Schlagwort-Archive: Sommer

Der Sommer

Vorbeigerauscht ist der Sommer.

Der Neunjährige und der Dreizehnjährige haben einen kleinen, aber feinen Patchwork-Familien-Urlaub mit ihrem Vater verbracht; bei mir ist unterdessen Nichte II für die Dauer eines Praktikums eingezogen. Ohne Angst um meinen geliebten Balkon, meine kleine Stadt-Oase, sind die Kinder und ich Ende Juli nach Dänemark aufgebrochen, mit Koffern und Rucksäcken bepackt, mit Zug und Fähre wie immer.

Dänemark war sizilianisch heiß. Es gab Frühstücke auf der Terrasse des Ferienhäuschens; Schwimmen am Vormittag; Essen und Ruhen im Schatten von Erle und Lärche in den heißen Stunden, Kartenspiele am Nachmittag, Baden gegen Abend und mehr Spiele nach dem Abendessen. Reife Brombeeren kiloweise an verschiedenen Hecken. Frische Brötchen jeden Morgen. Keine Blaualgen, aber Weltuntergangsstimmung angesichts der Hitze, der Dürre, der Brände, der hungernden Tiere, der viel zu seichten Flüsse. Wir lesen Rosendorfers „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ vor, auch der war schon pessimistisch, was die Welt der Großnasen anging. Nachts laufen wir zum Strand und schauen zu den Sternen hoch, lernen den Herkules zu erkennen, das Hörnchen vom Steinbock direkt über dem tiefroten Mars; den Krug, aus dem der Wassermann einen dicken Strahl ins Meer gießt. Den Kameloparden, den man eigentlich garnicht sieht, weil er aus schwach leuchtenden Sternen besteht und nur als Sternbild definiert wurde, um die Leerstelle zwischen Fuhrmann und großem Wagen zu füllen.

Nach zwei Wochen ist unsere Urlaubszeit um. Zu Hause erwartet uns Nichte II, hat eingekauft, Pizza gebacken, Zeit. Wir schmieden Pläne, wollen auf dem Schlachtensee das Stehpaddeln ausprobieren, den Unverpackt-Laden kennenlernen, vom Klunkerkranich aus über die Stadt schauen.

Aber nach nur zwei Tagen Arbeit hebelt mich ein sommerlicher Grippevirus von den Füßen. Nichts geht mehr, wochenlang. Der Sommer rauscht seinem Ende entgegen, während ich auf dem Sofa liege, Zwiebelsaft trinke, den Kopf tief in den Inhaliertopf stecke und weder  meine Halsschmerzen noch das traurige Sommergefühl loswerde, auf einem sterbenden Planeten zu leben.
„Rekordsommer“, sagt der Radiosprecher – viel Zeit habe ich, ihm zuzuhören – mit angenehmer Stimme, und „Erderwärmung“ und „Kohleausstiegskommission“ und „Hambacher Forst“ und „Dresden“ und „Chemnitz“ und „Mutter aller Probleme“ und „Great Pacific Garbage Patch“ und „Afrikanische Schweinepest“ und wieder von vorn.

Nirgendwo ein Populist in Sicht, der verspricht, den Flug- und Autoverkehr massiv einzuschränken, die Massentierhaltung zu verbieten, den Kohle- und Atomausstieg effektiv durchzuführen, Plastikverpackungen zu verbannen. Ich wäre anfällig, so jemanden zu wählen, nach diesem Sommer mehr als je.
Bis dahin lese ich „Genug“ von John Naish und Blogs über Zero Waste und versuche, es selbst ein bisschen besser zu machen, hier und da.


Zum Lesen: Ben Lecomte schwimmt von Tokyo nach San Francisco, um auf den Müll in den Weltmeeren aufmerksam zu machen.

 

Advertisements

Bald, bald

Die Ferien rücken näher und sind nur noch zwei Sommerfeste, ein Schulfußballturnier, einen Grillabend, ein Musikschulvorspiel, zwei Nachsorgetermine beim Kinderchirurgen, einen Konfirmandengottesdienst, eine Kindergeburtstagseinladung mit Lasertag (zu der der Dreizehnjährige UNBEDINGT hingehen will), einen Ausflug-zum-Sommerbad (bei dem der Neunjährige sich wahrscheinlich wieder erkälten wird), einen Termin im Bürgeramt Hellersdorf um 7.54 Uhr zur Anschaffung eines Personalausweises für den Dreizehnjährigen und eine Geburtstagswanderung weit entfernt.

Die Sommerparty, die fürs Büro gegeben wird, ist dabei nicht mitgerechnet, denn an der kann ich sowieso nicht teilnehmen (wegen: siehe oben). Ein Wunder, dass ich eingeladen wurde – mein Default-Arbeitsmodus der letzten Wochen ist Homeoffice mit Kinderkrankenpflege und Urlaubsvertretung innerhalb der Abteilung. Wahrgenommen wird das – fürchte ich, entnehme ich dem, was über andere KollegInnen im Homeoffice gesagt wird – als „sie ist schon wieder nicht da“.
Der Chef wünscht mir für die beiden Tage, die ich wegen des Kinderchirurgentermins des Dreizehnjährigen mit Krankschreibung zu fehlen angekündigt habe, einen „schönen Sonderurlaub“. Aber er entschuldigt sich, er hatte dem Grund meiner Abwesenheit in seinem eigenen – dreiwöchigen – Urlaub vergessen.

Auf dem Wohnzimmertisch steht ein neues, aus Nachhaltigkeitsgründen gebraucht gekauftes Laptop und blinzelt mir verschwörerisch zu. Ich werde es irgendwann vorsichtig aufklappen und mich auf den langen, steinigen Weg machen, es einzurichten – denn auf meinem treuen Altgerät läuft mein Sprachkurs nun endgültig nicht mehr. Seufz.
Neben dem neuen Laptop reift Rhabarberlikör, die ersten Urlaubsbücher tuscheln miteinander, im WM-Spielplan werden alle Ergebnisse eingetragen, und bisher hinke ich mit meiner intuitiven, von geografischen Vorlieben getriebenen Spielausgangsvorhersage den Tippspielpunkten meiner von Fußballwissen übersprudelnden Söhne nur ein bisschen hinterher.

Morgens zwinge ich mich zu ein wenig Gymnastik. Nachmittags versuche ich mich an einer Viertelstunde Stille. „Zum Lieblingssee fahren“, notiere ich auf einem virtuellen Klebezettel in meinem Handy; „diesen Ort am gegenüberliegenden Spreeufer erkunden, an dem neulich abends Musik gespielt wurde“ und „mit dem liebsten Freund die Gartenbilderausstellung am Wannsee anschauen“.

Denn bald, bald, bald sind Ferien.

Sommer im Mai

Die Sommertemperaturen lassen den Balkonfrühling im Zeitraffer ablaufen.

Die Sonnenblumen öffnen zerknitterte Blüten; Dahlie, Lilien und Cosmea setzen Knospen an; die Bienenweide entrollt ihre Knospenkugeln zu Blütenrispen und ich verliebe mich in ihre ersten, zartblauen Blüten mit den dekorativ herausragenden Staubblättern, an deren Ende winzige lilafarbene Pollenkügelchen sitzen.

Die Solitärbiene, die in diesem Jahr alleine für den Hinterhof mit Birke, Ahorn, Linde und sämtlichen Balkons zuständig zu sein scheint, ist schrecklich gestresst und mag nur kurz auf dem Schnittlauch und auf der mickrigen Sonnenblume Halt machen, bevor sie nervös weiterschwirrt. Dass sie überhaupt gekommen ist, ist so etwas wie ein Hoffnungsschimmer für mich (wenn allerdings die EU endlich Plastik-Ohrenstäbchen verbieten lässt, ist die Rettung der Welt schon beinahe gesichert… [Ironie aus]) – aber dann verirrt sich die unglückselige Biene durch die offene Balkontür in die Wohnung und muss vorsichtig aus dem Fenster im Zimmer des Dreizehnjährigen gejagt werden. Hah, ich habe eine gute Tat vollbracht, brüste ich mich vor den Kindern, aber die spielen und hören nicht zu.

Die Bienentränke auf dem Balkon – ein Untersetzer mit ein paar Steinen und frischem Wasser – haben unterdessen Hornissen und Spatzen für sich entdeckt. Ruhig und konzentriert kommen die Hornissen, selbst wenn ich auf der Holzbank sitze, landen auf dem Rand des Untersetzers und trinken durstig, bevor sie wieder aufbrechen, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die Spatzen dagegen wagen sich nur herbei, wenn ich im Haus bin, und sie tun gut daran, denn sie haben meine Sympathie verspielt: wie eine Horde hyperaktiver Kinder müssen sie pausenlos Unsinn machen, zupfen die Blätter der Melde ab, knipsen gedankenlos die Knospen vom Wandelröschen und die jungen Früchte von der Erdbeere, kacken auf die Sitzbank und schwirren ärgerlich zwitschernd davon, wenn sie eine Bewegung an der offenen Balkontür wahrnehmen.

Das Krähenkind unterdessen hüpft im lichten Ahorn von Ast zu Ast, schwankt noch etwas auf seinen langen Beinen, mit denen es ein wenig an den halbflüggen Dreizehnjährigen erinnert, streckt probehalber die Flügel aus und erhebt ein großes hungriges Geschrei, wenn seine Mutter mit Würmern im Schnabel geflogen kommt.

Wie die Krähenmutter bin auch ich am Wochenende mit dem Heranschaffen von Nahrung für mein großes Küken beschäftigt. Von der Nudelsauce, vom Bohnensalat, vom Geschnetzelten, vom Gemüse und vom Reis koche ich ein wenig mehr und stelle gut gefüllte Vorratsdosen in den Kühlschrank, damit das große Kind auch ohne Schulessen satt wird.

Zwischendurch muss der Verband an der gebrochenen Zehe des Dreizehnjährigen erneuert werden, die nun vielleicht für immer ein bisschen krummer und – wegen der Bruchstelle an der Wachstumsfuge – ein wenig kleiner als die anderen bleiben wird, aber wenigstens nicht mehr wehtut. Der Neunjährige unterdessen ist in der Schule auf ein spitzes Stück Baumwurzel gefallen und hat eine Naht und mehrere Klammerpflaster am Schienbein, von dem der Verband immer mal wieder abrutscht, so dass ich die Tüte mit Wundauflagen, Mullbinden, selbstklebenden Fixierbinden und Pflastern immer in Griffweite stehenlasse.

Als Ausgleich dafür, dass wir nicht Schwimmen gehen können, stehen Termine beim Durchgangsarzt und Kinderchirurgen auf dem Wochenplan, gefällig eingestreut zwischen den Klassenarbeiten, für die der Dreizehnjährige auf die Schnelle versucht, alle nicht gelernten englischen und französischen Vokabeln doch noch in seinem Kopf unterzubringen. Mama, hörst du mich mal ab?

Mit der Kaffeetasse in der Hand trete ich zwischendurch immer wieder für ein paar Minuten auf meinen Balkon. Die Solitärbiene hat sich zehn Minuten Zeit für meine Tomaten im Kalender notiert und ich danke ihr höflich. Ich zähle die Knospen des Wandelröschens nach, das inzwischen in einem Spatzenschutzkäfig aus Bambusstäben und Wollfäden steht; ich nicke den Schwebfliegen zu und erkläre der Winde mit einem dicken Wollfaden und einem Haarklämmerchen den Weg zum Eckpfosten.

Die Sonne macht urlaubssehnsüchtig. Wie viele Wochen noch? Sechs, acht?

Im September werde ich…

…dem Zwölfjährigen eine kleine Zuckertüte zum Start auf dem Gymnasium und dem Achtjährigen eine zum Beginn der 3. Klasse – mit Englisch und endlich Zensuren! – überreichen

…zur Schuleinführung meiner kleinen Berliner-Umland-Patentochter fahren

…mit den meinen Söhnen die Besuchsfreundin in Brandenburg besuchen

…mit dem liebsten Freund verreisen – vielleicht zu einem See mit türkisfarbenem Wasser, in dem ich in die Abenddämmerung hineinschwimmen werde, soweit ich nur kann

…auf noch einen und noch einen und noch einen (und dann noch einen) letzten warmen Sommertag hoffen

…bunte Fotos von Sommertagen in Alben kleben, falls es doch nicht mehr so warm wird

…mit meinem Vater und der ganz großen Schwester den Grabstein meiner Mutter wieder schön machen, auf dem nach 25 Jahren die Ausmalung der Buchstaben verblasst ist

…die große allherbstliche was-ist-zu-klein-geworden-Aktion in den Kinderkleiderschränken durchführen (och nöö, schön wieder?)

…die Orthopädin statt auf meinen Fuß zur Abwechslung auf mein schmerzendes Mausarbeits-Handgelenk schauen lassen

…wählen gehen – natürlich! Und nicht nur ich kann meine Stimme abgeben, sondern – was ich klasse finde! – neun Tage vorher auch meine Kinder.

 


Die Idee für diese Monats-Pläne-Blog-Reihe stammt von Frische Brise, der ich herzlich zum Augustbaby gratuliere!

 

Sommerende

Ja, es gibt uns noch. Und es geht uns gut.
Meine lange Blogsommerpause war nicht geplant (sonst hätte ich sie angekündigt), sondern ergab sich, weil da einfach nichts, nichts, nichts aufgeschrieben werden wollte.
Ich weiß noch nicht, ob sie nun zu Ende ist, mir das Schreiben wieder Spaß macht, der müde Kopf Texte formulieren mag, dieser Blog dafür weiter die richtige Form ist. Das wird sich finden.

Aber wir hatten einen Sommer, teils schön und teils ereignisreich:
Ein halbes Dutzend Schuljahresendveranstaltungen, einen langwierig verstauchten Fuß, eine zumindest gedanklich beinahe gekaufte Eigentumswohnung, einen weiteren Geburtstag mit dieser Vier vor dem Komma, die sich immernoch anfühlt wie ein zu groß gekauftes Kleidungsstück; einige Sonnenuntergänge an meinen allerliebsten Berliner Seen, das übliche Quantum Lebensfragen und einen hartnäckigen Grauschleier über allem; einen Flickenteppich zerstückelter Kinderbetreuungsferienwochen, ein großartiges Mitte-des-Lebens-Lebensfragen-Buch (Zsuzsa Bank: „Schlafen werden wir später“) und dann – endlich – zwei Wochen dänisches Ferienhaus mit der ganz großen Schwester und ihren Lieben, Großfamilienleben, Sand in allen Kleidungsstücken, Sternschnuppengucken bei Nacht und Schwimmen im eisig kalten, tiefen, grauen, glatten Meer am frühen Morgen (außerdem vormittags, mittags und nachmittags). Zwei Wochen in einer kleinen Glücksblase.

Als Übergangsritual zurück in den Alltag empfielt sich Wäschewaschen. Das habe ich heute sehr ausgiebig gemacht. Ab morgen gibt es dann wieder Pflichten. Im Büro wurde ein anstrengender Herbst ausgerufen, Beginn sofort, Überstunden erwünscht (und meine Büro-Orchideen müssen auch dringend gewässert werden). Die Schulranzen stehen schon bei Fuß, prall gefüllt mit blanken Heften und papierduftenden Büchern; noch eine Woche Frist, dann besucht der Zwölfjährige ein Gymnasium und der Achtjährige wird als Drittlässler die ersten Zensuren bekommen – und hoffentlich eine fähige Englischlehrerin.

Ein wenig graust mir vor dem Herbst. Vor dem neuen Schuljahr. Vor den Elternbriefen und Elternabenden und Hausaufgaben und endlosen Wechselmodellabsprachen. Vor dem Staub in den Winkeln der Wohnung und dem im Herzen. Vor dem zu-oft-Alleinsein. Vor dem Alltag, in dem ich gerade genug Muße habe, um mir sehnlich Veränderungen zu wünschen, aber nicht genug, um wirklich etwas Neues zu beginnen.

Die Cliffhanger der Woche: Werde ich nach drei, fünf oder neun Tagen Büroarbeit den Gedanken aufgeben, mal wieder Tango zu tanzen? Werde ich rechtzeitig Geburtstagsgeschenke für Freundin A, B und C; Schuleinführungsgeschenke für die kleine Patentochter und Zusätzlich-zum-Geschenk-Mitbringsel für den Kindergeburtstag am nächsten Sonntag beschaffen können? Wird mir im Traum eine gute Fee den Sinn des Lebens verraten – oder wenigstens die Lottozahlen vom nächsten Mittwoch?

Einige Antworten – vielleicht – beim nächsten Mal.

Kistenpack-Blues

Die Ferien neigen sich dem Ende zu.

Wegen der Arbeit, die der Vaters meiner Kinder ganz plötzlich angenommen hat, musste umorganisiert werden; Urlaubstage – meine – wurden verschoben und gestückelt, um daraus Halbtags-Homeoffice-Tage mit Kinderbetreuung zu machen; Hortverträge wurden eiligst ausgefüllt, Unterlagen beigebracht und sogar die Freundin des Vaters meiner Kinder um Hilfe für einige Tage gebeten. Chaos.

Die mühsam organisierte Hortwoche verweigerte der Elfjährige dann – und ich habe ihn nicht gezwungen, zu den – ganz überwiegend – „Ersties“ und „Zweities“ in den Hort zu gehen. Eine ganze Woche lang war mein großer Sohn also – erstmals! – selbständig unterwegs, besuchte mich auf Arbeit zum gemeinsamen Mittagessen, verabredete sich mit einem Freund zum Tischtennisspielen und mit der Mitmutter und ihrer Tochter, beschäftigte sich mit seiner Briefmarkensammlung und vergaß regelmäßig, die ihm übertragenen Haushaltspflichten zu erledigen, bevor ich nach Hause kam. Mein großes Kind wird auf ganz neue Art „groß“ – ich staune noch immer, ich muss mich daran gewöhnen und mit-wachsen.

Meine kinderlose Ferienzeit „am Stück“ war am Ende ganze elf Tage lang. 24 Punkte standen auf der Wunsch-und-To-Do-Liste. Das konnte nicht funktionieren. Aber die Vertretung der Arbeitskollegin ist reibungslos gelaufen, die Schulsachen der Kinder sind vorbereitet, die Gardinen in meiner Wohnung sind – erstmals seit 2014 – wieder gewaschen, die Briefwahlunterlagen liegen zum Abschicken bereit, die Hausverwaltung hat nach gefühlten 14 Anrufen endlich versprochen, meine kaputte Knattertherme noch vor Beginn der Heizperiode auszutauschen. Und ich bin in einem See geschwommen. Und ich habe mit dem liebsten Freund einen Ausflug ins Kochhaus gemacht und mit ihm und der Sternenkarte in der ersten nächtlichen Herbstkühle auf dem Balkon gesessen: zwischen dem großen Baum im Hinterhof und der Kante des Balkons über uns die „nördliche Krone“, der „Rinderhirte“ (Vorher nie gehört, dass es so ein Sternbild gibt!) und der „Herkules“.

Und – die Kisten für unsere Mutter-Kind-Kur stehen beinahe fertig gepackt im Wohnzimmer; mit Sachen für den Sommer, der ja doch immer nochmal auf ein, zwei Tage zurückkommt, für den frühen Herbst und für die ersten kalten Seewinde. Sportkleidung und Bücher. Spiele und weiße Eddings (diese wunderschöne Sommeridee wollen wir nachmachen!). Bademäntel und Fahrradhelme und Tischtenniskellen.

Beim Absprechen, wer wann meinen Balkon gießen kann, stellt sich heraus, dass der Vater meiner Kinder mit seiner Freundin verreist, sobald ich mit den Jungs zur Kur fahre. Es sind nur insgesamt fünf Tage und davon nur drei Arbeitstage – und warum soll er nicht auch Urlaub haben? -, aber diese drei Arbeitstage sind genausoviel wie die drei Tage, die ich von meinem Urlaub – wegen seiner Appelle: Du hattest doch versprochen, dass du mich unterstützt, wenn ich Arbeit finde! Dass wir den Sommer dann anders organisieren!  – abgeschnitten, verschoben, halbiert und auf verschiedene Wochen verteilt habe, damit unsere Kinder auch in der Hortschließzeit betreut waren. Das verletzt mich. Wie kann der Vater meiner Kinder vehement auf seinen 50% Betreuungszeit bestehen, dann aber genauso selbstverständlich seine Arbeit und seinen Urlaub ohne Kinder an erste Stelle setzen?

Ich kann die Ratschläge schon hören, die ich jetzt bekommen werde, von wegen besser für mich selber sorgen und mich besser abgrenzen…
Aber das ist nicht so einfach: Denn wer kümmert sich um Schwimmkurse und Schulmaterial, neue größere Turnschuhe für den Siebenjährigen und eine weiterführende Schule für den Elfjährigen, wenn ich mit derselben Selbstverständlichkeit wie der Vater meiner Kinder die Zeit OHNE Kinder für mich selbst, meine Erholung und meine eigenen Projekte beanspruche?

Gerne hätte ich mehr Freiräume für mich in meiner mit meinen Kindern geteilten Zeit. Gerne hätte ich, dass der Vater meiner Kinder sich mehr im Mit-Denken und Mit-Sorgen übt. Gerne würde ich meiner Lebens- und Schreib- und Übermutfreude wieder mehr Raum und Zeit geben. Nur wie?

Ich stecke diese Fragen mit in meine Kurkisten. Am Ende sind sie so schwer, dass ich sie noch nicht mal alleine die Treppe runterkriege, geschweige denn zur Post. Aber hej, auch wenn er es nicht angeboten hat und auch nicht gerne tut, sich bitten lässt und ein wenig mauzt: der Vater meiner Kinder hat ein Auto da gleich nebenan stehen und zum Tragen auch genug Kraft.

Und in ein paar Tagen reisen wir den Kisten hinterher. Ich werde mich ans Meer setzen und drei Wochen lang nicht arbeiten und nicht einkaufen; nicht kochen und nicht putzen, nichts organisieren und nicht über den Tag hinaus planen.
Das wird nicht alle Fragen beantworten und auch nicht so viel verändern. Aber es ist absolut großartig, diese drei Wochen vor mir zu haben.

Wieder bloggen. Ein bisschen. Vielleicht.

Zum 5.8. und Frau Brüllens WMDEDGT-Aktion habe ich es nicht geschafft, wieder mit dem Bloggen zu beginnen. Dabei hatte ich es vor; dabei hätte ich viel schreiben können, es war ein langer Tag – mit Aufwachen auf dem Klappsofa in der lolli-lutsche-grün (so die passende Wortschöpfung des Siebenjährigen) gestrichenen Ferienwohnung in Weimar, mit vom Wegesrand genaschten Pflaumen, einem wunderschönen Wasserspielplatz, mit sehr vielen Gesellschaftsspielerunden mit meinem Vater, seiner Frau und meinen hibbeligen, in der friedlichen Seniorenwohnanlage für ungewohnte Unruhe sorgenden Kindern und mit dem Packen unserer Koffer am späten Abend, in denen nach nur fünf Thüringen-Urlaubstagen vier Gläser Marmelade, eine Zucchini, ein Kilo Bohnen und drei paar neue Schuhe (Für mich! Hah! Unter den ungläubigen Augen meiner Kinder eigenhändig spontan erworben!) zusätzlich Platz finden mussten.

Dass ich nach dem 5. Juni mit dem Bloggen aufgehört habe, war nicht geplant oder absichtsvoll. Aber wie von Zauberhand war meine Zeit zum Schreiben von einem Tag auf den anderen verschwunden – verschlungen von den Schuljahres-Abschluss-Veranstaltungen (und sie feierten sieben Tage und sieben Nächte… und alle Eltern mussten jeden Abend etwas zum Buffet beitragen); von einer kleinen Jungs-Sachen-OP des Elfjährigen, dem ich die Hand beim Setzen der Narkose hielt und hinterher den ganzen Tag lang die Spuckschüssel; von meinem 40. Geburtstag, den ich zwar glücklich mit den liebsten Freundinnen und ihren Kindern beim Wandern verbrachte, der mich wegen der ungewohnt hohen Zahl aber doch sehr beschäftigt: Sollte dieses Endlichkeits- und Vergänglichkeitsdingens etwa nicht nur Verwandten von Bekannten und vielleicht noch Großeltern zustoßen, sondern auch mir bevorstehen? Wer bin ich, wenn das Wort „jung“ nicht mehr passt? Und was von all dem, von dem ich immer dachte, dass es irgendwann schon noch kommen wird, ist mir wirklich wichtig; so wichtig, dass ich es vielleicht doch noch in Angriff nehme? –

Jetzt sind Ferien, endlich, seit zwei Wochen, und ich hatte Urlaub; die Hälfte davon haben wir – siehe oben – mit dem Einheimsen von Schuhen und Gemüse in Thüringen, die andere Hälfte gemeinsam mit der Besuchsfreundin (und der Mauz-Laune des Siebenjährigen und der Rumpelstielzchenlaune des anscheinend jetzt endgültig – oh weh! – vorpubertierenden Elfjährigen) hier zu Hause verbracht. Der Rest der Ferien wird gestückelt, ein bisschen Hort und jede Menge Hortschließzeit für den Siebenjährigen und den Elfjährigen; ein langes Wochenende mit ihrem Vater, der einmal mehr zu Ferienbeginn ganz plötzlich Arbeit gefunden hat; ein paar Tage, an denen ich „halben Urlaub“ nehmen werde; ein paar Tage werden die Jungs sogar bei der Freundin ihres Vaters verbringen, bevor wir – aufseufz, ach…  – nochmal zur Kur dürfen, meine Söhne und ich. Nein, an den Haaren herbeigezogen ist es nicht, dass da „Erschöpfungsdepression“ auf meinem Einweisungsbogen steht. Irgendwas ist aus dem Gleichgewicht, schon länger; immer weniger Kraft hatte ich im letzten Jahr, weniger Lust aufs Leben, weniger Glücksgefühl. Immer haben die Arbeit und die Kinder beim Verteilen der Energie mehr als ihren Anteil abbgekommen (und immer ist da das Gefühl, dass bei beidem mehr Engagement nötig wäre), dann kam der Haushalt, und dann war da noch ein bisschen Zeit für Freunde oder wenigstens Simse an Freunde. Alles wichtig. Alles richtig, an sich. Aber danach war da oft garnichts mehr, noch nicht mal genug Zeit zum Schlafen – denn nach meinen zwei Wochen Urlaub merke ich, dass das Allerbeste daran die zusätzliche Stunde Schlaf war, die ich jeden Tag abgekriegt habe. Die hat gutgetan.

Da mag ich plötzlich sogar wieder schreiben, auch wenn ich noch nicht weiß, wie oft und wie viel.
Denn morgen geht das ja mit dem Büro wieder los.
Dreieinhalb Wochen noch, na gut. Das wird schon gehen.