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Vorfrühlingsgefühle

Der Vorfrühling kommt zögernd nach Berlin. Wir frieren am Morgen auf dem Weg zur Schule, aber hellblaue Krokusse leuchten auf den Rabatten. Mit dem liebsten Freund laufe ich am Wasser entlang und freue mich sogar am giftgrünen Bärlauch, dieser elenden Nasenplage – so gierig bin ich nach Grün, weil der Winter lang und düster war.

Im Zimmer des Achtjährigen entsteht auf einer Rigipsplatte – zwischen Fensterbrett und Stuhllehne – wieder ein Anzuchtgarten mit vielen Töpfchen. Fünf Sonnenblumen keimen schon, drei Tomatenpflänzchen, Sonnenhut und Majoran. Wenn ich morgens ein paar Minuten Zeit habe, sitze ich daneben im Sessel und schreibe in mein Morgenseitenbuch.

Die Tage sind vollgestopft, das ist ja nichts Neues. Zum Chirurgen mit dem Zwölfjährigen und zum Elternabend des Achtjährigen geht es; dann wieder mit dem Großen zur Probestunde in der Musikschule („Wir freuen uns“, schreibt mir die Musikschulverwaltung hinterher, „Ihnen mitteilen zu können, dass wir Ihre Sie/ Tochter / Sohn ab 1.05.2017 im Fach Schlagzeug fortführen / aufnehmen können“ – eine neue Ära beginnt da vielleicht, den Schlagzeuglehrer haben wir schon kennengelernt, er unterrichtet auch besser, als die Verwaltung schreibt) und zur Hortkostenstelle, mit der Unklarheiten bezüglich der Hortkosten geklärt werden müssen, die durch konsequentes Aneinander-vorbei-Kommunizieren von Schule und Amt nun schon ein halbes Jahr lang immer unklarer werden.

Wenn abends die Kinder im Bett sind, lege ich mir Kleidung für den nächsten Arbeitstag im Büro zurecht und gehe auch schlafen; ich bin müde und spüre nichts davon, dass ich – weil meine Kinder ja nun schon größer sind – wieder mehr Freiräume habe; oder vielleicht sind die Freiräume ja auch da, und nur die Kraft ist es nicht. Der Zwölfjährige verschiebt seinen Wechseltag zwischen seinem Papa und mir von Dienstag auf Mittwoch und verbringt nun jeweils zwei Tage ohne seinen Bruder bei jedem Elternteil. Leicht wären die Nachmittag mit ihm allein mit Arbeit für die Schule zu füllen, immer ist da viel zu tun und er ist langsam – aber ich verstehe inzwischen, dass wir – er auf seine Weise und ich auf meine – schon unter viel zu viel Druck stehen und versuche, uns beiden Freiräume zu schaffen, in denen wir durchatmen können.

Am Wochenende fährt der liebste Freund mit uns nach Leipzig in den Zoo, und der Achtjährige ist hingerissen, als sein Lieblingstierpfleger aus der Fernseh-Doku plötzlich vor ihm steht und er ihm ganz aus der Nähe beim Füttern der Löwen, Erdmännchen und Hyänen zusehen kann. Die Seelöwen aalen sich im Wasser wie ein besonders anschauliches Beispiel dafür, was es bedeutet, „ganz in seinem Element“ zu sein; und als die Durchsage kommt, dass alle Besucher nun allmählich zum Ausgang gehen sollen, haben wir die Totenkopfäffchen noch garnicht gesehen und den Kraken, die Husarenaffen und die weißen Wölfe –
Wir fahren im Abendlicht zurück nach Berlin.

Auch morgens ist es jetzt wieder hell, wenn mein Wecker klingelt und ich in die Küche gehe und die Radionachrichten höre, die fast jeden Morgen verstörend und beängstigend sind und Vesperdosen für meine Kinder vorbereite, die. würde man sie alle, seit Beginn der Kita-Zeit bis heute, übereinanderstapeln – so etwas rechnen wir dann am Frühstückstisch aus – inzwischen einen ungefähr 130 Meter hohen Turm bilden würden.

Wir gehen los – Richtung Schule, am Krokusfeld in der Rabatte vorbei; und manchmal gehen meine Söhne inzwischen ohne mich, mit einem Taschengeldeuro in der Hand und rechtzeitig für einen Abstecher in den Laden, der die Päkchen mit den Sammelkarten führt. Ich setze mich in die S-Bahn und schlage ein Buch auf. Kosmologie und Quantenmechanik faszinieren mich gerade (ein Paralelluniversum populärwissenschaftlicher Bücher tut sich vor mir auf -) und es macht nichts, dass ich beim Lesen nicht viel verstehe, denn zum Staunen reicht es.
Und wenn ich aufschaue, ist der Himmel vor dem S-Bahn-Fenster frühlingshell.

Weiterschreiben

Ich sitze auf meinem Balkon, der in diesem Jahr ein grüner Dschungel ist – mit Ringelblumen, die reichlich Samen ansetzen; Winden, die haufenweise sorgfältig gerollte Blütenknospen für morgen tragen; den blühenden Lilien und der Tomatenpflanze, die sich unter der Last ihrer Früchte schwer auf die Seitenlehne meiner Balkonbank stützt; mit windschiefen Sonnenblumen und einer unter einer wild ausgesamten blauen Winde beinahe erstickten Papkrikapflanze, die eine einzige kleine blässliche Frucht angesetzt hat.

Vor dem Balkon rauscht der Regen und bringt ein wenig Abkühlung nach einem weiteren heißen Tag. Ich sitze hier und denke über das Weiterschreiben nach.

Ich möchte meinen Blog nicht aufgeben.

Aber mein Lebensgefühl (ach, dieses schöne deutsche Gefühlswort – ) hat sich so sehr verändert, dass ich nach einer Form des Weiterschreibens suchen muss, die jetzt für mich passt.

Das ist schwierig.

Was geschieht da gerade?
Vieles verändert sich.

Das Weiterwachsen unseres Wechselmodells wird die Zeit verkürzen, die ich ohne Kinder verbringe. Die beiden sollen um einen Tag versetzt wechseln, um auch Aktivitäten zu ermöglichen, die mit beiden Jungs gemeinsam schwierig sind. Zusätzlich soll der Zehnjährige an einem Tag der Woche über seinen Aufenthalt selbst entscheiden können; er äußert seinen Willen, es ist nicht mehr einzusehen, ihm ohne Berücksichtigung seiner Interessen vorzuschreiben, wann er sich bei seinem Vater oder mir aufzuhalten hat.

Überhaupt wird der Zehnjährige selbständiger. Die ersten Wege außerhalb unseres Kiezes darf er seit diesem Frühjahr allein zurücklegen. Seit der Fahrradprüfung besteht er darauf, allein mit dem Rad zur Schule zu fahren – und ist, wenn hitzefrei angesagt ist oder sein Bruder zum Schwimmen geht, auch schon mal gerne allein zu Hause.

Für mich bedeutet letzteres Erleichterung, ersteres aber weniger als früher die Möglichkeit, mein „eigentliches“ Leben – das, was ich als „eigentlich“ empfinde – in die Zeit zu verlagern, in der meine Söhne bei ihrem Vater sind. Mein „wirkliches“ Leben ist mein Familienleben. So sollte es ja auch sein – oder nicht?

Ach, das große Berlin, voller Leben und Möglichkeiten und Verlockungen. In den letzten fünf Jahren hatte ich fast immer mehr Ideen und Pläne, als sich realisieren ließen. Weder zum Zen noch zum Flamenco bin ich je wirklich gegangen; habe keinen Schreibkurs besucht und bin keiner Wandergruppe beigetreten. Aber von all dem habe ich geträumt, habe mir eingebildet, ich könnte, ich könnte ja, eigentlich jederzeit, sobald dieser oder jener Punkt von der To-Do-Liste abgearbeitet wäre.

Aber seit längerer Zeit schon kommen mir all die wunderbaren Möglichkeiten unrealistisch und mein abenteuerlustiger Übermut weit, weit entfernt vor. Es ist, als ob das, was ich nach der Trennung vom Vater meiner Kinder an mir selbst – unabhängig von meiner Rolle als Mutter – wiederentdeckt habe, nun wieder von mir abfällt. Weil es einen enormen Kraftaufwand bedeutet, das Leben von zwei Grundschulkindern zu organisieren. Weil die Büroarbeit über ihre nett gedachte 80%-Begrenzung in die Abende und Wochenenden suppt. Weil es mir nicht mehr reicht, wichtige, nährende Beziehungen nur in dem Teil meines Lebens zu leben, in dem ich „kinderlos“ bin.

Weil ich so müde bin.

Mehrfach ist mir in den letzten Monaten der Begriff der „Rush-Hour des Lebens“ für diese Jahre begegnet, in denen alles auf einmal wichtig ist, Beruf und Kinder und, wenn möglich, auch noch die Verwirklichung diverser Träume, Reisen und Eigenheimprojekte.
In der neuesten Ausgabe von Publik Forum erzählt ein Artikel davon, dass es genau diese Überforderung mit verschiedensten Themen ist, die es in der „Lebensmitte“ so schwer macht, neue Freunde zu finden. Die meisten Menschen haben schlicht zu wenig Zeit, um den Kontakt zu neuen Menschen aufzubauen. Und da ist was dran. Für die Bekannten und Nachbarn, die uns in den letzten Jahren durch Umzüge „verlorengegangen“ sind, sind kaum neue nachgekommen. Keiner meiner Hausnachbarn nimmt meine Einladung an, als ich im Hinterhof mit Familie und guten Freunden (doch, die gibt es…) feiere und nicht nur mit einem Aushang im Treppenhaus einlade, sondern auch mehrere Familien im Haus direkt anspreche und zu Kuchen und Kaffee bitte. Alle sind zu beschäftigt.

Die Konsequenz ist, dass da manchmal tagelang kein anderer Erwachsener ist, mit dem ich außerhalb von Büro- und Kindergartenhallihallo rede. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich das leicht ändern würde.

All das macht mich in den letzten Monaten still, nachdenklich und zurückgezogen. Es gibt wenig zu schreiben über mein Leben; wenig kommt mir berichtenswert vor.

Alles wird erst einmal einfach genau so weitergehen, denke ich.
Aber auch: wer weiß, wozu diese Zeit gut ist. Und was – irgendwann – Neues kommen wird.

Weiterschreiben also. Vielleicht selten. Vielleicht in kurzer Notizform. Wahrscheinlich immer wieder von den selben Themen. Und davon, wie es weitergeht.

Blicke nach vorn und Blicke zurück

Weil die Festzeit durch die Kindegeburtstage bei uns immer bis Anfang Februar dauert, stellt sich hinterher immer nochmal ein verspätetes Jahresanfangsgefühl bei mir ein. Noch dazu beginnt der Countdown bis zur Umstellung unseres Wechselmodells: Ganze Wochen mit meinen Kindern! Und dazwischen Wochen, die sie bei ihrem Vater verbringen werden, in denen ich nur den Neunjährigen in den Sportverein und wieder nach Hause begleiten werde.

Mehr Tage am Stück ohne meine Kinder also, ein anderer Rhythmus des Familien- und Alleinlebens, Zeiten, die ich anders als bisher füllen könnte – mein Kopf jedenfalls füllt sich schon mal mit Ideen. Sooo lange nicht mehr Tango getanzt! Könnte ich irgendwo mehr über Zeichnen und Malen und Collagen lernen? Hab ich da nicht mal was über kleine dienstagmorgendliche Zen-Meditationen irgendwo in Berlin gelesen? Und wie ist das eigentlich mit meinem gelegentlichen Wunsch, mein Leben irgendwann wieder mit jemandem zu teilen, nicht nur die Kuchenstücken, nicht nur die kleinen Fluchten, sondern den Alltag, das Trockenbrot (au weia, beinahe aussichtslos, aber dazu vielleicht mehr in einem anderen Beitrag demnächst) –

Erst mal kommt die Post und bringt ein Büchlein, weitgereist, aus irgendeinem Übersee-Antiquariat. Gedichte von Bronwen Wallace, deren Geschichtensammlung „Wem Du Dein Leben anvertraust“ seit vielen Jahren zu den Büchern gehört, denen ein Platz in meinem wenn-du-nur-fünf-Bücher-mitnehmen-könntest-Koffer sicher wäre. Jetzt lese ich ihre Gedichte, die nie ins Deutsche übertragen worden sind, und fange enthusiastisch damit an, ein oder zwei davon zu übersetzen – enthusiastisch zumindest so lange, bis meine Besuchsfreundin mich vorsichtig darauf hinweist, dass sich das, was ich da produziert habe, äußerst holprig liest.

Na dann eben nicht. Dann kümmere ich mich eben erst mal um unsere Fotos aus den letzten 16 Monaten. Sichte, sortiere, wähle aus dem, was wir festgehalten haben, die Momente aus, an die wir uns irgendwann beim Betrachten unserer Alben erinnern werden: Das durch die Luft wirbelnde Kissen auf der Party zum fünften Geburtstag meines kleinen Sohnes, kurz bevor es seinen Vater trifft, im Hintergrund die triumphierenden Geburtstagsgäste auf dem Hochbett. Den kritischen Blick, mit dem mein großer Sohn im Waldhäuschen in der Pfanne mit den Pilzen rührt. Das atemlose Staunen meiner Kinder beim Runterschauen aus der Gondel einer Seilbahn, in der sie mit ihrem Vater im Sommer gefahren sind. Und die Grimassen, die sie zu dritt, abends, vor dem Spiegel ihrer Ferienwohnung geschnitten haben. Das Lachen der Mütter, mit denen ich einen heißen Sommertag auf einem Kurausflug nach Hiddensee verbracht habe. Unser Drachen, den ein plötzlicher Windstoß beiseite getrieben hatte, so dass nur noch sein Schwanz durch den blauen Ostseesommerhimmel auf dem Foto wirbelt. Das Gesicht des Inselmannes im Rückspiegel seines Autos, umgeben von gelben Rapsfeldern im Oderbruch, und die Tropfen, die aus den schaurigschwarzen Wolken gerade auf die Frontscheibe zu prasseln beginnen. Die bunten Abdrücke von Ostereiern im Schnee. Meine Kinder, wie sie mit ihren stolzen Großeltern einen Spaziergang machen, wenige Minuten, bevor der damals Vierjährige in den Bach fällt und unter einer Brücke hindurchgespült wird. Ein Holzbrett mit selbstgefüllten Ravioli, neben dem der damals Achtjährige stolz posiert. Meine Söhne und ich, strahlend und erwartungsvoll, unter dem Weihnachtsbaum von 2013 und unter dem von 2012.

Blicke nach vorn und Blicke zurück. Augenblicke, an die ich mich erinnere, und Augenblicke, die ich mir vorstelle.

Und dazwischen das Hierundjetzt, wo ich mich in Gedichte von weit her vertiefe, in denen sich Bronwen Wallace mit Momenten aus ihrer Erinnerung auseinandersetzt. Und wo die Vorfrühlingssonne auf die letzten Schneereste scheint und alles, was ich mir ausmale, für möglich erklärt.

Ein Tag nach dem andern

Wochenende ohne Kinder. Zwei halbe Tage brauche ich, um die allgegenwärtigen Tannen- und Fichten- und Kiefernnadeln einigermaßen wegzukriegen, die vertrockneten Adventssträuße wegzutun, die vielen Sterne einzupacken, die wir in der Küche über dem Tisch aufgehängt hatten. Abends im Dunklen schleiche ich mich nach draußen, vors Haus und fege die Nadeln weg, die unser Tannenbaum beim Sturz aus dem Fenster verloren hat – alle, die er noch hatte, ein ziemlicher Haufen.

Jetzt sieht man es auch in der Wohnung: Die Festzeit ist vorbei. Alltag.

Im Büro bekomme ich die Konsequenz meiner vorsichtigen Frage nach Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven präsentiert: Eine Mutterschaftsvertretung für eine Kollegin ist zu übernehmen. Dummerweise ist es diejenige, die sich gerade als Vertretung in meine Aufgaben einarbeiten sollte. Ich versuche, das auf mich zukommen zu lassen, erst einmal ist sie noch da und wir haben sowieso alle mehr als genug zu tun.

Auch die private To-Do-Liste wird nach dem Jahreswechsel wieder länger; der Sommerurlaub muss organisiert werden und der für den Herbst am besten gleich mit. Der neue Kalender füllt sich mit Terminen und Verabredungen. Die Geschenkebesorgerei hört sowieso nie auf, jeder Monat hat seine Anlässe. Auch der Schulbetrieb kommt wieder in Fahrt, der Achtjährige zieht die Mappe mit der Elternpost aus dem Ranzen, irgendwas ist immer drin.

Ergeben setze ich mich am Abend hin und fülle den Vertrag mit dem neuen Essensanbieter aus, unterschreibe Klassenarbeiten, beantrage ein Schließfach, stecke Geld für den runden Geburtstag der Kita-Leiterin in einen Umschlag.

Ergeben stelle ich den Wecker auf dreiviertel Sechs, schmiere Brote für die Kinder, gebe Abschiedsküsse, fahre ins Büro, stelle mich dem, was ansteht, die Einkaufsliste steckt schon in der Handtasche.

Noch fühle ich mich erstaunlich erholt vom Weihnachtsurlaub – und die Vitaminkur wirkt wohl auch noch. Noch kann ich abschalten, lasse mir am Abend ein heißes Bad ein, gehe durch den sonnigen Tiergarten spazieren, schmiede Pläne, lasse mir Karten für ein Konzert zurücklegen, auch wenn ich noch nicht weiß, mit wem ich es besuchen soll.

Ein Tag nach dem anderen. Jeder hat sein Tun, und jeder hat sein Schönes. Hoffentlich hält das an.

Rückblick

Was lässt sich über mein Jahr 2013 sagen? Garnicht so einfach, vor allem, weil ich inmitten meiner wilden ganz-engen und fröhlichen, anregenden auch-engen Familie darüber nachdenke, zwischen Bergen von Essen (Einige von uns, sagt meine ganz große Schwester, setzen Weihnachten den Schwerpunkt auf gutes Essen – was in einer von Theologen durchsetzen Familie kein wirkliches Lob ist…), Ausflügen mit meinen aufgekratzten Kindern, Spielerunden, Diskussionen über die optimale Schlafplätzeverteilung (wer-mit-wem aufs Sofa, wenn A schnarcht, B sich querlegt und C Bauchschmerzen hat), frohem abendlichen Plaudern und kleinen, ruhigen Momenten am Rande.

Aber immerhin, 2013: Zum ersten Mal auf einer Mutter-Kind-Kur gewesen und zum ersten Mal im Oderbruch. Auch zum ersten Mal: In der Notaufnahme am Herzüberwachungsgerät gehangen. Zum ersten Mal Kakerlakensalat gespielt. Durch den Botanischen Volkspark Pankow spaziert. Meinen Achtjährigen zum ersten Mal alleine S-Bahn fahren lassen, den Vierjährigen dazu gebracht, ein Stück Paprika zu kosten. Zum ersten Mal den Gedanken zugelassen, dass das Alleinleben – allein mit den Kindern – für mich vielleicht kein Übergangszustand ist, sondern dauern wird. Zum erstem Mal eine Mottenplage in der Küche gehabt. Und weggekriegt.

Was sich gut angefühlt hat: Beerensammeln im Wald. Bücher, in denen ich versunken bin. Wilde und sanfte Musik. Das Lachen meiner Kinder. Ihnen im Schlaf übers Haar zu streichen, ihre unbefangenen Fragen zu beantworten und dabei selber nachdenklich zu werden. Zeit mit Freunden, die froh und traurig und arbeitsam und faul und albern und wunderbar sein kann, weil ich weiß, dass wir miteinander sein können, wie wir sind. Die Nähe meiner Familie. Hilfe, wenn ich welche brauchte. Sonnige Tage. Ins Schneetreiben vor dem Bürofenster zu schauen. Vom Balkon aus dem Mond bei seinem Rundgang zuzusehen. Schreiben. Manchmal erst nach sieben Uhr von den Kinder geweckt zu werden.

Vieles wird in 2014 wohl einfach so weitergehen. Ein weiteres Schuljahr für meinen großen, ein weiteres Kita-Jahr für meinen kleinen Sohn, ein weiteres Jahr für mich mit Arbeit und Wechselmodell und Zeit, die ich alleine gestalten kann. Der Stress und die Müdigkeit und die vielen, vielen Momente, in denen das Leben ganz wunderbar ist.

Also her mit dem neuen Jahr!

Dass es ein gutes und frohes wird, das wünsche ich auch allen Leserinnen und Lesern hier. (Nee, sagt der Nachbar auf der Treppe entrüstet, am Silvesterabend muss man doch erst Mal einen „Guten Rutsch“ wünschen!)

Na gut: auch das, für alle, die sich heute abend noch hierher verirren.

Allergischer Glitzer-Schock

Eigentlich habe ich das mit der Adventszeit in diesem Jahr ganz gut hinbekommen. Diesmal nicht aus lauter Ehrgeiz noch eine und noch eine und noch eine Sorte Plätzchen gebacken. Sträuße mit Sternen aufgestellt, weil ich die liebe, aber den Herrnhuter Stern, der immer so kompliziert zusammenzubasteln ist, zur Abwechslung mal in seiner Schachtel gelassen. Keinen Weihnachtsmarktbesuch eingeplant, der muss sich spontan ergeben – oder auch nicht. Geschenke für Menschen zusammengepackt, denen eine Freude zu machen mir Spaß macht – und bei den übrigen auf Bescherungs-Perfektionismus verzichtet. Niemand kann etwas gegen Tee und Schokolade haben, oder? Die Wochenenden fein zu Hause verbracht, statt mich in Einkaufszentren über den Menschenandrang zu ärgern.

Aber um dem Vierjährigen einen lange gehegten Weihnachtswunsch zu erfüllen, muss ich dann doch noch mal los. Bin eh in der Nähe der Steglitzer Schloss-Straße unterwegs, wo sich eigentlich alles besorgen lässt, folge der Leuchtreklame eines Elektronikmarktes wie die Könige dem Stern und gerate…  ja – wo bin ich hier eigentlich? Was von außen – jedenfalls von der seitlichen Straßenecke aus – noch immer wie die schabbelige Außenfassade eines alten Kaufhauses aussah, hat sich innen zu einer – zu einer weiteren, fußläufig gibt es noch mindestens drei – Einkaufspassage gemausert. Ehe ich mich versehe, irre ich in der mehrstöckigen Anlage herum und verliere zusehends die Orientierung. Vorhänge aus Lichterketten, dicht an dicht verwoben, hängen über die Geländer, die verschiedene Lichthöfe auf allen Ebenen umgeben. Meterhohe Tropfen aus dem gleichen blinkenden Lichterkettengewebe, umgürtet mit fetten, glänzenden Kugeln, hängen über den Köpfen der Einkaufenden, die hin- und herhasten, ohne aufzublicken. Aus einem Lush-Shop quillt durchdringender Geruch nach Kosmetika, mir wird übel. Und ich habe noch nicht mal den Laden gefunden, in den ich möchte! Als ich dort endlich wieder herauskomme, scheinen die riesigen Lichterkugeltropfen über meinem Kopf bedrohlich zu schwanken. Schaufensterpuppen – noch nicht mal ihnen passen die nuttigen BHs richtig, die sie zur Schau stellen – starren gleichgültig ins Leere. Auf einer Art riesiger Nachbildung einer Gewürzmühle fährt ein Kuscheltier sinnlos im Kreis. Alles blinkt und glitzert, zu grell, zu laut, zu viel. – Wo ist der Ausgang?

Endlich draußen. Tief atmen. Auf dem nassen, schmutzigen Bürgersteig sitzt ein Bettler – nein, nicht nur einer: einer vor jedem Ausgang aus dem glitzernden Vorweihnachtsinferno – in professionell demütiger Pose. Wie ungerührt wir Einkäufer auf der Suche nach dem perfekten Geschenk an ihnen vorbeischauen, irgendeinen Bettelmafiabericht im Kopf, der es uns leicht macht, das Portemonnaie in der Tasche zu lassen!

Die Augen des Mannes da auf den schmutzigen Steinen im Regen sind ausdruckslos – oder ist es schlichte Verachtung, die in ihnen liegt? Für uns, die wir es uns leisten können, großartige Geschenke einzukaufen und gleichzeitig vom Überfluss unserer Konsumwelt angeekelt zu sein? – Zu Hause im Radio dann noch ein Bericht über den Wahnsinn der Vorweihnachtslogistik: vom Spritverbrauch über die satten Gewinne der Paketunternehmen bis hin zu dem von irgendeinem Subunternehmer eingestellten Boten, der für nur 50 Cent pro zugestellter Sendung die Treppe bis zu unserer Wohnungstür hochsprintet und dabei noch freundlich sein muss.

Ich habe immernoch diesen widerlichen Parfumgeruch in der Nase, mir ist immernoch schlecht. Das Gefühl, an alldem nicht wirklich etwas ändern zu können – nicht am sinnlosen Überfluss, nicht an der Armut direkt daneben, nicht durch Wegsehen, nicht mit dem einen oder anderen Verlegenheits-Euro und noch nicht mal mit dem guten Vorsatz „irgendwie weniger“ zu kaufen – macht mich fertig.

Ich möchte heute dringend die Welt retten. Und Glitzervorhänge verbieten.

Und trotzdem möchte ich mich nächste Woche mit meinen Kindern an einem geschmückten Weihnachtsbaum freuen, unter dem viele Geschenke liegen. Weihnachtliche Widersprüche.

Vom Alleinsein

Alles, was ich heute tun könnte – Weihnachtsgeschenke einkaufen, um das Heimkommen in meine leere Wohnung hinauszuzögern, später, zu Hause, ein Bad mit Granatapfelduft nehmen, mir Tee kochen, nur die Anrufbeantworter meiner Freundinnen erreichen, die Adventspost doch nicht erledigen, den Wäschekorb leeren, einen sinnlosen Krimi schauen, endlich dieses schon so lange im Herzen bewegte Schreibprojekt beginnen, mich verzückt in einem Buch einer mir bisher unbekannten Autorin verlieren, Termine in meinen Kalender schreiben, Mails beantworten, die verlassenen Zimmer meiner Kinder aufräumen – alles, was ich heute tun könnte, wäre etwas anderes, wenn ich mit mir allein wäre statt mit der Abwesenheit von Menschen, mit denen ich so schöne Zeit verbracht habe.

Da stehen sie noch, Weingläser, leer.

Wie dringend ich das brauche, gerade heute: Ein paar liebevolle Worte, einen kleinen Gruß. Damit ich mich daran erinnere, dass wir auch verbunden sind, wenn wir einander nicht sehen; dass wir auseinandergehen können, ohne uns zu verlieren.