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Im Mai werde ich…

…mehr Besuch bekommen: von der ganz großen Schwester und der Besuchsfreundin
…einen ganzen Urlaubstag für mich nehmen – ohne Kinderbetreuungspflichten –
und für ein langes Wochenende mit dem liebsten Freund an die Ostsee fahren
…mich im Büro eilig in etliche Mutterschaftsvertretungsaufgaben einarbeiten
…den Zwölfjährigen nach einer weiteren kleinen OP pflegen
…den Achtjährigen zur Klassenfahrt verabschieden
…den Achtjährigen nach der Klassenfahrt erleichtert in die Arme schließen
…vielleicht einen bunten Einkaufsbeutel oder einen Kissenbezug nähen
…endlich die Heizung auf Sommerbetrieb herunterfahren
…jeden Sonnenstrahl mitnehmen, den ich kriegen kann
…die Heuschnupfenmedikamente bereitlegen
…ein Konzert besuchen

Und ich bin im Mai auch mit diesem Beitrag schneller als im letzten Monat…

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Tagesnotizen: 20.4.17

Die Schädlingsbekämpfungsfirma hat offensichtlich endlich einen Schlüssel zu dem Keller erhalten, in dem die Sanitärfirma neulich nach meinem Anruf bei der Hausverwaltung eine tote Ratte entdeckt hat. Dieser hatten wir anscheinend den schrecklichen Kloakengestank zu verdanken, der über Ostern im Treppenhaus hing. Jetzt ist die Luft wieder rein. Dankbares Aufatmen!

Die Balkonblumen haben die Frostnacht überlebt, alle. Der Zwölfjährige hilft mir am Morgen, die Kübel und Kästen wieder nach draußen zu bugsieren. Ich begleite die Kinder nur noch den halben Weg zur Schule – an dem ungesicherten Kanalufer unter der Brücke vorbei, weil es da gefährlich ist; und bis zur nächsten Straße, weil ich es so gern mag, am Morgen mit den beiden ein Stück zu laufen und dabei zu plaudern – und bin deshalb morgens wieder häufiger pünktlich im Büro.

Nachmittagsprogramm: Die Heimfahrt unterbrechen, um im Copyshop ein Foto für ein Schulprojekt des Zwölfjährigen zu kopieren. Im Stechschritt und mit nur noch fünf Euro im Portemonaie zum Geldautomaten, der ist aber leider defekt. Mit den Kindern in der Drogerie mehr Fotos fürs Schulprojekt drucken. Nach Hause, kurz Pflichten besprechen, mit dem Achtjährigen Keyboard üben und mit ihm zum Einkaufen fürs Wochenende, damit der Zwölfjährige ohne Ablenkung arbeiten kann. Lebensmittel nach Hause schleppen, auspacken. Abendessen machen. Essen. Hinterher kuscheln wir uns ein halbes Stündchen vors Laptop und sehen fern. Schnell Wäsche aufhängen, den Achtjährigen ins Bett. Tickets fürs Barberini-Museum am Samstag kaufen – aber nein: die gibt es nur noch für 18 Uhr, damit fällt unser Wochenendplan ins Wasser. Und das nur, weil ich gestern soooo müde war und nicht mehr nachgesehen habe! Die große Schwester, die uns besuchen wird, ist am Telefon auch zu müde, um zu entscheiden, ob wir es am Sonntag bis 10 Uhr nach Potsdam schaffen und bis 13 Uhr zurück zu ihrem Zug. Abwaschen. Dem Zwölfjährigen Gute Nacht sagen, Müll runterbringen. Haare waschen.

„Verzaubere mich“, sagt die deutlich aus ihrer Jugendform gegangene Frau auf meiner neuen Lieblingspostkarte sehnsüchtig zu dem Mann neben ihr mit dem schütteren Haar. Und erhält die traurige Antwort: „In was?“ –

Tagesnotizen: 19.4.17

Überall in der Wohnung stehen Schokotiere. Der dicke Borkenhase auf dem Fensterbrett hat goldene Kinder bekommen, ein grünes Huhn duckt sich in ein Filznest, rosa Schafe weiden unterm Osterstrauß. 
Übellaunig sind meine Kinder am Morgen wieder zur Schule gegangen.

Übellaunig werde ich am Abend, weil nichts von dem, was ich gern nicht mehr erledigen müssen würde, mir gelingt: Die Schrauben, die zu dem zu verkaufenden Tripp-Trapp-Stuhl gehören, sind verschwunden; die Datensicherung an meinem maroden Laptop läuft nicht, wie sie soll; die Lieblingsferienwohnung für das Meer-Wochenende im Mai hat sich arg verteuert; auf dem neuen Bewerbungsfoto ist mir die Brille auf der Nase verrutscht und der Blazer schlägt unschöne Falten und den Antrag auf Festsetzung einer verringerten Hortkostenbeteiligung verstehe ich von vorne bis hinten überhaupt nicht.

Der Zwölfhährige soll schlafen gehen, erinnert mich aber im letzten Momenz an die Minuszahlen in der Wetterapp und hilft mir, Sonnenblumen, Dahlienspross, Pelargonienkästen und Kräutertöpfe im Zimmer – rund um mein Bett – in Sicherheit zu bringen.

Zwischen den Kissen wartet mein Buch, „Reading Lolita in Teheran“, von Azar Nafisi. Nur noch die Einkaufsliste fürs Wochenende schreiben, nur noch das Foto bereitlegen, das für die Schule kopiert werden muss, nur noch den warmen Pulli aus dem Bügelkorb ziehen und glattstreichen, das muss reichen. Dann darf der Kopf auf Reisen gehen.

Tagebuchbloggen… im April

WmdedgT fragt Frau Brüllen wie immer am 5. – letzten Monat habe ich den verpasst, aber diesmal bin ich wieder dabei. Wer noch mitgeschrieben hat, findet sich hier.

Der Wecker klingelt heute erst um Viertel nach sechs, denn der Achtjährige hat mittwochs erst zur zweiten Stunde Schule und der Zwölfjährige ist heute morgen noch bei seinem Vater. Ich lese – wie gerade jeden Morgen, das hat sich als Fastenzeit-Ritual bewährt – auf der Toilette einen kleinen Text aus Susanne Niemeyers Buch „Soviel du brauchst“. Sachen zum Anziehen liegen schon bereit, dann mache ich Frühstück, ein hochroutinierter Vorgang: Nachrichtenradio an, Wasser aufsetzen, Trinkflasche für den Achtjährigen füllen, Obst und Gemüse schneiden, Tee aufgießen, Brettchen auf den Tisch, Lebensmittel, Brot schneiden, Brote schmieren, Schuldose zuklappen und mit der Flasche bereitstellen. Meine eigene Tasche packen.

Zwischendurch kommt der Siebenjährige aus seinem Zimmer und umarmt mich kurz; um sieben klopft er vorsichtig am Wohnzimmer an, in dem meine ganz große Schwester schläft. Wir frühstücken zusammen. Nebenher rufe ich kurz den Vater meiner Kinder an und sage dem Großen Bescheid, dass er am Nachmittag zum Klassenraum des Achtjährigen kommen kann; schreibe dem Achtjährigen ins Heft, dass die ganz große Schwester ihn heute abholt, schreibe eine Einkaufsliste.

Kurz nach halb acht gehen wir los, denn der Achtjährige spielt mittwochs gerne noch ein Weilchen mit seinen Freunden, bevor der Unterricht anfängt. Wir trainieren den selbständigen Schulweg: Vor der letzten zu überquerenden Straße verabschiede ich mich und schaue meinem kleinen Sohn noch einen Moment hinterher, weil Loslassen garnicht so einfach ist.

Zehn vor neun bin ich im Büro.

Viertel nach drei fahre ich meinen Rechner runter und schließe die Tür hinter mir wieder ab.

Weil die ganz große Schwester die Jungs abholt, kann ich einen kleinen Umweg fahren und an der Pforte der Arbeitsstelle des liebsten Freundes ein paar am Wochenende bei mir vergessene Dinge für ihn abgeben. Leider ist sein Terminkalender heute so voll, dass an eine Pause zum gemeinsamen Kaffeetrinken nicht zu denken ist. Umso schneller bin ich wieder in der überfüllten S-Bahn und sogar noch vor meiner Schwester und meinen Kindern zu Hause, gerade lange genug, um meinen seeeeehr langsam gewordenen Laptop hochzufahren und – während die drei ankommen – meinen „Im April werde ich…“-Text zu schreiben.
Hinterher hat die ganz große Schwester Malzkaffee für alle gekocht und wir sitzen ein paar Minuten mit dem Zwölfjährigen in der Küche auf den wunderschönen neuen Stühlen, die ich am Wochenende mit dem liebsten Freund aus Lichterfelde Ost herbeigeschleppt habe (…jaja, genau, die beiden mit den vier Kiefernholzstühlen in der S-Bahn am Freitagnachmittag waren wir…). Der Achtjährige hat sich in sein Zimmer verkrochen und bockt, er ist sauer auf den Zwölfjährigen, weil der unterwegs gedrängelt hat, was er allerdings bestreitet. Zwar lässt der Achtjährige sich dazu herab, mit uns zwei Runden Canasta zu spielen – und gewinnt zweimal – aber an einen Friedensschluss mit seinem Bruder ist nicht zu denken. Also schnappe ich mir den Zwölfjährigen und gehe mit ihm einkaufen, während die ganz große Schwester mit dem Achtjährigen untersucht, wie seine Stimme „von außen“ klingt, in einer ins Handy gesprochenen Whatapp-Nachricht.

Dann schon wieder Tischdecken. Um halb sieben sitzen wir beim Abendessen. Hinterher muss der Achtjährige noch zehn Minuten Keyboard üben – dafür lese ich dann auf dem Sofa noch ein paar Seiten aus dem Dschungelbuch vor. Der Achtjährige würde hinterher am liebsten gleich liegenbleiben. Oder aber garnicht ins Bett gehen, bitteschön! Als das maulende Kind ins Bett verfrachtet und besungen ist, scheuche ich den Zwölfjährigen auf, der in seinem Zimmer einen Comic liest und mit dem – wie vereinbart – noch ein paar Englisch-Vokabeln zu üben sind. Auch das auf dem Sofa (ach, ich bin faul), auch er ist hinterher kaum dazu zu bewegen, nochmal aufzustehen und sich Richtung Bett zu bewegen – und weil ich mich zum Schreiben hinsetze, schafft er es, sich in seinem Zimmer noch ein Weilchen still zu beschäftigen, so dass ich das Schreiben immer mal mit – folgenlosen – Rufen wie „Zwölfjähriger? Hast Du deinen Schlafanzug an?“; oder „Zwölfjähriger, bist du jetzt endlich bettfertig?“ unterbrechen muss.

Dann nochmal: Singen, Beten, Gutenachtsagen. Mein Tastengeklapper hat die ganz große Schwester so ermüdet, dass sie schon von Zähneputzen spricht. Und ich fange auch nix großes mehr an. Noch ein Schlückchen Wein vieleicht… Gute Nacht!

 

Zwischenstand

Während andere auf Netflix mit den neuesten Streams beschäftigt sind, spielen sich bei uns neue Folgen der aktuellen Infektserie ab.“Infektserie“ sagt jedenfalls der Arzt und erzählt von Lehrerinnen und Krankenschwestern, die nach Berufsbeginn erstmal sehr viel krank werden und von Menschen vom Land, die nach dem Umzug in die Stadt allerhand Infekte haben; das alles trifft auf mich zwar nicht zu, aber ich habe – heute, bei diesem speziellen gutorganisierten Hausarztvertretungsarzt – nur eine halbe Stunde im Wartezimmer gesessen, also nicke ich dankbar.

Meine Kinder und ich haben das grad supertoll raus, uns gegenseitig nach jeder Papawoche neue Viren mitzubringen. Oder vielleicht mutieren die Viren innerhalb von sieben Tagen auch ausreichend, um denjenigen, von dem sie stammten, neu anzustecken, wer weiß. Jedenfalls niest der Achtjährige, wenn der Zwölfjährige grade mal nicht hustet; beginnt meine Nase zu laufen, sobald der Große zum ersten Mal wieder die Schule besucht; muss neue Inhalationstinktur für eins der Kinder angerührt werden, sobald ich die grünen FroschSchleimlösepillen versuchsweise abgesetzt habe; jedenfalls schnieft es abends hinter drei Schlafzimmertüren, quellen Taschentücher aus jedem Papierkorb, reibt die Apothekerin sich die Hände, wenn sie meine entzündete Nase an der Apothekentür aufleuchten sieht. Der Rotstift – zum Ankreuzen im Kalender – liegt für den Fall bereit, dass wir mal wieder alle drei eine Woche lang planmäßig Büro und Schule aufsuchen. Seit Ende Januar gab es das nicht mehr.

Der liebste Freund verschiebt dringende Arbeit ins Wochenende, kommt am Freitagnachmittag zu uns und findet mich elend fiebernd darniederliegend. Er stellt Kuchen auf den Tisch, macht den Wochenendeinkauf, richtet das Abendessen, spielt Canasta mit dem Zwölfjährigen und dem Achtjährigen, füllt mir eine Wärmflasche, geht am nächsten Morgen mit den Jungs auf den Fußballplatz, spielt mehr Canasta mit uns allen und schuppt unter großen Kraftanstrengungen den Fisch, den er für unser Mittagessen erworben hat. Als er nach dem Mittagessen wieder zur Arbeit muss, geht es mir besser, sind wir wieder über einen Berg – bereit, es mit einem langen Sonntag und einer neuen Woche aufzunehmen, mit Hausaufgaben, Wäschebergen, schlechten Radionachrichten und neuen Virenstämmen.

Tagebuchbloggen im Februar

Nach langer Zeit möchte ich mich heute wieder beteiligen, wenn Frau Brüllen wie an jedem 5. eines Monats fragt „was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ – Alle Antworten wie immer dort; meine hier.

2.30 Ich schlafe nicht. Mein Kopf tut weh, sämtliche Haupt-, Neben-, Stirn-, Nasen-, Kiefern- und sonstige Höhlen sind verstopft. Grippezeit, bäh! Sogar die Luft, die ich einatme, tut mir in der Nase weh, das gibts doch nicht! Ich gebe auf. Licht an. Das zart unterwasserblau gestrichene Zimmer der mittleren Nichte erscheint, wir befinden uns in Thüringen, seit zwei Tagen liege ich hier ziemlich viel herum, statt wie geplant mit meinen Schwestern und Schwägern den Geburtstag der ganz großen Schwester zu feiern und gemeinsam Zeit zu verbringen. Meine Kinder sind mit ihrem Vater bei den väterlichen Großeltern und kurieren dort (hoffentlich!) ihre Erkältungen aus. Ich greife zur Schachtel mit den Schmerzmitteln. Es ist großartig, wie das Pochen, Drücken, Brennen und Stechen in Hals, Kopf und Nase nach einer Weile nachlässt und der Schlaf vorsichtig immer näher kommt.

8.00 Ich wache auf. Mit Murren und Ächzen schleiche ich ins Bad. Hinterher Koffer packen, Bett abziehen, nächste Schmerztablette – denn da steckt eine Rückfahrkarte nach Berlin für später am Morgen in meiner Tasche. Ich ziehe mein Bett ab und stopfe es zusammen mit meinen Handtüchern in die Waschmaschine der großen Schwester. Was ich tun kann, damit sich hier nicht alle anstecken, das will ich gerne tun.

8.30 Lecker Sonntags-Frühstück mit den Schwestern und Schwägern. Brötchen, leckerer Genießerkaffee (wie er hier genannt wird), gekochte Eier, Unterhaltung. Der ganz große Schwager liest aus dem „Verkehrten Kalender“ vor, in dem Zitate Menschen oder Institutionen zugeschrieben werden, von denen sie garnicht stammen. „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“ – Coppenrath & Wiese. Zum Beispiel. Oder: „Ein Freund ist einer, der alles von dir weiß und dich trotzdem mag“ – Mark Zuckerberg. Das ist sehr, sehr hübsch und lenkt ein bisschen davon ab, wie schwer es ist, das Naseschnauben immer wieder möglichst lange aufzuschieben.
Ich streiche mir zwei kleine Reisebrötchen, die große Schwester füllt eine Flasche mit Schorle und steckt mir noch eine Dose mit Gemüse vom gestrigen Mittagessen zu.

9.50 Der große Schwager fährt mich zum Bahnhof, die große Schwester kommt noch bis zum Zug mit. Ohne Umarmungen, aber mit viel Liebe verabschieden wir uns. Die Regionalbahn zockelt mit allerlei Unterwegshalten Richtung Erfurt. Ich stöbere in meinem WordPress-Reader und verkneife mir das allzu häufige Naseschnauben.

11.00 Umsteigen in Erfurt. Ich erwische einen nicht reservierten Zweierplatz und packe meine Tasche neben mich in der Hoffnung, allein zu bleiben. Das klappt nicht, der Mann, der auf dem Platz vor meinem die Reservierungsschildchen übersehen hat, rutscht zu mir nach hinten. Ich lese meinen Reader leer, esse eine Mandarine, verkneife mir … (richtig), bemerke, dass mein Nachbar auf seinem Smartfone Patience spielt, obwohl er das hinter seiner Hand zu verstecken versucht und habe nicht mal genug Platz, um meine Brötchen auszupacken.

12.00 – 12.50 Ich schaue aus dem Fenster. Draußen ist es deprimierend. Graubraun wie ein alter Scheuerlappen liegt das Land vor dem Zugfenster. Alle Häuser sehen farblos aus, alle Betriebe wie Industrieruinen. Milchig angetautes Eis liegt in Tümpeln zwischen abgestorbenen wirkenden Gehölzen und auf schlammigen Wegen durch verblichene Kiefernwälder. Ein paar Windräder drehen sich gleichgültig vor dem grauen Himmel. Bis auf einen Mann, der einen graubraunen – natürlich – Hund ausführt und zwei ältere Frauen auf Fahrrädern vor der – grauen – Mauer neben dem Eingang zur Kleingartenanlage „Eigene Scholle“ gibt es kein Zeichen menschlichen Lebens.
Ich stelle mir vor, dass ich die vorbeifliegende Böschung zwischen Halle und Berlin filme – geschwindigkeitsverschwommene graue und braune und schmutzigweiße Streifen, die immer mal ein wenig breiter oder schmaler werden – und mit der Veröffentlichung dieses Films unter dem Titel „Die Trostlosigkeit einer ICE-Fahrt im Winter“ weltberühmt werde. Unterlegen würde ich den Film mit dem Husten des Kindes drei Reihen hinter mir, gelegentlichem Zeitungsseitenrascheln, dem Klicken der Handy-Kamera von rechts (was in aller Welt gibt es auf dieser Strecke zu fotografieren???), und dem Tastenklappern des Laptops da vorne.

12.50 bis 13.10 Zähle buchstäblich jede Minute bis zur Ankunft.

13.10 Südkreuz. Endlich! Hier ist es noch kälter als in Thüringen. Zum Glück kommt meine S-Bahn ganz schnell.

13.30 Zu Hause. Erleichtert Aufseufz! Türhintermirzuschließ! Taschefallenlass!
Ich wecke die Heizung aus ihrem Dornröschenschlaf, mache heißen Tee, wärme mir das Gemüse auf, das die große Schwester mir mitgegeben hat und esse die Reisebrötchen dazu. Ich nehme die nächste gritzegrüne Sinupret-Pille und stecke den Kopf old-school-mäßig über einem Topf mit ganz heißem Salzwasser unter ein Handtuch. Das tut gut!

14.30 – 16.00 Sofa. Alte Folgen von „Mord mit Aussicht“.

16.15 Ich rufe die Mitmutter an und mir schwatzen eine Weile. Hauptsächlich schmieden wir Pläne, was wir alles machen können, wenn a) ich wieder gesund bin b) ich mal abends noch Lust habe, ohne meine Kinder zu ihr zu kommen und c) endlich Frühling ist.

17.30 – 18.30 Ich lege ein bisschen alte Wäsche weg, koche noch einen Tee und noch ein Inhalierwasser, mache mir Brote, erfahre aus einer sims des liebsten Freundes, dass der heutige Tatort in Weimar spielt. Das Heimat-Herz schlägt hoch. Da meine Kopfschmerzen bisher nicht wiedergekommen sind, nehme ich mir vor, den vom Krankenbett aus noch zu gucken, sehr schön!

Dann Rechner an – Zeit zum Bloggen.

Kistenpack-Blues

Die Ferien neigen sich dem Ende zu.

Wegen der Arbeit, die der Vaters meiner Kinder ganz plötzlich angenommen hat, musste umorganisiert werden; Urlaubstage – meine – wurden verschoben und gestückelt, um daraus Halbtags-Homeoffice-Tage mit Kinderbetreuung zu machen; Hortverträge wurden eiligst ausgefüllt, Unterlagen beigebracht und sogar die Freundin des Vaters meiner Kinder um Hilfe für einige Tage gebeten. Chaos.

Die mühsam organisierte Hortwoche verweigerte der Elfjährige dann – und ich habe ihn nicht gezwungen, zu den – ganz überwiegend – „Ersties“ und „Zweities“ in den Hort zu gehen. Eine ganze Woche lang war mein großer Sohn also – erstmals! – selbständig unterwegs, besuchte mich auf Arbeit zum gemeinsamen Mittagessen, verabredete sich mit einem Freund zum Tischtennisspielen und mit der Mitmutter und ihrer Tochter, beschäftigte sich mit seiner Briefmarkensammlung und vergaß regelmäßig, die ihm übertragenen Haushaltspflichten zu erledigen, bevor ich nach Hause kam. Mein großes Kind wird auf ganz neue Art „groß“ – ich staune noch immer, ich muss mich daran gewöhnen und mit-wachsen.

Meine kinderlose Ferienzeit „am Stück“ war am Ende ganze elf Tage lang. 24 Punkte standen auf der Wunsch-und-To-Do-Liste. Das konnte nicht funktionieren. Aber die Vertretung der Arbeitskollegin ist reibungslos gelaufen, die Schulsachen der Kinder sind vorbereitet, die Gardinen in meiner Wohnung sind – erstmals seit 2014 – wieder gewaschen, die Briefwahlunterlagen liegen zum Abschicken bereit, die Hausverwaltung hat nach gefühlten 14 Anrufen endlich versprochen, meine kaputte Knattertherme noch vor Beginn der Heizperiode auszutauschen. Und ich bin in einem See geschwommen. Und ich habe mit dem liebsten Freund einen Ausflug ins Kochhaus gemacht und mit ihm und der Sternenkarte in der ersten nächtlichen Herbstkühle auf dem Balkon gesessen: zwischen dem großen Baum im Hinterhof und der Kante des Balkons über uns die „nördliche Krone“, der „Rinderhirte“ (Vorher nie gehört, dass es so ein Sternbild gibt!) und der „Herkules“.

Und – die Kisten für unsere Mutter-Kind-Kur stehen beinahe fertig gepackt im Wohnzimmer; mit Sachen für den Sommer, der ja doch immer nochmal auf ein, zwei Tage zurückkommt, für den frühen Herbst und für die ersten kalten Seewinde. Sportkleidung und Bücher. Spiele und weiße Eddings (diese wunderschöne Sommeridee wollen wir nachmachen!). Bademäntel und Fahrradhelme und Tischtenniskellen.

Beim Absprechen, wer wann meinen Balkon gießen kann, stellt sich heraus, dass der Vater meiner Kinder mit seiner Freundin verreist, sobald ich mit den Jungs zur Kur fahre. Es sind nur insgesamt fünf Tage und davon nur drei Arbeitstage – und warum soll er nicht auch Urlaub haben? -, aber diese drei Arbeitstage sind genausoviel wie die drei Tage, die ich von meinem Urlaub – wegen seiner Appelle: Du hattest doch versprochen, dass du mich unterstützt, wenn ich Arbeit finde! Dass wir den Sommer dann anders organisieren!  – abgeschnitten, verschoben, halbiert und auf verschiedene Wochen verteilt habe, damit unsere Kinder auch in der Hortschließzeit betreut waren. Das verletzt mich. Wie kann der Vater meiner Kinder vehement auf seinen 50% Betreuungszeit bestehen, dann aber genauso selbstverständlich seine Arbeit und seinen Urlaub ohne Kinder an erste Stelle setzen?

Ich kann die Ratschläge schon hören, die ich jetzt bekommen werde, von wegen besser für mich selber sorgen und mich besser abgrenzen…
Aber das ist nicht so einfach: Denn wer kümmert sich um Schwimmkurse und Schulmaterial, neue größere Turnschuhe für den Siebenjährigen und eine weiterführende Schule für den Elfjährigen, wenn ich mit derselben Selbstverständlichkeit wie der Vater meiner Kinder die Zeit OHNE Kinder für mich selbst, meine Erholung und meine eigenen Projekte beanspruche?

Gerne hätte ich mehr Freiräume für mich in meiner mit meinen Kindern geteilten Zeit. Gerne hätte ich, dass der Vater meiner Kinder sich mehr im Mit-Denken und Mit-Sorgen übt. Gerne würde ich meiner Lebens- und Schreib- und Übermutfreude wieder mehr Raum und Zeit geben. Nur wie?

Ich stecke diese Fragen mit in meine Kurkisten. Am Ende sind sie so schwer, dass ich sie noch nicht mal alleine die Treppe runterkriege, geschweige denn zur Post. Aber hej, auch wenn er es nicht angeboten hat und auch nicht gerne tut, sich bitten lässt und ein wenig mauzt: der Vater meiner Kinder hat ein Auto da gleich nebenan stehen und zum Tragen auch genug Kraft.

Und in ein paar Tagen reisen wir den Kisten hinterher. Ich werde mich ans Meer setzen und drei Wochen lang nicht arbeiten und nicht einkaufen; nicht kochen und nicht putzen, nichts organisieren und nicht über den Tag hinaus planen.
Das wird nicht alle Fragen beantworten und auch nicht so viel verändern. Aber es ist absolut großartig, diese drei Wochen vor mir zu haben.