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WmdedgT – März 2018

Der März beginnt – und schon ist wieder einmal was-machst-du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Tag. Frau Brüllen sammelt – nun schon seit 4 Jahren! – wie an jedem 5. die Geschichten und Berichte auf ihrem Blog.

Montagmorgen. Der Wecker klingelt kurz vor sechs, steht leider außerhalb meiner Reichweite und macht auch beide Kinder wach, ehe ich ihn unschädlich machen kann. Der Dreizehnjährige klagt, dass er die halbe Nacht nicht habe schlafen können, weil der Neunjährige ihn am Abend zuvor beim Toben in die Nase gekniffen habe. Da wir ein kleines Montags-in-die-Schule-gehen-Issue haben, atme ich tief durch, verabreiche Arnikakügelchen und rate dem Dreizehnjährigen, sich doch jetzt nochmal hinzulegen und noch eine halbe Stunde zu schlafen.

Bad, Anziehen, Küche. Ich mache Frühstück – zwei Flaschen, zwei Dosen, Obst, Petersilie, Brote zum Mitnehmen; und für unseren gemeinsamen Tagesbeginn Toast, Multivitaminsaft und Vitamin-D-Tabletten. Der Dreizehnjährige kriegt Häppchen geschmiert, damit er trotz Müdigkeit etwas isst, und ich schlage ihm vor, dass ihn ja sein Vater ausnahmsweise zur Schule fahren könnte. Würde er wahrscheinlich auch machen, wenn er nur ans Telefon gehen würde – aber seinen Morgenschlaf in der Woche ohne Kinder lässt er nur ungern ausfallen. Der Dreizehnjährige macht sich also murrend zum Bus auf und ruft keine drei Minuten später an, er sei bei all dem Glatteis nun auch noch hingefallen. Ich atme tief durch und schlage vor, dass er es mit der Schule trotzdem probiert.

Inzwischen muss auch der Neunjährige los, den begleite ich wie immer noch auf dem ersten, ungesicherten Wegstück am Wasser und verabschiede mich dann.

Die 25 Minuten S-Bahn-Fahrt gehören mir. Ich tauche in mein Buch ab – „Die Brandungswelle“ von Claudie Gallay – und möchte um mich herum nichts und niemanden sehen oder hören.

Im Büro gibt es komplizierte und stupide Aufgaben. Ich verbringe den halben Tag schwitzend über einer Frage, von der ich nicht sicher bin, ob meine Lösung die Situation verbessert oder verschlimmert; die andere Hälfte mit copy-and-paste-Vorgängen, bei denen meine Tastatur, seit ich mein Büro mit einem Gast teilen muss, unverschämt laut klappert. Zwischendurch Mittagspause mit Kolleginnen, Hirsepuffer, Gemüse und Geschichten über kranke oder erstaunlicherweise nicht kranke Kinder.

Am Nachmittag ist die Luft draußen mild wie lange nicht mehr.

Ich lese nochmal 25 Minuten in der Bahn, kaufe unser Lieblingsbrot und bin ungefähr zehn Minuten vor dem Neunjährigen zu Hause. Schnell schlüpfe ich in meine Heimwerkerhose und einen alten Pulli und trage den Stuhl auf dem Balkon, den ich gestern abgeschliffen habe und neu lackieren will. So lange die Sonne wärmt, verarbeitet sich der verdächtig flüssige Superduper-Bio-Lack prima; aber als sie nach ungefähr dreieinhalb Minuten hinter dem Hinterhofbaum verschwindet, sinkt die Temperatur und der Lack beginnt am Pinsel zu klumpen. Ich ziehe ins Wohnzimmer um, lasse den Neunjährigen ins Haus, lackiere ein weiteres Stuhlbein und dann noch eins, lasse den Dreizehnjährigen ins Haus und lese dann doch noch mal nach, ob sich der Pinsel irgendwie reinigen lässt.

Während die Kinder auf dem Smartfon des Dreizehnjährigen spielen, räume ich ein bisschen auf, wasche mir die Haare, lege etwas Wäsche, sauge den Staub vom Stuhlabschleifen von der Balkonbank, stelle eine neue Maschine Wäsche an und mache Abendbrot. Hinterher wünschen die Jungs sich noch ein bisschen gemeinsames Fernsehen, also wasche ich noch schnell ab und dann kuscheln wir uns aufs Sofa. Weil auf dem Wohnzimmertisch aber der klebrige Stuhl steht und schrecklich nach frischem Lack stinkt, mache ich hinterher das Fenster wieder auf und flüchte mit meinem Laptop in die Küche. Der Neunjährige muss noch ein Lied für den Musikunterricht üben, der Dreizehnjährige hüpft derweil um uns herum und muss sich für die Projektwoche in seiner Schule in eine Gruppe eintragen – garnicht so leicht, weil – von Biotop-Pflege über „musikalische Farben“ und „physikalische Klänge“ bis hin zur chemischen Analyse von Limonaden und dem Züchten von Kristallen – sooo viele interessante Themen dabei sind.

Ich bringe den Neunjährigen ins Bett und fange an zu schreiben. Der Dreizehnjährige soll sich eigentlich auch schon hinlegen – Schlaf nachholen – muss aber gerade jetzt nochmal dringend in seiner Whatsapp-Klassengruppe nachfragen, ob es nicht doch eine Französischhausaufgabe gibt. Nach mehreren Neins und Weißnichts stellt sich heraus, dass doch noch etwas zu tun ist, und der Dreizehnjährige setzt sich mit seinem Buch und Hefter zu mir an den Küchentisch.

Dann sage ich ihm Gute Nacht.

Aus dem Bad ruft die noch aufzuhängende Wäsche; neben mir liegt meine Näharbeit, ich werde später noch ein paar bunte Blätter aus Filz auf Taschen aus grünem Stoff applizieren, die sich an der Wand befestigen lassen und genauso wie der frisch glänzende – hoffentlich wird das was… – Stuhl demnächst meinen Flur verschönern sollen.

Und dann stelle ich meinen Wecker für morgen, 5.50.

Ein Montag – ganz friedlich, ganz unspektakulär…

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Schwapp

Über meinen vorfrühlingsbeflügelten Tatendrang schwappt eine Woche mit den Kindern wie eine Ostseewelle über eine Sandburg.

Die Heimwerkerprojekte liegen auf Februareis, die Winterschuhe des Neunjährigen gehen aus den Fugen und müssen aus dem Restbestand irgendeines längst für die warme Saison bevorrateten Schuhladens ersetzt werden, der Konfi-Unterricht des Dreizehnjährigen beginnt mit einer Mappe voller Ausfüllzettel und einer langen Terminliste, die in den Kalender übertragen werden möchte. Außerdem müssen wir gleich zum Konfirmanden-Vorstellungsgottesdienst gehen.

Dass das große Patenmädchen auf dem Rückweg von Lissabon bei uns Station machen will, habe ich mir aus Versehen für März in den Kalender geschrieben, aber so ganz spontan einen Monat früher ist es eigentlich noch schöner – ich nehme mir einen halben Tag frei, bummle mit ihr durch Kreuzberg, das ich vermutlich vor 15 Jahren zum letzten Mal bei Tageslicht an einem Dienstag gesehen habe; wir kaufen Postkarten, essen am Sonnenfenster in der Marheinekemarkthalle, und etwas Zeit für eine Spielrunde mit den Jungs ist am Nachmittag auch noch.

Den nächsten Abend verbringe ich mit dem Vater meiner Kinder, wir wollen uns mal auszutauschen, ohne dass es um Termine und Erziehungsfragen geht. Noch immer können wir beide so leicht beim anderen die Muster abrufen, wegen denen es damals mit uns nicht funktioniert hat. Trotzdem hoffe ich, dass unser gerade entspannteres Verhältnis anhält.

Was noch?

Auch meine Fastenvorsätze, die sich in diesem Jahr ohne viel Nachdenken angefunden haben, geraten zusammen mit allen anderen Ideen ein wenig in den Hintergrund.
Keine Süßigkeiten zu essen funktioniert zumindest gut, solange keine im Haus sind.
Nur einmal am Tag Fleisch zu essen – um mir bewusst zu machen, wie viel davon ich eigentlich gewöhnlich zu mir nehme und ob es auch mit weniger geht – klappt an den meisten Tagen.
Jeden Tag ein paar Minuten zusätzlich draußen zu sein, ein Stück spazieren zu gehen, mich zu bewegen, kriege ich nicht hin, das ist schade. Dafür war das Fahrrad endlich – endlich – zur Durchsicht und scharrt nun im Keller ungeduldig mit den frisch aufgepumpten Reifen.
Möglichst wenige neue Dinge zu kaufen, scheitert an den kaputten Kinderschuhen und dem lecken Waschmaschinenschlauchende; Teelichtgläser für das traditionelle Kerzengießen mit der Patentante des Dreizehnjährigen müssen auch besorgt werden.

Aber meinen Flur möchte ich renovieren und schön machen, ohne irgendwelche neue Möbel anzuschaffen. Stattdessen wird – so der Plan – ein heruntergewirtschafteter Stuhl abgeschliffen und neu lackiert; der hässliche Rahmen vom Spiegel gleich mit angestrichen und der etwas improvisierte Schuhschrank aus der Familie Ivar mit Kommodenschubladengriffknöpfen aufgehübscht.

Wenn ich… mal wieder Muße habe.

Gerechtigkeit

Wer den Achtjährigen einmal mit durchdringender, Glas zerspringen lassender Stimme „Unfair!!!“ hat rufen hören, der weiß, dass es bei uns gerecht zugehen muss; auch und gerade im Urlaub, wenn ich Zeit für meine Söhne habe.

Gerecht ist, wenn immer abwechselnd abends geduscht werden muss. Gerecht ist, wenn derjenige am ersten Tag mit dem Duschen anfangen muss, der in der ersten abendlichen Canasta-Runde mehr Punkte erzielt als der andere (und weder der Achtjährige noch der Zwölfjährige legt in dieser Runde aus, stattdessen sammeln beide möglichst hohe Karten auf der Hand).

Gerecht ist, wenn ich die erste Runde Tischtennis mit dem Achtjährigen spiele, dann zwei Runden mit dem Zwölfjährigen, dann zwei mit dem Achtjährigen – und so weiter. Abwechseln beim Abwechseln nennt man das mathematisch. Gerecht ist, wenn ich mit jedem Kind immer genau 170mal den Federball hin- und herschieße und das andere auf dem Baumstamm dabeisitzt und zählt.

Gerecht ist, wenn jedes Kind jeden Tag zwei Helfepunkte erarbeiten muss (und jeder insgesamt gleich oft das Abtrocknen erwischt).

Gerecht ist, wenn die Kinder am Vormittag wandern gehen, weil die Großen das wollen, und wenn dafür am Nachmittag viiiiel Zeit zum gemeinsamen Spielen ist. Und wenn die Jungs dafür am nächsten Morgen mit in die Heidelbeeren kommen, ausgemacht ist ausgemacht.

Gerecht ist, wenn wir neue Phasen für „Phase 10“ erfinden, wenn meine Söhne sich nicht auf eine der beiden vorhandenen Versionen einigen können.

Gerechtigkeitsprobleme treten ständig und überall auf. Und jedesmal, wenn eines zufriedenstellend gelöst ist, wenn niemand beleidigt ist oder zornig wenn kein Glas zerspringt und keine Tür schlägt, fühle ich mich – beinahe – wie Salomo persönlich.

Ferien, Ferien

Als ich an meinem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub das Büro verlasse, ist der blaue Himmel der letzten Tage hinter einer Wolkendecke verschwunden und es beginnt zu regnen. In die Uckermark, aha, aha, haben die Kollegen freundlich gesagt und mir auffällig oft „gutes Wetter“ gewünscht.

Die Besuchsfreundin ist schon gestern angekommen, und als ich von meinem letzten Arbeitstag nach Hause komme, hat sie eingekauft, einen Schokoladenkuchen gebacken, den Zwölfjährigen und den Achtjährigen in Empfang genommen, abgewaschen und sich auch den Wäscheständer mit den vielen, vielen Socken vorgenommen. Ich fühle mich wie im Paradies; ich habe das nicht oft, dass mir jemand so unter die Arme greift.

Ein anderes Gefühl trage ich seit Tagen mit mir herum: Betroffenheit (was für ein hässliches Wort!), Mitgefühl, Traurigkeit. Es ist eine Geste der Hilflosigkeit, dass ich einen halben noch warmen Schokoladenkuchen bei der Bekannten vorbeibringe, deren Kind in diesem Sommer an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist und zwischen Chemotherapie-Durchgängen und Infekten gerade ein paar Tage zu Hause verbringt.

Beim Abendessen frage ich den Zwölfjährigen nach der Englisch-Klassenarbeit; für die und andere hat er die ganze Woche lang jeden Tag lernen müssen; wir sind alle froh, dass das fürs erste überstanden ist – auch der Achtjährige, der endlich wieder mit seinem Bruder spielen kann; auch ich, die wieder einmal einen Abend ohne Simple Past und Present Perfect Progressive verbringen darf (ja, der Bildungserfolg hängt vom Elternhaus ab, und so lange der Zwölfjährige es schätzt, mir Lernstoff von Hakenpflug über Experimentierprotokoll bis „être“ und „has been learning“ aufzusagen, höre ich ihn geduldig ab). Aber heute fülle ich stattdessen Öl und Zucker ab, sammle Vokabelhefte, den Fön, die Wärmflasche, ein Kilo Gelierzucker, die Gummistiefel und den anderen halben Kuchen ein und fülle Koffer und Rucksäcke bis zum Rand. Waldhäuschenurlaub steht bevor, zum 6. Mal, wir freuen uns auf „unser“ Haus, den angeblich reichen Pilzsegen, die Zeit mit der Besuchsfreundin.

Nach dem ersten Urlaub dieser Art habe ich damals meinen Blog angefangen – WordPress benachrichtigt mich freundlich und ich erinnere mich: ja, damals hatte Berlin noch zeitiger Ferien und wir konnten Anfang Oktober im uckermärkischen Sonnenschein unter „unseren“ Birken sitzen. Fünf Jahre ist das jetzt her.

Der Regen rauscht. Der Achtjährige und der Zwölfjährige (letzterer etwas mühsam vom Smartfon mit seinen verlockenden bunten Spielen abgeschält) schlafen; das Flugzeug, in dem der liebste Freund sitzt (dessen Herbstreisepläne ungünstig neben meine fielen), wird irgendwann in der Nacht in Berlin landen; unser Gepäck steht aufbruchsbereit; draußen fallen gelbe Lindenblätter im Licht der Straßenlampen; der Druck der letzten Wochen lässt nach. Die Welt seufzt leise auf.

Neues Spiel, neues Glück

Meine  Vorsätze für das neue Schuljahr lassen sich kurz und knapp ungefähr so zusammenfassen: Liebevoll und gelassen, ein Fels der Ruhe in der wilden Brandung des familiären Organisationsbedarfs, werde ich meine Kinder sanft, entspannt und bestimmt zum bereitwilligen Lernen, freudigen Üben auf Keyboard und Schlagzeug und zum selbständigen Vorausdenken an ihren nächsten Schultag anleiten und dabei selbstverständlich für ausreichende Zeiten der Entspannung und des freien Spiels – allein und mit Freunden -, für die Teilnahme an Sport-AGs, die Zufuhr von abwechslungsreichem Gemüse und Vitaminen, tägliche Knick-Senk-Fuß-Gymnastik und jederzeit fleckenlose Kleidung in ungefähr der richtigen Größe sorgen.

So jedenfalls der Plan.

Der erste Schultag lief auch garnicht schlecht.

Wir haben mehrere Tüten Schulmaterial zur Grundschule verschafft (den Großen hat sein Papa zum Gymnasium gefahren, was gut war, weil ich ihm so nicht meine wird-er-bloß-hoffentlich-Freunde-finden-Ängste mitgeben konnte); wir haben den neuen Klassenraum des Achtjährigen gefunden, obwohl die Türschilder noch nicht ausgetauscht waren; sein Schließfach entdeckt, obwohl die Nummerierung der Fächer einem undurchschaubaren Muster folgt; ich habe mir am Nachmittag eine Plastik-Aufbewahrungsbox (der richtigen Sorte!), ein Paar Rutschsocken und ein noch nicht abgelaufenes Asthma-Notfall-Spray für den Turnbeutel des Achtjährigen aus einer überschüssigen Rippe geschnitten, einen ausführlichen Schülerbogen ausgefüllt, die ersten beiden Elternbriefe der Grundschule gelesen und die Hauptinformation – die anderthalb Grundschulschließtage in den nächsten sechs Wochen – erfasst, in den Kalender geschrieben und an den Vater der Kinder weitergegeben; ich habe dem aufgeregt herumquirlenden Zwölfjährigen Trennlaschen, Klarsichtfolien und Buchumschläge zugereicht und paralell den Achtjährigen zum Ausfüllen seines Stundenplanes im Hausaufgabenheft angeleitet; zeitgleich dem Zwölfjährigen beim aufmerksamkeitsbegierigen Bericht über seine ersten Hausaufgaben und die gymnasialen Handy-Nutzungsregeln sowie dem Achtjährigen beim Erzählen von einer beinahe-Hubschrauberlandung auf dem Schulhof in der Mittagspause zugehört und ich bin – so weit ich mich erinnere – kein einziges Mal sehr laut und ungeduldig geworden.

Allerdings bin ich jetzt müde.

Sehr, sehr müde. Ist bald Wochenende?

Tagesnotizen: 8.5.2017

Sehr müde taumele ich aus dem Wochenende – das ich mit Waschen, Kochen, Backen, Putzen. ein wenig Krankenpflege am klassenfahrtschlafmangelkranken Achtjährigen und zwei gemütlichen Frühstücken mit der ganz großen Schwester verbracht habe – in die Woche.

Im Büro herrscht Frieden. Ich lasse mir in aller Ruhe die eine oder andere Aufgabe erläutern, die ich übernehmen werde, wenn pünktlich zu Beginn der Sommerferien die Kollegin in Mutterschutz geht.

Für Nachmittagsbeschäftigung sorgt die Grundschule, diesmal in Person der Musiklehrerin des Zwölfjährigen, die sich vorstellt, dass alle Schüler der 6. Klasse eine Trommel bauen sollen. Mein Sohn und ich treffen uns also am Alles-Laden im Kiez und erwerben eine Rolle Butterbrotpapier, einen kleinen blauen Plastikeimer, einen Blumentopf (falls das mit dem Eimer schiefgeht), einen breiten Pinsel und eine dicke Zeitung.

Als nächstes muss der Vater meiner Kinder mit dem Taschenmesser den Boden aus dem Plastikeimer entfernen. Ich zeige dem Zwölfjährigen, wie er den Tapetenkleister anrühren muss, und stelle ihm die Schneidemaschine zum Bei dem Versuch, in Tapetenkleister getränkte Butterbrotlagen einzeln – wie im Internet in einem dieser youtube-Videos empfohlen – auf den Eimer zu kleben, erleidet der Zwölfjährige einige Misserfolge. Also leimt er erst 10 Lagen Butterbrotpapier – immer um 45 Grad gegeneinander versetzt – übereinander und dann löst er den ganzen Schlabuff von der Zeitung ab und (sch)leimt ihn über den Eimer. Ob das nach der geschätzen Woche Trockenzeit hält, steht in den Sternen, aber mein Sohn behauptet, dass einige der flinken fleissigen Mädchen aus seiner Klasse schon fertige Wisch- und Mülleimer-Trommeln mitgebracht haben. Vielleicht funktioniert es ja doch.

Daumendrücken!

WmdedgT – 5.5.2017

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Heute ist wieder der 5., und an jedem 5. fragt Frau Brüllen danach. Alle Texte zum heutigen 5. Mai finden sich hier.

Und mein Tag war so:

0.00: Ich wache neben dem liebsten Freund auf und sage ihm Gute Nacht, bevor ich ihm für den Rest der Nacht in meinem kleinen Schlafzimmer seinen Schnarcherfrieden lasse. Schnell Zähne putzen und Sofa aufklappen, die Decken liegen schon bereit.

6.40: Ich schlage gerade zur rechten Zeit die Augen auf, obwohl ich den Wecker nicht gestellt habe, damit der Zwölfjährige im Nebezimmer nicht zu früh wach wird. Heute ist ein Ausnahmemorgen, denn gestern Abend haben wir meinen großen Sohn zu einem echten, richtigen Konzert mitgenommen – „Dota – Mit Pauken und Trompeten“*.
Ich schleiche in die Küche und mache dem Zwölfjährigen in Windeseile seine Frühstücksdose für die Schule.

6.45 Das Telefon läutet. Der Vater meiner Kinder sagt Bescheid, dass er seine Wochenendreise auf Samstag verschoben hat und den Achtjährigen um 10 Uhr in der Schule abholen kann – zu dieser unfreundlichen Zeit kommen die 2. Klassen nämlich von ihrer Klassenfahrt zurück. Ich plane dankbar von Homeoffice auf Bürotag um.

6.50 Der liebste Freund kommt in die Küche und macht Kaffee. Der Zwölfjährige klettert aus seinem Bett und versichert, bis eben geschlafen zu haben und prima fit für die Schule zu sein. Na dann!

7.00 Der Zwölfjährige ist angezogen und macht sich über die Häppchen her, die ich ihm gestrichen habe. Der liebste Freund macht sich ein Mittagsbrot.

7.15 Der liebste Freund ist im Bad fertig und übernimmt es, den Tisch abzuräumen. Der Zwölfjährige packt seine Schulsachen zusammen, ich ziehe mich an.

7.30 Eigentlich könnten wir los, aber der Zwölfjährige muss erst noch kurz in der Wetter-App gucken, was für Wetter wir gerade haben und was für Wetter der Achtjährige auf seiner Klassenfahrt heute morgen hat. Eine amtliche Nebelwarnung! Sensationell!

7.40 Wir verlassen das Haus.

8.05 Der liebste Freund steigt aus der S-Bahn und winkt mir vom Bahnsteig einen letzten Gruß zu. Ich bekomme endlich einen Sitzplatz. Ich hole mein Buch aus der Tasche, als mir einfällt, dass ich dringend ein paar sms beantworten muss. Leider endet die Bahn an der nächsten Station, so dass ich hastig – mit Buch unter dem Arm, Smartfon in der Hand und in den Riemen meiner Handtasche verheddert – aussteigen muss.

8.20 Ich schließe meine Bürotür auf. Alle, die sonst in den Büros rechts und links von meinem sitzen, haben heute Urlaub oder arbeiten von zu Hause. Ich widme mich also sechs Stunden lang ziemlich ungestört dem Umbau eines drölfzig-dimensionalen Excel-Modells, in dem die Formeln über die Jahre wie Lianen gewuchert sind und das auf Geheiß des Chefs selbsterklärend übersichtlich werden soll (ohne dabei seine unglaubliche Detailfülle einzubüßen).

14.45 Rechner aus, Wochenende.

15.00 Lese in der S-Bahn ein paar Seiten von Steven Hawkings „Universum in der Nussschale“. Leben  wir auf einer „Bran“? Und was in aller Welt soll das bitte sein? Ist das Universum in der imaginären Zeit eine Kugel? Und warum verläuft die imaginäre Zeit senkrecht zur wirklichen Zeit? Andere Bücher über die Rätsel des Universums fand ich verständlicher, aber in diesem lerne ich wenigstens, was der „Spin“ eines Teilchens ist. Der Zwölfjährige – wer mit mir frühstückt, hat keine Chance, dem zu entgehen, was ich aus diesem oder jenem Buch gerade im Kopf behalten habe – hat am Morgen schon behauptet, er fände es leicht, sich etwas vorzustellen, was man zweimal um sich selbst drehen muss, bis es wieder aussieht wie am Anfang.

15.30 Ich klingle beim Vater meiner Kinder und sammle meine Söhne und ihre diversen Gepäckstücke (1 Ranzen voller loser Blätter (vermutlich), 1 Koffer voller Schmutzwäsche, 1 Rucksack voller dies-und-das, 1 Sporttasche voller müffelnder Sportkleidung) ein. Der Achtjährige erzählt stolz, dass auf der Klassenfahrt niemand an irgendeinem Tag vor um elf geschlafen hat (und ich mache mir Sorgen, wenn ich den Zwölfjährigen einmal zu einem Konzert mitnehme…) und zeigt mir viele, viele Fotos. Am besten sind die Selfies, auf denen er mit anderen Jungs und Zahnlücke fröhlich in die Kamera grinst.
Obwohl es ziemlich super war, ein paar Tage allein mit dem Zwölfjährigen zu verbringen, bin ich sehr, sehr froh, dass der Achtjährige wieder zu Hause ist!

16.00 Die Jungs streiten sich um einen Haufen Lego-Teilchen und ich fange an aufzuräumen. Das kleine Schlafzimmer muss schön gemacht werden, weil die ganz große Schwester an diesem Wochenende tagsüber einen Kurs in Kreuzberg und über Nacht uns besucht. Der Koffer des Achtjährigen muss ausgepackt und auf dem Hängeboden verstaut werden. Der Styroporblock, der uns gestern abend auf dem Konzert so gute Dienste geleistet hat, muss im Keller verstaut, Müll runtergebracht, Wäsche angestellt und das Wohnzimmer aufgeräumt werden. Zu essen gibt es auch nichts mehr.

17.00 Zwischen Aufräumen und Einkaufen setze ich mich eine Minute hin und schicke der ganz großen Schwester einen Sprachnachrichtsgruß.

17.50 Ich komme vom Einkaufen zurück, packe aus und mache Abendbrot.

18.00 Der Achtjährige kommt ächzend an den Tisch und klagt über Kopf- und Bauchschmerzen. Essen geht garnicht.

18.20 Wir kuscheln uns zu dritt aufs Sofa und gucken ein bisschen fern. Der Achtjährige ächzt. Umsichtig hat der Zwölfjährige eine Schüssel aus dem Bad geholt und neben den Platz des Achtjährigen gestellt. Während auf dem Bildschirm die Tierpfleger des Berliner Zoos dieses oder jenes Tierbaby herzeigen, übergibt sich der Achtjährige. Danach ist er soweit wiederhergestellt, dass ich ihm schnell die Zähne putzen und ihn in sein Bett transferieren kann.

18.45 „Ist es wirklich erst dreiviertel Sieben?“, tönt es aus dem Zimmer des Achtjährigen, und dann „Mama, du erwartest jetzt aber nicht, dass ich morgen bis um sechs schlafe, oder?“ – Dann ist Stille.

19.00 Der Zwölfjährige soll den Abendbrottisch abräumen. Als erstes versucht er, den Deckel einer Konservendose mit Dorschleber (merke: niemals hungrig einkaufen, dann sind auch keine Dosen mit Dorschleber im Haus) wieder zuzubiegen und kippt die Dose dabei an. Eine Öllache breitet sich auf dem Küchentisch aus. Während ich ein Kilo Rhabarber schäle und kleinschneide, wischt der Zwölfjährige mit Klopapier und Schimpftiraden auf das Mithelfen im Haushalt im Allgemeinen und Dorschleber im Speziellen den Tisch wieder sauber. Dann spüle ich und mein Sohn räumt weiter ab. Während er das kalte Wasser, das ich vor dem Abwaschen aufgefangen habe, für die Blumen auf dem Balkon trägt, gehe ich mit der nach Fisch riechenden Abfalltüte zum Müll.

19.15 Ich hänge schnell noch Wäsche auf. Der Zwölfjährige hat den Laptop schon wieder eingeschaltet und wartet auf die Fortsetzung des Filmes von vorhin, während ich mit unserer Wochenration – vier Squatrillionen – Socken kämpfe.

19.20 Nochmal Sofa. Mit Fernsehen und Kuscheln.

20.00 Der Zwölfjährige holt sich einen Comic und verhält sich still, damit er nicht ins Bett geschickt wird liest. Ich schreibe. Abendfrieden.

 


*Denn dass Dota – über die der Zwölfjährige schon zwei Kurzvorträge in Musik gehalten hat – ausgerechnet in der Woche in Berlin auftritt, in der auch die Klassenfahrt des Achtjährigen stattfindet… das war schon irgendwie ein Zeichen. Und der Abend war ein großer Erfolg: das Konzert hat wirklich schon um 20 Uhr begonnen, der Zwölfjährige hatte eine prima Aussicht, weil er auf einem Styroporblock stand, den der liebste Freund extra dafür gebastelt hatte, das Lieblingslied des Zwölfjährigen – „Rennrad“ wurde gespielt (wenn Sie auch da waren: wir waren die, die da so laut mitgesungen haben) und die S-Bahn hat uns so zügig nach Hause gebracht, als wäre sie noch nie, nie, niemals ausgefallen, so dass der Zwölfjährige um pädagogisch in einem Ausnahmefall gerade noch vertretbare fünf Minuten nach halb 11 im Bett gelegen hat.