Schlagwort-Archive: Spiele

Im neuen Jahr

2015 ist noch keine zwei Wochen alt, aber schon liegt ist der Jahresanfang hinter einem kleinen Berg Alltag weit, weit zurück.

Wir haben mit der Familie gefeiert: Mit der großen Schwester und der ganz großen Schwester und den Männern von beiden und der ganz großen Nichte, der meine Söhne am liebsten nicht mehr von der Seite gewichen wären. Mit Wunderkerzen auf einem Hügel über der Stadt und mit Sorgen um unseren Vater, der das neue Jahr im Krankenhaus beginnen musste. Dieses Mal alles gut, aber wie soll es weitergehen? Mit dem Auto? Mit dem Garten? Mit der nicht altersgerechten Wohnung, den Papierstapeln im Arbeitszimmer?

Den Weimar-Tatort schauen wir uns an, schließlich kennen wir die Stadt gut, nicht so schlimm also, dass wir den Kommissar nicht verstehen. Was für ein Genuschel! Die Kinder wollen „Pünktchen und Anton“ am nächsten Tag gleich nochmal sehen, und irgendwann zwischendurch hole ich all die Zettel mit schönen Erinnerungen aus 2014 aus dem Honigglas in meinem Gepäck – es sind viel mehr, als ich dachte, wir kommen mit dem Vorlesen kaum zum Ende. Einstimmig beschließen wir, das Glas auch in 2015 wieder aufs Küchenfensterbrett zu stellen und zu füllen.

Dann fahren wir zurück nach Berlin. Arbeit, Kita und Schule nehmen ihren Betrieb wieder auf. Kindergeburtstags-Einladungen müssen geschrieben, Urlaubstermine mit Kollegen abgestimmt werden; ich erkundige mich nach den letzten Kinder-Schwimmkursen vor der Umwandlung unserer Kiezschwimmhalle in einen reinen Vereinsbetrieb, und der Vermieter hätte gerne mehr Geld von mir und meint, der Müllplatz des Nachbargrundstücks sei kein Stück verwahrlost, unser Hinterhof – mit der aus Brettern schief zusammengenagelten, uralten und noch nicht mal nutzbaren Kompostecke und dem inzwischen total vergrasten Sandkasten und den mickerigen Beerenbüschen und dem Kirschbaum, der so beschnitten ist, dass man noch nicht mal mehr von der Leiter aus an die Früchte kommt – dagegen „aufwändig gestaltet“. Morgens, wenn ich zur Arbeit gehe, ist es zu dunkel, um den Sperrmüll auf dem Nachbargrundstück zu fotografieren, abends, wenn ich zurückkomme, auch. Kann ich einen wohnwertmindernden Mangel an Licht und Sonnenschein geltend machen?

Fassungslosigkeit beim Nachrichtenhören, nachdem die Schreckensbotschaft aus Paris meiner Bürokollegin per Spiegel-App ins Handy geplingt ist.

Der Sturm am Freitagnachmittag zerknickt meinen Regenschirm auf dem Weg von der Arbeit zur Kita in Nullkommanix. Damit wir keinen Schaden nehmen, bleiben wir am Wochenende zu Hause, gucken „Michel aus Lönneberga“ und kramen das alte Monopoly-Spiel hervor, das mein Vater vor Jahrzehnten selbst nachgebaut hat. Die bunten Linien auf dem Sperrholz-Spielfeld sind verblichen, die 5.000-Mark-Scheine mussten ungefähr zur Zeit der Wende (aber vor der Währungsreform) schon einmal ersetzt werden – aber die Ereigniskarten und die Straßenkarten sind noch prima lesbar und die Zahnpastatubendeckel erfüllen ihren Zweck als Hotels so gut wie eh und je.

Komm, ich helf Dir, sage ich zum Fünfjährigen, der gleich am Anfang eine miese Ereigniskarte zieht, und zahle seine Steuerschuld. Von da an helfen wir uns alle drei gegenseitig. Wir erlassen uns Mieten, die wir nicht zahlen können; und als mir das Geld komplett ausgeht, schiebt der Fünfjährige mir mal eben 10.000 Mark rüber. Hier, Mama! – Irgendwann müssen meine Söhne dann doch mal dringend an die Luft; ich drücke ihnen meine Teilzustimmung-zur-Mieterhöhung in die Hand (nein, ich werde es nicht auf einen Prozess ankommen lassen, das geht grad einfach nicht, schon der Gedanke daran verursacht die Sorte Schmerzen in der Herzgegend, die mir schonmal so viel Angst gemacht hat) und schicke sie zum Briefkasten.

Ich räume unser Spiel zusammen und denke an meinen Vater, der vor vielen, vielen Jahren sorgfältig all die Linien gezogen und liebevoll all die Felder beschriftet hat; der gemalt und geschnitten und geschrieben und Spielfiguren und Zahnpastadeckelhotels zusammengesucht hat – natürlich gab es das Spiel in der DDR nicht, obwohl es den Kapitalismus eigentlich überhaupt nicht gut wegkommen lässt. Denke an meinen Vater, der manches davon jetzt nicht mehr könnte.

Der Neunjährige und der Fünfjährige kommen vom Briefkasten zurück und betteln um eine weitere Runde Monopoly. Hinterher schreiben wir einen kleinen Zettel und tun ihn in unser Glas-mit-glücklichen-Momenten.

Trotz der Nachrichten. Trotz allem. Jetzt. Hier. 2015.

Gesehen, gelesen, gehört und gespielt… im Juli

Scarlett Thomas‘ Roman „Bright Young Things“ wurde nach seinem Erscheinen häufig in einem Zusammenhang mit Reality-TV-Formaten wie „Big Brother“ rezipiert. Geschrieben hat die Autorin ihn, so geht es aus ihrem eigenen Vorwort zu meiner späteren Auflage des Buches hervor, jedoch bevor derartige Sendungen ins Fernsehen kamen. Das Setting ist einfach: Sechs Leute, die aus einer großen Menge an Bewerbern auf eine skurile Stellenanzeige ausgewählt wurden, finden sich auf einer einsamen Insel wieder. Wie gehen junge Leute um die Jahrtausendwende mit dieser Situation um? Leben wir in einer Welt, in der sie schon mit Anfang 20 eine „Überdosis“ an Sorgen – um die Welt und sich und die Zukunft – abbekommen haben? Verfügen junge, gebildete Großstädter noch über die Fähigkeiten, als Robinsons zu überleben oder auch: aus einer ausweglosen Lage zu entkommen? Können wir Menschen der Postmoderne noch irgendetwas als „real“ wahrnehmen – oder ist alles schon Zitat, sogar unser eigenes Leben? Spannende, große Fragen.

„100 Beste Plakate“ – die Sieger des gleichnamigen, jährlichen Wettbewerbes sind derzeit im Foyer des Berliner Kulturforums am Potsdamer Platz ausgestellt. Klein und fein – und kühl in der Berliner Sommerhitze – wird dieses El-Dorado für Grafik-Designer im Untergeschoss des großen Museumsbaus präsentiert. Was gilt heute als „bestes“ Plakat? Mit dieser Laienfrage gehe ich in die Ausstellung. Und entdecke: Viel, viel durcheinanderiges Kribbelkrabbel. Schöne Spiele mit großen Lettern. Knallige Kontrastfarben. Plakatserien, die mit Farben und Motiven experimentieren. Vielleicht am schönsten: die Kino-Programmplakate einer Hochschule für angewandte Kunst, gedruckt auf verschiedenen Stoffen, edel und schlicht.

Ein neues Spiel im Schrank: „Concept“ – und erst einmal bin ich misstrauisch. Vorgegebene Begriffe sind in diesem Spiel durch das Setzen logischer Zusammenhangsmarker auf Piktogramme zu erläutern, die „Konzepte“ darstellen. Kann das wirklich sein, dass man die ganze Welt (oder jedenfalls die halbe) mit Hilfe von nicht mehr als 40 oder 50 Piktogrammen erklären kann? Meine Besuchsfreundin ist bereit, zu testen. Und siehe da: Unsere Versuche („Rechtsanwalt“ z.B. ist „Mann/Frau“, „Beruf“, „grau“, „Staatsmacht“, Geld“ und „Gefängnis“) reichen zwar nicht immer, um richtig zu raten – aber lustig genug für einen langen Abend ist es doch, mit der gedanklichen Zusammensetzung von Begriffen herumzuexperimentieren.

Nach Neil Gaimans Roman „Niemalsland“ habe ich gegriffen, weil ich Terry Pratchett schätze und ich mir nach dem Lesen einiger Bewertungen vorstellen konnte, dass Gaimans Roman auf ähnliche Weise mit der Welt der Sagen und Legenden spielen würde – in diesem Fall angesiedelt in einem „Unter-London“, in das ein biederer Büroangestellter gerät, als er einem von dort stammenden Mädchen hilft – und danach für die „normale“ Welt nicht mehr existiert. Aber überzeugt hat mich das Buch nicht: Die Anderswelt unter London wird nur angerissen und bleibt blass und unscharf, seine Figuren zeichnet der Autor bei weitem nicht mit dem liebevollen Schalk, der Terry Pratchett auch noch beim Fabulieren über Mörder und Monster im Nacken sitzt, und die Handlung habe ich mit nur mittelmäßigem Interesse verfolgt. Irgendetwas fehlt, obwohl die Zutaten für eine gute Geschichte alle in diesem Buch verarbeitet sind. Schade.

Und ein Buchgeschenk: „Das Lavendelzimmer“ von Nina George. So ein Wohlfühlbuch über eine große Frage: Wie kann man ins Leben zurückkehren nach dem Verlust einer ganz (ganz ganz) großen Liebe? Wie aufarbeiten und heilen und einen neuen Menschen ins Herz schließen? – So weit, so gut. Aber ach: Sooo viele Adjektive! (Scarlett Thomas macht mit ihren Schriftstellerschülern eine Übung, bei der alle Wörter bei einer „Wörterbank“ „gekauft“ werden müssen – Adverbien und Adjektive zum Höchstpreis. Dieses Buch wäre schweineteuer gewesen,,,) Sooo viel südfranzösische Landschaft! Ich würde dieselbe Geschichtenkonstellation gern mal lesen, wenn sie mit Personen besetzt wäre, die nicht einfach davonlaufen können, sondern sich weiter um ihren ganzen Kleinkram (Haushalt, Kinder, Broterwerb) kümmern müssen. Dafür gern mit weniger Adjektiven und Landschaft. Frau George? Wie wärs?

Mehr von Mark Haddon: „A Spot of Bother“ – große Familiengeschichte um eine Hochzeit, von der alle glauben, dass sie falsch ist, und einen Vater, der langsam den Verstand verliert. Wie macht der Autor das, sich in so viele verschiedene Hauptpersonen – vier sind es in diesem Buch, Mutter, Vater, Tochter und Sohn – hineinzuversetzen, und in so außergewöhnliche noch dazu: in den Vater mit seinen immer heftigeren Anfällen von Verwirrtheit; oder – in seinem anderen Buch – in einen autistischen Jungen? Von Mark Haddon möchte ich noch viel, viel mehr lesen.

Gesehen, gelesen, gehört und gespielt… im Februar

Kräftig Rosarot leuchtet der Fisch auf meiner neuen Lieblingspostkarte – und rosarot sein Spiegelbild. Die Karte stammt aus dem Buchstabenmuseum, in dem zwei engagierte Frauen Schriftzüge und Buchstaben sammeln, mit denen Firmen oder Geschäfte geworben haben und die Geschäftsaufgaben, Insolvenzen oder einer neuen Corporate Identity weichen mussten. Der – im ganzen und mit Fischen – erhaltene Schriftzug „Zierfische“ ist eines ihrer besonders schönen Ausstellungsstücke. Ein sehenswerter, skurriler Ort in Berlin, eine schöne Art, Stadtgeschichte zu erzählen.

Meistens sind Bücher mit Anleitungen für kreative Techniken ja was zum Schönstehen, zum Blättern und zum sehnsüchtigen Seufzen. Ach, wenn ich mal Zeit hätte… Und das ganze Material… Auch Susanne Hauns Buch „Holz- und Linolschnitt“ gehört zu denen, die man gern anschaut – sehr schön gestaltet ist es und mit vielen Beispielbildern illustriert. Aber seit wir das Linolschneiden selber ausprobiert haben, weiß ich, dass dieses Buch nicht im Regal verstauben wird; dass wir es gerne dann und wann zum Nachschlagen nutzen werden – denn alles wird darin Schritt für Schritt ganz einfach erklärt. Mit diesem Buch kriegen sogar wir Anfänger das hin.

Wir haben in diesem Monat nicht nur Kunst gemacht, sondern auch gespielt. Viiiiel gespielt. Der Fünfjährige darf bei „Verrücktes Labyrinth“ noch nach den Kinderregeln schieben. Und beim „Malefiz“ wird er eben nicht ganz so gnadenlos rausgeschmissen. Dann spielt er beides schon gerne – der Neunjährige ja sowieso. Aber eine echte Neuentdeckung für mich ist „Fang den Hut“. Ach, was haben wir Spaß daran, einander über das Feld zu jagen und einen möglichst hohen Turm mit Gefangenen ins eigene Haus zu verschleppen! Kinder im Familienspielealter zu haben, ist einfach klasse. Und dass ich mich gerne zu einer kleinen Spielerunde überreden lasse, wissen die beiden inzwischen ganz genau.

In der S-Bahn haben mich in diesem Monat allerlei Kolumnen unterhalten. Nicht ganz neu, aber immer noch schön: Julia Karnicks beste Brigitte-Kolumnen „Einerseits ist alles ganz einfach“ genauso wie“Ich kann nicht, wenn die Katze zuschaut“ von Stefan Schwarz, der für das Magazin schreibt. Familienalltag einmal aus Frauen- und einmal aus Männersicht. Zum Lachen – Tränen lachen! – sind beide.

Und noch ein ernsthaftes Buch – geschrieben hat es Andrew Sean Greer – das voller Leichtigkeit eine ganz ungewöhnliche Geschichte erzählt. „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“, der mit dem Körper eines alten Mannes geboren und im Laufe seines Lebens immer jünger wird. Und die Geschichte seiner großen, lebenslagen Liebe zu einer Frau, der er immer wieder begegnet. Sehr schön.

Gesehen, gelesen, gehört – und gespielt… im März

Radio…  Ein weiterer Quantensprung: Plötzlich schreien meine Söhne nicht mehr bei jeder guten Musik, dass ich den Krach sofort ausmachen soll. Also schalte ich wieder häufiger das Radio ein. Eine Zeitlang habe ich vor allem Funkhaus Europa gehört. Weil da jede Menge internationaler Musik zu hören ist und eine schöne Salsa mich tatsächlich schon vor sieben Uhr fröhlich machen kann. Jetzt gerade steht die Sendereinstellung auf Radio Eins. Nicht wegen der Quotenwoche, die ist eh vorbei. Sondern weil es jetzt gerade ihre Musik ist, die mir (und meinen Söhnen) gefällt. Eben doch nicht nur für Erwachsene.

Als eines Nachmittags die Nachbarsjungs zum Spielen eingeladen waren, brachte ihre Mutter die Buddel Company mit. Ein Spiel ab ca. fünf Jahren, bei dem Maulwurfsfiguren in fünf Farben jeweils paarweise so zusammengeklebt sind, dass es jede mögliche Kombination der fünf Farben genau einmal gibt. Dazu ein Spielbrett bzw. eine Spielwiese, in die man die Figuren so stecken kann, dass immer nur einer der zusammengeklebten Maulwürfe – also nur eine Farbe – zu sehen ist. Aufgabenkärtchen zeigen, wie viele Maulwürfe bestimmter Farben sichtbar sein sollen, nachdem man genau drei Figuren umgedreht hat. Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Und was soll ich sagen? Nachdem der Vierjährige und sein fünfjähriger Freund die Lust verloren hatten, saßen meine Nachbarin und ich mit meinem älteren Sohn noch lange um das Spielbrett herum und drehten Maulwürfe. Mit großem Vergnügen.

Diverse Bücher, in den letzten Wochen eine chaotische Mischung aus Leihgaben und Zufallsfunden: Kinky Friedman (ja, ich verstehe, warum der gelegentlich als Sexist bezeichnet wird); Jasper Ffordes „The Last Dragonslayer“ (wenn man Jasper Fforde mag, wird man auch von diesem Buch nicht enttäuscht, sein Humor ist unverkennbar und seine verrückten Ideen sind unerschöpflich); Margit Schreiner „Mein erster Neger“ (habe nur wenige ihrer kurzen Geschichten mit mäßigem Genuss gelesen und das Buch dann absichtlich in der S-Bahn liegenlassen); Laurence Gonzales „Lucy“ (die Geschichte eines Mädchens, das halb Bonobo und halb Mensch ist und nach seinem Aufwachsen im Dschungel mit Amerika konfrontiert wird… das war spannend). Der Lesestapel für April ist schon wieder hoch. Mal sehen…

Kleine Liebeserklärung an Sven Nordquist – beziehungsweise den alten kauzigen Petterson aus seinen Pettersson-und-Findus-Büchern: Die Hörfassung von einigen dieser Geschichten haben wir in den letzten Tagen – leicht verstaubt – aus dem Regal gekramt. Ach, sie sind sooo schön! Wenn Pettersson schlechte Laune hat und sagt: „Ich muss den Kartoffelacker umgraben, aber ich habe keine Lust, den Kartoffelacker umzugraben!“; wenn er sich den ganzen Tag selbst leid tun möchte und es am liebsten hätte, dass Findus ganz leise spielt und ganz weit weg – dann spreche ich so inbrünstig mit, dass meine Kinder lachen. Es tut gut, dieses Lachen, vielleicht hilft es ihnen ein bisschen, damit umzugehen, dass ich mich dann und wann ganz genauso fühle wie der alte Pettersson. Und wenn Findus es abstreitet, das Mehl gegessen, ein Loch in den Reifen gebissen oder den Schlüssel verschlumpert zu haben, und wenn Pettersson antwortet „Dann muss ich es wohl selber getan haben“ – dann hoffe ich sehr, dass mir diese Antwort einfällt, bevor ich das nächste Mal mit meinen Kindern über etwas streite, über das sich Streit eigentlich nicht lohnt.

So, ausgelesen: „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell hat mich ein paar Wochen beschäftigt. Habe gestaunt und gelacht und den Atem angehalten… das Buch auch ab und zu zur Seite gelegt, weil die Zukunft, die der Autor entwirft, auch ein bisschen beklemmend ist – und habe mir nicht vorstellen können, dass der Film, den ich in den Kinos dann doch verpasst habe, diesem Buch gerecht werden kann. Geschrieben ist es wunderbar.

Meine Osterpostkarte in diesem Jahr: Ein Hase liegt schlafend auf einem Vorrat riesiger Möhren, jede so groß wie er selbst. Seelig lächelnd liegt er da, Löcher in den grünen Socken, eingehüllt in einen Mantel, denn vor dem geöffneten Fenster schneit es. „Hasentraum“. Gemalt von Katharina Busshoff. Wegen der Karte (ich hab die letzte erwischt, ha!) musste ich dann doch nochmal in die Buchhandlung zurück…

Winterferien

Winterferien. Ich lasse – wenigstens für einen Tag – alle mehr als ganz besonders dringenden Arbeitsprojekte liegen, nehme mir frei und verbringe ein verlängertes Wochenende mit meinen Kindern und meinem Vater. Er hat den Kindern durchsichtige Flummis mitgebracht, in denen es bunt zu blinken anfängt, wenn man sie auf den Boden aufschlagen lässt. Ein großer Spaß… jedenfalls solange, bis meine Nachbarin anruft, ja, genau die, die direkt unter uns wohnt. Zum Glück ist sie – das wusste ich nicht – im Urlaub und will nur wissen, wie ich süße Polenta koche. Da helfe ich doch gerne.

Wir bummeln an der Spree entlang, pusten Seifenblasen übers Wasser, den hungrigen Enten ist das nicht geheuer, sie schwimmen hastig davon; ein Stück weiter holen wir das mitgebrachte alte Brot hervor und füttern sie. Die Wintersonne kommt für ein paar Minuten heraus, wunderschönes Licht über dem Wasser, Wolken und Schnee vergoldet.

Zu Hause mache ich mich auf die Suche nach meinem alten Siedler-von-Catan-Spiel, weil der Achtjährige das an Weihnachten bei meiner Schwester kennengelernt hat und gerade ganz wild darauf ist. Ich stoße auf eine ganze Kiste mit alten Spielen. Kurze Zeit danach sitzen wir am Küchentisch und fummeln mit den bunten Steckerchen des Master Mind herum. Ich fühle mich in die achtziger Jahre zurückversetzt, in die Zeit, als der gelegentliche „Westbesuch“ mir und meinen Schwestern mit solchen Mitbringseln eine Freude machte. Weiter unten in der Kiste taucht ein uraltes Solo-Halma im schönsten DDR-Design auf. Während der Achtjährige daran herumknobelt, spiele ich mit dem Vierjährigen noch einmal das erste Memory, das ich meinen Kindern gekauft habe, das mit den Holzsteinen an Stelle von Kärtchen. Er schlägt mich, ich muss noch nicht mal absichtlich danebengreifen. Und dann entdecken wir „Spitz pass auf“, auch dieses Spiel seit vielen, vielen Jahren vergessen, bei dem man seine Holzmaus an ihrer Schnur möglichst schnell vom „Käse“ wegziehen muss, wenn die vorher vereinbarte Farbe oder Zahl gewürfelt wird und der Würfelbecher zuschlägt, um möglichst viele von den Mäusen zu fangen. Der Vierjährige zieht sein Mäuschen sicherheitshalber bei jeder Farbe weg. Der Achtjährige konsequent bei den Farben, die wir in der vorigen Runde vereinbart hatten. Kichern müssen wir alle.  

Später ist der Vierjährige mit seinem Kindergarten-Rätselblock befasst, auch der ein Geschenk vom Opa. Auf einer Seite müssen aus einer Reihe von Nahrungsmitteln diejenigen herausgesucht werden, die süß schmecken. Mein kleiner Sohn, der noch nie im Leben eine Erdbeere gekostet hat (auch keinen Blumenkohl und keinen Schinken, das hier wird also echt schwer), muss deduktiv vorgehen. Da sind doch Vitamine drin, sagt er und zeigt auf die Erdbeere, das schmeckt also nicht süß.

Ein schönes Wochenende. Auch nicht dadurch zu verderben, dass der Achtjährige mich beim Abendessen – Opa ist abgereist – aus heiterem Himmel fragt (nein, nicht aus ganz heiterem Himmel, wahrscheinlich verziehe ich mein Gesicht, weil ich darüber nachdenke, wie ich ihm erklären kann, woran man im Buchladen Frauenbücher und Männerbücher unterscheiden kann, das ist gar nicht so einfach): Mama, warum hast Du eigentlich so tiefe Linien zwischen Mund und Nase? Hab ich die auch? Besorgt betastet er seine Wangen. Noch mehr Erklärungsbedarf.

Noch ein paar Ferientage wie diese, wie schön wäre das. Sie hatten gerade angefangen, uns richtig gut zu tun. Möglicherweise sogar den Linien in meinem Gesicht.