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Von Elfchen, Kirsch-Schnecken… und dem Auja-Prinzip

Das mit dem Flamenco-Workshop ist jetzt schon zweimal schiefgegangen. Angemeldet, gefreut, kurzfristig was dazwischengekommen, abgemeldet, enttäuscht gewesen. Aber das Kreatives-Schreiben-Wochenende, das die ganz große Schwester mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hat, musste ich trotz aller Grippeviren nicht absagen. Hah!

Ein großer Nachteil von Münster ist, dass die Stadt nicht in der Nähe von Berlin liegt, was dazu führt, dass man zu einem Schreibkurs in Münster eine gute Weile fährt, in einem Intercity inmitten einer Gruppe niederländischer Männer, die von einer Konferenz in Berlin nach Hause fahren und aufgeregt über die geplante PKW-Maut diskutieren, während man selbst sich eigentlich gerade nur für die Frage interessiert, ob man eigentlich die Kopfschmerztabletten eingepackt hat. Dann steigt man in eine kleine Regionalbahn um und schaukelt zwischen Städtchen und Dörfern und Pferden hindurch bis Münster.

Statt Thiel auf dem Fahrrad begrüßt mich dort ein kühler Februarschauer (schade!), der Bus fährt schon mal ab, während ich noch den Weg aus dem von Baugerüsten umstellten Bahnhof suche, ich sitze in einem Imbiss vor einer mit Prilblumen verzierten Wand, gucke den Freitagsnachmittagspendlern zu, die zum Bahnhof eilen und erfinde (um ein bisschen in kreative Stimmung zu kommen) einen alten, verwitweten Mann, der am Bahnhof von Münster in einem mit Prilblumen verzierten Imbiss sitzt, auf seine Tochter wartet, den Freitagsnachmittagspendlern zuschaut, die zum Bahnhof eilen, und so deprimiert ist, dass er die wenigen bunten Farbtupfer (Regenschirme und Taschen und Jacken und Fahrräder) zählt, die er im Februargrau sieht. Vielleicht entschließt er sich ja, zu seiner Tochter nach Münster zu ziehen, wenn sich ein Stück blauer Himmel in einer Pfütze spiegelt? –

Dann kommt mein Bus. und eine Stunde später sitze ich zusammen mit neun anderen Frauen, einem wagemutigen Mann und der Kursleiterin – Susanne – an einer aus rauhen Holztischen zusammengeschobenen Tafel, einen Stapel Papier vor mir, einen gespitzten Bleistift in der Hand – und sehr, sehr neugierig auf das, was da an diesem Wochenende kommen wird.

Was kommt? Wir schreiben. Wir schreiben Listen und Elfchen (das sind Gedichte mit fünf Zeilen, auf die sich die 11 Wörter nach dem Schema 1-2-3-4-1 verteilen); wir schreiben „Morgenseiten“, wir gucken unsere unbekannte Nachbarin am Tisch an und dichten ihr in fünf Minuten ein Leben, wir definieren Substantive so ähnlich wie Sebastian23, wir bekommen ein Wort vorgelegt, aus dem wir einen Satz machen müssen; einen Satz, um den herum wir eine Seite aus einem Buch erfinden; eine Frage, aus deren Antwort dann wieder ein Text wird; wir erfinden Wörter und ihre Definitionen gleich mit – die Bleistifte kratzen übers Papier, das Schälchen mit dem Anspitzer wandert auf dem Tisch herum und füllt sich, die Neuronen in meinem Kopf sausen auf alten, halbvergessenen Kreativitätsbahnen durchs Hirn oder hüpfen ins Unbekannte und machen neue.
Die Texte werden vorgelesen. Das ist ein bisschen aufregend, wenn man nicht gewohnt ist, Texte vorzulesen, die man gerade eben in nur fünf Minuten geschrieben hat, aber eigentlich auch nicht so sehr, weil es fast allen am großen Holztisch so geht. Und was für wunderbare Texte da entstehen! Wir hören vom suizidgefährdeten Goldfisch; von einem alten Mann, der sich bei Gott über die Frivolität des Karnevals beklagt und am Ende Konfetti niest; von einem Ich-Erzähler, der überall nach Mustern sucht; einer Großmutter, die vieleviele jeweils entweder mit Kirschen oder mit Schnecken bestickte Tischdecken hinterlässt; einem Jungen, der mit einem Kumpel einen Feuerwerkskörper in den Briefkasten des Lehrers steckt, den er eigentlich mag. Wir hören, wir hören zu, gespannt, gebannt.

Abends und morgens stellen wir am großen Tisch in der Gästeküche die biblische Geschichte von der Speisung der Fünftausend nach; Selbstversorgung ist angesagt und alle haben dies und das mitgebracht. Der Brötchenvorrat wird von Mahlzeit zu Mahlzeit größer, am Abend stehen plötzlich fünf Flaschen Wein auf dem Tisch und vor der Abfahrt am Sonntagmittag sammeln wir die Reste ein und füllen elf Koffer. Aber soweit ist es noch nicht. Beim ersten Abendessen und beim ersten Frühstück werden am Tisch Fragen in diese und jene Richtung gestellt und die Geschichten erzählt, die wir selber erlebt haben, unsere Geschichten. Und dann wird wieder geschrieben. Schnell fühlt die Runde sich vertraut an. Das Wochenende vergeht schnell. Am Samstagabend ist der Kopf voll und die Schreibhand erschöpft, trotzdem würde ich gerne noch einen ganzen Tag lang von meinen Schreibseiten auf- und aus den großen Fenstern der umgebauten Scheune zum Himmel schauen, mit den anderen die Heck-Rinder in der Ems-Aue noch einmal besuchen, eine Nacht länger im klösterlich friedlichen Zimmerlein des christlichen Tagungshofes schlafen – fernab vom Alltag, den Stift griffbereit auf dem Nachtschränkchen.

Aber die letzte Schreibrunde – ein Manifest, ein Glaubensbekenntnis entwerfen wir da, unser ganz eigenes für den Moment – ist schneller als gedacht zu Ende. Es wird noch zur Messe geladen, zu Mittag gegessen und aufgeräumt. Dann stehe ich auch schon wieder vor den Baugerüsten am Bahnhof Münster. Es regnet auch wieder.

Zu Hause hat der Zwölfjährige auf den Anrufbeantworter geklagt, dass er schrecklich gerne bei mir schlafen möchte, er kommt um halb neun noch von seinem Papa zu mir und wir erzählen ein bisschen.
Gegen seinen Montagmorgenfrust versuche ich gleich mal, mit dem „Auja!“-Prinzip anzugehen, das ich auf dem Schreibkurs gelernt habe. Eine total doofe Rolle, die man im Improvisationstheater plötzlich spielen soll (da kommt das nämlich her): „Auja!“ rufen und machen. Eine eher sperrige Schreibaufgabe bekommen (dabei hat uns Susanne das Prinzip erklärt): „Auja!“ rufen und zum Stift greifen. Montags in die Schule müssen?
Ruf doch mal „Auja!“, schlage ich dem Zwölfjährigen vor und ernte einen bitterbitterbösen Blick.

Aber ich setze mich hin – nach dem Frühstück, bevor ich den Zwölfjährigen noch ein bisschen nerve motiviere und wir gemeinsam losgehen – und schreibe in mein schönes schwarzes Heft. Zehn Minuten lang. Morgenseiten. Vielleicht morgen nicht, aber wenigstens heute.

Tagebuchbloggen im Februar

Nach langer Zeit möchte ich mich heute wieder beteiligen, wenn Frau Brüllen wie an jedem 5. eines Monats fragt „was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ – Alle Antworten wie immer dort; meine hier.

2.30 Ich schlafe nicht. Mein Kopf tut weh, sämtliche Haupt-, Neben-, Stirn-, Nasen-, Kiefern- und sonstige Höhlen sind verstopft. Grippezeit, bäh! Sogar die Luft, die ich einatme, tut mir in der Nase weh, das gibts doch nicht! Ich gebe auf. Licht an. Das zart unterwasserblau gestrichene Zimmer der mittleren Nichte erscheint, wir befinden uns in Thüringen, seit zwei Tagen liege ich hier ziemlich viel herum, statt wie geplant mit meinen Schwestern und Schwägern den Geburtstag der ganz großen Schwester zu feiern und gemeinsam Zeit zu verbringen. Meine Kinder sind mit ihrem Vater bei den väterlichen Großeltern und kurieren dort (hoffentlich!) ihre Erkältungen aus. Ich greife zur Schachtel mit den Schmerzmitteln. Es ist großartig, wie das Pochen, Drücken, Brennen und Stechen in Hals, Kopf und Nase nach einer Weile nachlässt und der Schlaf vorsichtig immer näher kommt.

8.00 Ich wache auf. Mit Murren und Ächzen schleiche ich ins Bad. Hinterher Koffer packen, Bett abziehen, nächste Schmerztablette – denn da steckt eine Rückfahrkarte nach Berlin für später am Morgen in meiner Tasche. Ich ziehe mein Bett ab und stopfe es zusammen mit meinen Handtüchern in die Waschmaschine der großen Schwester. Was ich tun kann, damit sich hier nicht alle anstecken, das will ich gerne tun.

8.30 Lecker Sonntags-Frühstück mit den Schwestern und Schwägern. Brötchen, leckerer Genießerkaffee (wie er hier genannt wird), gekochte Eier, Unterhaltung. Der ganz große Schwager liest aus dem „Verkehrten Kalender“ vor, in dem Zitate Menschen oder Institutionen zugeschrieben werden, von denen sie garnicht stammen. „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“ – Coppenrath & Wiese. Zum Beispiel. Oder: „Ein Freund ist einer, der alles von dir weiß und dich trotzdem mag“ – Mark Zuckerberg. Das ist sehr, sehr hübsch und lenkt ein bisschen davon ab, wie schwer es ist, das Naseschnauben immer wieder möglichst lange aufzuschieben.
Ich streiche mir zwei kleine Reisebrötchen, die große Schwester füllt eine Flasche mit Schorle und steckt mir noch eine Dose mit Gemüse vom gestrigen Mittagessen zu.

9.50 Der große Schwager fährt mich zum Bahnhof, die große Schwester kommt noch bis zum Zug mit. Ohne Umarmungen, aber mit viel Liebe verabschieden wir uns. Die Regionalbahn zockelt mit allerlei Unterwegshalten Richtung Erfurt. Ich stöbere in meinem WordPress-Reader und verkneife mir das allzu häufige Naseschnauben.

11.00 Umsteigen in Erfurt. Ich erwische einen nicht reservierten Zweierplatz und packe meine Tasche neben mich in der Hoffnung, allein zu bleiben. Das klappt nicht, der Mann, der auf dem Platz vor meinem die Reservierungsschildchen übersehen hat, rutscht zu mir nach hinten. Ich lese meinen Reader leer, esse eine Mandarine, verkneife mir … (richtig), bemerke, dass mein Nachbar auf seinem Smartfone Patience spielt, obwohl er das hinter seiner Hand zu verstecken versucht und habe nicht mal genug Platz, um meine Brötchen auszupacken.

12.00 – 12.50 Ich schaue aus dem Fenster. Draußen ist es deprimierend. Graubraun wie ein alter Scheuerlappen liegt das Land vor dem Zugfenster. Alle Häuser sehen farblos aus, alle Betriebe wie Industrieruinen. Milchig angetautes Eis liegt in Tümpeln zwischen abgestorbenen wirkenden Gehölzen und auf schlammigen Wegen durch verblichene Kiefernwälder. Ein paar Windräder drehen sich gleichgültig vor dem grauen Himmel. Bis auf einen Mann, der einen graubraunen – natürlich – Hund ausführt und zwei ältere Frauen auf Fahrrädern vor der – grauen – Mauer neben dem Eingang zur Kleingartenanlage „Eigene Scholle“ gibt es kein Zeichen menschlichen Lebens.
Ich stelle mir vor, dass ich die vorbeifliegende Böschung zwischen Halle und Berlin filme – geschwindigkeitsverschwommene graue und braune und schmutzigweiße Streifen, die immer mal ein wenig breiter oder schmaler werden – und mit der Veröffentlichung dieses Films unter dem Titel „Die Trostlosigkeit einer ICE-Fahrt im Winter“ weltberühmt werde. Unterlegen würde ich den Film mit dem Husten des Kindes drei Reihen hinter mir, gelegentlichem Zeitungsseitenrascheln, dem Klicken der Handy-Kamera von rechts (was in aller Welt gibt es auf dieser Strecke zu fotografieren???), und dem Tastenklappern des Laptops da vorne.

12.50 bis 13.10 Zähle buchstäblich jede Minute bis zur Ankunft.

13.10 Südkreuz. Endlich! Hier ist es noch kälter als in Thüringen. Zum Glück kommt meine S-Bahn ganz schnell.

13.30 Zu Hause. Erleichtert Aufseufz! Türhintermirzuschließ! Taschefallenlass!
Ich wecke die Heizung aus ihrem Dornröschenschlaf, mache heißen Tee, wärme mir das Gemüse auf, das die große Schwester mir mitgegeben hat und esse die Reisebrötchen dazu. Ich nehme die nächste gritzegrüne Sinupret-Pille und stecke den Kopf old-school-mäßig über einem Topf mit ganz heißem Salzwasser unter ein Handtuch. Das tut gut!

14.30 – 16.00 Sofa. Alte Folgen von „Mord mit Aussicht“.

16.15 Ich rufe die Mitmutter an und mir schwatzen eine Weile. Hauptsächlich schmieden wir Pläne, was wir alles machen können, wenn a) ich wieder gesund bin b) ich mal abends noch Lust habe, ohne meine Kinder zu ihr zu kommen und c) endlich Frühling ist.

17.30 – 18.30 Ich lege ein bisschen alte Wäsche weg, koche noch einen Tee und noch ein Inhalierwasser, mache mir Brote, erfahre aus einer sims des liebsten Freundes, dass der heutige Tatort in Weimar spielt. Das Heimat-Herz schlägt hoch. Da meine Kopfschmerzen bisher nicht wiedergekommen sind, nehme ich mir vor, den vom Krankenbett aus noch zu gucken, sehr schön!

Dann Rechner an – Zeit zum Bloggen.

Das eine und das andere Nah

Es ist kurz vor Silvester. Die Stimme der großen Patentochter, die laut darüber nachdenkt, ob sie trotz ihres hohen Fiebers eine geplante Urlaubsreise antreten kann, füllt meine Küche. Als sie ihre Argumente vorgetragen hat, die im Wesentlichen darauf hinauslaufen, dass es sehr, sehr schade wäre, den schönen Urlaubsplan platzen, die schöne Gelegenheit verstreichen zu lassen, antwortet ihr ihre Mutter – meine ganz große Schwester – und rät zu größter Vorsicht, weil man mit hohem Fieber dann lieber doch nicht leichtfertig umgeht.

Es könnte ein ganz normales Gespräch sein – aber die Stimme der großen Patentochter kommt via Whatsapp aus Uruguay und auch meine Schwester (immerhin ist wenigstens sie leibhaftig in meiner Küche) spricht nur eine Sprachnachricht auf.

Wenige Tage später bin ich wieder mit der ganz großen Schwester zusammen, und wir beobachten, wie der Flieger mit der großen Patentochter dem Flughafen entgegenschwebt, zur Landung ansetzt und elegant auf der Landebahn aufkommt.

Aber auch dieses Mal können wir die große Patentochter nicht in die Arme schließen, wir sitzen – mit dem begeisterten Elfährigen – vor Flightradar24 und haben eben schon das Flugzeug des ganz großen Schwagers, mit dem er nach Lateinamerika zu seiner Tochter unterwegs ist, ungefähr an der großen Ecke von Afrika entdeckt und eine Weile beim Weiterruckeln beobachtet. Die große Patentochter, die nun wieder gesund ist und einen kleinen Ersatz-Urlaub macht, bevor sie ihren Vater trifft, landet gerade in Ushuaia. Feuerland. Und wir jubeln ihr gemeinsam auf die Mailbox, dass wir sie gerade haben ankommen sehen.

„Nah“ und „fern“ sind schillernde Begriffe geworden.

Die ganz große Schwester verbringt nun zwei wunderbare, lange Wochen bei mir, während ihr Mann in Lateinamerika ist. Wir frühstücken zusammen, und während ich arbeite, läuft sie viele Stunden durch die Stadt; erkundet Parks und neue Viertel, macht den Einkauf, hängt die Wäsche ab und neue auf, räumt dem Elfjährigen (möge er ihr für immer dankbar sein!) das vorpubertäre Chaoszimmer auf, geht nochmals zwei Stunden raus, trifft Freunde und ist wieder da, wenn ich müde aus dem Büro komme.
Wir kochen zusammen; wir holen einen Film aus der Videothek oder schalten einen Krimi ein; wir lesen Gedichte vor und reden.
Am Wochenende hat meine ganz große Schwester mich Einsiedlerin so weit, dass ich an beiden Tagen mit ihr rausgehe und wir gemeinsam durch Berlin laufen; vom Schlesischen Tor zum Passage-Kino; vom Südstern durch die Bergmannstraße und die Akazien- und Golzstraße bis zum Nollendorfplatz. Ich zeige hierhin und dorthin, in diesem Café habe ich mal jemanden zum ersten Mal getroffen, dort kann man diesunddas gut kaufen; da oben wohnte derundder; dort müssten wir mal essen gehen, da ist es lecker, da drüben könnte man noch langlaufen und bis zur Jannowitzbrücke kommen –

Ich merke, dass ich wieder Spaß an meiner Stadt finde, in der ich mich in letzter Zeit fremd gefühlt habe. Ich merke – ich habe mal wieder eine Gelegenheit, zu merken – wie viel Freude es mir macht, eine Weile „zusammenzuleben“, nicht alles allein tun zu müssen, mich nicht zu verabreden und trotzdem am Abend noch ein paar Alltäglichkeiten austauschen zu können und ein gemeinsames Nippchen Wein zu trinken. Etwas in mir taut auf.

Das „echte“, analoge Nah tut wohl. Irgendwann möchte ich mal nicht mehr allein mit mir und meinen Kindern leben. Euch nahen fernen Menschen sprechen und schreiben wir dann trotzdem noch Nachrichten. Verspochen!

Reif für die Insel: Goldene Bahnfahrermedaille

Niemand ist so verrückt wie wir. In Gummistiefeln – weil der Himmel voller schwarzer Wolken hängt, als wir am Morgen zur Inselfähre wandern und weil hinterher einfach nirgendwo Ruhe und Platz zum Schuhewechseln ist – fahren wir 10 Stunden lang aus dem Urlaub in den Urlaub, von der Nordsee zur Ostsee, aus Ostfriesland nach Dänemark, wo meine große Schwester uns noch für ein paar Tage in ihr Urlaubshäuschen eingeladen hat.
Wir fahren Fähre und Bus, kleine Regionalbahnen, in denen Radfahrer böse Blicke auf unser im Radfahrerbereich abgestelltes Gepäck werfen, steigen in allerlei Kleinstädten um, vertreiben im IC von Norddeich Mole Leute von unseren Plätzen, schleppen unser Gepäck nach einer halben Stunde wieder zur Tür und in den nächsten IC zu den Urlaubern, die nach Sylt unterwegs sind. Der ICE nach Kopenhagen bleibt in Puttgarden stehen, weil das dänische Zugbegleitpersonal nicht da ist, aber irgendwann rollen wir doch in den Schiffsbauch und dürfen aus den Zug klettern. Und noch eine Weile später sind wir endlich da.
Meine Kinder haben irgendeinen goldenen Bahnfahrpreis verdient, geduldig machen sie das alles mit – und wir sind inzwischen absolut eingespielt. Fünf Minuten Umsteigezeit in Hamburg, von Gleis 13 nach Gleis 5, wenn die Rolltreppe kaputt und der Aufzug voll ist? Kein Thema, trotz unserer fünf Gepäckstücke kriegen wir das hin und steigen trotz umgekehrter Wagenreihung dort ein, wo unsere Plätze sind.
Aber nach jeder Bahnreise fühle ich mich, als wäre es die schlimmste gewesen, die wir je gemacht haben.
Zum Glück sind wir dann abends da, gehen am Meer entlang und haben nochmal ein paar Urlaubstage vor uns. Und trotz der schönen Zeit auf der Nordseeinsel ist das hier das richtige Meer: die gute alte Ostsee, verlässlich ans Ufer rauschend, mit ihrem Strand voller Herzsteine und grobem Sand und toten Glockenquallen und glattgeschliffenen Glasscherben, die die Jungs sofort un die Wette zu sammeln beginnen.
In ein paar Tagen müssen wir wieder Bahnfahren. Aber daran denke ich heute mal noch nicht.

Ferienfahrt mit Niklas

Unsere Osterferienreise habe ich an einem warmen, sonnigen Wintertag geplant.
Zwei Tage bei Köln – wir können den Dom besuchen und im Siebengebirge wandern, sagte meine Freundin, die Patchworkmama, am Telefon.
Und in Kassel wollten wir danach auch noch Station machen.

Frohgemut machten wir uns auf den Weg – in den Urlaub mit dem meisten und schlechtesten Wetter, den wir je erlebt haben.

Zum Glück setzte der Hagel erst ein, als wir aus der offenen und zugigen Spitze des Turms vom Kölner Dom gerade wieder herausgeklettert waren. Zum Glück wehte der Wind niemanden in den Rhein, als wir dort flache Steine über das Wasser flitscherten. Zum Glück fiel keiner der Bäume neben dem Spielplatz uns auf den Kopf, als wir die Kinder ein paar Minuten toben ließen.

An Wanderungen jeder Art war nicht zu denken. Indoorspielplatz, stattdessen.
Über Nacht kippte der Sturm das Spielhäuschen im kleinen Garten unserer Freunde auf den Zaun zum Nachbarn, stellte den Terassentisch senkrecht an die Wand und traumatisierte nachhaltig das weiße Kaninchen der Kinder.
Während die insgesamt sechs Kinder durchs Haus tobten und innen Chaos und Verwüstung hinterließen, knickte draußen der Sturm Bäume auf die Bahnlinien, auf denen wir doch am nächsten Morgen weiterreisen wollten.

Kassel erreichten wir dann doch. Kaum waren wir angekommen, setzte anhaltender Schneefall ein. Wo ist unser Schlitten, wir wollen rodeln!, jauchzte die Urgroßcousine meiner Söhne. Mama, jammerte der Sechsjährige bei unserem tapferen Versuch, bei Matsch und Schnee in Kassels berühmtem Bergpark wenigsens spazierenzugehen, schon nach wenigen Schritten: Mama, der Weg ist in meinem Schuh drin!

Also Indoorprogramm, auch hier. Der Zehnjährige durfte mit seiner Urgroßcousine im Naturkundemuseum die Dinosaurier füttern (eine tolle Ausstellung!), der magenkranke Sechsjährige derweil bei Verwandten auf dem Sofa einen Genesungsschlaf halten.

Jetzt sind wir zurück.
Über Berlin strahlt die Sonne.

Wir haben in den letzten Tagen sehr, sehr viele Gesellschaftsspiele gespielt. Wir haben eher wenig frische Luft bekommen. Wir haben viele, viele Kilometer mit der Bahn zurückgelegt, die erstaunlich schnell ihre Strecken wieder betriebsbereit hatte und mich mit guter, freundlicher Beratung zu alternativen Verbindungen überrascht hat. Wir haben uns Freunden und Verwandten zugemutet – ohne eigenes Auto, dafür aber mitsamt der Zappeligkeit und Ruppigkeit des Zehnjährigen und mitsamt den absonderlichen Essgewohnheiten des Sechsjärhigen – die wir vorher noch nie besucht haben. Ich habe zwei andere Modelle von Familienleben erlebt, beide weit weg von der klassischen Papa-Mama-Kind-Variante.

Und das war anregend.

Ich komme zurück und möchte sofort ein riesiges Um-die-Ecke-Sofa haben, weil da bei der Patchworkmama immer alle so gern gekuschelt haben. Ich komme zurück und werde von nun an am Wochenende vielleicht öfter mal abends kochen, weil ich erlebt habe, dass es schön ist (und niemanden stört), wenn der Tag nicht von der Zubereitung eines Mittagessens zerhackt wird. Ich komme zurück und nehme mir vor, meine Kinder vieles selbständiger machen zu lassen, weil meine Freundin das tut und es so schafft, trotz der zweitweise vier Kinder in ihrem Haushalt auch selbst manchmal auf ihrem herrlichen Sofa zu sitzen.

Und ich werde technisch aufrüsten. Es ist so weit, tatatata….. Ich komme zurück mit dem Vorsatz, nie wieder ohne eigenes Smartphone Abenteuerreisen zu unternehmen. Nie wieder ohne universelle Informationsmöglichkeiten in der Handtasche irgendwo auf dem Land in einen Sturm zu geraten.

Entschleunigen

Zum dritten Mal fahren wir in den Herbstferien in ein Feriendorf in der Uckermark. „Unser“ Häuschen nehmen wir in Besitz, als ob wir hier zu Hause sind und nur mal eben verreist waren – stellen den Kühlschrank an, legen unsere Sachen in die selben Schubladen wie im letzten Jahr, packen die Kekse wieder nach oben auf den Schrank, kümmern uns darum, dass die kaputte Abdeckung vom Herd gerichtet wird, holen den Techniker, weil die Tür nicht mehr von innen abschließbar ist – dabei ist noch ein letzter Rest von der Wärme in den Räumen, die die Leute vor uns hinterlassen haben, die nur Stunden vor unserer Ankunft abgereist sind.

Ach, Sie sind auch mal wieder da!, begrüßt uns am Abend die Frau, die das Buffet betreut. Ja, wir fallen hier auf und werden deshalb wiedererkannt: Zwei Frauen mit zwei Kindern – und dann auch noch ohne Auto, dafür aber mit einem Trolley voller Lebensmittel, weil wir mittags nicht im Speisesaal mit den Gruppen und den anderen Familien essen, sondern selbst kochen.

Was ist es, was ich an diesem Waldurlaub so mag, dass ich lieber wieder hierherkommen möchte (aber keinesfalls in ein anderes als „unser“ Häuschen), als irgendetwas neues auszuprobieren, irgendetwas aufregendes, irgendwas, was weniger umständlich ist? Warum tut es mir und meinen Kindern und der Besuchsfreundin gut, im Urlaub diesen vertrauten Ort aufzusuchen, über den wir schon so viel wissen – wo die besten Marönchenstellen sind, dass Billiardspielen sich nicht lohnt, weil die Queues immer an die Wände des zu kleinen Raumes stoßen, in dem der Billiardtisch steht, dass man nach dem  Abendessen im Speisesaal den Tisch abwischt, auf welcher der vier Elektroplatten im Häuschen die Pfanne am schnellsten heiß wird, dass es unter den Birken auf dem Gelände manchmal Birkenpilze gibt – und viel Zeit damit verbringen, Dinge zu wiederholen, die wir im letzten Jahr gern getan haben?

Vor allem – und vor allem: für mich – ist das alles Entlastung. Das, was ich schon kenne, und nicht neu entdecken muss. Die kurzen Wege, alle zu Fuß. Der schlechte Handy-Empfang, hinter dem ich mich verstecken kann, wenn ich keine Lust auf Kontakt zur Außenwelt habe. Die winzige Küche, in der das Kochen Spaß macht und nicht Stress. Die wenigen Dinge, die aufzuräumen nur eine Viertelstunde am Morgen in Anspruch nimmt. Ein klitzekleiner Alltag – überschaubar, zu bewältigen, frei von komplexen Entscheidungen. Beim Frühstück esse ich Marmelade-Schokolade-Brötchen und trinke Kaffee dazu. Die Kinder meckern, wir gehen trotzdem in den Wald. Wir sammeln Pilze und Beeren. Wir spielen Federball und Tischtennis; wir leihen Minigolfschläger aus, wir spielen am Tisch („Ligretto“ und „Phase 10“ in diesem Jahr), wir kickern, es gibt Griesbrei mit Waldbeeren oder Nudeln mit Pesto und frischen Pilzen, mittags lese ich eine Stunde, dann gibt es Kaffee, und abends muss abwechselnd immer eins der Kinder unter die Dusche.

Und es wird uns nicht langweilig. Jedesmal, wenn wir abreisen, wollen wir wiederkommen. Beim nächsten Mal aber ganz bestimmt Zeit zum Briefeschreiben haben. Dann endlich auch mal eine richtige lange Wanderung machen. Und unbedingt in der Stadt in die Therme gehen.

Oder wir machen einfach dieselben Sachen wie in diesem Jahr.

Zwischenstand (ins Unreine): Herbst

Blättergeruch in den Straßen, den mag ich. Pappellaub riecht am besten, auch wenn der Berlin-übliche Eiche-Ahorn-Mix und die braunen Lindenblätter auch nicht schlecht abschneiden. Die Farben sind schön: braun und gelb, rot und orange und rosa, überall. Graue Wolken, Nieselregen, zwischendurch die Sonnenwärme vom letzten Wochenende.

Für unsere alte Blätterlaterne (wenn man sie mit der kaputten Seite zum Fenster dreht, sieht sie immer noch schön aus) haben wir ein neues Päckchen Teelichte gekauft. Im Kalender Termine für Plätzchenbacken und Geschenkebasteln.

Im Kopf Erinnerungen an den Sommer, in dem ich so viel in Brandenburg unterwegs war: an ein verzaubertes Regenpicknick auf einem Hochsitz, an die Sonnenwärme beim Paddeln auf der Spree, den prächtigen Stock Hallimasch am Bootshaus in Bredereiche und die herrlichen Schirmpilze, die wir später im zum Beutel umfunktionierten Schal nach Hause getragen haben; an den Blick über den Neuruppiner See, an das Geschnatter der Wildgänse, die über dem Oberuckersee Züge für den Flug nach Süden bilden, und an die Kälte des Wassers, in dem wir natürlich nochmal herumwaten mussten.

Und die Ausflugszeit ist noch nicht ganz vorbei. Im Zimmer des Fünfjährigen stapeln sich die Winterjacken, die Gummistiefel, warme Pullover, Mützen, Handschuhe, Spiele, Bücher, Zeckenschutzmittel, eine riesige Tasche voller Medikamente (nur für den Fall), drei Beeren-Sammel-Eimerchen (nur für den Fall) und allerlei Lebensmittel – zusammen mit einer Liste, auf der steht, was ich noch alles kaufen muss, damit wir in der Uckermark sieben Tage ohne Auto überleben können und zusammen mit dem (recht komplexen) Plan, wie wir an einem der Tage die Therme in der nächstgelegenen Stadt besuchen können. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Slogen des Berlin-Brandenburgischen Verkehrsverbundes –  „Alles ist erreichbar“ – hat mich bei der stundenlangen Recherche nach Rufbussen und der Mühe, einander widersprechende Fahrplanauskünfte zu verstehen, mit der Zeit ziemlich erheitert.

In ein paar Tagen sind wir in „unserem“ Waldhäuschen. Hurra!