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halbundhalb

Dieses Jahr fahren wir erst im Herbst richtig in den Urlaub. Deshalb habe ich im Sommer zwei Wochen lang halbe Tage freigenommen während der Zeit, in der der Vierzehnjährige und der Zehnjährige bei mir sind. Diese beiden Wochen liegen nun hinter uns… und das Experiment ist gelungen.

Nein, erholt habe ich mich nicht. Glaube ich. Höchstens marginal. Aber es hat gut geklappt, dass die meine Söhne vormittags allein waren und dies und das im Haushalt erledigt haben. Und was haben wir nicht alles gemacht! Einen Draisinenausflug mit dem liebsten Freund. Viermal Lieblingsschwimmbad. Dreimal an der einen und zweimal an der anderen Tischtennisplatte gespielt, dabei dem Sohn der anderen Mitmutter das Tischtennisspielen vermutlich dauerhaft verleidet, obwohl ich versucht habe, ihm immer mal einen Punkt zu schenken. Ein Augenarzttermin. Einmal Public Viewing und einmal Kino für den Vierzehnjährigen. Etliche feinste Frauen-Fußballspiele vom Sofa aus gesehen – und heftig über die Bezeichnung Frauen-Weltmeisterschaft geschimpft. Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen, es ging doch um Fußball und nicht darum, wer Weltmeister im Frausein wird? Außerdem Sauerkirschen vom Baum gerettet und zweimal Schneewittchenkuchen gebacken. Einen unspektakulären krummen Geburtstag tiefenentspannt gefeiert. Zweimal Besuch gehabt. Freunde im Schwimmbad und auf dem Fußballplatz getroffen. Monopoly, Mah-Jong und Skat gespielt. Abends manchmal vorgelesen. Abends manchmal übriggebliebene Kartoffeln oder Schokoladenkuchen gegessen und kein Abendbrot gemacht. Mittags Wunschessen gekocht. Ziemlich viel Eis spendiert. Neue Sportsachen für die Schule gekauft und nebenher auch das meiste sonstige Schulmaterial besorgt und vorbereitet. Insgesamt etwa 30 Stunden gearbeitet. Über ein Stellenangebot in der Nachbarabteilung in meiner Firma gegrübelt, mit dem potentiellen Chef gesprochen und dann unter Schlaf- und Ess-Störungen gegen eine Bewerbung entschieden (vermutlich richtig). Am Ende große Ikea-Taschen mit allem vollgepackt, was der Vierzehnjährige und der Zehnjährige im Urlaub mit ihrem Vater brauchen werden – und für fast drei Wochen Abschied genommen.

Jetzt liegt die große Freiheit vor mir, naja, die kleine vielleicht, bei näherer Betrachtung. Arbeiten, ohne jemandem versprochen zu haben, wann ich zu Hause sein werde. Einen Nachmittag im Café mit der Patentante des Vierzehnjährigen verbringen, die ich ewig nicht mehr in Ruhe gesprochen habe. Katzensitting bei der anderen Mitmutter. Der Hausverwaltung auf die Füße treten, die veranlassen muss, dass der Heizkörper im Badezimmer ausgetauscht wird. Mich noch weiter um das Röntgen des Problemzahns drücken. Ein Termin bei der weltbesten Osteopathin, einer beim Anwalt und ein Experiment in systemischer Familienarbeit (letzteres beides im Zusammenhang mit dem Patchwork-Familiennachwuchs und den Umzugsplänen auf Seiten des Vaters meiner Kinder – ersteres zum Glück zu meinem reinen Privatvergnügen). Eine große Geburtstagsparty bei der ehemaligen Nachbarin. Ein halber Regalmeter Bücher, die ich unverhofft geschenkt bekommen habe. Und vielleicht anderthalb Tage am Meer.

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WmdedgT – 6/2019: Konfirmationsvorbereitungen

Schon wieder hat ein Monat begonnen – „Schöne Familienfeste gestalten“ ziehe ich aus dem Kistchen, in dem ich an Silvester für jeden Monat ein Projekt oder einen Vorsatz notiert habe – und am 5. fragt Frau Brüllen wie üblich nach, wie wir den Tag verbracht haben.

Voila:

Aufstehen ist halb sieben, weil der Vierzehnjährige erst zur 2. Stunde Unterricht hat. Wach werde ich wie üblich schon um fünf, mache die Balkontür auf, weil es jetzt eine Chance auf einen kühlen Luftzug gibt, lege mich wieder hin und höre mit einem halben Ohr den Vögeln draußen (das heurige halbwüchsige Krähenküken scheint schon hungrig) und mit dem anderen halben Ohr den Sorgen drinnen (die sich die To-Do-Liste für die Konfirmation am Sonntag vorgenommen haben) zu.

Halb sieben stelle ich froh fest, dass ich nochmal geschlafen habe.

Ich gehe schnell ins Bad, weil ab sieben die Lieferung des Einkaufs für die Konfirmationsbäckerei ansteht und mache dann Frühstück für den Vierzehnjährigen und mich. Nebenbei entwickeln wir einen Plan, wie wir bei angekündigten 26 Grad Celsius sechs Kuchen, zwei Töpfe Suppe, anderthalb Kilo Frischkäse und ungefähr genausoviel Weißkrautsalat – nebst Sekt und Weißwein etc. – von Samstag bis Sonntagnachmittag kühl halten, wenn wir nur einen kleinen Kühlschrank vor Ort zur Verfügung haben. Dann fällt dem Vierzehnjährigen ein, dass er schon eine Bücherliste fürs neue Schuljahr hat und dann, dass er die von der Schule gestellten Bücher fürs laufende Schuljahr heute abgeben muss. Leichte Hektik, aber er verlässt trotzdem pünktlich das Haus.

Ich habe mir einen Tag Vorbereitungsurlaub genommen und warte deshalb in aller Ruhe auf meinen Einkauf. Nebenbei: Wäsche falten und wegräumen, Anmeldung des Vierzehnjährigen zur Junge-Gemeinde-Woche ausfüllen, diverse Konfirmationsgäste nach ihren Ankunftszeiten fragen, meine Schwestern um das Mitbringen diverser Dinge (Kühltasche, Kühlakkus, Klappkisten) bitten, Mails checken, geschätzte Überlänge des Konfirmationsgottesdienstes wird vom Jugendpfarrer bestätigt, also Ankunftszeit des Caterers nach hinten verschieben, Vermieter der Ferienwohnung anrufen und um fünftes Set Bettwäsche bitten, außerdem nachfragen, ob wir in der Ferienwohnung wohl zwei große Töpfe Suppe im Kühlschrank einlagern können.

Der Einkaufslieferant muss das Kartenzahlgerät im Treppenhaus eine ganze Weile in verschiedene Richtungen halten, bis eine Verbindung zu Stande kommt. Beim Auspacken erst merke ich, dass mir die nicht lieferbare Sprühsahne durch 3 Dosen dubioses Margarine-Cremafinozeugs ersetzt wurden – blöde Idee, hätte ich etwas ohne Sprühen gewollt, hätte ich doch etwas ohne Sprühen bestellt… Sprühsahne kommt also mit auf die Extra-Liste, kurz vor zehn stehe ich an der S-Bahn und fahre ins nächstgelegene Einkaufszentrum. Da im Online-Tool der Deutschen Bahn aus irgendeinem Grund meine bevorzugten Zahlungsoptionen nicht mehr zur Verfügung stehen, gehe ich als erstes zur DB-Fahrkartenagentur und schaue von meinem Platz in der Warteschlange aus geduldig einem älteren Herrn zu, der eine eher komplizierte Verhandlung mit der Angestellten führt. Einige Zeit später führe ich eher komplizierte Verhandlungen mit der Angestellten, die die Wartenden in der Schlange hinter mir die Augen verdrehen lassen. Ich möchte eigentlich nur eine Fahrkarte nach Thüringen, aber ich bin daran gewöhnt, alle Optionen auf dem Bildschirm vor mir zu haben und erst ganz zuletzt eine Entscheidung über Sitzplätze, Spar-, Superspar-, Extrasuperspar- und Cityticket-Angebote treffen zu müssen. Also verwirre ich die Angestellte durch Nachfragen und Umentscheiden, dann vergisst sie eine Änderung, die Karten müssen storniert und neu ausgedruckt werden – und hinterher habe ich auch noch das Gefühl, dass das Ganze online ganz bestimmt weniger gekostet hätte.

Als nächstes brauche ich eine Chormappe in schwarz für den kleinen Auftritt im Konfirmationsgottesdienst, das ist einfach, und dann verschluckt mich die Riesen-Einkaufshalle, in der es ganz bestimmt alles gibt (sogar gelbe Götterspeise für eine experimentelle Zitronentorte und Sprühsahne sowieso), in der ich aber längere Zeit herumirre, weil ich sonst nie hier einkaufe und außerdem auch nur Dinge auf der Liste habe, die ich normalerweise nie brauche. Trotzdem bin ich gegen elf schon wieder zu Hause. Ich halte einen ganz kleinen Schwatz mit der alten Dame von gegenüber, die sich noch ein wenig auf ihrem Balkon aufhält, bevor sie die Jalousien schließt und sich vor der Hitze schützt. Ich muss gleich nochmal los, ich brauche noch sieben Kleinigkeiten aus diversen Läden im Kiez und freue mich, dass alles erhältlich ist – sogar dunkelblaue Füßlinge passend zu meinen allerfeinsten neuen Schuhen. Zwischendurch schaue ich bei der Mitmutter im Allesladen vorbei, aber die muss arbeiten, der Chef steht hinter ihr, wir verabreden uns nur kurz auf einen Kaffee für Donnerstagmorgen.

Gegen zwölf bin ich wieder in meiner kühlen Wohnung. Der Vierzehnjährige hat heute hitzebedingt verkürzten Unterricht und schon angekündigt, dass er nicht in der Schule essen, sondern von mir bekocht werden möchte. Ich bereite Bohnensalat vor und werfe Thüringer Bratwürste in eine Pfanne, als das Kind eintrifft und bestätigt, tatsächlich sehr hungrig zu sein. Ich feiere meinen Urlaubstag mit einem kleinen Mittagsnickerchen, anschließend koche ich mir einen Kaffee und zwinge bringe den Vierzehnjährigen dazu, sein Zimmer aufzuräumen, weil morgen jemand zum Putzen kommt. Aufräumbedingt füllt sich der Wäschekorb, also stelle ich eine Maschine Wäsche an. Der Vierzehnjährige geht zum Friseur, sieht hinterher angemessen schick aus und übt wie abgesprochen Schlagzeug. Ich habe derweil noch eine Verabredung mit einigen Schmuddelecken in der Küche, unter anderem dem Küchensiphon, der häufiger mal gereinigt werden muss, seit ich möglichst viel Wasser, das sonst beim Gemüsewaschen oder vor dem Abwasch einfach abgeflossen wäre, für meinen Balkon auffange. Ein paar Absprachen mit dem Vater der Kinder sind auch noch zu treffen, denn der Zehnjährige kommt am Donnerstag von der Schule zu mir und hat hitzebedingt wie sein Bruder zeitigeren Schulschluss.

Irgendwann sind aber die meisten Dinge erledigt. Der Vierzehnjährige und ich setzen uns mit einem Teller voll Melonenstücken und Erdbeeren auf den Balkon, wir haben Zeit für ein Spiel und am Abend – nachdem der Vierzehnjährige noch mit ganz wenig Murren sämtliche Pflanzen auf dem Balkon gegossen hat – für einen Krimi aus der Mediathek. Vorher ist noch kurz die große Schwester am Telefon; hinterher – als der Vierzehnjährige schon im Bett liegt – der liebste Freund.

Und dann sitze ich draußen auf dem Balkon, es dämmert, die Luft kühlt ab, Fledermäuse schwirren. Eine halbe Hilfe-für-schlaflose-Zeiten-Tablette einnehmen. Drei Seiten lesen. Schlafen.

Achtung Baustelle

Im Bad rostet der Heizkörper. Im Wohnzimmer ist der Dielenlack durchgescheuert, obwohl ich Filzgleiter unterm Stuhl habe. Der Zehnjährige bekommt demnächst Bescheid, ob er schon nach der 4. Klasse aufs Gymnasium wechseln kann, und ich weiß noch immer nicht, ob das eine gute Idee ist. Ich meine: 80 Minuten zusätzliche Wegezeit (fast) täglich für mich für geschätzt ein Jahr, wie wiege ich das ab dagegen, dass er dort vermutlich keine dummen Bemerkungen hört, wenn er gute Noten schreibt? Falls er noch gute Noten schreibt, wenn er etwas dafür tun müsste. Der Vierzehnjährige jedenfalls erklärt, dass er keinerlei Grund mehr sieht, sich für die Schule anzustrengen. Ich bin zu kritisch mit ihm, das weiß ich, und mache eine entsprechende gedankliche Notiz: Nicht mehr so kritisch sein. Mehr loben. Am Vorabend des 1. Mai fahre ich mit dem Zehnjährigen seinen theoretischen zukünftigen Schulweg ab, mit Stoppuhr. Auf dem Rückweg liegt ein Schuhladen, in dem finden wir schwarze Kompromissturnschuhe, die der Zehnjährige zur Konfirmation anziehen kann. Am 1. Mai drucken wir Tischkärtchen für die Konfirmation und ich mache mich auf die Suche nach einer realisierbaren (und superleckeren, beeindruckenden) Kuchenkombination. Der Elektriker muss außerdem kommen und sich meine nicht einsatzbereite Multimediadose ansehen, weil das DSL-Upgrade auf eine schnellere Leitung nicht zum Neukundentarif zu haben ist, die Umstellung auf Kabel aber schon (Schwachsinnige Preisgestaltung!). Leider versteckt sich die Multimediadose hinter einem Schrank voller Dokumenenordner. Der liebste Freund, den ich anstellen wollte, mir beim Schranrücken zu helfen, wird leider gerade an diesem Tag krank. Sollte hier irgendwann eine – rein hypothetische – Playstation angeschafft werden, brauchen wir nicht nur ein schnelleres Internet, sondern auch einen Standort für den – hypothetischen – Fernseher, also gipse ich die Dübel vom Wandregal, das nicht mehr ganz stabil ist, seit mir vor längerer Zeit eine schwere Teppichrolle draufgefallen ist, recht und schlecht wieder in ihre Löcher. Die restliche Wandfarbe, mit der ich die Löcher überstreichen wollte, ist im Keller verschimmelt und riecht übel. Die Zahnarztpraxis hat zu meinem großen Glück eine neue Kollegin, bei der noch ein Acht-Uhr-Termin zum Begutachten der Füllung zu haben ist, unter der mein Zahn sich gelegentlich unwillig rührt. Der Zehnjährige hat unterdessen sein Sportzeug verloren. Ich müsste eine Ferienwohnung im Weimar buchen, um im Sommer mit meinen Söhnen ein paar Tage in der Nähe meines Vater zu verbringen, aber der Vater meiner Kinder lernt für eine Weiterbildung und kann deshalb meine Mail nicht beantworten, in der ich eine Wochenendaufteilung für den Aufenthalt der Kinder in den Sommerferien vorschlage. Nicht näher bekannte Mitglieder meiner Herkunftsfamilie mütterlicherseits haben vor gefühlt 20 Jahren einen Antrag auf Entschädigung wegen einer Nachkriegsenteignung gestellt, der nun bearbeitet wurde und auf einmal flattert mir als 54tel-Erbin nicht nur Familiengeschichte um die Ohren (Was war das für ein Urgroßvater und was hat er vor und während des Zweiten Weltkrieges wirklich getan? Kann man dem Amt vertrauen, wenn es mitteilt, festgestellt zu haben, dass es sich nur um einen Mitläufer gehandelt hat?), sondern auch vielseitige Behördenbriefe ins Haus – jedenfalls sobald mir die adress-stabile ganz große Schwester mitgeteilt hat, dass es wieder einen Brief gab und ich – nein: um ehrlich zu sein: die große Schwester – der jeweils absendenden Behörde meine aktuelle Adresse mitgeteilt hat, denn alle beteiligten Ämter haben noch meine Adresse von vor 20 Jahren. Irgendwie muss ich aber auch noch die Gesamtgästezahl der Konfirmation herausbekommen und dem Caterer mitteilen; den Raum besichtigen, in dem wir feiern wollen und daran denken, auch die Fragen zu stellen, die mir dann gerade nicht einfallen. Der Vierzehnjährige bekommt derweil einen Wachstumsschub nach oben, ich kann ihn kaum noch auf die Stirn küssen – und alle gerade neu angeschafften Hosen haben Hochwasser. (Sagt man das noch?) Vermutlich auch die Konfirmationshose.

Zwischendurch stehle ich mich auf meinen Balkon und schaue meine Blumen und Kräuter an. Und atme. Der Zehnjährige und ich haben neulich gewettet, ob wir mehr oder weniger als 40 Pflanzenarten dort anbauen, und dann mussten wir natürlich eine Liste schreiben und sie alle aufzählen. Es sind 44. Wenn ich mal nichts zu tun habe, werde ich zu jeder einzelnen etwas schreiben. Vielleicht.

 

 

Zehn Uhr im Kiez

Morgens um zehn Uhr bin ich fast nie in meinem Kiez unterwegs. Aber heute bin ich krankgeschrieben und mache einen kleinen Genesungsspaziergang, auf dem ich endlich mal diese blöde Pfandflasche zurückgeben, Minen für die Radierstifte der Kinder besorgen und noch ein violettes Stiefmütterchen erwerben möchte.

Über dem PC-Shop an der Ecke lüftet knallrotes Bettzeug in der milden Morgenluft. Auf der anderen Straßenseite schiebt sich eine ältere Dame mit Gehstock Schrittchen für Schrittchen in Richtung Einkaufsstraße. Den Laden für Reinigungsmittel habe ich noch nie betreten, anders als die magengrippengebeutelte Nachbarin, die nach jeder Virenwelle dort ein Reinigungsmittel erwarb, mit dem sie Betten und Geschirr desinfizierte.  Heute wird gerade Ware angeliefert, große Packen gelber Schwämme, Kisten mit Plastikflaschen, die Namen tragen, deren Klang schon beinahe ausreicht, um Keime und Schmutzpartikel die Flucht ergreifen zu lassen.

Im Nagelstudio nebenan beugt sich eine Frau mit Mundschutz hingebungsvoll über eine mit langen Glitzernägeln zu verschönernde Hand. Der Frisör hat noch sein „We are closed“-Schild im Fenster, trotzdem sitzt schon ein Herr im Wartebereich, wo die Glaskaraffe frisch mit Wasser und Orangenscheiben befüllt ist.

Vor der neu eröffneten Sports-Bar reckt sich eine junge Frau in Lederleggins tatkräftig. Auf den Werbefotos in den Fenstern äugen hübsche junge Damen zu hübschen jungen Männern, deren Aufmerksamkeit aus dem Bild hinaus gerichtet ist, vermutlich zu den Sportereignissen, die die Bar zu übertragen verspricht. Gegenüber beim Bäcker stehen ein paar Tische in der Sonne, an denen einzelne ältere Herren Kaffee trinken; einer mit Stars&Strips-Hose und Cowboyhut, ein anderer mit Zöpfchen im langen Bart. Sie sehen aus wie morgendliche Stammgäste, vom Leben mitgenommen und ein wenig einsam.

Aus dem Bekleidungsgeschäft schiebt eine alte Dame ihren Rollator und müht sich damit die drei Stufen hinunter, hinein in ein kleines Ballett aus Kinderwagen und mehr Rollatoren. Der Stau ist entstanden, weil ein Bauarbeiter zwei Absperrgitter auf dem Gehsteig aufgestellt hat; er schleppt ein nach bedrohlichem Lärm aussehendes Gerät herbei.

Vorne an der Ampel, wo die Händler wie jeden Tag ihre Partyzelte aufgestellt haben und neonleuchtende Turnschuhe, Blümchenblusen, Trolleys, Glitzerspielzeug und Pantoffeln feilbieten, die mich an die Gästepantoffeln im Haus meiner Großeltern vor 30 Jahren erinnern, hat eine Kanalreinigungsfirma schweres Gerät aufgefahren und allerhand Schläuche in die Gullys versenkt. Die Kanalarbeiter sitzen auf der Ladefläche ihres Lasters in der Sonne, während die Maschinen ihre Arbeit tun.

Der Schreibwarenladen hat die Kalender für 2019 jetzt für 1,99 Euro im Angebot, sogar die mit den barbusigen – und schon beinahe ein wenig verblichenen – Frauen.

Auf dem Rückweg bin ich versucht, die auf grünem Tüll grasenden Hasen zu zählen, mit denen die Apotheke, der Kiosk und das kleine Fitnessstudio ihre Schaufenster dekoriert haben. Auch der Bäcker steht auf einem Hocker und hängt eine Girlande mit bunten Hasen über die Theke.

Die Sonne – die von ungewohnter Seite über die Dächer scheint – wärmt heute schon herrlich.
(Woran man merkt, dass dieser Text schon letzte Woche entstanden ist, fröstel…)

WmdedgT – 5. April 2019

Frau Brüllen sammelt wie immer alle Beiträge, in denen Blogger und Bloggerinnen am 5. eines Monats ihren Tag beschreiben.

Voila, bei mir sah das so aus:

Die Kurzfassung: Geld verdient, Geld ausgegeben.

Die Langfassung: Der Wecker ist auf halb sieben gestellt, ich bin schon ein wenig eher wach. Es ist der erste Tag nach einer kleinen Krankschreibung. Bad, Gymnastikübungen (für die ich mir selbst einen Disziplinpunkt verleihe, richtig regelmäßig klappt es nicht), in der Küche schnell ein Müsli zusammengestellt und einen Tee gekocht. Frühstück.

Ich packe zusammen: Dienstlaptop, Buch („Nirgendwo im Haus meines Vaters“ von Assia Djebar), Konfirmationskleid, Kopiervorlagen. Halb acht gehe ich aus dem Haus.

Sieben Stunden Büro, davon fast eine am Telefon mit einem netten IT-Servicemitarbeiter, der versucht, mein Computertelefonieprogramm zur Räson zu bringen und nebenher verschiedene Kleinigkeiten repariert. Davon eine weitere Stunde mit den aufgelaufenen Mails, eine mit Update-Gesprächen zu laufenden Projekten, den Rest mit dem Ausfüllen sehr, sehr lästiger Berichtsvorlagen. Ich bekomme ziemlich schnell Kopfschmerzen. Nun gut.

Von Büro fahre ich in den Copyshop meines Vertrauens. Der Mitarbeiter schafft es, mir beizubringen, wie ich aus zwei Vorlagen eine auf Vorder- und Rückseite bedruckte Kopie mache; also kann mich nichts aufhalten (denke ich – bis der Kopierer „Papierstau“ blinkt). Mit einem Stapel Liedtexte für die Konfirmation des Vierzehnjährigen, einem Tacker und Heftklammern verlasse ich hochgestimmt den Copyshop.

Die Kopfschmerzen sind verflogen, ich entscheide, dass ich noch ausreichend Kraft habe, um nach einem Mantel und einem Jäckchen Ausschau zu halten, die ich über mein Konfirmationskleid tragen kann. Der passende Laden ist nur zwei U-Bahn-Stationen entfernt. In der Umkleidekabine (rechts und links von mir Töchter in Tüll und Glitzer, deren Mütter eifrig weitere Kleidchen herantragen) probiere ich Jäckchen (Fehlanzeige) und dann – hach – Kleider. Man sollte besser garnicht erst einen Laden betreten. Die Kleider hier sind so viel schöner als das, das ich im Rucksack habe! Ich verliebe mich in ein freundlich geschnittenes blaues Kleid mit Blumen, zu dem es ein passabel passendes Jäckchen gibt, die verkaufstüchtige Verkäuferin schleppt einen Mantel in der richtigen Größe herbei und macht allerhand mehr kaufermutigende als wirklich hilfreiche Bemerkungen. Am Ende werden es sogar zwei Jäcken zu Kleid und Mantel, und gleich nebenan gibt es passenderweise Schuhe. Was soll ich sagen? Die Verkäuferin dort entdeckt sofort meine große Einkaufstüte und wittert ein gutes Geschäft; sie schafft es, mich von den Vorzügen des teuersten Paars blauer Schuhe zu überzeugen und dann noch das spezielle Spezial-Pflegeprodukt und die spezielle Spezialbürste anzubringen, ohne die die Pfirsichhaut meiner neuen nachtblauen Pumps schon nach dem ersten Tragen akut gefährdet wäre.

Gegen sechs bin ich dann endlich zu Hause und stürze in die Küche. Ich habe schrecklichen Hunger. Nach dem Essen breite ich – etwas unglücklich – alle meine Kleider, Jäckchen, Mäntel und Schuhe aus. Hierüber muss dringend eine Nacht geschlafen werden.

Der Stapel mit den Kopien kommt auf den Wohnzimmertisch und ich stelle mir einen Tatort aus der Mediathek an, während ich die Liedtexte zu kleinen Liedermappen zusammentackere. Da ich einmal angefangen habe, den Krimi „nebenbei“ zu gucken, mache ich hinterher parallel eine Word-Datei auf und entwerfe ein ABC für den Vierzehnjährigen als Beitrag zur Feier (A wie „Anfang“ mit einer launigen Geschichte vom Tag seiner Geburt, B wie „Bruder, großer“ und so weiter – sammle erstmal Ideen und mache mich dann ganz vom Tatort los, um die ersten Punkte auszuformulieren. Ich hoffe, ich schaffe es, nichts zu schreiben, was dem Vierzehnjährigen allzu peinlich ist. Ich hoffe, ich schaffe es, das dann vorzulesen, ohne Tränen in den Augen (und in der Stimme) zu haben.

Gegen elf Uhr fahre ich den Computer herunter und gehe schlafen. Ich habe einen schrecklichen Albtraum von einem Messermörder, der es auf ein Kind abgesehen hat. Das kommt dann davon, wenn man eine Krimi nicht zu Ende guckt.

 

Eine Woche

Montag.

Heute habe ich herausgefunden, dass unser Späti, der Hermespakete annimmt, kein Frühi mehr ist. Es muss am neuen Inhaber liegen. Herausgefunden habe ich es um halb acht, bei strömendem Regen, mit zwei großen Paketen vor mir auf den Armen.

Ich habe das Kleid, das ich mir gekauft habe, um es vielleicht zur Konfirmation des Vierzehnjährigen anzuziehen, über einer Feinstrumpfhose anprobiert. Es klebt grässlich an. Das Internet weiß, dass man in so einem Fall am besten die angezogene Feinstrumpfhose von außen mit Haarspray behandeln soll und das Kleid von innen. Alternativ kann man auch Handcreme verwenden (nur auf der Feinstrumpfhose), Wasser aus einer Sprühflasche (nur auf dem Kleid) oder ein Anti-Statik-Spray, das als Nebenwirkungen Schläfrigkeit und Benommenheit auslösen kann. Ich habe vermutlich noch eine extensive Testphase vor mir. Hoffentlich muss ich mir nicht noch ein Kleid kaufen.

Dienstag.

Die Frau, die mir heute Morgen in der S-Bahn gegenübersaß, fragte mich erst nach einem Tempotaschentusch und schminkte sich dann ungefähr fünf Stationen lang ausgiebig und in aller Ruhe. Ich war sehr fasziniert.

Der Vierzehnjährige hat heute Fieber bekommen und liegt schniefend und frierend unter mehreren Decken vergraben. Zum Glück habe ich jetzt vorsichtshalber immer mein Dienstlaptop dabei, ich werde also von zu Hause arbeiten können.

Mittwoch.

Heute habe ich den Ratschlag bekommen, meinem Vierzehnjährigen eine PlayStation zu kaufen, damit er leichter Freunde findet. Dafür würde ich vieles tun. Ein Konfirmationsgeschenk brauche ich auch noch. Trotzdem wird mir ganz schlechte bei der Vorstellung, riesige Kisten mit unverständlichen technischen Geräten auspacken und irgendwie zum Funktionieren bringen zu müssen; ich stelle mir Kabel vor, die sich wie bösartige Schlangen durch die Wohnung winden, unverständliche Bedienungsanweisungen, einen Riesenbildschirm, der blasiert auf mich herabglotzt – und habe noch nicht mal Lust, herauszufinden, ob irgendwo in meiner Wohnung eine Fernseh-Kabelempfangsdose versteckt ist.

Was mich tröstet, ist wie fast immer ein Buch. Ich fange Lily Bretts Kolumnensammlung „New York“ an zu lesen und freue mich sehr an ihren kleinen, feinen Beobachtungen.

Donnerstag.

Heute war der Vierzehnjährige beim BoysDay in einem Kindergarten. Weil sein Rucksack zu klein war für seine Wechselschuhe in Größe 41, habe ich ihm meinen ausgeliehen und dann aus Versehen mein Handy wie üblich in diesen Rucksack gesteckt. Auf dem Weg simste mein Sohn mir mehrfach, hatte aber keine Idee, warum es auf seinem Rücken immer wieder mal brummte.

Nach dem BoysDay sind wir schrecklich enttäuscht. Die Erzieherin, in deren Gruppe mein Sohn den Tag verbracht hat, wusste garnicht, was der BoysDay überhaupt ist. Vermutlich wusste sie noch nicht mal, dass der Vierzehnjährige an diesem Tag zu einem kleinen Praktikum kommt. Hätte er nicht eine schon vorausgefüllte Teilnahmebestätigung im Rucksack gehabt, hätte er keine bekommen, weil die Kita-Leiterin sich darum nicht gekümmert hatte. So geht Werbung für den Erzieherberuf jedenfalls nicht.

Freitag.

Heute habe ich den Tag begonnen, indem ich mit der Mitmutter vor der Arbeit einen Kaffee getrunken habe. Am Nachmittag habe ich auf dem Balkon Cosmeen und Tomaten vereinzelt, Zinnien und kleinblütige Studentenblumen. Beides war sehr, sehr schön.

Außerdem habe ich eine verstopfte Nase – vermutlich habe ich mich beim Vierzehnjährigen angesteckt. Trotzdem machen wir, was wir uns gestern vorgenommen haben: Der Zehnjährige, der Vierzehnjährige und ich bauen uns ein großes Bett auf dem Sofa, gucken noch ein bisschen Fernsehen auf dem Laptop, lesen noch ein paar Seiten und schlafen dann alle drei ein.

WmdedgT – März 2018

Der März beginnt – und schon ist wieder einmal was-machst-du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Tag. Frau Brüllen sammelt – nun schon seit 4 Jahren! – wie an jedem 5. die Geschichten und Berichte auf ihrem Blog.

Montagmorgen. Der Wecker klingelt kurz vor sechs, steht leider außerhalb meiner Reichweite und macht auch beide Kinder wach, ehe ich ihn unschädlich machen kann. Der Dreizehnjährige klagt, dass er die halbe Nacht nicht habe schlafen können, weil der Neunjährige ihn am Abend zuvor beim Toben in die Nase gekniffen habe. Da wir ein kleines Montags-in-die-Schule-gehen-Issue haben, atme ich tief durch, verabreiche Arnikakügelchen und rate dem Dreizehnjährigen, sich doch jetzt nochmal hinzulegen und noch eine halbe Stunde zu schlafen.

Bad, Anziehen, Küche. Ich mache Frühstück – zwei Flaschen, zwei Dosen, Obst, Petersilie, Brote zum Mitnehmen; und für unseren gemeinsamen Tagesbeginn Toast, Multivitaminsaft und Vitamin-D-Tabletten. Der Dreizehnjährige kriegt Häppchen geschmiert, damit er trotz Müdigkeit etwas isst, und ich schlage ihm vor, dass ihn ja sein Vater ausnahmsweise zur Schule fahren könnte. Würde er wahrscheinlich auch machen, wenn er nur ans Telefon gehen würde – aber seinen Morgenschlaf in der Woche ohne Kinder lässt er nur ungern ausfallen. Der Dreizehnjährige macht sich also murrend zum Bus auf und ruft keine drei Minuten später an, er sei bei all dem Glatteis nun auch noch hingefallen. Ich atme tief durch und schlage vor, dass er es mit der Schule trotzdem probiert.

Inzwischen muss auch der Neunjährige los, den begleite ich wie immer noch auf dem ersten, ungesicherten Wegstück am Wasser und verabschiede mich dann.

Die 25 Minuten S-Bahn-Fahrt gehören mir. Ich tauche in mein Buch ab – „Die Brandungswelle“ von Claudie Gallay – und möchte um mich herum nichts und niemanden sehen oder hören.

Im Büro gibt es komplizierte und stupide Aufgaben. Ich verbringe den halben Tag schwitzend über einer Frage, von der ich nicht sicher bin, ob meine Lösung die Situation verbessert oder verschlimmert; die andere Hälfte mit copy-and-paste-Vorgängen, bei denen meine Tastatur, seit ich mein Büro mit einem Gast teilen muss, unverschämt laut klappert. Zwischendurch Mittagspause mit Kolleginnen, Hirsepuffer, Gemüse und Geschichten über kranke oder erstaunlicherweise nicht kranke Kinder.

Am Nachmittag ist die Luft draußen mild wie lange nicht mehr.

Ich lese nochmal 25 Minuten in der Bahn, kaufe unser Lieblingsbrot und bin ungefähr zehn Minuten vor dem Neunjährigen zu Hause. Schnell schlüpfe ich in meine Heimwerkerhose und einen alten Pulli und trage den Stuhl auf dem Balkon, den ich gestern abgeschliffen habe und neu lackieren will. So lange die Sonne wärmt, verarbeitet sich der verdächtig flüssige Superduper-Bio-Lack prima; aber als sie nach ungefähr dreieinhalb Minuten hinter dem Hinterhofbaum verschwindet, sinkt die Temperatur und der Lack beginnt am Pinsel zu klumpen. Ich ziehe ins Wohnzimmer um, lasse den Neunjährigen ins Haus, lackiere ein weiteres Stuhlbein und dann noch eins, lasse den Dreizehnjährigen ins Haus und lese dann doch noch mal nach, ob sich der Pinsel irgendwie reinigen lässt.

Während die Kinder auf dem Smartfon des Dreizehnjährigen spielen, räume ich ein bisschen auf, wasche mir die Haare, lege etwas Wäsche, sauge den Staub vom Stuhlabschleifen von der Balkonbank, stelle eine neue Maschine Wäsche an und mache Abendbrot. Hinterher wünschen die Jungs sich noch ein bisschen gemeinsames Fernsehen, also wasche ich noch schnell ab und dann kuscheln wir uns aufs Sofa. Weil auf dem Wohnzimmertisch aber der klebrige Stuhl steht und schrecklich nach frischem Lack stinkt, mache ich hinterher das Fenster wieder auf und flüchte mit meinem Laptop in die Küche. Der Neunjährige muss noch ein Lied für den Musikunterricht üben, der Dreizehnjährige hüpft derweil um uns herum und muss sich für die Projektwoche in seiner Schule in eine Gruppe eintragen – garnicht so leicht, weil – von Biotop-Pflege über „musikalische Farben“ und „physikalische Klänge“ bis hin zur chemischen Analyse von Limonaden und dem Züchten von Kristallen – sooo viele interessante Themen dabei sind.

Ich bringe den Neunjährigen ins Bett und fange an zu schreiben. Der Dreizehnjährige soll sich eigentlich auch schon hinlegen – Schlaf nachholen – muss aber gerade jetzt nochmal dringend in seiner Whatsapp-Klassengruppe nachfragen, ob es nicht doch eine Französischhausaufgabe gibt. Nach mehreren Neins und Weißnichts stellt sich heraus, dass doch noch etwas zu tun ist, und der Dreizehnjährige setzt sich mit seinem Buch und Hefter zu mir an den Küchentisch.

Dann sage ich ihm Gute Nacht.

Aus dem Bad ruft die noch aufzuhängende Wäsche; neben mir liegt meine Näharbeit, ich werde später noch ein paar bunte Blätter aus Filz auf Taschen aus grünem Stoff applizieren, die sich an der Wand befestigen lassen und genauso wie der frisch glänzende – hoffentlich wird das was… – Stuhl demnächst meinen Flur verschönern sollen.

Und dann stelle ich meinen Wecker für morgen, 5.50.

Ein Montag – ganz friedlich, ganz unspektakulär…