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2016

2016 war das Jahr, in dem ich das Wort „postfaktisch“ gelernt und meinen Kindern das Wort „populistisch“ erklärt habe. Hätte auf beides auch gerne verzichtet.

2016 war ein Jahr, in dem viel zu oft schon ein paar Minuten Nachrichten am Morgen ausreichten, um auf eine Weise traurig zu werden, die den ganzen Tag einfärbt. Mal abgesehen von Kriegen und Politik: Schmelzende Polkappen; Methan, das ungestört in die Atmosphäre aufsteigt. Wir schaffen es nicht mehr, die Welt zu retten, die wir kennen. Mülltrennen hilft nicht. Ökostrom beziehen reicht nicht. Kein Radio hören ändert auch nichts an der Lage. Wie soll ich das meinen Kindern erklären? Wie sollen sie leben, in 20, 30 Jahren?

Für mich persönlich war 2016 ein Jahr, in dem wenig passiert ist. Außer Älterwerden, das dafür aber um so mehr. Weniger Kraft. Mehr Vergesslichkeit. So oft (wo war ich stehengeblieben?) dieses leere Gefühl im Kopf, manchmal nur grau.

Was ich geschafft habe: Nach Stockholm zu reisen und die Schären zu sehen. Eine Mutter-Kind-Kur zu bekommen. Einen Job-Newsletter zu abonnieren und eine (1) Bewerbung zu schreiben. Meinen Balkon zum Blühen zu bringen. Zwei Paar (4) Socken zu stricken. Mich an die meisten (98) Schul- und Arzt-Termine der Kinder rechtzeitig zu erinnern. Den Alltag am Laufen zu halten. Weiterzumachen.

Was ich nicht geschafft habe: Die Welt zu retten (siehe oben). Irgendwelche guten Vorsätze umzusetzen. Ganz besonders nicht solche, die mit Sport zu tun hatten. Die Stelle zu wechseln. Mit meinen Kindern ausreichend geduldig zu sein.

Was schlimm war (privat und im kleinen): Den Flamenco-Kurs absagen zu müssen, auf den ich mich so(ooo) gefreut hatte. Nach dem Einsetzen der Narkosewirkung die Hand des Elfjährigen loszulassen und aus dem OP zu gehen mit dieser Angstklammer ums Herz: man kann ein Kind auch verlieren. Gelegentlich um fünf Uhr in der leeren Wohnung aufzuwachen mit Herzrasen und dem Gefühl, ziemlich allein auf der Welt zu sein.

Wo ich wirklich glücklich war: Alleine am Meer. In meinem Bett nach langen, anstrengenden Tagen. Auf meiner Geburtstagswanderung mit den Kindern und den liebsten Freundinnen und der ganz großen Schwester. Beim Beerensammeln im Wald. Auf dem Balkon vom Kur-Appartement unter dem großen Sternenhimmel.

Traurigkeiten: Dass es in Berlin so wenig Alltagsfreundlichkeit gibt. Dass liebe, wichtige Menschen in Lebenskrisen getrudelt sind. Dass Freundschaften und Gefühle sich veränderten.

Glücksgeschenke:
Eine neue Freundin zu finden.
Einen neuen Chef zu bekommen, der erst einmal die Überstunden der gesamten Abteilung übernimmt.
Mit der Besuchsfreundin abends im Waldhäuschen zu sitzen und herumzublödeln. Und die Telefonate mit ihr, in denen ausgiebig geklagt werden darf – und sehr viel gelacht wird.
Mit dem liebsten Freund müde auf dem Sofa liegend die Probleme der Welt zu lösen, so theoretisch. Und dabei ein bisschen weniger verzagt zu werden. Der nicht abgeschlossene Strandkorb vor dem Hotel, das uns keinen vermieten wollte (Hah!).
Das unbeschwerte Lachen des Elfjährigen – das so selten ist – und das unwiderstehliche Strahlen in den Augen des Siebenjährigen: Funkelsterne und Sonnenschein.
Manchmal einen ganzen Tag lang allein sein. Manchmal einen ganzen Tag lang nicht allein sein.
Parasolpilze. Ganz kleine gelbe Tomaten.
Wenn bei Kälte, Regen und beginnender Grippe die richtige S-Bahn ohne Wartezeit kam.
Lesen: „Americanah“ von Chimamande Ngozi Adichie und „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić. Jan Wagners „Regentonnenvariationen“. Schauen: Jens Steinbergs Malerei. Hören: Dota. Live! Und Lachen: zum Beispiel über die Weihnachtspostkarte von der Besuchsfreundin. „Stress, Stress“, schnaubt das schweißgebadete Rentier vor dem Schlitten. „Du atmest falsch“, sagt der Weihnachtsmann, der hinten die Zügel in der Hand hält.

Weiter (falsch) atmend und weiter hoffend und dankbar für die Menschen, die für mich da sind und dankbar für die Menschen, für die ich dasein darf – so will ich ins neue Jahr gehen. Uns allen wünsche ich, dass es ein besseres, ein gutes Jahr wird.

Cheers!

 

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Auf ein Neues…

Sehr schöne Jahreswechselverreisetage mit der Familie liegen hinter uns.

In Weimar gibt es Umzugspläne – altersgerechtes Genossenschaftswohnen, mein Vater und seine Frau haben den Mietvertrag unterzeichnet, überraschend schnell auf einmal, es muss jetzt in Windeseile ziemlich viel ausgemistet werden, weil es ein Zimmer weniger geben wird. Ich lasse zwei Backsteinkrimis von Elizabeth George für mich beiseitelegen und höre mir Geschichten davon an, wer die alte Bowleschüssel aus geschliffenem Kristall nun doch haben möchte und wie mein Vater alte Muscheln, Mitbringsel aus allerlei Urlauben, auf dem Spielplatz im Sandkasten vergraben hat – um noch ein wenig Freude mit ihnen zu stiften.
Der Weihnachtsmarkt ist noch auf, ich jubele ein bischen, weil er in Berlin am 23. Dezember, als ich endlich Zeit hatte, schon wieder zugemacht hatte. Ich schlendere mit dem Zehnjährigen ein Stündchen herum, wir kaufen weder die bunten Kerzen noch die Ausstechförmchen in Leuchtturmform noch die Schokolade in Schraubenform noch die herrlichen Namensstempel (es gibt sogar „Greta“!) noch eines der lustig bemalten Insektenhotels und auch keine Strickstulpen, sondern nur ein paar gebrannte Walnüsse. Und drehen ein paar Runden auf der kleinen Eisbahn vor dem Theater, immer rund um Goethe und Schiller, denen auf ihrem Denkmal ganz schwindelig von dem Gekreise und ganz schlecht von der eher zweitklassigen Musik sein muss.
Ins Schlossmuseum muss dann auch der hustende Sechsjährige mit. Die sind ja alle kaputt, meint er zu den mittelalterlichen Heiligenschnitzfiguren in den Goldmänteln, und dann jammert er von den Neoimpressionisten, die ganzen Weimarer Impressionisten entlang bis zu den riesigen Jugendstil- und Symbolismusgemälden, vor denen ich mit dem Zehnjährigen so gerne ein wenig staunen möchte, dass er dringend nach Hause will.

Dann Gera. Die ganz große Schwester erleidet einen Hexenschuss, während wir im Zug zu ihr unterwegs sind, ach, mehr Sport steht auch auf meiner Vorsatzliste fürs neue Jahr, ob es wohl einen Online-Yoga-Kurs gibt, den ich bequem zu Hause wenn es grad mal passt… –

Wir haben auch hier Zeit; kaufen dem Zehnjährigen Schuhe, die ersten, die ich vielleicht erben werde, wenn er aus ihnen rausgewachsen ist – schöne Lederboots also, das lohnt sich jetzt. Am Silvesterabend spielen wir (Baptistenskat kann nun endlich auch der Sechsjährige), sehen Loriot-DVDs an und lassen die Kinder mit verbundenen Augen Wunderliches aus dem Fühlkorb der ganz großen Schwester erraten, eine Kokosnussschale, das Skelett eines alten Wischmops, ein Stückchen Taubenschutz. Um Mitternacht geschlafen meine Söhne, vielleicht zum letzten Mal an einem Silverster, und wir drei Schwestern liegen auf dem Sitzsack der Tochter der ganz großen Schwester und schauen raus zum Feuerwerk, Sektgläser in der Hand.
Am müden Neujahrsnachmittag nimmt meine ganz große Schwester die große Schwester und mich und die ganze Großfamilie mit ins Kino -„Heidi“ mit meinen Söhnen anzusehen, wäre mir nicht im Traum eingefallen – aber der Film gefällt allen.
Mehr oder weniger an den Haaren zerre ich meine Kinder am zweiten Januar morgens noch in einen Friseursalon. Aus den unwilligen Wuschelköpfen schneidet die junge Frau mit Nasenring und Wangenpiercings geschickt zwei strahlende, hübsche Jungs heraus, die stolz ihre Spiegelbilder angucken.

Und dann wieder zu Hause. Nochmal die Kerzen am Weihnachtsbaum anzünden (und schonmal notieren, wann der späteste Weihnachtsbaumabholtermin der BSR in diesem Januar sein wird); noch ein paar Spielrunden und zwischendurch schon mal Wäsche anstellen. Bei klirrender Kälte dem Sternenkind ein Licht aufs Grab bringen, heute vor acht Jahren, so lange ist das schon her.

Am Abend nochmal an die guten Vorsätze erinnern, mehr bewegen und mehr unter Leute kommen; mehr Stille und vielleicht wenigstens ein bisschen für andere engagieren. Jedem Tag irgendwas Gutes abgewinnen.
Morgen beginnt der Test unter Alltagsbedingungen, meistens hälts ja nicht lange vor, nicht die Jahreswechselentspannung und nicht die Vorsätze. Aber wer weiß.

Rückblick

2015 ist das Jahr, in dem ich festgestellt habe, dass ich lieber weiter an die Ostsee fahre als an die Nordsee. Wir haben den Rhein gesehen, sind bei Gewitter vom Kölner Dom geflüchtet und mit einem akut verdorbenen Magen im Kasseler Naturkundemuseum klargekommen. Wir haben in der Uckermark Pilze und Beeren gesammelt und in Dänemark Wikkingerschach gespielt. Wir sind jede Menge Bahn gefahren – und eine ganze Woche lang war ich zum ersten Mal in meinem Leben als Pilgerin zu Fuß unterwegs.

2015 ist ein Jahr des Verzagens über die Welt gewesen. Mit so vielen Kriegen, den Terroranschlägen in Paris, all den Menschen, die fliehen müssen, der Klimakatastrphe, gegen die man sovielmehr tun müsste; ein bisschen spenden ist nicht genug, nirgendwo.

2015 war das Schulanfangsjahr des Sechsjährigen; das Jahr mit dem Asthma und den Hausstaubmilben – steile Lernkurve und Rückenschmerzen vom ständigen Bodenwischen. Das Jahr mit dem steigenden Schuldruck für den Zehnjährigen und mit dem steigenden Arbeitsdruck im Büro. Ein Jahr, in dem mich das beunruhigende Gefühl begleitet hat, weniger klar zu denken, weniger intensiv zu erleben. Ein erschöpftes Rückzugsjahr, in dem ich wenig rausgehen mochte und immer wieder damit gehadert habe, zu wenig Zeit zu haben: für meine Kinder, für meine Freunde, für meine Familie, für mich, zum Schreiben, zum Kraftschöpfen, für eine Alltagsbeziehung, für meine Arbeit. (They tell you that you can have it all, schreibt Laurie Penny – sinngemäß – in „Unspeakable Things“, für mich und so viele andere Frauen: as long as „all“ is a man, kids, a career in finance, a cupboard full of shoes and a terminal exhaustion.)

Und trotzdem. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass ich mehr als dankbar sein kann – für das Privileg, jetzt und hier zu leben, in Frieden und Wohlstand (#wirhabengenug ist der Hashtag, unter dem das Magazin „Shift“ dazu anregt, darüber nachzudenken, woran wir keinen Mangel leiden); mit der Möglichkeit, mich von Kunst und Büchern anregen zu lassen. Rebecca Solnit war in diesem Jahr meine große Entdeckung – und die Briefe meiner Mutter an meinen Vater, geschrieben vor mehr als 50 Jahren, das nebenbei. Mit meinen Kindern und einem vorsichtig freundlichen Verhältnis zu ihrem Vater, seit der auch Arbeit hat. Und mit den anderen wichtigen Menschen: Der großen Schwester, die mit mir am Strand in Dänemark Mandalas legt; der ganz großen Schwester, die mir morgens simst und einfach für einen halben Tag oder einen ganzen zu uns nach Berlin kommt. Mit dem liebsten Freund, mit dem ich in wenig Zeit viel lache und rede und teile und erlebe und glücklich bin. Der Besuchsfreundin, die zu uns kommt, obwohl wir eine anstrengende Familie sind.

Ein Fazit? Kein Fazit.
Weiter durchwurschteln, wahrscheinlich. Sachen gelassen schief gehen lassen, weil das meistens garnicht so schlimm ist.
Immer mal einen Blick über den Tellerrand der eigenen Kleinkleinsorgen erhaschen wär schön – also: Kopf hoch.

Im neuen Jahr

2015 ist noch keine zwei Wochen alt, aber schon liegt ist der Jahresanfang hinter einem kleinen Berg Alltag weit, weit zurück.

Wir haben mit der Familie gefeiert: Mit der großen Schwester und der ganz großen Schwester und den Männern von beiden und der ganz großen Nichte, der meine Söhne am liebsten nicht mehr von der Seite gewichen wären. Mit Wunderkerzen auf einem Hügel über der Stadt und mit Sorgen um unseren Vater, der das neue Jahr im Krankenhaus beginnen musste. Dieses Mal alles gut, aber wie soll es weitergehen? Mit dem Auto? Mit dem Garten? Mit der nicht altersgerechten Wohnung, den Papierstapeln im Arbeitszimmer?

Den Weimar-Tatort schauen wir uns an, schließlich kennen wir die Stadt gut, nicht so schlimm also, dass wir den Kommissar nicht verstehen. Was für ein Genuschel! Die Kinder wollen „Pünktchen und Anton“ am nächsten Tag gleich nochmal sehen, und irgendwann zwischendurch hole ich all die Zettel mit schönen Erinnerungen aus 2014 aus dem Honigglas in meinem Gepäck – es sind viel mehr, als ich dachte, wir kommen mit dem Vorlesen kaum zum Ende. Einstimmig beschließen wir, das Glas auch in 2015 wieder aufs Küchenfensterbrett zu stellen und zu füllen.

Dann fahren wir zurück nach Berlin. Arbeit, Kita und Schule nehmen ihren Betrieb wieder auf. Kindergeburtstags-Einladungen müssen geschrieben, Urlaubstermine mit Kollegen abgestimmt werden; ich erkundige mich nach den letzten Kinder-Schwimmkursen vor der Umwandlung unserer Kiezschwimmhalle in einen reinen Vereinsbetrieb, und der Vermieter hätte gerne mehr Geld von mir und meint, der Müllplatz des Nachbargrundstücks sei kein Stück verwahrlost, unser Hinterhof – mit der aus Brettern schief zusammengenagelten, uralten und noch nicht mal nutzbaren Kompostecke und dem inzwischen total vergrasten Sandkasten und den mickerigen Beerenbüschen und dem Kirschbaum, der so beschnitten ist, dass man noch nicht mal mehr von der Leiter aus an die Früchte kommt – dagegen „aufwändig gestaltet“. Morgens, wenn ich zur Arbeit gehe, ist es zu dunkel, um den Sperrmüll auf dem Nachbargrundstück zu fotografieren, abends, wenn ich zurückkomme, auch. Kann ich einen wohnwertmindernden Mangel an Licht und Sonnenschein geltend machen?

Fassungslosigkeit beim Nachrichtenhören, nachdem die Schreckensbotschaft aus Paris meiner Bürokollegin per Spiegel-App ins Handy geplingt ist.

Der Sturm am Freitagnachmittag zerknickt meinen Regenschirm auf dem Weg von der Arbeit zur Kita in Nullkommanix. Damit wir keinen Schaden nehmen, bleiben wir am Wochenende zu Hause, gucken „Michel aus Lönneberga“ und kramen das alte Monopoly-Spiel hervor, das mein Vater vor Jahrzehnten selbst nachgebaut hat. Die bunten Linien auf dem Sperrholz-Spielfeld sind verblichen, die 5.000-Mark-Scheine mussten ungefähr zur Zeit der Wende (aber vor der Währungsreform) schon einmal ersetzt werden – aber die Ereigniskarten und die Straßenkarten sind noch prima lesbar und die Zahnpastatubendeckel erfüllen ihren Zweck als Hotels so gut wie eh und je.

Komm, ich helf Dir, sage ich zum Fünfjährigen, der gleich am Anfang eine miese Ereigniskarte zieht, und zahle seine Steuerschuld. Von da an helfen wir uns alle drei gegenseitig. Wir erlassen uns Mieten, die wir nicht zahlen können; und als mir das Geld komplett ausgeht, schiebt der Fünfjährige mir mal eben 10.000 Mark rüber. Hier, Mama! – Irgendwann müssen meine Söhne dann doch mal dringend an die Luft; ich drücke ihnen meine Teilzustimmung-zur-Mieterhöhung in die Hand (nein, ich werde es nicht auf einen Prozess ankommen lassen, das geht grad einfach nicht, schon der Gedanke daran verursacht die Sorte Schmerzen in der Herzgegend, die mir schonmal so viel Angst gemacht hat) und schicke sie zum Briefkasten.

Ich räume unser Spiel zusammen und denke an meinen Vater, der vor vielen, vielen Jahren sorgfältig all die Linien gezogen und liebevoll all die Felder beschriftet hat; der gemalt und geschnitten und geschrieben und Spielfiguren und Zahnpastadeckelhotels zusammengesucht hat – natürlich gab es das Spiel in der DDR nicht, obwohl es den Kapitalismus eigentlich überhaupt nicht gut wegkommen lässt. Denke an meinen Vater, der manches davon jetzt nicht mehr könnte.

Der Neunjährige und der Fünfjährige kommen vom Briefkasten zurück und betteln um eine weitere Runde Monopoly. Hinterher schreiben wir einen kleinen Zettel und tun ihn in unser Glas-mit-glücklichen-Momenten.

Trotz der Nachrichten. Trotz allem. Jetzt. Hier. 2015.

Mach dich vom Acker, Jahr!

2014 neigt sich seinem Ende zu, und ich kann nicht behaupten, dass ich es dem Jahr besonders übelnehme. Geh, mach Platz für ein besseres, denke ich, und: gut, dass ich vor zwölf Monaten noch nicht wusste, was mich so alles erwartet.

Sechs Monate lang dauerte die Plage mit den Dellwarzen, die den Fünfjährigen befallen hatten. Vor ein paar Wochen erst habe ich meinen Söhnen wieder die gemeinsame Badeerlaubnis erteilt, nachdem die letzte Warze aufgegeben hat. Was haben wir nicht alles probiert: Schöllkraut, abkleben, Zinksalben… und das Überhören von guten Ratschlägen wie: „Bei meinem Sohn wurden sie alle auf einmal von der Ärztin weggeschnitten – und dann war gut. Hat nicht so lange gedauert…“

Seit März die Sorge, zukünftig (und rückwirkend) die halben Harz-IV-Leistungen für meine Kinder und ein Drittel der Miete meines Ex-Partners ans Jobcenter rückerstatten zu müssen. Werde ich noch vom Amt verklagt? Oder nicht? Muss mich noch immer jedesmal wappnen, bevor ich den Briefkasten öffne (Notfallplan: Tief atmen – Freundin anrufen – DASLEBENGEHTWEITER sagen – Anwalt kontaktieren).

Zwei Monate lang der Kampf mit der Krankenkasse um einen außervertraglichen – dafür aber logistisch machbaren – Therapieplatz für meinen großen Sohn, dessen emotionale Unsicherheit wohl doch so groß ist, dass Hilfe her musste. Und zwar von jemandem, dem er vertraut, den es hier in beinahe Laufnähe gibt, der aber keine Kassenzulassung hat. Kurz nachdem die Genehmigung endlich erteilt wurde und mein Sohn die ersten Termine hatte, die Mittelung des Therapeuten, dass er Mitte nächsten Jahres umziehen wird. Weit fort von unserem Kiez.

Immer drängender für mich die Frage, was wir unseren Kindern mit unserem Wechselmodell antun, ob es gut für sie sein kann, immer wieder fort zu müssen, zwei Leben zu leben wie andere beim Aufwachsen zwei Sprachen zu sprechen lernen, das kostet, davon bin ich inzwischen überzeugt, Energie, die anderswo fehlt.

Was noch? Eine Mutterschaftsvertretung, viel Arbeit, wenig Urlaub. Ein Pilgerprojekt, dass still und leise den Bach runtergeht, weil auch nächstes Jahr im Büro viel zu tun sein wird. Schlaflose nächtliche Grübelstunden, denen ich mir wünsche, am nächsten Morgen nicht allein aufzuwachen.

Und ein halbvolles – oder halb leeres? – Honigglas, in dem ich glückliche Momente gesammelt habe: Wanderungen im Umland. Sonnenstunden auf dem Balkon. Gebäckstückchengenuss in Lissabon. Herumalbern und großartige Gespräche mit meinen Kindern. Faule Abende mit der Besuchsfreundin. Glückliche kleine Fluchten mit dem liebsten Freund.

Nein, nicht alles war schlecht in 2014.

Und trotzdem: Mach dich vom Acker, Jahr. Mach mal Platz für ein neues.

Rückblick

Was lässt sich über mein Jahr 2013 sagen? Garnicht so einfach, vor allem, weil ich inmitten meiner wilden ganz-engen und fröhlichen, anregenden auch-engen Familie darüber nachdenke, zwischen Bergen von Essen (Einige von uns, sagt meine ganz große Schwester, setzen Weihnachten den Schwerpunkt auf gutes Essen – was in einer von Theologen durchsetzen Familie kein wirkliches Lob ist…), Ausflügen mit meinen aufgekratzten Kindern, Spielerunden, Diskussionen über die optimale Schlafplätzeverteilung (wer-mit-wem aufs Sofa, wenn A schnarcht, B sich querlegt und C Bauchschmerzen hat), frohem abendlichen Plaudern und kleinen, ruhigen Momenten am Rande.

Aber immerhin, 2013: Zum ersten Mal auf einer Mutter-Kind-Kur gewesen und zum ersten Mal im Oderbruch. Auch zum ersten Mal: In der Notaufnahme am Herzüberwachungsgerät gehangen. Zum ersten Mal Kakerlakensalat gespielt. Durch den Botanischen Volkspark Pankow spaziert. Meinen Achtjährigen zum ersten Mal alleine S-Bahn fahren lassen, den Vierjährigen dazu gebracht, ein Stück Paprika zu kosten. Zum ersten Mal den Gedanken zugelassen, dass das Alleinleben – allein mit den Kindern – für mich vielleicht kein Übergangszustand ist, sondern dauern wird. Zum erstem Mal eine Mottenplage in der Küche gehabt. Und weggekriegt.

Was sich gut angefühlt hat: Beerensammeln im Wald. Bücher, in denen ich versunken bin. Wilde und sanfte Musik. Das Lachen meiner Kinder. Ihnen im Schlaf übers Haar zu streichen, ihre unbefangenen Fragen zu beantworten und dabei selber nachdenklich zu werden. Zeit mit Freunden, die froh und traurig und arbeitsam und faul und albern und wunderbar sein kann, weil ich weiß, dass wir miteinander sein können, wie wir sind. Die Nähe meiner Familie. Hilfe, wenn ich welche brauchte. Sonnige Tage. Ins Schneetreiben vor dem Bürofenster zu schauen. Vom Balkon aus dem Mond bei seinem Rundgang zuzusehen. Schreiben. Manchmal erst nach sieben Uhr von den Kinder geweckt zu werden.

Vieles wird in 2014 wohl einfach so weitergehen. Ein weiteres Schuljahr für meinen großen, ein weiteres Kita-Jahr für meinen kleinen Sohn, ein weiteres Jahr für mich mit Arbeit und Wechselmodell und Zeit, die ich alleine gestalten kann. Der Stress und die Müdigkeit und die vielen, vielen Momente, in denen das Leben ganz wunderbar ist.

Also her mit dem neuen Jahr!

Dass es ein gutes und frohes wird, das wünsche ich auch allen Leserinnen und Lesern hier. (Nee, sagt der Nachbar auf der Treppe entrüstet, am Silvesterabend muss man doch erst Mal einen „Guten Rutsch“ wünschen!)

Na gut: auch das, für alle, die sich heute abend noch hierher verirren.

Besser als erwartet. Und: Sternenstaub für 12 Monate

Habe ich noch nie richtig hingesehen, oder hat es zwischen dem letzten und diesem Silvester eine Weiterentwicklung bei den Raketen und Böllern gegeben? Ich stehe in der Silvesternacht am Fenster und kann mich nicht sattsehen am Feuerwerk. Bevor die bunten Kaskaden verglühen, strahlt jeder einzelne Lichtpunkt noch einmal auf, leuchtend silbrige Wolken wie aus Sternenstaub schweben für einen Moment über der Stadt, immer wieder.

Das alte Jahr lasse ich gerne gehen. Genau hier, an demselben Fenster, vor dem jetzt die Böller krachen, habe ich es angefangen, ohne viel Schönes zu erwarten: Ein paar Familientermine, eine vage geplante Mutter-Kind-Kur, aber vor allem: den Abschied von einem Menschen, der mir damals viel bedeute. Manches kam wie erwartet. Oder war schlimmer. Die Kur ist auf der Try-Again-Liste für 2013 gelandet, ganz oben. Ansonsten hat 2012 sich Mühe gegeben, mich zu beschenken: Mit Musik und mit Büchern. Mit dem schönen Gefühl, mit meinen zunehmend selbständigen Söhnen mehr unternehmen zu können. Mit ein paar Anfängerstunden Tango Argentino. Lauen Abenden am Glienicker See. Mit Pilzen und Beeren in der Uckermark. Mit der Freude am Schreiben. Mit Lachen und Zärtlichkeit. Postkarten und Fotos. Mit der Liebe meiner Kinder. Mit Freundschaften und der Wärme meiner Familie.

Das neue Jahr fange ich in Frieden an. Mein Leben wird weitergehen, wie es ist, keine großen Veränderungen zu erwarten. Ich freue mich auf die bevorstehenden Geburtstage meiner Kinder; auf Konzerte, die ich besuchen, auf Filme, die ich sehen, auf Freunde, mit denen ich Zeit verbringen werde. Mag es meinetwegen ein Jahr der kleinen Dinge werden. Ein Jahr, in dem ich meinen Kindern ein Gegenüber bin und den Menschen, die mir wichtig sind. Ein Jahr, in dem ich meine Arbeit weiter tue. Ein Jahr, in dem die Auszeiten von Arbeit und Kindern mich glücklich machen, ohne dass mein Glück allein von ihnen abhängt.

Vielleicht ist ja ein wenig Sternenstaub liegengeblieben heute Nacht. Vielleicht seh ich ihn ja manchmal glitzern, in den banalen und in den besonderen Momenten in diesem kommenden Jahr.