerin rund ums Jahr von ganzem Herzen schön finden kann. Sie haben wahrscheinlich das eine oder andere Seminar gemeinsam mit den klugen Kreuzsspinnen besucht; sie sind Meisterinnen feinster, auf Linden-Art ein klein wenig gebogener Ästchen und Verzweigungen, mit denen sie sich wie mit einem zweiten Wurzelwerk im Himmel verankern.

Ähnlich intensiv verzweigen sich die Platanen, nur ein wenig kräftiger und knorriger, müssen sie doch das Gewicht ihrer Früchte, der Vorbilder der gemeinen Weihnachtsbaumkugel, sicher tragen können.

An den alten, lebenserfahrenen Kastanien freue ich mich, die ihre Zweige, schwer von aufbrechenden Knospen, achtlos, aber dennoch elegant durcheinanderhängen lassen, so dass sie ein wunderschönes Wirrwarrmuster bilden. 

Nicht weit weg stehen die jungen Pappelsprösslinge, die schon große, längliche Knospen haben, aber garnicht daran denken, sich mit kleinen Ästchen aufzuhalten. Sie recken ihre Triebe zum Himmel und träumen davon, eines Tages wie eine hohe Kerzenflamme aufzuragen oder wie riesige Pinsel, mit denen man den Himmel an grauen Tagen blau anmalen könnte. 

Der Urzeitkollege Gingko hat es auch nicht so mit kleinen Zweiglein – der Evolution war diese Idee vielleicht noch garnicht gekommen, als er zum ersten Mal seine zwei-in-einem-Blätter austrieb. Umsomehr konzentriert er sich auf seine Knospen und auf jedes einzelne Blatt darin, weil er hofft, nochmal jemanden zu einem Gedicht zu inspirieren - 

Entlang der S-Bahn-Strecke, die ich fahre, gibt es Bäume mit dekorativ gekrümmten Ästen (Robinien, vielleicht?), ein ganzes Ensemble von ihnen steht am am Rand des Tempelhofer Feldes, in wortloser Absprache die kleineren anmutig um den größten versammelt.

Aber heute sind mir die kleinen Bäume am allerliebsten, die an der zu S-Bahn parallelen Straße stehen und manchmal rosa blühen und deren Namen ich noch nicht mal kenne. Die Ästchen an ihren langen Zweigen geben ein so harmonisches Bild ab, dass ich mich frage, ob schon jemals ein staunender Mathematiker versucht hat, ihr Geheimnis zu ergründen, ob es z.B. mit Fibonaccis Zahlenfolge zusammenhängen könnte – die mich fasziniert, seit ich gelernt habe, dass sich aus ihr der „goldene Winkel“ ergibt, in dem manche Pflanzen ihre Blätter um ihren Stängel herum versetzen, weil die Blätter sich dann gegenseitig das Licht nicht wegnehmen. Aber das ist eine andere Geschichte, keine über Bäume, sondern eine, in der Kiefernzapfen, Ananas und Kakteen vorkommen.

Und am Abend, als ich mit vollgepackten Einkaufsbeuteln zurück nach Hause gehe, freue ich mich über die Trauerweiden am Kanal, die ihren grünen Feenschleier angelegt, und über die wilden Pflaumenbäume, die sich mit weißem Blütenbadeschaum eingeseift haben.

Ich liebe Bäume.

(Warum heiratest du sie dann nicht?, würde der Achtjährige dazu sagen, der nicht müde wird, diesen seinen allerliebsten Achtjährigenwitz anzubringen, sobald irgendjemand sagt, dass er irgendetwas liebt, so dass man – des Achtjährigenwitzes nun doch etwas überdrüssig – nur noch augenrollend antworten kann, dass die Ringe schon bestellt seien. Aber auch das ist eine andere Geschichte.)

Vorfrühlingsgefühle

Der Vorfrühling kommt zögernd nach Berlin. Wir frieren am Morgen auf dem Weg zur Schule, aber hellblaue Krokusse leuchten auf den Rabatten. Mit dem liebsten Freund laufe ich am Wasser entlang und freue mich sogar am giftgrünen Bärlauch, dieser elenden Nasenplage – so gierig bin ich nach Grün, weil der Winter lang und düster war.

Im Zimmer des Achtjährigen entsteht auf einer Rigipsplatte – zwischen Fensterbrett und Stuhllehne – wieder ein Anzuchtgarten mit vielen Töpfchen. Fünf Sonnenblumen keimen schon, drei Tomatenpflänzchen, Sonnenhut und Majoran. Wenn ich morgens ein paar Minuten Zeit habe, sitze ich daneben im Sessel und schreibe in mein Morgenseitenbuch.

Die Tage sind vollgestopft, das ist ja nichts Neues. Zum Chirurgen mit dem Zwölfjährigen und zum Elternabend des Achtjährigen geht es; dann wieder mit dem Großen zur Probestunde in der Musikschule („Wir freuen uns“, schreibt mir die Musikschulverwaltung hinterher, „Ihnen mitteilen zu können, dass wir Ihre Sie/ Tochter / Sohn ab 1.05.2017 im Fach Schlagzeug fortführen / aufnehmen können“ – eine neue Ära beginnt da vielleicht, den Schlagzeuglehrer haben wir schon kennengelernt, er unterrichtet auch besser, als die Verwaltung schreibt) und zur Hortkostenstelle, mit der Unklarheiten bezüglich der Hortkosten geklärt werden müssen, die durch konsequentes Aneinander-vorbei-Kommunizieren von Schule und Amt nun schon ein halbes Jahr lang immer unklarer werden.

Wenn abends die Kinder im Bett sind, lege ich mir Kleidung für den nächsten Arbeitstag im Büro zurecht und gehe auch schlafen; ich bin müde und spüre nichts davon, dass ich – weil meine Kinder ja nun schon größer sind – wieder mehr Freiräume habe; oder vielleicht sind die Freiräume ja auch da, und nur die Kraft ist es nicht. Der Zwölfjährige verschiebt seinen Wechseltag zwischen seinem Papa und mir von Dienstag auf Mittwoch und verbringt nun jeweils zwei Tage ohne seinen Bruder bei jedem Elternteil. Leicht wären die Nachmittag mit ihm allein mit Arbeit für die Schule zu füllen, immer ist da viel zu tun und er ist langsam – aber ich verstehe inzwischen, dass wir – er auf seine Weise und ich auf meine – schon unter viel zu viel Druck stehen und versuche, uns beiden Freiräume zu schaffen, in denen wir durchatmen können.

Am Wochenende fährt der liebste Freund mit uns nach Leipzig in den Zoo, und der Achtjährige ist hingerissen, als sein Lieblingstierpfleger aus der Fernseh-Doku plötzlich vor ihm steht und er ihm ganz aus der Nähe beim Füttern der Löwen, Erdmännchen und Hyänen zusehen kann. Die Seelöwen aalen sich im Wasser wie ein besonders anschauliches Beispiel dafür, was es bedeutet, „ganz in seinem Element“ zu sein; und als die Durchsage kommt, dass alle Besucher nun allmählich zum Ausgang gehen sollen, haben wir die Totenkopfäffchen noch garnicht gesehen und den Kraken, die Husarenaffen und die weißen Wölfe –
Wir fahren im Abendlicht zurück nach Berlin.

Auch morgens ist es jetzt wieder hell, wenn mein Wecker klingelt und ich in die Küche gehe und die Radionachrichten höre, die fast jeden Morgen verstörend und beängstigend sind und Vesperdosen für meine Kinder vorbereite, die. würde man sie alle, seit Beginn der Kita-Zeit bis heute, übereinanderstapeln – so etwas rechnen wir dann am Frühstückstisch aus – inzwischen einen ungefähr 130 Meter hohen Turm bilden würden.

Wir gehen los – Richtung Schule, am Krokusfeld in der Rabatte vorbei; und manchmal gehen meine Söhne inzwischen ohne mich, mit einem Taschengeldeuro in der Hand und rechtzeitig für einen Abstecher in den Laden, der die Päkchen mit den Sammelkarten führt. Ich setze mich in die S-Bahn und schlage ein Buch auf. Kosmologie und Quantenmechanik faszinieren mich gerade (ein Paralelluniversum populärwissenschaftlicher Bücher tut sich vor mir auf -) und es macht nichts, dass ich beim Lesen nicht viel verstehe, denn zum Staunen reicht es.
Und wenn ich aufschaue, ist der Himmel vor dem S-Bahn-Fenster frühlingshell.

Im März werde ich…

…wieder richtig gesund werden und regelmäßig arbeiten
…Kräuter, Paprika, Tomaten und Sonnenblumen auf der Fensterbank vorziehen
…“PopCo“ von Scarlett Thomas und „Kosmologie für Fußgänger“ lesen
…zum Geburtstagfeiern nach Thüringen fahren
…eine Geburtstagseinladung für zwei Freundinnen einlösen
…Arzttermine wahrnehmen und Elternabende besuchen
…Canasta spielen
…Fastenvorsätze umsetzen (z.B. eine Smartfone-Diät)
…die Sommersachen vom Hängeboden holen
…die hellen Abende nach Beginn der Sommerzeit genießen
…Bewerbungsfotos machen lassen – vielleicht
…auf meinem Balkon in der Sonne sitzen

Nach einer Idee von Frische Brise, gefunden bei der Krähenmutter