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1,5 Sonnenstunden

Das mit dem Urlaubswetter war in diesem Jahr nun schon zum zweiten Mal nicht ganz so optimal, aber zum Glück komme ich auch ganz gut klar, wenn die 1,5 Sonnenstunden, die eigentlich pro Tag angekündigt waren, erst am Abreisetag stattfinden. Unser Wald ist auch bei bedecktem Himmel schön, Beeren lassen sich auch von nassen Büschen zupfen und Pilze wachsen sowieso ganz gut bei Regen.

Wir essen so viele Pilze, bis wir beinahe anfangen, im Dunkeln zu leuchten – der Rest wird eingesalzen – und wir essen so viel Beerenkompott, bis unsere Zungen ganz blau sind; die Spuren, die matschige Blaubeeren beim Pflücken an den Rändern der Fingernägel hinterlassen haben, lassen sich kaum noch wegbürsten. Waldurlaub!

Die ersten beiden Tage brauchen wir allerdings erstmal, um anzukommen und uns einzugrooven, Erwartungen abzugleichen und unseren Rhythmus zu finden. Der Zehnjährige möchte gaaaanz dringend mit mir Tischtennis spielen, kaum dass wir den Hausschlüssel ausgehändigt bekommen haben; der Sechsjährige möchte auf keinen Fall in den Wald gehen; beide halten es für eine Zumutung, mir nach dem Mittagessen mal eben den leergegessenen Grießbreitopf in die Küche zu bringen – und ich habe da eigentlich dieses spannende Buch und das Bündel mit den Briefen meiner Mutter im Koffer… das gibt richtig Streit.

Die Besuchsfreundin ist es, die mir hilft, die Urlaubs-Erwartungen der Kinder ohne schlechtes Gewissen auch mal zu enttäuschen und meine Wünsche auch gegen ihren Willen durchzusetzen. Ihr Rat ist richtig gut: Ich lese zwar nicht, aber wir gehen in den Wald, jeden Tag, mindestens einmal, mit frohen oder meckernden Kindern, das ist uns egal. Wir spielen viiiiiiiel Tischtennis – den Zehnjährigen kann ich nur noch besiegen, wenn er mindestens das halbe Spiel lang nur mit halber Kraft spielt, der Sechsjährige kriegt die ersten ordentlichen Ballwechsel hin, das macht mit beiden richtig Spaß – aber nicht immer so viel, wie die Kinder wollen. Und plötzlich sind alle entspannter, die Jungs streiten sich weniger, sondern albern miteinander herum; ich bin nicht mehr genervt und schlafe richtig gut.

Das Wort des Urlaubs ist eindeutig „Hammer“ – das sind ja Hammerbeeren, sagt der Sechsjährige, den ich überredet habe, trotz seiner schlechten Waldlaune 30 Blaubeeren für die Marmelade zu sammeln, von der wir auch seinem Vater ein Glas mitbringen wollen; das schmeckt hammergut, sagt er zum Grießbrei; spätestens damit ist das Wort etabliert. Der Zehnjährige sammelt 350 Blaubeeren für seinen Vater und nochmal 350 für seine Patentante; ich fühle mich ein bisschen schlecht, dass ich die Zahlenaffinität (alles, wobei man zählen oder rechnen kann, macht ihnen Spaß, das hilft immer – außer vielleicht, wenn Tische abgeräumt oder gedeckt werden müssen) meiner Söhne heimtückisch ausnutze, um sie zum Beerensammeln zu kriegen. Zum Wandern – ach, wie gerne ich tagelang durch diese Wälder wandern würde! – braucht es wieder einen anderen Trick; ein Bollerwagen muss her, fast immer sitzt eins der Kinder drin; und obwohl der liebste Freund, der uns besucht, fast die ganze Zeit den Wagen zieht, gibt mein Rücken hinterher Alarm. Aber wir sind gewandert, wenigstens einmal.

Abends spielen wir „Phase 10“; nachmittags wird ein bisschen Englisch für die Klassenarbeit des Zehnjährigen geübt; wenn die Jungs dann schlafen, sitzen die Besuchsfreundin und ich noch ein Weilchen zusammen und stricken; morgens gucken wir, Kaffeetassen in der Hand, aus dem Speisesaalfenster raus in den wolkenverhangenen oder regnerischen Tag und zu den Bäumen mit den wunderschönen Herbstfarben. Als es mal wirklich schlimm nass ist, fangen wir Frauen am Tisch im Häuschen zu basteln an, und ehe wir es uns versehen, sitzen die Kinder dabei und schneiden und kleben und machen richtig lange mit.

Und am Ende ist es ganz klar: nächstes Jahr wieder.

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Pilgernotizen 5

Was eigentlich unterscheidet das Pilgern vom Wandern?
Dass das ‚Warum‘ immer ein bisschen größer ist als nur ‚Bewegung an der frischen Luft‘? Dass man eine Frage stellt, versucht, eine Krise zu bewältigen;  das Leben in Bewegung zu bringen, indem man die Füße sich bewegen lässt – und, wenn man es so formulieren mag, Gott zu begegnen hofft? Dass man ein Ziel hat – Rom, Santiago – auch wenn man selbst die Bedeutung setzen muss, die man dem Erreichen dieses Ziels beimisst? –   Pilgerwege haben jedenfalls ihre Besonderheiten: sie haben eine Richtung und sind auch nur in diese eine Richtung beschildert. Ach, wir freuen uns über jede der freundlichen blau-gelben Muscheln! – inzwischen erkennen wir sie schon von weitem.
Pilgerwege sind ‚vorgeschrieben‘ und nehmen den, der sie geht, damit – wie alte Kirchenlieder oder Gebete – in die Gemeinschaft derjenigen hinein, die schon früher hier waren, hier gegangen sind.
Und die Belohnung für den, der sich an den Weg hält, sind die Stempelstellen. Jedes kleine Feld auf unseren Pilgerausweisen, das wir mit dem Stempel einer Kirche, eines Gasthofes oder einer Pilgerherberge füllen, macht uns schon am zweiten Tag – nachdem Plan G uns 16km weitergebracht hat – auf sonderbare, beinahe kindische Weise froh und stolz.

Träume, Fäden, Schritte

Wenn ich 40 werde – so mein langgehegter Traum – möchte ich eine größere Auszeit nehmen und den Jakobsweg laufen. (Und dabei, so die geheime Absicht, endlich das Leben verstehen, meine Berufung finden und den Mut, allesalles ganz anders zu machen).

Ich muss dieses Projekt teilen, wurde mir irgendwann klar, ich möchte nicht sechs Wochen lang meine Kinder nicht sehen. Also nicht einmal sechs, sondern zweimal drei Wochen. Warte nicht so lange, geh das doch schon eher an, hat ein Freund vor einem Jahr geraten, und so kam es, dass ich mir Wanderschuhe gekauft und meinen Chef angesprochen habe. Weil aber ein größeres Arbeitsprojekt ansteht, wurden aus den gewünschten vier freien Wochen irgendwann eine, aus dem Jakobsweg in Portugal erst der von München an den Bodensee und nun schließlich der sächsische. Ein Hans-im-Glück-Pilgerprojekt, das sich mehrfach in etwas anderes verwandelte und kleiner und kleiner wurde, bis es nun endlich vor der Tür steht.

Hinter der Tür, in meiner Wohnung, steht der gepackte Rucksack. Ich habe keine Waage, aber er ist bestimmt schwerer als die empfohlenen 10% meines Körpergewichtes. Aber er enthält nur Unverzichtbares (glaube ich, weil meine Schultern ja noch nicht wehtun), den Schlafsack, das kleinste Duschgelpröbchen, viel zu wenig Kleidung, die Wanderkarte, den Reiseführer, ein paar Müsliriegel, Blasenpflaster und Allergietabletten. Und ein Buch.

Mein Pilgerbuch ist „A Field Guide To Getting Lost“ von Rebecca Solnit. Dass ich dieses Buch entdeckt habe und nun mitnehmen kann, verdanke ich meinem neuerworbenen Smartphone, das ich dabeihatte, als ich traurig auf der Rückfahrt von einem Wochenende mit dem liebsten Freund war und in der S-Bahn, weil ich niemanden ansehen wollte, die Word-Press-App ausprobierte, die so eingestellt war, dass ich zuerst die unter der Rubrik „freshly pressed“ empfohlenen Artikel zu lesen bekam. In einem von denen berichtete eine Frau davon, dass sie gerade dieses Buch las – und von einer Wanderung mit ihren Kindern durch den Schnee (Wo kam diese Bloggerin her? Wo liegt gerade Schnee? Ich weißt es nicht.), zu der die Lektüre des Buches sie angeregt hatte.

Eine Anleitung zum Verlaufen und Verlorengehen. Das gefällt mir. Inzwischen habe ich Rebecca Solnits „The Faraway Nearby“ gelesen, eines der wunderbarsten Bücher über das Geschichtenerzählen (und über Empathie, Aprikosen, die Arktis, Labyrinthe, Motten, Kunst, Zufälle, Identität, die Alzheimererkrankung ihrer Mutter und noch ein, zwei Dutzend andere Themen); und „Wanderlust“, ihre Kulturgeschichte des Wanderns, liegt für die Wochen nach der Pilgerreise als Lektüre bereit. Ich habe eine neue Lieblingsschriftstellerin.

Geschichten vergleicht Rebecca Solnit mit Fäden – und wie letztere auf Spulen oder zu Knäulen gewickelt werden, können Geschichten Zeile um Zeile in Büchern zusammengefaltet werden (um sich in der Vorstellung des Lesers wiederum zu entfalten) – wobei sie auch Labyrinthen ähneln, die, schreibt die wunderbare Essayistin, eigentlich nichts anderes als klein zusammengefaltete Wege sind. Ich mag ihre Vergleiche.

Auf den langen Faden, zu dem wir unsere Schritte auf der Pilgerreise aneinanderreihen werden; auf die Geschichten, die wir erleben, wenn wir tatsächlich tun, was ich mir schon so lange vorstelle: losgehen mit den paar Kleinigkeiten auf dem Rücken, mit dem man auskommen kann; den Weg, der auf der Karte zu sehen ist, Schritt für Schritt in Wirklichkeit erleben, offen für das, was uns unterwegs begegnet, offen für das Unerwartete und auch das Anstrengende, den Regen und die schmerzenden Füße und die Möglichkeit des Verlorengehens und mit der Hoffnung, das Alltagsleben möge aus der Ferne ein klein wenig unvertraut werden und deshalb hinterher ein wenig anders, ein wenig neuer sein – darauf freue ich mich jetzt.

Meine ganz große Schwester denkt darüber nach, ein Buch über das Ankommen (bei sich, in der Stille des Herzens) mitzunehmen.

Wir werden uns wunderbar ergänzen.

Das Balkongartentagebuch: Krähenkind

Am Pfingstsamstagsnachmittag ist es in all den von unserem Häuserkarree eingeschlossenen Hinterhöfen, die ich von meinem Balkon aus einsehen kann, menschenleer.

Oben, in den Baumwipfeln der Linden und des Ahorns und des anderen Ahorns und der Birke, in der die Krähe gebrütet hat, spielt der Wind. Die Spatzen und Meisen schwatzen und schimpfen laut von Baum zu Baum und von Zweig zu Zweig miteinander. In der großen Gabelung des Ahornbaums gegenüber schreien zwei Krähen. Ich recke den Hals, bis ich sie sehen kann. Die eine – vielleicht die Krähenmutter aus der Birke? – füttert die andere, ein kaum flügges Küken, und fliegt dann über die Dächer davon – sicherlich, denke ich, um neue Nahrung herbeizuschaffen. Geduldig und still bleibt das Krähenkind in der Gabelung des dicken Stammes sitzen.

Unten im Gras marschiert das Starenpaar auf und ab, das in diesem Sommer den Kirschbaum gepachtet hat – sie (?) würdig in Schwarz und er (?) frohgepunktet. Ein paar Spatzen folgen den beiden neugierig über den Rasen unterm Wäscheplatz. Zwischen roten und grünen Leinen schimmert eine gelbe in der Sonne wie ein langes goldenes Haar.

Wenn ich nicht hinsehe, drehen die Bohnensprösslinge auf meinem Balkon ihre Spitzen ein wenig weiter. Immer gegen den Uhrzeigersinn – die im linken Topf haben das Spalier schon gefunden, die rechts tasten noch danach. Lila beginnt der verlauste Salbei zu blühen, rot die Verbene. Die Studentenblumen in den Beeten der Kinder sind prächtig, an der Tomatenpflanze des Zehnjährigen gibt es schon kleine grüne Früchte; die Erbsen des Sechsjährigen muss ich zum vierten Mal nachstecken, ich wühle in der Erde nach den früher dort eingebrachten Samen, finde aber nichts.

Allmählich wird das Krähenkind im Baum unruhig. Es streckt die noch ungelenken Flügel, hüpft auf der einen Seite seiner Gabelung ein wenig den Stamm hoch; stakst auf der andern Seite auf dem dort flacher wachsenden dicken Ast nach außen; fängt sich mit weit ausgebreiteten Flügeln, wenn es dabei abzurutschen droht. Keine Spur von seiner Mutter. Es beginnt kläglich nach ihr zu schreien, und sitzt dann wieder still, ein Bild der Verlassenheit.

Aus dem Ahorn, auf dem es sitzt, propellern immer wieder einzelne Samen nach unten wie irgendwelche Dinge in Computerspielen, die man in einem Korb auffangen oder vor denen man sich in Sicherheit bringen muss.

An meinem Balkon vorbei lässt der Wind behutsam einen einzelnen Pusteblumensamen aufsteigen.

Als eine Krähe durch den Hinterhof fliegt, reißt das Krähenkind im Baum seinen Schnabel so weit auf, dass ich – viele Meter entfernt – das Rote im Inneren seiner Kehle leuchten sehe. Aber die große Krähe fliegt vorbei. Inzwischen warte auch ich gespannt – und irgendwie entrüstet über ihr langes Ausbleiben – auf die Krähenmutter. Kann das wirklich so lange dauern, ein paar Würmer einzusammeln? Und warum ist das Kleine so allen, hat es keine Geschwister?

Irgendwann hat das Küken sich beruhigt, vielleicht ist es eingeschlafen. Es wird kühl, ich gehe nach drinnen. Als ich nach einer Weile aus dem Fenster schaue, ist die Gaben im Ahornstamm im frühen Abendlicht leer.

25 Jahre

Meine Erinnerungen an die Wende und den Fall der Berliner Mauer sind grobkörnige Fernsehbilder, schwarz-weiß, die echten Erinnerungen überlagert von späteren Widerholungssendungen. Die Menschen da in Leipzig bei den Montagsdemos, oder die, die da in Berlin auf der Mauer tanzten… das war ganz schön weit weg. Unwirklich. Etwas, das mir passierte, wurde die Wende erst später: Mit den wenigen Demos, zu denen ich dann – als es ungefährlich war – mitgehen durfte. Mit der bunten H-Milch im Regal, der Staatsbürgerkunde-Lehrerin, die sicherheitshalber ein paar Monate lang nur noch Sexualkunde unterrichtete, bis sie ihre Blitzumschulung zum Fach Gesellschaftskunde abgeschlossen hatte; mit dem ersten Ausflug nach Kassel, den Karottenhosen, für die ich mein „Begrüßungsgeld“ ausgab und dem Staunen vor den riesigen, bunten, herrlichen Regalen in einer Kasseler Buchhandlung. Mit dem Besuch meiner Klassenlehrerin, die mit der guten Nachricht kam, dass ich nun auch als Pfarrerstochter würde Abitur machen dürfen. Mit der ersten Reise nach Ungarn, den lauen Abenden an der Donau und dem herrlichen Duft der Pfirsiche auf den Märkten.

Nein, wir waren keine Familie von Visionären, die den Fall der Mauer herbeigesehnt oder von Rebellen, die ihn herbeigeführt hätten. In unserer Familie wird die Gabe weitergegeben, sich in die Umstände zu fügen, die wir vorfinden. Die Wende kam deshalb für mich nicht nur unerwartet, sondern von irgendwo weit, weit außerhalb der Gesamtmenge der Möglichkeiten, die ich für mein Leben in Betracht gezogen habe, damals; als seltsames Wunder.

Heute – und nicht nur heute (denn ich halte viel von Familien-Sagas, von einem Geschichtenschatz, aus dem die Kinder sich Antworten auf die Frage heraussuchen könnnen, woher sie kommen) – erzähle ich meinen Söhnen davon. Euch, sage ich, hätte es garnicht gegeben ohne die Wende. Euer Vater und ich wären uns nämlich nicht begegnet. Wir rechnen aus, dass meine Kinder halb-schlesisch, viertel-fränkisch und viertel-thüringisch sind – und dann noch Berliner, sagt der Fünfjährige. Klar! Ganze Berliner noch dazu.

Zum Gedenktag des Mauerfalls wollen wir natürlich die Lichtergrenze sehen, ein kleines Stückchen der 15 Kilometer, auf denen – so haben sich das zwei findige Künstler ausgedacht – in kurzen Abständen leuchtende Heliumballons auf schlanken Stängeln den Verlauf der Mauer von der Bornholmer Brücke im Norden Berlins bis zur Oberbaumbrücke in Kreuzberg nachstellen und dann als Symbol der Maueröffnung aufsteigen sollen. Weil der Fünfjährige so gerne ein echtes Stück Mauer sehen möchte, gehen wir zur East Side Gallery. Da ist die lange Reihe leuchtender Tropfen in der Dunkelheit! Schön sieht das aus. „Ballonpaten“ in roten Windjacken mit Sponsorenlogos drauf hängen runde Zettel mit ihren Botschaften an die Ballons oder treten frierend von einem Bein aufs andere. Ein Bläserchor spielt einen Choral, ein Straßenmusiker klampft über seine Gitarrenseiten, noch ein Stück weiter gibt es laute Elektro-Beats. Guckt, sage ich zu meinein Kindern, da ist die Mauer! Bloß die Bilder gab es zu DDR-Zeiten nicht, da war die Mauer grau, und es standen Soldaten davor. Andächtig legt der Fünfjährige seine Hand auf den bunten Beton. Und dann gehen wir an den bunten Mauerstücken entlang in Richtung Oberbaumbrücke. Um uns herum ein dichtes Gewimmel, überwiegend junge Leute, die in vielen Sprachen durcheinanderreden, ihre Smartfons zücken, sich selbst, ihre Freunde, die Mauer, die leuchtenden Ballons und unbeteiligte Passanten fotografieren und wahrscheinlich sämtliche sozialen Netzwerke mit ziemlich gleich aussehenden Fotos fluten.

Auf einer riesigen Leinwand werden – noch einmal, einmal mehr – die Filmaufnahmen vom 9. November 1989 gezeigt. Schaut hin, sage ich zu meinen Kindern, so war das, so sah der Fall der Mauer aus, das da ist heute vor 25 Jahren passiert! Mama, sagt der Fünfjährige, da hat eine Frau einen Grenzpolizisten geküsst! Ja, sage ich, so sehr haben die Menschen sich gefreut. Genau wie damals, als es echt war, stehen mir Tränen in den Augen.

Weiter vorne, zur Oberbaumbrücke hin, drängen sich die Menschen so dicht, dass wir nicht mehr weiterkommen. Und immer mehr Leute strömen zur Brücke. Zwei verschnupfte Kinder an einem kalten Abend in einer undurchdringlichen Menschenmenge – und dann noch eine Stunde auf den Aufstieg der Ballons warten? Das schaffe ich nicht. Auf nach Hause! Zum Trost für die Kinder löst einer der Ballons sich plötzlich viel zu früh von seiner Halterung, steigt auf, wird vom Wind abgetrieben, immer höher, immer weiter.

Die restlichen sehen wir dann zu Hause im Fernsehen. Auch schön. Und wie das mit historischen Ereignissen so ist: Die Kinder kommen viel zu spät ins Bett. Und der Abwasch bleibt stehen. Aber wir waren dabei. Ein bisschen (wieder mal).

Spätsommerglück

Das schlechte Augustwetter verzieht sich noch einmal für ein paar Tage. Wie gut! Denn für einen dieser letzten sommerlichen Samstage habe ich eine Paddeltour mit dem liebsten Freund geplant. Ein Ausflug! Ein Abenteuer!

Fürstenwalde kennen wir schon, dort hat vor einiger Zeit auch meine Geburstagswanderung angefangen. Heute gehen wir direkt zur Spree. Da, wo zwei Bänke mit hochstehenden roten und gelben Rudern am Ufer stehen, ist die Einsetzstelle, zu der die Paddelbootverleiher aus Hangelsberg die Boote bringen. Unser schlichter grüner Kanadier liegt ganz oben auf dem Bootsanhänger, darunter eine muntere Schar leuchtender Kajaks, orange und rot und blau. Eine Familie mit zwei Teenager-Söhnen, die müssen trotzdem noch Rettungswesten anziehen, oder wenigstens mitnehmen. Dem älteren Paar, das vielleicht zum ersten Mal in einem Kajak paddeln wird, stellt der Mitarbeiter der Verleihstation besonders sorgfältig die Lenkung ein und erklärt ganz genau, wie sie funktioniert. Und dann ist da noch ein Grüppchen befreundeter Paare, einer hält die Videokamera auf den Bootsanhänger und spricht leise dazu ins Mikro, die anderen verstauen ihre Hosen und Schuhe in wasserdichten Säcken, schlüpfen in Paddelschuhe und binden sich geübt den schwarzen Spritzschutz um.

Und dann können endlich auch wir starten. Der Weg ist einfach – immer geradeaus – am Abzweig rechts abbiegen – und dann wieder: immer geradeaus. 12 Kilometer, ungefähr. Die Sonne wärmt herrlich, hat aber ein Einsehen (wir haben die Sonnenmilch vergessen, beide) und schickt dann und wann eine Schattenwolke vorüber.

An der Spree liegt Berlin. Dass sie auch ein Eigenleben führt, losgelöst von der großen Stadt – darüber habe ich früher nie nachgedacht. Aber hier ist sie: ein richtiger Fluss, breit und schön. An den Ufern hat sich jemand die Mühe gemacht, viele, viele Schilder aufzustellen. Fröhliches Schifffahrtszeichenraten: Der durchgestrichene Schirmpilz ist ein Ankerverbot, ok. Aber was bedeuten die vielen Zahlen, „+“ oder „D“ auf den Schildern am Ufer, alle paar Meter fast?

Vor uns werden die bunten Punkte wieder größer, in die die Kajaks sich verwandelt hatten. Das Grüppchen hat in Flußmitte gestoppt, um einer prächtigen Schwanenfamilie mit fünf oder sechs pubertierenden Küken zuzusehen, die sich übermütig im Wasser wälzen und mit den Flügeln schlagen, dass die hässliche-Entlein-Federn, die sie trotz ihrer Größe noch haben, nur so stieben. Eins der Küken steckt den langen Hals so tief ins Wasser, dass es vornüberkippt und plötzlich auf dem Rücken im Wasser liegt.

Sachte paddeln wir in Ufernähe an der ausgelassenen Vogelfamilie vorbei.

Von der Spree zweigen immer wieder kleine Arme ab, wir kommen an überwuchterten Inselchen vorbei und an kleinen Buchten. Die Ufer des Hauptstroms sind mit Steinen eingefasst, zwischen denen dann und wann eine sandige Lücke das Landen ermöglicht. Wir rasten unter einer riesigen Pappel, die gedankenverloren ein gelbes Blatt nach dem anderen aufs Wasser fallen lässt. Kaffee aus der großen Kanne, Butterbrote, Käse und Würstchen. Große Waldameisen krabbeln emsig den Baumstamm auf und ab, von dem Biber unten vor langer Zeit schon die Rinde abgenagt haben. Eine Grille zirpt dicht hinter uns, ich entdecke sie auf einem breiten Grashalm. Rhythmisch reibt sie ihre Beine an ihrem Körper, wiederholt ihre kleine Melodie immer zweimal, dreht sich dann ein Stückchen weiter und beginnt von vorn. Einmal im Kreis, dann springt sie zum nächsten Halm. Behauptet sie so ihr Revier?

Ein Stück weiter der Abzweig in die Müggelspree. Das Wasser fällt hier über eine kleine Stufe. Man darf nicht ausprobieren, ob man umkippt, wenn das Boot über diese Stufe fährt, es muss aus dem Wasser. Ein kleiner Wagen auf Schienen an einer langen Kette steht bereit, um das Boot auf die andere Seite des Wasserfalls zu ziehen. Wir machen das zum ersten Mal, ungeschickt und unsicher (kann man den Wagen wirklich einfach ins Wasser fahren lassen, bis das Boot darauffahren kann?), ein geübter Paddler springt uns zur Hilfe.

Unser Flüsschen ist jetzt schmaler und nennt sich Müggelspree. Am Ufer ein Dickicht – Schilf und Rohrkolben. Wassergras, von der Strömung (sie ist hier stärker und hilft beim Vorankommen) gekämmt. Kleine Dellen im Wasser, winzige Strudelchen, die der Fluss macht, und die bleiben, während unsere, tiefe Löcher, wo wir die Paddel durchs Wasser ziehen, sich hinter uns sofort wieder glätten. Abgestorbene Bäume am Ufer, zwei Graureiher. Ein paar Regentropfen fallen wie eine Hand voll Silberflitter aufs Wasser. Ich lege mich auf den Rücken ins Boot und schaue zum Himmer, der jetzt wie eine dichte Daunendecke über der grünen Flusslandschaft liegt. Wir lassen uns treiben, das Boot stellt sich quer zur Strömung, es ist still um uns. Gelbe Pappelblätter sind wie eilige kleine Schiffchen in dieselbe Richtung unterwegs wir wir.

An beinahe allen Uferbäumen haben die Biber die Rinde abgenagt; manche Spuren sind frisch. Aber kein Biber und kein Biberbau ist zu sehen. Wo leben sie? Gibt es einen Flusspfleger, der sie immer wieder vertreibt, ehe sie einen Baum fällen, einen Damm bauen können? Kommen sie zurück, Jahr um Jahr?

Schneller als gedacht erreichen wir Hangelsberg. Pause an der Badestelle am Ortseingang. Ein Vater mit zwei kleinen Kindern im Kajak landet gleich nach uns am sandigen Strand. Ein Weilchen schauen wir ihm beim Erziehen seiner Kinder zu – Nein, bitte wirf den Sand NICHT auf die Boote (der Junge lässt stattdessen eine Schippe voll über seine Schoko-Reiswaffel rieseln) – ja, du darfst ins Wasser pullern (was das kleine Mädchen auch tut) – in fünf Minuten müssen wir weiter, kommt, Kinder, einsteigen, oh, da ist ja noch ein Schuh am Ufer. Mein eigener Versuch, ein paar Minuten später unser Boot ins Wasser zu schieben und gleichzeitig elegant hineinzuspringen, bringt uns fast zum kentern. Zum Glück ist mein Packsack wirklich richtig wasserdicht.

Schlängelkurve um Schlängelkurve mäandert die Müggelspree um Hangelsberg herum. Schafe blöcken entrüstet am Ufer, es gibt mehr tote Bäume, einen Hain alter Eichen. Abendlicht und Abendfrieden.

Ja, die Schulter tut weh, inzwischen. Trotzdem mag ich nicht aussteigen!

Der Bootsverleih in Hangelsberg ist klein und auf nette Weise unfertig. Ein altes Haus wird saniert, Ferienwohnungen im Nebengebäude sind in Arbeit. Eine Jurte und zwei Zelte auf der Wiese, campen könnte man hier auch. Liebevoll ist die Treppe den Hang hinauf mit kleinen Papierlämpchen geschmückt.

Ein Bierchen noch beim Hangelwirt – dem kauzigen Inhaber der gleichnamigen Restauration am Bahnhof – und dann nach Hause.

Einer dieser Tage, die ich beiseitelegen und irgendwann nochmal erleben möchte. Glück.

 

 

Sommerwald

Die Regionalbahn RE1 braucht vom Bahnhof Fangschleuse – irgendwo östlich von Berlin – zum Bahnhof Hangelsberg drei oder vier Minuten.

Wesentlich lohnender ist es, den Weg zwischen beiden Bahnhöfen zu Fuß zurückzulegen – eine der vielen, vielen Touren, die die schöne Internetseite über „Wanderbahnhöfe“ Menschen vorschlägt, die wie ich beim Wandern auf An- und Abreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln rund um Berlin angewiesen sind.

Statt also drei oder vier Minuten lang aus dem Zugfenster zu schauen und „Wald“ zu denken, kann man auch…

Ungefähr zwei Stunden lang einem leicht zu findenden Wanderweg folgen.

Oder ungefähr drei Stunden lang mit kleinen Pausen auf diesem Weg herumbummeln.

Oder besser gleich sechs Stunden einplanen und einen herrlichen Tag im Sommerwald verbringen.

Mit dem liebsten Freund die große Stadt für ein paar Stunden vergessen, nicht dem vorgesehenen, sondern dem schönsten Weg folgen. Kiefernduft schnuppern. Den Regenschauer auf dem Jägeransitz aussitzen, unter der Picknickdecke, die sich als luftiges Dach ausspannen lässt, mit Kaffee aus der bauchigen Kaffeekanne. Rehe springen sehen, auf den richtigen Weg zurückfinden, Blaubeeren entdecken, das alte, traurig von hohem Gras überwachsene Kinderferienlager mit den mit Indianermotiven bemalten Hütten betrachten. Die allerallerersten Waldhimbeeren finden, auf dem richtigen Weg glauben, dass wir uns verlaufen haben, zurückgehen, dann herausfinden, dass es doch der richtige Weg war. Dem kleinen Pfad im Flusstal der Löcknitz folgen, uns von Mücken stechen lassen und dann, zuletzt, auf dem kleinen Wegstück entlang der Straße zum Bahnhof, noch eine Geschichte zu den Fußtapfen erzählen, die da mit Leuchtfarben auf den Weg gesprayt sind: Kinderfüße, Papafüße, Mamafüße in Absatzschuhen – und das wilde, wilde Waldmonster, barfuß.

Weil die Blaubeeren am Weg so geleuchtet haben und weil ich schon so lange mal mit meinen Kindern ein Stückchen wandern gehen wollte und weil meine Besuchsfreundin mir den letzten kleinen Mutschubs gibt (wir gehen einfach nur bis zur Blaubeerstelle und wieder zurück…), gehe ich den Weg nochmal. Diesmal „in Familie“. Meine Kinder legen auf dem ersten halben Kilometer gleich eine akute Nörgelphase ein. Das ist sooo langweilig! Können wir nicht nach Hause fahren? Mir tun die Füße weh! Der mitgebrachte kleine Fußball, den die Kinder in meiner Vorstellung jauchzend auf dem einsamen Wanderweg vor sich herschießen, erweist sich als schlechte Idee – der Fünfjährige fällt beim zweiten Schuß über die eigenen Füße, dann stellt er dem Neunjährigen ein Bein. Beide hinken theatralisch. Und dann müssen wir uns auch noch mit Insektenschutzmittel einreiben. Igitt.

Aber ich will mir den Tag nicht verderben lassen, menno! Und das Wandern mit meinen Söhnen nicht schon aufgeben, bevor wir es auch nur ein einziges Mal probiert haben. Also greift sich meine Besuchsfreundin den Kleinen, ich nehme den Großen an die Hand, die Kinder dürfen das Tempo vorgeben und das ist so ungleich, dass die beiden zum Glück auch nicht mehr streiten können. So schaffen wir tatsächlich den zweiten Kilometer bis zum Picknickplatz. Die Aussicht ist herrlich – Himmel, Wolken, weiches, blühendes Waldgras, Johanniskraut, blaue Knopfblumen und Natternkopf (auch eine Blume, auch blau, grade endlich den Namen gefunden!). Wir haben Brote und Kuchen und Kaffee und Saft dabei und Kirschen, der Neunjährige schlägt mich locker im Kirschkernzielspucken, der Fünfjährige darf seine müden Beinchen ausstrecken und eine Weile kuscheln. Und als alle satt sind und ich die große Frage stelle: Weiterwandern oder umdrehen? – Da wollen auf einmal alle weitergehen.

Während meine Freundin und ich am Wegesrand die mitgebrachte Beerendose mit Blaubeeren füllen, tragen die Kinder auf dem breiten Weg ihre Version der Fußball-Weltmeisterschaft aus. Und ehe dem Fünfjährigen seine schmerzenden Beine wieder einfallen, haben wir die halbe Strecke geschafft. Der Neunjährige und ich krempeln die Hosenbeine hoch und erfrischen unsere Füße in der Löcknitz, die wir bei Klein-Wall überqueren. Auf der anderen Seite ist plötzlich alles voller Autos – hier gibt es eine Fischzuchtanlage. Wir dürfen reingehen und den Anglern an den vier Teichen ein Weilchen über die Schultern schauen. Störe, Hechte und Karpfen, Forellen und Goldforellen – allerlei Fische werden hier gezüchtet und angelfertig in die Teiche gesetzt. Männer – allein oder mit Söhnen – bevölkern die Teichränder, schwingen mit großer Geste ihre Angelruten, es wird mit Haken und Schnüren hantiert, gefachsimpelt (reich mir doch mal die Maden, bitte) und da – tatsächlich – wird ein Fisch vom Haken gelöst, ein Vater zeigt seinen Kindern, wie man ihn fachgerecht totschlägt.

Maden und Totmachen – och nee, mein Sport wäre das nicht. Zum Glück beißen die Fische wegen der Wärme nicht gut an, und so können wir uns ein Weilchen an ihnen freuen, wie sie da im Wasser stehen oder elegant den Angeln davongleiten. Und dann gehen wir schnell wieder – dann doch mit zwei Fischbrötchen vom Verkaufstresen im Gepäck.

Den nächsten Kilometer verbringen wir wieder mit Beerensammeln. Walderdbeeren lachen uns vom Wegesrand an! Beinahe Kirschgroß sind sie, rund und voller roter Nöppchen wie klitzkleine Massagebälle. Schnell verschwinden unsere Blaubeeren unter dem, was wir – zunehmend misstrauisch – irgendwann dann doch nicht mehr für die Sorte Walderdbeeren halten, die wir kennen. Also ein Zweiglein dazu, damit wir zu Hause herausfinden können, was wir da eigentlich sammeln.

An der Bank, auf der wir uns zum zweiten Picknick hinsetzen, zerstören wir aus Versehen ein Ameisennest. Lange beobachten wir die Tierchen, die verstört durcheinanderwimmeln und dann nach und nach ihre Eier in Sicherheit bringen. Ob sie unseren Entschuldigungs-Kuchenkrümel mögen werden? Bis wir weitergehen, lassen sie ihn erstmal liegen.

Allmählich wird der Weg lang. Den Neunjährigen sticht die Sonne, dann plagen ihn Bauchschmerzen. Der Fünfjährige wird müde. Ablenkung muss her – und findet sich: Die ersten Springkrautsamen sind reif. Wir haben Zeit, sie alle, alle zu finden. Und Himbeeren wachsen am Weg, süß und lecker und hoch genug, um – nicht fuchsbandwurmgefährdet – zum Sofort-Essen freigegeben zu werden. Irgendwann hilft alles nichts mehr, wir teilen uns wieder auf, ein Quengelkind pro Erwachsenem. Jetzt ist es doch sicher nur noch ein Kilometer, fragt der Neunjährige an meiner Hand; Jetzt doch bestimmt nicht mehr mehr als fünfhundert Meter? Jetzt doch sicher nur noch dreihundert? – Der Fünfjährige und meine Besuchsfreundin sind weit zurückgeblieben, als der Neunjährige und ich erschöpft die Straße erreichen. Die bunten Fußabdrücke sind noch da, hurra – und helfen uns über das letzte Wegstück zur Bahn.

Meine erste Wandertour mit beiden Kindern und ohne Bollerwagen! Ich freue mich über die gute Erfahrung. Vielleicht traue ich es mir noch eine Weile nicht zu, alleine mit den beiden loszuziehen. Aber wir haben ja Freunde. Und der Sommer fängt erst an… Richtig gute Aussichten sind das.

Ach ja: die seltsamen roten Beeren? Wikipedia weiß Antwort: Scheinerdbeeren sinds. Nicht giftig, aber geschmacklos. Werden wieder aussortiert, bevor wir ein prima Beerenkompott kochen.