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Sonntag, 5. Juni

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? – Das fragt Frau Brüllen heute wieder und sammelt sehr viele sehr schöne Beiträge auf ihrer Seite. Schon wieder der 5. also! Der letzte Monat ging schnell um, kein Wunder bei all den Feiertagen.
Und so ein Tag war heute:

Obwohl es gestern später geworden ist, ist der Elfjährige um halb sechs wach. Aber leise. Halb sieben kommt der Siebenjährige dazu, von da an höre ich die beiden im Zimmer des Elfjährigen schwatzen. Ich kann mich nochmal umdrehen und weiterdösen. Von Hof ist die Amsel zu hören und ein Schwarm lärmender Spatzen.

Halb acht stehe ich auf und sage der Frühschichtbiene auf dem Balkon guten Morgen. Dann Sonntagsfrühstück vorbereiten, mit einem gekochten Ei für jeden, wir machen das noch immer so, wie früher. Aus irgendeinem Grund fangen wir am Frühstückstisch an, Wörter auf -eis zu reimen, davon gibt es erstaunlich viele und es wird eine richtige kleine Reisegeschichte (leider natürlich nur im Kreis…) daraus.
Meine Söhne haben feierlich versprochen, am Sonntagmorgen ihre Schulranzen durchzusehen und müssen das jetzt einlösen. Ich nehme mir derweil den Topf vor, in dem wir am Freitagabend nochmal Holunderblüten in Wasser versenkt haben. Es duftet herrlich. Ich setze die zwei Tüten Gelierzucker entsprechende Menge Saft auf den Herd und koche Gelee. Das restliche Holunderwasser wird nochmal zu Sirup verarbeitet. Weil vor drei Tagen der Elfjährige den Sirup kochen und abfüllen durfte, ist heute der Siebenjährige dran, dem allerdings nach dem Einrühren des Zuckers der Arm sooo wehtut, dass er bis zum Abfüllen Pause machen muss.

Ein garstiger Abwasch hat sich während all dem angesammelt und muss schnell erledigt werden. Hinterher ist der Tag schon halb um, deshalb bleibe ich gleich in der Küche und mache Quicheteig. Der kommt in den Kühlschrank, dann habe ich Zeit, um mit dem Siebenjährigen Keyboard und Lesen zu üben.
Danach hilft der Elfjährige mir, den Quicheteig mit Birnen und Gorgonzola zu belegen. Eierschmand drüber – und ab in den Ofen.

Und dann… gehe ich endlich ins Bad.

Um Viertel nach Zwölf sind wir alle angezogen und essen, und dann ist es auch schon Zeit, aufzubrechen, denn wir haben noch Sonntagspläne. Wir verlassen das Haus bei strahlendem Sonnenschein; aber als ich an der ersten Ecke meine Sonnenbrille aufgesetzt habe, ist der Himmel plötzlich voller grauer Wolken und es tröpfelt, der Regen beginnt zu strömen, Donner rollt. Statt zum Eisessen ins Café kommt die befreundete Mitmutter mit ihrem Töchterchen gleich an die S-Bahn; der Elfjährige flitzt nochmal nach Hause und holt Regenschirme. Mit drei total überdrehten Kindern und vier Regenschirmen fahren wir nach Kreuzberg zum Colulmbia-Theater, wo ein Liedermacherkonzert für Kinder stattfindet. Das Columbia-Theater kennen weder die Mitmutter noch ich, aber es ist leicht zu finden und wir sind begeistert von dem kleinen Garten, in dem die Kinder noch eine halbe Stunde abwechselnd Fange spielen und um Mini-Muffins und kalte Getränke von der Bar betteln können. Die Luft im Saal ist stickig, die Stimmung angespannt. Es gibt Gedrängel um die Sitzplätze auf den Stufen; der Siebenjährige ist schon völlig fertig, ehe der erste Ton von der Bühne gekommen ist. Aber dann geht es endlich los. Nachdem alle, die die Hitze nicht aushalten, den Saal verlassen haben und alle Türen weit geöffnet worden sind, wird es ein richtig gutes Konzert mit sieben verschiedenen Liedermachern, die Lieder für Kinder und Erwachsene singen. Den Elfjährigen bekomme ich kaum zu Gesicht, er steht weit vorne und rockt und passt ein bisschen auf die Schulkameradin des Siebenjährigen auf, während der manchmal vorne mittanzt und manchmal (ich verspreche meinem Beckenboden alles, was er hören will, sieben Stunden Training täglich, gleich ab morgen, ganz bestimmt – ) von meiner Schulter aus über die Köpfe der Erwachsenen vor uns zur Bühne guckt und begeistert seinen Kuschelhasen in die Luft wirft.

Irgendwann gehe ich mit den Kleinen raus, während der Elfjährige und die Mitmutter noch die schönen Abschlusslieder mitbekommen. Irgendwann ist das Konzert zu Ende und wir gehen nach Hause, und irgendwann kurz vor der U-Bahn fällt es uns ein, dass unsere Schirme noch in der Garderobe neben dem Konzertsaal liegen. Die Mitmutter läuft zurück, ich lenke unterdessen die drei Kinder, die sehr laut und sehr textsicher die im Konzert aufgeschnappte Zeile – „Immer! muss ich! alles! sollen!“ – singen, vom sehr lauten Singen ab, in dem ich eine Suche nach Glücksklee in der Rabatte anrege. Dann fahren wir wirklich nach Hause.

Der Siebenjährige und der Elfjährige sind so verschwitzt, dass sie sich ohne Murren in die Badewanne begeben; ich stelle den Rest von der Quiche und ein paar Streichkäsebrote auf den Tisch; dann bringe ich den Siebenjährigen ins Bett. Schon wieder hat sich ein unerfreulicher Abwasch angesammelt. Ich spüle, nehme Wäsche ab, habe noch ein Weilchen Zeit für den Elfjährigen. Als der Große auch schläft, gieße ich die Kästen und Kisten und Töpfe auf dem Balkon und setze mich mit dem Laptop auf die Bank zwischen den Blumen.

Abendstille.

 

Nur noch bis zum Fluss

Freitagabend. Schwer zu entscheiden, ob nun schon wieder eine Woche vorbei ist oder ob die Woche nun endlich zu Ende ist. Beides.

Nach dem herrlichen, erholsamen, stillen letzten Wochenende ganz für mich allein kamen die Kinder aus der bei ihrem Vater verbrachten Ferienwoche zurück, in der das Fahrrad des Elfjährigen gestohlen wurde, sein Füller, sein Handy, seine Essenskarte verlorengegangen sind, keine fehlenden Stifte nachgekauft, keine Essen bestellt und keine losen Blätter in Ordner eingeheftet wurden. Wie wütend mich diese Dienstage machen, an denen dann alles nachgearbeitet, wiederbeschafft, in Ordnung gebracht werden muss, der Elfjährige nicht rechtzeitig ins Bett kommt.

Die Kollegen wenigstens werden einer nach dem anderen wieder gesund, das ist gut.

In den Vorgärten beginnt es zu blühen, ein erster mutiger Baum hat schon dicke Blätterknospen, vielleicht weniger wegen der Sonnenstunden als wegen der Frühlingssehnsucht, die mich und alle erfasst hat. Aber um auf dem Balkon zu sitzen oder zu werkeln ist es noch zu kalt.

Erschöpft und zögernd habe ich am Mittwoch die Konzertkarten vorgekramt, die ich vor längerer Zeit besorgt habe, die Kinder wie vereinbart – aber ohne viel Enthusiasmus – über Nacht zu ihrem Vater geschickt. Und dann wurde es eins der schönsten Konzerte, die ich jemals besucht habe, das Abschlusskonzert der aktuellen „Keine Gefahr“-Tournee von Dota Kehr – ich bin schon lange nicht mehr aus einem sooo guten Grund im Büro müde gewesen.
Dotas Lieder sind musikalisch schön. Sie sind klug und politisch und poetisch und lustig…

Deshalb bin ich außerordentlich zufrieden, dass ich meinen Fastenvorsatz, bis Ostern keine Dinge zu kaufen, die nicht absolut notwendig sind, erst nach dem Erwerb der CD mit all den Liedern vom Konzert gefasst habe. Und so sitzen wir abends zusammen und hören unsere Lieblingslieder von Dota, die Kinder fallen ein, wenn sie singt, dass sie „die Blumen weggeworfen und die Katze verschenkt“ hat, und ich weine ein bisschen bei meinem Lieblingslied „Floß“, weil es das schönste Schlaflied für müde Mütter ist, das ich mir vorstellen kann:

„Morpheus, komm und nimm mich mit.
Ich trag Stiefel aus Granit
und ich spür ihre Last,
mühsam wird jeder Schritt.

Ich geh noch bis zum Fluss, doch ich mag
nicht mehr weiter, es reicht für den Tag.
Hier mach ich Rast. Bitte komm! Bitte trag
mich auf Dein Floß!

Wir können weiter flussabwärts
unser Glück neu probieren.
Mach die Leinen los!
Weiter flussabwärts liegt die Welt
wieder offen und groß. (…)“

 

 

 

Gesehen, gelesen, gehört… im Februar

Der Februar beginnt mit Kunst: Ich mag das, wenn Cafés ihre Wände Künstlern zur Verfügung stellen und wechselnde kleine Ausstellungen veranstalten. Zum Beispiel Café Behring in Treptow, in dem gerade Acrylbilder von Martin Künkler zu sehen sind. Leuchtende Bilder, mal ganz abstrakt, mal gegenständlich, die weder sich selbst noch den Betrachter auf eine Deutung festlegen, sondern die Gedanken – über Kaffee und Frühstücksbrötchen – zum Fliegen einladen.

Nochmal Kino: „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“. Mit schrägen, sonderbaren Filmen habe ich viele Erfahrungen. Ein ganzes halbes Jahr lang saß ich vor langer Zeit mit der Patentante des Neun- äh… Zehnjährigen wöchentlich in der Spätvorstellung, die in der kleinen Stadt die einzige Möglichkeit war, kleine, sonderbare europäische Filme anzusehen. Dieser hier ist aber nur am Anfang spannend. Die blassen Bilder, vor denen die Kamera jeweils für eine ganze Szene still verharrt. Die Hintergründe, die zu betrachten sich immer lohnt, weil dort noch eine weitere, eine Hintergrundgeschichte, spielt. Dieser Satz, den immer wieder Leute am Telefon sagen: „Ich freue mich, zu hören, dass es Euch gutgeht“. Aber dann fährt der Film sich fest, da kommt nichts mehr, nur immer beklemmendere und verstörende Bilder, Krieg, Kolonialismus, Tierversuche, Tod – und jede Menge einsame Männer. Das alles mag „wahr“ sein, und wäre es die ganze Wahrheit über das Leben und die Menschen – wie der Film behauptet – bliebe einem nur noch, sich umzubringen. Aber so ist es nicht, ich weiß es.

Aus dem Bücherstapel, den ich beim Bücherkistenpacken für den Umzug meiner Besuchsfreundin beiseitegeschafft habe, ziehe ich Banana Yoshimotos „Amrita“.Wie schon vor vielen Jahren, als ich „Kitchen“ gelesen habe (das Buch steht seitdem in dem besonderen Regalfach bei den Büchern, die mich schwer beeindruckt haben), fasziniert mich wieder, wie die Autorin ihre Geschichte von den Gefühlen ihrer Hauptperson aus erzählt – das, was geschieht und diese Gefühle auslöst, wird eher nebenbei erwähnt oder ist zum Erzählzeitpunkt sowieso schon passiert – und mich damit ganz nah an ihre Geschichte heranholt. Ich mag die Frauen in Banana Yoshimotos Büchern, junge Großstädterinnen, die die großen Lebensfragen immer mit sich herumtragen. Und manchmal hätte ich beim Lesen gern eine Übersetzerin an der Seite, die mir ihre Emotionen deutet, wo ich sie ungewöhnlich oder widersprüchlich finde, wo sich die „Gefühlskonventionen“ in der japanischen Kultur vielleicht von unseren westlichen unterscheiden.

Ein schöner Kontrast dazu ist „Wenn ich eine Frau wäre“ von Sarah Bosetti. Viele kleine Geschichten – von denen etliche auch einzeln funktionieren und von ihr auf der einen oder anderen Lesebühne gelesen werden – reihen sich zu einer unglaublich komischen, klugen, traurigen, bösen Geschichte über ein Großstadtpaar mit chronischem Geldmangel aneinander. Das einzige, was noch schöner ist, als dieses Buch zu lesen, ist, Sarah Bosetti selbst lesen zu hören. Noch so ein Buch! Bitte!

Und meine neueste nette Musikentdeckung stammt (um den Kreis zu schließen) von dem von Sarah Bosetti moderierten „Peace, Love & Poetry“-Slam. Byebye ist ein Duo mit einem mir sehr sympathischen restsächsischen Akzent, schönen Texten und angenehmem Gitarrengeschrabbel. Schön!

Ich fülle literarische Wissenslücken, lese Wilhelm Genazinos „Die Kassiererinnen“ (auf der Innenklappe als „Genazinos beschwingtestes, heiterstes, humorvollstes Buch“ bezeichnet, was mich davor zurückschrecken lässt, gleich mehr von ihm lesen zu wollen) und Jakob Arjounis „Idioten. Fünf Märchen.“ An dem gefällt mir das Setting – dass zu den fünf Personen in seinen Geschichten jeweils eine gute Fee kommt, die dem- oder derjenigen einen Wunsch erfüllt (Geld im Wert von mehr als einer Spülmaschine, Liebe, Gesundheit und Unsterblichkeit ausgeschlossen). Wie zu erwarten, geht das mit dem Wünschen in den meisten Geschichten schief. Davon könnte wohl jeder seine eigenen Märchen dazuspinnen.

Gesehen, gelesen, gehört… im Mai

Habe ich Hindi Zahras CF „Handmade“ hier schon erwähnt? Vor ein paar Tagen habe ich sie aus meinem Regal gezogen und lasse mich seitdem von ihr begleiten – schön!

Fundstücke aus der „Villa Libris“ – einer zum Buchtauschort umfunktionierten Telefonzelle:

Klaus Kordon: „Krokodil im Nacken“ – ein Jugendbuch, meint meine Besuchsfreundin, aber so habe ich es garnicht empfunden. Ein DDR-Buch, die Geschichte eines Mannes, der wegen einem Fluchtversuch in Haft sitzt und sich erinnert. An seine Kindheit im kriegszerstörten Ost-Berlin. Seine Jungend in einem sozialistischen Jugendheim. Den Mauerbau und die vielen Freunde und Bekannten, die die DDR verlassen – und davon, wie auch er und seine Frau zu dem Entschluss kommen, in diesem Land nicht mehr leben zu wollen. Für mich – weil ich ganz andere Ausschnitte aus dem DDR-Alltag, aus dem DDR-Kinder-Alltag, erlebt habe – eine spannende Lektüre. Auch wenn der Stil – aber eigentlich ist das sehr passend – mich oft an Bücher des „sozialistischen Realismus“ erinnert hat.

Anne Delbeé: „Der Kuss. Kunst und Leben der Camille Claudel“. Faszinierend, erschütternd, finster – die Lebensgeschichte einer bedeutenden Bildhauerin, die mir garnicht bekannt war. Sie schafft großartige Werke, ist die Geliebte von Rodin, den sie inspiriert, der sich aber nie für ein Leben mit ihr entscheidet, leidet Entbehrungen und Einsamkeit, arbeitet hart und endet schließlich – für 30 Jahre ihres Lebens, bis zum Ende – in einer Anstalt, psychisch zerrüttet und krank. Eine grausige Geschichte, aber es lohnt sich, diese Künstlerin zu kennen. Ihre Plastiken – vor allem „Der Walzer“ hat es mir angetan – sind wunderbar.

Kunst gesehen! Die „Anonymen Zeichner“ – ein schönes Projekt an einem schönen Ort, dem kleinen Pavillon in den Milchhöfen. Dreimal für je einige Tage wurden dort Zeichnungen in A4-Größe gezeigt, ohne Namensnennung. Dreimal Staunen darüber, wie vielfältig und verschiedenartig Zeichnungen sein können, dreimal Lieblingswerke (Kunstsammler müsste man sein) und andere, mit denen ich nichts anfangen konnte, dreimal Vergnügen. Schön!

Urlaubsvorbereitungen (I): Weil im uralten Baedecker-Reiseführer meines Vaters ganz schön viel vom EU-Beitritt Portugals in den 80er Jahren die Rede ist, brauche ich eine bessere Einstimmung auf Lissabon (Hurra! Urlaub!). Eine literarische. Schließlich hat es – vielleicht – sogar etwas mit dem „Nachtzug nach Lissabon“ zu tun, dass ich da mal hinwill. Also lese ich Sylvia Roths Erfahrungsbericht „Ein Jahr in Lissabon“ – mit viel Vergnügen an ihren Beschreibungen der Sprache, mit der sie kämpft, der Freunde, die sie findet, der portugisischen Lebensweise, die sie kennenlernt, der kleinen Imbisse und Friseurläden und der kleinen Schwimmhalle, in der sie nur mit einem geschlossenen Badeanzug ins Wasser darf… Wagenbachs „Lissabon – Eine literarische Einladung“ macht mir weniger Spaß, weil ich zu dem einen oder anderen Text – obwohl die eigentlich ganz schön ausgewählt verschiedene Aspekte der Geschichte und des Lebens in Lissabon thematisieren – einfach keinen Zugang finde, zu viel Düsternis und freimaurerische Geheimniskrämerei. Macht nix. Denn jetzt werde ich die Stadt bald selbst sehen. Und mir mein eigenes Bild machen.

Urlaubsvorbereitungen (II): Und was werde ich im Urlaub lesen? Weil ich gelegentlich zur Maßlosigkeit neige, bringe ich gleich drei Bücher aus dem Laden mit. Und schlage das erste in der S-Bahn schon mal auf. Ach, ist das schön! Natürlich ist Jojo Moyes‘  „Weit weg und ganz nah“ ein Frauenschmöker durch und durch, ein Gutfühlroman mit den üblichen Zutaten (alleinerziehende Mutter – große Probleme – Mann in Lebenskrise – Annäherung der beiden bei der gemeinsamen Bewältigung von kleineren Katastrophen – hoffnungsvolle Liebesgeschichte – schreckliche Konflikte, die das Happyend bis zur letzten Minute hinausschieben). Meistens nervt mich das. Hier nicht. Irgendwie trifft diese Autorin – von der ich auch „Ein ganzes halbes Jahr“ schon sehr gemocht habe – den richtigen Ton. Erst Mitternacht lege ich das Buch – halb gelesen – aus der Hand. Das ist lange nicht mehr vorgekommen.

Gesehen, gelesen, gehört… im März und April

Hmmm, wie fang ich den neuen Monat an? Mit „Glück“ aus der Postkartenreihe von Tom Bäcker vielleicht? Heute habe ich aus seiner Serie eine entdeckt, die ich noch nicht kannte: „Ich will keine Winter mehr.“ Wo kann ich unterschreiben? (…und weil ich jetzt zwei Monate lang für diesen Beitrag gesammelt habe, ist diese Unterschriftenaktion nicht mehr gaaaanz aktuell, macht aber nix)

An Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ habe ich mich noch nicht herangetraut. Aber „Sand“ und „Tschick“ sind mir in diesem Monat beide in die Hände gefallen. Ich lerne einen Autor kennen, von dem ich gern mehr gelesen hätte.

Im Radio schnappe ich den Namen „Frank’s Daughter“ auf. Und bin auch beim Wiederhören in der Mediathek begeistert. „Fall fully backwards“ ist die perfekte Musik für die müden Momente vor dem Schlafengehen. Nur drei Lieder scheint es derzeit von Franks Daughter zu geben. Hoffentlich werden es mehr.

Große Literatur, große Erzählkunst: Amos Oz war mir bisher nur dem Namen nach bekannt – jetzt habe ich „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ gelesen und bin beeindruckt davon, wie der Autor die Geschichte seiner Familie und seines Aufwachsens im Jerusalem der 40er Jahre erzählt – und davon, wie er zu dem geworden ist, der er ist, menschlich und schriftstellerisch.

Passt eigentlich garnicht dazu, ist aber zuverlässig lustig und entspannend: Max Golds in dem Band „Ä“ gesammelte Kolumnen.

Und eine wiedergefundene Kindheitserinnerung: Ach, sag ich zu meinem Vater, früher gab es in Deinem Bücherregal so ein Buch über Gärtnern, mit so lustigen kleinen Zeichnungen drin, Gemüse mit Gesichtern und so… Jaja, sagt mein Vater, das liegt bei mir im Garten rum. Und dann bringt er mir gleich beide Bände mit. Franz Böhmig: „600 Ratschläge für den Gemüsegarten“ und „300 Ratschläge für den Gewürzkräutergarten“. Die beiden gehören zu den ersten Büchern, die ich heimlich aus dem Bücherregal meiner Eltern im Wohnzimmer holte und in aller Ruhe betrachtete. Noch vor dem Giftpflanzenbuch und Meyers dreibändigem Lexikon. Jetzt blättere ich aufgeregt die vergilbten Seiten auf und freue mich wie eine Schneekönigin, als ich die lachenden Radieschen wiederfinde, die Auberginen, die sich im Windschatten sonnen und die Möhrenfamilie, in der der dicke Papa das kleinste Kind liebevoll auf dem Arm trägt. Oh wie schön! Bestimmt lerne ich jetzt – ganz nebenbei – was ich auf dem Balkon beachten muss, damit meine Radieschen auch lachen.

Und jetzt muss ich eine Ausnahme davon machen, hier nur über Dinge zu schreiben, die ich selber gesehen oder gelesen oder gehört habe… Denn eine Chance, die wunderbaren Arbeiten von Annette Schröter zu sehen, habe ich gerade nicht. Ihre Ausstellung in Erfurt – von der meine große Schwester mir begeistert Fotos gezeigt hat – ist vorbei. Dabei würde ich zu gern einmal vor ihren riesigen, immer spannenden, technisch absolut bewundernswerten Scherenschnitten stehen, von denen mich schon die Fotos und die im Internet auffindbaren Bilder begeistert haben.

Gesehen, gelesen, gehört… im Dezember

Inspiration für den Wunschzettel: „Dear Santa,“ steht auf meiner ersten Weihnachtskarte, „please give me a big fat bank account and a slim body – and don´t mix it up as you did last year.“

Aus der schönen Duden-Reihe zum kreativen Schreiben, aus der Sonja vor einiger Zeit einen Band vorgestellt hat, habe ich mir nun doch zuerst den Band „Schreiben dicht am Leben“ von Hanns-Josef Ortheil gekauft – über das Notieren und Skizzieren. Was für eine Fülle an schriftstellerischen Notizgewohnheiten und -projekten da vorgestellt wird! Was für eine Menge an guten Ideen, mein Tintenroller streckt gleich erwartungsvoll den Kopf aus der Dose, in der ich meine Stifte aufbewahre. Aber ach! Weder das regelmäßige Festhalten von Morgengedanken um fünf Uhr noch die tägliche Beobachtung und Beschreibung eines belebten Platzes wird so recht Platz in meinem Alltag finden. Trotzdem: Anregend, rundherum! Vielleicht wird sich die eine oder andere Idee ja doch umsetzen – und das Ergebnis sich auf meinem Blog lesen lassen.

Beeindruckend und ein wenig verwirrend, bedeutend und berührend: Der Roman „Das große Haus“ von Nicole Krauss. „Schare ein Volk um die Gestalt des Verlustes, den es erlitten hat, und lasse alles dessen abwesende Form  spiegeln“, lässt die Autorin einen jüdischen Gelehrten über den „Urverlust“ des jüdischen Volkes, den niedergebrannten Tempel von Jerusalem, sagen. Den Gestalten späterer Verluste – den abwesenden Formen, die die Zeit des Holocaust auf vielfältige Art und Weise in den Leben von Menschen hinterlassen hat – spürt Nicole Krauss in ihrem Roman nach: Vielschichtiger, als sich beim einmaligen Lesen erfassen lässt, poetisch und in gekonnt miteinander verbundenen Geschichten.

„About As Helpful As You Can Be Without Being Any Help At All“ … manchmal werde ich tatsächlich durch besonders beeindruckende Bezeichnungen auf Musiktitel aufmerksam. Dieser hier von Dan Mangans ist wunderschön – so schön, dass ich sofort zu tanzen beginnen möchte.

Mehr Postkarten aufgestellt: Zum Beispiel die mit dem Frosch, der dem Storch mit beiden Händen den Hals zudrückt – obwohl sein Kopf schon tief im Schnabel des etwas pikiert dreinschauenden Vogels steckt. „Gib niemals auf!“ – Und den „Laternenbaum“ aus der immer wieder schönen Fotopostkartenserie von Martina Issler. Dutzende golden leuchtende Laternen in schwarzen Novemberästen vor dem tiefblauen Abendhimmel.

Und mehr Musik! Nach dem Renovieren bin ich noch immer dabei, Stapel alter CDs durchzusehen. Mag ich die Musik? Höre ich sie jemals? Kann sie in die Bibliothek auswandern oder gar in den Mülleimer, da ich upcycling-Kunstwerke aus alten Silberscheiben nicht besonders mag? Aber siehe da, ich entdecke auch kleine Schätze: Anne Sofie von Otter meets Costello – „For the Stars“ verwebe ich in ein ganzes faules Adventswochenende; möchte Ihre weiche, klare, wunderschöne Stimme immer wieder von vorn hören.

Vom Totenbett einer ungewöhnlichen Frau – Mutter, Vogelkundlerin, Künstlerin und Umweltaktivistin – aus erzählt Joyce Hinnefeld in ihrem Roman „Die Luft, die uns trägt“ die Geschichte des Lebens und der Familie dieser Frau. Dass die Erzählung ein wenig unfertig wirkt, nicht glattgeschliffen, oft mehr Reflexion aus der Perspektive der Tochter ist als Handlung bietet, lässt das Buch sehr persönlich wirken. Und gerade das hat mir gefallen. Viele kleine umgeknickte Ecken. Viele kleine Sätze, die mich beeindruckt haben. Schön.

Und zum Jahresabschluss noch Alexander Osangs Roman „Königstorkinder“. Ein arbeitsloser ostdeutscher Journalist in einem sinnfreien Beschäftigungsprojekt, eine süddeutsche Irgendwas-mit-Medien-Ehefrau-und-Mutter in einer dieser schicken neuen Stadthaus-Siedlungen. Zwei Menschen, die aufeinandertreffen, mitten in Berlin – und eine Geschichte, die sich selbst in Frage stellt. Sehr, sehr lesenswert!

Gesehen, gelesen, gehört… im November

Den November beginne ich ganz häuslich. Die Postkarte, die jetzt hier auf meinem Schreibtisch steht, zeigt zwei Füße in Wollsocken. Die stehen auf einer Waage. Auf der Digitalanzeige steht: „Du bist schön“. – Jaaaa!

Und nebenbei läuft Musik von Tired Pony, die ich vor allem gekauft habe, weil ich den Bandtitel so schön finde, müde, wie ich selber grade so oft bin. Das Album „The Ghost of the Mountain“ stellt sich als sanfte, ein wenig melancholische Musik heraus. „I just wanna be the man you come home to every night“ singt Gary Lightbody. Sowas will ich hören. Vor allem im grauen November.

Bea hat mir „Die italienischen Schuhe“ von Henning Mankell empfohlen – und auch gleich ausgeliehen. Ja, sie ist schön, und trotz des unverkennbar melancholischen Tons, in dem Mankell schreibt, auch hoffnungsvoll, diese Geschichte von einem alten Arzt, der sich jahrelang auf einer Insel verkriecht – bis eines Tages die Frau, die er als junger Mann geliebt und verlassen hat, seine Einsamkeit stört und von ihm verlangt, ein damals gegebenes Versprechen einzulösen. Das karge, einsame Leben eines Sonderlings, in das Lebendigkeit zurückkehrt – immer wieder der Stoff für wunderbare Geschichten. Auch hier.

Zu spanischen und lateinamerikanische Schriftstellern habe ich ein eher distanziertes Verhältnis. Vielleicht schreiben sie ja nicht alle dicke Romane voller Düsternis und Melodrama, aber „Das Spiel des Engels“ von Carlos Ruiz Zafón – ein Zufallsfund aus der „Villa Libris“ – einer zum Buchtauschhäuschen umfunktionierten Telefonzelle – bietet ziemlich genau die Zutaten, die ich in einem dicken, aus dem Spanischen übersetzen Wälzer vermuten würde: Finstere Gassen und Straßen (es sind die Barcelonas zu Anfang des 20. Jahrhunderts, das Buch gehört, wie Wikipedia weiß, zu einer auf vier Bände geplanten Reihe von Barcelona-Romanen) schaurige Friedhöfe, ein Teufelspakt, eine geheime Bibliothek der vergessenen Bücher, ein fluchbelegtes Haus, eine unendlich tragische Liebe und blutige Verbrechen. Schon spannend. Schon faszinierend. Aber… alle vier werde ich vielleicht trotzdem nicht lesen.

Welch ein Glück: Sie hat noch mehr geschrieben! „Alles, was das Leben ausmacht“ ist eine Sammlung „plaudernder Feuilletons“ – oder „Leichtfertiger Essays“, wie der Untertitel sie nennt – von Anne Fadiman. Auch wenn nicht alle ihre Texte – über Schlaflosigkeit, Kaffee, Charles Lamb, literarische Weltanschauungskrige, Colerige, die Post und das Sammeln von Schmetterlingen, zum Beispiel – gleich faszinierend sind: Sie kann es einfach. Klug, lustig, unterhaltsam, lehrreich, plaudernd und leichtfertig schreiben. Mehr davon, bitte!