Schlagwort-Archive: Viren und Bakterien

Zwischenstand

Während andere auf Netflix mit den neuesten Streams beschäftigt sind, spielen sich bei uns neue Folgen der aktuellen Infektserie ab.“Infektserie“ sagt jedenfalls der Arzt und erzählt von Lehrerinnen und Krankenschwestern, die nach Berufsbeginn erstmal sehr viel krank werden und von Menschen vom Land, die nach dem Umzug in die Stadt allerhand Infekte haben; das alles trifft auf mich zwar nicht zu, aber ich habe – heute, bei diesem speziellen gutorganisierten Hausarztvertretungsarzt – nur eine halbe Stunde im Wartezimmer gesessen, also nicke ich dankbar.

Meine Kinder und ich haben das grad supertoll raus, uns gegenseitig nach jeder Papawoche neue Viren mitzubringen. Oder vielleicht mutieren die Viren innerhalb von sieben Tagen auch ausreichend, um denjenigen, von dem sie stammten, neu anzustecken, wer weiß. Jedenfalls niest der Achtjährige, wenn der Zwölfjährige grade mal nicht hustet; beginnt meine Nase zu laufen, sobald der Große zum ersten Mal wieder die Schule besucht; muss neue Inhalationstinktur für eins der Kinder angerührt werden, sobald ich die grünen FroschSchleimlösepillen versuchsweise abgesetzt habe; jedenfalls schnieft es abends hinter drei Schlafzimmertüren, quellen Taschentücher aus jedem Papierkorb, reibt die Apothekerin sich die Hände, wenn sie meine entzündete Nase an der Apothekentür aufleuchten sieht. Der Rotstift – zum Ankreuzen im Kalender – liegt für den Fall bereit, dass wir mal wieder alle drei eine Woche lang planmäßig Büro und Schule aufsuchen. Seit Ende Januar gab es das nicht mehr.

Der liebste Freund verschiebt dringende Arbeit ins Wochenende, kommt am Freitagnachmittag zu uns und findet mich elend fiebernd darniederliegend. Er stellt Kuchen auf den Tisch, macht den Wochenendeinkauf, richtet das Abendessen, spielt Canasta mit dem Zwölfjährigen und dem Achtjährigen, füllt mir eine Wärmflasche, geht am nächsten Morgen mit den Jungs auf den Fußballplatz, spielt mehr Canasta mit uns allen und schuppt unter großen Kraftanstrengungen den Fisch, den er für unser Mittagessen erworben hat. Als er nach dem Mittagessen wieder zur Arbeit muss, geht es mir besser, sind wir wieder über einen Berg – bereit, es mit einem langen Sonntag und einer neuen Woche aufzunehmen, mit Hausaufgaben, Wäschebergen, schlechten Radionachrichten und neuen Virenstämmen.

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12 Jahre

Während ich langsam wieder gesund werde, kränkelt der inzwischen Zwölfjährige. Sein Vater geht mit ihm zum Arzt, und dabei wird praktisch klar, was wir bisher nur theoretisch wussten: Wegen eines kranken zwölfjährigen Kindes wird kein Elternteil mehr krank geschrieben. Noch nicht mal für die Dauer eines Arztbesuches. Das erweitert den Möglichkeitenbaum des Kind-krank-Katastrophen Familienszenarios um einen interessanten Ast.

Glücklicherweise bin ich ja zu Hause und der Zwölfjährige und ich unterstützen uns gegenseitig. Mein Sohn gibt sich richtig Mühe, nicht so oft zu fragen, ob ich vielleicht etwas spielen möchte, sondern lässt mich in Ruhe vor mich hinschniefen ruhen. Dafür gucke ich dann eine Folge „Mord mit Aussicht“ mit ihm. Dafür bietet der Zwölfjährige dann wiederum an, dass Mittagessen zu kochen, und lernt gleich mal (beim nächsten Mal muss er dann ja vielleicht ganz alleine klarkommen), Reis und Linsen zu kochen und mit Mandeln, Datteln, Zwiebeln, Knofi, Salz und Essig zu einem leckeren Einkaufen-ging-nicht-wegen-krank-Essen anzubraten.

Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Meine Beine sind völlig in Ordnung, die Krankschreibung braucht das Kind, um länger als drei Tage der Schule fernbleiben zu dürfen und wir haben noch nicht alles erlebt, was ich mir heute Nachmittag vorgestellt und aufgeschrieben habe. Bloß das mit dem Urlaub der Kinderärztin bei gleichzeitiger Abwesenheit der Vertretung häuft sich.

Und sowas wollte ich ja schon lange mal bauen:

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Tagebuchbloggen im Februar

Nach langer Zeit möchte ich mich heute wieder beteiligen, wenn Frau Brüllen wie an jedem 5. eines Monats fragt „was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ – Alle Antworten wie immer dort; meine hier.

2.30 Ich schlafe nicht. Mein Kopf tut weh, sämtliche Haupt-, Neben-, Stirn-, Nasen-, Kiefern- und sonstige Höhlen sind verstopft. Grippezeit, bäh! Sogar die Luft, die ich einatme, tut mir in der Nase weh, das gibts doch nicht! Ich gebe auf. Licht an. Das zart unterwasserblau gestrichene Zimmer der mittleren Nichte erscheint, wir befinden uns in Thüringen, seit zwei Tagen liege ich hier ziemlich viel herum, statt wie geplant mit meinen Schwestern und Schwägern den Geburtstag der ganz großen Schwester zu feiern und gemeinsam Zeit zu verbringen. Meine Kinder sind mit ihrem Vater bei den väterlichen Großeltern und kurieren dort (hoffentlich!) ihre Erkältungen aus. Ich greife zur Schachtel mit den Schmerzmitteln. Es ist großartig, wie das Pochen, Drücken, Brennen und Stechen in Hals, Kopf und Nase nach einer Weile nachlässt und der Schlaf vorsichtig immer näher kommt.

8.00 Ich wache auf. Mit Murren und Ächzen schleiche ich ins Bad. Hinterher Koffer packen, Bett abziehen, nächste Schmerztablette – denn da steckt eine Rückfahrkarte nach Berlin für später am Morgen in meiner Tasche. Ich ziehe mein Bett ab und stopfe es zusammen mit meinen Handtüchern in die Waschmaschine der großen Schwester. Was ich tun kann, damit sich hier nicht alle anstecken, das will ich gerne tun.

8.30 Lecker Sonntags-Frühstück mit den Schwestern und Schwägern. Brötchen, leckerer Genießerkaffee (wie er hier genannt wird), gekochte Eier, Unterhaltung. Der ganz große Schwager liest aus dem „Verkehrten Kalender“ vor, in dem Zitate Menschen oder Institutionen zugeschrieben werden, von denen sie garnicht stammen. „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“ – Coppenrath & Wiese. Zum Beispiel. Oder: „Ein Freund ist einer, der alles von dir weiß und dich trotzdem mag“ – Mark Zuckerberg. Das ist sehr, sehr hübsch und lenkt ein bisschen davon ab, wie schwer es ist, das Naseschnauben immer wieder möglichst lange aufzuschieben.
Ich streiche mir zwei kleine Reisebrötchen, die große Schwester füllt eine Flasche mit Schorle und steckt mir noch eine Dose mit Gemüse vom gestrigen Mittagessen zu.

9.50 Der große Schwager fährt mich zum Bahnhof, die große Schwester kommt noch bis zum Zug mit. Ohne Umarmungen, aber mit viel Liebe verabschieden wir uns. Die Regionalbahn zockelt mit allerlei Unterwegshalten Richtung Erfurt. Ich stöbere in meinem WordPress-Reader und verkneife mir das allzu häufige Naseschnauben.

11.00 Umsteigen in Erfurt. Ich erwische einen nicht reservierten Zweierplatz und packe meine Tasche neben mich in der Hoffnung, allein zu bleiben. Das klappt nicht, der Mann, der auf dem Platz vor meinem die Reservierungsschildchen übersehen hat, rutscht zu mir nach hinten. Ich lese meinen Reader leer, esse eine Mandarine, verkneife mir … (richtig), bemerke, dass mein Nachbar auf seinem Smartfone Patience spielt, obwohl er das hinter seiner Hand zu verstecken versucht und habe nicht mal genug Platz, um meine Brötchen auszupacken.

12.00 – 12.50 Ich schaue aus dem Fenster. Draußen ist es deprimierend. Graubraun wie ein alter Scheuerlappen liegt das Land vor dem Zugfenster. Alle Häuser sehen farblos aus, alle Betriebe wie Industrieruinen. Milchig angetautes Eis liegt in Tümpeln zwischen abgestorbenen wirkenden Gehölzen und auf schlammigen Wegen durch verblichene Kiefernwälder. Ein paar Windräder drehen sich gleichgültig vor dem grauen Himmel. Bis auf einen Mann, der einen graubraunen – natürlich – Hund ausführt und zwei ältere Frauen auf Fahrrädern vor der – grauen – Mauer neben dem Eingang zur Kleingartenanlage „Eigene Scholle“ gibt es kein Zeichen menschlichen Lebens.
Ich stelle mir vor, dass ich die vorbeifliegende Böschung zwischen Halle und Berlin filme – geschwindigkeitsverschwommene graue und braune und schmutzigweiße Streifen, die immer mal ein wenig breiter oder schmaler werden – und mit der Veröffentlichung dieses Films unter dem Titel „Die Trostlosigkeit einer ICE-Fahrt im Winter“ weltberühmt werde. Unterlegen würde ich den Film mit dem Husten des Kindes drei Reihen hinter mir, gelegentlichem Zeitungsseitenrascheln, dem Klicken der Handy-Kamera von rechts (was in aller Welt gibt es auf dieser Strecke zu fotografieren???), und dem Tastenklappern des Laptops da vorne.

12.50 bis 13.10 Zähle buchstäblich jede Minute bis zur Ankunft.

13.10 Südkreuz. Endlich! Hier ist es noch kälter als in Thüringen. Zum Glück kommt meine S-Bahn ganz schnell.

13.30 Zu Hause. Erleichtert Aufseufz! Türhintermirzuschließ! Taschefallenlass!
Ich wecke die Heizung aus ihrem Dornröschenschlaf, mache heißen Tee, wärme mir das Gemüse auf, das die große Schwester mir mitgegeben hat und esse die Reisebrötchen dazu. Ich nehme die nächste gritzegrüne Sinupret-Pille und stecke den Kopf old-school-mäßig über einem Topf mit ganz heißem Salzwasser unter ein Handtuch. Das tut gut!

14.30 – 16.00 Sofa. Alte Folgen von „Mord mit Aussicht“.

16.15 Ich rufe die Mitmutter an und mir schwatzen eine Weile. Hauptsächlich schmieden wir Pläne, was wir alles machen können, wenn a) ich wieder gesund bin b) ich mal abends noch Lust habe, ohne meine Kinder zu ihr zu kommen und c) endlich Frühling ist.

17.30 – 18.30 Ich lege ein bisschen alte Wäsche weg, koche noch einen Tee und noch ein Inhalierwasser, mache mir Brote, erfahre aus einer sims des liebsten Freundes, dass der heutige Tatort in Weimar spielt. Das Heimat-Herz schlägt hoch. Da meine Kopfschmerzen bisher nicht wiedergekommen sind, nehme ich mir vor, den vom Krankenbett aus noch zu gucken, sehr schön!

Dann Rechner an – Zeit zum Bloggen.

Rezeptkategorie: Kühle Mischungen

Ausgangsbasis für unser heutiges Rezept ist eine einfache Januarwoche (ca. 700-900gr).

Braten sie drei nicht verschiebbare Abgabetermine im Büro mit einer Nierenentzündung und einer Packung Antibiotika scharf an; lassen Sie fünf Tagesportionen Büroarbeit auf kleiner Flamme auf die Hälfte einkochen, fügen Sie dem Konzentrat drei halbe Tage Bettruhe hinzu und rühren Sie alles zusammen unter Ihre Januarwoche.

Schlagen Sie einen 8. Kindergeburtstag zusammen mit zwei Backmischungen für Brownies und 30 Eierlikör-Becherküchlein schaumig und heben Sie die Masse vorsichtig unter den Wochenteig. Lassen Sie unter ständigem Rühren 8 Esslöffel Organisationskram für die Kinderparty am Wochenende hineinfließen.

Als knackige Einlage fügen Sie einen kleinen Streik der Schul-Erzieherinnen, eine Zeugnisausgabe mit Schulschluss um 11.10 sowie einen erkältungskranken Elfjährigen und einen allerallerletzen Tag der offenen Tür an einem allerallerletzen Gymnasium hinzu – in nicht mundgerechten Stücken.

Geben Sie nun so viel Hilfe von der ganz großen Schwester (die – wie gut! – gerade zu Gast ist) in die Mischung, bis alles zusammen genießbar wird, und würzen Sie mit reichlich Erleichterung und Dankbarkeit.

Kühlen Sie die Wochensuppe auf ungefähr Null Grad, richten Sie sie auf Tellern an und garnieren Sie großzügig mit hustenden, fiebrig dreinblickenden Klassenkameraden und Wartezeiten an der S-Bahn wegen Notarzt- und Polizeieinsätzen.

Guten Appetit!

Dazu passt ein süßer Nachtisch, den Sie ganz einfach aus folgenden Zutaten mischen können: Ein Geburtstagsständchen um 5.30 im Bad; ein fröhliches Geburtstagsfrühstück mit Kerzen und lauter Dingen, die der jetzt Achtjährige gerne isst; freudiges Staunen beim Geschenke-Auspacken; ein lustiges Geburtstagsspiel mit Eletro-Kakerlake; 650 neue Lego-Kleinst-Teilchen; eine dunkelrote Rose; eine trotz Grippewelle wirklich freundliche Sprechstundenhilfe; ein paar faule Sofaabende mit der ganz großen Schwester; etwas Kaffee-Likör und reichlich Knusperkeks-Schokolade.

Waldhäuschennotizen (3)

Die Abende sind hier lang, die Besuchsfreundin und ich kommen ins Reden, wenn die Jungs – eigentlich viel zu spät – schlafen gegangen sind. Morgens sind der Siebenjährige und der Elfjährige trotzdem vor sieben wach. Am Tag leiden also alle unter der typischen Urlaubsmüdigkeit, Abends ist sie dann plötzlich weg. Und von vorn.
Am Dienstagmorgen geht es dem Siebenjährigen schlecht, er kann nicht mit zum Frühstück und übergibt sich. Die Besuchsfreundin und ich bleiben abwechselnd bei ihm. Mittags geht es dann besser, zum Glück. 

Der Elfjährige ist zappelig, müde und widerborstig. Jede Bitte an ihn muss erst im Streit durchgesetzt werden, das ist schade. Am Abend gehe ich mit ihm allein ein paar Runden Tischtennis spielen. Hinterher ist es besser – und als der Siebenjährige im Bett ist, ist der Große wie ausgewechselt; ich lasse ihn gerne noch beim Marmeladekochen die Nase über den Topf halten und später den Löffel abschlecken.

Man stellt sich das immer so harmonisch vor, mit Kindern an einem Ort zu sein, den wir alle lieben. Im Rückblick wird es das wohl auch gewesen sein. Aber während wir da sind, müssen Gummistiefel ordentlich weggestellt, Pflichten – ganz wenige, aber: Pflichten – verteilt, einander widersprechende Wünsche verhandelt werden. 

Mittagspause

Kurze Mittagspause. Ich krieche unter meine Decke und mache die Augen zu.

Ich habe dem erkälteten Elfjährigen erlaubt, nach der zweiten Stunde – Vorbereitung für den großen Englisch-Ausatz! – nach Hause zu kommen und sich auszuruhen; ich habe versucht, mit dem hustenden Siebenjährigen zum Kinderarzt zu gehen. Und bin gescheitert: ein Zettel an der Tür „Keine Sprechstunde am 10.10. und 14.10.“, zur Vertretung wurde auf „die umliegenden Arztpraxen“ verwiesen; die Inhaberin der einzigen anderen fußläufig erreichbaren Praxis hatte Urlaub, der eigentlich von unserer Kinderärztin vertreten werden sollte. Kein Arztbesuch also, die nette Sprechstundenhilfe in der zweiten Praxis half mir wenigstens mit einer Krankschreibung aus, unkompliziert, freundlich. Das machen auch nicht alle.

Ich habe mit dem Siebenjährigen inhaliert, für beide Kinder Essen gekocht, die Waschmaschine angestellt. Wenn ich aufstehe, warten der Abwasch, das Keyboardüben mit dem Siebenjährigen, das Englischüben mit dem Elfjährigen und die nasse Wäsche; es wartet, wie sich später herausstellt, auch ein Streit mit dem Vater meiner Kinder, der den Siebenjährigen abholt und so gar keinen Nerv dafür hat, dass auch die Kennenlerntermine an weiterführenden Schulen besprochen werden müssen, die für den Elfjährigen in Frage kommen. Tage der offenen Tür, Elternabende und Schnupperunterrichtsangeboten häufen sich in den nächsten Tagen und Wochen: welche Schulen sollen angesehen werden, welche nicht, wer geht mit dem Elfjährigen hin? – Alleingelassen fühle ich mich mit dieser Entscheidung, die die nächsten Jahre lang unser Familienleben mitprägen wird.

Während ich jetzt, am Mittag, kurz die Augen schließe, geht draußen auf der Straße das Dröhnen der Baumaschinen weiter, die seit dem Frühjahr in unserer Straße stehen und irgendetwas am Abwasserkanalsystem sanieren, ohne dass dabei irgendwelche Fortschritte sichtbar wären, nur Absperrungen und aufgebuddelte Straße und Bagger und anderes schweres Gerät, dass hin- und herrollt und lärmt und dröhnt.

Gleich werde ich aufstehen und etwas Gutes aus diesem Nachmittag machen: einen Kaffee für mich kochen, ein Spiel mit den Kindern spielen, eine Rolle Kekse hervorzaubern, eine zweite Folge von „Elefant, Tiger & Co“ erlauben, dem Vater der Kinder nach unserem Streit am Telefon auf seine Rückfrage ganz freundlich versichern, dass ich achtgeben werde, dass der Elfjährige den Schlüssel zur Papa-Wohnung sicher in seinem Ranzen verstaut, freundlich und ruhig mit dem Elfjährigen besprechen, ob wir die Mathe-Profilschule mit den hohen Leistungsanforderungen anschauen wollen oder lieber nicht.

Aber jetzt – während ich für einen Moment alleine bin – erlaube ich mir, diesen Tag einen Moment lang schrecklich eintönig und anstrengend zu finden.

Kinderrettungsstelle

Der Taxifahrer wünscht uns viel Glück. Die Türen öffnen sich automatisch. Unsere Chipkarte wird eingelesen, nach der Gültigkeit der Telefonnummer gefragt. Dann sitzen wir im Warteraum, der ist noch ganz leer. Wir wissen aus Erfahrung, wann man hier die besten Chancen hat, weniger lange zu warten.

Als der Elfjährige ein Baby war, hatte er ein untrügliches Gespür für Feiertage. Ostern, Pfingsten, Weihnachten – kein Fest ohne ein rätselhaftes, nicht in den Griff zu bekommendes Fieber, eine schwere Bronchitis, Scharlach oder Yersinien. Später kam die Phase der Kopfstürze, vor allem des Siebenjährigen: vom Sofa auf die Dielen, beim Spielen auf den Metallhaken vom Kranauto. Es ist also nicht nur unsere Telefonnummer, sondern auch ein größeres Kapitel unserer Familiengeschichte im System vermerkt; eigentlich erwarte ich fast, als Stammkundin begrüßt und mit einem kleinen Willkommenssekt überrascht zu werden. –

Im Warteraum dieselben dunkelblau bezogenen Bänke; das Spielhaus wurde zwischenzeitlich abgeschafft, zusammen mit allem anderen Spielzeug. Der Elfjährige, dessen außer Kontrolle geratene – natürlich am Brückentag! – Nagelbettvereiterung  sich unter einem popeligen kleinen Heftpflaster am Daumen versteckt, greift sich den ersten der drei Comicbände, die er mir in die Tasche gesteckt hat. Heute nützt uns die frühe Ankunftszeit nichts. Wir warten. Um uns füllt sich der Raum – ein weinendes kleines Mädchen, dessen Mama dringend Geld für den Kaffeeautomaten wechseln möchte; eine Kopftuchmutter mit zwei kleinen Jungs; eine Großfamilie, eine Kleinfamilie, ein Baby, noch eine Familie, noch eine und noch eine. Die ersten werden aufgerufen, wir warten. Nach der ersten Stunde kriegt der Elfjährige das eine von den beiden Knoppers, die ich schnell noch in meine Tasche geworfen habe, und seinen zweiten Comic. Wir warten weiter. Ich stelle mir vor, wie es im Zeitraffer aussehen würde, dass um uns herum all die Familien, die schlimmere Krankheiten mitbringen als wir und deshalb schneller aufgerufen werden, erscheinen und wieder verschwinden. Wir warten. Meine Haare beginnen grau zu werden, wir trinken etwas, die Welt dreht sich, Imperien wachsen, steigen zum Höhepunkt ihrer Macht auf und zerfallen wieder, neue Weltreligionen entstehen, unbekannte Kontinente werden entdeckt, wir sitzen immer noch hier. (Und ich komme in Hararis „Kleiner Geschichte der Menschheit“ eine beträchtliche Zahl an Seiten weiter, während mein Sohn den dritten Comic verschlingt…) Und wir warten.

Nach drei Stunden ins Behandlungszimmer, Handbad in Desinfektionslösung. Die Ärztin kommt und ist so freundlich und kompetent, dass ich unendlich dankbar bin – für die Arbeit, die hier in der Rettungsstelle gemacht wird, jeden Tag, rund um die Uhr, für alle, die mit ihren Wehwehchen und Notfällen und Ängsten und schrecklichen Krankheiten durch die automatische Tür kommen.
Der aberwitzig große Verband, unter dem eine aus Gipsbinden improvisierte Schiene Finger und Handgelenk des Elfjährigen stillegt, rechtfertigt am Ende locker drei Stunden Wartezeit. Mit Salben und Desinfektionslösung kommen wir übers Wochenende und an der Blutvergiftung dann wohl doch vorbei. Gerettet. Mal wieder.