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Ferien, Ferien

Als ich an meinem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub das Büro verlasse, ist der blaue Himmel der letzten Tage hinter einer Wolkendecke verschwunden und es beginnt zu regnen. In die Uckermark, aha, aha, haben die Kollegen freundlich gesagt und mir auffällig oft „gutes Wetter“ gewünscht.

Die Besuchsfreundin ist schon gestern angekommen, und als ich von meinem letzten Arbeitstag nach Hause komme, hat sie eingekauft, einen Schokoladenkuchen gebacken, den Zwölfjährigen und den Achtjährigen in Empfang genommen, abgewaschen und sich auch den Wäscheständer mit den vielen, vielen Socken vorgenommen. Ich fühle mich wie im Paradies; ich habe das nicht oft, dass mir jemand so unter die Arme greift.

Ein anderes Gefühl trage ich seit Tagen mit mir herum: Betroffenheit (was für ein hässliches Wort!), Mitgefühl, Traurigkeit. Es ist eine Geste der Hilflosigkeit, dass ich einen halben noch warmen Schokoladenkuchen bei der Bekannten vorbeibringe, deren Kind in diesem Sommer an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist und zwischen Chemotherapie-Durchgängen und Infekten gerade ein paar Tage zu Hause verbringt.

Beim Abendessen frage ich den Zwölfjährigen nach der Englisch-Klassenarbeit; für die und andere hat er die ganze Woche lang jeden Tag lernen müssen; wir sind alle froh, dass das fürs erste überstanden ist – auch der Achtjährige, der endlich wieder mit seinem Bruder spielen kann; auch ich, die wieder einmal einen Abend ohne Simple Past und Present Perfect Progressive verbringen darf (ja, der Bildungserfolg hängt vom Elternhaus ab, und so lange der Zwölfjährige es schätzt, mir Lernstoff von Hakenpflug über Experimentierprotokoll bis „être“ und „has been learning“ aufzusagen, höre ich ihn geduldig ab). Aber heute fülle ich stattdessen Öl und Zucker ab, sammle Vokabelhefte, den Fön, die Wärmflasche, ein Kilo Gelierzucker, die Gummistiefel und den anderen halben Kuchen ein und fülle Koffer und Rucksäcke bis zum Rand. Waldhäuschenurlaub steht bevor, zum 6. Mal, wir freuen uns auf „unser“ Haus, den angeblich reichen Pilzsegen, die Zeit mit der Besuchsfreundin.

Nach dem ersten Urlaub dieser Art habe ich damals meinen Blog angefangen – WordPress benachrichtigt mich freundlich und ich erinnere mich: ja, damals hatte Berlin noch zeitiger Ferien und wir konnten Anfang Oktober im uckermärkischen Sonnenschein unter „unseren“ Birken sitzen. Fünf Jahre ist das jetzt her.

Der Regen rauscht. Der Achtjährige und der Zwölfjährige (letzterer etwas mühsam vom Smartfon mit seinen verlockenden bunten Spielen abgeschält) schlafen; das Flugzeug, in dem der liebste Freund sitzt (dessen Herbstreisepläne ungünstig neben meine fielen), wird irgendwann in der Nacht in Berlin landen; unser Gepäck steht aufbruchsbereit; draußen fallen gelbe Lindenblätter im Licht der Straßenlampen; der Druck der letzten Wochen lässt nach. Die Welt seufzt leise auf.

Waldhäuschennotizen (3)

Die Abende sind hier lang, die Besuchsfreundin und ich kommen ins Reden, wenn die Jungs – eigentlich viel zu spät – schlafen gegangen sind. Morgens sind der Siebenjährige und der Elfjährige trotzdem vor sieben wach. Am Tag leiden also alle unter der typischen Urlaubsmüdigkeit, Abends ist sie dann plötzlich weg. Und von vorn.
Am Dienstagmorgen geht es dem Siebenjährigen schlecht, er kann nicht mit zum Frühstück und übergibt sich. Die Besuchsfreundin und ich bleiben abwechselnd bei ihm. Mittags geht es dann besser, zum Glück. 

Der Elfjährige ist zappelig, müde und widerborstig. Jede Bitte an ihn muss erst im Streit durchgesetzt werden, das ist schade. Am Abend gehe ich mit ihm allein ein paar Runden Tischtennis spielen. Hinterher ist es besser – und als der Siebenjährige im Bett ist, ist der Große wie ausgewechselt; ich lasse ihn gerne noch beim Marmeladekochen die Nase über den Topf halten und später den Löffel abschlecken.

Man stellt sich das immer so harmonisch vor, mit Kindern an einem Ort zu sein, den wir alle lieben. Im Rückblick wird es das wohl auch gewesen sein. Aber während wir da sind, müssen Gummistiefel ordentlich weggestellt, Pflichten – ganz wenige, aber: Pflichten – verteilt, einander widersprechende Wünsche verhandelt werden. 

Waldhäuschennotizen (2)

Keine Pilze, dafür eine -karge – Spätlese an Blau- und Preiselbeeren.

Kein Empfang auf meinem Smartfon, auch nicht im Speisesaal oder im Dorf drüben. 

„Phase 10“ können die Jungs jetzt richtig gut, vor einem Jahr war es noch anstrengend. Tischtennis spielt der Siebenjährige jetzt schon so, dass es richtig Spaß macht. 

Wir lesen vor: Griechische Heldensagen, kniffelige Matherätsel aus einem Buch von 1963 und Briefe meiner Mutter an ihren Verlobten – meinen Vater – aus dem gleichen Jahr und Christine Lavant und Vokabeln quer durch mein kleines dickes Englisch-Wörterbuch: fir und spruce und toadstool und woodpecker.

In drei Tagen habe ich außerdem eine Socke gestrickt und jetzt Ehrgeiz betreffend die zweite.

Es ist kalt und der Wald duftet nach Herbst. Die Farben tun den Augen wohl.

Waldhäuschennotizen

15.10. Wir kommen im Waldhäuschen an und alles ist vertraut. Die Töpfe in der Küche, das Sofa im Wohnzimmer, die Betten der Kinder, das Geräusch des Tischtennisballs auf der Platte im Spielhaus, der Porreesalat beim Abendessen im Speisesaal, das Maulen der Jungs beim Waldspaziergang. Ich mag das Maulen nicht und das Vertraute gern. 

Was für ein Urlaub wird das werden? Wir haben schon Ideen: Der Dauerregenurlaub, der Urlaub der griechischen Heldensagen, die wir vorlesen, der Urlaub ohne Pilze – erst zu trocken, jetzt zu kalt -, der Urlaub mit den fruchtlosen vorpubertären Diskussionen, der Sockenstrick-Urlaub. 

Und ein kleines Glas Preiselbeerkompott steht trotz aller Wald-Murrerei schon im Kühlschrank. Hmmm!

Tagesnotizen: 14.10.16

Letzter Arbeitstag vor dem Urlaub. Die Besuchsfreundin kauft unterdessen ein, hängt Wäsche auf, bügelt, ölt die quietschende Schlafzimmertür. Ich fühle mich wie bei den Heinzelmännchen.

Am Abend kommen die Kinder von ihrem Vater zurück, das macht weniger froh: Den am Montag schon hustenden Siebenjährigen hat kein Arzt abgehört, Hustensaft hat er erst seit heute mirgen bekommen. Dass der Elfjährige sein Englischbuch aus der Schule mitbringen sollte, hatte ich auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, der Vater hat es dem Elfjährigen nicht ausgerichtet. 

Aber im Waldhäuschen ist kein Arzt erreichbar, wäre endlich Zeit, dem Elfjährigen beim Nachholen von Vokabeln zu helfen…  Hilflosigkeit und Zorn.

Gepackte Koffer, die Zugverbindung liegt bereit, der Wecker ist gestellt. 

Nach dem ersten Urlaub im Waldhäuschen – vier Jahre ist das her – habe ich zu bloggen angefangen. Ach ja, damals! Wir reisen inzwischen mit vielen Erinnerungen und erzählen uns Geschichten von dem, was wir dort in den letzten vier Jahren erlebt haben.

Vielleicht wird es ja noch einmal so zauberschön…

1,5 Sonnenstunden

Das mit dem Urlaubswetter war in diesem Jahr nun schon zum zweiten Mal nicht ganz so optimal, aber zum Glück komme ich auch ganz gut klar, wenn die 1,5 Sonnenstunden, die eigentlich pro Tag angekündigt waren, erst am Abreisetag stattfinden. Unser Wald ist auch bei bedecktem Himmel schön, Beeren lassen sich auch von nassen Büschen zupfen und Pilze wachsen sowieso ganz gut bei Regen.

Wir essen so viele Pilze, bis wir beinahe anfangen, im Dunkeln zu leuchten – der Rest wird eingesalzen – und wir essen so viel Beerenkompott, bis unsere Zungen ganz blau sind; die Spuren, die matschige Blaubeeren beim Pflücken an den Rändern der Fingernägel hinterlassen haben, lassen sich kaum noch wegbürsten. Waldurlaub!

Die ersten beiden Tage brauchen wir allerdings erstmal, um anzukommen und uns einzugrooven, Erwartungen abzugleichen und unseren Rhythmus zu finden. Der Zehnjährige möchte gaaaanz dringend mit mir Tischtennis spielen, kaum dass wir den Hausschlüssel ausgehändigt bekommen haben; der Sechsjährige möchte auf keinen Fall in den Wald gehen; beide halten es für eine Zumutung, mir nach dem Mittagessen mal eben den leergegessenen Grießbreitopf in die Küche zu bringen – und ich habe da eigentlich dieses spannende Buch und das Bündel mit den Briefen meiner Mutter im Koffer… das gibt richtig Streit.

Die Besuchsfreundin ist es, die mir hilft, die Urlaubs-Erwartungen der Kinder ohne schlechtes Gewissen auch mal zu enttäuschen und meine Wünsche auch gegen ihren Willen durchzusetzen. Ihr Rat ist richtig gut: Ich lese zwar nicht, aber wir gehen in den Wald, jeden Tag, mindestens einmal, mit frohen oder meckernden Kindern, das ist uns egal. Wir spielen viiiiiiiel Tischtennis – den Zehnjährigen kann ich nur noch besiegen, wenn er mindestens das halbe Spiel lang nur mit halber Kraft spielt, der Sechsjährige kriegt die ersten ordentlichen Ballwechsel hin, das macht mit beiden richtig Spaß – aber nicht immer so viel, wie die Kinder wollen. Und plötzlich sind alle entspannter, die Jungs streiten sich weniger, sondern albern miteinander herum; ich bin nicht mehr genervt und schlafe richtig gut.

Das Wort des Urlaubs ist eindeutig „Hammer“ – das sind ja Hammerbeeren, sagt der Sechsjährige, den ich überredet habe, trotz seiner schlechten Waldlaune 30 Blaubeeren für die Marmelade zu sammeln, von der wir auch seinem Vater ein Glas mitbringen wollen; das schmeckt hammergut, sagt er zum Grießbrei; spätestens damit ist das Wort etabliert. Der Zehnjährige sammelt 350 Blaubeeren für seinen Vater und nochmal 350 für seine Patentante; ich fühle mich ein bisschen schlecht, dass ich die Zahlenaffinität (alles, wobei man zählen oder rechnen kann, macht ihnen Spaß, das hilft immer – außer vielleicht, wenn Tische abgeräumt oder gedeckt werden müssen) meiner Söhne heimtückisch ausnutze, um sie zum Beerensammeln zu kriegen. Zum Wandern – ach, wie gerne ich tagelang durch diese Wälder wandern würde! – braucht es wieder einen anderen Trick; ein Bollerwagen muss her, fast immer sitzt eins der Kinder drin; und obwohl der liebste Freund, der uns besucht, fast die ganze Zeit den Wagen zieht, gibt mein Rücken hinterher Alarm. Aber wir sind gewandert, wenigstens einmal.

Abends spielen wir „Phase 10“; nachmittags wird ein bisschen Englisch für die Klassenarbeit des Zehnjährigen geübt; wenn die Jungs dann schlafen, sitzen die Besuchsfreundin und ich noch ein Weilchen zusammen und stricken; morgens gucken wir, Kaffeetassen in der Hand, aus dem Speisesaalfenster raus in den wolkenverhangenen oder regnerischen Tag und zu den Bäumen mit den wunderschönen Herbstfarben. Als es mal wirklich schlimm nass ist, fangen wir Frauen am Tisch im Häuschen zu basteln an, und ehe wir es uns versehen, sitzen die Kinder dabei und schneiden und kleben und machen richtig lange mit.

Und am Ende ist es ganz klar: nächstes Jahr wieder.

Ich packe meinen Koffer…

Die Kinder sind „durch“. Ständiges Gezoff, egal, ob die Nägel geschnitten oder die Hausaufgaben gemacht werden sollen; ob es ums Duschen oder um die Schlafenszeit geht. Morgens kriege ich sie kaum wach und schmiere ihnen mitleidig Honigbrote und Wurstbrote, damit sie was essen, bevor wir raus in den Nieselregen gehen.

Zum Glück fällt wenigstens die Englisch-Klassenarbeit des Zehnjährigen aus, deshalb kann er, statt zu lernen, mit seinem Papa Wintersachen kaufen gehen. Wäre ich mal lieber selber gegangen, denke ich hinterher, als der Zehnjährige stolz mit Handschuhen von einem für die üblen Zustände bei seinen Zulieferern verschriehenen Bekleidungs-Discounter und mit vollsynthetischen (aber seiner Meinung nach total schicken!) Winterschuhen ankommt, die wahrscheinlich weder wärmen noch luftdurchlässig sind. Aber zum Zurückbringen haben wir vor dem Urlaub keine Zeit mehr.

Im Büro herrscht Hektik. Planungszeit. Die Anspannung kriecht mir in die Kieferngelenke, meine alte Schwachstelle, die ich (das ist ein gutes Zeichen, eigentlich) schon fast vergessen hatte. Zwischendurch telefoniere ich privat herum: arrangiere den Keyboard-Unterricht für den Sechsjährigen und ein Leih-Instrument; schubse die Hausverwaltung, die endlich jemanden beauftragen muss, der die Heizung in meiner Wohnung wieder in Ordnung bringt; bestelle den Rufbus, mit dem wir am Samstag in Brandenburg vielleicht trotz Schienenersatzverkehr zu unserem Waldhäuschen kommen.

In meinem Wohnzimmer quellen dicke Pullover, lange Unterhosen und warme Socken aus den noch nicht ganz fertiggepackten Koffern. Lesestoff und Bastelkram nehmen den Platz ein, der eigentlich für die Zutaten für sechs Mittagessen vorgesehen war. Mit müssen die trotzdem – auf reichlich frische Pilze und Beeren können wir uns in diesem Jahr ja nicht verlassen. Irgendwohin muss auch noch das Spielzeug, vor allem die gerade total angesagten sonderbaren Kreisel, die die Jungs aus allerlei Metall- und Plastikteilen zusammenschrauben und dann gegeneinander „kämpfen“ lassen.

Obwohl der Sechsjährige einen Flunsch zieht, weil wir vielleicht nicht gar so viel in den Wald gehen können wie in den letzen Jahren, obwohl ich nicht weiß, ob der Zehnjährige sich langweilen und alles ganz uncool finden wird – andere Kinder aus seiner Klasse fahren nach Teneriffa, Amerika oder Hamburg – freue ich mich, dass wir nochmal, zum vierten Mal inzwischen, dahin zurückkehren, wo wir ein kleines Stückchen Urlaubsheimat gefunden haben.

Ich möchte unter meiner Lieblingsbirke sitzen, auch wenn ich dabei sieben Pullover und eine Regenjacke tragen muss. Ich möchte ein Pfännchen mit den letzten Marönchen braten; ich möchte jeden Morgen im großen, lauten Speisesaal ein Schokolade-Marmelade-Brötchen essen und mit meiner zweiten Tasse Kaffee sitzen bleiben, bis alle außer mir und der Besuchsfreundin gegangen sind und wir es ganz ruhig haben; ich möchte abends im Finsteren frierend vom Kickern zurückkommen und die Herbstkälte unter der Dusche im klitzekleinen Bad aus meinen Knochen spülen; ich möchte mit meiner neuen Sternenkarte spätabends auf der Wiese am See stehen und mit den Jungs nach Sternbildern suchen, die wir noch nicht kennen. Es ist schön, mit so viel Vorfreude an einen so vertrauten Ort zu reisen!

Und ich würde gerne eine ganze Woche nicht nörgeln, nicht meckern, nicht drängeln, nicht an meine Arbeit denken, kein Auto hören und keinen Handyempfang haben.
Zumindest das letzte hat in den letzten Jahren auch immer ganz gut geklappt.

Und nach unserem ersten Urlaub im Wald habe ich mit dem Bloggen angefangen. Das war – WordPress hat nicht vergessen, mir zu gratulieren – vor drei Jahren. Durchgehalten, juhu!

Entschleunigen

Zum dritten Mal fahren wir in den Herbstferien in ein Feriendorf in der Uckermark. „Unser“ Häuschen nehmen wir in Besitz, als ob wir hier zu Hause sind und nur mal eben verreist waren – stellen den Kühlschrank an, legen unsere Sachen in die selben Schubladen wie im letzten Jahr, packen die Kekse wieder nach oben auf den Schrank, kümmern uns darum, dass die kaputte Abdeckung vom Herd gerichtet wird, holen den Techniker, weil die Tür nicht mehr von innen abschließbar ist – dabei ist noch ein letzter Rest von der Wärme in den Räumen, die die Leute vor uns hinterlassen haben, die nur Stunden vor unserer Ankunft abgereist sind.

Ach, Sie sind auch mal wieder da!, begrüßt uns am Abend die Frau, die das Buffet betreut. Ja, wir fallen hier auf und werden deshalb wiedererkannt: Zwei Frauen mit zwei Kindern – und dann auch noch ohne Auto, dafür aber mit einem Trolley voller Lebensmittel, weil wir mittags nicht im Speisesaal mit den Gruppen und den anderen Familien essen, sondern selbst kochen.

Was ist es, was ich an diesem Waldurlaub so mag, dass ich lieber wieder hierherkommen möchte (aber keinesfalls in ein anderes als „unser“ Häuschen), als irgendetwas neues auszuprobieren, irgendetwas aufregendes, irgendwas, was weniger umständlich ist? Warum tut es mir und meinen Kindern und der Besuchsfreundin gut, im Urlaub diesen vertrauten Ort aufzusuchen, über den wir schon so viel wissen – wo die besten Marönchenstellen sind, dass Billiardspielen sich nicht lohnt, weil die Queues immer an die Wände des zu kleinen Raumes stoßen, in dem der Billiardtisch steht, dass man nach dem  Abendessen im Speisesaal den Tisch abwischt, auf welcher der vier Elektroplatten im Häuschen die Pfanne am schnellsten heiß wird, dass es unter den Birken auf dem Gelände manchmal Birkenpilze gibt – und viel Zeit damit verbringen, Dinge zu wiederholen, die wir im letzten Jahr gern getan haben?

Vor allem – und vor allem: für mich – ist das alles Entlastung. Das, was ich schon kenne, und nicht neu entdecken muss. Die kurzen Wege, alle zu Fuß. Der schlechte Handy-Empfang, hinter dem ich mich verstecken kann, wenn ich keine Lust auf Kontakt zur Außenwelt habe. Die winzige Küche, in der das Kochen Spaß macht und nicht Stress. Die wenigen Dinge, die aufzuräumen nur eine Viertelstunde am Morgen in Anspruch nimmt. Ein klitzekleiner Alltag – überschaubar, zu bewältigen, frei von komplexen Entscheidungen. Beim Frühstück esse ich Marmelade-Schokolade-Brötchen und trinke Kaffee dazu. Die Kinder meckern, wir gehen trotzdem in den Wald. Wir sammeln Pilze und Beeren. Wir spielen Federball und Tischtennis; wir leihen Minigolfschläger aus, wir spielen am Tisch („Ligretto“ und „Phase 10“ in diesem Jahr), wir kickern, es gibt Griesbrei mit Waldbeeren oder Nudeln mit Pesto und frischen Pilzen, mittags lese ich eine Stunde, dann gibt es Kaffee, und abends muss abwechselnd immer eins der Kinder unter die Dusche.

Und es wird uns nicht langweilig. Jedesmal, wenn wir abreisen, wollen wir wiederkommen. Beim nächsten Mal aber ganz bestimmt Zeit zum Briefeschreiben haben. Dann endlich auch mal eine richtige lange Wanderung machen. Und unbedingt in der Stadt in die Therme gehen.

Oder wir machen einfach dieselben Sachen wie in diesem Jahr.

Zwischenstand (ins Unreine): Herbst

Blättergeruch in den Straßen, den mag ich. Pappellaub riecht am besten, auch wenn der Berlin-übliche Eiche-Ahorn-Mix und die braunen Lindenblätter auch nicht schlecht abschneiden. Die Farben sind schön: braun und gelb, rot und orange und rosa, überall. Graue Wolken, Nieselregen, zwischendurch die Sonnenwärme vom letzten Wochenende.

Für unsere alte Blätterlaterne (wenn man sie mit der kaputten Seite zum Fenster dreht, sieht sie immer noch schön aus) haben wir ein neues Päckchen Teelichte gekauft. Im Kalender Termine für Plätzchenbacken und Geschenkebasteln.

Im Kopf Erinnerungen an den Sommer, in dem ich so viel in Brandenburg unterwegs war: an ein verzaubertes Regenpicknick auf einem Hochsitz, an die Sonnenwärme beim Paddeln auf der Spree, den prächtigen Stock Hallimasch am Bootshaus in Bredereiche und die herrlichen Schirmpilze, die wir später im zum Beutel umfunktionierten Schal nach Hause getragen haben; an den Blick über den Neuruppiner See, an das Geschnatter der Wildgänse, die über dem Oberuckersee Züge für den Flug nach Süden bilden, und an die Kälte des Wassers, in dem wir natürlich nochmal herumwaten mussten.

Und die Ausflugszeit ist noch nicht ganz vorbei. Im Zimmer des Fünfjährigen stapeln sich die Winterjacken, die Gummistiefel, warme Pullover, Mützen, Handschuhe, Spiele, Bücher, Zeckenschutzmittel, eine riesige Tasche voller Medikamente (nur für den Fall), drei Beeren-Sammel-Eimerchen (nur für den Fall) und allerlei Lebensmittel – zusammen mit einer Liste, auf der steht, was ich noch alles kaufen muss, damit wir in der Uckermark sieben Tage ohne Auto überleben können und zusammen mit dem (recht komplexen) Plan, wie wir an einem der Tage die Therme in der nächstgelegenen Stadt besuchen können. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Slogen des Berlin-Brandenburgischen Verkehrsverbundes –  „Alles ist erreichbar“ – hat mich bei der stundenlangen Recherche nach Rufbussen und der Mühe, einander widersprechende Fahrplanauskünfte zu verstehen, mit der Zeit ziemlich erheitert.

In ein paar Tagen sind wir in „unserem“ Waldhäuschen. Hurra!

Geschichten aus dem Wald: Es war einmal

Wir ziehen los – wie jeden Vormittag in diesem Urlaub. Die Hosen in die Stiefel gestopft, die Arme mit Zeckenschutzmittel eingerieben. Im Gepäck zwei leere Tupperdosen und ein leeres Schraubglas und einen blauen Buddeleimer und drei Taschenmesser und einen Stoffbeutel. Über die Straße, ein paar Schritte den Waldweg entlang, da, wo die komischen Hexenpilze wachsen, die wir lieber nicht essen. In der Ferne kreuzen Rehe über den Weg. Und dann sind wir da. Blaubeeren – „groß wie Kürbisse“ – hängen an schon blattleeren Sträuchern. Preiselbeeren leuchten tiefrot im Moos.

Der Vierjährige ist begeistert. Oh! Preislis! Oh! Blaubis! Oh! Ich hab ein Marönchen! Die Marönchen und Sandpilze wachsen überall zwischen den Beeren. Inzwischen schaffe ich es, sie zu übersehen oder jedenfalls stehenzulassen; die Kinder schneiden schon genug ab, beinahe mehr, als wir essen können. Der Achtjährige hantiert gekonnt mit dem Schweizer Taschenmesser.

Beim Beerenpflücken kommen Kindheitserinnerungen hoch. Und andere: An die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das zu faul war, um nach den Blaubeeren zu suchen, und daher sein Pflückeimerchen bei einem Zwerg gegen einen Zaubergesang eintauschte, mit dem sie die Beeren unter den Blättern hervorlocken konnte. Stammte die aus meinem Schullesebuch? Und wie ging das Gedicht noch mal: „Wo bin ich gewesen, nun rat einmal schön?“ So recht kriege ich beides nicht mehr zusammen.

Aber jetzt bin ich in Märchenstimmung geraten, und die setzt sich fest. Wie leicht wäre es, mich von den Beeren – eine immer schöner, größer und leuchtender als die andere – tiefer und tiefer in den Wald locken zu lassen; bis dorthin, wo sich – hinter einem unbedacht zerrissenen Spinnennetz vielleicht? – das Tor ins Land der Märchen öffnet; dorthin, wo im Moos Zwerge trippeln und die Hexe ihr Pfefferkuchendach winterfest macht; wo die Tiere reden und Wunder zu geschehen beginnen…

Aber wir verlieren uns nicht im Wald, wir bleiben in Sicht- und Hörweite der Spielhütte, die andere vor uns aus großen Ästen und kleinen Stämmen zusammengebastelt haben und bei der meine Söhne inzwischen ganz ohne Mühe – und ganz unüberhörbar – in ihr eigenes Märchenreich gelangt sind. Ein Schloss – ein König – ein Diener – Kanonen und Schwerter. Armeen werden geschlagen, Verluste betrauert (Oh! Einer unserer Ritter ist tot! Zum Glück der schlechteste. Da kommt der Krankenwagen, der fährt den jetzt fort!), Schätze erobert, Katastrophen abgewendet, Feuer gelöscht – und die Kutsche mit dem Mittagessen fährt vor.

Ich bin so sehr ins Zuhören vertieft, dass ich die dicke braune Kröte erst bemerke, als sie schon wieder unter ein Moospolster flüchtet. Ein verzauberter Prinz, ganz klar. Und ich habe ihn entwischen lassen! Was für ein Pech.

Am nächsten Tag, auf dem Heimweg von einem längeren Ausflug, liegen die Märchen immernoch in der Luft. Und dann erzählen wir: Vom Rumpelstilzchen (diese beeindruckende Geschichte von der übermenschlichen Kraft, die Wut einem verleihen kann und davon, dass sie benannt und gebannt werden muss) und von der klugen Bauerntochter (werden all diese Mädchen eigentlich jemals gefragt, ob sie einen dieser dummen oder goldgierigen Könige heiraten wollen?) und vom Schneewittchen (Oh weh! Ich fühle zunehmend mit der Stiefmutter, die sich so verzweifelt mit dem Älterwerden auseinandersetzen muss…). Der Achtjährige fällt bei jedem „Spieglein, Spieglein“ begeistert ein; der Vierjährige sitzt mit leuchtenden Augen im Bollerwagen.

Und dann machen wir im Ferienhäuschen einen großen, großen Topf mit süßem Brei. Und verlesen die Beeren fürs Kompott. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins – Halt! In den Biomüll. Bitte.