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Auf der Schwelle

Wir haben die ersten Lebensveränderungen dieses Sommers hinter uns.

Gut klappt die Zusammenarbeit mit der neuen Chefin – bisher – ; alles aus dem Homeoffice, andere Teammeetings, ein anderer Führungsstil, aber erstaunlich reibungslos. Ein paar Abläufe haken noch, aber das wird schon.

Zehn Jahre hat der Vater meiner Kinder genau drei Türen weiter in der gleichen Straße gewohnt, seine Freundin im Hinterhof gegenüber, ihre abendlichen Rufe nach ihrer Katze gehörten in den Hof wie das Zischen des Rasensprengers und die Krähenschreie. Schön war diese räumliche Nähe für die Kinder; schwierig für mich; vieles war unkompliziert zu regeln, die andere Wohnung mit den vergessenen Dingen immer nur ein paar Schritte entfernt. Seit zwei Wochen lebt der Vater meiner Kinder nun mit neuer Frau, neuem Kind und großem Wechsel-Patchwork im Nachbarbezirk. Auch das muss sich einspielen. Beide Kinder wollen im gewohnten Wechselrhythmus bleiben. „Bei uns ist das so“, sagen sie, wenn sie von ihrem Vater kommen, und ich werde ganz klein angesichts von so viel „uns“. Eure Mutter ist ganz neidisch auf unsere schöne Wohnung, zitiert der Elfjährige die Frau seines Vaters, und ich würde gerne wütend nach dem Telefon greifen und mir dergleichen Bermerkungen verbieten, aber dann lasse ich es bleiben; beim nächsten Vorfall ist ein Gespräch fällig. Den Kindern kein Elternteil schlechtzumachen sollte doch eine Grundregel sein?

Jetzt steht der Berliner Schulbeginn bevor. Wir haben größtmögliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, tönt es aus der Berliner Bildungspolitik; es wird Seife auf dem Klo geben und die Fenster sollen geöffnet bleiben – und: Maskenpflicht immer und überall – außer im Unterricht. Dort ist auch das Abstandsgebot aufgehoben, die Schulen und Klassenräume sind nämlich sowieso zu klein. Während die ersten Schulen in Mecklenburg-Vorpommern schon wieder schließen müssen, startet Berlin sein großes Wie-schnell-stecken-sich-Schüler-gegenseitig-mit-Corona-an-Experiment. Für einige Kinder oder Eltern wird das schlecht ausgehen, tödlich vielleicht, statistisch beinahe unvermeidlich. Können wir uns schützen? Nein. Habe ich Lust auf weitere Monate des Homeschoolings? Auch nein. Ich weiß also auch nicht, was tun; kaufe dem Elfjährigen zwei FFP2-Masken für die überfüllte S-Bahn und Desinfektionsgel für die Hände und rate ihm, im Unterricht eine Papiermaske zu tragen. Aber in der 10. Klasse, in der der Fünfzehnjährige noch ein Jahr mit all den Kindern ausharren muss, mit denen er sowieso schlecht zurechtkommt, dürfte das Maskentragen so uncool sein, dass er es nicht freiwillig während der Unterrichtsstunden machen wird.

Und die Hitze rollt über die Stadt. Während die Natur ächzt und leidet, haben wir es unverschämt gut: Wir schließen die Fenster und auf der Sonnenseite die Gardinen. Wir fangen Brauchwasser auf und haben – weil das nicht reicht – genug Trinkwasser, um am Abend die Balkonblumen zu gießen und die Bienentränke zu füllen. Wir fahren am Morgen zum See und bleiben fast den ganzen Vormittag im Wasser; wir treffen uns am Abend mit Freunden auf dem Restaurantschiff; wir essen Eis und radeln in der nächtlichen Kühle nach Hause zurück; wir trinken sauberes Wasser und schneiden Melone auf; wir kaufen Zeitfenstertickets fürs Schwimmbad und hoffen auf verkürzten Unterricht an den heißen Tagen.

Wir genießen den Sommer, so viel wir können.
Wir beginnen einen neuen Abschnitt, mit mehr Ungewissheit als sonst.
Ich möchte die Schutzengel meiner Kinder bestechen und einen Regentanz tanzen.

WmdedgT – 6/2020

Gestern hat Schreiben nirgendwo dazwischengepasst; also heute nachträglich der Tagebucheintrag für den 5. Juni. Frau Brüllen fragt wie immer, was wir am 5. einer Monats machen; und alle Beiträge für gestern finden sich hier.

Gestern gab es viele Routinen, die wegen Homeoffice/Homeschool gerade jeden Tag so ablaufen. Also: Wecker um zehn nach sieben (ich were es nie wieder hinkriegen, um 5.45 aufzustehen…), ein kurzer Blick auf den Balkon, Bad, ein paar halbherzige Gymnastikübungen zu den Morgeninfos vom Deutschlandfunk. Frühstück gibt es kurz vor acht und ein paar Minuten vorher mache ich die Türen zu den Jungszimmern auf und versuche die Frühstücksankündigung wie einen verlockenden Grund zum Aufstehen klingen zu lassen.

Frühstück geht schnell; der Fünfzehnjährige muss ans Ritalin erinnert werden (würde er selbst daran denken, könnte man es vermutlich auch weglasse); der Elfjährige an die hübsch geschälten Birnen, die ich ihm hingestellt habe (würde er sie ohne Aufforderung essen, müsste ich die nicht mehr extra hinstellen). Hinterher wird auf dem Küchentisch der Arbeitsplatz des Fünfzehnjährigen eingerichtet, weil es hier weniger Ablenkung gibt als in seinem Zimmer.

Die Jungs ziehen sich an; ich melde mich schonmal im Homeoffice an und sehe meine Mails durch. Dann setze ich mich zum Fünfzehnjährigen, solange der seine Nachrichten sichtet, seine Teams für alle Schulfächer durchsieht und sich seinen Tages-Arbeitsplan schreibt. Der ist mal wieder viel zu lang. Erfahrungsgemäß kann der Fünfzehnjährige pro Tag nicht für mehr als vier Fächer arbeiten, weil die Aufgaben oft umfangreich sind und lange dauern. Sechs verschiedene Fächer auf dem Stundenplan plus Nacharbeit für Fächer, in denen aus genau diesem Grund Aufgaben liegengeblieben sind, ist also schwierig. Der Elfjährige sitzt schon am Wohnzimmertisch und hat sich selbst einen Überblick verschafft, was zu tun ist.

Ich nehme einen Kaffe mit an meinen Rechner und arbeite. Zwischendrin: Abwechselnd kommen die Kinder mit ihren Laptops zum Drucker neben meinem Schreibtisch und drucken Arbeitsblätter. Vokabelfragen des Elfjährigen. Schnell die Bezeichnung für einen Teil der Blütenpflanze googeln, den der Elfjährige nicht selber findet. Regelmäßige Kontrollgänge in die Küche: Fünfzehnjähriger, arbeitest du wohl? 10.30 das tägliche Online-Meeting mit dem Noch-Chef. 11.30 bereite ich ein improvisiertes Essen vor (manchmal koche ich abends für den näcshten Tag vor, das würde hier viel besser klingen, aber gestern nun gerade nicht): Gemüsereste, Erbsten aus der Dose, gekochte Kartoffeln vom Vortag; ich bitte den Fünfzehnjährigen, um 12.15 Reis anzusetzen und die anderen Sachen warmzumachen. 12 Uhr nächstes Online-Meeting, danach Telefonat mit der Bald-Chefin, die – oh nein, das ist unprofessionell – in der Diskussion über die Notwendigkeit, sinnvolle Backup-Regelungen zu schaffen, plötzlich von der Krebserkrankung einer Mitarbeiterin in ihrem alten Team erzählt und sogar den Namen nennt.

Der Fünfzehnjährige hat noch keinen Reis aufgesetzt, also mache ich das schnell, wir essen um Viertel nach eins. Hinterher arbeite ich ab, was sich aus dem Telefonat mit der Bald-Chefin an Aufgaben ergeben hat. Arbeitsende trotzdem pünktlich um 15 Uhr. Der Fünfzehnjährige ist noch nicht so weit; also darf ich die Küche noch nicht betreten. Lese stattdessen dem Elfjährigen vor, wir haben ja gerade viel gemeinsame Freude an Terry Prattchet (und man muss auch nur ganz wenige Stellen weglassen, die dem Elfjährigen noch keinen Spaß machen würden). Gegen vier hat dann auch der Fünfzehnjährige erstmal Schulschluss und wie erwartet nur das Minimalprogramm von seiner Liste ist abgearbeitet. Ich erledige den Abwasch, während Bukahars Album „Canaries in a Coal Mine“ Wochenendstimmung verbreitet, und koche dann Hollunderblütengelee, für das wir am Tag vorher Blütendolden in Zitronenwasser angesetzt haben.

Um fünf baut der Elfjährige in seinem Zimmer das schnellere Laptop auf und meldet sich zum Online-Schachtraining an. Beim letzten Mal haben wir mehr als eine Stunde mit der Technik gekämpft; dieses Mal klappt alles auf Anhieb. Der Fünfzehnjährige erledigt den Einkauf, ich kümmere mich so lange um ein paar Gelddinge und Mails. Außerdem ist gerade noch genug Zeit, um einen im Internet geliehenen Film (purer Eskapismus) fertigzuschauen, bevor die Leihfrist ausläuft.

Kurz vor sieben ist der Fünfzehnjährige zurück und macht Abendbrot – die Helfe-Liste, in der die Jungs sich jeden Morgen für zwei Pflichten eintragen, funktioniert immer noch gut. Ich koche derweil Hollunderblütensirup, für den wir auch schon einen duftenden Topf mit Blüten und Wasser im Kühlschrank stehen haben. Fürs Tischabräumen hat sich der Elfjährige eingetragen, also kann ich nach dem Essen noch ein Schulproblem mit dem Fünfzehnjährigen besprechen und ihn eine entsprechende Mail schreiben lassen.
Ich schicke dem Hannoverliebsten eine Nachricht und frage, wann ich am nächsten Wochenende anreisen soll, und er ruft sofort zurück. Total multimedial – ich habe den laufenen Videoanruf am Handy neben dem Laptop mit der Bahn-Seite stehen – kaufe ich mir Fahrkarten fürs nächste Wochenende. Die blöde Bahn hat seit Januar definitiv die Preise erhöht, trotz Mehrwertsteuersenkung. Ein Festnetzanruf unterbricht unsere Multimediasession; ich verbringe eine gemütliche Stunde auf dem Sofa mit dem klassischen Telefon am Ohr; schaue dann nochmal nach den Jungs und bringe kurz nach zehn den Elfjährigen ins Bett.

Gegen halb elf sitze ich selbst im Schlafanzug in meinem kleinen Schlafzimmer und rufe nochmal in Hannover an. Später noch ein paar Seiten „Lara“ von Bernardine Evaristo (von der ich hoffe, dass sie bald ins Deutsche übersetzt wird, damit ich ihre großartigen Bücher weit gestreut verschenken kann). Licht aus. Schlafen.

Draußen und drinnen

Draußen bei meiner Morgenrunde sehe ich den Fuchs am Papierkorb schnüffeln und den Reiher in der Morgensonne stehen. Die Gänsefamilien schwimmen auf dem Kanal, den Küken wachsen schon Federn auf den Flügeloberseiten und am Bürzel. Am Abend weiden sie am Ufer Gras und kommen dicht an den Elfjährigen und mich heran. Wir stehen ganz still. Ein Mann aus der Nachbarschaft erzählt vom Biber, der abends vorbeischwimmt; und davon, wie er Fuchsfähe und Krähen füttert. Derweil guckt eine Maus aus einem der vielen Löcher an der Uferbefestigung und huscht dann wieder in die Tiefe. Auf dem Rückweg wohnt ein Eichhörnchen an der Strecke; und der Baum mit dem Starenloch zwitschert noch immer laut; die Alten fliegen fleißig mit Futter heran. Auf meinem Balkon baden die Spatzen in der Bienentränke und hinterlassen… Hinterlassenschaften. Schwebfliegen stehen zwischen den Blättern der wilden Malve, die Schwertlilie blüht, mit den Blüten der Katzenminze ist eine Biene beschäftigt.

Drinnen wächst dem Fünfzehnjährigen die Schularbeit über den Kopf. Die letzte Motivation geht flöten, als Lehrer plötzlich Aufgaben stellen, die auf anderen Aufgaben aufbauen, die der Fünfzehnjährige garnicht bekommen hat. Jeden Morgen Mails sichten, Teams durchsuchen (auch die ausgeblendeten), Aufgaben aus dem einen Präsenztag im Kopf behalten, Liste schreiben. Lange und kurze Abgabefristen, Präsentationen, Ausarbeitungen, Vokabeln, Gruppenarbeit, die nicht funktioniert.
Streit. Rauschender Abgang des Fünfzehnjährigen zu seinem Vater, bei dem zwar wegen des Babies keine besondere Ruhe herrscht, der aber weniger streng kontrolliert, ob die Schulaufgaben erledigt werden.
Der Elfjährige hat es besser im Griff, wir stellen fest, dass wir keinen schwarzen Filzstift haben und dass Edding sich für das Filterexperiment zu den Bestandteilen schwarzer Filzstiftfarbe nicht eignet. Zwei Fineliner finden sich dann doch noch und liefern wunderschöne Farbverläufe. In der Anton-App darf zur Belohnung gespielt werden, warum auch nicht, das motiviert.

Meine Kopfschmerzen gehen auch mit Tabletten kaum noch weg, die Konzentration auf meine eigene Arbeit ist futsch, Fehler passieren. Der Klassenlehrer des Fünfzehnjährigen kann auch noch nicht sagen, was für Schulunterricht es nach den Sommerferien geben wird. Und wie viel. Beide Kinder zusammen haben bis zu den Sommerferien in sechs Wochen noch fünf (FÜNF!!!! in fünfeinhalb Wochen!!! BEIDE Kinder zusammen!!!) Präsenztage, die sich nicht überlappen. In den Zeitungen ist von „Schulöffnungen in Deutschland“ die Rede und die Elterngeld-Sonderregelungen laufen aus, sagt das Radio. Nicht, dass ich welches kriegen würde, ich darf ja Homeoffice. Zur Not auch für immer. Lachen oder Weinen, je nach Tagesform. Irgendwann gebe ich auf und lasse mich krankschreiben, das wird wahrscheinlicher, je länger dieser Zustand andauert.

Draußen auf der Ausfallstraße rauscht der Verkehr fast schon wieder so laut wie vor der Coronakrise.

WmdedgT – 5/2020: Digitaler Alltag

Gefühlt ist irgendwie noch immer Mitte März, oder? Seitdem ist zwar Zeit vergangen, aber irgendwie nicht auf die gleiche Weise wie sonst. Trotzdem ist schon wieder der 5. – und Frau Brüllen fragt uns, was wir eigentlich den ganzen Tag so machen. Links zu allen Beiträgen gibt es bei ihr.

Mein Wecker klingelt um zehn nach sieben. Das ist angenehm, vor allem, wenn der Abend mal wieder lang war; oft wird er das, am Telefon mit dem Hannoverliebsten. Ich brauche ein paar Minuten, um mich zu motivieren, die Augen aufzumachen. Dann gehe ich mit dem kleinen Radio ins Zimmer des Elfjährigen (der bei seinem Papa ist) und mache zu den Informationen-am-Morgen ein bisschen Gymnastik. Hinterher Bad. Dann bereite ich das Frühstück vor: Kaffee, Tee, Toast, Marmelade, Käse. Zehn vor acht wecke ich den Fünfzehnjährigen. Wir frühstücken zusammen.

Kurz vor halb neun ist der Küchentisch abgeräumt und das Laptop des Fünfzehnjährigen aufgebaut – sein Schularbeitsplatz. Wir gehen gemeinsam die Emails der Lehrer durch und der Fünfzehnjährige schreibt eine Liste aller Aufgaben, die er heute bearbeiten muss und eine zweite Liste mit Aufgaben, die er in den nächsten Tagen bearbeiten muss und schon vorliegen hat. Während ich mich an meinem Dienstrechner anmelde, klingelt der Elfjährige. Sein Arbeitsplatz ist am Wohnzimmertisch, wenn ich am Schreibtisch sitze, ist das direkt hinter meinem Rücken. Nachdem wir ein paar Netzwerkprobleme behoben haben, geht das Arbeiten los. Immermal trägt eins der Kinder seinen Laptop zum Bügelbrett, das rechts neben meinem Schreibtisch steht, stöpselt sich am Drucker an und druckt Arbeitsblätter aus. Der Elfjährige hat heute seinen Seufzertag: Geschichte und Geografie, insgesamt drei Stunden, das macht ihm keinen Spaß. Der Fünfzehnjährige ist sowieso nicht besonders intrinsisch motiviert und muss alle halbe Stunde gefragt werden, woran er gerade arbeitet. Immer hilft das auch nicht – es taucht auch heute wieder eine Rückmeldung der Französischlehrerin auf, die dazu führt, dass am Nachmittag noch etwas aus der letzten Woche nachgearbeitet werden muss.

Halb elf ist mein tägliches Teammeeting – keine besonderen Vorkommnisse. Der Chef freut sich auf seinen Friseurtermin, ein Kollege ist im Büro, das macht mich ein bisschen neidisch. Zwischendurch ruft der Vater meiner Kinder an, um ein paar Sachen abzusprechen; und dann telefoniere ich der Asthmaärztin des Elfjährigen hinterher, denn in der Ankündigung der Schule des Fünfzehnjährigen, dass nächste Woche ein Präsenz-Schultag (vier Stunden zu je 60 Minuten in Gruppen von acht Schülern) stattfinden wird, stand auch, dass Schüler, die in einem Haushalt mit Personen leben, die einer Risikogruppe angehören, die Schule nicht besuchen dürfen. Das muss also möglichst schnell geklärt werden.

Bis zum Mittag habe ich trotz aller Unterbrechungen auch etwas Büroarbeit erledigt. Der Fünfzehnjährige hat gestern Nudelsauce nach Art der großen Schwester vorgekocht, also muss ich nur Nudeln machen. Wir essen am Wohnzimmertisch, zwischen den Schulsachen, die der Elfjährige gerade aufräumt, dem neuen großen Puzzle und den Stoffzuschnitten für weitere Schutzmasken (weil die Kinder ja spätestens für ihren Schulweg auch welche brauchen werden). Der Elfjährige hat seine Aufgaben erledigt und geht wieder zu seinem Vater; der Fünfzehnjährige macht kurz Pause, ich gieße mir eine Tasse kalten Kaffee ein und setze mich zusammen mit meinem Mittagstief an den Rechner. Zum Glück wenig zu tun. Im Homeoffice darf man in diesem Fall ein bisschen Musik hören, finde ich; außerdem lese ich bei umstandslos die Artikel zum Elternsein in Coronazeiten und bin ganz berührt von der Fülle der Erfahrungen, die dort zur Sprache kommen. Gegen eins geht dann auch der Fünfzehnjährige zu seinem Vater, denn der hat Zeit, bei den schwierigen Fächern (wieder Geschichte, wieder Geografie – dabei machen die dem Fünfzehnjährigen sogar Spaß, wenn er sich den Stoff nicht allein erarbeiten muss) zu helfen. Ich arbeite ein bisschen. Zwischendurch ruft die Asthmaärztin zurück und beruhigt mich – beide Kinder dürfen zur Schule gehen, wenn Präsenzunterricht angeboten wird.

Gegen drei klappe ich mein Laptop zu und räume die Wohnung auf. Dann bringe ich meine Zähne auf Hochglanz und packe zwei Schutzmasken ein. Kurz nach halb vier bin ich mit dem Elfjährigen verabredet; wir haben beide unseren Kontrolltermin beim Zahnarzt. Die Praxis ist supergut coronaorganisiert: wir warten am Eingang, bis das Wartezimmer frei ist, desinfizieren uns die Hände, ich stecke selbst die Chipkarten ins Lesegerät, das gleich hinterher von der Arzthelferin für den nächsten Patienten desinfiziert wird. Unsere Schutzmasken dürfen wir erst auf dem Behandlungsstuhl ablegen; der Arzt und seine Assistentin tragen Plexiglasvisier und Handschuhe. Sehr beruhigend. Zum Glück ist alles in Ordnung, wir sind ganz schnell wieder draußen. Der Elfjährige geht nach Hause, ich gehe noch zur Juwelierin, die meiner Armbanduhr eine neue Batterie eingesetzt hat und zum Schreibwarenladen. In der Apotheke frage ich nach Einmalhandschuhen, mit denen ich mein Asthmakind in der S-Bahn ausrüsten will, wenn auch seine Schule Präsenztage anbietet: ausverkauft. Immerhin bekomme ich ein paar Papiermasken für den Fall, dass der Elfjährige unter den Stoffdingern doch nicht genug Luft bekommt.

Zu Hause erstmal ausgiebiges Händewaschen. Dann koche ich vor: Maisauflauf und Bohnensalat. Aus den Resten von heute Mittag mache ich ein warmes Abendessen für mich und den Fünfzehnjährigen. Der Abwasch muss auch erledigt werden. Nach dem Abendessen stelle ich mir Musik an und nähe vier Stoffmasken – eine für den Fünfzehnjährigen, eine für den Elfjährigen und noch zwei für mich. Leider ist der schöne blaue Stoff jetzt aufgebraucht, durch den es sich relativ angenehm atmet, weil er in seinem früheren Leben als Bettlaken schon so oft gewaschen wurde, dass er ganz dünn und weich geworden ist. Dafür sind meine neuen Masken in grün und rot sehr hübsch. Der Fünfzehnjährige hat sich unterdessen in die virtuelle kirchliche Jugendgruppe eingewählt und klingt von weitem sehr fröhlich.

Ich räume noch eine Runde auf und setze mich dann bei vorteilhaftem Licht in den Sessel, um noch ein Videotelefonat mit dem Hannoverliebsten zu führen. Um halb zehn kommt der Fünfzehnjährige aus seinem Zimmer und sagt kurz Hallo. Ich stoße kurz virtuell mit der Patentante des Fünfzehnjährigen an (unser Abendritual ist das) und nehme mir dann noch ein paar Minuten Zeit für den Fünfzehnjährigen. Als mir einfällt, dass heute der 5. Mai ist, fällt mein täglicher Vorsatz, endlich einmal früher schlafen zu gehen, dann doch wieder ins Wasser.

Macht nichts. Der Wecker klingelt ja erst kurz nach sieben…

Männer in geblümter Schutzmaske

Coronapandemie, Woche sechs der Kontaktbeschränkungen.

Nein, falls der Eindruck entstehen sollte: Es geht bei uns oft nicht harmonisch zu. Nicht, wenn der Fünfzehnjährige von seinem Vater zurückkommt, ohne in der Papaferienwoche – worum ich seinen Vater aus begründetem Verdacht dringend gebeten hatte – eine Liste angefertigt zu haben, welche Schulaufgaben er vor den Ferien nicht bearbeitet hat. Ganz besonders nicht, wenn in einem zweistündigen eMail-Lese-Marathon gemeinsam mit mir dann herauskommt, dass der Fünfzehnjährige in den zwei Wochen vor den Ferien eigentlich garnicht für die Schule gearbeitet und Lehrern, die Aufgaben eingefordert haben, irgendetwas von hohem Fieber geschrieben hat.

Die Woche fing also unharmonisch an – Türenknallen, Geschrei und Tränen – und wurde im weiteren Verlauf recht… arbeitsam. Ich habe kapiert, dass der Fünfzehnjährige – so gerne er das auch hätte und so vehement er das auch behauptet hat – eben nicht alleine damit klarkommt, die zehn bis zwanzig eMails am Tag zu lesen, die seine Lehrer munter versenden; herauszusuchen, was er zu tun hat, es zu bearbeiten und pünktlich abzugeben. Und dabei den Verlockungen von youtube zu widerstehen, das am Computer immer nur einen Klick entfernt ist und mit unendlicher Zerstreuung lockt! Da hilft auch sein Ritalin nicht, für das ich trotzdem im Moment sehr dankbar bin. Der Fünfzehnjährige bekommt jetzt also engmaschige Unterstützung, zum Glück ist die Bürowoche (trotz Krankmeldung meines dauererschöpften Kollegen) ruhiger, als die letzten es waren. Der Elfjährige kommt mit den technischen Rahmenbedingungen der Schule zu Hause inzwischen gut klar, druckt Arbeitsblätter aus, meldet sich bei immer neuen Lernplattformen an, fotografiert seine Arbeitsergebnisse und lädt sie in den Lernraum. Seine Lehrer werden kreativer, er bastelt Jonglierbälle aus Luftballons und mischt mit Öl und Eiweiß Malfarben quer durchs Gewürzregal (merke: Curry und Kakaopulver funktionieren besser als Cayennepfeffer). Außerdem hat er den ersten Livechat-Unterricht, immerhin 20 Minuten, von denen die letzten zehn leider einer technischen Störung zum Opfer fallen.

Nachmittags geht der Elfjährige in den Hinterhof und spielt mit seinem Stiefbruder. Manchmal auch mit anderen Kindern; den Abstand, den ich predige, halten sie natürlich nicht immer ein, aber die Erwachsenen im Kiez nehmen das auch nicht ernster. Währenddessen arbeitet der Fünfzehnjährige bis abends wenigstens diejenigen Schulfächer nach, in denen die Lehrer das dringend verlangt haben. Immerhin wird es Zeugnisnoten geben und die entstehen ja irgendwie.

Am Donnerstag verlasse ich den Kiez – zum dritten Mal seit Mitte März – und fahre zu einem Arzttermin. Obwohl die Schutzmaskenpflicht für die Berliner öffentlichen Verkehrsmittel schon beschlossen ist und das Virus bis zum Inkrafttreten dieser Pflicht am Montag sicherlich nicht weniger ansteckt, sitzen die meisten Leute noch ohne Maske in der Bahn. Ich beginne, das ziemlich unsolidarisch zu finden.
Die Arztpraxis ist nicht weit von meinem Büro entfernt, in dem angeblich mein lange erwartetes Zwischenzeugnis liegt; also gehe ich dort kurz vorbei, schwatze mit zwei Kollegen, denen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt und die deshalb per Fahrrad ins Büro kommen, stelle zwei Orchideen und einen Gummibaum – die trotz der fünf Wochen ohne Wasser noch leben – bei ihnen unter und klopfe vergebens an die Türen in der Personalabteilung.

Ansonsten? Ein Waldspaziergang. Zwei kleine Morgenrunden, draußen, bei denen ich die fünf Gänsefamilien mit ihren Küken aufscheuche, die auf der versteppten Fläche am Wasser nach ein paar letzten grünen Halmen suchen. Zweimal Gymnastik und eine Online-Bauchtanzstunde. Viel Telefonzeit mit dem Hannoverliebsten. Keinen Teppich bestellt, keine sim-Karte aktiviert, keine Fotos sortiert. Grundgefühl Sorge: Werden die Fallzahlen wieder ansteigen, nachdem nun die Läden öffnen und die coronamüden Berliner fröhlich und mit weniger als anderthalb Metern Abstand voneinander zur Normalität zurückkehren? Werden wir den Sommer hier eingesperrt verbringen müssen, wenn es neue Einschränkungen gibt?

Im Supermarkt immerhin werden an diesem Samstag deutlich mehr Masken getragen. Interessiert schaue ich mir die verschiedenen Modelle an (zeig mir deine Maske und ich sage dir, wer du bist…) und freue mich besonders an der Blümchendruckvariante, mit der ein Mann im Familienvateralter durch die Gänge kreuzt. Oder sind die runden Dinger auf seiner Maske am Ende Bilder von bunten, knubbeligen Coronaviren?
Aus zwei Metern Abstand ist das nicht zu erkennen.

Schulessen ist uncool

Hässliche Geheimnisse neigen dazu, nicht in geeigneten Momenten ans Licht zu kommen, nicht an friedlichen Vormittagen, an denen alle gute Laune haben und sich spontan ein Familienrat einberufen lässt, in dem in aller Ruhe über alles geredet werden könnte. Nein, ausgerechnet am Sonntagabend, dreieinhalb Minuten vor der Schlafenszeit, als der gebrochene Zeh noch wehtut, der Koffer vom Himmelfahrtswochenende noch garnicht recht ausgepackt ist und der Klassenfahrtskoffer für den Neunjährigen noch eingepackt werden muss, stellt sich heraus, dass der Dreizehnjährige seit einem ganzen Monat heimlich nicht mehr am Schulessen teilnimmt.

Es isst nämlich kein anderes Kind aus seiner Klassenstufe mehr mit.

Und allein zu essen findet er ganz schrecklich.

Irgendwann bin ich nicht mehr wütend, hat der Dreizehnjährige mir seine Beweggründe erklärt, ist die Schlafenszeit lange verstrichen, der Koffer gepackt… und vor mir sehe ich eine lange, traurige Zukunft, in der ich mehr Zeit am Herd verbringen werde, als mein feministisches Herz es sich je hat träumen lassen. Denn wie soll ein pubertierendes Kind bitte ohne eine warme Mahlzeit am Tag groß werden? Noch dazu meins, dessen Hosenweite immer zwei Kleidergrößen weniger beträgt als seine Hosenlänge, und das warmes Essen eigentlich über alles liebt (Während sein Bruder bekanntlich abends unter keinen Umständen etwas anderes als Frischkäsebrote zu sich zu nehmen bereit ist…)?

Meine erschrockene Mail an die Eltern der Klasse – wie handhabt Ihr das eigentlich mit dem Schulessen Eurer Kinder, schmeckt das denen nicht? Finden die das alle uncool? – verhallt ungehört in den Weiten des virtuellen Raums; nur die Mutter der Sitznachbarin und Freundin des Dreizehnjährigen schreibt mir tröstend, dass ihre Tochter sich Reste aufwärmt und manchmal gern Nudeln mit Zucker in die Schule mitnimmt.

Schlaflos liege ich im Bett und raufe mir die Haare. Was tun? Samstags und sonntags ein bisschen mehr kochen, damit montags und dienstags ein Rest zum Aufwärmen da ist? Donnerstags – wenn der Dreizehnjährige allein bei mir ist – gemeinsam kochen? Montags und donnerstags sind aber gerade die langen Schultage, also Geld mitgeben für belegte Brötchen oder für die Igittigitt-Instant-Nudeln – der letzte Schrei unter den Kindern an der Schule des Dreizehnjährigen – aus der Cafeteria? Eine größere Brotbox scheint wenig aussichtsreich, da schon jetzt meistens ein Brot wieder mit nach Hause kommt. Und was bitte machen wir mittwochs und freitags?

Es macht mich traurig, und es macht mich ein bisschen wütend: Statt dass wir froh darum sind, dass an unseren Schulen warmes Essen angeboten wird, erlauben wir unseren Kindern, das uncool zu finden und nachmittags hungrig nach Hause zu kommen; nachmittags, wenn wir selbst auch gearbeitet haben und vielleicht eine halbe Stunde wir selbst sein (auf dem Balkon sitzen, jemanden anrufen, einen Gedanken zu Ende denken, einen Plan schmieden, ein Instrument lernen, eine Revolution anzetteln) könnten – statt Gemüse zu schnippeln und Kartoffeln aufzusetzen.

Neues Spiel, neues Glück

Meine  Vorsätze für das neue Schuljahr lassen sich kurz und knapp ungefähr so zusammenfassen: Liebevoll und gelassen, ein Fels der Ruhe in der wilden Brandung des familiären Organisationsbedarfs, werde ich meine Kinder sanft, entspannt und bestimmt zum bereitwilligen Lernen, freudigen Üben auf Keyboard und Schlagzeug und zum selbständigen Vorausdenken an ihren nächsten Schultag anleiten und dabei selbstverständlich für ausreichende Zeiten der Entspannung und des freien Spiels – allein und mit Freunden -, für die Teilnahme an Sport-AGs, die Zufuhr von abwechslungsreichem Gemüse und Vitaminen, tägliche Knick-Senk-Fuß-Gymnastik und jederzeit fleckenlose Kleidung in ungefähr der richtigen Größe sorgen.

So jedenfalls der Plan.

Der erste Schultag lief auch garnicht schlecht.

Wir haben mehrere Tüten Schulmaterial zur Grundschule verschafft (den Großen hat sein Papa zum Gymnasium gefahren, was gut war, weil ich ihm so nicht meine wird-er-bloß-hoffentlich-Freunde-finden-Ängste mitgeben konnte); wir haben den neuen Klassenraum des Achtjährigen gefunden, obwohl die Türschilder noch nicht ausgetauscht waren; sein Schließfach entdeckt, obwohl die Nummerierung der Fächer einem undurchschaubaren Muster folgt; ich habe mir am Nachmittag eine Plastik-Aufbewahrungsbox (der richtigen Sorte!), ein Paar Rutschsocken und ein noch nicht abgelaufenes Asthma-Notfall-Spray für den Turnbeutel des Achtjährigen aus einer überschüssigen Rippe geschnitten, einen ausführlichen Schülerbogen ausgefüllt, die ersten beiden Elternbriefe der Grundschule gelesen und die Hauptinformation – die anderthalb Grundschulschließtage in den nächsten sechs Wochen – erfasst, in den Kalender geschrieben und an den Vater der Kinder weitergegeben; ich habe dem aufgeregt herumquirlenden Zwölfjährigen Trennlaschen, Klarsichtfolien und Buchumschläge zugereicht und paralell den Achtjährigen zum Ausfüllen seines Stundenplanes im Hausaufgabenheft angeleitet; zeitgleich dem Zwölfjährigen beim aufmerksamkeitsbegierigen Bericht über seine ersten Hausaufgaben und die gymnasialen Handy-Nutzungsregeln sowie dem Achtjährigen beim Erzählen von einer beinahe-Hubschrauberlandung auf dem Schulhof in der Mittagspause zugehört und ich bin – so weit ich mich erinnere – kein einziges Mal sehr laut und ungeduldig geworden.

Allerdings bin ich jetzt müde.

Sehr, sehr müde. Ist bald Wochenende?

Tagesnotizen: 8.5.2017

Sehr müde taumele ich aus dem Wochenende – das ich mit Waschen, Kochen, Backen, Putzen. ein wenig Krankenpflege am klassenfahrtschlafmangelkranken Achtjährigen und zwei gemütlichen Frühstücken mit der ganz großen Schwester verbracht habe – in die Woche.

Im Büro herrscht Frieden. Ich lasse mir in aller Ruhe die eine oder andere Aufgabe erläutern, die ich übernehmen werde, wenn pünktlich zu Beginn der Sommerferien die Kollegin in Mutterschutz geht.

Für Nachmittagsbeschäftigung sorgt die Grundschule, diesmal in Person der Musiklehrerin des Zwölfjährigen, die sich vorstellt, dass alle Schüler der 6. Klasse eine Trommel bauen sollen. Mein Sohn und ich treffen uns also am Alles-Laden im Kiez und erwerben eine Rolle Butterbrotpapier, einen kleinen blauen Plastikeimer, einen Blumentopf (falls das mit dem Eimer schiefgeht), einen breiten Pinsel und eine dicke Zeitung.

Als nächstes muss der Vater meiner Kinder mit dem Taschenmesser den Boden aus dem Plastikeimer entfernen. Ich zeige dem Zwölfjährigen, wie er den Tapetenkleister anrühren muss, und stelle ihm die Schneidemaschine zum Bei dem Versuch, in Tapetenkleister getränkte Butterbrotlagen einzeln – wie im Internet in einem dieser youtube-Videos empfohlen – auf den Eimer zu kleben, erleidet der Zwölfjährige einige Misserfolge. Also leimt er erst 10 Lagen Butterbrotpapier – immer um 45 Grad gegeneinander versetzt – übereinander und dann löst er den ganzen Schlabuff von der Zeitung ab und (sch)leimt ihn über den Eimer. Ob das nach der geschätzen Woche Trockenzeit hält, steht in den Sternen, aber mein Sohn behauptet, dass einige der flinken fleissigen Mädchen aus seiner Klasse schon fertige Wisch- und Mülleimer-Trommeln mitgebracht haben. Vielleicht funktioniert es ja doch.

Daumendrücken!

Bitter an Dienstagen

Manchmal funktioniert das mit dem Wechselmodell gut, aber fragt mich bitte nicht an Dienstagen danach. Nicht an denen, an denen der Elfjährige – einen Tag nach dem Siebenjährigen – zu mir wechselt. Solche Wochen beginnen nämlich oft ungefähr wie diese:

Am Montag mache ich mit dem Siebenjährigen alles, was sein Papa nicht gemacht hat: Seine Schuhe erst trockenen und dann gründlich imprägnieren. Einen Tag vor der Keyboard-Stunde endlich mal üben, und zwar ordentlich. Den Ranzen aufräumen und alle losen Blätter sortieren. Schulessen für die nächsten Tage und Wochen im Internet bestellen. Den Siebenjährigen mit viel Überredungskunst Möhre, Chinakohl und Gurke zum Abendessen unterjubeln.

Am Dienstag mache ich mit dem Elfjährigen alles, was sein Papa nicht gemacht hat: Meinen Sohn dazu bringen, dass er seinen Ranzen auspackt, die losen Blätter der letzten Schulwochen (die vor Weihnachten war ja auch eine Papa-Woche) einheftet und sein „Lerntagebuch“ für die laufende Woche vorschreibt und auszufüllen beginnt. Angesammelte Tests unterschreiben. Die Elternpost durchsehen. Den Elfjährigen im Internet Schulessen für die nächsten Tage und Wochen bestellen lassen.

Das kling alles nicht so schlimm? Montags mit dem Siebenjährigen ist es auch noch ganz entspannt. Ist ja nur ein Kind, und dieses Kind kann sich gut konzentrieren. Aber noch bevor der Elfjährige am Dienstag mit seinen Schulsachen fertig ist, ist es Abend, habe ich ihn gefühlte dutzende Male ermahnt, sich nicht ablenken zu lassen und weiterzumachen – und er hat Kopfschmerzen. Schluss also für heute. Kurz bevor ich ins Bett gehen will, entdecke ich, dass seine Winterschuhe innen ganz nass sind, hole schnell Zeitungspapier und schalte die Heizung wieder ein. Die Schuhe des Siebenjährigen sind heute trocken geblieben, warum wohl?

An diesen Dienstagen habe ich es satt, einfach nur noch satt. Meine Kinder verbinden die Zeit bei mir mit Pflichterfüllung, Arbeiten für die Schule, Üben für den Musikunterricht, und spätestens dann, wenn zusätzlich zu den Pflichten einer ganz normalen Woche noch die Papawoche nachgearbeitet werden muss, mit Stress und Anspannung. Beim Papa dagegen gibt es ungefüllte Zeit, Pommes und Netflix. Und ich kann nirgendwo hingehen; es gibt keine Instanz, die mich in meinem Anliegen unterstützt, dass auch bei mir Zeit für Schönes bleiben und auch bei ihrem Vater das Notwendige getan werden soll. Hallo Jugendamt, meine Kinder kriegen bei ihrem Papa keine Vitamine und lernen nicht für die Schule? Vernachlässigung sieht ganz anders aus, das weiß ich wohl. Es geht ihnen ja gut dort. Und warme Handschuhe hat er dem Elfjährigen (auf meine Anregung hin) gestern dann mal eben besorgt.

Aber was genau lernen unsere Kinder bei alledem – zum Beispiel über die Rollen von Mann und Frau?

Schwierig, ganz schwierig.

Tagesnotizen: 13.10.16

Morgenkaffee mit dem liebsten Freund nach langer Zeit. Das ist schön. 

Nachmittags gehen der Elfjährige und ich weiterführende Schule gucken, unsere gefühlte Hauptbeschäftigung grade. Im Mathe-Knobel-Wettbewerb gewinnt der Elfjährige einen der beiden ersten Preise, und ich bin – wir befinden uns in einer Super-Duper-Mathe-Spezial-Leistungsschule im schicken urbanen Kiez, in dem ich mir wahrscheinlich noch nicht mal eine Abstellkammer mieten könnte – unglaublich stolz auf meinen Sohn.

Später reist die Besuchsfreundin an, hilft, den großen Abwasch zu machen, den der Kochhaus-Abend mit dem liebsten Freund hinterlassen hat, und die große Einkaufsliste für acht öffitransportable Waldhäuschen-Mittagessen à 4 Personen zu schreiben.

Ein guter Tag.