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Im Advent (3)

Montagmorgen in der vollen S-Bahn. Anhalten, Aussteigen, Einsteigen, Weiterfahren… Nein, halt: einige Fahrgäste fangen plötzlich an, zur Tür zu drängen – wollen die noch aussteigen? Ein korpulenter Mann drückt die Nothaltetaste, eine Frau den Notruf. „Hier ist jemand umgefallen, nicht weiterfahren!“ – Ein paar Sitzreihen weiter gibt es Bewegung. Eine hochschwangere Frau rappelt sich auf, gestützt von einem jungen Mann. Langsam, behutsam hilft er ihr in Richtung Tür, die schließt sich zur Abfahrt – wieder und wieder drückt der korpulente Mann den Nothalteknopf – und öffnet sich dann wieder.

Eine andere Frau hat das Handy schon am Ohr und telefoniert nach einem Krankenwagen. Die Hochschwangere sinkt draußen auf eine Bank. Jemand ist zum Zugführer gegangen. „Achtung, Achtung“, tönt es aus den Lautsprechern, „wir haben hier einen Notfall. Ist medizinisches Personal in der Bahn?“. Man hört die Sirenen des näherkommenden Krankenwagens.

Nach einer Weile fährt die Bahn weiter.

Manchmal kommt es mir so vor, als ob in Berlin niemand auf den Menschen neben sich achtet.

Zum Glück stimmt das so nicht.

Signale aus Paralleluniversen

Diese Theorie mit den vielen, vielen Paralleluniversen finde ich absolut einleuchtend.

Wie nahe beieinander sie in Berlin liegen:

Am anderen Kanalufer, dort, wo gar kein Weg ist, die zwei Männer – vielleicht aus dem Flüchtlingsheim, das im Niemandsland hinter dem Aldi versteckt ist – die sich auf ein paar Betonplatten einen Platz in der Sonne gesucht haben.

Ein paar Schritte weiter der Polizist, der – vielleicht – in eben diesem Heim arbeitet, mit müdem Gesicht auf dem Heimweg.

Morgens die kroatische Putzfrau, die nach dem Ende ihrer Schicht in die Sonne blinzelt, die noch nicht aufgegangen war, als sie angefangen hat, Büros zu saugen.

Gleich daneben der Bauarbeiter, der sich – mit freiem Oberkörper und Piratentuch – am Bauzaun zu schaffen macht.

Der amerikanische Architekt, der in seiner neuern Berliner Zweitwohnung zu Cocktails einlädt.

Der dicke Mann in der S-Bahn, auf dessen T-Shirt der Spruch „Je länger ich lebe, desto mehr Menschen gibt es, die mich am A… lecken können“ zu lesen ist (warum in aller Welt läuft er so herum?).

Die jungen Studentinnen, übermütig in ihren flatternden Blusen und Jumpsuits und ultrakurzen Shorts.

Das Paar, das sich im Schutz der S-Bahn-Brücke leidenschaftlich küsst, ein Junge mit Basecap, ein Mädchen mit Kopftuch.

Menschen, die keine Berührungspunkte haben. In Welten leben, die sich nicht überschneiden, sich höchstens für einen flüchtigen Moment aneinander vorbeidrehen.

Oder doch:

Ein Auto hat – anscheinend – eine S-Bahn-Brücke gerammt und beschädigt, der Zugverkehr ist in der besten Nachmittagszeit unterbrochen. Eine überfüllte Bahn fährt – keiner weiß, wohin, die Ansagen an den verschiedenen Stationen sind widersprüchlich. Aber jeder Meter in die richtige Richtung zählt.

Und plötzlich reden wir miteinander:

Die verschwitzten polnischen Männer, die rüstige Dame mit dem Wandergepäck, der stämmige junge Mann, der so kräftig berlinert, die hübsche Studentin, die elegante Seniorin mit dem russischen Akzent, die Frau im Business-Kostüm und die mit dem kahlen Kopf und den großen Tätowierungen.

Wir schauen einander ratlos an, gefangen in der gleichen typischen Berliner Misere. Wir lachen miteinander über die vage formulierten Durchsagen und die obligatorische Bitte um unser Verständnis. Wir stückeln unsere Kenntnisse der Berliner Verkehrsverbindungen zusammen. „Nach Frankfurter Tor wollen sie? Wenn Sie hier vom Südkreuz nach Alex fahren, können sie da eine U-Bahn zum Frankfurter Tor nehmen.“ „Von Südkreuz kann man doch nicht nach Alex – ?“ „Doch, da gibts ne Regionalbahn. Oder ne S-Bahn.“ – „Wenn Se nach Norden wollen, könnSe auch die U8 nehmen, aber nicht von Hermannstraße, sondern erst von Hermannplatz, da könnSe einfach hinlaufen, wennSe n bisschen Zeit haben!“ „Laufen ist mir aber zu weit, das geht nicht bei der Hitze“ „Nach Hermannplatz können Sie von Neukölln aus aber auch die U7 nehmen“ – „Wenn die Störung bei der Sonnenallee ist, müsste Ihr Zug nach Schönefeld trotzdem fahren“ –

Als plötzlich durchgesagt wird, dass die S- Bahn-Brücke wieder freigegeben ist und die Bahn planmäßig weiterverkehren wird, seufzen wir erleichtert auf. Lächeln den Menschen auf der Sitzbank gegenüber noch einmal zu. Und dann sind wir einander plötzlich wieder fremd. Steigen aus, steigen um, kehren in unser eigenes kleines Universum zurück.

Jahresanfang, Teil I

So oft, wie ich im Moment im Wedding unterwegs bin, scheint das dann wohl doch der neue In-Bezirk von Berlin zu sein.

Eine Einladung ins „Schraders“ zum Jahresanfang. Eine behagliche Kneipe – oder ein Café oder ein Restaurant, das „Schraders“ widersetzt sich keiner dieser Bezeichnungen – in dem die unter der Decke baumelnden Teddybären und Weihnachtskugeln, die Elefantenbilder an den Wänden, die Porträts streng blickender Yogalehrer und der schwarze Stierkopf, die Harry-Potter-Bände und Eulen auf dem Fensterbrett, die Amor-Statuetten, die die Deckenlampen am ausgestreckten Arm halten und die Lichterkette mit den weiß leuchtenden Quallen – oder Lilien oder Pilzen – eine behagliche Symbiose eingegangen sind. Auf den Tischplatten –  runde, formgeprägte Messingtabletts – flackern Teelichte in roten Gläsern. Brotscheiben in Konservendosen und Wedges in Blumentöpfen werden serviert.

Ein Tisch für zwei ist gerade noch zu haben, hier ist es schon am frühen Abend voll. Wenn man mit dem richtigen Menschen da ist – einem, der genauso gern herumspinnt wie man selber – ist es auf einmal ganz klar, dass die Leute an den anderen Tischen alle vor dem Betreten des Gastraumes kleine Zettel mit Regieanweisungen gezogen haben. Die drei Freundinnen, die einen Geburtstag nachfeiern. Der von seinem Blind Date versetzte Nerd. Die beiden Frauen auf Mädelsabend (die haben Glück, es gehören viele bunte Drinks und behagliches Geplauder zur Rolle) und das Paar im Beziehungsstress. Das andere Paar (natürlich auf dem Sofa mit der Leopardenfellmusterdecke), das die Hände nicht voneinander lassen kann. Die junge englischsprachige Gruppe, die das neue internationale Flair des Wedding betonen soll. Die vier jungen Leute, die das Restaurant gern für ihre Doppelhochzeit buchen möchten und mit der jungen, tiefausgeschnittenen Bedienung verhandeln.

Auf der Damentoilette ein knallrotes Bild mit einem gelben Gummihandschuh draufgeklebt, das zu kunsttheoretischen und feministischen Betrachtungen einlädt. Auf dem Weg zu den Toiletten sucht ein Student per Aushang Interviewpartner für eine ethnologische Masterarbeit zum Thema „Umzüge“. Ich gerate stark in Versuchung, mich zu melden und eine wilde Geschichte zu erfinden, die die ethnologische Umzugsforschung auf Jahre in die falsche Richtung lenkt… aber die Papierstreifen mit der Telefonnummer sind schon alle abgerissen.

Muss noch betont werden, dass der Riesling gut schmeckt? Das Essen ist so lecker, dass man um jedes Korn Sommerweizen und jeden Bissen der französischen Würzwurst weinen möchte, die man beim besten Willen nicht mehr in sich reinstopfen kann.

Zwischen zwei Herzschlägen sind Stunden von den Armbanduhren verschwunden. Glückliche Stunden. Die ersten für das Honigglas, das ich am Neujahrstag auf meinen Küchentisch gestellt habe.

Fremdkiezen

Schon in der U-Bahn sitzt mir der Leibhaftige gegenüber. Oder jedenfalls: Älterer Mann mit roten Teufelshörnern am Barett, einen langen weißen Kittel mit roten Schlieren drauf hat er übergezogen, in einem rostfleckigen emaillierten Blecheimer trägt er eng zusammengerollte, mit bunten Bändchen umwickelte Traktätchen und eine Hand voll Kleingeld, das er zählt und wieder in den Eimer klappern lässt, unter seinen Arm geklemmt ein paar Tannenzweige. Eindrückliche Erscheinung. Nebendran die junge Rollstuhlfahrerin ist leuchtend verliebt in den lockigen Mann neben ihr auf der Bank, die beiden kichern über der Sonntagszeitung, Köpfe zärtlich zusammengesteckt. Vom Klappsitz an der Wagenrückwand her blickt die milchkaffeefarbige Schöne von ihrem rotbunten Strickzeug auf. Und dann kommen die U-Bahn-Musikanten und spielen zum Playback ihres tragbaren CD-Players eine so anrührende Klarinettenweise, dass wir alle einen Moment lang verzaubert sind und ihnen Münzen in den ausgestreckten Pappkaffeebecher werfen.

„Diorama“ in der Brunnenstraße – das bedeutet: Kunstmarkt mit Lounge-Musik und Workshops, Holzschnitt kann man da ausprobieren, Collagen gestalten oder eine Tasche zu nähen lernen. Berliner Künstler hoffen auf ein wenig Weihnachtsgeschäft; jede Menge gefällige Gebrauchskunst ist ausgestellt; dazwischen Seelenstücke, die das mit dem Konsumverzicht wieder mal nicht so einfach machen. Ganz kostenlos druckt der nette Siebdrucker eine üppige Krone – auf Wunsch mit dem Schriftzug „Wedding“ – auf mitgebrachte Shirts. Dass das spiegelverkehrt auf der Kleidung stehen muss, weil man dann ja morgens, wenn man irgendwo versackt ist und dann aufwacht und nicht weiß, wo man ist, im Spiegel die Schrift lesen und so einen ersten Anhaltspunkt bekommen kann, erklärt er gleich noch dazu. Wer könnte da widerstehen?

Die Originale der Bilder in dem großartigen Kalender, den ich mir kaufe, gibt es – garnicht so weit weg – im Tassenkuchen-Café, wo, entspannt und gemütlich, Studenten vor ihren Laptops sitzen und junge Frauen bei Milchkaffee über ihr neuestes Lieblingsmodelabel diskutieren – alle in dem beruhigenden Bewusstsein, dass Bio-Quiché und der Ingwer-Tee hier, weit weg vom Prenzlauer Berg, nichts mit Gentrifizierung zu tun haben können.

An der Seestraße, nur ein paar Gehminuten weiter, ist die Gentrifizierung jedenfalls noch nicht erkennbar angekommen. Zwischen den grellen Leuchtreklamen der Geschäfte das wilde Hupkonzert einer – arabischen? – Hochzeit. Schnell in den U-Bahnhof. Am Kiosk unten teilen sich türkische Zeitschriften einträchtig das Regal mit „Hapinezz“. „My name is Bond. James Bond.“ schreit immer wieder der Besoffene, der den Bahnsteig entlangschwankt. 

Jetzt will ich gerne wieder nach Hause.

Summer in the city

Sommerwetter und Sommerferien – noch dazu gleichzeitig! Das fühlt sich gut an.

Am Morgen ohne Stress aufstehen, weil der Weg zur Kita und zur Schule wegfällt. Ich pflücke auf dem Balkon eine Handvoll Rucola zum Frühstück. Die Kapuzinerkresse blüht, die Zuckererbsen haben durchsichtige Schoten bekommen, in denen man winzigen Erbschen beim Wachsen zusehen kann. Die Sonne hat noch ein paar Erdbeeren zum Reifen gebracht. Und die blaue Winde bereitet in aller Ruhe ihre erste Blüte vor.

In der S-Bahn gibt es in den Ferien immer Sitzplätze. Gegenüber von dem jungen Mann, der mit der einen Hand den Gipsabguss eines Gebisses festhält und in der anderen ein Zahnarztinstrument, mit dem er an den Gipszähnen herumkratzt. Oder neben der jungen Frau auf Highheels, geschminkt und gestyled, die unermüdlich eine Kette hellblauer Gebetsperlen mit Glitzersteinen durch ihre Finger gleiten lässt. Oder schräg gegenüber von der jungen zerzausten Frau in Schwarz, die mit Hilfe eines Karteikartensystems den chemischen Aufbau irgendwelcher Stoffe memoriert, indem sie komplizierte Molekülstrukturen schwungvoll aufs Papier zeichnet. Im Gang steht ein französisches Touristenpärchen, die Frau hat eine Tätowierung, die vom rechten Handgelenk aus den Arm hinauf und am linken Arm wieder herunterläuft, eine schmale Reihe miteinander verbundener Buchstaben. „The girl I once was“ beginnt das, was da steht, und ich denke den Rest der Fahrt darüber nach, wie der Text wohl weitergehen mag.

Im Büro Urlaubsatmosphäre. Leere Räume, wer da ist, trinkt Kaffee oder starrt unmotiviert auf seinen Bildschirm, die Jalousien sind gegen die Hitze heruntergelassen.

Und dann die lauen Abende. Zwischen den Häusern hält sich die Wärme. Von irgendeiner S-Bahn-Brücke aus ist in der Ferne der Fernsehturm zu sehen. Häuserfronten. Schienenstränge. Kräne. Der blassblaue Himmel. Es duftet nach Lindenblüten, und weil ich kein Auto habe, kann ich das genießen, ohne dabei an klebrige Beläge auf heißem Blech zu denken. Die Abendstunden sind so schön, dass es mich traurig macht, alleinzusein; ohne jemanden, zu dem ich: Sieh mal! sagen kann; ohne jemandem, mit dem ich meinen Sommerabend teilen kann; ohne jemanden, der mir dafür seinen schenkt.

Später stehe ich in der Dämmerung auf meinem Balkon, höre dem Rasensprenger im Nachbarhof bei seinen Runden über den Rasen zu und einem Vogel, der ein wenig eintönig dazu „Wiiie… Wiiie…. Wiiie“ singt.

Eigentlich ist es schade, wegen der absurd frühen Berliner Sommerferien immer schon Ende Juni zu verreisen.

Aber die S-Bahn macht es einem dann doch wieder ganz leicht. Nicht direkt das Wegfahren… aber das Wegwollen. Erst halte ich es ja für einen Scherz, den irgendjemand sich mit den von der Hitze erschöpften Fahrgästen erlaubt, als der Mann mit der scheppernden Stimme durch den Wagen näherkommt. Aber nein, es ist die bittere Wahrheit: Die S-Bahn hat einen armen Mitarbeiter abgestellt, der durch den Zug gehen und allen erzählen muss, dass es sechs Wochen lang – die gesamten Ferien über – Schienenersatzverkehr auf der Strecke geben wird, auf der ich täglich zur Arbeit fahre. Die Schienen müssen ausgetauscht werden, antwortet er stoisch auf die hysterischen Schimpftiraden, die er auslöst. Moment: war da nicht letztes Jahr schonmal mehrere Wochen lang Schienenersatzverkehr? Was wurde da eigentlich ausgetauscht – die Schwellen?

Da weiß ich doch gleich, womit ich die Zeit verbringen werde, die ich in der zweiten Ferienhälfte spare, wenn ich morgens und nachmittags nicht zur Kita gehen muss.

Öffentliche Grünanlagen (I)

Am ersten Mai habe ich meinen Kindern einen Wunsch erfüllt. Sie wollten endlich mal wieder zum Obenkran-Untenkran-Spielplatz. Der ist ziemlich nett gestaltet – mit einer riesigen Ritterburg und einer nicht immer kaputten Wasserspielanlage und lebensgroßen hölzernen Märchenfiguren und einer Hütte, von deren Dach aus man – wenn man sich auf eine der Tauben von Aschenbrödel setzt – an den einen von zwei kleinen Flaschenzügen herankommt, mit einer langen Kette, an der eine Schale hängt, die man voll Sand schippen und dann hochziehen kann. Das ist der Obenkran, den der Vierjährige liebt. Der Untenkran war leider nicht mehr da. Auch die Nestchenschaukel war dem Winter oder dem Vandalismus zum Opfer gefallen, schade. Dafür war der Tischkicker noch intakt, wegen dem der Achtjährige so gerne dort hingeht.

Bisher waren wir dort immer nur an Sonntagvormittagen, und nachdem wir am Nachmittag des ersten Mai eine Zeit lang dort gespielt hatten, wusste ich auch wieder, warum.

Der Spielplatz liegt in der Nähe einer dieser Siedlungen, die schon mal gern als „sozialer Brennpunkt“ bezeichnet werden. In jedem Fall ist er ziemlich multikulturell und exotisch. Anders als auf den Spielplätzen in unserem behüteten Kiez gibt es dort mehr Kinder als Erwachsene. Ganze Horden von Mädchen in Rosa mit langen, glänzenden Zöpfen oder wilden schwarzen Locken, viele mit einem kleinen Geschwisterkind an der Hand; kleine und mittelgroße und schon ziemlich große Jungs in Marken-Sportklamotten. Klischees, ja. Hier bestätigen sie sich, hier werden sie – manchmal nur Minuten später – gebrochen.

Im hinteren Teil der Ritterburganlagen hatte eine ganze Gruppe von Frauen mit bunten Kopftüchern ihr – ringsum mit Kinderwagen befestigtes – Lager aufgeschlagen und den Inhalt großer Picknickkörbe ausgepackt. Aber es war eine der Kopftuchmütter, die gemeinsam mit ihrem Sohn nach uns am Kicker spielte. Eine Frau unter einer Burka – einer echten, die nur einen kleinen Schlitz für die Augen freiließ – lief drei Schritte hinter einem Mann mit Vollbart her, dieser Sorte Vollbart, die einen unvermeidlich an den 11. September erinnert. Aber später, neben der Bank, schob sie ihren Bugaboo – wenn auch in schwarzen Handschuhen – mit genau derselben Bewegung hin und her, an die ich selbst mich aus Zeiten mit einem Baby so gut erinnern kann. Ein bulliger Typ mit einer riesigen Narbe auf der Glatze – eines der wenigen Spielplatzelternteile ohne erkennbaren Migrationshintergrund – lehnte mit finsterer Miene an der Tischtennisplatte. Aber dann saß er plötzlich neben einer Frau mit alternativer Kurzhaarfrisur und gehörte ganz offensichtlich zur Familie.  

Ja: Klischees! Ich selber passte auch in eins hinein, das wurde mir klar, als ich unser säuberlich namensbeschriftetes Sandspielzeug auspackte, das ein paar kleine arabischen Jungs, die keins hatten, ganz unwiderstehlich fanden. Als ich die Tupperdose mit den Weintrauben rausholte und meinen Jungs sicherheitshalber eine Jacke überzog, weil die Sonne verschwunden war. Als meine Söhne irgendwann heulend ankamen, weil ein größerer sie vom Obenkran vertrieben hatte. Und ich verkörperte nicht nur ein Klischee – ich war auch in der Minderheit, einer Minderheit, die – ein klein wenig bestürzend, aber nicht unverständlich – von den anderen Besuchern des Spielplatzes nicht automatisch wohlwollend betrachtet wurde. Die Blicke der Mütter um mich herum – die Blicke, die die Mütter mit den bunten Kopftüchern und mit den schönen dunklen Locken mir und meinen heulenden Jungs zuwarfen – die Blicke der Mütter, deren Söhne sich ohne viel Federlesens durchzusetzen vermochten: sie waren ein bisschen hämisch. Ein ganz kleines bisschen.

Montagmorgen in der S-Bahn

Morgens gegen acht ist die S-Bahn immer voll. Wenn ich nur einen Stehplatz kriege, mag ich mein eigenes Buch nicht aus der Tasche holen, stattdessen werde ich neugierig, was die anderen lesen. Ich würde mich gern als Teil eines Teams zur qualitativen Mediennutzungsforschung ausgeben und ganz genau aufschreiben, was die Leute lesen und was sie für Musik hören und was sie auf ihren kleinen mobilen Endgeräten (Endgeräten? Anscheinend heißt das wirklich so. Wessen Ende?) für Spiele spielen, aber das traue ich mich nicht. Stattdessen mache ich lange Augen.

Unauffällig tränkt eine junge Frau hinter der Handtasche auf ihrem Schoß ein Wattepad mit Nagellackentferner und bearbeitet ihre Hände damit. Eine andere beugt sich über eine Karte von Nicaragua, ihre Nachbarin liest einen Frauenroman, anscheinend. (Schon seltsam, dass man das Genre eines Buches meistens erraten kann, wenn man ein paar beliebige Zeilen gelesen hat – ) Ein älterer Herr löst ein Sudoku, winzig auf dem Bildschirm seines Smartfons. Neben ihm ist eine Studentin mit Unterlagen zum Thema „Richtiges Zitieren“ beschäftigt. (Eindeutige Ambitionen auf ein politisches Amt!) Ein Mann mit dichtem Bart ist in einen Text mit der Überschrift „Die wichtigste Priorität in meinem Leben“ vertieft.

Inzwischen ist die Frau ihm gegenüber mit dem Entfernen ihres Nagellacks fertig und hat sich ein paar kopierte Seiten mit Zeichnungen von enthäuteten Köpfen vorgenommen. Medizinstudium? Die Karte von Nicaragua ist in einem Reiseführer von Costa Rica. Zwei Thriller mit blutigen Covern in Sichtweite, eine Tageszeitung, eine zerlesene Zeitschrift. Ich erhasche einen Blick auf den Umschlag des Frauenromans, er ist von Charlotte Link.

Weil der Mann mit den Sudokus aussteigt, kann ich mich endlich hinsetzten. Schräg gegenüber ein Mann in Schwarz, eine viel zu dünne Jacke über dem Kapuzenpulli, auch er hört Musik, die ist bestimmt schön. Die Frau neben ihm trinkt mit einem Strohhalm Multivitaminsaft aus einem kleinen Tetrapak und sieht aus, als käme sie irgendwoher, wo es viel sonniger und wärmer ist als vor den S-Bahn-Fenstern.

Ich sitze mit großen Augen in der Bahn, Mediennutzungsforschung reicht mir eigentlich garnicht. Ich möchte viel mehr wissen. Wieso sie alle hier sind, gerade an diesem tristen Montagmorgen. Wohin sie unterwegs sind, woher sie kommen; die langen und banalen, traurigen und schönen, überraschenden und komplizierten Geschichten der Menschen neben mir.