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14.05.2021

Volle Wochen. Ein paar Tage in Weimar bei meinem Vater, dann Berlin, Arbeit, am Wochenende der Hannoverliebste zu Besuch. Dann wieder Arbeit – die Kinder haben gerade wegen der Abiturprüfungen nur sporadisch Unterricht und langweilen sich, sobald ihnen die elektronischen Geräte entzogen werden; nach der Arbeit Arzttermine, dann beginnt das lange Wochenende und ich fahre nach Hannover.

Trotz der vielen Abwechslung geht es mir im Berliner Alltag nicht gut. Der Blog als Klagemauer, vielleicht auch als Gedächtnisstütze für meine Gedanken in diesen Tagen: Anstrengend und langweilig ist mein Alltag, so, wie er zur Zeit eben ist.
Anstrengend, weil ich zusätzlich zur Erwerbsarbeit den Haushalt für drei Personen stemme, mich – nicht nur, wenn es um das Theme „Mithelfen im Haushalt“ geht – mit dem pubertierenden Sechzehnjährigen reibe; anstrengend, weil ich die „Lebensorganisation“ nicht nur für mich, sondern auch für meine Kinder ziemlich alleine mache und es auch dabei Reibung gibt, hier mit dem Vater meiner Kinder, der von seiner neuen Familie (und einem riesengroßen Problem im Zusammenhang mit dem gekippten Berliner Mietendeckel) absorbiert ist und trotzdem einbezogen werden muss, wenn es um Entscheidungen für unsere Kinder geht.
Langweilig, weil meine Arbeit mich nicht herausfordert; weil ich nichts dazulerne; weil ich wegen der Corona-Einschränkungen nicht viel von dem unternehmen kann, was mir früher gutgetan hat und weil mir – zusätzlich zu den Kontaktbeschränkungen – Kraft und Zeit fehlen, um Freundschaften und den Kontakt zu meiner Familie so zu pflegen, wie ich das gern machen würde.
Dass ich meine Zeit ohne die Kinder in Hannover oder Weimar verbringe, tut mir natürlich gut; verdichtet aber nochmal, was im Berliner Alltag zu erledigen ist.
Und ich habe keine wirklich guten Ideen, wie ich an der Situation etwas ändern kann.

Viele Frauen in meinem Alter, sagt die neue Hausärztin, berichten ähnliches, stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Sie schreibt mir ein Osteopathierezept, aber um regelmäßige Termine wahrzunehmen, bräuchte ich eine Krankschreibung dazu. Sie schickt mich zum Schilddrüsenultraschall, aber die Erschöpfung könnte auch einfach komplett psychisch sein.

Helfen würde eine Perspektive für die Schulöffnungen. Nehme nur ich das so wahr, oder reden die Politiker jetzt alle sehr viel weniger davon, dass die Kinder und Jugendlichen und die Schulen Priorität haben – so wie es im Herbst immer tönte? Ich weiß keine Inzidenzzahl, ab der wieder vollständiger Präsenzunterricht vorgesehen ist. Gibt es die? Die Impfpriorisierung wird aufgehoben – in Berlin noch früher als deutschlandweit – ohne dass irgendjemand ernsthaft vorschlägt, jetzt bevorzugt die Jugendlichen zu impfen, damit die ihr Abitur in der Schule vor Ort machen (und wieder vor Ort in den Unis studieren!) und ihren Hobbies endlich wieder nachgehen können. Die Familien – die Kinder, die Jugendlichen, die mehrfachbelasteten Mütter – werden hängengelassen, und das macht mich fertig. Und nein, da hilft auch kein weiterer Kinderbonus in Höhe von 150 Euro pro Kind und da helfen auch keine Ladenöffnungen und keine Reiseerleichterungen. Nicht, wenn der Sechzehnjährige weiter keine Jugendfahrten machen kann und Schulunterricht fast nur noch parallel zu youtube stattfindet; nicht, wenn der Zwölfjährige weiterhin keine Schachturniere spielen darf und keine Matheförderung mehr erhält; nicht, wenn niemand einen sinnvollen Plan macht, wie das nächste Schuljahr ohne erneuten Hybridunterricht und ohne erneutes Homeschooling ablaufen kann.

Und ungefähr so sieht das aus, was wir als Familie ohne Auto zur Zeit machen können: Fahrradausflüge am Wochenende. Am letzten, zum Beispiel, als es so schön warm war. Frühes Aufstehen und für mich und Picknick vorbereiten. Stressiger Aufbruch, weil die Fahrräder alle aus dem Keller gezogen und verschiedenste Tickets gekauft werden müssen. Die Bahnen nach Brandenburg sind voll; die Fahrräder stehen mit Ach und Krach irgendwo im Nicht-Fahrrad-Bereich, ich muss – mit dem Hannoverliebsten als Rückendeckung traue ich mich wenigstens – die Mitreisenden bitten, ihre Masken über die Nase zu ziehen, der Zwölfjährige wird ganz blass vor lauter Luftmangel und Enge. Am Ankunftsbahnhof müssen erstmal Jacken verstaut werden; der Sechzehnjährige verleiert die Augen, weil er endlich losfahren will. Der Zwölfjährige sagt nach zwei Kilometern, dass er die Strecke wahrscheinlich nicht schafft und muss erstmal sehr, sehr ermutigt werden. Wir haben uns an eine neue Route gewagt, die ist am Anfang auch sehr schön, aber dann, als wir rasten wollen, gibt es keine Bänke oder gar Picknickplätze mehr, und auf der Karte war auch nicht vermerkt, dass der Radweg auf kleinen Straßen entlangführt, auf denen gerade heute alle Biker Berlins und Brandenburgs die erste Ausfahrt des Jahres machen. Am Zielbahnhof sind wir alle erschöpft; und dann kommt ja noch die Heimfahrt, nochmal im vollen Zug, denn die Kampfradler, die heute morgen um sechs Uhr gestartet sind, sind jetzt auch schon mit ihren 120-Kilometer-Strecken fertig und fahren mit uns zurück. Der Sechzehnjährige bekommt beim Einsteigen einen öffentlichkeitswirksamen Wutanfall, weil das Rad des Zwölfjährigen quer in seinem Weg steht; dem Zwölfjährigen fällt das Fahrrad auf die Hand, als der Zug bremst, und dann sind wir irgendwann zu Hause und ich frage mich, ob dieser Ausflug die Mühe wert war.

Meilensteine: In zwei Wochen die zweite Impfung. Nein, ich werde auch dann nicht Party machen, sondern weiterhin im Homeoffice arbeiten, den Hybridunterricht meiner Kinder überwachen und Essen für sie kochen. Danke der Nachfrage. In sechs Wochen Ferien. Vielleicht fahren wir wirklich nach Dänemark, wenn es unsere Konstellation aus drei Haushalten, die Mischung aus ganz, halb und garnicht geimpften Menschen und die Regelungen für Ferienhausaufenthalte, Quarantäne und Freitesten dann zulassen. Die schiere Komplexität all der Regelungen nimmt mir bis jetzt alle Vorfreude. In acht Wochen dann knappe drei Ferienwochen ohne meine Kinder. Vielleicht ein paar Osteopathietermine. Vielleicht schwimmen gehen. Vielleicht draußen Kaffee trinken mit Freundinnen.

Aber dann?

18.2.2021

Von den schlechten Tagen steht hier weniger. Schon weil ich an denen nicht zum Schreiben komme, nicht zum Durchatmen, nicht zum Rausgehen, nicht dazu, meinen Kindern wirklich zuzuhören, eigentlich zu nichts.

Die schlechten Tage sind die, an denen meine Arbeit nicht zu schaffen ist, an denen ich erst dann dazu komme, etwas abzuhaken, wenn ich eigentlich lange Feierabend hätte. Die schlechten Tage sind die, an denen es draußen ganz grau ist. Die, an denen eins der Kinder zu viel Stress mit den Schulaufgaben hat oder beide und wir uns wechselseitig von Laptop zu Laptop anzischen, sobald einer ein Geräusch macht. An denen ich nicht damit klarkomme, ständig unterbrochen zu werden, weil ich mich selbst so dringend konzentrieren müsste.

Die schlechten Tage sind die, an denen ich abends missmutig irgendein Essen zusammenkoche, das am nächsten Tag niemandem schmeckt. An denen wir noch nicht mal zur gleichen Zeit Mittagspause machen können. An denen wieder kein Heinzelmännchen eine Gurke, einen Salat, ein bisschen Obst nachgekauft hat. An denen die Kinder ausnutzen, dass ich Überstunden machen muss, ihre Handyzeit überziehen, die versprochenen Pflichten nicht erledigen. Die schlechten Tage sind die, an denen der Zwölfjährige möglichst schnell zu seinem Vater oder einem Freund verschwindet, weil ich ja immer nur arbeiten muss.

Die schlechten Tage sind die, an denen ich dem Hannoverliebsten sage, dass ich erst am Freitagabend zu ihm komme, damit der Sechzehnjährige auch am Freitag noch bei mir lernen kann und nicht in die Schule muss. Die schlechten Tage sind die, an denen der Sechzehnjährige dann morgens von seinem Vater kommt, ohne Frühstück im Bauch, im fleckigen Pullover von gestern, aber begeistert erzählt, was gemeinsam gespielt wurde. Dort haben ja alle Zeit.

Die schlechten Tage sind die, an denen ich merke, dass ich meine Freunde vernachlässige. Dass die andere Mitmutter nicht mehr zurückruft; dass ich ein Angebot zum Telefonieren einfach nicht annehmen kann, weil ich dazu erst Zeit hätte, wenn ich schlafen muss, und nicht schon in der einen Stunde, in der ich wenigstens mit dem Zwölfjährigen gemeinsam auf dem Sofa vor dem Fernseher sitze. Die schlechten Tage sind die, an denen mich das Gewissen plagt, weil ich mich nicht danach erkundige, wie es meinem Vater, seiner Frau, meinem Onkel, dem Magen der ganz großen Schwester geht, und an denen mich das Selbstmitleid packt, weil mich erst der Hannoverliebste am späten Abend fragt, wie es mir geht, und sonst niemand sich erkundigt, wie ich das alles schaffe.

Die schlechten Tage sind die, an denen die Wochen gleichförmig vor mir liegen und ich nicht weiß, wie lange ich das so noch durchhalte.

Es sind nicht alle Tage schlecht, bei weitem nicht. Aber es gibt sie.

13.02.2021

Diese Woche war… anders.

Kaum hatte der Hannoverliebste das Remote-Arbeiten von meinem Zuhause aus getestet, wurde diese Möglichkeit ganz wichtig, weil die Bahn wegen des Schneefalls und der Kälte ihren Betrieb erstmal einstellte. Von Tag zu Tag entschieden wir, dass die Züge noch nicht wieder zuverlässig genug waren – vielleicht wollten wir auch gern noch ein paar Tage gemeinsam verbringen. Mir waren die vielen roten Kreuzchen hinter den Bahnverbindungen in der App jedenfalls ganz recht.

Und draußen der Schnee: Wunderbare Bilder habe ich im Kopf von unseren Spaziergängen, vom schneehellen Dämmerwald, über dem rosa der Stadthimmel leuchtete; von der halb zugefroreren Spree mit Hunde- und Entenspuren auf dem Eis, mit Rissen zwischen den Schollen, die bereits wieder zufroren. Sogar der Sechzehnjährige hatte Spaß, stocherte mit langen Ästen im Eis, machte den Spaziergang zur Schneeballschlacht.

Daneben traurige Nachrichten: Viele gesundheitliche Probleme, mein Onkel und meine Stiefmutter im Krankenhaus, die ganz große Schwester nicht wohlauf. Die große Schwester sprang ein und fuhr zu unserem Vater, kümmerte sich da.

Die plötzlichen Notfälle werden nicht weniger werden; immerhin weiß ich jetzt endlich, wo sich die Steckstelle fürs LAN-Kabel im Wohnzimmer meiner Eltern befindet; ich muss keinen neuen Router kaufen und kann das Arbeiten von dort aus testen. Das entlastet mich ein bisschen, so werde ich auch mal einspringen können, wenn es notwendig wird. Echte Schule würde auch noch helfen, der Sechzehnjährige darf aus Gründen zur Zeit nur in einem Raum mit mir sein Homeschooling erledigen – oder in der Schule, so lange dort noch freie Räume zur Verfügung stehen (aber das ist nicht seine Lieblingsoption).

Schule ja. Macht sie wieder auf oder nicht? Wann? Für welche Jahrgänge? Für den Zwölfjährigen und den Sechzehnjährigen ist nichts angekündigt. Die Virusmutationen drücken aufs Gemüt, weil es so unabsehbar wird, wann irgendwas wieder öffnen kann. Die Frisöre als Bonbon fürs Volk am 1. März? Die Friseurin des Hannoverliebsten jedenfalls hat im März nur Stammkundentermine und könnte mich erst im April drannehmen. Ich werde also doch noch eins meiner Kinder überreden, mir die Haare ein Stück abzuschneiden.
Die ganz große Schwester ist Klinikmitarbeiterin. Sie bekommt als allererste von uns allen die Coronaimpfung, die zweite schon, und liegt mit hohem Fieber im Bett. Mein Vater immerhin hat nach langen, mühseligen Versuchen nun auch einen Impftermin. Auch das wird es leichter machen, ihn wieder ohne Angst zu besuchen. In Notfällen und vielleicht auch so.

Erstmal arrangieren damit, dass das Lockdownleben einfach weitergeht. Wir sind ja schon dran gewöhnt.

Die Woche mit dem Hannoverliebsten rauscht vorbei, wir arbeiten, kaufen das Nötigste ein, kochen, spazieren durch den Schnee, schauen fern, genießen es, zusammen zu sein, liegen abends auf dem blauen Sofa und reden, bis einem von uns die Augen zufallen, sind am Morgen müde, testen ein bisschen das gemeinsame Alltagsleben.
Als er am Donnerstag dann doch in einen Zug steigt, kommt der Zwölfjährige von seinem Vater zu mir.
Da jetzt beide Kinder bei mir im Wohnzimmer arbeiten, holen wir am Freitagmorgen seinen Schreibtisch aus seinem Zimmer und stellen ihn ans Fenster. Ein Tag, drei Laptops, zwei Headsets (die reihumgetauscht werden), acht Videokonferenzen, ein Mauspad zu wenig; französische Verben, deutsche Substantivierungen, ein Selbstportrait, lineare Funktionen und Wahrscheinlichkeitsbäume, englische Texte und Videos zum Klimawandel finden hinter meinem Rücken statt; und wenn der Sechszehnjährige nicht gerade genervt schnaubt, weil jemand anderes redet, dann ist die Atmosphäre arbeitsam und konzentriert. Ein guter Tag. Es wird andere geben.

Noch sind uns keine gefrorenen Seifenblasen gelungen. Nur das Balkongeländer ist jetzt mit der zuckerigen Seifenlösung verkleistert. Ein paar Tage haben wir noch, um es auszuprobieren.

In der Coronakapsel zwischen den Jahren (20/21)

Ruhige Tage in unserer kleinen, kontaktreduzierten Lockdownblase. Coronapod, wie es in englischsprachigen Blogs manchmal heißt, Coronakapsel.

Heiligabend waren wir zu dritt, die Jungs und ich, das kennen wir nun schon seit zwei Jahren so, es war also eingespielt. Ein Spaziergang am Morgen zur ehemaligen Nachbarin, die sogar zu Hause war, ein paar Worte über den Zaun gewechselt und den kleinen Weihnachtsbeutel rübergereicht.
Hinterher zu Hause schmückten wir den Baum, der dieses Mal viel größer ist als sonst, weil die kleinen Fichten alle schon am 3. Advent ausverkauft waren. Dafür nadelt er auch mehr. Bratwürste und Sauerkraut zum Mittag; am Nachmittag ein Fernsehgottesdienst und dann ein Spaziergang bis zur Kirche im Kiez, deren Tür aber verschlossen war.
Abends dann zum ersten Mal die Kerzen am Baum angezündet, Essen mit den Familienspezialitäten – Käsepastete und schlesisches „Häckerle“ – und Sternspiel mit Geschenkeauspacken.

Am ersten Feiertag gingen die Jungs für 24 Stunden zu ihrem Vater und ich verbrachte ein paar Stunden einsam und unglücklich (verflixtes PMS) auf dem Sofa. Dann coronagerechtes Kaffeetrinken bei genau 2 Grad mit der anderen Mitmutter und ihrem Sohn in einer zugigen Holzhütte an der Spree, das rettete meinen Tag. Mit heißem Kaffee, Kerzen in Honiggläsern und viel Süßem. Jemand hatte Plätzchenengel in die Zweige der Sträucher rund um die Holzhütte gehängt, wir waren also nicht die ersten, die Weihnachten draußen feierten. Abends den Beethovenfilm angefangen, wieder einsam gefühlt, mich gegrämt, dass scheinbar alle anderen trotzdem zu ihren Familien gefahren waren, Besuch hatten, alles genau so wie immer machten. Später am Abend klingelte die andere Mitmutter dann nochmal mit einem Geschenk für mich, und aus lauter Coronafrust nötigte ich sie herein und wir verkosteten meine verschiedenen Liköre. Mit Abstand und zwischendurch Maske auf, und das war schön und rettete meinen Tag gleich nochmal.

Am 2. Weihnachtstag kamen der Elfjährige und der Fünfzehnjährige zurück; wir bestellten indisches Essen und genossen es sehr. Noch vor einem Jahr hätten die beiden gerne und viel mit mir gemeinsam spielen mögen; diesmal beschränkte sich das auf eine Runde Siedler von Catan; ansonsten bevorzugen die beiden inzwischen ihre Medienzeit oder machen etwas gemeinsam in ihren Zimmern. An dieser Umstellung knabbere ich noch ein wenig. Abends dann „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“- das verweigern sie noch nicht, außerdem ist ja ein Bildschirm im Spiel. Und außerdem hätte ich den Film sonst alleine angesehen.

Am 27. Dezember reiste der Hannoverliebste an. Seitdem spielt sich ein gemütlicher Schlendrian ein: wir schlafen bis neun, bis zehn gar; frühstücken in Pyjamas; nutzen das Auto des Hannoverliebsten für Ausflüge in den wenigen Sonnen- bzw. Lichtstunden: Müggelsee, Britzer Garten, Langer See. Wir zünden die Kerzen am Weihnachtsbaum an; füllen den Plätzchenteller nochmal und nochmal nach; schauen Filme (den Kleinen Lord, den ich tatsächlich erst letztes Jahr kennengelernt habe, und „Drei Männer im Schnee“, den ich noch garnicht kannte und der auch dem Elfjährigen und dem Fünfzehnjährigen großes Vergnügen bereitete). Am 30. der Jahresrückblick der Brauseboys im Livestream, darauf hatte ich mich mehr gefreut, als es dann wirklich lustig war; aber trotzdem, diese Berliner Lesebühne verdient jede Unterstützung und soll bitte überleben. Außerdem tranken wir per Skype Kaffee zusammen mit der großen Schwester und ihrem Mann und am nächsten Tag mit der ganz großen Schwester und ihrem Mann. (Merke: eine Weitwinkelkamera am Laptop wäre toll, weil sonst vier Personen nicht gleichzeitig zu sehen sind. Und Headsets, die man parallel an den Rechner anschließen kann, würden den Sound noch verbessern)

Silvester wollte der Elfjährige bei seinem Vater feiern, der Fünfzehnjährige aber mit dem Hannoverliebsten und mir. Um unser Einjähriges gebührend zu begehen, hatten der Hannoverliebste und ich dafür Essen in einem französischen Restaurant in Berlin Mitte (trés chic) bestellt und am Silvestermorgen abgeholt. Vier Gänge, zum Fertigstellen zu Hause: Entenbrust und Schwarzwurzeln; ein Pilzsüppchen; Hirsch-Involtini; kleine Schwarzwälder Kirschtörtchen. Leider fehlte dann beim abendlichen Auspacken ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zutaten (auch die Menge des Plastikmülls spricht nicht dafür, dieses Experiment häufiger zu wiederholen); satt wurden wir trotzdem am festlich gedeckten Tisch. Der Fünfzehnjährige trank Sekt und Wein mit uns und genoss das Großseindürfen. Um Mitternacht funkelten wir mit Wunderkerzen aus dem Fenster und riefen den Menschen auf den Balkons der anderen Straßenseite gute Wünsche fürs neue Jahr zu. Beschwippst spielten wir Uno bis zwei und wünschten uns, das nächste Silverster wieder in größerer Runde zu feiern.

Inzwischen lässt die Neujahrsmüdigkeit nach. Und unsere gemeinsame Pause zwischen den Jahren neigt sich ihrem Ende zu. Morgen schon reist der Hannoverliebste wieder ab; übermorgen schon muss das Zuhausebüro wiedereröffnen und ich zu einer Zeit am Rechner sitzen, zu der ich gerade am liebsten noch tief schlafe. Übermorgen schon muss die saLzH-Zuhauseschule wieder beginnen. Das Jahr wird Fahrt aufnehmen, sein übliches Programm aus Alltagsstrecken und Feiertagen abspulen; aus Kindergeburtstagen und Frühjahrsmüdigkeit und Steuererklärung und Heuschnupfen und Urlaubswochen und Sommerwärme und goldenen Blättern und vielleicht einer Coronaimpfung und Weihnachtsgeschenkesuche und Adventslichtern.

Was ich mir für 2021 wünsche: Mit meinen Söhnen – vor allem dem Fünfzehnjährigen – mehr ins Gespräch zu kommen und weniger zu streiten. Sie groß und selbständig werden zu lassen. Mit lieben Menschen Zeit zu verbringen, virtuell und analog, online, offline, gerne mit Umarmungen, drinnen und draußen. Dass es genau so schön bleibt mit dem Hannoverliebsten. Gelegenheiten mit fester Hand beim Schopf zu greifen und Neues zu wagen, vor allem im Beruf. Auch außerhalb von Beruf und Kernfamilie etwas zu geben, etwas beizutragen (Ehrenamt und so). Zu singen und zu tanzen. Ja, zur Not auch alleine.

Unwägbar

Das Schreiben fällt mir schwer. Dabei wäre vieles in diesem sonderbaren Jahr aufzeichnungswürdig.

Zwei Monate lang haben die Kinder wieder regulären Schulbetrieb gehabt; morgens frische Masken eingesteckt; aus der Schule gute Noten nach Hause gebracht; zu Hause erschöpft ausgeruht. Ihre Hobbies können sie nun langsam wieder aufnehmen: Schachtraining, einmal in der Woche. Das erste Turnier an zwei Wochenenden fällt nun schon wieder mit hohen Infektionszahlen in Berlin zusammen; mit Sorge denke ich an den Elfjährigen, dessen Asthma zum Glück immer noch unauffällig ist und der sich auf dem Turnier, genau wie auf seinem Schulweg ins Risikogebiet Friedrichshain, tapfer mit FFP2-Maske schützt. Der Fünfzehnjährige geht wieder zu den Angeboten der kirchlichen Jugendarbeit, nur die Wochenendreisen finden noch nicht statt, auf denen er im letzten Winter so viel Spaß hatte.

Immerhin einen ganzen Tag habe ich in diesen zwei vergangenen Monaten im Büro gearbeitet und das als sehr angenehm empfunden. Trotz aller guten Vorsätze kamen danach immer Termine dazwischen (wie habe ich das früher gemacht: Büroarbeit UND Nachmittagstermine?) und jetzt wieder die steigenden Infektionszahlen, so dass ich weiter zu Hause arbeite; mal motiviert und mal nicht. Einmal hat sich das ganze Team getroffen, abends im Park auf zwei Stunden gemeinsames Picknick; jeder auf seiner Decke. Das Essen, das eigentlich jeder für sich mitgebracht hatte, wurde dann doch herumgerecht, aber niemand ist krank geworden.

Der vor uns liegende Winter macht mir Angst. Was im Frühjahr noch auszuhalten war, weil es auf den Sommer zu ging, weil es wärmer und heller wurde, fällt mir jetzt immer schwerer: die Isolation zu Hause, keinen Besuch zu bekommen; nicht leichten Herzens Essen gehen zu können, nicht in die Sauna, nur mit Bedenken ins Kino – und das alles gleich gar nicht mehr, seit Berlin höhere Infektionszahlen hat als im März und April.

Meiner Traurigkeit versuche ich kleine Routinen, kleine Freuden entgegenzusetzen. Es ist schön, wenn der Orion morgens um sechs Uhr über dem Hinterhof steht. Wenn die Kinder gefrühstückt haben, erledige ich den Abwasch und wenn sie losgegangen sind, mache ich Morgengymnastik (35 Sekunden lang kann ich die „Planke“ schon halten – und hege den geheimen Vorsatz, über diesen Winter auf 2 Minuten zu kommen) und gehe meine Morgenrunde am Wasser. Kaffee und Grüntee stehen bereit, wenn ich den Rechner hochfahre. Abends gibt es oft warmes Essen. Stehen keine Termine an, spielen wir zu dritt noch eine Runde Skat und eine Runde Doppelkopf. Am Bett liegt ein Krimi zum Abschalten und besseren Einschlafen; die Mediathek hat neue Folgen der Serien, die ich mag.
Die Wochenenden ohne Kinder verbringe ich in Hannover, manchmal fahre ich auch nach Weimar, wo mein Vater stückchenweise mehr Hilfe braucht. Aber auch dabei Bauchschmerzen und Bedenken: werde ich den ganzen Winter über reisen können? Wage ich mich zu meinem Vater, wenn die Infektionszahlen in Berlin noch weiter steigen?

Unser Herbstferienurlaub im Waldhäuschen jedenfalls hängt nun von mehreren Unwägbarkeiten ab. Wird die Ärztin, deren nette Sprechstundenhilfe uns Coronatests zugesagt hat, diese Tests dann doch dringender für Kinder mit Symptomen benötigen? Wird das Testergebnis den Weg zu uns vor Ablauf von 48 Stunden finden? Wird ein Ferienhäuschen schon am Tag vor unserer geplanten Anreise frei sein, so dass wir die Anreise in die 48-Stunden-Frist nach unserem Test vorverlegen können? 480 Euro hätte ein selbstfinanzierter Schnelltest für uns drei gekostet. Die Termine an den beiden Tagen vor unserer geplanten Reise waren schon alle ausgebucht.
Meinen Kindern, die doch auch unter der ganzen Situation leiden und die ich nicht davor schützen kann, sich in der Schule oder auf dem Weg dorthin mit Corona zu infizieren, jetzt sagen zu müssen, dass unser Urlaub wahrscheinlich ausfallen muss, ist mehr als bitter. Wir haben an keiner einzigen illegalen Party teilgenommen – noch nicht mal an einer legalen. Wir leben in einem Berliner Bezirk mit niedrigen Infektionszahlen. Aber das hilft uns nichts.
Ja, als ungerecht empfinde ich es, dass kein klares Reiseverbot für die Einwohner von Risikogebieten ausgesprochen wird. Das Türchen, dass da offengelassen wird – Reisen mit einem negativen Coronatestergebnis erlaubt, wenn das nicht älter als 48 Stunden ist – bevorzugt ganz eindeutig reiche Menschen und solche, die Ärzte kennen. Wenn es diese Reiseoption gibt, dann müssten auch ausreichend Tests angeboten werden. Für alle.

Ab und zu – zum Glück gelingt das – muss ich die Dinge wieder in Perspektive rücken: Auch wir sind privilegiert. Gesund und ohne Existenzangst. Genug Essen im Kühlschrank, die Heizung läuft. Familie und Freunde immerhin per Textnachricht präsent, und abends sagt mir der Hannoverliebste am Handybildschirm gute Nacht.

Wir werden auch über diesen Winter kommen (won’t we?).

WmdedgT – 6/2020

Gestern hat Schreiben nirgendwo dazwischengepasst; also heute nachträglich der Tagebucheintrag für den 5. Juni. Frau Brüllen fragt wie immer, was wir am 5. einer Monats machen; und alle Beiträge für gestern finden sich hier.

Gestern gab es viele Routinen, die wegen Homeoffice/Homeschool gerade jeden Tag so ablaufen. Also: Wecker um zehn nach sieben (ich were es nie wieder hinkriegen, um 5.45 aufzustehen…), ein kurzer Blick auf den Balkon, Bad, ein paar halbherzige Gymnastikübungen zu den Morgeninfos vom Deutschlandfunk. Frühstück gibt es kurz vor acht und ein paar Minuten vorher mache ich die Türen zu den Jungszimmern auf und versuche die Frühstücksankündigung wie einen verlockenden Grund zum Aufstehen klingen zu lassen.

Frühstück geht schnell; der Fünfzehnjährige muss ans Ritalin erinnert werden (würde er selbst daran denken, könnte man es vermutlich auch weglasse); der Elfjährige an die hübsch geschälten Birnen, die ich ihm hingestellt habe (würde er sie ohne Aufforderung essen, müsste ich die nicht mehr extra hinstellen). Hinterher wird auf dem Küchentisch der Arbeitsplatz des Fünfzehnjährigen eingerichtet, weil es hier weniger Ablenkung gibt als in seinem Zimmer.

Die Jungs ziehen sich an; ich melde mich schonmal im Homeoffice an und sehe meine Mails durch. Dann setze ich mich zum Fünfzehnjährigen, solange der seine Nachrichten sichtet, seine Teams für alle Schulfächer durchsieht und sich seinen Tages-Arbeitsplan schreibt. Der ist mal wieder viel zu lang. Erfahrungsgemäß kann der Fünfzehnjährige pro Tag nicht für mehr als vier Fächer arbeiten, weil die Aufgaben oft umfangreich sind und lange dauern. Sechs verschiedene Fächer auf dem Stundenplan plus Nacharbeit für Fächer, in denen aus genau diesem Grund Aufgaben liegengeblieben sind, ist also schwierig. Der Elfjährige sitzt schon am Wohnzimmertisch und hat sich selbst einen Überblick verschafft, was zu tun ist.

Ich nehme einen Kaffe mit an meinen Rechner und arbeite. Zwischendrin: Abwechselnd kommen die Kinder mit ihren Laptops zum Drucker neben meinem Schreibtisch und drucken Arbeitsblätter. Vokabelfragen des Elfjährigen. Schnell die Bezeichnung für einen Teil der Blütenpflanze googeln, den der Elfjährige nicht selber findet. Regelmäßige Kontrollgänge in die Küche: Fünfzehnjähriger, arbeitest du wohl? 10.30 das tägliche Online-Meeting mit dem Noch-Chef. 11.30 bereite ich ein improvisiertes Essen vor (manchmal koche ich abends für den näcshten Tag vor, das würde hier viel besser klingen, aber gestern nun gerade nicht): Gemüsereste, Erbsten aus der Dose, gekochte Kartoffeln vom Vortag; ich bitte den Fünfzehnjährigen, um 12.15 Reis anzusetzen und die anderen Sachen warmzumachen. 12 Uhr nächstes Online-Meeting, danach Telefonat mit der Bald-Chefin, die – oh nein, das ist unprofessionell – in der Diskussion über die Notwendigkeit, sinnvolle Backup-Regelungen zu schaffen, plötzlich von der Krebserkrankung einer Mitarbeiterin in ihrem alten Team erzählt und sogar den Namen nennt.

Der Fünfzehnjährige hat noch keinen Reis aufgesetzt, also mache ich das schnell, wir essen um Viertel nach eins. Hinterher arbeite ich ab, was sich aus dem Telefonat mit der Bald-Chefin an Aufgaben ergeben hat. Arbeitsende trotzdem pünktlich um 15 Uhr. Der Fünfzehnjährige ist noch nicht so weit; also darf ich die Küche noch nicht betreten. Lese stattdessen dem Elfjährigen vor, wir haben ja gerade viel gemeinsame Freude an Terry Prattchet (und man muss auch nur ganz wenige Stellen weglassen, die dem Elfjährigen noch keinen Spaß machen würden). Gegen vier hat dann auch der Fünfzehnjährige erstmal Schulschluss und wie erwartet nur das Minimalprogramm von seiner Liste ist abgearbeitet. Ich erledige den Abwasch, während Bukahars Album „Canaries in a Coal Mine“ Wochenendstimmung verbreitet, und koche dann Hollunderblütengelee, für das wir am Tag vorher Blütendolden in Zitronenwasser angesetzt haben.

Um fünf baut der Elfjährige in seinem Zimmer das schnellere Laptop auf und meldet sich zum Online-Schachtraining an. Beim letzten Mal haben wir mehr als eine Stunde mit der Technik gekämpft; dieses Mal klappt alles auf Anhieb. Der Fünfzehnjährige erledigt den Einkauf, ich kümmere mich so lange um ein paar Gelddinge und Mails. Außerdem ist gerade noch genug Zeit, um einen im Internet geliehenen Film (purer Eskapismus) fertigzuschauen, bevor die Leihfrist ausläuft.

Kurz vor sieben ist der Fünfzehnjährige zurück und macht Abendbrot – die Helfe-Liste, in der die Jungs sich jeden Morgen für zwei Pflichten eintragen, funktioniert immer noch gut. Ich koche derweil Hollunderblütensirup, für den wir auch schon einen duftenden Topf mit Blüten und Wasser im Kühlschrank stehen haben. Fürs Tischabräumen hat sich der Elfjährige eingetragen, also kann ich nach dem Essen noch ein Schulproblem mit dem Fünfzehnjährigen besprechen und ihn eine entsprechende Mail schreiben lassen.
Ich schicke dem Hannoverliebsten eine Nachricht und frage, wann ich am nächsten Wochenende anreisen soll, und er ruft sofort zurück. Total multimedial – ich habe den laufenen Videoanruf am Handy neben dem Laptop mit der Bahn-Seite stehen – kaufe ich mir Fahrkarten fürs nächste Wochenende. Die blöde Bahn hat seit Januar definitiv die Preise erhöht, trotz Mehrwertsteuersenkung. Ein Festnetzanruf unterbricht unsere Multimediasession; ich verbringe eine gemütliche Stunde auf dem Sofa mit dem klassischen Telefon am Ohr; schaue dann nochmal nach den Jungs und bringe kurz nach zehn den Elfjährigen ins Bett.

Gegen halb elf sitze ich selbst im Schlafanzug in meinem kleinen Schlafzimmer und rufe nochmal in Hannover an. Später noch ein paar Seiten „Lara“ von Bernardine Evaristo (von der ich hoffe, dass sie bald ins Deutsche übersetzt wird, damit ich ihre großartigen Bücher weit gestreut verschenken kann). Licht aus. Schlafen.

Bienen kommen

Nach ein paar wirklich anstrengenden Wochen beginnt das Leben sich leichter anzufühlen.

Mecklenburg-Vorpommern nimmt wieder Touristen auf, und dem Hannoverliebsten gelingt es, eine Ferienwohnung in Kühlungsborn für uns zu buchen. Pfingsten am Meer: Sonnenuntergang in blau und rosa; der Mond in Tagschicht; Kitesurfer mit bunten Gleitschirmen, die den starken Wind vor Heiligendamm nutzen, um weit hinaus aufs Meer zu gleiten und gegen den Wind mit atemberaubender Geschwindigkeit zurückzukommen; und natürlich renne auch ich in die rauschenden Wellen und fühle mich so lebendig wie lange nicht mehr.

In Kühlungsborn erreicht mich am Pfingstfreitag auch die gute Nachricht, auf die die ganz große Schwester und ich gewartet haben: Dänemark hat vor, die Grenzen für Ferienhaustouristen zu öffnen. Wir werden unseren Urlaub an der Lieblingsküste auf Falster machen können. Noch vier Wochen, noch 19 Tage Arbeit und 16 Tage Schule. Jetzt zähle ich wirklich runter.

Und das hilft, damit es auch zu Hause ein wenig leichter wird.
Leichter, das Chaos aus Bügelwäsche, Schulheftern, Kabeln, Laptops und schmutzigem Geschirr zu ertragen. Leichter, dem Fünfzehnjährigen zuzustimmen, dass seine Aufgaben wirklich aufwändig sind. Und eigentlich zu viele. Leichter, den Elfjährigen zwischen den Schulstunden bei mir und den Nachmittagen bei seinem Vater hin- und herhüpfen zu lassen. Leichter, obwohl das Gras auf dem Mittelstreifen der großen Straße nach drei heißen Tagen augustreif verdorrt ist und obwohl die sterbenden Bäume im Wald jetzt so viel besser zu sehen sind. Trotzdem leichter.

Ich kaufe Erdbeeren und Auberginen und Blumenkohl und Melone und Spargel und habe Lust, uns richtig schönes Essen zu kochen. Ich hole das Rezept für Hollundersirup hervor und setze Brennesselsud an, um die Blattläuse zu bekämpfen, die meinen Balkon für ihr persönliches Nirwana halten. Ich gehe raus, abends noch, mit der anderen Mitmutter in den Wald oder alleine die Gänserunde am Wasser.
Ich erlaube mir, nicht alles zu schaffen: nicht meine kompletten Arbeitsstunden; nicht die volle Konzentration; keine häuslichen Optimierungsprojekte, kein Sauerteigbrot, keine tägliche Meditation. Es darf alles so sein, wie es ist; wir müssen uns dabei noch nicht mal gut fühlen. Aber wir dürfen auch glücklich sein.

Mittags zum Beispiel, wenn ich mit einem Kaffee auf meinem Balkon Pause mache, wo gerade alles dschungelartig wuchert. Die Ringelblumen blühen und die Kornblumen, die Fuchsie und die Tomaten. Die wilden Malven haben so viele Knosten wie nie zuvor; Bienenfutter und Männertreu öffenen täglich neue Blüten. Die Bienen sind wiedergekommen und berauschen sich dran.

Draußen und drinnen

Draußen bei meiner Morgenrunde sehe ich den Fuchs am Papierkorb schnüffeln und den Reiher in der Morgensonne stehen. Die Gänsefamilien schwimmen auf dem Kanal, den Küken wachsen schon Federn auf den Flügeloberseiten und am Bürzel. Am Abend weiden sie am Ufer Gras und kommen dicht an den Elfjährigen und mich heran. Wir stehen ganz still. Ein Mann aus der Nachbarschaft erzählt vom Biber, der abends vorbeischwimmt; und davon, wie er Fuchsfähe und Krähen füttert. Derweil guckt eine Maus aus einem der vielen Löcher an der Uferbefestigung und huscht dann wieder in die Tiefe. Auf dem Rückweg wohnt ein Eichhörnchen an der Strecke; und der Baum mit dem Starenloch zwitschert noch immer laut; die Alten fliegen fleißig mit Futter heran. Auf meinem Balkon baden die Spatzen in der Bienentränke und hinterlassen… Hinterlassenschaften. Schwebfliegen stehen zwischen den Blättern der wilden Malve, die Schwertlilie blüht, mit den Blüten der Katzenminze ist eine Biene beschäftigt.

Drinnen wächst dem Fünfzehnjährigen die Schularbeit über den Kopf. Die letzte Motivation geht flöten, als Lehrer plötzlich Aufgaben stellen, die auf anderen Aufgaben aufbauen, die der Fünfzehnjährige garnicht bekommen hat. Jeden Morgen Mails sichten, Teams durchsuchen (auch die ausgeblendeten), Aufgaben aus dem einen Präsenztag im Kopf behalten, Liste schreiben. Lange und kurze Abgabefristen, Präsentationen, Ausarbeitungen, Vokabeln, Gruppenarbeit, die nicht funktioniert.
Streit. Rauschender Abgang des Fünfzehnjährigen zu seinem Vater, bei dem zwar wegen des Babies keine besondere Ruhe herrscht, der aber weniger streng kontrolliert, ob die Schulaufgaben erledigt werden.
Der Elfjährige hat es besser im Griff, wir stellen fest, dass wir keinen schwarzen Filzstift haben und dass Edding sich für das Filterexperiment zu den Bestandteilen schwarzer Filzstiftfarbe nicht eignet. Zwei Fineliner finden sich dann doch noch und liefern wunderschöne Farbverläufe. In der Anton-App darf zur Belohnung gespielt werden, warum auch nicht, das motiviert.

Meine Kopfschmerzen gehen auch mit Tabletten kaum noch weg, die Konzentration auf meine eigene Arbeit ist futsch, Fehler passieren. Der Klassenlehrer des Fünfzehnjährigen kann auch noch nicht sagen, was für Schulunterricht es nach den Sommerferien geben wird. Und wie viel. Beide Kinder zusammen haben bis zu den Sommerferien in sechs Wochen noch fünf (FÜNF!!!! in fünfeinhalb Wochen!!! BEIDE Kinder zusammen!!!) Präsenztage, die sich nicht überlappen. In den Zeitungen ist von „Schulöffnungen in Deutschland“ die Rede und die Elterngeld-Sonderregelungen laufen aus, sagt das Radio. Nicht, dass ich welches kriegen würde, ich darf ja Homeoffice. Zur Not auch für immer. Lachen oder Weinen, je nach Tagesform. Irgendwann gebe ich auf und lasse mich krankschreiben, das wird wahrscheinlicher, je länger dieser Zustand andauert.

Draußen auf der Ausfallstraße rauscht der Verkehr fast schon wieder so laut wie vor der Coronakrise.

WmdedgT – 5/2020: Digitaler Alltag

Gefühlt ist irgendwie noch immer Mitte März, oder? Seitdem ist zwar Zeit vergangen, aber irgendwie nicht auf die gleiche Weise wie sonst. Trotzdem ist schon wieder der 5. – und Frau Brüllen fragt uns, was wir eigentlich den ganzen Tag so machen. Links zu allen Beiträgen gibt es bei ihr.

Mein Wecker klingelt um zehn nach sieben. Das ist angenehm, vor allem, wenn der Abend mal wieder lang war; oft wird er das, am Telefon mit dem Hannoverliebsten. Ich brauche ein paar Minuten, um mich zu motivieren, die Augen aufzumachen. Dann gehe ich mit dem kleinen Radio ins Zimmer des Elfjährigen (der bei seinem Papa ist) und mache zu den Informationen-am-Morgen ein bisschen Gymnastik. Hinterher Bad. Dann bereite ich das Frühstück vor: Kaffee, Tee, Toast, Marmelade, Käse. Zehn vor acht wecke ich den Fünfzehnjährigen. Wir frühstücken zusammen.

Kurz vor halb neun ist der Küchentisch abgeräumt und das Laptop des Fünfzehnjährigen aufgebaut – sein Schularbeitsplatz. Wir gehen gemeinsam die Emails der Lehrer durch und der Fünfzehnjährige schreibt eine Liste aller Aufgaben, die er heute bearbeiten muss und eine zweite Liste mit Aufgaben, die er in den nächsten Tagen bearbeiten muss und schon vorliegen hat. Während ich mich an meinem Dienstrechner anmelde, klingelt der Elfjährige. Sein Arbeitsplatz ist am Wohnzimmertisch, wenn ich am Schreibtisch sitze, ist das direkt hinter meinem Rücken. Nachdem wir ein paar Netzwerkprobleme behoben haben, geht das Arbeiten los. Immermal trägt eins der Kinder seinen Laptop zum Bügelbrett, das rechts neben meinem Schreibtisch steht, stöpselt sich am Drucker an und druckt Arbeitsblätter aus. Der Elfjährige hat heute seinen Seufzertag: Geschichte und Geografie, insgesamt drei Stunden, das macht ihm keinen Spaß. Der Fünfzehnjährige ist sowieso nicht besonders intrinsisch motiviert und muss alle halbe Stunde gefragt werden, woran er gerade arbeitet. Immer hilft das auch nicht – es taucht auch heute wieder eine Rückmeldung der Französischlehrerin auf, die dazu führt, dass am Nachmittag noch etwas aus der letzten Woche nachgearbeitet werden muss.

Halb elf ist mein tägliches Teammeeting – keine besonderen Vorkommnisse. Der Chef freut sich auf seinen Friseurtermin, ein Kollege ist im Büro, das macht mich ein bisschen neidisch. Zwischendurch ruft der Vater meiner Kinder an, um ein paar Sachen abzusprechen; und dann telefoniere ich der Asthmaärztin des Elfjährigen hinterher, denn in der Ankündigung der Schule des Fünfzehnjährigen, dass nächste Woche ein Präsenz-Schultag (vier Stunden zu je 60 Minuten in Gruppen von acht Schülern) stattfinden wird, stand auch, dass Schüler, die in einem Haushalt mit Personen leben, die einer Risikogruppe angehören, die Schule nicht besuchen dürfen. Das muss also möglichst schnell geklärt werden.

Bis zum Mittag habe ich trotz aller Unterbrechungen auch etwas Büroarbeit erledigt. Der Fünfzehnjährige hat gestern Nudelsauce nach Art der großen Schwester vorgekocht, also muss ich nur Nudeln machen. Wir essen am Wohnzimmertisch, zwischen den Schulsachen, die der Elfjährige gerade aufräumt, dem neuen großen Puzzle und den Stoffzuschnitten für weitere Schutzmasken (weil die Kinder ja spätestens für ihren Schulweg auch welche brauchen werden). Der Elfjährige hat seine Aufgaben erledigt und geht wieder zu seinem Vater; der Fünfzehnjährige macht kurz Pause, ich gieße mir eine Tasse kalten Kaffee ein und setze mich zusammen mit meinem Mittagstief an den Rechner. Zum Glück wenig zu tun. Im Homeoffice darf man in diesem Fall ein bisschen Musik hören, finde ich; außerdem lese ich bei umstandslos die Artikel zum Elternsein in Coronazeiten und bin ganz berührt von der Fülle der Erfahrungen, die dort zur Sprache kommen. Gegen eins geht dann auch der Fünfzehnjährige zu seinem Vater, denn der hat Zeit, bei den schwierigen Fächern (wieder Geschichte, wieder Geografie – dabei machen die dem Fünfzehnjährigen sogar Spaß, wenn er sich den Stoff nicht allein erarbeiten muss) zu helfen. Ich arbeite ein bisschen. Zwischendurch ruft die Asthmaärztin zurück und beruhigt mich – beide Kinder dürfen zur Schule gehen, wenn Präsenzunterricht angeboten wird.

Gegen drei klappe ich mein Laptop zu und räume die Wohnung auf. Dann bringe ich meine Zähne auf Hochglanz und packe zwei Schutzmasken ein. Kurz nach halb vier bin ich mit dem Elfjährigen verabredet; wir haben beide unseren Kontrolltermin beim Zahnarzt. Die Praxis ist supergut coronaorganisiert: wir warten am Eingang, bis das Wartezimmer frei ist, desinfizieren uns die Hände, ich stecke selbst die Chipkarten ins Lesegerät, das gleich hinterher von der Arzthelferin für den nächsten Patienten desinfiziert wird. Unsere Schutzmasken dürfen wir erst auf dem Behandlungsstuhl ablegen; der Arzt und seine Assistentin tragen Plexiglasvisier und Handschuhe. Sehr beruhigend. Zum Glück ist alles in Ordnung, wir sind ganz schnell wieder draußen. Der Elfjährige geht nach Hause, ich gehe noch zur Juwelierin, die meiner Armbanduhr eine neue Batterie eingesetzt hat und zum Schreibwarenladen. In der Apotheke frage ich nach Einmalhandschuhen, mit denen ich mein Asthmakind in der S-Bahn ausrüsten will, wenn auch seine Schule Präsenztage anbietet: ausverkauft. Immerhin bekomme ich ein paar Papiermasken für den Fall, dass der Elfjährige unter den Stoffdingern doch nicht genug Luft bekommt.

Zu Hause erstmal ausgiebiges Händewaschen. Dann koche ich vor: Maisauflauf und Bohnensalat. Aus den Resten von heute Mittag mache ich ein warmes Abendessen für mich und den Fünfzehnjährigen. Der Abwasch muss auch erledigt werden. Nach dem Abendessen stelle ich mir Musik an und nähe vier Stoffmasken – eine für den Fünfzehnjährigen, eine für den Elfjährigen und noch zwei für mich. Leider ist der schöne blaue Stoff jetzt aufgebraucht, durch den es sich relativ angenehm atmet, weil er in seinem früheren Leben als Bettlaken schon so oft gewaschen wurde, dass er ganz dünn und weich geworden ist. Dafür sind meine neuen Masken in grün und rot sehr hübsch. Der Fünfzehnjährige hat sich unterdessen in die virtuelle kirchliche Jugendgruppe eingewählt und klingt von weitem sehr fröhlich.

Ich räume noch eine Runde auf und setze mich dann bei vorteilhaftem Licht in den Sessel, um noch ein Videotelefonat mit dem Hannoverliebsten zu führen. Um halb zehn kommt der Fünfzehnjährige aus seinem Zimmer und sagt kurz Hallo. Ich stoße kurz virtuell mit der Patentante des Fünfzehnjährigen an (unser Abendritual ist das) und nehme mir dann noch ein paar Minuten Zeit für den Fünfzehnjährigen. Als mir einfällt, dass heute der 5. Mai ist, fällt mein täglicher Vorsatz, endlich einmal früher schlafen zu gehen, dann doch wieder ins Wasser.

Macht nichts. Der Wecker klingelt ja erst kurz nach sieben…

Männer in geblümter Schutzmaske

Coronapandemie, Woche sechs der Kontaktbeschränkungen.

Nein, falls der Eindruck entstehen sollte: Es geht bei uns oft nicht harmonisch zu. Nicht, wenn der Fünfzehnjährige von seinem Vater zurückkommt, ohne in der Papaferienwoche – worum ich seinen Vater aus begründetem Verdacht dringend gebeten hatte – eine Liste angefertigt zu haben, welche Schulaufgaben er vor den Ferien nicht bearbeitet hat. Ganz besonders nicht, wenn in einem zweistündigen eMail-Lese-Marathon gemeinsam mit mir dann herauskommt, dass der Fünfzehnjährige in den zwei Wochen vor den Ferien eigentlich garnicht für die Schule gearbeitet und Lehrern, die Aufgaben eingefordert haben, irgendetwas von hohem Fieber geschrieben hat.

Die Woche fing also unharmonisch an – Türenknallen, Geschrei und Tränen – und wurde im weiteren Verlauf recht… arbeitsam. Ich habe kapiert, dass der Fünfzehnjährige – so gerne er das auch hätte und so vehement er das auch behauptet hat – eben nicht alleine damit klarkommt, die zehn bis zwanzig eMails am Tag zu lesen, die seine Lehrer munter versenden; herauszusuchen, was er zu tun hat, es zu bearbeiten und pünktlich abzugeben. Und dabei den Verlockungen von youtube zu widerstehen, das am Computer immer nur einen Klick entfernt ist und mit unendlicher Zerstreuung lockt! Da hilft auch sein Ritalin nicht, für das ich trotzdem im Moment sehr dankbar bin. Der Fünfzehnjährige bekommt jetzt also engmaschige Unterstützung, zum Glück ist die Bürowoche (trotz Krankmeldung meines dauererschöpften Kollegen) ruhiger, als die letzten es waren. Der Elfjährige kommt mit den technischen Rahmenbedingungen der Schule zu Hause inzwischen gut klar, druckt Arbeitsblätter aus, meldet sich bei immer neuen Lernplattformen an, fotografiert seine Arbeitsergebnisse und lädt sie in den Lernraum. Seine Lehrer werden kreativer, er bastelt Jonglierbälle aus Luftballons und mischt mit Öl und Eiweiß Malfarben quer durchs Gewürzregal (merke: Curry und Kakaopulver funktionieren besser als Cayennepfeffer). Außerdem hat er den ersten Livechat-Unterricht, immerhin 20 Minuten, von denen die letzten zehn leider einer technischen Störung zum Opfer fallen.

Nachmittags geht der Elfjährige in den Hinterhof und spielt mit seinem Stiefbruder. Manchmal auch mit anderen Kindern; den Abstand, den ich predige, halten sie natürlich nicht immer ein, aber die Erwachsenen im Kiez nehmen das auch nicht ernster. Währenddessen arbeitet der Fünfzehnjährige bis abends wenigstens diejenigen Schulfächer nach, in denen die Lehrer das dringend verlangt haben. Immerhin wird es Zeugnisnoten geben und die entstehen ja irgendwie.

Am Donnerstag verlasse ich den Kiez – zum dritten Mal seit Mitte März – und fahre zu einem Arzttermin. Obwohl die Schutzmaskenpflicht für die Berliner öffentlichen Verkehrsmittel schon beschlossen ist und das Virus bis zum Inkrafttreten dieser Pflicht am Montag sicherlich nicht weniger ansteckt, sitzen die meisten Leute noch ohne Maske in der Bahn. Ich beginne, das ziemlich unsolidarisch zu finden.
Die Arztpraxis ist nicht weit von meinem Büro entfernt, in dem angeblich mein lange erwartetes Zwischenzeugnis liegt; also gehe ich dort kurz vorbei, schwatze mit zwei Kollegen, denen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt und die deshalb per Fahrrad ins Büro kommen, stelle zwei Orchideen und einen Gummibaum – die trotz der fünf Wochen ohne Wasser noch leben – bei ihnen unter und klopfe vergebens an die Türen in der Personalabteilung.

Ansonsten? Ein Waldspaziergang. Zwei kleine Morgenrunden, draußen, bei denen ich die fünf Gänsefamilien mit ihren Küken aufscheuche, die auf der versteppten Fläche am Wasser nach ein paar letzten grünen Halmen suchen. Zweimal Gymnastik und eine Online-Bauchtanzstunde. Viel Telefonzeit mit dem Hannoverliebsten. Keinen Teppich bestellt, keine sim-Karte aktiviert, keine Fotos sortiert. Grundgefühl Sorge: Werden die Fallzahlen wieder ansteigen, nachdem nun die Läden öffnen und die coronamüden Berliner fröhlich und mit weniger als anderthalb Metern Abstand voneinander zur Normalität zurückkehren? Werden wir den Sommer hier eingesperrt verbringen müssen, wenn es neue Einschränkungen gibt?

Im Supermarkt immerhin werden an diesem Samstag deutlich mehr Masken getragen. Interessiert schaue ich mir die verschiedenen Modelle an (zeig mir deine Maske und ich sage dir, wer du bist…) und freue mich besonders an der Blümchendruckvariante, mit der ein Mann im Familienvateralter durch die Gänge kreuzt. Oder sind die runden Dinger auf seiner Maske am Ende Bilder von bunten, knubbeligen Coronaviren?
Aus zwei Metern Abstand ist das nicht zu erkennen.