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Adventswochenende

Im Schlafanzug die Lieblingsplätzchen des Zehnjährigen backen
Nach dem Vierzehnjährigen Ausschau halten, der einkaufen wollte und erstaunlich lange wegbleibt
Die Besuchsfreundin, die allerliebste, begrüßen und umarmen
Kochen Essen Abwaschen (da capo ad libitum) und Kaffee, und Reden
Mit dem Vierzehnjährigen streiten, der so gar keine Lust hat, sich auf die Englischklassenarbeit vorzubereiten
Spielerunde mit quirligen Kindern
Doch einen Stern falten, und dann noch einen
Dem Vierzehnjährigen englische Youtube-Filme über Australien raussuchen
Mit der Besuchsfreundin im Internet nach der perfekten Pfanne suchen (mit Titanic-Beschichtung und Hotspot)
Ins Batt fallen

Früh um acht Uhr Brötchen und Croissants holen
Dabei in meinem Gummistiefel ein verspätetes Nikolausgeschenk vom Zehnjährigen finden
Mit der Besuchsfreundin spontan auf den kleinen Weihnachtsmarkt fahren
Ihr an der Bushaltestelle das ganze Elend einer Textnachrichten-Kommunikation mit einem potentiellen Date zeigen
Schmuck aus pflanzlichem Elfenbein bewundern, Creme de Leche kosten, an gefilzten Quallen freuen
Kochen Essen Abwaschen (da capo ad libitum) und Kaffee
Die Besuchsfreundin zum Abschied fest umarmen
Den Vierzehnjährigen motivieren, doch noch eine Seite Englisch schreiben zu üben
Dienstlaptop anschalten und etwas Arbeit, bis der Chef vom Chef offiziell durchgibt, dass alles auf Montagmorgen verschoben ist
Abendessen und dabei Menü und Programm für Heiligabend planen
Den Zehnjährigen an Mathe-im-Advent erinnern und die Phyisk-im-Advent-Aufgabe mit halben Ohr mitkriegen
Textnachrichten von lieben Menschen
Küche aufräumen und gut vorbereiten: Montag müssen beide Kinder zur 1. Stunde
Bügelbrett aufstellen, Kopfhörer auf, superkitschigen Weihnachtsfilm an

Bloggen, Wecker stellen.

WmdedgT – 5.12.2019

Ein letztes Mal in diesem Jahr lädt Frau Brüllen uns zum Tagebuchbloggen ein. Alle Texte dazu finden sich hier.

Gegen halb sechs drifte ich ganz langsam aus einem Traum ins Wachsein. Ich könnte noch eine Stunde schlafen – der Vierzehnjährige hat heute erst zur 2. Stunde Unterricht – aber im Kopf beginnt es sofort zu rattern. Ich entwerfe whatsapp-Antworten, ein Blogtext beginnt sich zu formen, Punkte für die heutige To-Do-Liste fallen mir ein. Um halb sieben stehe ich dann doch auf. Unter der Tür des Vierzehnjährige schimmert schon Licht, mir fällt ein, dass ich seine Handynutzungszeit in der App noch nicht von Papawoche auf Mamawoche umgestellt – d.h. jeden Tag um eine halbe Stunde reduziert – habe, also mache ich das schnell. Dann Bad.

Um Viertel nach sieben bringt der Vater meiner Kinder die Sachen vom Zehnjährigen vorbei, der nach der Schule bei mir eintrudeln wird. Halb acht ist Frühstück, das ist wunderbar spät, der Vierzehnjährige räumt den Tisch ab, während ich schon zur Arbeit losgehe. In der S-Bahn beantworte ich ein paar Handynachrichten, aber eigentlich ist es viel schöner, aus dem Fenster zu schauen, denn der Morgen ist blassblau und sonnig.

Im Büro ist Donnerstagmorgen die beste Zeit, um meine Orchideen zu wässern. Dabei treffe ich in der Küche eine Kollegin – auch alleinerziehend, mit Kindern im gleichen Alter wie ich – , mit der ich kurz austausche, wie viele Klassenarbeiten die Kinder noch schreiben müssen, wie die Stimmungslage in ihrer und meiner Abteilung ist und wer an Weihnachten voraussichtlich wie viel Urlaub nehmen kann. Im Posteingang 3MB Mails mit Arbeitsaufträgen, die mich bis mittags beschäftigen. Kantine. Weiterarbeiten. Trotz Kaffee überfällt mich eine grässliche Müdigkeit, und der undefinierbarer Ziegelstein, der als Nudelauflauf getarnt in meinem Magen gelandet ist, liegt dort so schwer, dass ich auf den Geburtstagskuchen der Kollegin im Büro um die Ecke und auf den von der Geschäftsleitung als kleines Advents-Event ausgegebenen Glühwein lieber verzichte.

Arbeitsende pünktlich um drei, aber nur, weil heute noch Weihnachtsfeier in der Schule des Zehnjährigen ist. Also schnell nach Hause. Der Himmel schon wieder blassblau, die Sonne beleuchtet die vielen Rohbauten entlang der S-Bahn – Eigentumswohnungen, die sich niemand, den ich näher kenne, wird leisten können – jetzt von der anderen Seite. Ich besorge zwei Baguettes. Zu Hause lege ich mich kurz hin und hoffe, die Müdigkeit durch ein Feldherrenschläfchen in den Griff zu bekommen, aber der Vierzehnjährige kommt nach ungefähr einer halben Minute ins Zimmer, um aus den neben meinem Bett gestapelten Plätzchendosen einen neuen Teller voller Naschwerk zusammenzustellen und der Zehnjährige kommt dazu, um sicherzustellen, dass von seinen Lieblingssorten auch genug Plätzchen auf den Teller kommen. Wisst ihr, in was Mütter sich verwandeln, die nicht genug Schlaf bekommen?, ächze ich mit halbgeschlossenen Augen – in schreckliche Monster! – Meine Kinder kichern. Statt Schläfchen setze ich also Kaffee auf. Ich schneide Baguette, hole das vorbereitete Blech mit Datteln im Speckmantel vom Balkon und stecke es in den Ofen, packe Käsecremes, Geschirr, Spiele zusammen. Der Zehnjährige hat in der Papawoche kein Schulessen für Dezember bestellt, das schaffen wir auch noch, bevor wir uns wieder anziehen und uns auf den Weg zur Schule machen.

Gegen halb sechs trudeln Eltern und Kinder erwartungsvoll im Speisesaal der Schule des Zehnjährigen ein. Er ist stimmungsvoll mit Lichterketten geschmückt, es sind Tische gestellt und Plätzchen auf Tellern arrangiert; es gibt Fotos vom Wandertag, den leckersten Schokoladenkuchen, den ich je gegessen habe, und Gelegenheit, mit verschiedenen Eltern ins Gespräch zu kommen, von denen ich erst ganz wenige kenne. Die Kinder toben unterdessen auf dem Schulhof herum und spielen im Dunklen Verstecken und Fange. Nach zwei Stunden knipst der Klassenlehrer unbarmherzich das Deckenlicht an, bittet um Hilfe beim Aufräumen und freut sich sichtlich auf seinen späten Feierabend. Der müde Zehnjährige klagt mir in der S-Bahn sein Leid – diese oder jene Klassenarbeit könnte schlecht ausgefallen, seine mündliche Mitarbeit nicht ausreichend für eine gute Note sein und in seiner Klasse sei er auch nicht glücklich gerade. Meinem müden Kind erscheint die ganze Welt düster; gut, dass wir bald zu Hause sind. Dort muss noch der Ranzen gepackt und „Mathe im Advent“ und „Physik im Advent“ gemacht werden, während ich spüle und der Vierzehnjährige über die Reste herfällt, die wir vom Buffet wieder mit nach Hause gebracht haben.

Der Vierzehnjährige putzt noch seine Schuhe, der Zehnjährige schafft das nicht mehr und handelt mit mir eine Verschiebung des Nikolaustages aus. Meinetwegen, sage ich, und der Vierzehnjährige bietet an, die Schue des Zehnjährigen mitzuputzen (für fünf Euro? drei? einen?), aber der spart sein Geld und bestellt den Nikolaus für Sonntagmorgen. Ich bringe ihn schnell ins Bett. Dann sinke ich selbst aufs Sofa und schaue fern. Ungefähr alle fünf Minuten rufe ich: Vierzehnjähriger! Du musst jetzt ins Bett! – und irgendwann geht er sogar.

Dann nur noch ich. Stille. Bloggen. Gute Nacht!

halbundhalb

Dieses Jahr fahren wir erst im Herbst richtig in den Urlaub. Deshalb habe ich im Sommer zwei Wochen lang halbe Tage freigenommen während der Zeit, in der der Vierzehnjährige und der Zehnjährige bei mir sind. Diese beiden Wochen liegen nun hinter uns… und das Experiment ist gelungen.

Nein, erholt habe ich mich nicht. Glaube ich. Höchstens marginal. Aber es hat gut geklappt, dass die meine Söhne vormittags allein waren und dies und das im Haushalt erledigt haben. Und was haben wir nicht alles gemacht! Einen Draisinenausflug mit dem liebsten Freund. Viermal Lieblingsschwimmbad. Dreimal an der einen und zweimal an der anderen Tischtennisplatte gespielt, dabei dem Sohn der anderen Mitmutter das Tischtennisspielen vermutlich dauerhaft verleidet, obwohl ich versucht habe, ihm immer mal einen Punkt zu schenken. Ein Augenarzttermin. Einmal Public Viewing und einmal Kino für den Vierzehnjährigen. Etliche feinste Frauen-Fußballspiele vom Sofa aus gesehen – und heftig über die Bezeichnung Frauen-Weltmeisterschaft geschimpft. Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen, es ging doch um Fußball und nicht darum, wer Weltmeister im Frausein wird? Außerdem Sauerkirschen vom Baum gerettet und zweimal Schneewittchenkuchen gebacken. Einen unspektakulären krummen Geburtstag tiefenentspannt gefeiert. Zweimal Besuch gehabt. Freunde im Schwimmbad und auf dem Fußballplatz getroffen. Monopoly, Mah-Jong und Skat gespielt. Abends manchmal vorgelesen. Abends manchmal übriggebliebene Kartoffeln oder Schokoladenkuchen gegessen und kein Abendbrot gemacht. Mittags Wunschessen gekocht. Ziemlich viel Eis spendiert. Neue Sportsachen für die Schule gekauft und nebenher auch das meiste sonstige Schulmaterial besorgt und vorbereitet. Insgesamt etwa 30 Stunden gearbeitet. Über ein Stellenangebot in der Nachbarabteilung in meiner Firma gegrübelt, mit dem potentiellen Chef gesprochen und dann unter Schlaf- und Ess-Störungen gegen eine Bewerbung entschieden (vermutlich richtig). Am Ende große Ikea-Taschen mit allem vollgepackt, was der Vierzehnjährige und der Zehnjährige im Urlaub mit ihrem Vater brauchen werden – und für fast drei Wochen Abschied genommen.

Jetzt liegt die große Freiheit vor mir, naja, die kleine vielleicht, bei näherer Betrachtung. Arbeiten, ohne jemandem versprochen zu haben, wann ich zu Hause sein werde. Einen Nachmittag im Café mit der Patentante des Vierzehnjährigen verbringen, die ich ewig nicht mehr in Ruhe gesprochen habe. Katzensitting bei der anderen Mitmutter. Der Hausverwaltung auf die Füße treten, die veranlassen muss, dass der Heizkörper im Badezimmer ausgetauscht wird. Mich noch weiter um das Röntgen des Problemzahns drücken. Ein Termin bei der weltbesten Osteopathin, einer beim Anwalt und ein Experiment in systemischer Familienarbeit (letzteres beides im Zusammenhang mit dem Patchwork-Familiennachwuchs und den Umzugsplänen auf Seiten des Vaters meiner Kinder – ersteres zum Glück zu meinem reinen Privatvergnügen). Eine große Geburtstagsparty bei der ehemaligen Nachbarin. Ein halber Regalmeter Bücher, die ich unverhofft geschenkt bekommen habe. Und vielleicht anderthalb Tage am Meer.

WmdedgT – 6/2019: Konfirmationsvorbereitungen

Schon wieder hat ein Monat begonnen – „Schöne Familienfeste gestalten“ ziehe ich aus dem Kistchen, in dem ich an Silvester für jeden Monat ein Projekt oder einen Vorsatz notiert habe – und am 5. fragt Frau Brüllen wie üblich nach, wie wir den Tag verbracht haben.

Voila:

Aufstehen ist halb sieben, weil der Vierzehnjährige erst zur 2. Stunde Unterricht hat. Wach werde ich wie üblich schon um fünf, mache die Balkontür auf, weil es jetzt eine Chance auf einen kühlen Luftzug gibt, lege mich wieder hin und höre mit einem halben Ohr den Vögeln draußen (das heurige halbwüchsige Krähenküken scheint schon hungrig) und mit dem anderen halben Ohr den Sorgen drinnen (die sich die To-Do-Liste für die Konfirmation am Sonntag vorgenommen haben) zu.

Halb sieben stelle ich froh fest, dass ich nochmal geschlafen habe.

Ich gehe schnell ins Bad, weil ab sieben die Lieferung des Einkaufs für die Konfirmationsbäckerei ansteht und mache dann Frühstück für den Vierzehnjährigen und mich. Nebenbei entwickeln wir einen Plan, wie wir bei angekündigten 26 Grad Celsius sechs Kuchen, zwei Töpfe Suppe, anderthalb Kilo Frischkäse und ungefähr genausoviel Weißkrautsalat – nebst Sekt und Weißwein etc. – von Samstag bis Sonntagnachmittag kühl halten, wenn wir nur einen kleinen Kühlschrank vor Ort zur Verfügung haben. Dann fällt dem Vierzehnjährigen ein, dass er schon eine Bücherliste fürs neue Schuljahr hat und dann, dass er die von der Schule gestellten Bücher fürs laufende Schuljahr heute abgeben muss. Leichte Hektik, aber er verlässt trotzdem pünktlich das Haus.

Ich habe mir einen Tag Vorbereitungsurlaub genommen und warte deshalb in aller Ruhe auf meinen Einkauf. Nebenbei: Wäsche falten und wegräumen, Anmeldung des Vierzehnjährigen zur Junge-Gemeinde-Woche ausfüllen, diverse Konfirmationsgäste nach ihren Ankunftszeiten fragen, meine Schwestern um das Mitbringen diverser Dinge (Kühltasche, Kühlakkus, Klappkisten) bitten, Mails checken, geschätzte Überlänge des Konfirmationsgottesdienstes wird vom Jugendpfarrer bestätigt, also Ankunftszeit des Caterers nach hinten verschieben, Vermieter der Ferienwohnung anrufen und um fünftes Set Bettwäsche bitten, außerdem nachfragen, ob wir in der Ferienwohnung wohl zwei große Töpfe Suppe im Kühlschrank einlagern können.

Der Einkaufslieferant muss das Kartenzahlgerät im Treppenhaus eine ganze Weile in verschiedene Richtungen halten, bis eine Verbindung zu Stande kommt. Beim Auspacken erst merke ich, dass mir die nicht lieferbare Sprühsahne durch 3 Dosen dubioses Margarine-Cremafinozeugs ersetzt wurden – blöde Idee, hätte ich etwas ohne Sprühen gewollt, hätte ich doch etwas ohne Sprühen bestellt… Sprühsahne kommt also mit auf die Extra-Liste, kurz vor zehn stehe ich an der S-Bahn und fahre ins nächstgelegene Einkaufszentrum. Da im Online-Tool der Deutschen Bahn aus irgendeinem Grund meine bevorzugten Zahlungsoptionen nicht mehr zur Verfügung stehen, gehe ich als erstes zur DB-Fahrkartenagentur und schaue von meinem Platz in der Warteschlange aus geduldig einem älteren Herrn zu, der eine eher komplizierte Verhandlung mit der Angestellten führt. Einige Zeit später führe ich eher komplizierte Verhandlungen mit der Angestellten, die die Wartenden in der Schlange hinter mir die Augen verdrehen lassen. Ich möchte eigentlich nur eine Fahrkarte nach Thüringen, aber ich bin daran gewöhnt, alle Optionen auf dem Bildschirm vor mir zu haben und erst ganz zuletzt eine Entscheidung über Sitzplätze, Spar-, Superspar-, Extrasuperspar- und Cityticket-Angebote treffen zu müssen. Also verwirre ich die Angestellte durch Nachfragen und Umentscheiden, dann vergisst sie eine Änderung, die Karten müssen storniert und neu ausgedruckt werden – und hinterher habe ich auch noch das Gefühl, dass das Ganze online ganz bestimmt weniger gekostet hätte.

Als nächstes brauche ich eine Chormappe in schwarz für den kleinen Auftritt im Konfirmationsgottesdienst, das ist einfach, und dann verschluckt mich die Riesen-Einkaufshalle, in der es ganz bestimmt alles gibt (sogar gelbe Götterspeise für eine experimentelle Zitronentorte und Sprühsahne sowieso), in der ich aber längere Zeit herumirre, weil ich sonst nie hier einkaufe und außerdem auch nur Dinge auf der Liste habe, die ich normalerweise nie brauche. Trotzdem bin ich gegen elf schon wieder zu Hause. Ich halte einen ganz kleinen Schwatz mit der alten Dame von gegenüber, die sich noch ein wenig auf ihrem Balkon aufhält, bevor sie die Jalousien schließt und sich vor der Hitze schützt. Ich muss gleich nochmal los, ich brauche noch sieben Kleinigkeiten aus diversen Läden im Kiez und freue mich, dass alles erhältlich ist – sogar dunkelblaue Füßlinge passend zu meinen allerfeinsten neuen Schuhen. Zwischendurch schaue ich bei der Mitmutter im Allesladen vorbei, aber die muss arbeiten, der Chef steht hinter ihr, wir verabreden uns nur kurz auf einen Kaffee für Donnerstagmorgen.

Gegen zwölf bin ich wieder in meiner kühlen Wohnung. Der Vierzehnjährige hat heute hitzebedingt verkürzten Unterricht und schon angekündigt, dass er nicht in der Schule essen, sondern von mir bekocht werden möchte. Ich bereite Bohnensalat vor und werfe Thüringer Bratwürste in eine Pfanne, als das Kind eintrifft und bestätigt, tatsächlich sehr hungrig zu sein. Ich feiere meinen Urlaubstag mit einem kleinen Mittagsnickerchen, anschließend koche ich mir einen Kaffee und zwinge bringe den Vierzehnjährigen dazu, sein Zimmer aufzuräumen, weil morgen jemand zum Putzen kommt. Aufräumbedingt füllt sich der Wäschekorb, also stelle ich eine Maschine Wäsche an. Der Vierzehnjährige geht zum Friseur, sieht hinterher angemessen schick aus und übt wie abgesprochen Schlagzeug. Ich habe derweil noch eine Verabredung mit einigen Schmuddelecken in der Küche, unter anderem dem Küchensiphon, der häufiger mal gereinigt werden muss, seit ich möglichst viel Wasser, das sonst beim Gemüsewaschen oder vor dem Abwasch einfach abgeflossen wäre, für meinen Balkon auffange. Ein paar Absprachen mit dem Vater der Kinder sind auch noch zu treffen, denn der Zehnjährige kommt am Donnerstag von der Schule zu mir und hat hitzebedingt wie sein Bruder zeitigeren Schulschluss.

Irgendwann sind aber die meisten Dinge erledigt. Der Vierzehnjährige und ich setzen uns mit einem Teller voll Melonenstücken und Erdbeeren auf den Balkon, wir haben Zeit für ein Spiel und am Abend – nachdem der Vierzehnjährige noch mit ganz wenig Murren sämtliche Pflanzen auf dem Balkon gegossen hat – für einen Krimi aus der Mediathek. Vorher ist noch kurz die große Schwester am Telefon; hinterher – als der Vierzehnjährige schon im Bett liegt – der liebste Freund.

Und dann sitze ich draußen auf dem Balkon, es dämmert, die Luft kühlt ab, Fledermäuse schwirren. Eine halbe Hilfe-für-schlaflose-Zeiten-Tablette einnehmen. Drei Seiten lesen. Schlafen.

Achtung Baustelle

Im Bad rostet der Heizkörper. Im Wohnzimmer ist der Dielenlack durchgescheuert, obwohl ich Filzgleiter unterm Stuhl habe. Der Zehnjährige bekommt demnächst Bescheid, ob er schon nach der 4. Klasse aufs Gymnasium wechseln kann, und ich weiß noch immer nicht, ob das eine gute Idee ist. Ich meine: 80 Minuten zusätzliche Wegezeit (fast) täglich für mich für geschätzt ein Jahr, wie wiege ich das ab dagegen, dass er dort vermutlich keine dummen Bemerkungen hört, wenn er gute Noten schreibt? Falls er noch gute Noten schreibt, wenn er etwas dafür tun müsste. Der Vierzehnjährige jedenfalls erklärt, dass er keinerlei Grund mehr sieht, sich für die Schule anzustrengen. Ich bin zu kritisch mit ihm, das weiß ich, und mache eine entsprechende gedankliche Notiz: Nicht mehr so kritisch sein. Mehr loben. Am Vorabend des 1. Mai fahre ich mit dem Zehnjährigen seinen theoretischen zukünftigen Schulweg ab, mit Stoppuhr. Auf dem Rückweg liegt ein Schuhladen, in dem finden wir schwarze Kompromissturnschuhe, die der Zehnjährige zur Konfirmation anziehen kann. Am 1. Mai drucken wir Tischkärtchen für die Konfirmation und ich mache mich auf die Suche nach einer realisierbaren (und superleckeren, beeindruckenden) Kuchenkombination. Der Elektriker muss außerdem kommen und sich meine nicht einsatzbereite Multimediadose ansehen, weil das DSL-Upgrade auf eine schnellere Leitung nicht zum Neukundentarif zu haben ist, die Umstellung auf Kabel aber schon (Schwachsinnige Preisgestaltung!). Leider versteckt sich die Multimediadose hinter einem Schrank voller Dokumenenordner. Der liebste Freund, den ich anstellen wollte, mir beim Schranrücken zu helfen, wird leider gerade an diesem Tag krank. Sollte hier irgendwann eine – rein hypothetische – Playstation angeschafft werden, brauchen wir nicht nur ein schnelleres Internet, sondern auch einen Standort für den – hypothetischen – Fernseher, also gipse ich die Dübel vom Wandregal, das nicht mehr ganz stabil ist, seit mir vor längerer Zeit eine schwere Teppichrolle draufgefallen ist, recht und schlecht wieder in ihre Löcher. Die restliche Wandfarbe, mit der ich die Löcher überstreichen wollte, ist im Keller verschimmelt und riecht übel. Die Zahnarztpraxis hat zu meinem großen Glück eine neue Kollegin, bei der noch ein Acht-Uhr-Termin zum Begutachten der Füllung zu haben ist, unter der mein Zahn sich gelegentlich unwillig rührt. Der Zehnjährige hat unterdessen sein Sportzeug verloren. Ich müsste eine Ferienwohnung im Weimar buchen, um im Sommer mit meinen Söhnen ein paar Tage in der Nähe meines Vater zu verbringen, aber der Vater meiner Kinder lernt für eine Weiterbildung und kann deshalb meine Mail nicht beantworten, in der ich eine Wochenendaufteilung für den Aufenthalt der Kinder in den Sommerferien vorschlage. Nicht näher bekannte Mitglieder meiner Herkunftsfamilie mütterlicherseits haben vor gefühlt 20 Jahren einen Antrag auf Entschädigung wegen einer Nachkriegsenteignung gestellt, der nun bearbeitet wurde und auf einmal flattert mir als 54tel-Erbin nicht nur Familiengeschichte um die Ohren (Was war das für ein Urgroßvater und was hat er vor und während des Zweiten Weltkrieges wirklich getan? Kann man dem Amt vertrauen, wenn es mitteilt, festgestellt zu haben, dass es sich nur um einen Mitläufer gehandelt hat?), sondern auch vielseitige Behördenbriefe ins Haus – jedenfalls sobald mir die adress-stabile ganz große Schwester mitgeteilt hat, dass es wieder einen Brief gab und ich – nein: um ehrlich zu sein: die große Schwester – der jeweils absendenden Behörde meine aktuelle Adresse mitgeteilt hat, denn alle beteiligten Ämter haben noch meine Adresse von vor 20 Jahren. Irgendwie muss ich aber auch noch die Gesamtgästezahl der Konfirmation herausbekommen und dem Caterer mitteilen; den Raum besichtigen, in dem wir feiern wollen und daran denken, auch die Fragen zu stellen, die mir dann gerade nicht einfallen. Der Vierzehnjährige bekommt derweil einen Wachstumsschub nach oben, ich kann ihn kaum noch auf die Stirn küssen – und alle gerade neu angeschafften Hosen haben Hochwasser. (Sagt man das noch?) Vermutlich auch die Konfirmationshose.

Zwischendurch stehle ich mich auf meinen Balkon und schaue meine Blumen und Kräuter an. Und atme. Der Zehnjährige und ich haben neulich gewettet, ob wir mehr oder weniger als 40 Pflanzenarten dort anbauen, und dann mussten wir natürlich eine Liste schreiben und sie alle aufzählen. Es sind 44. Wenn ich mal nichts zu tun habe, werde ich zu jeder einzelnen etwas schreiben. Vielleicht.

 

 

Zehn Uhr im Kiez

Morgens um zehn Uhr bin ich fast nie in meinem Kiez unterwegs. Aber heute bin ich krankgeschrieben und mache einen kleinen Genesungsspaziergang, auf dem ich endlich mal diese blöde Pfandflasche zurückgeben, Minen für die Radierstifte der Kinder besorgen und noch ein violettes Stiefmütterchen erwerben möchte.

Über dem PC-Shop an der Ecke lüftet knallrotes Bettzeug in der milden Morgenluft. Auf der anderen Straßenseite schiebt sich eine ältere Dame mit Gehstock Schrittchen für Schrittchen in Richtung Einkaufsstraße. Den Laden für Reinigungsmittel habe ich noch nie betreten, anders als die magengrippengebeutelte Nachbarin, die nach jeder Virenwelle dort ein Reinigungsmittel erwarb, mit dem sie Betten und Geschirr desinfizierte.  Heute wird gerade Ware angeliefert, große Packen gelber Schwämme, Kisten mit Plastikflaschen, die Namen tragen, deren Klang schon beinahe ausreicht, um Keime und Schmutzpartikel die Flucht ergreifen zu lassen.

Im Nagelstudio nebenan beugt sich eine Frau mit Mundschutz hingebungsvoll über eine mit langen Glitzernägeln zu verschönernde Hand. Der Frisör hat noch sein „We are closed“-Schild im Fenster, trotzdem sitzt schon ein Herr im Wartebereich, wo die Glaskaraffe frisch mit Wasser und Orangenscheiben befüllt ist.

Vor der neu eröffneten Sports-Bar reckt sich eine junge Frau in Lederleggins tatkräftig. Auf den Werbefotos in den Fenstern äugen hübsche junge Damen zu hübschen jungen Männern, deren Aufmerksamkeit aus dem Bild hinaus gerichtet ist, vermutlich zu den Sportereignissen, die die Bar zu übertragen verspricht. Gegenüber beim Bäcker stehen ein paar Tische in der Sonne, an denen einzelne ältere Herren Kaffee trinken; einer mit Stars&Strips-Hose und Cowboyhut, ein anderer mit Zöpfchen im langen Bart. Sie sehen aus wie morgendliche Stammgäste, vom Leben mitgenommen und ein wenig einsam.

Aus dem Bekleidungsgeschäft schiebt eine alte Dame ihren Rollator und müht sich damit die drei Stufen hinunter, hinein in ein kleines Ballett aus Kinderwagen und mehr Rollatoren. Der Stau ist entstanden, weil ein Bauarbeiter zwei Absperrgitter auf dem Gehsteig aufgestellt hat; er schleppt ein nach bedrohlichem Lärm aussehendes Gerät herbei.

Vorne an der Ampel, wo die Händler wie jeden Tag ihre Partyzelte aufgestellt haben und neonleuchtende Turnschuhe, Blümchenblusen, Trolleys, Glitzerspielzeug und Pantoffeln feilbieten, die mich an die Gästepantoffeln im Haus meiner Großeltern vor 30 Jahren erinnern, hat eine Kanalreinigungsfirma schweres Gerät aufgefahren und allerhand Schläuche in die Gullys versenkt. Die Kanalarbeiter sitzen auf der Ladefläche ihres Lasters in der Sonne, während die Maschinen ihre Arbeit tun.

Der Schreibwarenladen hat die Kalender für 2019 jetzt für 1,99 Euro im Angebot, sogar die mit den barbusigen – und schon beinahe ein wenig verblichenen – Frauen.

Auf dem Rückweg bin ich versucht, die auf grünem Tüll grasenden Hasen zu zählen, mit denen die Apotheke, der Kiosk und das kleine Fitnessstudio ihre Schaufenster dekoriert haben. Auch der Bäcker steht auf einem Hocker und hängt eine Girlande mit bunten Hasen über die Theke.

Die Sonne – die von ungewohnter Seite über die Dächer scheint – wärmt heute schon herrlich.
(Woran man merkt, dass dieser Text schon letzte Woche entstanden ist, fröstel…)

WmdedgT – 5. April 2019

Frau Brüllen sammelt wie immer alle Beiträge, in denen Blogger und Bloggerinnen am 5. eines Monats ihren Tag beschreiben.

Voila, bei mir sah das so aus:

Die Kurzfassung: Geld verdient, Geld ausgegeben.

Die Langfassung: Der Wecker ist auf halb sieben gestellt, ich bin schon ein wenig eher wach. Es ist der erste Tag nach einer kleinen Krankschreibung. Bad, Gymnastikübungen (für die ich mir selbst einen Disziplinpunkt verleihe, richtig regelmäßig klappt es nicht), in der Küche schnell ein Müsli zusammengestellt und einen Tee gekocht. Frühstück.

Ich packe zusammen: Dienstlaptop, Buch („Nirgendwo im Haus meines Vaters“ von Assia Djebar), Konfirmationskleid, Kopiervorlagen. Halb acht gehe ich aus dem Haus.

Sieben Stunden Büro, davon fast eine am Telefon mit einem netten IT-Servicemitarbeiter, der versucht, mein Computertelefonieprogramm zur Räson zu bringen und nebenher verschiedene Kleinigkeiten repariert. Davon eine weitere Stunde mit den aufgelaufenen Mails, eine mit Update-Gesprächen zu laufenden Projekten, den Rest mit dem Ausfüllen sehr, sehr lästiger Berichtsvorlagen. Ich bekomme ziemlich schnell Kopfschmerzen. Nun gut.

Von Büro fahre ich in den Copyshop meines Vertrauens. Der Mitarbeiter schafft es, mir beizubringen, wie ich aus zwei Vorlagen eine auf Vorder- und Rückseite bedruckte Kopie mache; also kann mich nichts aufhalten (denke ich – bis der Kopierer „Papierstau“ blinkt). Mit einem Stapel Liedtexte für die Konfirmation des Vierzehnjährigen, einem Tacker und Heftklammern verlasse ich hochgestimmt den Copyshop.

Die Kopfschmerzen sind verflogen, ich entscheide, dass ich noch ausreichend Kraft habe, um nach einem Mantel und einem Jäckchen Ausschau zu halten, die ich über mein Konfirmationskleid tragen kann. Der passende Laden ist nur zwei U-Bahn-Stationen entfernt. In der Umkleidekabine (rechts und links von mir Töchter in Tüll und Glitzer, deren Mütter eifrig weitere Kleidchen herantragen) probiere ich Jäckchen (Fehlanzeige) und dann – hach – Kleider. Man sollte besser garnicht erst einen Laden betreten. Die Kleider hier sind so viel schöner als das, das ich im Rucksack habe! Ich verliebe mich in ein freundlich geschnittenes blaues Kleid mit Blumen, zu dem es ein passabel passendes Jäckchen gibt, die verkaufstüchtige Verkäuferin schleppt einen Mantel in der richtigen Größe herbei und macht allerhand mehr kaufermutigende als wirklich hilfreiche Bemerkungen. Am Ende werden es sogar zwei Jäcken zu Kleid und Mantel, und gleich nebenan gibt es passenderweise Schuhe. Was soll ich sagen? Die Verkäuferin dort entdeckt sofort meine große Einkaufstüte und wittert ein gutes Geschäft; sie schafft es, mich von den Vorzügen des teuersten Paars blauer Schuhe zu überzeugen und dann noch das spezielle Spezial-Pflegeprodukt und die spezielle Spezialbürste anzubringen, ohne die die Pfirsichhaut meiner neuen nachtblauen Pumps schon nach dem ersten Tragen akut gefährdet wäre.

Gegen sechs bin ich dann endlich zu Hause und stürze in die Küche. Ich habe schrecklichen Hunger. Nach dem Essen breite ich – etwas unglücklich – alle meine Kleider, Jäckchen, Mäntel und Schuhe aus. Hierüber muss dringend eine Nacht geschlafen werden.

Der Stapel mit den Kopien kommt auf den Wohnzimmertisch und ich stelle mir einen Tatort aus der Mediathek an, während ich die Liedtexte zu kleinen Liedermappen zusammentackere. Da ich einmal angefangen habe, den Krimi „nebenbei“ zu gucken, mache ich hinterher parallel eine Word-Datei auf und entwerfe ein ABC für den Vierzehnjährigen als Beitrag zur Feier (A wie „Anfang“ mit einer launigen Geschichte vom Tag seiner Geburt, B wie „Bruder, großer“ und so weiter – sammle erstmal Ideen und mache mich dann ganz vom Tatort los, um die ersten Punkte auszuformulieren. Ich hoffe, ich schaffe es, nichts zu schreiben, was dem Vierzehnjährigen allzu peinlich ist. Ich hoffe, ich schaffe es, das dann vorzulesen, ohne Tränen in den Augen (und in der Stimme) zu haben.

Gegen elf Uhr fahre ich den Computer herunter und gehe schlafen. Ich habe einen schrecklichen Albtraum von einem Messermörder, der es auf ein Kind abgesehen hat. Das kommt dann davon, wenn man eine Krimi nicht zu Ende guckt.