Schlagwort-Archive: Sommer

Im September werde ich…

…dem Zwölfjährigen eine kleine Zuckertüte zum Start auf dem Gymnasium und dem Achtjährigen eine zum Beginn der 3. Klasse – mit Englisch und endlich Zensuren! – überreichen

…zur Schuleinführung meiner kleinen Berliner-Umland-Patentochter fahren

…mit den meinen Söhnen die Besuchsfreundin in Brandenburg besuchen

…mit dem liebsten Freund verreisen – vielleicht zu einem See mit türkisfarbenem Wasser, in dem ich in die Abenddämmerung hineinschwimmen werde, soweit ich nur kann

…auf noch einen und noch einen und noch einen (und dann noch einen) letzten warmen Sommertag hoffen

…bunte Fotos von Sommertagen in Alben kleben, falls es doch nicht mehr so warm wird

…mit meinem Vater und der ganz großen Schwester den Grabstein meiner Mutter wieder schön machen, auf dem nach 25 Jahren die Ausmalung der Buchstaben verblasst ist

…die große allherbstliche was-ist-zu-klein-geworden-Aktion in den Kinderkleiderschränken durchführen (och nöö, schön wieder?)

…die Orthopädin statt auf meinen Fuß zur Abwechslung auf mein schmerzendes Mausarbeits-Handgelenk schauen lassen

…wählen gehen – natürlich! Und nicht nur ich kann meine Stimme abgeben, sondern – was ich klasse finde! – neun Tage vorher auch meine Kinder.

 


Die Idee für diese Monats-Pläne-Blog-Reihe stammt von Frische Brise, der ich herzlich zum Augustbaby gratuliere!

 

Advertisements

Sommerende

Ja, es gibt uns noch. Und es geht uns gut.
Meine lange Blogsommerpause war nicht geplant (sonst hätte ich sie angekündigt), sondern ergab sich, weil da einfach nichts, nichts, nichts aufgeschrieben werden wollte.
Ich weiß noch nicht, ob sie nun zu Ende ist, mir das Schreiben wieder Spaß macht, der müde Kopf Texte formulieren mag, dieser Blog dafür weiter die richtige Form ist. Das wird sich finden.

Aber wir hatten einen Sommer, teils schön und teils ereignisreich:
Ein halbes Dutzend Schuljahresendveranstaltungen, einen langwierig verstauchten Fuß, eine zumindest gedanklich beinahe gekaufte Eigentumswohnung, einen weiteren Geburtstag mit dieser Vier vor dem Komma, die sich immernoch anfühlt wie ein zu groß gekauftes Kleidungsstück; einige Sonnenuntergänge an meinen allerliebsten Berliner Seen, das übliche Quantum Lebensfragen und einen hartnäckigen Grauschleier über allem; einen Flickenteppich zerstückelter Kinderbetreuungsferienwochen, ein großartiges Mitte-des-Lebens-Lebensfragen-Buch (Zsuzsa Bank: „Schlafen werden wir später“) und dann – endlich – zwei Wochen dänisches Ferienhaus mit der ganz großen Schwester und ihren Lieben, Großfamilienleben, Sand in allen Kleidungsstücken, Sternschnuppengucken bei Nacht und Schwimmen im eisig kalten, tiefen, grauen, glatten Meer am frühen Morgen (außerdem vormittags, mittags und nachmittags). Zwei Wochen in einer kleinen Glücksblase.

Als Übergangsritual zurück in den Alltag empfielt sich Wäschewaschen. Das habe ich heute sehr ausgiebig gemacht. Ab morgen gibt es dann wieder Pflichten. Im Büro wurde ein anstrengender Herbst ausgerufen, Beginn sofort, Überstunden erwünscht (und meine Büro-Orchideen müssen auch dringend gewässert werden). Die Schulranzen stehen schon bei Fuß, prall gefüllt mit blanken Heften und papierduftenden Büchern; noch eine Woche Frist, dann besucht der Zwölfjährige ein Gymnasium und der Achtjährige wird als Drittlässler die ersten Zensuren bekommen – und hoffentlich eine fähige Englischlehrerin.

Ein wenig graust mir vor dem Herbst. Vor dem neuen Schuljahr. Vor den Elternbriefen und Elternabenden und Hausaufgaben und endlosen Wechselmodellabsprachen. Vor dem Staub in den Winkeln der Wohnung und dem im Herzen. Vor dem zu-oft-Alleinsein. Vor dem Alltag, in dem ich gerade genug Muße habe, um mir sehnlich Veränderungen zu wünschen, aber nicht genug, um wirklich etwas Neues zu beginnen.

Die Cliffhanger der Woche: Werde ich nach drei, fünf oder neun Tagen Büroarbeit den Gedanken aufgeben, mal wieder Tango zu tanzen? Werde ich rechtzeitig Geburtstagsgeschenke für Freundin A, B und C; Schuleinführungsgeschenke für die kleine Patentochter und Zusätzlich-zum-Geschenk-Mitbringsel für den Kindergeburtstag am nächsten Sonntag beschaffen können? Wird mir im Traum eine gute Fee den Sinn des Lebens verraten – oder wenigstens die Lottozahlen vom nächsten Mittwoch?

Einige Antworten – vielleicht – beim nächsten Mal.

Kistenpack-Blues

Die Ferien neigen sich dem Ende zu.

Wegen der Arbeit, die der Vaters meiner Kinder ganz plötzlich angenommen hat, musste umorganisiert werden; Urlaubstage – meine – wurden verschoben und gestückelt, um daraus Halbtags-Homeoffice-Tage mit Kinderbetreuung zu machen; Hortverträge wurden eiligst ausgefüllt, Unterlagen beigebracht und sogar die Freundin des Vaters meiner Kinder um Hilfe für einige Tage gebeten. Chaos.

Die mühsam organisierte Hortwoche verweigerte der Elfjährige dann – und ich habe ihn nicht gezwungen, zu den – ganz überwiegend – „Ersties“ und „Zweities“ in den Hort zu gehen. Eine ganze Woche lang war mein großer Sohn also – erstmals! – selbständig unterwegs, besuchte mich auf Arbeit zum gemeinsamen Mittagessen, verabredete sich mit einem Freund zum Tischtennisspielen und mit der Mitmutter und ihrer Tochter, beschäftigte sich mit seiner Briefmarkensammlung und vergaß regelmäßig, die ihm übertragenen Haushaltspflichten zu erledigen, bevor ich nach Hause kam. Mein großes Kind wird auf ganz neue Art „groß“ – ich staune noch immer, ich muss mich daran gewöhnen und mit-wachsen.

Meine kinderlose Ferienzeit „am Stück“ war am Ende ganze elf Tage lang. 24 Punkte standen auf der Wunsch-und-To-Do-Liste. Das konnte nicht funktionieren. Aber die Vertretung der Arbeitskollegin ist reibungslos gelaufen, die Schulsachen der Kinder sind vorbereitet, die Gardinen in meiner Wohnung sind – erstmals seit 2014 – wieder gewaschen, die Briefwahlunterlagen liegen zum Abschicken bereit, die Hausverwaltung hat nach gefühlten 14 Anrufen endlich versprochen, meine kaputte Knattertherme noch vor Beginn der Heizperiode auszutauschen. Und ich bin in einem See geschwommen. Und ich habe mit dem liebsten Freund einen Ausflug ins Kochhaus gemacht und mit ihm und der Sternenkarte in der ersten nächtlichen Herbstkühle auf dem Balkon gesessen: zwischen dem großen Baum im Hinterhof und der Kante des Balkons über uns die „nördliche Krone“, der „Rinderhirte“ (Vorher nie gehört, dass es so ein Sternbild gibt!) und der „Herkules“.

Und – die Kisten für unsere Mutter-Kind-Kur stehen beinahe fertig gepackt im Wohnzimmer; mit Sachen für den Sommer, der ja doch immer nochmal auf ein, zwei Tage zurückkommt, für den frühen Herbst und für die ersten kalten Seewinde. Sportkleidung und Bücher. Spiele und weiße Eddings (diese wunderschöne Sommeridee wollen wir nachmachen!). Bademäntel und Fahrradhelme und Tischtenniskellen.

Beim Absprechen, wer wann meinen Balkon gießen kann, stellt sich heraus, dass der Vater meiner Kinder mit seiner Freundin verreist, sobald ich mit den Jungs zur Kur fahre. Es sind nur insgesamt fünf Tage und davon nur drei Arbeitstage – und warum soll er nicht auch Urlaub haben? -, aber diese drei Arbeitstage sind genausoviel wie die drei Tage, die ich von meinem Urlaub – wegen seiner Appelle: Du hattest doch versprochen, dass du mich unterstützt, wenn ich Arbeit finde! Dass wir den Sommer dann anders organisieren!  – abgeschnitten, verschoben, halbiert und auf verschiedene Wochen verteilt habe, damit unsere Kinder auch in der Hortschließzeit betreut waren. Das verletzt mich. Wie kann der Vater meiner Kinder vehement auf seinen 50% Betreuungszeit bestehen, dann aber genauso selbstverständlich seine Arbeit und seinen Urlaub ohne Kinder an erste Stelle setzen?

Ich kann die Ratschläge schon hören, die ich jetzt bekommen werde, von wegen besser für mich selber sorgen und mich besser abgrenzen…
Aber das ist nicht so einfach: Denn wer kümmert sich um Schwimmkurse und Schulmaterial, neue größere Turnschuhe für den Siebenjährigen und eine weiterführende Schule für den Elfjährigen, wenn ich mit derselben Selbstverständlichkeit wie der Vater meiner Kinder die Zeit OHNE Kinder für mich selbst, meine Erholung und meine eigenen Projekte beanspruche?

Gerne hätte ich mehr Freiräume für mich in meiner mit meinen Kindern geteilten Zeit. Gerne hätte ich, dass der Vater meiner Kinder sich mehr im Mit-Denken und Mit-Sorgen übt. Gerne würde ich meiner Lebens- und Schreib- und Übermutfreude wieder mehr Raum und Zeit geben. Nur wie?

Ich stecke diese Fragen mit in meine Kurkisten. Am Ende sind sie so schwer, dass ich sie noch nicht mal alleine die Treppe runterkriege, geschweige denn zur Post. Aber hej, auch wenn er es nicht angeboten hat und auch nicht gerne tut, sich bitten lässt und ein wenig mauzt: der Vater meiner Kinder hat ein Auto da gleich nebenan stehen und zum Tragen auch genug Kraft.

Und in ein paar Tagen reisen wir den Kisten hinterher. Ich werde mich ans Meer setzen und drei Wochen lang nicht arbeiten und nicht einkaufen; nicht kochen und nicht putzen, nichts organisieren und nicht über den Tag hinaus planen.
Das wird nicht alle Fragen beantworten und auch nicht so viel verändern. Aber es ist absolut großartig, diese drei Wochen vor mir zu haben.

Wieder bloggen. Ein bisschen. Vielleicht.

Zum 5.8. und Frau Brüllens WMDEDGT-Aktion habe ich es nicht geschafft, wieder mit dem Bloggen zu beginnen. Dabei hatte ich es vor; dabei hätte ich viel schreiben können, es war ein langer Tag – mit Aufwachen auf dem Klappsofa in der lolli-lutsche-grün (so die passende Wortschöpfung des Siebenjährigen) gestrichenen Ferienwohnung in Weimar, mit vom Wegesrand genaschten Pflaumen, einem wunderschönen Wasserspielplatz, mit sehr vielen Gesellschaftsspielerunden mit meinem Vater, seiner Frau und meinen hibbeligen, in der friedlichen Seniorenwohnanlage für ungewohnte Unruhe sorgenden Kindern und mit dem Packen unserer Koffer am späten Abend, in denen nach nur fünf Thüringen-Urlaubstagen vier Gläser Marmelade, eine Zucchini, ein Kilo Bohnen und drei paar neue Schuhe (Für mich! Hah! Unter den ungläubigen Augen meiner Kinder eigenhändig spontan erworben!) zusätzlich Platz finden mussten.

Dass ich nach dem 5. Juni mit dem Bloggen aufgehört habe, war nicht geplant oder absichtsvoll. Aber wie von Zauberhand war meine Zeit zum Schreiben von einem Tag auf den anderen verschwunden – verschlungen von den Schuljahres-Abschluss-Veranstaltungen (und sie feierten sieben Tage und sieben Nächte… und alle Eltern mussten jeden Abend etwas zum Buffet beitragen); von einer kleinen Jungs-Sachen-OP des Elfjährigen, dem ich die Hand beim Setzen der Narkose hielt und hinterher den ganzen Tag lang die Spuckschüssel; von meinem 40. Geburtstag, den ich zwar glücklich mit den liebsten Freundinnen und ihren Kindern beim Wandern verbrachte, der mich wegen der ungewohnt hohen Zahl aber doch sehr beschäftigt: Sollte dieses Endlichkeits- und Vergänglichkeitsdingens etwa nicht nur Verwandten von Bekannten und vielleicht noch Großeltern zustoßen, sondern auch mir bevorstehen? Wer bin ich, wenn das Wort „jung“ nicht mehr passt? Und was von all dem, von dem ich immer dachte, dass es irgendwann schon noch kommen wird, ist mir wirklich wichtig; so wichtig, dass ich es vielleicht doch noch in Angriff nehme? –

Jetzt sind Ferien, endlich, seit zwei Wochen, und ich hatte Urlaub; die Hälfte davon haben wir – siehe oben – mit dem Einheimsen von Schuhen und Gemüse in Thüringen, die andere Hälfte gemeinsam mit der Besuchsfreundin (und der Mauz-Laune des Siebenjährigen und der Rumpelstielzchenlaune des anscheinend jetzt endgültig – oh weh! – vorpubertierenden Elfjährigen) hier zu Hause verbracht. Der Rest der Ferien wird gestückelt, ein bisschen Hort und jede Menge Hortschließzeit für den Siebenjährigen und den Elfjährigen; ein langes Wochenende mit ihrem Vater, der einmal mehr zu Ferienbeginn ganz plötzlich Arbeit gefunden hat; ein paar Tage, an denen ich „halben Urlaub“ nehmen werde; ein paar Tage werden die Jungs sogar bei der Freundin ihres Vaters verbringen, bevor wir – aufseufz, ach…  – nochmal zur Kur dürfen, meine Söhne und ich. Nein, an den Haaren herbeigezogen ist es nicht, dass da „Erschöpfungsdepression“ auf meinem Einweisungsbogen steht. Irgendwas ist aus dem Gleichgewicht, schon länger; immer weniger Kraft hatte ich im letzten Jahr, weniger Lust aufs Leben, weniger Glücksgefühl. Immer haben die Arbeit und die Kinder beim Verteilen der Energie mehr als ihren Anteil abbgekommen (und immer ist da das Gefühl, dass bei beidem mehr Engagement nötig wäre), dann kam der Haushalt, und dann war da noch ein bisschen Zeit für Freunde oder wenigstens Simse an Freunde. Alles wichtig. Alles richtig, an sich. Aber danach war da oft garnichts mehr, noch nicht mal genug Zeit zum Schlafen – denn nach meinen zwei Wochen Urlaub merke ich, dass das Allerbeste daran die zusätzliche Stunde Schlaf war, die ich jeden Tag abgekriegt habe. Die hat gutgetan.

Da mag ich plötzlich sogar wieder schreiben, auch wenn ich noch nicht weiß, wie oft und wie viel.
Denn morgen geht das ja mit dem Büro wieder los.
Dreieinhalb Wochen noch, na gut. Das wird schon gehen.

Sommersommer

Es ist Gewitterzeit; die schwülwarme Luft macht die Gerüche der Großstadt schwer und durchdringend; Hundehaufen und gemähtes Gras, Gullies, fremde schwitzende Männer in der S-Bahn.

Es ist Hollunderzeit, ein zweiter Topf mit in Wasser angesetzten Blütendolden steht im Kühlschrank und soll zu Gelee und etwas mehr Sirup verarbeitet werden; meine Beine prickeln noch, wo ich beim Pflücken der großen weißen Dolden in die Brennesseln geraten bin; da, wo die Kinder nicht hinkamen, der Siebenjährige und seine Schulkameradin, die um die Wette (das war meine! nein ich war eben schneller! wir haben sowieso mehr!) nach den Blüten an den Ästen griffen, die wir Großem ihnen hinunterbogen.

Es ist Fußballzeit und Samstag nochdazu, der Discounter ist voller Eltern, die eigentlich dort nicht einkaufen und jetzt hilflos auf der Suche nach Saft und Käse und Brötchen herumirren, weil sie ihren Kindern – so wie ich – die Freude machen wollen, diese Bonus-Glubschies mit nach Hause zu bringen, auf die die Kinder so wild sind. (Als hätten der Siebenjährige und der Elfjährige nicht schon am Morgen ihr gespartes Taschengeld in just denselben Laden getragen und viele, viele der kleinen Sammelobjekte nach Hause gebracht).

Es ist Erdbeerzeit, nach dem Einkauf schaue ich beim Erdbeerhäuschen vorbei, ich stehe lange in der Schlange an und habe Muße, die corporatedurchdesignte fröhliche Verkäuferin zu betrachten, die nicht nur Erdbeer-T-Shirt und Erdbeerschürze, sondern auch ein mit Erdbeeren bedrucktes Tuch um den Hals und erdbeergroße Karfunkelohrringe trägt.

Es ist Balkonzeit; am Abend ist der liebste Freund zu Gast; wir holen eine große Menge Makis vom Vietnamesen und essen draußen. Hinterher zeigt der Elfjährige stolz die Knobelspiele vor, die er beim Känguru-Wettbewerb gewonnen hat; die Kinder knobeln, während es dämmert und die Spätschichtbiene ihre letzten Runden dreht und die Krähenküken im Schlafbaum rumoren. Am Morgen sitzen wir dann wieder mit den Müslischüsseln draußen, die Frühschichtbiene nimmt ihren Dienst auf; die Krähenküken drehen elegante Runden zwischen den Bäumen im Hinterhof; die Freundin des Vaters meiner Kinder geht von ihm nach Hause und ruft von unten „Hallo“, meine Kinder antworten fröhlich; allmählich erwacht hier und da Familienleben hinter geöffneten Fenstern.

Es ist Sommer.

Ferienleben

Auch die zweite Sommerferienhälfte neigt sich ihrem Ende zu. Noch eine Woche für die großen Schüler, noch zwei für die „Ersties“, zu denen der Sechsjährige gehören wird. Ich habe meinen jährlichen Großauftritt im Schreibwarenladen, in diesem Jahr zum ersten Mal mit gleich zwei Materiallisten. Die Verkäuferin, die mich bedient, hat ihren ersten Arbeitstag und kennt ihr Sortiment schon viel besser, als ich nach einer Stunde den Laden verlasse, beladen mit Heften aller Lineaturen, Knete im Behälter, Zeichen- und Tonkartonblöcken, Pinseln und Schreiblernbleistiften, der Wunschfedertasche und 1001 anderen Dingen.

Einen ganzen Sonntagnachmittag verbringen wir damit, aus der riesigen Tüte voller Material die Schulsachen für die Kinder zusammenzustellen, mit Namen zu beschriften, die Hefte in Umschläge in der vorgeschriebenen Farbe zu stecken und die Hefter mit den vorgeschriebenen Sorten Papier zu befüllen.

Unter der Woche gehen meine Söhne tagsüber in den Hort und tauschen dort Fußball-, Drachen- oder Minions-Karten mit Freunden. Nachmittags fahren ihr Vater oder ich mit ihnen an den Badesee.

Wenn ich allein bin, sitze ich morgens mit meinem Kaffee auf dem Balkon. Der Hausmeister des Nachbarhofes guckt in den Mülltonnen nach Pfandflaschen und startet seinen Rasenmähtraktor. Eine frühe Biene kriecht tief in eine ganz frische Windenblüte und hat Mühe, sich rückwärts wieder hinauszuschieben. Ich sammle Samen von Ringelblumen und Tagetes ein; bringe welchen von wilden Malven von einem Spaziergang mit und hoffe, dass all die Blumen nächstes Jahr etwas werden.

Der Schienenersatzverkehr auf meiner S-Bahn-Strecke beschert mit einen täglichen Morgenspaziergang – eine Station weit – auf dem mir Häuser und Gärten und Fenster und Blicke in Seitenstraßen von Tag zu Tag immer vertrauter werden. Ob die Frau, die gestern, in eine riesige Duschduftwolke gehüllt, in ihr Auto gestiegen ist, heute wieder zur gleichen Zeit losgeht? Ob auf der selbstgebauten Terrasse meines Lieblingshäuschens wieder das Pärchen frühstückt, urlaubsentspannt mit Zeitung und Kaffeekanne? Ob ich morgen reifen Samen an den rosa Winden finde, die in einem der Gärten so schön über den Zaun blühen?

Zu Hause in meiner Küche hat sich eine Bande Fruchtfliegen eingerichtet. Frech sitzen sie auf dem Rand der Tasse mit Essigwasser, die die Besuchsfreundin als Falle aufgestellt hat. Erst in einem von meinen Kindern verschmähten Glas Orangensaft ertrinken drei der kleinen Insekten, die übrigen sitzen auf dem Rand und halten eine Weiterbildung zum Thema Unfallvermeidung ab. Ich sammle jede Menge schlechtes Karma, als ich überraschend die Hände über das Glas lege und fast ein Dutzend hinterher hilflos im Saft zappelt.

Der Zehnjährige fährt zwei Tage lang mit seiner Patentante, einigen ihrer Freunde und einem kleinen Prinzesschen aufs Land; hinterher erzählt er begeistert vom Baden in drei Seen und vom Feuer, an dem Würstchen und Marshmallows gebraten wurden. Mit dem Sechsjährigen war ich in der Zwischenzeit beim Arzt; eine Stunde lang hat er immer wieder bronchienverengendes Mittel inhaliert und mit erst kräftigen, später schwächeren Atemzügen Luftballons auf einem Bildschirm platzen lassen. Plötzlich bin ich in ein „Disease Management Programme“ für Asthmakinder eingeschrieben und habe ein Rezept für Kortisoninhalationen in der Hand. Die abschließende Diagnostik der Feinstaubmilbenallergie steht noch aus, nein, sagt die Ärztin pessimistisch, zwei Allergiker-Matratzenüberzüge bezahlt ihnen die Krankenkasse nicht, denen ist ihr Wechselmodell doch egal.

Mit dem Inhalationsmittel im Gepäck fahren meine Kinder mit ihrem Vater für eine Woche in den Urlaub. Ich setze mich mit der Besuchsfreundin an den Tisch und fülle kleine Geschenkzuckertüten für den Zehnjährigen und für die Freunde des Sechsjährigen mit Aufklebern und Gummibärchen, Schokoladenbuchstaben und Überraschungseiern.

Am Nachmittag fahren wir in die Stadt, es ist einer dieser Tage, an denen alle Menschen schön aussehen: die jungen Mädchen in den bauchfreien Tops mit dem strahlenden Selbstbewusstsein, die noch nicht wissen, dass auch sie älter werden; die arabischen Familien mit den Kopftuchfrauen; die Mama, die über dem Buggy mit ihrem Baby auf dem S-Bahnsteig Seifenblasen aufsteigen lässt. Unser Ziel ist Moabit; wir trinken einen Kaffee in einem Halal-Burgerladen und gehen zu den Anonymen Zeichnern, einem Ausstellungsprojekt, dessen Konzept mich schon im letzten Jahr begeistert hat. Auch wenn schon einige der anfänglich 600 dicht an dicht und ohne Nennung des Künstlernamens aufgehängten Zeichnungen verkauft sind, ist die Ausstellung wunderschön; wir bewundern die Vielfalt und Kreativität der Zeichnungen, freuen uns am technischen Können der Künstler und den Assoziationen, die sich aus dem Nebeneinander der verschiedenen Bilder ergeben.

Noch eine letzte Ferienwoche ohne Kinder liegt vor mir. Von Weitem sah sie in meinem Kalender nach luxeriös viel freier Zeit aus; von Nahem ist sie kurz, ich habe doch eigentlich noch so viel vor, ich mag den Sommer in Berlin so gern. Aber der hat seinen Höhepunkt überschritten. Die Nächte werden wieder kühl, auf dem Badesee treiben die ersten Herbstblätter. Nicht mehr lang, dann wird das Wasser zu kalt sein zum Schwimmen; dann werden die S-Bahnen wieder fahren, die leeren Seiten in den Schulheften beschrieben, die Essigfliegen verschwinden… und die Kinder und ich wieder im Alltagstrott laufen.

Sommer, Teil II

Traurig gebe ich meine Kinder bei ihrem Vater ab. Wir sind drei Wochen zusammengewesen – das hat uns „trennungsverwöhnten“ Wechselmodellern richtig, richtig gutgetan. Trotzdem freue ich mich auf die Tage, die ich jetzt mal wieder allein verbringen werde. Ich merke, dass ich mich tatsächlich besser, erholter fühle als vor dem Urlaub.

Innerhalb eines einzigen Tages stürze ich die Wohnung in ein großes kreatives Chaos: Das Zimmer des Sechsjährigen ist halb ausgeräumt, Tischplatte und höhenverstellbare Beine für seinen Schulschreibtisch und Bretter für ein neues Regal liegen herum, Werkzeuge und ein Farbeimer mit einem Rest eingetrockneter weißer Wandfarbe, den ich später mit etwas Wasser und einem Schulpinsel so weit wiederbeleben werde, dass ich Flecken und Macken auf der Tapete und mit – äh, ja – Fugenmörtel zugegipste alte Bohrlöcher überpinseln kann. In meinem Zimmer steht die Matratze des Kinderbettchens, das der Sechsjährige unbedingt noch behalten will, inmitten von Stoffen, mit denen ich sie beziehen und das Kinderbettchen vielleicht in eine Kuschelhöhle verwandeln will. Auf dem großen Tisch liegen die Schulmaterialien, die ich schon besorgt habe, daneben die Materiallisten mit all dem, was noch fehlt. Eine coole Zuckertüte und ein Plüschfußball warten darauf, in ein sicheres Versteck zu wandern. Ein Berg zu klein gewordener Kindersachen liegt zum Sortieren auf dem Sessel. Auf meinem Sofa hat das Strick-Lager eröffnet, bergeweise Wolle und Zettel mit handgeschriebenen Maschenrechnungen; Nadelspiele und Schere warten auf den Abend, wenn ich den Krimi anschalte und meine fünf äußerst störrischen Nadeln beschimpfe, während ich eifrig an einer Mütze für den Sechsjährigen arbeite, die (leider sehe ich das erst am Ende) komplett misslingt.

Ich ziehe durch die Stadt, kaufe mir endlich – endlich! – eine neue Handtasche, gebe mein letztes Bargeld im Secondhandladen für ein Sommerkleid aus. Ich schaue auf dem Friedhof nach dem Rechten und pflanze Chrysanthemen nach, wo die Schnecken sich die Studentenblumen zum Nachtisch geholt haben.
Ich fahre ganz alleine an meinen Lieblingsbadesee und schwimme und schwimme und schwimme…  Ich frohlocke, als ich sehe, dass meine Wetterapp optimistisch ist und für die ganze Woche warme Temperaturen ankündigt.

Es ist Sommer, im Büro ist es friedlich, die Seen locken, ich habe wieder Ideen im Kopf und Lust zu leben.
So soll es sein.