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Tagesnotizen: 20.4.17

Die Schädlingsbekämpfungsfirma hat offensichtlich endlich einen Schlüssel zu dem Keller erhalten, in dem die Sanitärfirma neulich nach meinem Anruf bei der Hausverwaltung eine tote Ratte entdeckt hat. Dieser hatten wir anscheinend den schrecklichen Kloakengestank zu verdanken, der über Ostern im Treppenhaus hing. Jetzt ist die Luft wieder rein. Dankbares Aufatmen!

Die Balkonblumen haben die Frostnacht überlebt, alle. Der Zwölfjährige hilft mir am Morgen, die Kübel und Kästen wieder nach draußen zu bugsieren. Ich begleite die Kinder nur noch den halben Weg zur Schule – an dem ungesicherten Kanalufer unter der Brücke vorbei, weil es da gefährlich ist; und bis zur nächsten Straße, weil ich es so gern mag, am Morgen mit den beiden ein Stück zu laufen und dabei zu plaudern – und bin deshalb morgens wieder häufiger pünktlich im Büro.

Nachmittagsprogramm: Die Heimfahrt unterbrechen, um im Copyshop ein Foto für ein Schulprojekt des Zwölfjährigen zu kopieren. Im Stechschritt und mit nur noch fünf Euro im Portemonaie zum Geldautomaten, der ist aber leider defekt. Mit den Kindern in der Drogerie mehr Fotos fürs Schulprojekt drucken. Nach Hause, kurz Pflichten besprechen, mit dem Achtjährigen Keyboard üben und mit ihm zum Einkaufen fürs Wochenende, damit der Zwölfjährige ohne Ablenkung arbeiten kann. Lebensmittel nach Hause schleppen, auspacken. Abendessen machen. Essen. Hinterher kuscheln wir uns ein halbes Stündchen vors Laptop und sehen fern. Schnell Wäsche aufhängen, den Achtjährigen ins Bett. Tickets fürs Barberini-Museum am Samstag kaufen – aber nein: die gibt es nur noch für 18 Uhr, damit fällt unser Wochenendplan ins Wasser. Und das nur, weil ich gestern soooo müde war und nicht mehr nachgesehen habe! Die große Schwester, die uns besuchen wird, ist am Telefon auch zu müde, um zu entscheiden, ob wir es am Sonntag bis 10 Uhr nach Potsdam schaffen und bis 13 Uhr zurück zu ihrem Zug. Abwaschen. Dem Zwölfjährigen Gute Nacht sagen, Müll runterbringen. Haare waschen.

„Verzaubere mich“, sagt die deutlich aus ihrer Jugendform gegangene Frau auf meiner neuen Lieblingspostkarte sehnsüchtig zu dem Mann neben ihr mit dem schütteren Haar. Und erhält die traurige Antwort: „In was?“ –

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Aus die Maus

Irgendwann muss ich mal an meinem Verhältnis zu Technik arbeiten. Möglichst bevor ich alt werde und neue Technik nicht mehr verstehen kann. Bisher kann ich mir leisten, neue Technik nicht mehr verstehen zu wollen, aber es hat traurige Folgen. Weil ich es immer gerne vermeide, mich mit technischen Geräten auseinanderzusetzen und noch dazu ungern neue kaufe, bin ich umgeben von Dingen, die gerade noch gut genug funktionieren, um irgendwie zu schade zum Wegwerfen zu sein, aber nicht mehr gut genug, um sie komfortabel zu benutzen.

Das Display vom Telefon ist schon lange kaputt. Niemand, der mich anonym anrufen möchte, muss sich die Mühe machen, seine Nummer zu unterdrücken – ein paar verlorene Striche schwimmen dort, wo die eigentlich angezeigt werden müsste. Außerdem ist der Akku hinüber, so dass meine Telefonate immer spätestens nach einer Stunde abrupt enden. Meine Familie und meine Freunde wissen das schon und nehmen es mir nicht mehr übel, wenn ich mitten im Gespräch auflege. Das Telefon, denken sie, mal wieder abgestürzt.

Das Display vom Handy hat einen Sprung. Beim Ladekabel zeigen sich verdächtige Kuperdrähte zwischen Stecker und Schnur; und dass das Handy neuerdings beim Senden von sms oder beim Wählen immer erst ein- oder zweimal abstürzt, beginnt mir nun doch Sorgen zu machen. (Wie, fragt meine Kollegin, Du hast Dein Handy doch nun auch schon ewig! Nee, sage ich, erst zwei Jahre. Aber, meint sie, es war doch schon gebraucht, als du es bekommen hast! Jaja, sage ich, aber mein Handy davor war auch gebraucht und hat sieben Jahre gehalten. Meine Kollegin sagt garnichts mehr, irgendeine ungläubige Bemerkung ist ihr im Hals steckengeblieben.)

Die Computermaus ist schon vor längerer Zeit mal vom Tisch gefallen, irgendwas ist dabei zerbrochen. Trotzdem funktionierte sie noch eine Weile, aber inzwischen muss ich – wenn sie einen schlechten Tag hat – mit der linken Hand ihren USB-Stecker in einer ganz bestimmten Haltung in der USB-Steckbuchse festhalten, damit die Maus Kontakt zum Laptop hat und ich sie mit der rechten Hand bedienen kann. Ich arrangiere mich ja mit vielem, aber das ist lästig. Ich habe sogar schon – obwohl ich das enorm umständlich finde – das Touchpad auf meinem Laptop benutzt, als es mal garnicht mehr anders ging.

Irre stolz bin ich auch nach mehreren Wochen noch, das ich es geschafft habe, mein WLAN nicht nur einzuschalten, sondern auch das Passwort zu ändern. Natürlich habe ich mich damit nur auseinandergesetzt, weil das Internetkabel… äh… leider kaputt ist: der Widerhaken, der das Kabel am Laptop eingesteckt halten soll, ist abgebrochen.

Jetzt hat ein findiger Telefonberater mich überredet, den Internet- und Telefonanbieter zu wechseln, damit ich für das gleiche Geld eine so schnelle Internetverbindung bekomme, dass ich den Tatort in der Mediathek dann zukünftig wahrscheinlich nur noch als Fast-Forward-Version sehen kann. Leider stehe ich allerlei Ängste aus, seit ich dem Wechsel zugestimmt habe. Werde ich eine neue, monströse, vielfarbig blinkende, unverständliche Irgendwas-Box an unpassender Stelle in meiner Wohnung installiert bekommen? Werde ich SCHON WIEDER ein neues WLAN-Passwort für mein dann neues WLAN einrichten und mich an irgendwelche neuen digitalen Spitzfindigkeiten gewöhnen müssen?

Meine Besuchsfreundin hat sich erbarmt und mir zu Weihnachten eine neue Maus versprochen. Wegen der anderen technischen Misstände habe ich inzwischen schon zum zweiten Mal einen Technikladen aufgesucht. Ich stehe vor endlos langen Regalen mit Telefonen. Dutzende Modelle. Keins sieht aus wie das, was ich zu Hause habe. Jedes verfügt über viel zu viele Knöpfe oder über verdächtig wenige. Und sollte ich nicht am besten wieder eins mit Schnur nehmen, wegen der Strahlung? Andererseits ist es ja auch ganz ok, nur eine Stunde lang telefonieren zu können. Ich habe doch immer noch sooo viel vor am Abend. Und vielleicht kann ich ja einfach die Akkus ersetzen und auf ein funktionierendes Display verzichten? Und im Prinzip will ich doch sowieso nicht so viel mit dem Handy machen. Wozu also ein neues? Unverrichteter Dinge flüchte ich auch beim zweiten Anlauf aus dem Laden.

Sogar meine arme, halbtote Computermaus, die heute wieder brav neben mir blinkt und mir warm und vertraut in der Hand liegt, tut mir eigentlich leid. Da gibt sie sich – alt und kaputt, wie sie ist – noch und noch Mühe, und was mache ich? Werde sie einfach ersetzen.

Viele kleine Schritte (3): Autsch!

Wanderschuhe kaufen war leicht.

Einige Zeit später möchte ich anfangen, sie einzulaufen. Zwei Freundinnen haben mich auf eine Überraschungswanderung eingeladen. Also nichts wie los – Wandersocken an die Füße, Schuhe gewachst, angezogen, ordentlich geschnürt. Und auf gehts.

Unsere Wanderung führt am Ostufer des Neuruppiner Sees entlang. 16 Kilometer sollen es werden.

Bei Kilometer zwei muss ich eine kleine Pause machen und die Schuhe ein wenig lockerer schnüren. Irgendwie ist es eng da vorne, mit den seltsamen, dick gepolsterten Wandersocken.

Bei Kilometer fünf klebe ich ein kleines Heftpflaster an die Innenseite meiner linken Ferse. Damit da nicht erst eine Blase entsteht.

Bei Kilometer sieben beginnt mein Hallux, über mangelnden Platz zu klagen. Pflaster drauf. Hilft bestimmt!

Und ungefähr zur gleichen Zeit fällt meinen Knöcheln ein, dass sie eigentlich gar nicht daran gewöhnt sind, in knöchelhohe Schuhe eingeschnürt zu werden. Schuhe aufmachen, oberstes Hakenpaar nicht mehr benutzen.

Ab Kilometer neun hinke ich meinen Freundinnen – die in ihren zum Wandern überhauptnicht geeigneten Schuhen vergnügt vor sich hinstapfen – nur noch mit zusammengebissenen Zähnen hinterher.

Und auf dem Heimweg von der S-Bahn tut jeder Schritt einfach nur noch weh – am allermeisten an meinen armen Knöcheln. Blasen habe ich dafür keine gekriegt. Superbequemes Fußbett haben die Schuhe, das hab ich doch gleich gemerkt.

Und was mach ich jetzt? Die feinen Schuhe zurückgeben? Vom Schuhmacher irgendwie weiten lassen? Oder heimlich, still und leise gaaaanz hinten im Schrank verschwinden lassen, zusammen mit meinen Träumen von einer Wander-Auszeit?

Wegwerfgesellschaft

Schuhe sind ein heikles Thema bei uns. Kaum eine Woche, in der nicht ein Gummistiefel undicht, eine Sandale zu klein oder ein Turnvereinschläppchen löcherig wird; ein Hausschuh in der Kita vorne ein klaffendes Maul bekommt wie ein Wal oder ein Paar Turnschuhe in irgendeinem schwarzen Loch verschwindet. Dass die Kinderschuhläden in unserem Kiez beide in den letzen Jahren zugemacht haben, liegt nicht an uns, ehrlich!

Wenigstens ich möchte nicht ständig neue Schuhe kaufen. Und ärgere mich besonders, dass mein neues Paar Lieblingsstiefelchen schon nach einem reichlichen halben Jahr kaputtgeht. Der Absatz reißt an einer Kante auf und hat innerhalb eines einzigen Tages seine ganze Füllung verloren, ohne dass ich es auch nur merke. Ja, das darf hier ruhig stehen, wer so schöne und gleichzeitig so wenig haltbare Schuhe macht: Hush Puppies heißt die Marke.

Also ziehe ich – mit gemischten Gefühlen, ich ahne schon, was da kommt, seit ich so etwas mal beim Schlüssel- und Absatzdienst meines Vertrauens probiert habe, der sonst immer alles repariert, was ich ihm bringe – in den Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft. Heute lieber gleich zu einem echten Schuhmacher. Schaun sie mal, der Absatz… können Sie mir den vielleicht reparieren? Der nette Schuhmachergeselle guckt ratlos und holt den Meister. Da steht er vor mir, Typ kahlgeschorener Muskelmann (aber dann doch nicht so nett wie Meister Proper) – und schimpft los: Das liegt doch bloß daran, dass die heute nur noch Saisonware herstellen! Das sind alles Kunststoffe, die UVA-empfindlich sind und deshalb so schnell kaputtgehen!

Wieso ist er eigentlich so sauer – und vor allem: Wieso auf mich? Schließlich bringe ich ihm doch Arbeit? „Das kostet mindestens 50 Euro, vielleicht sogar mehr, wenn ich Ihnen den Absatz neu aufbaue!“ Lust darauf hat er – das ist an seinem Tonfall deutlich zu merken – jedenfalls nicht. Mit einem vagen „da denk ich nochmal drüber nach“ schleiche ich besiegt aus dem Laden.

Was jetzt? Doch in den Müll, die eigentlich schönen Schuhe? Drei Tage Urlaub nehmen und einen Schuhmacher finden, der schon mal was von Nachhaltigkeit gehört hat und gerne was repariert? Notfalltropfen nehmen, zurückgehen und den Preis für ein neues Paar ganz-schnell-kaputt-Schuhe für die Reparatur des alten bezahlen?

Seit ich neulich meinen ökologischen Fußabdruck berechnet habe, leuchtet mir das wieder ganz besonders ein, dass man Dinge lieber reparieren als wegschmeißen sollte. In der Theorie klingt das ja auch gut, ab ins Reparaturcafé und simsalabim – alles wieder heile. In der Praxis sollte man vielleicht damit rechnen, erst mal für mehr als nur ein bisschen sonderbar gehalten zu werden, wenn man versucht, irgendwo außerhalb einer solchen Oase der Widerständigen gegen den Wegwerfstrom zu schwimmen.

A propos: Kann vielleicht irgendjemand von Euch neue Absätze an Schuhe zaubern?

Krötenragout

Schon lange arbeite ich an diesem Text.

Es ist schwierig, über das zu schreiben, was mich in den letzten Wochen beschäftigt, zornig und verzweifelt macht, das eigentlich funktionsfähige wechselseitige Betreuen unserer Kinder in Frage stellen lässt.

Vielleicht so:

Ein Einschreibebrief an einem Samstagvormittag. Vollkommen unerwartet.

Das Jobcenter, von dem der Vater meiner Kinder Leistungen zur Sicherung des Unterhaltes für sich und – weil er sie ja hälftig betreut – unsere beiden Söhne bezieht, verlangt in harschem Ton Auskünfte über mein Einkommen. Was dem Vater meiner Kinder für die beiden bewilligt wurde, möchte das Amt sich nun gern von mir zurückholen.

Ich bin am Boden zerstört.

Ich wollte niemals die Feinheiten des Unterhaltsrechtes kennenlernen, am wenigsten in Kombination mit „Wechselmodell“ und „Harz IV“. Wer seine Kinder hälftig betreut, hat – Gesundheit und Fähigkeit vorausgesetzt – auch für die Hälfte ihres Unterhaltes zu sorgen, sollte es nicht so einfach sein?

Ist es nicht.

Meine Kinder sollen nicht in Armut aufwachsen – und ich war stolz darauf, dass ich gut für sie sorgen konnte, bisher, dass ich in den letzten zwei Jahren nicht mehr jedes Extra erst abwägen musste.

Wie soll es weitergehen, frage ich mich jetzt, bang –

Nie, nie, nie wollte ich über Geldfragen bitter werden: Wie seltsam fand ich Männer, die bei ersten Dates augenrollend über horrende Unterhaltszahlungen an ihre Ex-Gattinen und die gemeinsamen Kindern klagten…

Nun beginne ich, ihre Gefühle zu verstehen.

Und mehr als alles andere wollte ich mein Leben losgelöst von den Entscheidungen meines Expartners – und den finanziellen Konsequenzen dieser Entscheidungen – führen.

Keine Chance.

Denn jetzt… Jetzt führt das, was die Familienberaterin – so wertneutral, wie nur wirklich professionelle Familienberaterinnen wertneutral sein können – als „Ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben“ bezeichnet, wenn sie mir und dem Vater meiner Kinder gegenübersitzt, dazu, dass ich in eine rechtliche Lage gerate, in der diese meine Wünsche keine Rolle spielen.

Kann es wirklich sein, dass „Wechselmodell“ unterm Strich bedeutet, dass ein Elternteil sein Recht darauf einfordert, die gemeinsamen Kinder die Hälfte der Zeit bei sich zu haben – und das andere auf der Pflicht sitzenbleibt, den ganzen finanziellen Unterhalt zu leisten?

Ich weiß nicht, wie ich diese Kröte garkriegen und in mundgerechte Stücke zerlegen soll.

Wir bearbeiten Ihren Widerspruch, schreibt mir das Amt erst einmal, Sie werden wieder von uns hören.

Worauf ich mich wohl verlassen kann.

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Nachtrag: Ich habe die Kommentarfunktion bewusst ausgeschaltet – da das Thema die Privatsphäre gleich mehrerer Menschen berührt, möchte ich nicht mit weiteren Details auf Eure Rückmeldungen und Fragen eingehen. Aber wenn eine oder einer von Euch Erfahrungen mit Wechselmodell und Unterhalt hat, freue ich mich über einen Austausch per Mail.

 

Badetag

Manchmal hasse ich es, alleinerziehend zu sein. Es muss noch nicht mal einer der Tage sein, an denen sich alles gegen einen verschwört. Nein, es reicht das Aufeinandertreffen der ganz normalen Gegebenheiten von Berlin mit den ganz normalen Gegebenheiten meines Lebens – um mich hin und wieder völlig fertigzumachen.

Der Achtjährige muss Schwimmen üben. Der Vierjährige auch. Beide sollen das nämlich gerade lernen, und der Achtjährige kriegt sogar eine Zensur dafür, wie gut er sich in ein paar Monaten über Wasser hält. Die meisten Kinder in seinem Alter können das eh schon, also… ab ins Schwimmbad. Solange der erste Schnupfen noch nicht richtig ausgebrochen ist. Weil wir gerade ein Wochenende miteinander verbringen und sonst erst in vier Wochen wieder Zeit haben.

Gerade an diesem Wochenende haben aber saisonbedingt noch alle erreichbaren Hallenbäder geschlossen. Außer demjenigen, zu dem der Bus fährt, der gerade heute „wegen Demonstrationen im Innenstadtbereich“ (Für einen besseren öffentlichen Nahverkehr? Für bezahlbare Schwimmbäder? Für die Rechte Alleinerziehender?) nur eingeschränkt verkehrt. Wir brauchen also schon eine Stunde für den Hinweg.

Im Umkleideraum (der Achtjährige geht natürlich nicht mehr mit in die Frauenumkleide, er ist ja kein Baby mehr) verzweifelt mein großer Sohn, weil er die Duschen nicht findet. Kunststück, die sind ja auch ein Stockwerk tiefer. Der Vierjährige weigert sich, sich abduschen zu lassen. Mir wird jetzt schon kalt.

Der Bademeister verleiht keine Schwimmhilfen. Und erlaubt dem Achtjährigen nicht, im Wellenbecken – in dem gerade gar keine Wellen gemacht werden –  in den Nichtschwimmerbereich zu schwimmen, obwohl ich im brusthohen Wasser mehr oder weniger danebenstehe. Ja ok: Ich habe den Vierjährigen auf dem Arm und könnte den Achtjährigen wirklich nicht retten. Aber das könnte doch der Bademeister übernehmen?

Der Vierjährige möchte ins Babybecken, aber nicht alleine. Der Achtjährige möchte beim Rutschen aufgefangen werden, der Vierjährige schreit gellend „Hiiiilfe!“, weil das Wasser so kalt ist. Während der Achtjährige schwimmt, bibbert der Vierjährige auf der Bank. Beim Rausgehen haben beide blaue Lippen und betteln ausdauernd – um ein Eis.

Auf der Rückfahrt macht der Bus uns die Tür vor der Nase zu. (Leuten davonzufahren, die von irgendwoher angerannt kommen und sehr gerne noch mitfahren wollen, ist ja ein beliebter Sport unter den Berliner Busfahrern – Mütter mit Kindern stehenzulassen, bringt wahrscheinlich besonders viele Punkte). Um die Kinder über die zwanzig Minuten Wartezeit hinwegzutrösten, kaufe ich dann doch Eis. Und bereue es bitterlich, denn die Truhe, aus der die Kinder sich im schabbeligen Kreuzberger Imbiss bedient haben, ist – äh – nicht ganz so sauber, wie ich das gern hätte. Zu spät. Dem Vierjährigen schmeckt das Eis nicht. Zum Glück fällt es runter (und noch nicht mal auf unsere Tasche…).

Wäre das alles einfacher, wenn ich so einen Tag nicht allein durchstehen müsste? Wenn ich mit nur einem Kind schwimmen gehen könnte? Oder wenigstens mit einem anderen Erwachsenen drüber lachen… und das nicht erst am Abend am Telefon? Ja. Es wäre einfacher.

Manchmal habe ich es durch und durch satt, meinen Alltag allein zu meistern.

Deshalb lasse ich mir jetzt eine schöne heiße Badewanne ein. Randvoll mit Selbstmitleid.

(Dann gehts morgen auch wieder.)

Plitsch!

Eigentlich habe ich mein Leben im Griff. Wirklich! Stemme Arbeit, Kindererziehung und die Herausforderungen des Alltags, Woche um Woche. Ich schaffe das schon! – Jedenfalls solange bei mir zu Hause nichts kaputtgeht.

Ein paar Tage lang konnte ich mir einreden, dass ich das gelegentliche „Plitsch!“ aus der Küche ganz heimelig finde. Unter dem Wasserhahn steht ja sowieso die Schüssel für das Blumengießwasser. Aber vielleicht sollte so ein Hahn auf Dauer ja doch nicht tropfen.  

Guter Rat ist wie üblich leicht zu haben. Du brauchst eine Rohrzange, meinen die Kollegen. Und wenn du so eine No-Name-Armatur hast, musst Du sie ganz austauschen. Hast du keinen netten Nachbarn im Haus, der dir das mal schnell repariert, wenn du dich ein bisschen aufbrezelst und mit den Augen klimperst? Unsinn, sagt der Vater meiner Kinder, Du ziehst einfach die Hähne ab und holst das Ventil raus und wechselst die Dichtung. – Das klingt… einfach und überzeugend.

Im Baumarkt greife ich mir eine dieser Armaturen, wie ich sie in meiner Küche habe, und steuere die Information an. Eine ältere Frau berät dort hilfesuchende Kunden. Prima, denke ich, eine Frau – die wird mich nicht so von oben herab behandeln wie die Männer, denen ich sonst immer meine Baumarktfragen stellen muss.

„Ich brauche eine Dichtung für diese Armatur“, spreche ich sie an.

„Welche Dichtung denn?“

„Na… die Dichtung, die ich wechseln muss, wenn dieser Wasserhahn tropft!“

„Da gibt es nur eine.“ Mit dieser kryptischen Aussage hält sie das Gespräch für beendet und wendet sich dem nächsten Ratsuchenden zu.

„Können Sie mir die eine bitte zeigen?“

Sie verdreht die Augen und führt mich in den Gang, in dem auf einer mindestens zwei Quadratmeter großen Fläche Dichtungen in allen Größen, Formen und technischen Ausführungen ausgestellt sind. Die hatte ich auch schon entdeckt.

„Hier, nehmen Sie die.“ Ich bekomme ein Tütchen mit schwarzen Gummischeiben in die Hand gedrückt.

„Äh…“ – ich vergleiche die Scheiben mit meinem diffusen mentalen Konzept von „Dichtung“ – „Warum haben die jetzt kein Loch in der Mitte?“

„Ach – dann nehmen Sie die hier“. Ein weiteres Tütchen. „Da sind halbe Dichtungen und Vierteldichtungen drin, irgendwas wird schon passen. Welche da genau passt, weiß ich jetzt auch nicht, bei dem Produkt.“

Ich nehme das Tütchen in Augenschein. Die Gummischeiben haben Löcher und sind unterschiedlich groß. Und dick. Aber ich bin immer noch nicht zufrieden. „Müssten da jetzt nicht zwei von jeder Sorte drin sein, ich meine, eine für den Kaltwasserhahn und eine für den Warmwasserhahn?“

„Zeigen Sie mal her!“ – Sie schaut sich die Dichtungen genauer an. „Na wenn die Kunden alles immer an die falsche Stelle hängen, kann ich es auch nicht ändern“. Neues Tütchen.

Jetzt sind tatsächlich zwei in jeder Größe drin. Um ihre – leicht beschädigte – Kompetenz wiederherzustellen, zeigt die Mitarbeiterin mir noch die Ventile, die ich im Inneren meiner Armatur finden werde und die Stelle, an der die Dichtung darin angeschraubt ist.

„Und diese Ventile kommen dann raus, wenn ich die Hähne abziehe?“ frage ich hoffnungsvoll.

„Nee“, meint sie mit leicht sadistischem Unterton, „die kommen da nicht raus, die müssen Sie schon abschrauben.“

„Klar“, sage ich, „abschrauben.“ Damit sie jetzt nicht an meiner Kompetenz zu zweifeln beginnt, frage ich lieber nicht nach, welches Werkzeug ich dafür brauche. Stattdessen kaufe ich schnell noch eine schöne, leuchtend orange Badewannenrutschmatte, um das alte, graue Exemplar zu ersetzen, dass mir vor einiger Zeit verschimmelt ist. Das Orange wird großartig zu meiner Lieblingsmangodusche passen.

Zu Hause lege ich das Päckchen mit den Dichtungsringen bereit und krempele – gedanklich – schon mal die Ärmel hoch. Das wäre doch gelacht!

Als erstes, haben die Kollegen gesagt, muss ich die Hähne unten unter der Spüle zudrehen.

Fünf Minuten später gebe ich auf. Möglich, dass es sich bei den Dingern da unten um zwei Hähne handelt. Drehen lassen die sich aber definitiv nicht.

Was tun? Könnte ich den Vater meiner Kinder, einen technisch begabten Exliebhaber oder den handwerkernden Ehemann meiner Nachbarin zu einem gemütlichen Essen-und-Wasserhahn-reparieren einladen? Menno. Ich bin eine starke Frau! Ich will das selber können!

Vom Wasserhahn kommt  – leise und hämisch – „Plitsch! – Plitttttttsch!!!“