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Klein und geheim

In diesem Dezember bin ich in Jahresendstimmung, aber nicht in Weihnachtsstimmung, trotz der Plätzchen, die ich vom Teller nasche, trotz der Zweige, die ich aufgestellt und mit Sternen behängt habe. Ohne die Kinder – die den größten Teil der Adventszeit bei ihrem Vater verbringen – gibt es irgendwie keinen Grund für weihnachtliche Gefühle. Außerdem haben die Vitaminspritzen die Erschöpfung vertrieben und mich unternehmungslustig gemacht, so dass ich in der kinderlosen Vorweihnachtswoche zwischen Arbeit und Unternehmungen mit Freunden gerade mal so zum Schlafen nach Hause komme.

Aber einen Weihnachtsmarkt würde ich ja doch gern besuchen, wenigstens einmal drüberbummeln, und am liebsten nicht über so einen kommerziellen, sondern einen kleinen, netten… Beim Stöbern in den Veranstaltungstipps für Berlin entdecke ich eine Umsonst-Seite, auf der ein kleiner Weihnachtsmarkt im alten Spreepark im Plänterwald – dem schon lange brachliegenden Vergnügungspark aus DDR-Zeiten, der zu einem geheimnisvollen, halb zugewucherten Gelände voller verrottender Fahrgeschäfte geworden ist – angekündigt wird. Also los.

Mit dem liebsten Freund steige ich an der angegebenen Haltestelle aus dem Bus. Kein Hinweisschild, nirgends. Unbeleuchtet – kaputt und nutztlos stehen die alten DDR-Straßenlampen im Gebüsch – führt der Weg zum Spreepark in den Wald. Haben wir uns getäuscht? Öffnet der Markt doch erst am Samstag? Gibt es ihn überhaupt? Niemand außer uns stapft durch den Matsch, den der Berliner Winterdauerregen zwischen den kahlen Bäumen hinterlassen hat. Das Tor, durch das man ehemals zum Café Mythos – einer anderen, sommerlichen Teilnutzung des Geländes – kam, ist verschlossen. Im Dämmerlicht erkennen wir gerade noch einen Pfeil mit der Aufschrift „Weihnachtswelt“. Hundert Meter weiter tatsächlich ein Eingang, daneben sogar ein Pförtnerhäuschen. Wir nehmen noch keinen Eintritt, sagt großzügig der Mann, der darin sitzt, und telefoniert weiter. In der Ferne ein paar Lichter, auf die wir zulaufen; auf den Betonplatten des Weges stehen riesige Pfützen. Vor uns ragt das Riesenrad auf, an dem man den Plänterwald von weitem erkennt. Geisterhaft dreht es sich im Wind – oder funktioniert die alte Stromversorgung etwa noch, ist das Rad in Betrieb? Schon lange darf man in den jahrelang Wetter und Wind ausgesetzten Gondeln nicht mehr fahren.

Dann sind wir da. Ein paar alte Spreepark-Bauten, die eine dörfliche Kulisse darstellen sollen; davor ein kleiner Platz, um den vier oder fünf Weihnachtsmarktbuden aufgebaut sind; hinter den Buden das Riesenrad. Statt eines Weihnachtsbaumes gibt es einen birnen- oder vielleicht auch tannenförmigen Bau aus Regenschirmen, der von innen beleuchtet ist. Aus einer Bude mit einem herzförmigen roten Tor spielt Konservenmusik. Auf den schlammigen Wegen kann man ein Stückchen übers Gelände laufen, dahin, wo zwei alte, lebensgroße Dinosaurierfiguren umgestürzt im Gras liegen. Beiden fehlt der Kopf, in der Halsöffnung des einen blinzelt eine Lampe rot und lila, schaurig. Ein großes Kuppelzelt, weiß wie ein riesenhafter Iglu, ist innen mit Sonnen, Sternen und Außerirdischen bemalt; eine Holzkonstruktion, auf die vielleicht Filme projiziert werden könnten, wird weiß angestrichen. Nebenan ein kleines Zirkuszelt, mit Lichterketten geschmückt, in dem ein paar junge Frauen uns fröhlich ihre Kekse und den Spekulatius anpreisen, den sie verkaufen und der – täuschend echt – wie Schinken aussieht. Sofas stehen ringsherum an den Zeltwänden, in der Mitte könnten Kinder malen und basteln, aber es gibt keine Kinder, der liebste Freund und ich sind die einzigen Besucher, alle anderen hier sind damit beschäftigt, den Markt aufzubauen und vorzubereiten. Ein Sprayer lässt auf einer alten Mauer einen Teddybären entstehen, der verdrießlich inmitten von Tannenzweigen sitzt.

Es gibt eine still vor sich hinpustende Hüpfburg; einen Stand mit Met und Zwergensuppe (die ich lieber nicht kosten mag), einen mit Absinth und einen mit Prospekten über den Spreepark und Spreepark-Merchandise-Artikeln und mitten in der alten Dorfkulisse sogar einen kleinen Glühweinverkauf. Wir balancieren unsere Tassen – so klebrig, als hätten schon hunderte Besucher sie benutzt, was schwer vorstellbar ist – zum Zirkuszelt zurück, weil das der einzige warme, trockene Ort ist, und machen es uns auf einem der Sofas gemütlich. Eine Frau schlüpft in ein Schneemannkostüm und stößt mit den Spekulatiusmädchen an – vielleicht waren sie es, die auch unsere Glühweintassen klebrig gemacht haben. Mit der Zeit stecken ein oder zwei andere Besucher kurz ihre Köpfe ins Zelt, aber niemand kommt herein. Als wir hinausgehen, Plätzchen und Spekulatius im Gepäck, weil der kleine Verkaufsstand sonst ganz umsonst aufgebaut worden wäre, ist es draußen vollständig dunkel geworden. Die Lampe im Hals des kopflosen Dinos lässt das Gras lila schimmern. Das Riesenrad – stellen wir mit Ah und Oh fest – wird von unten angestrahlt. Rot und Lila, Gelb und Grün leuchten die Streben, die weit hinauf zu den Gondeln führen, und die Unterseiten der Gondeln, die sich noch immer sacht und stetig vorbeidrehen.

Auf die Häuserkulisse werden Lichtinstallationen geworfen: Engel und Sterne und Fledermäuse. Auf dem kleinen Platz zwischen den vier oder fünf Buden stehen jetzt zwei alte Schwanenboote. zwischen denen sich ein paar Besucher – oder Mitarbeiter – an einer Feuertonne wärmen. „Schenk mir Schokolade, schenk mir Eis am Stiel – das wird mir nicht zu viel – denn mein Gabentisch ist an Weihnachten sehr stabil“ singen die Prinzen aus dem Büdchen mit dem großen herzförmigen Eingang. Wir stellen uns an die Feuertonne, betrachten das leuchtende Riesenrad und die Engel an den Fassaden des kleinen Pseudodörfchens und den Regenschirmweihnachtsbaum und sehen den Funken zu, die wie kleine, nur halb gewagte Wünsche ein Stückchen – aber nur ein Stückchen – Richtung Himmel aufstieben.

Ganz klar: wir sind an einem verzauberten Ort, wir haben den geheimsten Geheimtipp von allen gefunden.

Oh, ich wünsche den mutigen Betreibern des kleinen Marktes, dass ihre Idee sich herumspricht, dass die Besucher kommen und die Zwergensuppe und den Absinth und die Tassen mit den Aufdrucken verrotteter Fahrgeschäfte und die Broschüren über den Spreepark kaufen und im Weihnachtszirkuszelt basteln und Schinkenspekulatius auf ihre heimischen Gabentische legen… Weil ich sie so sympathisch finde, die Männer und Frauen, die hier etwas ausprobieren und auf die Beine zu stellen versuchen und ausharren, während es schon wieder tröpfelt und die Wege schlammiger und schlammiger werden und denen die nasse Kälte schon lange unter die Winterjacken gekrochen sein muss.

Aber werden sie kommen, die Besucherscharen? Als wir zurückgehen, ist es so dunkel, dass wir die Pfützen auf dem Weg garnicht mehr erkennen können. Die Pförtnerbude, in der anscheinend noch immer kein Eintritt verlangt wird, ist unbeleuchtet. Und der Weg zurück – aus dem Wald, in die Wirklichkeit – auch. Wir tapsen durch den Morast, und als wir die Straße erreicht haben, ist nichts mehr zu erkennen oder auch nur zu ahnen vom kleinsten und geheimsten Weihnachtsmarkt Berlins. Vielleicht ist von Ferne zu sehen, dass das Riesenrad im Plänterwald bunt leuchtet. Aber wer wird deshalb hierherfinden?

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Mittagspause in Wilmersdorf

Wegen meiner kaputten Schuhe verbringe ich die Mittagspause heute in Wilmersdorf.

Hier ist die Welt irgendwie noch heile.

Die nette alte Dame lächelt mich freundlich an, als ich nach dem Weg zum Schuhmacher frage, und natürlich kennt sie den Weg auch.

Der Schuhmachermeister – graubärtig wie aus dem Märchenbuch – erklärt sich bereit, mir meine Lieblingsstiefelchen zu reparieren, noch dazu für die Hälfte dessen, was der Schuhmacher in meinem Kiez mir augenrollend als absoluten Mindestpreis genannt hat.

In den Kleingärten leuchten die Blumen.

Auf der anderen Seite der Kleingartenanlagen liegt der Rüdesheimer Platz. Hier setze ich mich mit einem Brötchen auf eine Bank.

Vor mir der üppig blühende Platz, der sicherlich von allen Plätzen Berlins am häufigsten und herrlichsten bepflanzt wird. Ein Grüppchen rüstige Damen hat seine Rollwägelchen geparkt, Klapphocker und Malutensilien herausgeholt und macht sich unter Anleitung einer jungen Frau an die künstlerische Würdigung der Blumenpracht.

Rechts führen Stufen zum erhöhten vorderen Teil des Platzes, auf dem der Betreiber des „Weinfestes“ seine Tische und Bänke abwischt. Eine Brunnenanlage trennt den oberen und unteren Teil des Platzes voneinander, überragt von einem Helden aus Stein, der ein feuriges Ross zügelt, blank und frisch in der Sonne nach seiner Generalüberholung hinter den Planen eines Baugerüstes, das Gesicht den malenden Damen im unteren, den nackten Po den Weinfestbesuchern im oberen Teil des Parks zugewandt. Leichtbekleidete steinerne Weibsbilder schauen ihn vom rechten und linken Rand der Brunnenanlage bewundernd an.

Die Parkspatzen drängeln nicht nach meinen Brötchenkrümeln (wahrscheinlich würden sie auch „Brosamen“ dazu sagen), sondern warten im Hintergrund, bis ich von meiner Bank aufgestanden und weitergegangen bin.

Die Kinderstimmen vom Spielplatz am entfernteren Ende des Platzes verschmelzen harmonisch mit dem Plätschern des Springbrunnens. Prächtige gelbgetünchte Altbauten umstehen den Platz; vorn an der Ecke der Bioladen, gegenüber das Reformhaus; Apotheke, Hörgerätetechniker und Optiker, Wäscherei und Bäcker, alles da; feine Pralinen und edle Schuhe gibt es zu kaufen, neben einem der herrschaftlichen Treppenaufgänge hat ein Psychoanalytiker sein Schild angebracht.

Wilmersdorfs schönes Herz – hier schlägt es…

Und obwohl das alles jetzt beinahe spöttisch klang: Ich fühle mich wohl.

Ans gefrorene Meer

Der Tag beginnt großartig – ich kann mir die Haare wieder kämmen. Der Arm wird besser. Über Berlin zieht der heißeste Tag von allen herauf, und bevor er die Stadt in einen unerträglichen Glutofen verwandelt, mache ich mich auf den Weg zur Oberbaumbrücke, auf der die 12. Open Air Gallery stattfindet.

Die Straße ist gesperrt, auf beiden Seiten hämmern Künstler – etablierte Künstler und Hobbymaler, solche mit viel Straßenkunstmarkterfahrung und solche, die das hier gerade zum ersten Mal machen – die letzten Nägel in die Balken der kleinen Marktstände, in denen sie heute ihre Kunst präsentieren können. Bilder werden aus Autos und von Trolleys geladen, aufgehängt, geradegerückt, vorne angelehnt, gefällig angekippt auf Tischen drapiert.

Hier herumzuschlendern und Bilder anzuschauen macht Spaß.

Aber besonders spannend ist, dass ich den liebsten Freund, der heute hier ausstellt, für ein paar Minuten in seinem Marktstand vertreten darf. Auf einmal kann ich – nach dem Affen-im-Zoo-Prinzip – den Kunstguckern beim Kunstgucken zusehen. Wie sie von mir auf die Bilder schauen – und zurück. Die Münder verziehen. Erst garnicht näher rankommen, weil sie meinen neugierigen Blick bemerken. Nur die alte Dame mit dem weißen Spitzenschirm grüßt mich freundlich. Die anderen drücken sich stumm am Stand vorbei.

Was sehen sie alle? Sehen sie mich anders, wenn ich neben den Bildern vom liebsten Freund stehe? Sehen sie die Bilder anders, wenn ich neben ihnen stehe und nicht er? Wieviel hat Kunstrezeption mit der Person des Künslers zu tun? Was würden die Bilder da gegenüber mir sagen, der rötlich gerakelte Wald z.B., wenn nicht ein älterer Herr (der im Ruhestand, sofort habe ich diese Geschichte im Kopf, sein Hobby nun endlich auslebt) davorstehen würde, sondern ein junges Mädchen im kurzen Kleid? Würden die Afrikacollagen mit Gesichtern und Elefanten mir besser gefallen, wenn das Pärchen davor in mir nicht die Vorstellung von zwei begeisterten Safari-Touristen wecken würde? Würde ich erraten, dass das Monster mit den vielen, vielen geleerten Trinkbechern und die Zeichnung vom Himmel, der voller Pizzen hängt, von einer jungen Frau gemalt wurden – oder nicht?

Denke weiter, denke über mein Kunstverständnis nach. Viele Bilder hier sind schön. Und schön mag ich. Aber wenn das Schöne sich im Dekorativen erschöpft – acht Bilder in beige mit roten Gnuppeln und einem oder zwei elegant gewundenen Blumenstängeln sehe ich an einem Stand, und da wird sogar was verkauft – dann reicht das nicht. Arztpraxis-Vorzimmerkunst. Was ist es, das Kunst „groß“ macht und (aber das muss nicht dasselbe sein) mich berührt? Wenn in den Bildern beim Malen oder Zeichnen ein Stückchen Seele hängengeblieben ist?

Mein Kunstverständnis stammt aus der Literatur, merke ich beim Nachdenken. Große Fragen, sagt Scarlett Thomas, sollen Romane und Erzählungen stellen (und nicht etwa beantworten). Und mein alter, bärtiger Literaturprofessor – der unseren mit Sachwissen vollgestopften Studentenköpfen die Liebe zur Literatur nahebringen wollte, in seinem letzten Hochschul-Semester – zitierte immer wieder Kafka: Die Axt an das gefrorene Meer in uns – das sei Literatur.

Bilder können das auch, finde ich. Beides. Und trotzdem sind sie anders als Bücher:

Sie können mir erzählen, wie der Künstler die Welt sieht. Den rötlichen Wald. Das innere seiner Seele. Einen Blumenstängel. Die Farben Schwarz und Rot. Ich-zeig-dir-was-was-du-nicht-siehst – es ist der ganz eigene, andere, besondere Blick des Künstlers – auf die Welt, in sich hinein, irgendwohin – der Bilder zu Kunst macht. Oder?

Auf dem Eis

Die erste Prominente, deren Namen ich kannte, war wahrscheinlich Katharina Witt, ein Mädchen damals, das wunderbar auf dem Eis tanzte. Ich erinnere mich, ich muss noch im Vorschulalter gewesen sein: meine Mutter, die mitten am Vormittag (Wo gibt’s denn sowas? Bei uns war Fernsehen ansonsten streng auf Sonntagnachmittag und Sandmännchen beschränkt – ) eine Olympiaübertragung einschaltet. Eiskunstlauf! Von da an schaute ich Eiskunstlaufmeisterschaften an, wann immer ich konnte, sah atemlos den großartigen Sprüngen der Eistänzerinnen in ihren glitzernden Kleidern zu. Meine erste Vorstellung von der Begrenztheit des Lebens bekam ich, als mir klar wurde, dass ich so wie die Witt nie würde Schlittschuhlaufen können.

Ich lernte es überhaupt erst sehr viel später, auf den Berliner Eisbahnen, mit dem Vater meiner Kinder, lief zaghafte Runden, zu vorsichtig, um viel zu stürzen – ich wusste schon, dass ich nicht fliegen kann.

In diesem Winter kommen mir die Eisbahnen nach langer Zeit wieder in den Sinn. Mit den beiden Paten des Neunjährigen und meinen Kindern drängen wir uns im Neuköllner Eisstadion an die Theke, an der die Schlittschuhe verliehen werden. Ich verteile meine ganzen Vorräte an dicken Socken und stopfe die Füße des Fünfjährigen in die klitzekleinen Schlittschuhe. Für ihn ist es eine Premiere, für den Neunjährigen der zweite Versuch, der war im letzten Jahr schon mal auf dem Eis unterwegs, in Thüringen, wo sie für motorisch unsichere Kinder wir ihn Pinguine hatten, schwere Figuren auf Gleitflächen und mit Griffen, Rollatoren fürs Eis. Die Bahn hier ist noch nicht auf diesem neuesten Stand der Technik, wozu auch, alle außer meinen Kindern können schon fahren, Kleinkinder, die elegante Kurven um uns herumfahren, größere, die sich lachend übers Eis jagen und gegenseitig zu beeindrucken versuchen, Erwachsene, die uns Anfängern geschickt und milde lächelnd ausweichen.

Da laufen wir, langsam, ganz nah am Rand, der Fünfjährige hängt schwer an meinen beiden Händen, die Mütze rutscht ihm über die Augen, schnell an die Bande, bevor meine Arme zu lahm werden, um ihn festzuhalten. Dann eine Runde mit dem Neunjährigen. Wie erklärt man nur, was man beim Eislaufen tun muss? Vorbeugen, den Po wie eine Ente hinten rausstrecken, weise ich ihn an, damit ihm die Füße nicht mehr gar zu oft nach vorn davonfahren. Und dann muss man die Kufen irgendwie seitlich verkeilen, so dass man sich abstoßen kann. Oder lieber erstmal üben, im Stehen ein Bein vom Eis zu heben? Mir fehlt hier eindeutig die pädagogische Qualifikation. Ich überlasse meine Kinder meinen geduldigen Freunden und fahre selber ein bisschen. Elegantes Anhalten müsste ich vielleicht mal lernen, ich lasse mich lachend gegen die Bande prallen.

Nebendran, auf der anderen Eisfläche, gibt es viel zu sehen. Erst trainieren ein paar Eishockeyspieler in ihren von Schulterschützern riesig aufgeblähten Trikots. Später ist die Bahn voller kleiner Mädchen in Glitzerleggins oder hautfarbigen Strumpfhosen und rosa Beinwärmern, die kleine Hüpfer üben oder – schon ganz gekonnt – um sich selbst herumwirbeln. Im Schutznetz an der Seite der Bahn hängen paarweise bunte Kufenschoner, solche, wie die Paare in Sotschi sie auch anziehen, wenn sie glücklich oder enttäuscht von der Fläche kommen und wir ihnen vom Sessel aus gebannt zuschauen, der Neunjährige gespannt auf die Punktzahl wartet, der Fünfjährige uns nochmal über die Nationalität des Läufer aufklärt – „Chinesen! Aus Spanien!“ – und ich mir die Gesichter anschaue, traurig oder strahlend, je nachdem, was ein Paar erwartet und erhofft hat und was ihnen gelungen ist – oder nicht.

Eiskunstlauf bringt mich immer noch ins Träumen, ein kleines bisschen.

Über der Neuköllner Bahn dämmert es. Aus den Lautsprechern scheppert die Musikauswahl eines anscheinend betrunkenen DJs, schmalzige Liebesschlager und Bum-Bum-Rhythmen im Wechsel. Wenn man die Kurve in der Nähe der anderen Eisfläche fährt, mischen sich auch noch die Tanzklänge der Eiskunstlaufmädchen dazu. Das Abendlicht ist wunderschön, die Luft ist mild. Als wir von der Bahn müssen, kommen die Eisautos – was für eine Attraktion für meine Kinder! Wir rätseln ein bisschen, wie das wohl geht – werden die losen Eisstückchen aufgesaugt? Wird eine Art Schnee auf die Bahn geschüttet und festgewalzt? – und einer der Eisbahnangestellten erklärt uns, wie es wirklich funktioniert, dass die oberste, zerfahrene Eisschicht abgehobelt und dann neues Wasser draufgesprüht wird. Jetzt sehen wir die vielen kleinen Wasserstrahlen auch, und die breite glänzende Spur, die das Auto hinterlässt.

Nach den viel zu engen Schlittschuhen fühlen die Lederstiefel sich weich und leicht an. Herrlich. Trotzdem möchte ich nochmal – am liebsten noch viele Male, am liebsten schon morgen – herkommen, bevor die Saison endet. Unbedingt.

Jahresanfang, Teil I

So oft, wie ich im Moment im Wedding unterwegs bin, scheint das dann wohl doch der neue In-Bezirk von Berlin zu sein.

Eine Einladung ins „Schraders“ zum Jahresanfang. Eine behagliche Kneipe – oder ein Café oder ein Restaurant, das „Schraders“ widersetzt sich keiner dieser Bezeichnungen – in dem die unter der Decke baumelnden Teddybären und Weihnachtskugeln, die Elefantenbilder an den Wänden, die Porträts streng blickender Yogalehrer und der schwarze Stierkopf, die Harry-Potter-Bände und Eulen auf dem Fensterbrett, die Amor-Statuetten, die die Deckenlampen am ausgestreckten Arm halten und die Lichterkette mit den weiß leuchtenden Quallen – oder Lilien oder Pilzen – eine behagliche Symbiose eingegangen sind. Auf den Tischplatten –  runde, formgeprägte Messingtabletts – flackern Teelichte in roten Gläsern. Brotscheiben in Konservendosen und Wedges in Blumentöpfen werden serviert.

Ein Tisch für zwei ist gerade noch zu haben, hier ist es schon am frühen Abend voll. Wenn man mit dem richtigen Menschen da ist – einem, der genauso gern herumspinnt wie man selber – ist es auf einmal ganz klar, dass die Leute an den anderen Tischen alle vor dem Betreten des Gastraumes kleine Zettel mit Regieanweisungen gezogen haben. Die drei Freundinnen, die einen Geburtstag nachfeiern. Der von seinem Blind Date versetzte Nerd. Die beiden Frauen auf Mädelsabend (die haben Glück, es gehören viele bunte Drinks und behagliches Geplauder zur Rolle) und das Paar im Beziehungsstress. Das andere Paar (natürlich auf dem Sofa mit der Leopardenfellmusterdecke), das die Hände nicht voneinander lassen kann. Die junge englischsprachige Gruppe, die das neue internationale Flair des Wedding betonen soll. Die vier jungen Leute, die das Restaurant gern für ihre Doppelhochzeit buchen möchten und mit der jungen, tiefausgeschnittenen Bedienung verhandeln.

Auf der Damentoilette ein knallrotes Bild mit einem gelben Gummihandschuh draufgeklebt, das zu kunsttheoretischen und feministischen Betrachtungen einlädt. Auf dem Weg zu den Toiletten sucht ein Student per Aushang Interviewpartner für eine ethnologische Masterarbeit zum Thema „Umzüge“. Ich gerate stark in Versuchung, mich zu melden und eine wilde Geschichte zu erfinden, die die ethnologische Umzugsforschung auf Jahre in die falsche Richtung lenkt… aber die Papierstreifen mit der Telefonnummer sind schon alle abgerissen.

Muss noch betont werden, dass der Riesling gut schmeckt? Das Essen ist so lecker, dass man um jedes Korn Sommerweizen und jeden Bissen der französischen Würzwurst weinen möchte, die man beim besten Willen nicht mehr in sich reinstopfen kann.

Zwischen zwei Herzschlägen sind Stunden von den Armbanduhren verschwunden. Glückliche Stunden. Die ersten für das Honigglas, das ich am Neujahrstag auf meinen Küchentisch gestellt habe.

Allein reisen

Ich reise gerne allein.

Berlin-Südkreuz ist mein Abfahrtsbahnhof, grauer Beton, rote Fahrkartenautomaten, gelbe Abfahrtspläne. Mein Lieblingsbüchergrabbeltisch. Ich komme nie weniger als 15 Minuten zu früh am Bahnhof an, nie ohne etwas Platz in der Tasche. Auch heute verdoppelt sich die Zahl der Bücher, die ich dabeihabe, quasi im Vorbeigehen.

Der Lecrobag-Verkäufer spricht mit einem sehr überzeugenden französischen Akzent und erklärt mir, dass die Ficelle „Fisell“ ausgesprochen wird und dass dieses Wort „Schnur“ bedeutet. Dazu noch ein Kaffee.

Die Wagenreihenfolge, die hier fast nie dem Plan entspricht (panisches Am-Zug-Entlangflitzen mit zwei Kindern und zahlreichen Gepäckstücken gehört zum Reisen in Familie ebenso dazu wie verschlossene Zugtoiletten), ist mir heute egal, mein Zug ist pünktlich, und er ist halbleer. Wie schön ist das – meine Beine ausstrecken zu können, tief durchzuatmen, ohne den Geruch verschwitzter Mitreisender in die Nase zu bekommen, meine Gedanken laufen zu lassen.

Lauschen: Das Zischen, mit dem eine Wasserflasche geöffnet wird. Die Knistergeräusche, mit denen er – rechts vor mir – im Sportteil einer Boulevardzeitung und sie – neben ihm – in der „Psychologie heute“ blättert. Das Resonanzbrummen irgendwelcher Zugbauteile. Das Klicken, mit dem der Junge auf der anderen Seite des Ganges ein Handyfoto von den Feldern macht, an denen wir vorbeifahren. Stimmengemurmel. Ein tiefer Seufzer rechts hinter mir über einem Kreuzworträtsel.

Schauen: Erstaunlich grün sind die Felder, ist das Wintergetreide? Mannshohe Kiefern und Birken auf alten Gleisanlagen. Fabrikruinen. Spuren eines Landes, das es nicht mehr gibt. Eine Wolkenherde wird – erstaunlich tief – von der Sonne über die Felder getrieben. Werden sie landen und auf den Wiesen weiden? Windparks, in denen mein Ökoherz viel zu viele Räder stillstehen sieht. Stromsterne nannte mein Achtjähriger die Turbinen, als er kleiner war.

Ich lege meine Wange an den warmen Kaffeebecher, freue mich auf „Leichtfertige Essays“ von Anne Fadiman, die ich schon für ihre wunderbare Einleitung liebe. Ich möchte den ganzen Tag nichts anderes tun als hier zu sitzen – lesen, schauen, lauschen, denken – in meinem Kopf ebensoweite Strecken zurücklegen wie der Zug, in dem ich sitze. Allein. Herrlich!

Der große Sommer

Sechsunddreißig Grad im Schatten. Saharaklima in Berlin.

Morgens als erstes Blumengießen. Die Paprikas gedeihen prächtig. Sollte ich es nächstes Jahr mit Pfirsichen probieren? Oliven? Kiwis? Die Busse im morgendlichen Schienenersatzverkehr sind auf „eisige Januarnacht“ klimatisiert. Ich kann es in meinen halbgefrorenen Knochen förmlich spüren, wie sich die Klimaerwärmung noch ein bisschen beschleunigt. Im Büro Hitze und Lethargie. Der altersschwache Ventilator schwankt mit bedenklichem Ächzen von rechts nach links und wieder zurück und versetzt die Blätter auf unseren Schreibtischen in matte Bewegung.

Auf dem Heimweg denke ich an meine Söhne, die mit ihrem Vater verreist sind. Ich hoffe, dass sie es schön haben. Ich hoffe, dass sie einen Bogen um Brücken, Bäche, Flüsse, steile Berge, Abhänge, gefährliche Straßen, Zecken, wilde Tiere, Wespen, verderbliche Lebensmittel, Sonneneinstrahlung und tiefes Wasser machen und… äh… natürlich jede Menge Spaß haben.

Für die Tage, in denen sie nicht da sind, habe ich die allerallerbesten Vorsätze: Was will ich nicht alles aufräumen, putzen, ausmisten, sortieren und in Ordnung bringen! Ganz oben auf der Liste stehen die Schulsachen für den Achtjährigen. Mit der Materialliste für die dritte Klasse in der Hand und einem entschlossenen Seufzen nähere ich mich der riesigen blauen IKEA-Tüte voller loser Blätter, zerfetzter Ordner, alter Schulbücher, neuer Schulbücher, zu klein gewordener Sportsachen, eingematzter Malkästen und halbzerdrückter Bastelarbeiten, die der Vater meiner Kinder mir noch hingestellt hat. (Das willst Du doch sowieso gerne unter Kontrolle haben!? Sprachs und verreiste.)

Just in diesem Moment klingelt das Telefon. Zwei Nachbarinnen. Wir fahren jetzt zum Badeschiff! Kommst Du mit?

Gute Vorsätze werden eindeutig überbewertet.

Eine halbe Stunde später mache ich vorsichtige – um niemandem meinen Fuß ins Gesicht zu schlagen und niemandem mit meinen Fingern ein Auge auszustechen und um nicht vom Kopf eines aus der Tiefe auftauchenden Schwimmers in den Bauch gerammt zu werden – Schwimmzüge durch blitzblaues, chlorduftendes Wasser. Was für eine geniale Idee, ein Schwimmbecken in die Spree zu hängen, genau hier! Links die Skyline mit dem Fernsehturm, der Warschauer Brücke und den unvermeidlichen Baukränen. Rechts die Molecule Men, auch im Abendlicht unverändert in ihrer unlösbaren Dreierkonstellation verrannt. Gegenüber die blitzenden Bauten des Mediaspree-Geländes. Um uns herum hockt Generation Easyjet cool am Beckenrand und ergänzt die abendliche Berlin-Stimmung um polyglottes Stimmengemurmel. Die Liegestühle auf den hölzernen Platformen über dem Wasser und im Sand am Ufer sind voll besetzt, die Bar macht Umsätze, Konzertbesucher versammeln sich. Die letzten Sonnenstrahlen lassen das Wasser glitzen.

Und mittendrin wir: Drei ausgelassene Mütter auf Freigang.

Sommer in Berlin ist wunderbar.