Schlagwort-Archive: Tagebuch

Herbstanfang auf dem Wasser, Potsdamansichten, Tigervierlinge mit Kniefehlstellung

Ich habe mein Fahrrad wieder! Der Hannoverliebste brachte es am letzten Mittwoch zurück und hatte für eine fast halbe gemeinsame Woche sein Homeoffice in einer meiner Fahrradtaschen dabei.
Leider erwischte er mich auf dem Tiefpunkt einer familiären Stressphase, in der mein Kopf von gepressten Baumblättern, unerwarteten Rechnungen und Wechselmodell-Abstimmbedarfen schwirrte und meine Stimmung ziemlich gelitten hatte. Mit dem Einsetzen des Wochenendes wurde das zum Glück besser, der Hannoverliebste kochte zum Freitagabend seine wunderbare Bolognesesauce, das beste Essen, um sich an einem Küchentisch zusammenzusetzen und über schwieriges zu reden.

Ja, mich drückt das Zuviel an Alltagsaufgaben leicht „unter Wasser“. Ja, ich bin dann unleidlich und kleinlich, empfinde den Wunsch meines Partners nach Aufmerksamheit und Interesse als zusätzliche Belastung; hätte gern, dass der andere mir einfach den Rücken frei hält, am liebsten errät, was ich brauche – ein ziemlich unerfüllbarer Wunsch.

Am Samstag rafften wir uns auf, schnappten unsere Fahrräder und schoben sie in eine Bahn nach Potsdam. Ich hatte Karten für einen Abendslot im Barberini-Museum ergattert; der Hannoverliebste wollte einmal am Schloss Sanssouci vorbeiradeln, das ließ sich gut kombinieren. Wir staunten beide über die schiere Größe des Parks, die Menge der dort zu besichtigenden Schlösschen und Häuser; auch darüber, wie klein Schloss Sanssouci ist und dass es von außen relativ heruntergekommen aussieht. Mich erfreuten besonders die bepflanzten Terassen vor dem Orangerieschloss mit bunten Salbeisorten, Artischocken und Wasserspielen, und ich habe fest vor, den Ausflug bei besserem Wetter und mit Zeit für die Besichtigung von ein, zwei Schlössern zu wiederholen.
Potsdam mit den Fahrrädern zu erkunden, war eine supergute Idee – erstmals bekam ich eine Vorstellung davon, wie sich in dieser Stadt, die ich als „planlos zusammengewürfelt“ empfinde, der Park, die Innenstadt, das Barberini-Museum und der Bahnhof geografisch zueinander verhalten. In der Innenstadt kehrten wir kurz auf eine lauwarme Erbsensuppe und ein eher nicht leckeres Stück Kuchen ein; liefen einmal die wenigen Straßen im Holländischen Viertel ab und standen dann noch ein paar Minuten vor dem Museum – die Einlasszeiten werden genau genommen, obwohl man dann so lange im Museum bleiben darf, wie man will – bevor wir uns die sehr schöne Ausstellung der russischen Impressionisten ansahen.

Am Sonntag hatten wir noch genug Zeit für ein Sonntagsfrühstück mit Brötchen und Croissants und ich bereitete ein ausgiebiges und darüber hinaus kindgerechtes Picknick vor, bevor der Hannoverliebste in den Zug nach Hause und ich in die Straßenbahn zum Tierpark stieg. Ich war mit dem Patenmädchen und der Mutter des Patenmädchens verabredet. Tiger sehen – das war der größte Wunsch von beiden; und trotz der recht weiten Wege schafften wir das nach längerer Zeit auch und hatten Glück: die beiden erwachsenen Tiere waren munter und schauten interessiert zu den Besuchern hinüber; im Nachbargehege lümmelten ihre halbwüchsigen Vierlinge, die auf Grund einer Kniefehlstellung recht schwerfällig laufen, was gut zu sehen war. Außerdem gab es Pinguine, Geier, Präriehunde, Flamingos, zwei Picknickpausen (eine davon mit Anstoßen auf den nur kurz zurückliegenden Geburtstag meiner Freundin), keine Pommes im Restaurant, superschicke Toiletten und eine große Ausstellung bunt gestalteter Berliner Buddybären.

Das Highligt der neuen Woche war ein Team-Ausflug auf dem Wasser – drei Stunden Kanadierpaddeln mit einer sehr guten Anleiterin, leckeres Essen und dann (eine Chefin mit Kindern zu haben, ist ein echter Vorteil!) ein familienfreundliches Ende am Nachmittag. Weniger schön war, dass ein Kollege stark erkältet teilnahm und ein anderer sich am nächsten Tag mit Fieber abmelden musste. Hoffentlich, hoffentlich kein Corona (Test bisher negativ, aber naja), denn morgen werden der Sechzehnjährige und ich meinen Vater besuchen fahren.

Ansonsten: Zwei Tage im leeren Büro mit Mittagessen im leeren Betriebsrestaurant (beginne, mich in dem beinahe verlassenen Gebäude wie ein Gespenst zu fühlen) und tapferem Treppensteigen, wegen Bewegungsmangel und so. Nach vielen Monaten Julian Barnes‘ „Kunst sehen“ wieder zur Hand genommen, noch unschlüssig, ob es seinen Platz im Regal verdient. Dem Zwölfjährigen statt Fernsehen vorgelesen und mit ihm die Ergebnisse der U18-Bundestagswahl durchgesehen. Thüringen und Sachsen erschreckend. In den großen Städten deutschlandweit häufig die Grünen weit vorne. Gerne hätte ich eine Deutschlandkarte gehabt, die pro Wahlbezirk die stärkste Partei zeigt; und eine, in der man pro Partei farbabgestuft hätte sehen können, wie gut sie in Prozent im jeweiligen Wahlbezirk abgeschnitten hat. Auch in Ethik und Biologie lernt der Zwölfjährige spannende Dinge, wir führen angeregte Frühstücksgespräche über Syllogismen und Einzeller. Meine Wintersachen vom Hängeboden geholt, jetzt möchte ich gern einen Nachmittag im Secondhandkaufhaus vertrödeln und ein paar Lücken in der Wintergarderobe füllen. Haushalt und nächtliches Herumgegrübele. In der App, in der ich begonnen habe, meine Kopfschmerzen zu notieren, ist unter „Stimmung“ der Punkt „müde“ derjenige, den ich am häufigsten anklicke. Spontan zwei Überstunden genommen und auf der Klimademo mitgelaufen, allein, weil die in Frage kommenden Freunde alle arbeiten mussten und der Sechzehnjährige keine Lust hatte. Zusammen wäre das schöner gewesen.

WmdedgT – 5.9.2021 – Solitärtag

Es ist wieder einmal soweit – Frau Brüllen fragt uns, was wir eigentlich den ganzen Tag über so tun. Alle Beiträge dazu finden sich hier. Und das war mein Tag:

Aufgewacht gegen sieben Uhr. Wenn ich ausschlafen könnte, bin ich um diese Zeit oft ganz munter. Stehe also auf, mische mir ein Müsli, mache Kaffee dazu und ziehe ein paar warme Sachen über. Frühstück auf dem Balkon, das geht ja nicht mehr lange, das möchte ich noch ein paar Mal genießen.

Heute ist ein Trödeltag, an dem ich ganz alleine bin. Gleich nach dem Frühstücken bringe ich erstmal den Balkon in Ordnung, entferne welke Blätter, schneide einiges zurück und sammle Samen von Cosmea, Sonnenhut, Rucola und der roten Zinnie. Weil morgen testweise jemand kommt, um meine Wohnung zu reinigen, fange ich dann mit einer Aufräumtour an. Schlafzimmer, Küche, Bad, Flur. In der Küche stehen sechs Sektgläser, die ich gestern auf einem Hinterhofflohmarkt in Hannover erworben habe; im Flur liegt noch der unausgepackte Koffer mit Fahrradhelm, schmutzigen Sachen und einer feinen blauen Bluse, die auch vom Hinterhofflohmarkt stammt. Ich packe aus und räume weg und krame mich quer durch die Wohnung. Zwischendrin ruft die ganz große Schwester an und wir nehmen uns Zeit für ein ausführliches Gespräch, ich liege dabei gemütlich auf dem Sofa, Kaffee ist auch noch in der Nähe.

Gegen Mittag improvisiere ich aus einem Rest roter Linsen, drei Knoblauchzehen, ein paar Datteln, gemahlenen Haselnüssen und etwas Sahne eine Nudelsauce. Nebenbei schreibe ich Textnachrichten mit dem Hannoverliebsten. Beim Auspacken habe ich in meiner Hosentasche seinen Wohnungsschlüssel gefunden, ich hatte ganz vergessen, dass ich den nicht zurückgelegt hatte.

Ich esse auch meine Linsennudeln auf dem Balkon. Hinterher gönne ich mir den Sonntagsluxus, mich ein paar Minuten aufs Sofa zu legen. Dann räume ich noch das Wohnzimmer auf und fange an, am Computer Kram abzuarbeiten: Die Bahnfahrkarte, die ich wegen des Streiks nicht genutzt habe, muss reklamiert werden, die Schulen der Kinder haben drölfzig Emails geschrieben, das Entgelt für den Online-Sportkurs ist fällig und der Hausnotruf meines Vaters will noch eine Datenspeicherungseinwilligung von mir. Dann verblogge ich meinen Urlaub. Die Sprachlernapp erinnert mich daran, dass ich heute noch nicht gelernt habe, also kommen auch die dänischen Verben zu ihrem Recht; eine Einkaufsliste muss geschrieben werden und ich verschaffe mir einen Überblick über die Termine der Woche. Weil am Dienstagabend ein geselliges Elternzusammensein in der Schule des Zwölfjährigen stattfinden soll, muss die Einkaufsliste nochmal ergänzt werden: Fingerfood wird erbeten.

Dann ist es höchste Zeit, rauszugehen. Die Radfahrwoche hat meiner Kondition gutgetan, ich laufe zwei Stunden durch den Stadtwald und durch den Park, nasche ein paar Mirabellen vom Wegesrand, setze mich ein Weilchen auf eine Bank in den Blumengarten, streife ein paar Blumensamen in ein Papiertaschentuch und – ich kann es einfach nicht lassen – bestimme ein paar Bäume und nehme fürs Herbarium des Zwölfjährigen noch Schwarzesche und gemeinen Hasel mit. Die besetzen dann wirklich die allerletzte Ecke auf dem Wohnzimmertisch; der liegt jetzt komplett unter einer zwanzig Zentimeter hohen Decke aus dicken Büchern.

Zum Abendessen mache ich mir Brote mit der leckeren Dattel-Walnuss-Käsecreme, die der Hannoverliebste mir gestern gekauft und nach Berlin mitgegeben hat, weil er weiß, wie gerne ich sie esse. Dazu gibt es Minitomaten vom Balkon, Kräuter direkt aus dem Pflanzkasten und Radionachrichten. Ausführliche Zeit im Bad, Tagesschau, Entspannungsfernsehen. Kurz vor zehn ruft der Hannoverliebste an, wir tauschen uns ein Weilchen über unseren Tag aus. Jetzt noch fertigbloggen… und dann schlafen.

WmdedgT – 05.05.2021

Es ist Tagebuchblogtag – Frau Brüllen fragt: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? – und alle, die mitmachen, verlinken sich hier. Voila:

Um 6.30 klingelt der Wecker, zum letzten Mal wache ich in Weimar auf. Draußen Morgensonne, das ist schön. Ich gehe ins Bad und sage hinterher meinem Vater Bescheid, dass er jetzt an der Reihe ist. Unterdessen mache ich Frühstück. Wir sitzen noch über Kaffee und Marmeladenbroten zusammen, als kurz vor acht die Pflegeschwester – mit einem Praktikanten im Schlepptau – für die täglichen Verrichtungen klingelt. Hinterher frühstücken wir fertig.

Ich bereite Tabletten für die nächsten Tage vor, bringe Müll weg und hole die Zeitung, packe dann meinen Koffer und setze mich mit dem Handy in die Küche, um die ganz große Schwester zu fragen, wann sie ankommen wird. Dann schaue ich mal auf meinem Blog-Reader vorbei und lese eine ganze Weile. Später kommt mein Vater dazu, wir sitzen ein wenig in der Küche, ich fange an, Möhren für einen Rohkostsalat zu schälen. Zwischendurch meldet sich die große Schwester aus ihrem Homeoffice und fragt nach, wie es uns geht. Während ich mit der Küchenmaschine kämpfe – sie hat zwei Verriegelungsmechanismen, von denen ich immer nur einen verriegeln kann, nicht aber beide gleichzeitig – klingelt die ganz große Schwester schon an der Tür. Sie wird für die nächsten Tage in Weimar bleiben, bis die Frau unseres Vaters, die ein paar Tage Urlaub hinter den sieben Bergen macht, wieder zurückkommt.

Wir haben uns lange nicht gesehen und freuen uns sehr, dass wir den Tag gemeinsam verbringen können. Wir sitzen zusammen und erzählen ein bisschen, dann reibe ich die Möhren einfach per Hand, hole den Gulasch vom Balkon (kalt genug war es ja), setze Kartoffeln auf. Wir speisen prächtig. Zum Nachtisch gibt es Götterspeise mit Vanillesauce, denn mein Vater mag Süßes und solche Wünsche sind ja erfüllbar.

Während unser Vater sich ausruht, erkläre ich der ganz großen Schwester noch dies und das – wo sind die Kartoffeln versteckt, welche Medizin muss abends am Bett stehen, wann kommt die Physiotherapeutin, wo hängt welches Handtuch – und dann trinken wir zu dritt Kaffee. Hinterher haben wir noch genug Zeit, um eine Runde rauszugehen und frisches Brot von der Brotmanufaktur zu holen und ein halbes Stündchen zu spielen; es reicht auch für eine Dusche für unseren Vater und ein frühes gemeinsames Abendbrot. Dann bringt die ganz große Schwester mich und meinen Koffer zum Bus.

Natürlich muss das Band meiner FFP2-Maske genau jetzt reißen, so dass ich etwas unbeholfen mit meinem großen Koffer in der einen und dem Handy mit der Fahrkarte in der anderen Hand in den Bus steigen und gleichzeitig noch die Maske festhalten muss; der Busfahrer hat zum Glück Erbarmen und besteht nicht darauf, meinen Fahrkarten-QR-Code unbedingt einzuscannen; ich darf mich hinsetzen und nach der Ersatzmaske kramen. Am Bahnhof habe ich ein bisschen Umsteigezeit; es weht ein eiskalter Wind, ich bin froh, dass die ganz große Schwester mich gewarnt hat und ich unter der Winterjacke noch eine Schicht extra angezogen habe.

Die Rückreise klappt prima, alle Züge sind pünktlich und schön leer. Die Frühlingsdämmerung vor dem Zugfenster ist wunderschön – blühende Bäume, grüne Felder, drohende Regenwolken. Ich entknote meine verhedderten Kopfhörerkabel und schalte die letzte Folge vom NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“ ein. Nebenbei schreibe ich mit dem Hannoverliebsten hin und her, fange an, bei Frau Brüllen in den WmdedgT-Einträgen zu stöbern und versichere mir, dass es auf Reisen ok ist, mehrere Dinge gleichzeitig mit dem Handy zu machen und dass ich ein andermal ganz bestimmt ein Digitalfasten einlegen werde.

Erst in der Berliner S-Bahn sind wieder Leute, die die Marke cool unter der Nase tragen statt davor. Willkommen zu Hause. Meine Wohnung riecht ganz leer und seltsam (ich hätte die Sträuße mit den welkenden Zweigen vielleicht doch VOR meiner Abreise entsorgen sollen); Heinzelmännchen waren inzwischen auch keine da. Aber die andere Mitmutter hat die Blumen gegossen, die Tomatenpflanzen leben alle noch.

Ich rufe schnell in Weimar an, um Bescheid zu sagen, dass ich gut angekommen bin. Dann rufe ich den Hannoverliebsten an: nur noch zwei Tage, bis wir uns sehen! Ich notiere schnell ein paar dringende Punkte auf der To-Do-Liste für morgen (drei Überweisungen, vor allem – Prinzip Hoffnung hat letztes Jahr ja auch funktioniert – die 2. Rate für das Ferienhaus in Dänemark; nachprüfen, ob Ausweis/Kinderreisepass der Jungs noch gültig sind; und den Neun-Uhr-Termin mit der Chefin zur Optimierung und Beschleunigung der Arbeitsprozesse in der Abteilung sollte ich besser auch nicht verpassen). Dann schenke ich mir zwei Finger hoch selbstgemachten Likör ins Glas, ziehe das Kabel aus dem Koffer und den Rechner aus dem Rucksack und schalte ihn ein: Zeit zum Bloggen.

Jetzt nur noch Bad und Bett.

27.02.2021

Eine Woche voller Events liegt hinter uns: Der Sechszehnjährige durfte für ca. 15 Minuten in die Schule gehen, um sein Halbjahreszeugnis abzuholen. Besonders gut ist es nicht, aber hey: es war auch nicht das Jahr dafür. Der Zwölfjährige durfte für ca. anderthalb Stunden zur Schule gehen, um an der Matheolympiade teilzunehmen. Die fand irgendwie verkürzt statt, sehr viel Zeitdruck. Und ich hatte eine Stunde bei der wundertätigen Osteopathin, die mir erklärte, dass mein geschwollener Augenwinkel mit meinem Nacken zu tun haben könnte (na klar, seit ich den Bildschirm von der Firma im Homeoffice stehen habe, sitze ich anders und schaue mehr nach oben bzw. weniger als unten als vorher) und dass in meinem Bein tatsächlich eine verklebte Faszie sitzt. Die Berliner U-Bahn-Linie 7 benutzen zu müssen, um zur Osteopathin zu kommen, war natürlich ein hoher Preis – fast wie ein Ausflug in ein Leben ohne Corona. Alles voller Menschen, die nicht Abstand halten und das mit den Masken auch noch nicht so ernst nehmen.

Ansonsten: viel Arbeit, trotzdem noch an einem der warmen Sonnennachmittage den Balkon aufgeräumt. Der Sechszehnjährige hat mir einmal das Kochen abgenommen, das war super, das möchte ich gern öfter haben.

Fürs Wochenende habe ich schrecklich viel vor: Den Sechzehnjährigen zur Digitalmesse „Abi und Beruf“ schleppen; diverse Blumen umtopfen; mit dem Fotoalbenprojekt weiterkommen und die Frühjahrssachen der Kinder durchsehen. Außerdem mit der anderen Mitmutter rausgehen, zweimal kochen, einkaufen…

Trotz (vielleicht auch wegen?) der vielen Pläne geht es mir besser als in der letzten Woche. Vielleicht auch, weil ich am Montag frei hatte und erst gegen Abend aus Hannover zurückkam. Vielleicht auch, weil der Frühling näherkommt. Nur einen Friseurtermin habe ich noch nicht.

13.02.2021

Diese Woche war… anders.

Kaum hatte der Hannoverliebste das Remote-Arbeiten von meinem Zuhause aus getestet, wurde diese Möglichkeit ganz wichtig, weil die Bahn wegen des Schneefalls und der Kälte ihren Betrieb erstmal einstellte. Von Tag zu Tag entschieden wir, dass die Züge noch nicht wieder zuverlässig genug waren – vielleicht wollten wir auch gern noch ein paar Tage gemeinsam verbringen. Mir waren die vielen roten Kreuzchen hinter den Bahnverbindungen in der App jedenfalls ganz recht.

Und draußen der Schnee: Wunderbare Bilder habe ich im Kopf von unseren Spaziergängen, vom schneehellen Dämmerwald, über dem rosa der Stadthimmel leuchtete; von der halb zugefroreren Spree mit Hunde- und Entenspuren auf dem Eis, mit Rissen zwischen den Schollen, die bereits wieder zufroren. Sogar der Sechzehnjährige hatte Spaß, stocherte mit langen Ästen im Eis, machte den Spaziergang zur Schneeballschlacht.

Daneben traurige Nachrichten: Viele gesundheitliche Probleme, mein Onkel und meine Stiefmutter im Krankenhaus, die ganz große Schwester nicht wohlauf. Die große Schwester sprang ein und fuhr zu unserem Vater, kümmerte sich da.

Die plötzlichen Notfälle werden nicht weniger werden; immerhin weiß ich jetzt endlich, wo sich die Steckstelle fürs LAN-Kabel im Wohnzimmer meiner Eltern befindet; ich muss keinen neuen Router kaufen und kann das Arbeiten von dort aus testen. Das entlastet mich ein bisschen, so werde ich auch mal einspringen können, wenn es notwendig wird. Echte Schule würde auch noch helfen, der Sechzehnjährige darf aus Gründen zur Zeit nur in einem Raum mit mir sein Homeschooling erledigen – oder in der Schule, so lange dort noch freie Räume zur Verfügung stehen (aber das ist nicht seine Lieblingsoption).

Schule ja. Macht sie wieder auf oder nicht? Wann? Für welche Jahrgänge? Für den Zwölfjährigen und den Sechzehnjährigen ist nichts angekündigt. Die Virusmutationen drücken aufs Gemüt, weil es so unabsehbar wird, wann irgendwas wieder öffnen kann. Die Frisöre als Bonbon fürs Volk am 1. März? Die Friseurin des Hannoverliebsten jedenfalls hat im März nur Stammkundentermine und könnte mich erst im April drannehmen. Ich werde also doch noch eins meiner Kinder überreden, mir die Haare ein Stück abzuschneiden.
Die ganz große Schwester ist Klinikmitarbeiterin. Sie bekommt als allererste von uns allen die Coronaimpfung, die zweite schon, und liegt mit hohem Fieber im Bett. Mein Vater immerhin hat nach langen, mühseligen Versuchen nun auch einen Impftermin. Auch das wird es leichter machen, ihn wieder ohne Angst zu besuchen. In Notfällen und vielleicht auch so.

Erstmal arrangieren damit, dass das Lockdownleben einfach weitergeht. Wir sind ja schon dran gewöhnt.

Die Woche mit dem Hannoverliebsten rauscht vorbei, wir arbeiten, kaufen das Nötigste ein, kochen, spazieren durch den Schnee, schauen fern, genießen es, zusammen zu sein, liegen abends auf dem blauen Sofa und reden, bis einem von uns die Augen zufallen, sind am Morgen müde, testen ein bisschen das gemeinsame Alltagsleben.
Als er am Donnerstag dann doch in einen Zug steigt, kommt der Zwölfjährige von seinem Vater zu mir.
Da jetzt beide Kinder bei mir im Wohnzimmer arbeiten, holen wir am Freitagmorgen seinen Schreibtisch aus seinem Zimmer und stellen ihn ans Fenster. Ein Tag, drei Laptops, zwei Headsets (die reihumgetauscht werden), acht Videokonferenzen, ein Mauspad zu wenig; französische Verben, deutsche Substantivierungen, ein Selbstportrait, lineare Funktionen und Wahrscheinlichkeitsbäume, englische Texte und Videos zum Klimawandel finden hinter meinem Rücken statt; und wenn der Sechszehnjährige nicht gerade genervt schnaubt, weil jemand anderes redet, dann ist die Atmosphäre arbeitsam und konzentriert. Ein guter Tag. Es wird andere geben.

Noch sind uns keine gefrorenen Seifenblasen gelungen. Nur das Balkongeländer ist jetzt mit der zuckerigen Seifenlösung verkleistert. Ein paar Tage haben wir noch, um es auszuprobieren.

WmdedgT – 5. Februar 2021

Erst spät am Freitagabend sehe ich die WmdedgT-Beiträge im Reader: Ach ja… es ist der 5. …
Frau Brüllen lädt uns wie immer zum Tagebuchbloggen ein und hier finden sich alle anderen Beiträge.

Der 5. Februar beginnt mit dem Hannoverliebsten auf dem Gästesofa – er ist am Abend angereist und wir müssen uns – wie meist – erstmal wieder an die wechselseitige Schlafnähe gewöhnen und schlafen spät und unruhig.

Zwanzig Minuten nach sieben zirpt das Handy und ich schleiche mich aus dem Wohnzimmer ins Bad. Mache dann Frühstück, koche Kaffee, schleiche ins Wohnzimmer zurück und schalte das dienstliche Laptop ein. Endlich Rückmeldung vom Chefchef zu einer wichtigen Frage, ich habe zu tun. Nebenbei ein Schälchen Haferflocken und ein Tee.
Der Hannoverliebste regt sich gerade rechtzeitig, um mich daran zu erinnern, dass ich doch zum Augenarzt gehen wollte, weil die Tropfen vom Hausarzt, der weniger auf mein Auge geschaut hat, in dem etwas stört, als auf seinen Computer, der nicht wollte, wie er sollte, nicht wirken.

Also ziehe ich schnell meine Jacke über und gehe zum Bus. Die Morgenluft ist kühl und angenehm, der Bus kommt fast garnicht zu spät und ist nicht voll, die Ärztin ist gutorganisiert und nimmt mich noch vor dem ersten Terminpatienten dran. Möglicherweise, meint sie, kommt das Störgefühl in meinem Auge von Wimpern, die auf der Innenseite meines Augenliedes wachsen, und ehe ich noch protestieren kann, zupft sie die Störenfriede raus, was keine zum-ersten-Mal-im-Leben-Erfahrung ist, die ich weiterempfehlen kann. Hinterher hat mein Auge immerhin einen Grund, wehzutun. Auf der Rückfahrt in der S-Bahn gruselt es mich schrecklich bei der Vorstellung, dass in den nächsten Tagen auf der Innenseite meines Augenlids kleine Stoppeln nachwachsen werden. Das komische Störgefühl im Auge ist auch nicht weg.

Ich bin rechtzeitig wieder zu Hause, um mich zum Hannoverliebsten an den Frühstückstisch zu setzen, einen Kaffee zu trinken, noch ein Schälchen Müsli zu essen und mich dann ins tägliche Teammeeting einzuloggen. Der Arbeitstag beginnt jetzt richtig, der Hannoverliebste hat Meetings am Wohnzimmertisch und redet über Berichtsdaten, ich habe Meetings am Schreibtisch und rede über Kontenplanänderungen; mittags essen wir in der Küche die Reste vom indischen Essen, das wir am Vorabend bestellt haben. Sehr lecker.

Gegen vier schalten wir beide unsere Rechner aus. Es gibt noch Kuchen vom Geburtstag des Sechzehnjährigen Anfang der Woche; Donauwellen-Schneewittchenkuchen, der schmeckt immernoch ganz ausgezeichnet. Dann setzen wir uns aufs Sofa und schreiben eine Einkaufsliste. Wir entscheiden uns gegen Kochexperimente und für Gulasch, das können wir nach ein paar spektakulären Fehlschlägen inzwischen supergut kochen; und ich sorge für ausreichend Gemüse und schreibe Schwarzwurzeln, Paprika, Zucchini und die Zutaten für eine Linsensalat auf die Liste.

Als wir losgehen, dämmert es schon, und es schneit.

In der Kaufhalle ist es wie immer eng und unübersichtlich und voll. Früher war hier ein Kaisers-Supermarkt, der mit seniorenfreundlichen extrabreiten Gängen und extralesbaren Beschriftungen warb, den hätte ich gerne zurück. Halbblind ohne meine Brille und schnaufend hinter der Maske ist Einkaufen noch unangenehmer als sonst, aber nach einiger Zeit haben wir alles und machen uns auf den Rückweg. Noch eine Tüte rote Linsen aus dem Reformhaus, noch eine Flasche von meinem neuen Lieblingsweißwein, und dann ist es ein herrliches Gefühl, die belebte Straße zu verlassen, die Maske abzunehmen und den wirbelnden Schnee auf dem Gesicht zu spüren.

Zu Hause sind wir ziemlich erschöpft, lachen über die Wirkung homöopathischer Küsse, liegen irgendwann nebeneinander und erzählen uns von unseren jeweils eigenen Erfahrungen mit Lissabon, von früheren Partnerschaften, von Orten, die wir gerne gemeinsam bereisen würden, wenn das wieder geht.

Gegen neun machen wir uns ein schnelles Abendessen. Ich schnippele Knoblauch, Zucchini und Paprika in einen Letschorest; der Hannoverliebste brät ein Steak, im Ofen bruzelt ein Käse für mich; dazu Reis.
Ich überrede den Hannoverliebsten, in der Küche alles stehenzulassen, klappe das Sofa schonmal halb auf, hole mein dickes Federbett, mein Himalayakissen und meinen Pyjama. Ich habe entdeckt, dass es die Lily-Brett-Verfilmung „Chuzpe“ gerade wieder in der Mediathek gibt und wir bauen das Laptop des Hannoverliebsten zum Fernsehen vors Sofa. Der Film ist auch beim zweiten Ansehen noch sehr schön.

Hinterher ist es für mich nicht mehr besonders weit ins Bett; nur noch schnell Augentropfen und Zähneputzen. Der Hannoverliebste beendet den Tag mit der Online-Zeitung, während ich schon tief und fest eingeschlafen bin.

In der Coronakapsel zwischen den Jahren (20/21)

Ruhige Tage in unserer kleinen, kontaktreduzierten Lockdownblase. Coronapod, wie es in englischsprachigen Blogs manchmal heißt, Coronakapsel.

Heiligabend waren wir zu dritt, die Jungs und ich, das kennen wir nun schon seit zwei Jahren so, es war also eingespielt. Ein Spaziergang am Morgen zur ehemaligen Nachbarin, die sogar zu Hause war, ein paar Worte über den Zaun gewechselt und den kleinen Weihnachtsbeutel rübergereicht.
Hinterher zu Hause schmückten wir den Baum, der dieses Mal viel größer ist als sonst, weil die kleinen Fichten alle schon am 3. Advent ausverkauft waren. Dafür nadelt er auch mehr. Bratwürste und Sauerkraut zum Mittag; am Nachmittag ein Fernsehgottesdienst und dann ein Spaziergang bis zur Kirche im Kiez, deren Tür aber verschlossen war.
Abends dann zum ersten Mal die Kerzen am Baum angezündet, Essen mit den Familienspezialitäten – Käsepastete und schlesisches „Häckerle“ – und Sternspiel mit Geschenkeauspacken.

Am ersten Feiertag gingen die Jungs für 24 Stunden zu ihrem Vater und ich verbrachte ein paar Stunden einsam und unglücklich (verflixtes PMS) auf dem Sofa. Dann coronagerechtes Kaffeetrinken bei genau 2 Grad mit der anderen Mitmutter und ihrem Sohn in einer zugigen Holzhütte an der Spree, das rettete meinen Tag. Mit heißem Kaffee, Kerzen in Honiggläsern und viel Süßem. Jemand hatte Plätzchenengel in die Zweige der Sträucher rund um die Holzhütte gehängt, wir waren also nicht die ersten, die Weihnachten draußen feierten. Abends den Beethovenfilm angefangen, wieder einsam gefühlt, mich gegrämt, dass scheinbar alle anderen trotzdem zu ihren Familien gefahren waren, Besuch hatten, alles genau so wie immer machten. Später am Abend klingelte die andere Mitmutter dann nochmal mit einem Geschenk für mich, und aus lauter Coronafrust nötigte ich sie herein und wir verkosteten meine verschiedenen Liköre. Mit Abstand und zwischendurch Maske auf, und das war schön und rettete meinen Tag gleich nochmal.

Am 2. Weihnachtstag kamen der Elfjährige und der Fünfzehnjährige zurück; wir bestellten indisches Essen und genossen es sehr. Noch vor einem Jahr hätten die beiden gerne und viel mit mir gemeinsam spielen mögen; diesmal beschränkte sich das auf eine Runde Siedler von Catan; ansonsten bevorzugen die beiden inzwischen ihre Medienzeit oder machen etwas gemeinsam in ihren Zimmern. An dieser Umstellung knabbere ich noch ein wenig. Abends dann „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“- das verweigern sie noch nicht, außerdem ist ja ein Bildschirm im Spiel. Und außerdem hätte ich den Film sonst alleine angesehen.

Am 27. Dezember reiste der Hannoverliebste an. Seitdem spielt sich ein gemütlicher Schlendrian ein: wir schlafen bis neun, bis zehn gar; frühstücken in Pyjamas; nutzen das Auto des Hannoverliebsten für Ausflüge in den wenigen Sonnen- bzw. Lichtstunden: Müggelsee, Britzer Garten, Langer See. Wir zünden die Kerzen am Weihnachtsbaum an; füllen den Plätzchenteller nochmal und nochmal nach; schauen Filme (den Kleinen Lord, den ich tatsächlich erst letztes Jahr kennengelernt habe, und „Drei Männer im Schnee“, den ich noch garnicht kannte und der auch dem Elfjährigen und dem Fünfzehnjährigen großes Vergnügen bereitete). Am 30. der Jahresrückblick der Brauseboys im Livestream, darauf hatte ich mich mehr gefreut, als es dann wirklich lustig war; aber trotzdem, diese Berliner Lesebühne verdient jede Unterstützung und soll bitte überleben. Außerdem tranken wir per Skype Kaffee zusammen mit der großen Schwester und ihrem Mann und am nächsten Tag mit der ganz großen Schwester und ihrem Mann. (Merke: eine Weitwinkelkamera am Laptop wäre toll, weil sonst vier Personen nicht gleichzeitig zu sehen sind. Und Headsets, die man parallel an den Rechner anschließen kann, würden den Sound noch verbessern)

Silvester wollte der Elfjährige bei seinem Vater feiern, der Fünfzehnjährige aber mit dem Hannoverliebsten und mir. Um unser Einjähriges gebührend zu begehen, hatten der Hannoverliebste und ich dafür Essen in einem französischen Restaurant in Berlin Mitte (trés chic) bestellt und am Silvestermorgen abgeholt. Vier Gänge, zum Fertigstellen zu Hause: Entenbrust und Schwarzwurzeln; ein Pilzsüppchen; Hirsch-Involtini; kleine Schwarzwälder Kirschtörtchen. Leider fehlte dann beim abendlichen Auspacken ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zutaten (auch die Menge des Plastikmülls spricht nicht dafür, dieses Experiment häufiger zu wiederholen); satt wurden wir trotzdem am festlich gedeckten Tisch. Der Fünfzehnjährige trank Sekt und Wein mit uns und genoss das Großseindürfen. Um Mitternacht funkelten wir mit Wunderkerzen aus dem Fenster und riefen den Menschen auf den Balkons der anderen Straßenseite gute Wünsche fürs neue Jahr zu. Beschwippst spielten wir Uno bis zwei und wünschten uns, das nächste Silverster wieder in größerer Runde zu feiern.

Inzwischen lässt die Neujahrsmüdigkeit nach. Und unsere gemeinsame Pause zwischen den Jahren neigt sich ihrem Ende zu. Morgen schon reist der Hannoverliebste wieder ab; übermorgen schon muss das Zuhausebüro wiedereröffnen und ich zu einer Zeit am Rechner sitzen, zu der ich gerade am liebsten noch tief schlafe. Übermorgen schon muss die saLzH-Zuhauseschule wieder beginnen. Das Jahr wird Fahrt aufnehmen, sein übliches Programm aus Alltagsstrecken und Feiertagen abspulen; aus Kindergeburtstagen und Frühjahrsmüdigkeit und Steuererklärung und Heuschnupfen und Urlaubswochen und Sommerwärme und goldenen Blättern und vielleicht einer Coronaimpfung und Weihnachtsgeschenkesuche und Adventslichtern.

Was ich mir für 2021 wünsche: Mit meinen Söhnen – vor allem dem Fünfzehnjährigen – mehr ins Gespräch zu kommen und weniger zu streiten. Sie groß und selbständig werden zu lassen. Mit lieben Menschen Zeit zu verbringen, virtuell und analog, online, offline, gerne mit Umarmungen, drinnen und draußen. Dass es genau so schön bleibt mit dem Hannoverliebsten. Gelegenheiten mit fester Hand beim Schopf zu greifen und Neues zu wagen, vor allem im Beruf. Auch außerhalb von Beruf und Kernfamilie etwas zu geben, etwas beizutragen (Ehrenamt und so). Zu singen und zu tanzen. Ja, zur Not auch alleine.

Anfang Oktober 2020

Ferientage ohne meine Kinder.

Ein großes Bedürfnis, rauszugehen und zu laufen. Am Wochenende ist der Stadtwald voller Menschen; die meisten im passenden Alter, um es für möglich zu halten, dass sie die letzten fünf Nächte auf illegalen Partys verbracht haben; dazwischen schnaufende Jogger, deren Aerosoltrails mir meine Fantasie in grellen Farben ausmalt, wie sie sich durch die Luft winden und mir unentrinnbar über Mund und Nase legen. Coronaphobie. Aber ich kenne die einsameren Wege. Die Waldluft tut gut. Die Beine genießen die Bewegung.

Nochmal auf dem Balkon frühstücken, dick eingepackt, mit Marmeladenbroten und Kaffee und Frühstücksei und dem Hannoverliebsten auf einem verpixelten Videobild, weil das wlan zu weit weg steht.

Mir fällt auf, dass ich viele Dinge kaufe, mehr Kleidung für mich als seit langer Zeit; mehr als ich in diesem Homeofficewinter brauchen werde. Schöne Pullover fürs Büro, schöne Hosen (obwohl ich mir Hosen immer verzeihe, weil es so selten welche gibt, die mir passen). Vielleicht hat es etwas mit dem wohltuenden Gefühl zu tun, etwas unter Kontrolle zu haben. Ein paar Klicks und die Lieferung ist auf dem Weg. Wenn das mit dem Ende der Pandemie, dem Klimawandel und dem Frieden auf Erden auch so ginge!

Großes Eskapismusbedürfnis: Auf dem Sofa einigeln, mit Tee und Decke. Fernsehprogramm aus der Mediathek, dabei das Strickzeug in der Hand, auch die Handschuhe werde ich im Winter wenig brauchen. Aber Stricken lenkt so schön ab. Immerhin gibt es „Birnenkuchen und Lavendel“, den habe ich im Kino verpasst. Eine Verfilmung von „Chuzpe“, diesem feinen Roman von Lily Brett. Und „Frizie – der Himmel muss warten“ – eine Serie der anspruchsvolleren Art, es geht um den Umgang einer Frau mit ihrer Brustkrebsdiagnose.

Ich mache die Wohnung sauber, ich möchte es um mich herum schön haben. Nebenbei läuft die Bauchtanz-Playlist und verbreitet gute Stimmung. Weil ich Lust auf Rosenkohl habe, koche ich mir ein Curry, das für drei Tage reichen wird; es ist immer gut, mittags im Homeoffice  ordentliches Essen zu haben.

Zwischendurch finde ich noch eine Praxis, die Coronatests für Selbstzahler anbietet, und buche online einen Termin, von dem ich nicht herausfinden kann, ob ich meine Kinder mitbringen kann – die Hotline ist dauerhaft nicht erreichbar, auch hier, obwohl die Preise so hoch sind.

Die andere Mitmutter schreibt von einem Coronafall in der Schulklasse ihres Sohnes – das Gesundheitsamt hat sich bisher noch nicht bei ihr gemeldet, dabei müsste der Sohn doch jetzt getestet werden? Wird das nicht gemacht, weil wir die Herbstferien sowieso alle in Quarantäne verbringen sollen?
Eine Nachbarin muss nach dem Tod ihrer Mutter im Sommer jetzt auch noch eine schlimme Diagnose bei ihrem Vater verdauen. Krankenhausbesuche sollen bald wieder verboten werden. Sie kauft Seife auf Vorrat.

Ich wäge ab: Gehe ich nochmal ins Büro, bevor wir wieder auf Rot gestuft werden; bevor die Infektionszahlen noch weiter steigen? Kann ich das auch verantworten, wenn ich mir ab und an die Nase putzen muss? Vorhin gehustet habe? Das lange vereinbarte Treffen mit der Patentante des Fünfzehnjährigen ist 30 S-Bahn-Minuten entfernt – es würde mir guttun, aber. Aber. Aber.

An unseren Urlaub zu denken, Sachen herauszulegen, die Koffer vom Hängeboden zu holen… wage ich nicht.

Unwägbar

Das Schreiben fällt mir schwer. Dabei wäre vieles in diesem sonderbaren Jahr aufzeichnungswürdig.

Zwei Monate lang haben die Kinder wieder regulären Schulbetrieb gehabt; morgens frische Masken eingesteckt; aus der Schule gute Noten nach Hause gebracht; zu Hause erschöpft ausgeruht. Ihre Hobbies können sie nun langsam wieder aufnehmen: Schachtraining, einmal in der Woche. Das erste Turnier an zwei Wochenenden fällt nun schon wieder mit hohen Infektionszahlen in Berlin zusammen; mit Sorge denke ich an den Elfjährigen, dessen Asthma zum Glück immer noch unauffällig ist und der sich auf dem Turnier, genau wie auf seinem Schulweg ins Risikogebiet Friedrichshain, tapfer mit FFP2-Maske schützt. Der Fünfzehnjährige geht wieder zu den Angeboten der kirchlichen Jugendarbeit, nur die Wochenendreisen finden noch nicht statt, auf denen er im letzten Winter so viel Spaß hatte.

Immerhin einen ganzen Tag habe ich in diesen zwei vergangenen Monaten im Büro gearbeitet und das als sehr angenehm empfunden. Trotz aller guten Vorsätze kamen danach immer Termine dazwischen (wie habe ich das früher gemacht: Büroarbeit UND Nachmittagstermine?) und jetzt wieder die steigenden Infektionszahlen, so dass ich weiter zu Hause arbeite; mal motiviert und mal nicht. Einmal hat sich das ganze Team getroffen, abends im Park auf zwei Stunden gemeinsames Picknick; jeder auf seiner Decke. Das Essen, das eigentlich jeder für sich mitgebracht hatte, wurde dann doch herumgerecht, aber niemand ist krank geworden.

Der vor uns liegende Winter macht mir Angst. Was im Frühjahr noch auszuhalten war, weil es auf den Sommer zu ging, weil es wärmer und heller wurde, fällt mir jetzt immer schwerer: die Isolation zu Hause, keinen Besuch zu bekommen; nicht leichten Herzens Essen gehen zu können, nicht in die Sauna, nur mit Bedenken ins Kino – und das alles gleich gar nicht mehr, seit Berlin höhere Infektionszahlen hat als im März und April.

Meiner Traurigkeit versuche ich kleine Routinen, kleine Freuden entgegenzusetzen. Es ist schön, wenn der Orion morgens um sechs Uhr über dem Hinterhof steht. Wenn die Kinder gefrühstückt haben, erledige ich den Abwasch und wenn sie losgegangen sind, mache ich Morgengymnastik (35 Sekunden lang kann ich die „Planke“ schon halten – und hege den geheimen Vorsatz, über diesen Winter auf 2 Minuten zu kommen) und gehe meine Morgenrunde am Wasser. Kaffee und Grüntee stehen bereit, wenn ich den Rechner hochfahre. Abends gibt es oft warmes Essen. Stehen keine Termine an, spielen wir zu dritt noch eine Runde Skat und eine Runde Doppelkopf. Am Bett liegt ein Krimi zum Abschalten und besseren Einschlafen; die Mediathek hat neue Folgen der Serien, die ich mag.
Die Wochenenden ohne Kinder verbringe ich in Hannover, manchmal fahre ich auch nach Weimar, wo mein Vater stückchenweise mehr Hilfe braucht. Aber auch dabei Bauchschmerzen und Bedenken: werde ich den ganzen Winter über reisen können? Wage ich mich zu meinem Vater, wenn die Infektionszahlen in Berlin noch weiter steigen?

Unser Herbstferienurlaub im Waldhäuschen jedenfalls hängt nun von mehreren Unwägbarkeiten ab. Wird die Ärztin, deren nette Sprechstundenhilfe uns Coronatests zugesagt hat, diese Tests dann doch dringender für Kinder mit Symptomen benötigen? Wird das Testergebnis den Weg zu uns vor Ablauf von 48 Stunden finden? Wird ein Ferienhäuschen schon am Tag vor unserer geplanten Anreise frei sein, so dass wir die Anreise in die 48-Stunden-Frist nach unserem Test vorverlegen können? 480 Euro hätte ein selbstfinanzierter Schnelltest für uns drei gekostet. Die Termine an den beiden Tagen vor unserer geplanten Reise waren schon alle ausgebucht.
Meinen Kindern, die doch auch unter der ganzen Situation leiden und die ich nicht davor schützen kann, sich in der Schule oder auf dem Weg dorthin mit Corona zu infizieren, jetzt sagen zu müssen, dass unser Urlaub wahrscheinlich ausfallen muss, ist mehr als bitter. Wir haben an keiner einzigen illegalen Party teilgenommen – noch nicht mal an einer legalen. Wir leben in einem Berliner Bezirk mit niedrigen Infektionszahlen. Aber das hilft uns nichts.
Ja, als ungerecht empfinde ich es, dass kein klares Reiseverbot für die Einwohner von Risikogebieten ausgesprochen wird. Das Türchen, dass da offengelassen wird – Reisen mit einem negativen Coronatestergebnis erlaubt, wenn das nicht älter als 48 Stunden ist – bevorzugt ganz eindeutig reiche Menschen und solche, die Ärzte kennen. Wenn es diese Reiseoption gibt, dann müssten auch ausreichend Tests angeboten werden. Für alle.

Ab und zu – zum Glück gelingt das – muss ich die Dinge wieder in Perspektive rücken: Auch wir sind privilegiert. Gesund und ohne Existenzangst. Genug Essen im Kühlschrank, die Heizung läuft. Familie und Freunde immerhin per Textnachricht präsent, und abends sagt mir der Hannoverliebste am Handybildschirm gute Nacht.

Wir werden auch über diesen Winter kommen (won’t we?).

WmdedgT – 5.9.2020

Tagebuchbloggen : am 5. eines jeden Monats sammelt Frau Brüllen unsere Beiträge. Hier der September 2020:

Eine ruhige Nacht auf dem Gästesofa meines Vaters und seiner Frau.

Ein Frühstück mit meiner Stiefmutter. Mit Kaffee und Ei und Aprikosenmarmelade.

Ein Vormittag mit meiner Stiefmutter und meinen Schwestern. Gespräche, was wäre wenn, wie geht es weiter, wie können wir helfen und sie ein wenig entlasten. Mögliche Wegfahr-Wochenenden und eine potentielle Urlaubswoche für die Frau meines Vaters werden im Kalender eingetragen. Pflegeberatung brauchen wir, Adressen für Notfälle müssen zusammengestellt werden.

Was ist mit den Orten, die mein Vater noch einmal besuchen möchte; wird das noch gehen?

Mittagessen, gemeinsam, meine Stiefmutter hat ihre weltbeste Nudelsuppe gekocht.

Noch ein Kaffee, noch ein Stück Zitronenkuchen.

Mit meinen Schwestern zum Bus, erst Richtung Innenstadt, dann umsteigen zum Klinikum.

Eine halbe Stunde vor Besuchszeitbeginn verhandeln wir mit dem Eingangspersonal: dürfen wir alle zu meinem Vater? Aber nur eine darf sich registrieren: eine Person pro Tag für eine Stunde ist die Coronazeit-Regel. Die ganz große Schwester macht sich, mit Blumen und Trinkstrohhalmen und einem Kissen und Kuchen und Obst, ins Kliniklabyrinth auf. Vielleicht lassen die Stationsschwestern sich noch umstimmen?

Einige Minuten später die Nachricht: nein, wir dürfen nicht auf die Station. Die ganz große Schwester bringt unseren Vater stattdessen im Rollstuhl zum Eingangsbereich. Eine knappe Stunde sitzen wir zusammen, fragen nach, beratschlagen. Die Schmerzmittel wirken nicht – aber bevor nicht MRT und Röntgen ausgewertet sind, können wir nichts tun, nichts helfen, nichts entscheiden.

Mit der großen Schwester zum Bus, zum Zug, umsteigen in Erfurt, bis Eisenach sitzen wir noch zusammen.

Dann weiter Richtung Hannover. Im Koffer ein paar Kleider, ein Krimi, ein Strickzeug; im Rucksack mein Arbeitsplatz: Laptop, Maus, LAN-Kabel, Ladekabel. Ein bisschen Digitalnomadentum, so sieht mein Leben jetzt wohl aus.

Eine Bahnbonusfreifahrt, zwischendurch ein paar Anrufe in Berlin, der Fünfzehnjährige, der den Balkon gießt, soll der Nachbarin, deren Waschmaschine kaputt ist, den Wohnungsschlüssel bringen, damit sie meine benutzen kann.

Ein bisschen Luftnot unter der FFP2-Maske, die ich mir für vollbesetzte Züge zugelegt habe. Und die Sorge um meinen Vater.

Ich freue mich auf Dich, schreibt der Hannoverliebste.

Dann steht er am Bahnsteig und nimmt meinen Koffer. In seiner Küche stehen zwei Sektgläser, Essen auf dem Herd; ich zünde Kerzen an. Zwei Wochen haben wir uns nicht gesehen; lang fühlt sich das an.

Die Nacht ist schon wieder zu kühl, um unter dem offenen Sternenhimmelfenster zu schlafen.