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11 Antworten und 11 Fragen (auch)

Die Oecherin hat mich in ihrem Beitrag zum Liebster-Award eingeladen, die 11 Fragen zu beantworten, die sie „weiterreicht“. Darüber freue ich mich und antworte gerne… und habe mich beim Antworten gerne sehr nachdenklich machen lassen. Denn ihre Fragen waren diese:

1. Wie hältst du die Balance zwischen unerfreulichen Weltnachrichten und deinem persönlichen Glück?

Leider habe ich keinen Beruf, mit dem ich dazu beitragen würde, dass diese Welt ein besserer Ort wird. Manchmal beneide ich Menschen, die aus ihrer Arbeit ein Stück „Ich-tu-was-für-die-Welt-Sinn“ ziehen können, das ihnen hilft, diese Balance zu halten. Denn am besten ist die herzustellen, indem man etwas tut. Glaube ich. Ich versuche, hier und da zu helfen, indem ich ein bisschen Geld spende. Abgesehen davon lassen sich viele Geschehnisse in der Welt für mich oft nur aushalten, indem ich sie verdränge oder mich einfach nicht darüber informiere. Was ich aber sehr wichtig finde, ist Dankbarkeit. Ich habe es sehr, sehr gut angetroffen, hier und jetzt zu leben; das möchte ich nicht für selbstverständlich halten.

2. Welches Musikstück gehört ganz sicher in deinen Lebenssoundtrack und warum?

Uiii, ganz schwierig! So ein Lebenssoundtrack ist doch das reinste Mixtape… Ich wähle mal Hindi Zahras „Beautiful Tango“ aus, als Musik für die ersten Jahre nach meiner Trennung vom Vater meiner Kinder, in denen ich sehr viel getanzt und mich sehr, sehr lebendig gefühlt habe.

3. Gibt es ein Wort aus der Bibel, das dir was bedeutet? Welches?

Als Pfarrerstochter war ich mal ziemlich bibelfest. Schon lange stehe zu ich meinem „Herkunftsglauben“ in zweifelnder Distanz, das hat wohl mit der ungeklärten Frage nach dem vielen Leid zu tun… Trotzdem mag ich meinen Taufspruch immernoch gerne: „Fürchte dich nicht! – Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“

4. Fühlst du dich so, wie du vor 10 Jahren vermutet hättest, dass sich Leute in deinem jetzigen Alter fühlen?

Wenn meine Schwestern – die sind acht und zehn Jahre älter als ich – vor zehn Jahren von ihrem Leben erzählt haben, kam es mir so vor, als ob sie sich ungefähr wie ich fühlen – nur ein bisschen erwachsener, ernsthafte und reifer, weil sie das einfach schon immer waren. Ihre Geschichten von beginnender Altersweitsichtigkeit und Reha-Sport habe ich lustig gefunden – und so gehört, als ob das Dinge wären, die mich nie im Leben betreffen könnten. Jetzt schiele ich über meine Brille und beklage die allgemeine Zunahme des Zu-Klein-Gedruckten… und fühle mich oft sehr müde – aber immer noch nicht so reif und vernünftig wie meine Schwestern. Das hätte ich nicht erwartet.

5. Was macht dich im Alltag glücklich?

Wenn meine Kinder unbeschwert lachen. Ausschlafen. Kleine Zeichen der Verbundenheit von lieben Menschen. Zu wissen, dass es in absehbarer Zeit einen Tag gibt, an dem ich ganz alleine bin und garnichts muss. In der S-Bahn ein gutes Buch zu lesen. Wenn irgendwer auf der Straße freundlich lächelt.

6. Welche berühmte Frau aus der Geschichte hättest du gern einmal getroffen?

Ganz schwierig! Ich würde gerne mal mit Rebecca Solnit, Merryl Streep und Scarlett Thomas an einem Tisch sitzen. Aber… die sind ja noch nicht Geschichte. Ich lasse deshalb mal den liebsten Freund für mich antworten, der wusste das nämlich gleich: Er würde Eva gerne mal treffen und sich die Geschichte vom Apfel aus ihrer Perspektive erzählen lassen. Und Rosa Luxemburg, weil die schon damals so vieles klug durchschaut hat – zum Beispiel. dass Unterdrückung auch mit der Geschlechterfrage zusammenhängt.

7. Gibt es eine Dichterin, von der du mindestens ein Gedicht gerne magst?

Es gibt viele. Eva Strittmatter zum Beispiel. Susanne Auffahrt. Marie-Luise Kaschnitz. Eins meiner liebsten Gedichtbücher ist „Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden“ – aus dem könnte ich noch viele Gedichte von vielen Autorinnen heraussuchen, die mir gefallen.

8. Wo möchtest du unbedingt nochmal hin?

Ich würde gerne mit ganz viel Zeit Richtung Santiago de Compostela pilgern – durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich. Das wäre mir wichtiger als das letzte Stück mit den vielen, vielen Jakobswegwanderern. Und wenn ich ein paar Fernreisegutscheine bekomme: Nach Kanada, hoch in den skandinavischen Norden, nach Indien vielleicht.

9. Was möchtest du gerne einmal erleben?

Dass wirksame Klimaschutzmaßnahmen beschlossen und dann auch wirklich umgesetzt werden. Dass die Politik sich am Erhalt unserer Lebensgrundlagen und am Wohlergehen der Schwächeren in der Gesellschaft orientiert und die Interessen der Wirtschaft dem klar untergeordnet werden.

10. Welche ein bis drei Blogs liest du besonders gerne?

Ich freue mich gerade besonders, dass es nach langer Pause wieder Gedichte von Penni Russon auf Eglantines Cake gibt. Die mag ich sehr. Außerdem lese ich in letzter Zeit mit großer Bewunderung und viel Vergnügen die Berichte von Fräulein Read-On. Und ich erwarte mit Spannung, was meine ganz große Patentochter auf 365diasenelotroladodelmundo als nächstes aus Uruguay schreibt. Aber in meinem Reader sind gerade  – kurznachschau – 45 Blogs… und ich lese die alle gern…

11. Hast du dir fürs neue Jahr etwas vorgenommen und, wenn ja, sprichst du drüber?

Nein. Ein vorsatzfreies Jahr.


Jetzt ist es an mir, 11 Fragen zu stellen. Ich freue mich über jede Antwort darauf! – Und natürlich soll sich niemand verpflichtet fühlen. Diejenigen, die ich besonders gerne einladen möchte, mir zu antworten, sind die Bloggerinnen von Hallo liebe Wolke, Aus dem Leben eines Taugewas, mutterseelesonnig, 2kinder/küche/bad/balkon, Leben. Läuft. und sieben-sachen. Wenn Ihr also mögt: Ich freue mich auf Eure Antworten!

  1. Was magst du am Januar?
  2. Welche (2-3) Blogs liest du gerade gerne?
  3. Hat dich in letzter Zeit ein Buch besonders beeindruckt oder begeistert? Welches?
  4. Gibt es Musik, die du gerade besonders gern hörst?
  5. Welche Art von Unterstützung hilft dir im Alltag am meisten – oder: würde dir im Alltag am meisten helfen?
  6. Was macht dich zur Zeit zornig?
  7. Wie und wo möchtest du leben, wenn du älter bist bzw. wenn deine Kinder aus dem Haus sind? Was möchtest du dann unbedingt noch tun?
  8. Wie entstehen deine Blogtexte? Hast du einen Lieblingsplatz, an dem du schreibst?
  9. Gibt es eine Frauenfigur in der Literatur, in einem Film oder in der Geschichte, die du besonders magst oder die ein Vorbild für dich ist?
  10. Wobei schöpfst du Kraft?
  11. Was müsste geschehen, damit 2017 für dich persönlich ein sehr gutes Jahr wird?

 

 

2016

2016 war das Jahr, in dem ich das Wort „postfaktisch“ gelernt und meinen Kindern das Wort „populistisch“ erklärt habe. Hätte auf beides auch gerne verzichtet.

2016 war ein Jahr, in dem viel zu oft schon ein paar Minuten Nachrichten am Morgen ausreichten, um auf eine Weise traurig zu werden, die den ganzen Tag einfärbt. Mal abgesehen von Kriegen und Politik: Schmelzende Polkappen; Methan, das ungestört in die Atmosphäre aufsteigt. Wir schaffen es nicht mehr, die Welt zu retten, die wir kennen. Mülltrennen hilft nicht. Ökostrom beziehen reicht nicht. Kein Radio hören ändert auch nichts an der Lage. Wie soll ich das meinen Kindern erklären? Wie sollen sie leben, in 20, 30 Jahren?

Für mich persönlich war 2016 ein Jahr, in dem wenig passiert ist. Außer Älterwerden, das dafür aber um so mehr. Weniger Kraft. Mehr Vergesslichkeit. So oft (wo war ich stehengeblieben?) dieses leere Gefühl im Kopf, manchmal nur grau.

Was ich geschafft habe: Nach Stockholm zu reisen und die Schären zu sehen. Eine Mutter-Kind-Kur zu bekommen. Einen Job-Newsletter zu abonnieren und eine (1) Bewerbung zu schreiben. Meinen Balkon zum Blühen zu bringen. Zwei Paar (4) Socken zu stricken. Mich an die meisten (98) Schul- und Arzt-Termine der Kinder rechtzeitig zu erinnern. Den Alltag am Laufen zu halten. Weiterzumachen.

Was ich nicht geschafft habe: Die Welt zu retten (siehe oben). Irgendwelche guten Vorsätze umzusetzen. Ganz besonders nicht solche, die mit Sport zu tun hatten. Die Stelle zu wechseln. Mit meinen Kindern ausreichend geduldig zu sein.

Was schlimm war (privat und im kleinen): Den Flamenco-Kurs absagen zu müssen, auf den ich mich so(ooo) gefreut hatte. Nach dem Einsetzen der Narkosewirkung die Hand des Elfjährigen loszulassen und aus dem OP zu gehen mit dieser Angstklammer ums Herz: man kann ein Kind auch verlieren. Gelegentlich um fünf Uhr in der leeren Wohnung aufzuwachen mit Herzrasen und dem Gefühl, ziemlich allein auf der Welt zu sein.

Wo ich wirklich glücklich war: Alleine am Meer. In meinem Bett nach langen, anstrengenden Tagen. Auf meiner Geburtstagswanderung mit den Kindern und den liebsten Freundinnen und der ganz großen Schwester. Beim Beerensammeln im Wald. Auf dem Balkon vom Kur-Appartement unter dem großen Sternenhimmel.

Traurigkeiten: Dass es in Berlin so wenig Alltagsfreundlichkeit gibt. Dass liebe, wichtige Menschen in Lebenskrisen getrudelt sind. Dass Freundschaften und Gefühle sich veränderten.

Glücksgeschenke:
Eine neue Freundin zu finden.
Einen neuen Chef zu bekommen, der erst einmal die Überstunden der gesamten Abteilung übernimmt.
Mit der Besuchsfreundin abends im Waldhäuschen zu sitzen und herumzublödeln. Und die Telefonate mit ihr, in denen ausgiebig geklagt werden darf – und sehr viel gelacht wird.
Mit dem liebsten Freund müde auf dem Sofa liegend die Probleme der Welt zu lösen, so theoretisch. Und dabei ein bisschen weniger verzagt zu werden. Der nicht abgeschlossene Strandkorb vor dem Hotel, das uns keinen vermieten wollte (Hah!).
Das unbeschwerte Lachen des Elfjährigen – das so selten ist – und das unwiderstehliche Strahlen in den Augen des Siebenjährigen: Funkelsterne und Sonnenschein.
Manchmal einen ganzen Tag lang allein sein. Manchmal einen ganzen Tag lang nicht allein sein.
Parasolpilze. Ganz kleine gelbe Tomaten.
Wenn bei Kälte, Regen und beginnender Grippe die richtige S-Bahn ohne Wartezeit kam.
Lesen: „Americanah“ von Chimamande Ngozi Adichie und „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić. Jan Wagners „Regentonnenvariationen“. Schauen: Jens Steinbergs Malerei. Hören: Dota. Live! Und Lachen: zum Beispiel über die Weihnachtspostkarte von der Besuchsfreundin. „Stress, Stress“, schnaubt das schweißgebadete Rentier vor dem Schlitten. „Du atmest falsch“, sagt der Weihnachtsmann, der hinten die Zügel in der Hand hält.

Weiter (falsch) atmend und weiter hoffend und dankbar für die Menschen, die für mich da sind und dankbar für die Menschen, für die ich dasein darf – so will ich ins neue Jahr gehen. Uns allen wünsche ich, dass es ein besseres, ein gutes Jahr wird.

Cheers!

 

Halbschlaf

Unter der Woche wache ich meistens mit dem deprimierenden Wissen auf, dass schon feststeht, was gleich zu tun ist, dass es eine To-Do-Liste gibt, Verpflichtungen, Pläne. Autopilot an – und los.

Heute – Samstagmorgen – ist das anders, das pure Wohlbehagen stellt sich ein, sobald ich mir selber versichert habe dass ich a) nicht arbeiten muss, b) meine Kinder bei ihrem Vater sind, c) die Besuchsfreundin im halben Zimmer schläft und wir d) einen schönen, faulen, gemeinsamen Tag vor uns haben.

Das Wohlbehagen hat mit dem Gefühl von Zuhausesein zu tun: in meinem Körper, meiner Kleidung, meinem Bett, dem Zimmer des Elfjährigen, in dem ich mich einquartiert habe, meiner Wohnung, und, weniger räumlich, aber heute morgen für mein Zuhausegefühl genauso wichtig, der Freundschaft zur Besuchsfreundin. Und weiter: um diese Schichten herum gibt es meinen Kiez, in dem ich den anderen Eltern auf der Straße zunicke und in dem die Reformhausverkäuferin und die Frau hinter dem Tresen der Backstube mich kennen; Berlin, in dem ich nun schon viele Jahre lang ein Netz aus Erinnerungen zwischen Menschen und Orten gesponnen habe, die ich kenne und die ich liebe. Und weiter: Deutschland, dieses Glückslos in diesem 21. Jahrhundert; und die ganze Welt – die lege ich als äußerste Schicht um die Zwiebel aus lauter Zuhausesein, in der ich stecke; die Welt, auf der zu leben mir heute morgen erstaunlich und wunderbar vorkommt.

Ich mache eine kurze Bestandsaufnahme der Dinge, die ich in meinem Leben gerne noch machen möchte – keiner meiner Wünsche ist mir über Nacht abhanden gekommen.

Und dann drehe ich mich um und ziehe meine Decken zureckt und schlafe weiter.
Der Tag muss noch nicht anfangen, noch nicht jetzt.

Ab heute sag ich Frühling

Heute hat es sich zum ersten Mal wie Frühling angefühlt. Mehr Sonne. Mehr Licht. Ein klein wenig Wärme.

An einem Tag, vollgepackt wie ein Rucksack:
Oben der Morgen mit dem liebsten Freund. Er kocht Kaffee, wärend ich schon mal meine Tasche packe; dann sitzen wir beide, Tassen in der Hand, auf dem Bett und ziehen die Decke über unsere Knie. So fange ich gern Tage an. Darunter ein Arzttermin, darunter die dickste Schicht: Erwerbsarbeit.
Darunter der Besuch bei der Patentante des Elfjährigen, wo ich 422 Fotos zum Ausdrucken auf eine Bestellseite hochlade. (Verflixt, die müssen dann auch alle in Alben einsortiert werden… ob ich das schaffe, noch einmal zweieinhalb Jahre Erinnerungen für die Kinder auf diese Weise festzuhalten?)
Darunter der Abend mit dem Siebenjährigen und dem Elfjährigen, die eigentlich Papawoche haben, heute aber bei mir schlafen – denn die Schule hat erbeten, dass sich die Eltern vorab das Starkmach-Theaterstück angucken, dass alle Schüler morgen sehen werden, damit die Kinder hinterher mit ihren Fragen nicht allein sind. Der Vater meiner Kinder geht hin, das finde ich gut; ich kuschele ein bisschen mit dem Siebenjährigen und gehe mit dem Elfjährigen ein paar Aufgaben vom letzten Känguru-Mathematikwettbewerb durch, der ist auch morgen.
Ganz unten noch die Besuchsfreundin am Telefon. Schreibzeit. Stille.

Wir alle brauchen ein bisschen „Wüste“, um zu uns zu kommen, heißt es in einem Artikel in der letzten Ausgabe von „Publik Forum“ – in der Ausgabe, in der auch steht, wie oft pro Tag Smartfonnutzer ihr Gerät durchschnittlich entsperren. Schrecklich oft, waren es 46 mal? 54 mal?
Wüste, Stille, Muße, Schweigen – um irgendwas mit dem ganzen Input zu machen, der auf uns einströmt, das leuchtet mir ein.

In meinem Kopf ist schon länger nicht mehr aufgeräumt worden. Der Stock, den mein Vater jetzt zum Laufen braucht, kullert darin herum (die alte Wohnung habe ich nach dem Umzug in die altersgerecht sanierte Genossenschaftswohnung am letzten Samstag zu malern geholfen); die Wahlergebnisse vom Sonntag – mitsamt meinen Versuchen, meinen Söhnen vor laufender Radioberichterstattung die verschiedenen Parteien zu erklären und wer mit wem nieundnimmer regieren wird und welche Parteien ich gut finde und warum. Anregungen aus dem Netz: Die mit dem Konzept der Care Revolution verbundene Kapitalismuskritik und der Verriss des „Mama-Styleguides“ – pfui, jetzt sollen uns über das Lebensgefühl „Mutter“ noch mehr Dinge angedreht werden, noch mehr stylische Klamotten, die irgendwer – vielleicht hatte die Frau ja auch Kinder? – unter menschenunwürdigen Bedingungen irgendwo genäht hat, 14 Stunden am Tag. Unsere Kurzusage, neun Wochen also keine Schule für meine Söhne im kommenden Sommer – und ein ganz großes Geschenk für mich.

Der Abendhimmel ist tiefblau und der Mond sauber halbiert. Ich möchte mich hinsetzen und ihn ansehen und lauschen, ob die Amsel noch singt (vorhin, beim Heimkommen, schluchzte sie im Baum) und warten. Warten, bis die Gedanken nicht mehr durcheinanderreden – und die verknitterten Gefühle sich ganz langsam auseinanderfalten.

All das geschieht

Genau an dem Tag, an dem die Attentate in Paris stattfinden, habe ich dem Vater meiner Kinder zögernd erlaubt, den Zehnjährigen zum ersten Mal nicht nur allein zu seiner Therapiestunde fahren, sondern auch allein zurückkommen lassen, durch diesen finsteren Herbstabend und mit Umsteigen an einem der ganz hektischen, meistens gedrängt vollen Bahnkreuze in Berlin.

Erschrecken, Trauer, hilfloser Zorn. Egoistische Ängste, um mich und meine Kinder: Wird Berlin von so etwas verschont bleiben? Oder müssen wir zukünftig unser Urvertrauen in diese herrliche Sicherheit aufgeben, mit der wir uns in unseren Städten bewegen? Plötzlich wird mir klar, wie kostbar das ist: einfach rausgehen können, überallhin in der Stadt, fast überall und fast jederzeit angstfrei; meinen Kindern einen zunehmend größeren Freiraum in Berlin lassen zu können.


 

Ansonsten: auf eine Woche ohne meine Kinder (in der ich arbeite; mich mit der feministischen Kritik am Konzept der Selbstfürsorge beschäftige, endlich mal wieder in die Sauna komme, dem Sechsjährigen einen Schrank mit Türen und viele, viele Deckelkisten für sein Spielzeug bestelle, zum Kurzfilmfestival „Interfilm“ gehe, endlich das hochkomplexe Lochstrickmuster bezwinge und darüber so stolz bin, als hätte ich den Stein von Rosette entziffert und in der ich einen ganzen herrlich erholsamen Sonntag lang einfach nur allein in der Wohnung herumbröddele) folgt eine Woche mit meinen Kindern, der Sechsjährige, erfahre ich am Montagmittag von seinem Vater, ist mit Angina krankgeschrieben – also eine Woche zu Hause.

Und das mit dem Zuhausebleiben-Müssen-Dürfen finde ich eigentlich richtig gut. Wann verbringe ich schon mal so viel Zeit mit einem meiner Kinder? Sobald es dem Sechsjährigen (dank Antibiotikum dauert das nicht lange) besser geht, verwandeln wir die Wohnung in eine chaotische Kreativwerkstatt, bemalen Geschenktütchen, falten Origamisterne (der Zehnjährige bringt sich die mehrdimensionalen einfach so nach Anleitung bei und danach mir), basteln endlich – ein jahrelang gehegter Plan – einen Einzelsocken-Adventskalender aus den schönsten Socken meiner umfangreichen Einzelsockensammlung und backen die ersten Plätzchen.

Aber das ist nur die eine Seite dieser Krankheitswoche.

Denn seit der Sechsjährige in der Lage ist, sich auch mal zwei Stunden am Stück selbst zu beschäftigen, ist das mit den Krankschreibungen im Kinderkrankenfall nicht mehr so einfach. Mein Chef findet es total ungünstig, dass ich mitten in dieser besonders arbeitsintensiven Zeit vier Tage lang zu Hause zu bleiben gedenke. Aber es gibt ja VPN… und so verbringe ich die Zeit damit, zwischen meinem Kind und unseren Kreativprojekten und meinem Rechner mit dem vollen Posteingang hin- und herzuspringen. Morgens zwei Stunden Arbeit oder ein bisschen mehr – dann eine Runde raus an die Luft. Einkaufen. Essen machen. Zwanzig Minuten schlafen, soviel Luxus muss sein. Kaffee kochen. Nochmal zwei Stunden arbeiten, bis der Zehnjährige nach Hause kommt. Auch abends gibt es dringende Arbeit, die überlasse ich größtenteils meiner Kollegin, dafür habe ich meinem Chef den Samstag versprochen. Weil das sonst schon wieder meine Kollegin – ja, die mit dem Baby – übernehmen würde. Weil das die Dinge sind, an die sich der Chef erinnert. Und weil ich im Alltag die Flexibilität gut brauchen kann, die mir die Wochenendarbeitstage geben: mal später zu kommen, mal früher zu gehen. Am Samstag gehen meine Kinder also außer der Reihe zu ihrem Vater, und ich habe den Rechner an und zu tun, wann immer eine Mail in den Posteingang ploppt; von zehn bis neunzehn Uhr, dann kommen die Kinder wieder, und dann nochmal von neun bis halb elf.

Seltsam, das. Durch die Arbeitswoche zu Hause gewöhne ich mich daran, zu allen möglichen Zeiten am Rechner zu sein, wann immer es eben gerade passt. Die räumliche Trennung von Arbeit und Privatleben fällt beim Homeoffice ja sowieso weg; eine zeitliche lässt sich auch kaum noch aufrechterhalten. Der lange Samstag ist zudem garnicht so schlimm, ich habe mir nichts sonst vorgenommen und komme zum Aufräumen und Wäschewaschen und Stricken, wenn grade nichts zu tun ist. Und ein gutes Gefühl macht das: Gebraucht zu werden. Ein Lob vom Chef einzuheimsen.

Es könnte ganz schnell gehen, glaube ich, diese ständige Verfügbarkeit kann man sich angewöhnen. Viele arbeiten doch so, bis spät am Abend, jeden Tag, im Urlaub, überall. Wenn ich die schicken Wohnblocks sehe, die in Berlin grade in jeder Baulücke hochgezogen werden, dann frage ich mich, ob das der Weg wäre, eine von denen zu kriegen, ganz alleine über die Jahre all die Euros dafür zu verdienen, 3.200 wollen sie pro Quadratmeter in meinem unszenigen Kiez, das weiß ich, weil ich in einem Anfall von Übermut in einen dieser Showrooms gegangen bin und gefragt habe, alle machen das schließlich grade mit dem Wohneigentum – und fassungslos kehrtgemacht habe.

Aber selbst wenn: So kann ich einfach nicht leben. Will ich nicht leben.

Meine Kinder kommen an meinem langen Arbeitssamstag total angespannt von ihrem Vater zurück. Der Tag fehlt unserer gemeinsamen Woche, ausgerechnet der, an dem keiner irgendwohin muss, an dem die Kinder machen können, worauf sie gerade Lust haben, an dem ich ein offenes Ohr habe, an dem Zeit für alles mögliche ist.

Und wann käme ich noch richtig „bei mir selbst“ an, wenn ich häufiger am Abend arbeiten würde, in den zwei Stunden, die mir gehören? An den zwei, drei Tagen in meiner Woche ohne Kinder, an denen ich mir etwas vornehmen kann? Bin ich einfach nur zu wenig „committed“, wie das im Jobsprech heißt, mit meinem Bedürfnis, Zeit für mich und die Kinder und all den Familienkram zu haben – oder war da was dran, Arbeit und Privatleben zu trennen, im Büro nicht an die Kinder denken zu müssen und zu Hause nicht an die unerledigten Aufgaben im Posteingang? Wenn ich Flexibilität einerseits praktisch finde und häufig genug brauche – wie viel bin ich dann andererseits bereit, dafür zu geben? Wenn die Chefs sich daran erinnern, dass ich schon dann und wann bereit war, außer der Reihe zu arbeiten – wie schnell werden sie es für selbstverständlich halten, wo werde ich die Grenze ziehen, was ist der richtige Kompromiss?

Gut, dass mein unzuverlässiges Smartfon mir die sms-Anfrage, die mein Chef am frühen Sonntagabend sendet, erst ein paar Stunden verspätet zustellt, als er schon aufgegeben und die Aufgabe – siehe da – selbst erledigt hat. Nein-Sagen ist nämlich ganz schön schwer.

…und Feiertag

Ja, 3.10.2015! Ob mir nach Feiern zu Mute ist, weiß ich garnicht.
Denn… wie mein Leben alternativ verlaufen wäre, mit Wende, aber ohne Wiedervereinigung – ich kann es mir schlicht nicht vorstellen.

Wenn ich mich zurückerinnere, an diese sonderbare Zeit zwischen 1989 und 1990, fallen mir die Rebellen aus meiner Schulklasse ein, die mit Tomaten in der Tasche zu der Großveranstaltung gingen, auf der Helmut Kohl sprach. Der West-Lehrer, der plötzlich an unserer Schule unterrichtete, und sich durch den Zettel unmöglich machte, der aus seinen Unterlagen vom Lehrertisch flatterte: „Mama anrufen!“. An das neue Fach „Wirtschaft und Recht“, in das ich mich – widerwillig gegen das Gesellschaftssystem, das vor einem Jahr noch der angebliche Feind war und uns da jetzt plötzlich überrollte, aber doch auch neugierig – wütend verbiss.
Ich erinnere mich an unsere Katze, die sich fast an einem nicht mehr abreißenden Faden irgendwie doch schlecht gewordener H-Milch verschluckte, den sie beim Schlecken aus ihrem Napf gezogen hatte. Meine Mutter sehe ich vor mir, die über ihren Rentenunterlagen verzweifelte, als langjährig geringverdienende ostdeutsche Pfarrersfrau hätte sie nicht wirklich viel zu erwarten gehabt. Die plötzliche Fülle an Möglichkeiten fällt mir ein, die die Wiedervereinigung uns brachte: Auslandsjahre und Berufsziele, Studienstädte und Reisen. Und ich erinnere mich daran, wie schwierig das war, plötzlich entscheiden zu müssen.

All das ist lange her, und selbst wenn ich mich noch immer als „ostdeutsch“ empfinde – in der Welt, in der meine Kinder aufwachsen, spielt das keine Rolle mehr, die ist von ganz anderen Entwicklungen geprägt. Durchrationalisierte Studiengänge. Digitalisierung. Freihandelsabkommen. Klimawandel. Immer wieder neue Kriege. Flüchtlingsströme.

Vielleicht ist die Erinnerung daran, wie sehr eine Gesellschaft sich verändern kann, eine gute Sache an so einem 3. Oktober. Und daran, dass Veränderungen von denen ausgehen können, die sich für eine Welt einsetzen, in der ein gutes Leben möglich ist, für alle. Nein, ich schaffe es vor lauter To-Do-Listen nicht, viel für diese Welt zu tun. Aber davon träumen möchte ich, trotzdem.

Träume, Fäden, Schritte

Wenn ich 40 werde – so mein langgehegter Traum – möchte ich eine größere Auszeit nehmen und den Jakobsweg laufen. (Und dabei, so die geheime Absicht, endlich das Leben verstehen, meine Berufung finden und den Mut, allesalles ganz anders zu machen).

Ich muss dieses Projekt teilen, wurde mir irgendwann klar, ich möchte nicht sechs Wochen lang meine Kinder nicht sehen. Also nicht einmal sechs, sondern zweimal drei Wochen. Warte nicht so lange, geh das doch schon eher an, hat ein Freund vor einem Jahr geraten, und so kam es, dass ich mir Wanderschuhe gekauft und meinen Chef angesprochen habe. Weil aber ein größeres Arbeitsprojekt ansteht, wurden aus den gewünschten vier freien Wochen irgendwann eine, aus dem Jakobsweg in Portugal erst der von München an den Bodensee und nun schließlich der sächsische. Ein Hans-im-Glück-Pilgerprojekt, das sich mehrfach in etwas anderes verwandelte und kleiner und kleiner wurde, bis es nun endlich vor der Tür steht.

Hinter der Tür, in meiner Wohnung, steht der gepackte Rucksack. Ich habe keine Waage, aber er ist bestimmt schwerer als die empfohlenen 10% meines Körpergewichtes. Aber er enthält nur Unverzichtbares (glaube ich, weil meine Schultern ja noch nicht wehtun), den Schlafsack, das kleinste Duschgelpröbchen, viel zu wenig Kleidung, die Wanderkarte, den Reiseführer, ein paar Müsliriegel, Blasenpflaster und Allergietabletten. Und ein Buch.

Mein Pilgerbuch ist „A Field Guide To Getting Lost“ von Rebecca Solnit. Dass ich dieses Buch entdeckt habe und nun mitnehmen kann, verdanke ich meinem neuerworbenen Smartphone, das ich dabeihatte, als ich traurig auf der Rückfahrt von einem Wochenende mit dem liebsten Freund war und in der S-Bahn, weil ich niemanden ansehen wollte, die Word-Press-App ausprobierte, die so eingestellt war, dass ich zuerst die unter der Rubrik „freshly pressed“ empfohlenen Artikel zu lesen bekam. In einem von denen berichtete eine Frau davon, dass sie gerade dieses Buch las – und von einer Wanderung mit ihren Kindern durch den Schnee (Wo kam diese Bloggerin her? Wo liegt gerade Schnee? Ich weißt es nicht.), zu der die Lektüre des Buches sie angeregt hatte.

Eine Anleitung zum Verlaufen und Verlorengehen. Das gefällt mir. Inzwischen habe ich Rebecca Solnits „The Faraway Nearby“ gelesen, eines der wunderbarsten Bücher über das Geschichtenerzählen (und über Empathie, Aprikosen, die Arktis, Labyrinthe, Motten, Kunst, Zufälle, Identität, die Alzheimererkrankung ihrer Mutter und noch ein, zwei Dutzend andere Themen); und „Wanderlust“, ihre Kulturgeschichte des Wanderns, liegt für die Wochen nach der Pilgerreise als Lektüre bereit. Ich habe eine neue Lieblingsschriftstellerin.

Geschichten vergleicht Rebecca Solnit mit Fäden – und wie letztere auf Spulen oder zu Knäulen gewickelt werden, können Geschichten Zeile um Zeile in Büchern zusammengefaltet werden (um sich in der Vorstellung des Lesers wiederum zu entfalten) – wobei sie auch Labyrinthen ähneln, die, schreibt die wunderbare Essayistin, eigentlich nichts anderes als klein zusammengefaltete Wege sind. Ich mag ihre Vergleiche.

Auf den langen Faden, zu dem wir unsere Schritte auf der Pilgerreise aneinanderreihen werden; auf die Geschichten, die wir erleben, wenn wir tatsächlich tun, was ich mir schon so lange vorstelle: losgehen mit den paar Kleinigkeiten auf dem Rücken, mit dem man auskommen kann; den Weg, der auf der Karte zu sehen ist, Schritt für Schritt in Wirklichkeit erleben, offen für das, was uns unterwegs begegnet, offen für das Unerwartete und auch das Anstrengende, den Regen und die schmerzenden Füße und die Möglichkeit des Verlorengehens und mit der Hoffnung, das Alltagsleben möge aus der Ferne ein klein wenig unvertraut werden und deshalb hinterher ein wenig anders, ein wenig neuer sein – darauf freue ich mich jetzt.

Meine ganz große Schwester denkt darüber nach, ein Buch über das Ankommen (bei sich, in der Stille des Herzens) mitzunehmen.

Wir werden uns wunderbar ergänzen.