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Sommer im Mai

Die Sommertemperaturen lassen den Balkonfrühling im Zeitraffer ablaufen.

Die Sonnenblumen öffnen zerknitterte Blüten; Dahlie, Lilien und Cosmea setzen Knospen an; die Bienenweide entrollt ihre Knospenkugeln zu Blütenrispen und ich verliebe mich in ihre ersten, zartblauen Blüten mit den dekorativ herausragenden Staubblättern, an deren Ende winzige lilafarbene Pollenkügelchen sitzen.

Die Solitärbiene, die in diesem Jahr alleine für den Hinterhof mit Birke, Ahorn, Linde und sämtlichen Balkons zuständig zu sein scheint, ist schrecklich gestresst und mag nur kurz auf dem Schnittlauch und auf der mickrigen Sonnenblume Halt machen, bevor sie nervös weiterschwirrt. Dass sie überhaupt gekommen ist, ist so etwas wie ein Hoffnungsschimmer für mich (wenn allerdings die EU endlich Plastik-Ohrenstäbchen verbieten lässt, ist die Rettung der Welt schon beinahe gesichert… [Ironie aus]) – aber dann verirrt sich die unglückselige Biene durch die offene Balkontür in die Wohnung und muss vorsichtig aus dem Fenster im Zimmer des Dreizehnjährigen gejagt werden. Hah, ich habe eine gute Tat vollbracht, brüste ich mich vor den Kindern, aber die spielen und hören nicht zu.

Die Bienentränke auf dem Balkon – ein Untersetzer mit ein paar Steinen und frischem Wasser – haben unterdessen Hornissen und Spatzen für sich entdeckt. Ruhig und konzentriert kommen die Hornissen, selbst wenn ich auf der Holzbank sitze, landen auf dem Rand des Untersetzers und trinken durstig, bevor sie wieder aufbrechen, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die Spatzen dagegen wagen sich nur herbei, wenn ich im Haus bin, und sie tun gut daran, denn sie haben meine Sympathie verspielt: wie eine Horde hyperaktiver Kinder müssen sie pausenlos Unsinn machen, zupfen die Blätter der Melde ab, knipsen gedankenlos die Knospen vom Wandelröschen und die jungen Früchte von der Erdbeere, kacken auf die Sitzbank und schwirren ärgerlich zwitschernd davon, wenn sie eine Bewegung an der offenen Balkontür wahrnehmen.

Das Krähenkind unterdessen hüpft im lichten Ahorn von Ast zu Ast, schwankt noch etwas auf seinen langen Beinen, mit denen es ein wenig an den halbflüggen Dreizehnjährigen erinnert, streckt probehalber die Flügel aus und erhebt ein großes hungriges Geschrei, wenn seine Mutter mit Würmern im Schnabel geflogen kommt.

Wie die Krähenmutter bin auch ich am Wochenende mit dem Heranschaffen von Nahrung für mein großes Küken beschäftigt. Von der Nudelsauce, vom Bohnensalat, vom Geschnetzelten, vom Gemüse und vom Reis koche ich ein wenig mehr und stelle gut gefüllte Vorratsdosen in den Kühlschrank, damit das große Kind auch ohne Schulessen satt wird.

Zwischendurch muss der Verband an der gebrochenen Zehe des Dreizehnjährigen erneuert werden, die nun vielleicht für immer ein bisschen krummer und – wegen der Bruchstelle an der Wachstumsfuge – ein wenig kleiner als die anderen bleiben wird, aber wenigstens nicht mehr wehtut. Der Neunjährige unterdessen ist in der Schule auf ein spitzes Stück Baumwurzel gefallen und hat eine Naht und mehrere Klammerpflaster am Schienbein, von dem der Verband immer mal wieder abrutscht, so dass ich die Tüte mit Wundauflagen, Mullbinden, selbstklebenden Fixierbinden und Pflastern immer in Griffweite stehenlasse.

Als Ausgleich dafür, dass wir nicht Schwimmen gehen können, stehen Termine beim Durchgangsarzt und Kinderchirurgen auf dem Wochenplan, gefällig eingestreut zwischen den Klassenarbeiten, für die der Dreizehnjährige auf die Schnelle versucht, alle nicht gelernten englischen und französischen Vokabeln doch noch in seinem Kopf unterzubringen. Mama, hörst du mich mal ab?

Mit der Kaffeetasse in der Hand trete ich zwischendurch immer wieder für ein paar Minuten auf meinen Balkon. Die Solitärbiene hat sich zehn Minuten Zeit für meine Tomaten im Kalender notiert und ich danke ihr höflich. Ich zähle die Knospen des Wandelröschens nach, das inzwischen in einem Spatzenschutzkäfig aus Bambusstäben und Wollfäden steht; ich nicke den Schwebfliegen zu und erkläre der Winde mit einem dicken Wollfaden und einem Haarklämmerchen den Weg zum Eckpfosten.

Die Sonne macht urlaubssehnsüchtig. Wie viele Wochen noch? Sechs, acht?

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Dazwischen

Mittwochabend vor dem langen Wochenende. Die Koffer sind gepackt; Lebensmittel für drei Tage eingekauft. Ein Schokoladenkuchen kühlt in der Küche aus; die Kinder schlafen; ich weiß, in welchem Zug der liebste Freund zu uns stoßen wird – ein Haus ist gebucht und erwartet uns. Morgen.

Der Abend schenkt mir noch ein paar stille Balkonminuten. Obwohl der Regen aufgehört hat,  klatscht gelegentlich ein schwerer Tropfen von der Ablaufrinne des Balkons über mir – vielleicht kaputt, vielleicht verstopft – in meine Balkon-Wasserablaufrinne. Die erste Fledermaus macht sich auf die Jagd; ein Stern blinzelt mir durch eine Wolkenlücke zu und an der Hauswand zeichnet sich allmählich der Schatten des Balkongeländers ab, weil die vollmondrunde Lampe im Nachbarhof mit zunehmender Dämmerung zur hellsten Lichtquelle wird. Im Haus gegenüber schneidet ein Mann im roten T-Shirt in seiner Küche Brot.

Die zurückliegenden Tage dürfen langsam in den Hintergrund treten. Es waren gute Tage:

Ich weiß nun, wann Cosmo auf Italienisch sendet und wo ich die Sendungen nachhören kann. Ich habe – als mein Online-Französischkurs eine technische Störung hatte – den herrlichen Podcast „One Thing in a French Day“ entdeckt und freue mich bei beiden wie die reinste Schneekönigin, wenn ich hier und da ein Wort verstehe.

Ich habe meinen (hübsch frisch gewaschenen) Fuß und meinen ganzen klapprigen Knochenapparat einer Osteopathin hingehalten, die es geschafft hat, dass ich mich während ihrer Behandlung wunderbar entspannen konnte, obwohl sie ihre Hände beim Aufspüren von Blockaden und Verspannungen eigentlich überall hatte. In Bewegung kommen müsse ich (ach… weiß ich ja schon – wenn die gute Absicht bloß zählen würde…) und solle einmal am Tag die Beine senkrecht an der Wand nach oben strecken. (Wahrscheinlich hört es sich dabei sehr gut Podcasts.)

Die Frau, der ich übers Nachbarschaftsnetzwerk im Winter Blumensamen im Austausch gegen ein paar ungenutzte Bretter (die mal ein neues Bad-Regal für mich werden könnten) gegeben habe, hat mir Fotos von all dem geschickt, was jetzt in ihren Balkonkästen wächst. Eine kleine freundliche Geste, die meinen Tag schön gemacht hat. Ich bin auch nur ein ganz klein wenig in Sorge, weil sie geschrieben hat, dass sie die Blätter der Bienenweide gegessen hat („…weil die Pflanze so groß wurde“).

Der kleine Abendblues, der sich auf dem Balkon neben mir auf der Bank niedergelassen hat, hört sich all diese Dinge an und rutscht zur Seite, damit sich eine ziemlich füllige Dankbarkeit zwischen uns niederlassen kann. Es geht uns gut, hey!

Euch allen ein schönes, entspanntes Himmelfahrtswochenende!
Es werden noch Wetten angenommen, wie viele geschmückte Handwagen mit Bierkästen morgen mit uns im Bähnchen hinaus ins grüne Land reisen werden.

Sommerwarmer Freitag

Im Handumdrehen sind wieder fast zwei Wochen verstrichen. Mein scheußliches Voltarensalben-Unverträglichkeitsexzem am Knöchel ist beinahe verheilt, und ich kann endlich die schicke Aktiv-Bandage tragen, die ich dann doch irgendwann in einem Sanitätshaus erstehen konnte.

Am Morgen ist alles prima; am sommerlich warmen Nachmittag, wenn die S-Bahn voller unmutiger Feierabendberliner ist, ist mein Fuß auf einmal zwei Nummern zu groß für die sportlich-blaue Knöchelstütze; sie drückt vorn und hinten, deshalb bleibe ich unglücklich auf meinem schwer erkämpften Platz sitzen, als sich ein Mann mit freiem Oberkörper neben mir niederlässt; ich würde ihn seeeehr gern mit Blicken anziehen – oder aus der S-Bahn werfen zum Aussteigen bewegen – weil ich bittedanke selbst entscheiden möchte, wer halbnackt und verschwitzt neben mir sitzen darf.

Unter solchen Umständen ist das Nachhausekommen besonders schön. Ich ziehe die fußgerechten Wanderschuhe aus, die Socken und die nicht mehr ganz taufrische Bandage; dann stelle ich vorsichtig die Paprikapflanze auf den Balkon, die mir noch gefehlt hat, und die Walderdbeere, das Wandelröschen und die Studentenblume, die ich aus Versehen im Oh-lauter-wunderschöne-Pflanzen-Glücksrausch auch noch gekauft habe. Hach, wie schön!

Als alle Neuankömmlinge ein Plätzchen mit ausreichend Erde gefunden und Wasser bekommen haben, sitze ich mit einem Buch auf der Balkonbank und blinzele in die Sonne, die zwischen dem Schornstein des Nachbarhauses und dem Stamm der grünbeschleierten Birke ein paar letzte Strahlen in den Hinterhof schickt. Im rechten Nachbarhof schwatzen zwei Mütter am Sandkastenrand, während ihre Kinder auf dem Rasen Fange spielen; im linken Nachbarhof isst eine Familie zu Abend; oben im Baum wippt die Taube auf einem Ast und lässt es darauf ankommen, von der brütenden Rabenmutter erspät und verjagt zu werden. Gegenüber auf dem Flachdach, wo die Sonne noch richtig hinscheint, laufen ein paar Männer mit hippylike buschigen Haaren und buschigen Bärten hin und her, Becher und Handys in den Händen – unser Kiez verjüngt sich, denke ich, sowas gab es hier noch nie – und schaue ihnen interessiert beim Sonnenuntergangfotografieren zu.

Später, drinnen, ist es ein bisschen einsam. Auf meinem Laptop liegen die Präsentationen, die der Dreizehnjährige zu den Schulvorträgen gemacht hat, die er gestern und heute halten musste und die ich mir in den letzen Tagen immer wieder geduldig angehört habe; im Zimmer des Neunjährigen guckt mich der Kuschelhase traurig an, auf dem Boden liegt der Schlafanzug und aufgeschlagen im Bett das Michel-Buch von Astrid Lindgren, aus dem wir vorgelesen haben; in der Küche erinnert mich das Ligretto-Spiel daran, dass der liebste Freund, der Dreizehnjährige und ich gestern um diese Zeit kartenspielend am Tisch saßen.
Jetzt sind alle fort, und ich habe keine Lust, irgendetwas von all dem anzufangen, was ich machen wollte, wenn ich allein bin.

Es ist okay, sage ich mir, erschöpft zu sein und garnichts zu wollen.
Und vielleicht, tröste ich mich, gibt es nachher ein paar Sterne.

(Meine neue App kennt sie alle – auch den „kleinen Hund“, der abends über meinem Balkon wacht, und den „großen Löwen“, den wir über dem Waldhäuschen, zwischen den hohen Bergen, strahlen sahen – zwei Sternbilder, die ich noch nie gesehen hatte, und die zu meinen großen Frühlingsfreuden gehören…)

Frühlingsvermischtes

In den Osterferien hüpfen wir aus unserem Alltag und landen – zusammen mit der ganz großen Schwester und ihrer schönen Tochter und dem Freund der schönen Tochter – in der kleinen Waldhütte, die ganz versteckt an einem Berghang im Thüringer Schiefergebirge liegt, kaum zu sehen hinter einer dichten Fichtenhecke, über die aber trotzdem von morgens bis zum frühen Nachmittag die Sonne blinzelt. Wir füttern den Holzofen mit dicken Scheiten, bis die vom Winter auf 2 Grad ausgekühlte Hütte mollig warm wird; wir liegen in dicken Jacken in den Liegestühlen; wir schleppen Wasser in großen Eimern in die kleine Küche und kochen es zum Trinken ab; wir frühstücken morgens gemütlich, gehen im Nachmittagssonnenschein spazieren; der Dreizehnjährige steigt in Gummistiefeln in den Bach, der durchs Tal murmelt, und baut Dämme aus Schieferbrocken – der Neunjährige gibt ihm vom Ufer aus Anweisungen – und abends spielen wir lange gemeinsam Karten am großen Tisch.

Als wir zurückkommen, riechen wir von Kopf bis Fuß nach Holzfeuer und Waldhütte; alle Kleidungsstücke türmen sich im Flur und wollen gewaschen werden, und weil ich einmal dabei bin, bekommt auch die Allergiebettwäsche des Neunjährigen aus dem heimischen Bett ihren jährlichen Waschgang, werden die Matratzen mit Neemöl besprüht; und weil ich einmal dabei bin, bekommt der Wollteppich im Zimmer des Dreizehnjährigen seine vorbeugende Mottenkur und werden die Korkstückchen in den Kleiderschränken mit Arven-Öl betupft; die Fliesen im Bad rufen: „putz uns, putz uns, wir sind ganz verschmiert und bespritzt“; vom Bücherregal segeln Staubflusen auf meinen Kopf – es ist, kurz gesagt, noch so viel Frühjahrsputz fällig, dass er meine ganze Urlaubskraft verschlingt und ich am Montagmorgen bei schönstem Sonnenschein ohne jede Motivation zur Bahn in Richtung Büro schlurfe und dabei vor mich hinmurmele, was für eine gute Sache doch der „Haushaltstag“ gewesen ist, den es in der DDR für Arbeitnehmerinnen gelegentlich gab.

Mein schmerzender Fuß hat kleine Waldspaziergänge, in guten festen Schuhen und auf weich federndem Boden, ohne größere Beschwerden mitgemacht; aber Frühjahrsputz und Großstadtpflaster behagen ihm nicht, jetzt muss also doch ein Arzt einen Blick darauf werfen. Ich bekomme eine Salbe aufgestrichen und einen unangenehm scheuernden Verband; Tabletten, die die Entzündung aus dem Gelenk ziehen sollen und die Anweisung, mir im Sanitätshaus eine über dem Verband zu tragende Bandage aushändigen zu lassen. Nicht weit vom Orthopäden entfernt gibt es ein entsprechendes Geschäft; aber streng weist die Sanitätshausfrau mir die Tür, man trüge Bandagen grundsätzlich nie über Verbänden und nein, ich dürfe den Verband jetzt auch nicht in ihrem sauberen Reformhaus entfernen oder gar um Wasser zum Abwaschen der Salbe bitten, wie unhygienisch, auf gar keinen Fall, da hilft kein Flehen (…aber ich komme nie wieder in diese Gegend, ich wohne hier doch garnicht!). Am nächsten Morgen gehe ich, ohne Verband und voller Hoffnung, zum Orthopädieschuhmacher in meinem Kiez, der allerhand Bandagen in seinem Fenster ausgestellt hat – die fragliche verschriebene aber frühestens in zwei Wochen geliefert bekommen wird, wenn er sie jetzt bestellt. Geknickt humpele ich nach Hause, schalte meinen Homeoffice-Rechner ein, mache mir einen Schwedenkräuterumschlag auf den Fuß. Ich telefoniere mit der Service-Hotline einer größeren Sanitätshauskette und lasse mir bestätigen, dass es die im Internet verzeichnete Filiale – nur eine S-Bahn-Station entfernt – noch gibt; leider geht dort niemand ans Telefon, wahrscheinlich sind die Mitarbeiter alle beschäftigt. Also humpele ich am Nachmittag zur Bahn, fahre hin – und finde an der Tür einen handgeschriebenen Zettel vor, der erklärt, dass man aus betrieblichen Gründen am 11. und 12. April geschlossen habe. Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter.

Aber die Sonne wärmt, auf dem Balkon keimen die ersten Bienenblumen und schütteln Treibhauskräuter sich in der ungewohnt frischen Luft; die Tomatenpflänzchen strecken sich und wollen des Nachts noch ins Warme; eine prächtige Petunie voller lilafarbener Blüten mit dekorativen weißen Rändern, die der Dreizehnjährige in sein Kastenbeet gepflanzt hat, lässt sich von allen Seiten bewundern, nur die Sonnenblumenpflänzchen stimmen nicht in den Chor ein, sondern sammeln Kräfte, um bis zum Himmel zu wachsen.

Allen traurigen Radionachrichten zum Trotz: es ist Frühling!

 

 

Das Balkongartentagebuch: Ein paar Minuten

Weil ich krank bin und trotzdem ins Büro muss, erlaube ich es mir zu Hause, nicht in jeder Minute an Aufgaben und Pflichten zu denken. Ich lasse den Achtjährigen und den Zwölfjährigen allein zur Schule gehen und alleine nach Hause kommen – eigentlich geht das schon gut, auch wenn es noch keine Routine ist – und habe am Morgen ein paar Minuten zum Trödeln, wenn die Tür hinter ihnen zuklappt.
Und als gegen Abend meine Hustenanfälle vorbei sind und ich mich ausgeruht habe und der Achtjährige noch bei einem Freund spielt und der Zwölfjährige seine Schulaufgaben macht, räume ich nicht auf und fülle ich keine Waschmaschine, sondern setze mich auf die schon schattige Türschwelle zum Balkon.

Heute ist die erste Kornblumenblüte aufgeblüht. Blau, blau, wunderschönblau! Überall in der wiederverwendeten Erde hatten sich die Samen der Kornblumen vom letzten Jahr verteilt, in allen Kisten und Töpfen sind sie aufgegangen, haben sich zwischen den Pelargonien ans Licht geschoben, leisten der einsamen Goldwicke Gesellschaft, die im Kistenbeet des Zwölfjährigen als einzige von einer ganzen ausgesäten Reihe gewachsen ist, stehen im anderen Kistenbeet plötzlich zwischen den Baby-Lilien, deren winzige Zwiebelchen der Achtjährige gerettet und sorgfältig eingepflanzt hat. Sogar die kapriziöse Paprika hat in ihrem Topf an besonders sonniger Stelle eine bald blaublütige Gefährtin!

Die Rechtsaußen-Erbse im Kistenbeet des Achtjährigen hält sich mit einer grazilen Hand an der für sie vorgesehenen Stange, mit der anderen am Stil eines Kapuzinerkresseblattes aus dem Nachbartopf fest, der eigentlich einer Sonnenblume gehört. Den dicken Sonnenblumenstängel wiederum haben die Winden aus dem halbrunden Topf an der Balkontrennwand für sich entdeckt, die es am Wandspalier immer etwas zu dunkel und etwas zu langweilig finden.

Der Schnittlauchtopf vor mir sieht nicht mehr wirklich hübsch aus – schlecht frisiert und zerrauft ist er, die ersten Stängel werden ihm schon gelb. Aber auf einer Schnittlauchblüte schaukelt die für unseren Balkon zuständige Biene. Ganz ruhig sitzt sie, ganz ruhig sitze ich und schaue ihr zu. Sie ist klein und braun, mit etwas goldenem Pelz auf dem Kopf und etwas orangefarbigem Pelz am Hinterteil, und sie beschäftigt sich geduldig mit einer lila Blütenkugel nach der anderen. Nach einer Weile kommt sogar noch eine zweite Biene, und als beide fortgeflogen sind, sehe ich auf der Kornblume eine dritte. Das macht mich froh. Könnte ich bienisch, dann würde ich „Tränke“ auf ein Pappschild schreiben und es über den Topfuntersetzer mit dem Wasser und den Steinen drin hängen, den ich auf unseren Balkontisch gestellt habe. Und ich würde dazuschreiben: „Willkommen, ihr Bienen! Kommt wieder!“

An der Tür klingelt der Achtjährige, müde vom langen Nachmittag; der Zwölfjährige hat seine Aufgaben erledigt; gleich ist es an der Zeit, den Tisch zu decken, nach dem Tag zu fragen, ans Keyboardüben zu erinnern und Hilfe beim Tischabräumen einzufordern, Geschirr zu spülen, Abendlieder zu singen und die dünnen Sommerdecken zureckzuzuppeln. Abendroutinen.

Aber ein paar Minuten bleibe ich jetzt noch hier sitzen.

Das Balkongartentagebuch: Überwintern

Nach unserem Waldhäuschenurlaub habe ich meinen Balkon eine ganze, lange, kalte Woche lang kein einziges Mal betreten – aber der sonnige und noch dazu kinderfreie letzte Oktobersonntag ist perfekt, um nach dem Rechten zu schauen und die herbstliche Wüstenei ein bisschen ansehnlicher und winterfest zu machen.

Majoran und Schnittlauch kommen auf die Fensterbank, wo es mit etwas Glück frostfrei bleiben wird. Die Zitronenmelisse – an der mein Herz hängt, weil ich sie im Frühjahr selbst aus Samen gezogen habe – habe ich schon vor einiger Zeit ins Kistenbeet des Elfjährigen umgepflanzt, wo sie jetzt traurig die Blätter hängenlässt. Dringend müssen die Lilien auf mehrere Töpfe verteilt werden. Vorsichtig grabe ich rund um die Reste der Stängel und hole die Nester größerer und kleinerer leuchtend weißer Zwiebeln ans Licht. Zwei Töpfe reichen garnicht aus, um sie alle mit ausreichend Platz wieder einzupflanzen. Aber habe ich die Zwiebeln damals nicht einfach ohne Erde gekauft? Ein bisschen Recherche hilft, und die übrigen Lilienknollen dürfen nun erstmal im kühlen Zimmer antrocknen und dann ohne Topf überwintern, zusammen mit den Gladiolen und der Knolle der Dahlie, mit deren Überwinterung – beide vertragen keinen Frost – ich auch erst Erfahrungen sammeln muss, weil ich sie erst seit diesem Jahr habe. Die Gladiolenzwiebeln sehen alle fünf gut aus; die Dahlienknolle auch, sie ist übers Jahr im Kistenbeet des Siebenjährigen ganz erstaunlich gewachsen und hat jede Menge neue, dicke, pralle Anhängselknollen bekommen.

Stehenbleiben darf die Kapuzinerkresse, die noch blüht; die einzelne Ringelblume, die noch eine dicke Knospe hat; die Tomatenpflanzen mit den Mini-Früchten, von denen sogar in den letzten beiden, kalten, regnerischen Wochen noch einige orange und wohlschmeckend geworden sind.

Andere Pflanzen haben ihre Lebenszeit hinter sich. Der große Ringelblumentopf und die mehltaubestäubte Petersilie kommen weg; andere Rückschnitte – die trockenen Blütenstängel des Majorans und Basilikums, Bohnenblätter und Lilienstiele – schneide ich klein und verwende sie als Schutzabdeckung gegen Frost auf denjenigen Töpfen, die auf dem Balkon bleiben sollen.
Erde von gesunden Pflanzen sammle ich in einer dieser großen IKEA-Taschen, um sie wie schon in den letzten Jahren aufzuheben und im Frühjahr mit Humus angereichert weiterzuverwenden. Staunend bemerke ich, dass in einigen Töpfen und Kästen Regenwürmer überlebt haben, die im Frühjahr offenbar mit dem Wurmhumus in die Erde gelangt sind. Die Erde in diesen Töpfen ist ganz locker geblieben, das hat sicher auch den Pflanzen gutgetan. Ob die Würmer auch irgendwie über den Winter kommen werden? Sollte ich die Erde nochmal mit Kaffeesatz, Radieschenabschnitten und Pflanzenresten anreichern – oder werden sie sich von den Wurzeln ernähren, die in der alten Erde sowieso noch drin sind? Noch mehr Neuland.

Am Nachmittag habe ich es geschafft, trage eine – nur eine! – Tüte Abfälle zum Müll und einen Pelargonienkasten in den Keller, schiebe die Tasche mit der Erde und den hoffentlich glücklichen Regenwürmern unter die Bank, mache mir einen Kaffee und genieße die Wärme, bis die Sonne hinter dem Schornstein vom Haus gegenüber verschwindet. An meinem Balkonspalier trägt eine unerschrockene Winde noch eine letzte Knospe – noch EIN Sonnentag und sie blüht! – und zwei von meiner Balkonaktion sichtlich verwirrte Wespen summen um mich herum und prägen sich die neuen Standorte der verbliebenen Pflanzen ein. Das Krähennest in der Linde im Nachbarhof ist wieder gut zu erkennen, dann und wann schaut einer der großen grauen Vögel – die ich trotz ihres schlechten Rufes mag – im Hinterhofrevier mit den Schlafbäumen und den interessanten Mülltonnen und dem Sitzplatz auf dem Geländer am großen Schornstein nach dem Rechten. Der Wind zupft derweil geduldig an den goldenen Blättern des großen Ahorns, und ich sehe zu, wie sie – jedes zu seiner Zeit – zu Boden trudeln.

Hyldeblomst

Der Elfjährige kommt von seinem Vater zu mir und bringt einen Beutel mit schon etwas matten Hollunderblüten mit. Sirup, so hat ihm eine Frau auf dem Berliner Umsonst-Trödel-Markt erzählt, könne er daraus machen.
Du brauchst ein Rezept, sage ich, und denke laut: ob die Blüten noch gehen, wenn sie schon zwei Tage im Kühlschrank lagen? – Dann nicht, sagt mein leicht zu entmutigender Sohn.
Aber dann schaltet er doch den Rechner ein, und mit ein bisschen Hilfe findet er ein prima einfaches Rezept, bei dem man nur wenige Blüten braucht und die erst mal nur in Wasser ziehen lässt und alle anderen Zutaten morgen noch kaufen kann.
Und falls sie ihr Aroma schon verloren haben… Wir gehen einfach noch mal in den kleinen Park gleich um die Ecke. Und oh Wunder! Alles voller Hollunderbüsche.
Am Ende haben wir zwei Töpfe mit in Wasser eingelegten Dolden, süßer Duft zieht durch die Wohnung. Zum Abendbrot gibts den letzten Sirup aus dem Dänemark-Urlaub letzten Sommer. Bald haben wir selbstgemachten. Ich bin davon mindestens so begeistert wie mein Sohn.