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Das Balkongartentagebuch: Ein paar Minuten

Weil ich krank bin und trotzdem ins Büro muss, erlaube ich es mir zu Hause, nicht in jeder Minute an Aufgaben und Pflichten zu denken. Ich lasse den Achtjährigen und den Zwölfjährigen allein zur Schule gehen und alleine nach Hause kommen – eigentlich geht das schon gut, auch wenn es noch keine Routine ist – und habe am Morgen ein paar Minuten zum Trödeln, wenn die Tür hinter ihnen zuklappt.
Und als gegen Abend meine Hustenanfälle vorbei sind und ich mich ausgeruht habe und der Achtjährige noch bei einem Freund spielt und der Zwölfjährige seine Schulaufgaben macht, räume ich nicht auf und fülle ich keine Waschmaschine, sondern setze mich auf die schon schattige Türschwelle zum Balkon.

Heute ist die erste Kornblumenblüte aufgeblüht. Blau, blau, wunderschönblau! Überall in der wiederverwendeten Erde hatten sich die Samen der Kornblumen vom letzten Jahr verteilt, in allen Kisten und Töpfen sind sie aufgegangen, haben sich zwischen den Pelargonien ans Licht geschoben, leisten der einsamen Goldwicke Gesellschaft, die im Kistenbeet des Zwölfjährigen als einzige von einer ganzen ausgesäten Reihe gewachsen ist, stehen im anderen Kistenbeet plötzlich zwischen den Baby-Lilien, deren winzige Zwiebelchen der Achtjährige gerettet und sorgfältig eingepflanzt hat. Sogar die kapriziöse Paprika hat in ihrem Topf an besonders sonniger Stelle eine bald blaublütige Gefährtin!

Die Rechtsaußen-Erbse im Kistenbeet des Achtjährigen hält sich mit einer grazilen Hand an der für sie vorgesehenen Stange, mit der anderen am Stil eines Kapuzinerkresseblattes aus dem Nachbartopf fest, der eigentlich einer Sonnenblume gehört. Den dicken Sonnenblumenstängel wiederum haben die Winden aus dem halbrunden Topf an der Balkontrennwand für sich entdeckt, die es am Wandspalier immer etwas zu dunkel und etwas zu langweilig finden.

Der Schnittlauchtopf vor mir sieht nicht mehr wirklich hübsch aus – schlecht frisiert und zerrauft ist er, die ersten Stängel werden ihm schon gelb. Aber auf einer Schnittlauchblüte schaukelt die für unseren Balkon zuständige Biene. Ganz ruhig sitzt sie, ganz ruhig sitze ich und schaue ihr zu. Sie ist klein und braun, mit etwas goldenem Pelz auf dem Kopf und etwas orangefarbigem Pelz am Hinterteil, und sie beschäftigt sich geduldig mit einer lila Blütenkugel nach der anderen. Nach einer Weile kommt sogar noch eine zweite Biene, und als beide fortgeflogen sind, sehe ich auf der Kornblume eine dritte. Das macht mich froh. Könnte ich bienisch, dann würde ich „Tränke“ auf ein Pappschild schreiben und es über den Topfuntersetzer mit dem Wasser und den Steinen drin hängen, den ich auf unseren Balkontisch gestellt habe. Und ich würde dazuschreiben: „Willkommen, ihr Bienen! Kommt wieder!“

An der Tür klingelt der Achtjährige, müde vom langen Nachmittag; der Zwölfjährige hat seine Aufgaben erledigt; gleich ist es an der Zeit, den Tisch zu decken, nach dem Tag zu fragen, ans Keyboardüben zu erinnern und Hilfe beim Tischabräumen einzufordern, Geschirr zu spülen, Abendlieder zu singen und die dünnen Sommerdecken zureckzuzuppeln. Abendroutinen.

Aber ein paar Minuten bleibe ich jetzt noch hier sitzen.

Das Balkongartentagebuch: Überwintern

Nach unserem Waldhäuschenurlaub habe ich meinen Balkon eine ganze, lange, kalte Woche lang kein einziges Mal betreten – aber der sonnige und noch dazu kinderfreie letzte Oktobersonntag ist perfekt, um nach dem Rechten zu schauen und die herbstliche Wüstenei ein bisschen ansehnlicher und winterfest zu machen.

Majoran und Schnittlauch kommen auf die Fensterbank, wo es mit etwas Glück frostfrei bleiben wird. Die Zitronenmelisse – an der mein Herz hängt, weil ich sie im Frühjahr selbst aus Samen gezogen habe – habe ich schon vor einiger Zeit ins Kistenbeet des Elfjährigen umgepflanzt, wo sie jetzt traurig die Blätter hängenlässt. Dringend müssen die Lilien auf mehrere Töpfe verteilt werden. Vorsichtig grabe ich rund um die Reste der Stängel und hole die Nester größerer und kleinerer leuchtend weißer Zwiebeln ans Licht. Zwei Töpfe reichen garnicht aus, um sie alle mit ausreichend Platz wieder einzupflanzen. Aber habe ich die Zwiebeln damals nicht einfach ohne Erde gekauft? Ein bisschen Recherche hilft, und die übrigen Lilienknollen dürfen nun erstmal im kühlen Zimmer antrocknen und dann ohne Topf überwintern, zusammen mit den Gladiolen und der Knolle der Dahlie, mit deren Überwinterung – beide vertragen keinen Frost – ich auch erst Erfahrungen sammeln muss, weil ich sie erst seit diesem Jahr habe. Die Gladiolenzwiebeln sehen alle fünf gut aus; die Dahlienknolle auch, sie ist übers Jahr im Kistenbeet des Siebenjährigen ganz erstaunlich gewachsen und hat jede Menge neue, dicke, pralle Anhängselknollen bekommen.

Stehenbleiben darf die Kapuzinerkresse, die noch blüht; die einzelne Ringelblume, die noch eine dicke Knospe hat; die Tomatenpflanzen mit den Mini-Früchten, von denen sogar in den letzten beiden, kalten, regnerischen Wochen noch einige orange und wohlschmeckend geworden sind.

Andere Pflanzen haben ihre Lebenszeit hinter sich. Der große Ringelblumentopf und die mehltaubestäubte Petersilie kommen weg; andere Rückschnitte – die trockenen Blütenstängel des Majorans und Basilikums, Bohnenblätter und Lilienstiele – schneide ich klein und verwende sie als Schutzabdeckung gegen Frost auf denjenigen Töpfen, die auf dem Balkon bleiben sollen.
Erde von gesunden Pflanzen sammle ich in einer dieser großen IKEA-Taschen, um sie wie schon in den letzten Jahren aufzuheben und im Frühjahr mit Humus angereichert weiterzuverwenden. Staunend bemerke ich, dass in einigen Töpfen und Kästen Regenwürmer überlebt haben, die im Frühjahr offenbar mit dem Wurmhumus in die Erde gelangt sind. Die Erde in diesen Töpfen ist ganz locker geblieben, das hat sicher auch den Pflanzen gutgetan. Ob die Würmer auch irgendwie über den Winter kommen werden? Sollte ich die Erde nochmal mit Kaffeesatz, Radieschenabschnitten und Pflanzenresten anreichern – oder werden sie sich von den Wurzeln ernähren, die in der alten Erde sowieso noch drin sind? Noch mehr Neuland.

Am Nachmittag habe ich es geschafft, trage eine – nur eine! – Tüte Abfälle zum Müll und einen Pelargonienkasten in den Keller, schiebe die Tasche mit der Erde und den hoffentlich glücklichen Regenwürmern unter die Bank, mache mir einen Kaffee und genieße die Wärme, bis die Sonne hinter dem Schornstein vom Haus gegenüber verschwindet. An meinem Balkonspalier trägt eine unerschrockene Winde noch eine letzte Knospe – noch EIN Sonnentag und sie blüht! – und zwei von meiner Balkonaktion sichtlich verwirrte Wespen summen um mich herum und prägen sich die neuen Standorte der verbliebenen Pflanzen ein. Das Krähennest in der Linde im Nachbarhof ist wieder gut zu erkennen, dann und wann schaut einer der großen grauen Vögel – die ich trotz ihres schlechten Rufes mag – im Hinterhofrevier mit den Schlafbäumen und den interessanten Mülltonnen und dem Sitzplatz auf dem Geländer am großen Schornstein nach dem Rechten. Der Wind zupft derweil geduldig an den goldenen Blättern des großen Ahorns, und ich sehe zu, wie sie – jedes zu seiner Zeit – zu Boden trudeln.

Hyldeblomst

Der Elfjährige kommt von seinem Vater zu mir und bringt einen Beutel mit schon etwas matten Hollunderblüten mit. Sirup, so hat ihm eine Frau auf dem Berliner Umsonst-Trödel-Markt erzählt, könne er daraus machen.
Du brauchst ein Rezept, sage ich, und denke laut: ob die Blüten noch gehen, wenn sie schon zwei Tage im Kühlschrank lagen? – Dann nicht, sagt mein leicht zu entmutigender Sohn.
Aber dann schaltet er doch den Rechner ein, und mit ein bisschen Hilfe findet er ein prima einfaches Rezept, bei dem man nur wenige Blüten braucht und die erst mal nur in Wasser ziehen lässt und alle anderen Zutaten morgen noch kaufen kann.
Und falls sie ihr Aroma schon verloren haben… Wir gehen einfach noch mal in den kleinen Park gleich um die Ecke. Und oh Wunder! Alles voller Hollunderbüsche.
Am Ende haben wir zwei Töpfe mit in Wasser eingelegten Dolden, süßer Duft zieht durch die Wohnung. Zum Abendbrot gibts den letzten Sirup aus dem Dänemark-Urlaub letzten Sommer. Bald haben wir selbstgemachten. Ich bin davon mindestens so begeistert wie mein Sohn.

Das Balkongartentagebuch: Von Blumen und Bienen

Es wächst – üppig wächst es!
Die Töpfe und Kisten, in denen vor einigen Wochen erst die Keimlinge aus der braunen Erde kamen, sind voller Pflanzen, denen man beim Wachsen beinahe zusehen kann.
Die Dahlie sprießt aus ihrer Knolle. Blattläuse haben sich auf einer ihrer Triebspitzen eingenistet und werden von einer regen kleinen Ameisenschar besucht. Die Bohnen ranken am Spalier; die erste, die neugierig über die Trennwand zu den Nachbarn gucken wollte, habe ich mit einer kleinen Haarklammer so am Spalier befestigt, dass die Ranke parallel zur Oberkante der Trennwand verläuft. Das muss ich jetzt sicher alle paar Tage wiederholen, dann darf sie meinetwegen vorne am Pfosten zum nächsten Balkon hochranken. Neben der Sonnenblume ist tatsächlich eine kleine Sojabohne gekeimt und entfaltet interessante Dreifachblätter, die ein bisschen an Klee erinnern. Eine Sojapflanze habe ich noch nie gesehen und bin gespannt, wie sie sich entwickeln wird.
Weil ich die alte Erde – angereichert mit Humus – nun zum dritten Mal verwende, wachsen in den meisten Töpfen auch Pflanzen, die sich selbst im letzten Herbst ausgesät haben: Rucola und rote Melde und Brunnenkresse; Buchweizen und Ringelblumen.
Die Pflücksalatkiste liefert alle zwei bis drei Tage einen kleinen Salat. Ein bisschen Melde dazu und ein paar Blätter vom Asia-Salat, der ganz schnell geschossen ist und schon in Blüte steht – lecker.

Vermisst habe ich bisher die Bienen, die im letzten Jahr so gerne unseren Balkon besucht haben. Traurig hat mich das gestimmt. Ich habe ans Bienensterben gedacht; die Diskussion um die Wiederzulassung von Glyphosat im Kopf gehabt; mich an die Schwierigkeiten erinnert, die der liebste Freund bei dem Versuch hatte, eine Bio-Gärtnerei in Berlin zu finden, die Blumen anbieten würde, die nicht mit Pestiziden behandelt sind. –
Aber übers warme Wochenende sind die ersten Blüten des Bienenfutters aufgegangen, das dicht und üppig in derselben Kiste wie im letzten Jahr steht; und jetzt sind die Bienen da. Erst nur eine, die wählerisch in den blauen Blüten herumstöbert; dann zwei und an diesem Nachmittag schon drei Bienen gleichzeitig. Wenn sie einmal da sind, werden sie doch wohl auch einen Moment Zeit für die kleinen gelben Blütchen der Tomaten haben? Dem Schnittlauch einen Besuch abstatten und beim Asia-Salat vorbeischauen? Die Kornblumen und Ringelblumen brauchen noch ein bisschen; auch Sonnenblumen wird es wieder geben und Kapuzinerkresse und Majoran…

Weil ich mich so sehr über die Bienen freue, setze ich endlich um, was wir eigentlich schon im letzten Jahr vorhatten. Mit dem Siebenjährigen baue ich eine Bienentränke, weil es in der Stadt für die Bienen zu wenige Möglichkeiten zum Trinken gibt: Ein Blumenuntersetzer wird mit etwas Wasser gefüllt, hinein kommen ein paar Steine, auf denen die Bienen sitzen können. Voila!

Und dann können wir uns hinsetzen und genießen.
Naja: Sobald der Hausmeister fertig ist, der unten mit der Elektrosäge auf die Hecken losgeht wie Don Quichote auf die Windmühlen. (Sooo laut! Wir essen dann doch mal lieber in der Küche.)
Aber dann!
Naja: Sobald das Gewitter vorbei und die Holzbank wieder getrocknet ist.
Morgen. Bestimmt morgen.

 

Das Balkongartentagebuch: Hochglanzfotos, Schlesische Himbeeren und ein Brotdosengewächshaus

Die Balkongartensaison beginnt!
Schon kurz vorher bin ich Opfer jenes Buchmarktsegmentes geworden, das davon lebt, unsere Sehnsüchte anzusprechen. Ach, all diese Hochglanz-Gartenbücher, eins schöner als das andere, voller wundersamer Versprechen: Vertikal-Gärtnern leicht gemacht!, Guerilla-Stadtbegrünung mit Erfolg!, Balkon- und Terassengartenwundertricks für Menschen ohne grünen Daumen!, Größte Ernte auf kleinstem Raum! – bei letzterem wurde ich dann doch schwach und bestellte, obwohl ich eigentlich weiß, dass so ein Buch außer vielen hübschen Fotos nur etwa so viele nützliche Informationen enthält, wie auch auf ein Din-A4-Blatt gepasst hätten.

Ich nutze alle Nachmittage meiner nachösterlichen kinderlosen Woche, um auf meinem Balkon zu arbeiten. Nachdem ich im letzen Herbst an Frau Pingagas Pflanzen-Samen-Kreiselei teilgenommen habe, habe ich – neben meinen eigenen Must-Haves und Ideen und den enthusiastisch gekauften Dahlienknollen und Gladiolenzwiebeln – genug Samen, um locker auf insgesamt 30 Sorten Kräuter, Gemüse und Blumen zu kommen, die ich gern anbauen möchte.  Der Schwerpunkt soll – zumindest diese Idee verdanke ich meinem Hochglanzbuch – in diesem Jahr auf Salaten liegen, die im Sommer, wenn wir in den Urlaub reisen und zur Kur, schon abgegerntet sind. Und die Metallwand, die meinen Balkon begrenzt und die Sonne so sehr reflektiert, dass die daran rankenden Winden immer so schnell ihre Blätter verlieren, hänge ich zunächst mal mit Malerflies ab, bevor ich – vielleicht nächstes Jahr – dann ein großes Vertikal-Garten-Regal baue und davorstelle und das mit dem Selbstversorgerbalkon ausprobiere (oder so ähnlich. vielleicht.).

Nach diesen Überlegungen geht es los. Salate, Radieschen und Erbsen dürfen schon ausgesät werden; die abgehängte Wand sieht… naja… akzeptabel aus; und mit dem liebsten Freund genieße ich einen ersten Balkon-Frühabend, bei dem wir entdecken, dass Frau Krähe in der Linde im Nachbarhof schon auf ihrem Nest sitzt und dass ein Grüppchen Spatzen im Haus gegenüber ein Schlupf- und Brutloch in die Isolierverschalung des Hauses gepickt hat und dort fröhlich zankend ein- und ausfliegt.

Von einem Ausflug in den kleinen Heimwerkerladen in meinem Kiez bringe ich ein klitzekleines Gewächshaus mit; es hat ungefähr die Größe einer Brotdose und 12 klitzekleine Anzuchtnippchen, in die ich selbstgeernteten Petersiliensamen streue. Ich schleppe ein Stück Gipskartonwand ins Zimmer des Siebenjährigen – er ist ja nicht da und kann nicht protestieren – und lege es zwischen das Fensterbrett und eine Stuhllehne. So entsteht am hellsten Ort der Wohnung mein Vorzucht-Garten. Schnell gesellen sich Töpfchen mit Samen von Sonnenblumen, Majoran, Basilikum und  Zitronenmelisse hinzu. Und drei Töpfchen mit Tomaten – „Goldene Sonne“, „Schlesische Himbeere“ und „Gelbe Johannisbeere“ – die ich über Frau Pingaga von Helena bekommen habe, die winzigen Samen sorgfältig beschriftet auf Zellstroff, insgesamt sechs Sorten waren im Tütchen, ich gebe dem liebsten Freund also auch gleich davon mit und werde ganz hibbelig vor lauter Vorfreude auf unsere Ernte.

Jetzt führt mein erster Weg am Morgen zu den Salattöpfen auf dem Balkon und mein letzter am Abend zu den Anzuchttöpfchen im Gipskarton-Frühbeet im Zimmer des Siebenjährigen. Nach drei Tagen ist immernoch nichts gekeimt – nur ein versprengter Ahorn-Samen. Ohhhhhch. Ich bin sehr, sehr ungeduldig.

Bastelfieber

Jetzt geht es bald los… Ich habe so viel Spaß am Tütchenbasteln, dass ich die ganze Zeit überlege, wofür man die noch verwenden könnte – bloß, damit ich noch ein paar mehr machen kann.
Und dass ich das ganze alte Packpapier nicht wegwerfer wollte, weil es so schön war, hat endlich auch mal seinen Sinn.

Tütchen

Das Balkongartentagebuch: Herbstprojekte

Wenn der Schulzeitwecker morgens um dreiviertel sechs klingelt, ist es jetzt schon noch dunkel, und durch die Balkontür kommt so kalte Luft, dass ich kaum noch Lust habe, als erstes rauszugehen und nachzusehen, wie der Tag wird und wie viele Windenblüten sich gerade öffnen. Auch Abends bleibt weniger Zeit, noch bei Licht auf den Balkon zu kommen.

Aber ich sehe zu, dass ich das hinkriege, denn ich bin dabei, Samen zu ernten. Frau Pingaga hat ein Samen-Kreiselei-Projekt initiiert, bei dem ich begeistert mitmache. Die Aussicht, dass die Samen meiner Winden und Ringelblumen, die ich selber aus den Thüringer Gärten meiner Familie nach Berlin gebracht habe, nicht jahrelang ein trauriges Dasein in einer Vorratstüte führen, sondern vielleicht schon im nächsten Jahr irgendwo anders wachsen und blühen werden, beflügelt mich. Und in meinem Kopf wächst und blüht die Wunschliste, welche Samen ich im Austausch besonders gerne bekommen würde. Tomaten mal selbst ziehen – auf dem sonnigen Fensterbrett im Zimmer des Sechsjährigen könnte das gelingen. Oder Paprika! Dill hätte ich gerne. Und Studentenblumen und diese herrliche gelbe Staude, die mein Vater immer Mädchenauge nannte und deren gekaufte Version auf meinem Balkon einfach keine Samen tragen will…

In meinem Schlafzimmer stehen inzwischen alle meine Kompottschälchen – unterschiedlich hoch gefüllt mit verschiedenen Körnern und Körnchen. Zur Zeit ist es besonders der Samen meiner doch noch in Blüte gegangenen Rucola-Pflanzen, um den ich mich kümmern muss. Regelmäßig schaue ich nach, ob an den wild durcheinanderliegenden Blütenstängeln wieder Schoten gelb geworden sind – denn warte ich zu lange, dann öffnen sich zu viele von alleine. Die paar, die ich übersehe, reichen schon und werden mir im nächsten Jahr wieder Rucolapflanzen in allen Beeten bescheren, in denen ich die Erde nicht ausgetauscht habe.

Nicht nur der Rucola, sondern auch anderen Kräuter sind in diesem Jahr so schön geworden, dass ich zum Abendessen meistens eine Hand voll Grün vom Balkon hole. Ansonsten gibt es nur noch wenig zu ernten. Dass die letzten Tomaten an der riesigen Staude im Beet des Zehnjährigen noch reif werden, kann ich nur hoffen. Die beiden Paprika, die noch draußen hängen, werden sicherlich nicht mehr orange – aber die lassen sich ja auch grün essen. Der große Topf mit den Kartoffeln steht noch in seiner Ecke, bisher ist das Kraut nicht ganz vertrocknet, also warten wir mit dem Ernten noch ein wenig.

Und dann ist da noch die lästige Metallwand, die meinen Balkon von dem der Nachbarn trennt und die Sonneneinstrahlung so stark reflektiert, dass die Rankepflanzen, mit denen ich sie Jahr um Jahr zu begrünen versuche, im Hochsommer immer verbrennen. Eine ganz dünne Sperrholzplatte möchte ich vor die Metellwand setzen – vielleicht gelingt das in diesem Herbst, endlich.

samenkreiselei2015