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Im Advent (10)

Ein Kinderlostag also. Arbeiten…, dann schnell mit dem Rolli voller zu klein gewordener Kindersachen (obenauf noch allerlei verrutschende Tüten mit Spielzeug, so dass ich vielleicht ein kleines bisschen so aussehe wie eine Bag Lady – bilde ich mir das nur ein, oder gucken alle Leute plötzlich an mir vorbei?) in die S-Bahn und durchs finstere Lichtenberg in den kleinen Secondhandladen der Kinderkrebshilfe. Die vielen Tüten loszuwerden macht viel glücklicher, als im glitzerigen Ringcenter was zu kaufen, das muss ich heute zum Glück auch nicht.

Halb sechs zu Hause.

Auf dem Anrufbeantworter der Sechsjährige: „Mama ist nicht da! Nur der Anrufbeantworter dran!“ und sein Papa: „Na, sprich ihr doch was drauf!“ – woraufhin das Band voll ist und die Aufnahme abbricht. Ich rufe zurück, mein kleiner Sohn kommt vorbei, um ein paar Fußballkarten abzuholen, mit denen er gern spielen möchte.

Eine Stunde später sitze ich mit dem Strickzeug in der Hand vor einem Film. Telefon. Der Zehnjährige ist dran. „Mama, ich muss morgen meinen Englisch-Vortrag als Poster gestalten und brauche noch Fotos von mir und von der Familie!!! Kannst Du mir helfen, Papa hat keine!“ – Der Zehhnjährige kommt vorbei, wir wühlen uns durch die Sedimentschichten in der Fotorestekiste. Kleine Aufkleber vom Kita-Fotografen aus fast jedem Lebensjahr. Ein aktuelles Passbild. „Mama, hast Du vielleicht ein Foto von meiner Schule?“ Äh… wieso sollte ich? Wir müssen ein Schuleinführungsfoto aus dem Fotoalbum rupfen. Immerhin sind auf dem auch mal Mama, Papa und beide Kinder zusammen drauf, solche Familienfotos gibt es von uns ja sonst nicht – aber genau das möchte mein Sohn auf dem Poster zeigen, auf dem er sich selbst vorstellt. Und das schöne Foto von mir mit ihm und seinem Bruder auf der Kur, das im Wechselrahmen auf meinem Schreibtisch steht, staubt er auch noch ab. „Danke Mama!“ – und weg ist er.

Eine halbe Stunde später ruft der Vater meiner Kinder an, mit dem ich eigentlich am Abend zum Termine-Absprechen verabredet bin. Jetzt sagt er ab, zu müde – ob wir wohl einen anderen Termin finden können? Ich muss bloß noch mal schnell zu ihm rübergehen, um wenigstens das Formular für die Anmeldung zur Hort-Fahrt im nächsten Sommer zu ihm zu bringen, das morgen in der Schule abgegeben werden muss.

Pffff. Endlich Ruhe. Ich stelle meinen Film wieder an und frage mich, wie sie eigentlich zurechtkommen, wenn ich mal nicht zu Hause bin.

Aber eigentlich… ist es total schön, dass das alles so unkompliziert geht.

All das geschieht

Genau an dem Tag, an dem die Attentate in Paris stattfinden, habe ich dem Vater meiner Kinder zögernd erlaubt, den Zehnjährigen zum ersten Mal nicht nur allein zu seiner Therapiestunde fahren, sondern auch allein zurückkommen lassen, durch diesen finsteren Herbstabend und mit Umsteigen an einem der ganz hektischen, meistens gedrängt vollen Bahnkreuze in Berlin.

Erschrecken, Trauer, hilfloser Zorn. Egoistische Ängste, um mich und meine Kinder: Wird Berlin von so etwas verschont bleiben? Oder müssen wir zukünftig unser Urvertrauen in diese herrliche Sicherheit aufgeben, mit der wir uns in unseren Städten bewegen? Plötzlich wird mir klar, wie kostbar das ist: einfach rausgehen können, überallhin in der Stadt, fast überall und fast jederzeit angstfrei; meinen Kindern einen zunehmend größeren Freiraum in Berlin lassen zu können.


 

Ansonsten: auf eine Woche ohne meine Kinder (in der ich arbeite; mich mit der feministischen Kritik am Konzept der Selbstfürsorge beschäftige, endlich mal wieder in die Sauna komme, dem Sechsjährigen einen Schrank mit Türen und viele, viele Deckelkisten für sein Spielzeug bestelle, zum Kurzfilmfestival „Interfilm“ gehe, endlich das hochkomplexe Lochstrickmuster bezwinge und darüber so stolz bin, als hätte ich den Stein von Rosette entziffert und in der ich einen ganzen herrlich erholsamen Sonntag lang einfach nur allein in der Wohnung herumbröddele) folgt eine Woche mit meinen Kindern, der Sechsjährige, erfahre ich am Montagmittag von seinem Vater, ist mit Angina krankgeschrieben – also eine Woche zu Hause.

Und das mit dem Zuhausebleiben-Müssen-Dürfen finde ich eigentlich richtig gut. Wann verbringe ich schon mal so viel Zeit mit einem meiner Kinder? Sobald es dem Sechsjährigen (dank Antibiotikum dauert das nicht lange) besser geht, verwandeln wir die Wohnung in eine chaotische Kreativwerkstatt, bemalen Geschenktütchen, falten Origamisterne (der Zehnjährige bringt sich die mehrdimensionalen einfach so nach Anleitung bei und danach mir), basteln endlich – ein jahrelang gehegter Plan – einen Einzelsocken-Adventskalender aus den schönsten Socken meiner umfangreichen Einzelsockensammlung und backen die ersten Plätzchen.

Aber das ist nur die eine Seite dieser Krankheitswoche.

Denn seit der Sechsjährige in der Lage ist, sich auch mal zwei Stunden am Stück selbst zu beschäftigen, ist das mit den Krankschreibungen im Kinderkrankenfall nicht mehr so einfach. Mein Chef findet es total ungünstig, dass ich mitten in dieser besonders arbeitsintensiven Zeit vier Tage lang zu Hause zu bleiben gedenke. Aber es gibt ja VPN… und so verbringe ich die Zeit damit, zwischen meinem Kind und unseren Kreativprojekten und meinem Rechner mit dem vollen Posteingang hin- und herzuspringen. Morgens zwei Stunden Arbeit oder ein bisschen mehr – dann eine Runde raus an die Luft. Einkaufen. Essen machen. Zwanzig Minuten schlafen, soviel Luxus muss sein. Kaffee kochen. Nochmal zwei Stunden arbeiten, bis der Zehnjährige nach Hause kommt. Auch abends gibt es dringende Arbeit, die überlasse ich größtenteils meiner Kollegin, dafür habe ich meinem Chef den Samstag versprochen. Weil das sonst schon wieder meine Kollegin – ja, die mit dem Baby – übernehmen würde. Weil das die Dinge sind, an die sich der Chef erinnert. Und weil ich im Alltag die Flexibilität gut brauchen kann, die mir die Wochenendarbeitstage geben: mal später zu kommen, mal früher zu gehen. Am Samstag gehen meine Kinder also außer der Reihe zu ihrem Vater, und ich habe den Rechner an und zu tun, wann immer eine Mail in den Posteingang ploppt; von zehn bis neunzehn Uhr, dann kommen die Kinder wieder, und dann nochmal von neun bis halb elf.

Seltsam, das. Durch die Arbeitswoche zu Hause gewöhne ich mich daran, zu allen möglichen Zeiten am Rechner zu sein, wann immer es eben gerade passt. Die räumliche Trennung von Arbeit und Privatleben fällt beim Homeoffice ja sowieso weg; eine zeitliche lässt sich auch kaum noch aufrechterhalten. Der lange Samstag ist zudem garnicht so schlimm, ich habe mir nichts sonst vorgenommen und komme zum Aufräumen und Wäschewaschen und Stricken, wenn grade nichts zu tun ist. Und ein gutes Gefühl macht das: Gebraucht zu werden. Ein Lob vom Chef einzuheimsen.

Es könnte ganz schnell gehen, glaube ich, diese ständige Verfügbarkeit kann man sich angewöhnen. Viele arbeiten doch so, bis spät am Abend, jeden Tag, im Urlaub, überall. Wenn ich die schicken Wohnblocks sehe, die in Berlin grade in jeder Baulücke hochgezogen werden, dann frage ich mich, ob das der Weg wäre, eine von denen zu kriegen, ganz alleine über die Jahre all die Euros dafür zu verdienen, 3.200 wollen sie pro Quadratmeter in meinem unszenigen Kiez, das weiß ich, weil ich in einem Anfall von Übermut in einen dieser Showrooms gegangen bin und gefragt habe, alle machen das schließlich grade mit dem Wohneigentum – und fassungslos kehrtgemacht habe.

Aber selbst wenn: So kann ich einfach nicht leben. Will ich nicht leben.

Meine Kinder kommen an meinem langen Arbeitssamstag total angespannt von ihrem Vater zurück. Der Tag fehlt unserer gemeinsamen Woche, ausgerechnet der, an dem keiner irgendwohin muss, an dem die Kinder machen können, worauf sie gerade Lust haben, an dem ich ein offenes Ohr habe, an dem Zeit für alles mögliche ist.

Und wann käme ich noch richtig „bei mir selbst“ an, wenn ich häufiger am Abend arbeiten würde, in den zwei Stunden, die mir gehören? An den zwei, drei Tagen in meiner Woche ohne Kinder, an denen ich mir etwas vornehmen kann? Bin ich einfach nur zu wenig „committed“, wie das im Jobsprech heißt, mit meinem Bedürfnis, Zeit für mich und die Kinder und all den Familienkram zu haben – oder war da was dran, Arbeit und Privatleben zu trennen, im Büro nicht an die Kinder denken zu müssen und zu Hause nicht an die unerledigten Aufgaben im Posteingang? Wenn ich Flexibilität einerseits praktisch finde und häufig genug brauche – wie viel bin ich dann andererseits bereit, dafür zu geben? Wenn die Chefs sich daran erinnern, dass ich schon dann und wann bereit war, außer der Reihe zu arbeiten – wie schnell werden sie es für selbstverständlich halten, wo werde ich die Grenze ziehen, was ist der richtige Kompromiss?

Gut, dass mein unzuverlässiges Smartfon mir die sms-Anfrage, die mein Chef am frühen Sonntagabend sendet, erst ein paar Stunden verspätet zustellt, als er schon aufgegeben und die Aufgabe – siehe da – selbst erledigt hat. Nein-Sagen ist nämlich ganz schön schwer.

September

Was in einen Monat so alles hineinpasst!
Septembereindrücke:

Der Sechsjährige mit seiner Schulklasse auf den Treppen zum Eingang der Schule. All die Eltern, die um uns herum Handys und Kameras recken und die stolzen Gesichter ihrer Schulanfänger einfangen wollen. Der altbekannte Schulflur, in dem ich nun in jeder zweiten Woche wieder täglich stehe, um meinen kleinen Sohn abzuholen. Mein Ärger darüber, dass die Elternabende für Klasse 1c und 5c natürlich – natürlich! – parallel stattfinden. Der Zehnjährige, der abends bis neun Hausaufgaben erledigt, die auf einmal schlagartig so viel mehr geworden sind, dass mein unkonzentriertes Kind sie nicht mehr in den dafür vorgesehenen Arbeitszeiten im Ganztagsschultag schafft.

Ein Familienwochenende mit der örtlichen Kirchgemeinde. Viele fremde Gesichter – aber alle sind aufgeschlossen und freundlich. Mit den ersten teilnehmenden Familien kommen wir schon in der Bahn ins Gespräch; was für ein wohltuender Kontrast zum Berliner Alltag, in dem Fremde sonst meistens ausdruckslos aneinander vorbeistarren… Meine Söhne laufen zum ersten Mal einfach mit den anderen Kindern mit. Der Zehnjährige hat einen alten Kita-Freund wiedergetroffen, den wir aus den Augen verloren hatten, weil er eine andere Schule besucht. Ganz selbstverständlich setzen beide sich zusammen an einen eigenen Tisch und verschwinden nach dem Frühstück in Richtung Tischtennisplatte, sobald sie genug Schokomüsli in sich hineingestopft haben. Am Nachmittag steigt plötzlich schon Rauch von der Feuerstelle auf, an der es eigentlich erst am Abend ein Lagerfeuer geben soll. Vom Feuer des Vorabends war genug Glut übrig, ein paar pfadfindererfahrene Mädchen haben das Feuer in Gang gebracht, meine Söhne sind mitten unter den Kindern, die da ohne jede Erwachsenenaufsicht Holz zusammentragen und das Feuer schüren. Abends gibt es dann Stockbrot, das auch nach langer Zeit über der Glut immernoch wie süßer Kuchenteig schmeckt, Gitarrenlieder, eine Gutenachtgeschichte und einen großen brandenburger Himmel voller leuchtender Sterne.

Ein Wochenende mit dem liebsten Freund. Zum ersten Mal in diesem Herbst in die Sauna, mit Blick auf einen See, in dem man von der Sauna aus direkt schwimmen kann, hinaus in die pechschwarzen, kalten, nächtlichen Wasser. Vom See aus sieht man die beleuchtete Stadt, das ist wunderschön. Am nächsten Tag eine Paddeltour, spätsommerliche Sonne, glitschige Haltestangen in der Schleuse, ein Café am Wasser, das Liegestühle rausgestellt hat. Auf dem Rückweg psychosomatischer Gegenwind (eigentlich will ich garnicht zurück…), der für zwei Tage Muskelkater sorgt.

Eine Ausstellung moderner samischer Kunst in den Nordischen Botschaften in Berlin, in einem lichten, mehrstöckigen Gebäude. Ich verliebe mich in einen Baumstamm, ein großes Stück Treibholz, das eine Künstlerin mit Farbe und Glitzersteinen gestaltet hat, „Tochter der Aurora Borealis“. Manchmal möchte ich auch gern eine Künstlerin sein.
Stattdessen nimmt immerhin nebenher meine selbstgestricke Mütze Gestalt an, obwohl ich Fehler mache und häufiger „rückwärts stricken“ muss. Etwas unförmig wird das Ganze am Ende dann doch, leider.

Was noch?

Ich lese „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge und bin beeindruckt; ich verpasse ein Kiezfest, ein Drachenfest, die ArtWeek, den Herbstspaziergang des Schulfördervereins, den Geburtstag einer Freundin und jede Menge Kinofilme. Ich freue mich über und auf Einladungen zu Freunden. Meine ganz große Schwester besucht mich, spontan, für einen Abend und einen Morgen, und begleitet mich und den Sechsjährigen zur zweiten „nasalen Provokation“ bei der Lungenärztin, bei der ihm Hausstaubmilben in die Nase gepustet werden, damit die Krankenkasse nach erfolgter Allergiediagnose einen milbendichten Matratzenbezug stellt.
Ich führe ein Punktesystem für den Sechsjährigen ein – 40 Mal Kortisoninhalation (ohne Meckern und ohne zwischendrin den Mund vom Spacer zu nehmen) wird mit einem Kinobesuch belohnt. Ich führe ein Punktesystem für den Zehnjährigen ein – 30 Mal Hausaufgaben und Ranzenpacken (ohne Meckern, selbständig und vollständig) wird mit einem Mama-und-Sohn-Tag in einem Erlebnisbad belohnt. Der Vater meiner Kinder und ich beginnen, die Kinder um einen Tag verschoben wechseln zu lassen; die ersten Montage mit jeweils nur einem Kind allein sind wunderbar entspannt, auch wenn Arzttermine wahrgenommen und Hausaufgabenberge abgearbeitet werden müssen.

Und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, stelle ich im Kopf mein kompliziertes Familien-und-auch-sonst-System auf, nachdem ich mit meiner ganz großen Schwester über Familienaufstellungen gesprochen habe. Es ist offensichtlich, dass es in meinem System viel zu viel Hinundher gibt; dass jede friedliche Interaktion mit dem Vater meiner Kinder gut ist, weil sie den beiden hilft, damit es sie nicht zerreißt; und dass da jemand fehlt, der neben mir steht, der nicht fortgeht.
Therapeutische Septemberbinsenweisheiten um fünf Uhr in der Frühe.

Schulkind

Schuleinführung, endlich! Wahrscheinlich werden in Berlin die Erstklässler vor allem deshalb erst eine Woche nach den anderen Kindern in die Schule geschickt, damit alle Eltern auch wirklich richtig, richtig froh sind, dass es nun mal endlich losgeht, nachdem sie ihre zunehmend zappeligen, aufgeregten, überdrehten, erwartungsvollen Kinder noch eine letzte, siebente Woche irgendwie betreut oder bei Verwandten gerade noch mal so untergeschoben haben.

Mein Sechsjähriger hat sich durch einige letzte Tage gelangweilt, an denen ich meine drei Stunden Homeoffice am Rechner vertastenklappert habe, er ist ganz cool, schläft auch in der Nacht vor der Feier und erst recht in der Nacht vor dem ersten Schultag gut. Auf der Schuleinführungsfeier ruft er ganz laut die Antworten auf die ganz einfachen Rechenaufgaben rein, die der Direktor den versammelten „Ersties“ stellt.

Dann stehen 24 Familien erwartungsvoll auf dem Schulhof herum, Eltern tragen Zuckertüten im Arm, schöne, bunte, mit Stoff überzogene, selbstgefilzte, das größere Planes-Modell ist natürlich auch dabei (fällt dem Sechsjährigen, der der kleinere Modell bekommt, zum Glück nicht auf), eine ganz schwarze Tüte ist dabei und eine, die oben lauter Kreppapierfeuerflammen hat und eine rote mit Pferd, die extra im Internet bestellt werden musste, weil handelsübliche Pferdezuckertüten nun mal rosa sind.

Wir stellen uns mit dem Sechsjährigen zum Fototermin auf. Zum Glück ist die Phase endlich vorbei, in der er es lustig fand, die Zunge herauszustrecken, sobald fotografiert wurde.

Dann verlassen wir das bunte Treiben auf dem Schulhof und gehen essen.

Wechselmodellfamilienfeiern sind blöd. Da sitzen zwei halbe Familien an einem Tisch, die lieber eine ganze wären und es miteinander nicht hingekriegt haben. Eltern, die einander eigentlich gern aus dem Weg gehen möchten und auch nach Jahren noch blind die empfindlichen Stellen des anderen mit einer einzigen Bemerkung treffen können. Gewesene Schwiegereltern, die unsicher mit dem gewesenen Schwiegerkind umgehen. Meine liebe große Schwester, die sich nach allen Seiten freundlich unterhält. Natürlich müssen wir ewig auf das Essen warten – Wart Ihr überhaupt schon mal hier?, fragt der väterlicherseitige Großvater meiner Kinder spitz, wollen wir nicht lieber gleich was zum Abendessen bestellen? – und dann sitze ich zu weit vom Sechsjährigen weg, um darauf zu achten, dass er die Spaghetti, die sein Vater ihm bestellt hat, einigermaßen anständig isst. Der Zehnjährige kämpft mit einem stumpfen Messer wild gegen eine Pizza, die zäh ist wie Drachenhaut.

Auf dem Hinterhof des Vaters meiner Kinder, wo wir eigentlich den Nachmittag mit Kaffee und Kuchen und den Freunden des Sechsjährigen verbringen wollten, treffen die väterlicherseitigen Großeltern zum ersten Mal auf die neue Freundin des Vaters meiner Kinder, die der Vater meiner Kinder eingeladen hat, weil ihr Sohn zu den besten Freunden des Sechsjährigen gehört. Und weil der Wind heult und Regenwolken aufziehen, sitzt die ganze sonderbare Konstellation auf einmal in meinem Wohnzimmer. Die Freundin des Vaters meiner Kinder gibt Geschichten aus ihrem gemeinsamen Urlaub mit meinen Kindern und dem Vater meiner Kinder zum besten. Ich flüchte, weil ich sie am liebsten rauswerfen würde und weil das nicht geht. Beim Sechsjährigen sitzen vier Jungs mit leuchtenden Augen um den neuen Legobausatz herum, mit dem die Freundin des Vaters meiner Kinder den Schuleinführungsgeschenkevogel abgeschossen hat. Beim Zehnjährigen haben meine Nachbarschafts-Freundin und meine große Schwester mit den restlichen Kindern eine ganz, ganz große Murmelbahn aufgebaut, da finde ich Unterschlupf.

Ufff, denke ich am Abend, nie wieder feiern. Nie wieder so. Aber mein kleiner Sohn ist glücklich, und der große scheint sich nicht so genau wie ich daran zu erinnern, dass er vor vier Jahren nicht ganz so tolle Geschenke bekommen hat, sondern vor allem – nun ja, vielleicht täuscht meine Erinnerung auch – Bleistifte und Anspitzer, die für drei Schuljahre gereicht haben.

Und dann ist endlich Montag. Der Sechsjährige kommt schlaftrunken in die Küche getappt. Ich nehme meinen kleinen Sohn auf dem Arm und halte ihn ganz fest. Irgendwann in den letzten sieben Wochen ist es tatsächlich passiert, hat er sich verwandelt, ist jetzt kein Kindergartenkind mehr, sondern ein Schulkind – das eine Stunde später an meiner Hand stolz in einen neuen Lebensabschnitt aufbricht, den Ranzen mit den funkelnagelneuen Federmappen und der neuen Fußballertrinkflasche auf dem Rücken.

Mama, sagt der Sechsjährige aufgeregt, kaum dass er in der Schule seine Jacke aufgehängt und seine Hausschuhe angezogen hat, ich will die Lehrerin was fragen! Ja, was denn?, erkundige ich mich. Na, ob ich meine Drachenkarten zum Tauschen mitbringen darf! Öhhh…, sage ich, warte damit doch mal einen oder zwei Tage!

Aber seine Lehrerin ist lieb und durchschaut ganz schnell, dass der Sechsjährige sich schon auskennt. Willst Du mein Erklärer sein, fragt sie, und mir helfen, den anderen zu zeigen, wie das mit den Schließfächern geht? Der Sechsjährige strahlt, ich schließe seine Leherin in mein Herz. Ich gebe meinem Kind einen Kuss und verabschiede mich. Er wird seinen Weg gehen.

Weiterschreiben

Ich sitze auf meinem Balkon, der in diesem Jahr ein grüner Dschungel ist – mit Ringelblumen, die reichlich Samen ansetzen; Winden, die haufenweise sorgfältig gerollte Blütenknospen für morgen tragen; den blühenden Lilien und der Tomatenpflanze, die sich unter der Last ihrer Früchte schwer auf die Seitenlehne meiner Balkonbank stützt; mit windschiefen Sonnenblumen und einer unter einer wild ausgesamten blauen Winde beinahe erstickten Papkrikapflanze, die eine einzige kleine blässliche Frucht angesetzt hat.

Vor dem Balkon rauscht der Regen und bringt ein wenig Abkühlung nach einem weiteren heißen Tag. Ich sitze hier und denke über das Weiterschreiben nach.

Ich möchte meinen Blog nicht aufgeben.

Aber mein Lebensgefühl (ach, dieses schöne deutsche Gefühlswort – ) hat sich so sehr verändert, dass ich nach einer Form des Weiterschreibens suchen muss, die jetzt für mich passt.

Das ist schwierig.

Was geschieht da gerade?
Vieles verändert sich.

Das Weiterwachsen unseres Wechselmodells wird die Zeit verkürzen, die ich ohne Kinder verbringe. Die beiden sollen um einen Tag versetzt wechseln, um auch Aktivitäten zu ermöglichen, die mit beiden Jungs gemeinsam schwierig sind. Zusätzlich soll der Zehnjährige an einem Tag der Woche über seinen Aufenthalt selbst entscheiden können; er äußert seinen Willen, es ist nicht mehr einzusehen, ihm ohne Berücksichtigung seiner Interessen vorzuschreiben, wann er sich bei seinem Vater oder mir aufzuhalten hat.

Überhaupt wird der Zehnjährige selbständiger. Die ersten Wege außerhalb unseres Kiezes darf er seit diesem Frühjahr allein zurücklegen. Seit der Fahrradprüfung besteht er darauf, allein mit dem Rad zur Schule zu fahren – und ist, wenn hitzefrei angesagt ist oder sein Bruder zum Schwimmen geht, auch schon mal gerne allein zu Hause.

Für mich bedeutet letzteres Erleichterung, ersteres aber weniger als früher die Möglichkeit, mein „eigentliches“ Leben – das, was ich als „eigentlich“ empfinde – in die Zeit zu verlagern, in der meine Söhne bei ihrem Vater sind. Mein „wirkliches“ Leben ist mein Familienleben. So sollte es ja auch sein – oder nicht?

Ach, das große Berlin, voller Leben und Möglichkeiten und Verlockungen. In den letzten fünf Jahren hatte ich fast immer mehr Ideen und Pläne, als sich realisieren ließen. Weder zum Zen noch zum Flamenco bin ich je wirklich gegangen; habe keinen Schreibkurs besucht und bin keiner Wandergruppe beigetreten. Aber von all dem habe ich geträumt, habe mir eingebildet, ich könnte, ich könnte ja, eigentlich jederzeit, sobald dieser oder jener Punkt von der To-Do-Liste abgearbeitet wäre.

Aber seit längerer Zeit schon kommen mir all die wunderbaren Möglichkeiten unrealistisch und mein abenteuerlustiger Übermut weit, weit entfernt vor. Es ist, als ob das, was ich nach der Trennung vom Vater meiner Kinder an mir selbst – unabhängig von meiner Rolle als Mutter – wiederentdeckt habe, nun wieder von mir abfällt. Weil es einen enormen Kraftaufwand bedeutet, das Leben von zwei Grundschulkindern zu organisieren. Weil die Büroarbeit über ihre nett gedachte 80%-Begrenzung in die Abende und Wochenenden suppt. Weil es mir nicht mehr reicht, wichtige, nährende Beziehungen nur in dem Teil meines Lebens zu leben, in dem ich „kinderlos“ bin.

Weil ich so müde bin.

Mehrfach ist mir in den letzten Monaten der Begriff der „Rush-Hour des Lebens“ für diese Jahre begegnet, in denen alles auf einmal wichtig ist, Beruf und Kinder und, wenn möglich, auch noch die Verwirklichung diverser Träume, Reisen und Eigenheimprojekte.
In der neuesten Ausgabe von Publik Forum erzählt ein Artikel davon, dass es genau diese Überforderung mit verschiedensten Themen ist, die es in der „Lebensmitte“ so schwer macht, neue Freunde zu finden. Die meisten Menschen haben schlicht zu wenig Zeit, um den Kontakt zu neuen Menschen aufzubauen. Und da ist was dran. Für die Bekannten und Nachbarn, die uns in den letzten Jahren durch Umzüge „verlorengegangen“ sind, sind kaum neue nachgekommen. Keiner meiner Hausnachbarn nimmt meine Einladung an, als ich im Hinterhof mit Familie und guten Freunden (doch, die gibt es…) feiere und nicht nur mit einem Aushang im Treppenhaus einlade, sondern auch mehrere Familien im Haus direkt anspreche und zu Kuchen und Kaffee bitte. Alle sind zu beschäftigt.

Die Konsequenz ist, dass da manchmal tagelang kein anderer Erwachsener ist, mit dem ich außerhalb von Büro- und Kindergartenhallihallo rede. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich das leicht ändern würde.

All das macht mich in den letzten Monaten still, nachdenklich und zurückgezogen. Es gibt wenig zu schreiben über mein Leben; wenig kommt mir berichtenswert vor.

Alles wird erst einmal einfach genau so weitergehen, denke ich.
Aber auch: wer weiß, wozu diese Zeit gut ist. Und was – irgendwann – Neues kommen wird.

Weiterschreiben also. Vielleicht selten. Vielleicht in kurzer Notizform. Wahrscheinlich immer wieder von den selben Themen. Und davon, wie es weitergeht.

So eine Woche

Am Montagmorgen wechseln meine Kinder zu ihrem Vater. Nach der Arbeit gehe ich zum Zahnarzt, der findet, dass alles in Ordnung ist, sogar die alte Amalgamfüllung, die er vor einem Jahr als undicht bezeichnet hat. Und dann gehe ich aus. Dazwschen rufe ich die Berliner Bäderbetriebe an und erfahre, dass die Schwimmkurse, zu denen ich den Sechsjährigen und den Zehnjährigen anmelden möchte, nun doch nicht „frühestens am 16. Februar“, sondern schon am Dienstag verkauft werden.

Am Dienstagmorgen stehe ich fünf vor sechs vor der Tür der Schwimmhalle. Eine Stunde später – so habe wohl nicht nur ich gehört, sondern auch die anderen beiden Eltern, die sich wie ich unter die Frühschwimmer mischen – ist der einzige Seepferdchenkurs, der sich mit üblichen Bürostunden vereinbaren lässt, nämlich immer schon ausgebucht. Ich melde den Sechsjährigen und seinen Freund, den Sohn der Hinterhoffreundin des Vaters meiner Kinder, zum Seepferdchenkurs an. Der Bronzekurs für den Zehnjährigen fällt aus, weil die Berliner Bäderbetriebe kein Geld mehr haben, um unsere Schwimmhalle samstags zu öffnen. Dann gehe ich heim und schreibe jemandem, der gerne hätte, dass ich ihn liebe, dass ich ihn nicht lieben werde. Dann gehe ich arbeiten. Hinterher addiere ich alle Kinderausgaben des letzten halben Jahres zusammen und rechne aus, wie viel ich dem Vater meiner Kinder nach Abzug meiner Kinderausgaben von seinen zum Ausgleich noch überweisen muss. Dann recherchiere ich im Internet, wie ich den neuerdings besonders schlappen Sechsjährigen besser ernähren kann, damit er trotz seiner äußerst selektiven Essgewohnheiten keinen chronischen Eisenmangel entwickelt.

Am Mittwoch kaufe ich nach der Arbeit einen Pilgerführer für den Weg von München an den Bodensee. Und dann alle eisenhaltigen Getreideflocken, die ich kriegen kann. Und Reismilch. Und Sesam. Dann rufe ich die nach Köln verzogene Patentante des Sechsjährigen an und plane unseren Besuch in den Osterferien und dann rufe ich meinen wilden Großcousin in Hessen an und plane unseren Besuch in den Osterferien und dann kaufe ich drei Fahrkarten für die Osterferien. Dann spreche ich mit meiner großen Schwester, die uns im Sommer gern für eine Woche mit nach Dänemark nehmen würde – aber nur ausgerechnet die mittlere von unseren drei Urlaubswochen anbietet, was mein schönes diesmal-aber-nicht-nur-eine-Woche-Sommerurlaub-Konzept zu zerstückeln droht. Ich erschlage eine Motte. Dann suche ich nach Urlaubsalternativen. Ein Zelthotel am Plauer See mit Dauerregen? Ein einsames Ferienhaus in Schweden mit Mankell-Krimi-Stimmung? Ein Ferien-auf-dem-Bauernhof-Bauernhof weitab von der nächsten asphaltierten Landstraße? Ich erschlage drei Motten. Ich stelle Anfragen an insgesamt 13 Familienferienstätten, einziges Auswahlkriterium neben meinem Wunschtermin ist „ein Schwimmbad“.

Am Donnerstag auf Arbeit fällt mir ein, dass ich bei meinen Anfragen an die Familienferienstätten das falsche Anreisedatum angegeben habe. Ich rufe die Kinderärztin an und mache einen Termin aus, an dem der Sechsjährige ein Schwimmfähigkeitsattest für seinen Schwimmkurs ausgestellt bekommen kann. Nach der Arbeit kaufe ich eine neue Druckerpatrone, damit ich meine Fahrkarten für die Osterferien ausdrucken kann. Und neues Mottenschutzpapier für die Kleiderschränke. Ich telefoniere mit meinem Vater, der bald einen runden Geburtstag feiert, und dann buche ich eine Fahrkarte für die Reise zu seinem runden Geburtstag. Ich drucke meine vier Fahrkarten aus. Ich nehme die Sterne vom zu zwei Dritteln abgenadelten Weihnachtsstrauß des Sechsjährigen ab und packe die Weihnachtskisten endlich weg. Ich suche einen Kinofilm raus, den ich am Wochenende mit meiner Kinofreundin sehen möchte. Ich suche ein Café raus, in dem ich am Wochenende mit dem Menschen frühstücken und reden kann, dem ich geschrieben habe, dass ich ihn nicht lieben werde. Ich reserviere einen Tisch. Ich verzweifle ein bisschen. Ich rufe die Besuchsfreundin an, die am Wochenende umziehen wird, und lenke sie mit meinem Gejammer von ihren Umzugssorgen ab.

Am Freitag rufe ich vom Büro aus drei Familienferienstätten an, die auf meine Anfrage reagiert haben. Kann man von der Nordsee aus nach Dänemark gelangen? Und wenn ja: wie? Ich überweise dem Vater meiner Kinder das Geld, das ich Anfang der Woche ausgerechnet habe. Ich bezahle die Rechnung vom Sportverein für den Sechsjährigen. Stelle die Waschmaschine an. Ich hole den Zehnjährigen vom Vater meiner Kinder ab, der gerade gemütlich mit seiner Hinterhoffreundin zusammensitzt, während ihr Sohn mit unseren Kindern spielt. Ich fahre mit dem Zehnjährigen zur Therapiestunde. Hinterher kaufen wir – unsere kleine, geheime Freitagabendtradition – einen Döner an der neuen Dönerbude im S- Bahnhof. Abwechselnd, mein Sohn genauso gierig wie ich, fallen wir über den Döner her. Wir schlendern ganz langsam, damit er aufgegessen ist, wenn ich meinen Sohn wieder bei seinem vegan lebenden Vater abliefere. Ich gebe dem Sechsjährigen einen wir-sehen-uns-am-Montag-Kuss und werfe dem Zehnjährigen, dessen neuen Spiel-Hubschrauber der Sohn der Hinterhoffreundin des Vaters meiner Kinder gerade zerstört hat und der mir deshalb nicht richtig „Tschüss“ sagen kann, eine Kusshand zu. Dann gehe ich heim und hänge Wäsche auf. Die frisch gewaschene Wäsche vom letzten Wochenende liegt auch noch rum. Und der Stapel mit den amtlichen Briefen der letzten sechs Wochen liegt noch so unberührt da wie am Montag.

Nach einer Woche wie dieser wünsche ich mir, nicht pausenlos das Leben von drei Menschen organisieren zu müssen. Mich nicht pausenlos um alles, alles kümmen zu müssen. Nicht ständig Entscheidungen treffen, nicht ständig Alternativen durchdenken zu müssen.

Nach einer Woche wie dieser wünsche ich mir, ich könnte mich daran erinnern, wie sich ganz viel unverplante Zeit anfühlt, und wie es sich anfühlt, einen ganzen Tag lang einfach irgendwas zu tun. Nach einer Woche wie dieser frage ich mich, ob ich das überhaupt noch kann: Faulenzen. Muße.

Heiligmorgen

Als ich aufwache, trommelt der Regen eine holprige Etüde zu vier Händen aufs Fensterbrett. Herrliches Gefühl, heute ausschlafen zu können und zu wissen, dass meine Kinder morgen – morgen schon – auch da sein und mich vor Tau und Tag wecken werden.

Als erstes den Brathahn in den Topf, auch wenn er vorhatte, was besseres zu werden als eine Suppe. Als zweites Ingwer, Aprikosen und Knoblauch fürs Chutney in die Küchenmaschine. Schnell einen Kaffee mit der Besuchsfreundin trinken, dann wird Rosalie die Rotfichte vom Balkon geholt. Steht beim ersten Versuch gleich kerzengerade im Weihnachtsbaumständer auf dem Weihnachtsbaumtisch, wie schön. Und als ich drauf komme, mit den Kerzenhaltern mehrere der dünnen Rotfichtenzweige zusammenzuklammern, kriege ich sogar sechs Kerzen an das kleine Bäumchen.

Im zwölften – letzten – Beutelchen meines halben (aber mindestens doppelt so froh machenden) Adventskalenders ein Gutschein für einen Frühlingswandertag. Oh, das Leben ist schön!

Jetzt schnell Gemüse schnippeln. Zehn Uhr klingeln meine Söhne an der Tür. Natürlich wollen beide sofort die Krippe aufstellen, allein, selbstverständlich. Ich sende ein Stoßgebet zu Salomo, dem Schutzheiligen aller Menschen, die in unlösbaren Konflikten entscheiden müssen, und teile die Figuren auf. Einer die Könige, die Kamele, Maria, den Ochsen und den Esel. Der andere die Hirten, die Schafe, Josef und das Kind in der Krippe.

Beim Baumschmücken sind meine Söhne nur halbherzig dabei. Der Neunjährige baut erstmal sein Tinkerbell auf, die kleine Messingpyramide, bei der sich drei Trompetenengel klimpernd an zwei Klingglöckchen vorbeidrehen. Das nervt mich aber immer, sagt der Fünfjährige, als der Neunjährige es endlich geschafft und die vier Pyramidenkerzen angezündet hat. Ich stehe auf dem Stuhl und binde den großen Strohstern an der Spitze unseres Bäumchens fest. Hier, Mama, sagt der Fünfjährige und bringt meinen BH an – ich bin ja noch im Schlafanzug. Während ich kleine Kugeln und Strohsterne am Baum befestige, übt er sich darin, den auf- und zuzuhaken. Bei Papa hat das Baumschmücken mehr Spaß gemacht, beschwert sich der Neunjährige. Ich versuche, ein pädagogisch wertvolles Geräusch zu machen und mich nicht zu ärgern. Unterdessen pustet der Fünfjährige die Kerzen am Tinkerbell wieder aus und fängt sich einen Tritt vom Neunjährigen dafür ein. Nach einer Stunde schiebe ich die Jungs wieder aus der Tür. Bei Papa muss schließlich noch das Kinderzimmer aufgeräumt und geputzt werden, bevor wir heute abend dort feiern können.

Das windige Wetter hat meiner Besuchsfreundin bereits gestern eine Migräne beschert, die sich nicht nur gewaschen, sondern auch schon angezogen und gekämmt hatte. Obwohl ihr Kopf immer noch wehtut, sitzt sie in der Küche und entbeint mit letzten Kräften das Hähnchen. Wir essen Suppe, erzählen einander Weihnachtserinnerungen und lösen ein mathematisches Rätsel: Kann das wirklich schon das fünfte Wechselmodellweihnachten sein, obwohl der Vater meiner Kinder erst vor viereinhalb Jahren ausgezogen ist?

Die Besuchsfreundin bettet ihren schmerzenden Kopf wieder auf ein Kissen. In der Wohnung duftet es nach Hühnersuppe und Fichtenzweigen. Heiligabendstille breitet sich aus: Erinnerung und Erwartung, Vorfreude und ein wenig Anspannung. Gedanken an die Menschen, die ich liebe, und die heute auch – jeder an seinem Ort, jeder auf seine Weise – beisammen sein und feiern werden.

Ihnen und uns und Euch allen wünsche ich frohe, entspannte und – ja doch, trotz aller Vorsicht mit vielverwendeten, blassgewordenen theologischen Begriffen – gesegnete Weihnachtstage!

Erste Schulwoche

Der Schuljahresanfang ist für mich immer ein echter Jahresanfang – beinahe mehr als Silverster. Alles beginnt wieder. Geht weiter, wird anders, wird leichter oder schwerer, wird neu.

Nach beinahe sieben langen, herrlichen Wochen wieder vor sechs aufstehen. Das Katergefühl gibts gratis dazu, ohne das Trinken am Vorabend – einfach wegen der frühen Stunde. Vier Vesperdosen vorbereiten. Die Kinder, die noch am Tag vorher um sechs zu schwatzen angefangen haben, schlafen tief und fest und müssen geweckt werden.

Pünktlich los, mit dem neuen Schulranzen, der ungefähr drei Tonnen Bücher enthält, mit der Riesentüte mit den Utensilien für den Kunstunterricht, dem Sportzeug, den Hausschuhen… Kinder-Eltern-Gewusel in der Klasse, jedes Kind muss – wie schon im letzten Schuljahr immer montags – eine Nummer ziehen und damit den Platz bestimmen, an dem es in dieser Woche sitzen wird. Tschüss, sagt der Neunjährige, in Gedanken schon woanders.

Vorschulstolz geht der Fünfjährige in die Kita. Seine Dellwarzen, die wir nun mehrere Monate lang mit Schöllkraut traktiert haben, heilen allmählich ab – noch ein, zwei Wochen, dann stellt uns eine nette Hautärztin vielleicht eine Unbedenklichkeitserklärung fürs Schwimmbad aus – aber da unsere Schwimmhalle plötzlich von einem Verein übernommen worden ist, ist unklar, ob und wann der Kita-Schwimmunterricht überhaupt wieder anfangen kann.

Die Bahn fällt gleich mal aus. „Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“, tönt honigsüß die Ansagestimme der Berliner S-Bahn aus der Konserve. Damit möchte ich mich auch mal rausreden können.

Die nächsten Monate:

Zittern und zagen, ob der Anwalt, den ich beauftragt habe, mich mit einem Flammenschwert aus den Forderungen des Jobcenters raushaut – oder ob ich zukünftig Unterhalt zahlen muss und durch das Wechselmodell am Ende auch noch in der Armutsfalle lande, wo schon so viele Alleinerziehende sitzen und verzweifelt strampeln wie Frösche im Sahnekrug (aber es ist bloß verdünnte Milch drin, nicht wahr?).

Nun doch eine theapeutische Begleitung für den Neunjährigen. Das nagende Gefühl, irgendwas ganz grundsätzlich und von Anfang an falsch gemacht zu haben, mich schämen zu müssen. (Nein, sagt der erwachsenere Teil von mir, mein Kind hat mehr mitgemacht als andere in seinem Alter. Es braucht Hilfe und ich sorge dafür, dass es sie bekommt. Meine Gefühle dabei sind irgendwie egal. Ende der Durchsage.)

Sportverein und Physiotherapie. Die ersten Elternabende, schon im Kalender – und die nie abreißende, ermüdende Flut von Absprachen mit dem Vater meiner Kinder.

Es wird nicht sehr viel Platz für all das bleiben, was auch noch schön wäre. Das mit der Solawi (was für eine tolle Idee, einen Bauern in der Region für eine Gruppe Menschen wirtschaften zu lassen, die seine Ernte unter sich teilen und ihm ein vorher festgelegtes, ausreichendes Entgelt zahlen – und es gibt sogar Möglichkeiten, das von Berlin aus zu tun) lass ich lieber sein, bis ich weiß, ob ich es mir zukünftig noch leisten kann. Und die Wurmkiste für den Balkon mache ich dann wohl auch erst nächstes Jahr.

Vielleicht ein Zimmer renovieren. Und der Fünfjährige braucht dringend ein großes Bett, am liebsten ein Hochbett, unter dem noch eine Kuschelecke eingerichtet werden kann.

Und vielleicht – vielleicht – ein paar erste kleine Schritte machen, um im nächsten Jahr einen langgehegten, großen Traum zu verwirklichen.

Irgendwie wird es schon weitergehen. Erst mal die Laufliste für die erste Schulwoche abarbeiten: Orthopäde, Kinderarzt, 2x Sportverein, Kita-Sommerfest. Arbeit dabei nicht vernachlässigen!

Dann die nächste Laufliste schreiben.

Und so weiter.

Eine Liebeserklärung

Nach vier oder fünf Wochen ohne Wege zur Kita oder zur Schule habe ich so gar keine Lust, wieder früh aufzustsehen, Vesperdosen zu füllen, an alle Siebensachen zu denken und pünktlich loszugehen.

Aber den ersten Morgen versüßt mir mein fünfjähriger Sohn. Kurz vor sechs kommt er angetappt, im Halbschlaf lasse ich ihn unter meine Decke kriechen, gebe ihm einen Kuss und murmele: Ich hab dich lieb! Ich hab dich auch lieb, Mama, sagt mein Sohn, bis zum Himmel und wieder zurück! – Bis hierhin kennen wir das ja aus diesem kleinen Büchlein. Aber mein Sohn findet noch Steigerungsmöglichkeiten: Und bis nach Belgien. Und Italien. Uuuuund… Frankreich und Portugal.

Ich ahle mich in einer der schönsten Liebeserklärungen, die ich je von einem meiner Kinder bekommen habe. Aber nicht lange. Mama, sagt der Fünfjährige, du kannst doch nicht mehr heiraten, oder? Für dich ist das zu spät!

Nee, nee, antworte ich, so einfach ist das nicht, man kann auch heiraten, wenn man schon älter ist.

Ach ja, erinnert sich mein Sohn, weil du noch nicht geheiratet hast!

Nee, erkläre ich ihm, ich könnte auch wieder heiraten, wenn ich schon mal verheiratet gewesen wäre. Wenn man verheiratet ist und jemand anderen heiraten will, kann man sich ja scheiden lassen. Dann ist man nicht mehr verheiratet.

Mein kleiner Sohn kuschelt sich nachdenklich an mich, und ich sage schnell: Aber ich würde nie, nie, nie jemanden heiraten, der nicht auch dich und deinen Bruder liebhat und für euch da sein will.

Oh, sagt der Fünfjährige, offensichtlich angetan von seiner guten Idee: Dann kannst du doch Papa heiraten!

Jetzt müssen wir aber wirklich aufstehen, sage ich – glücklich, weil mein Sohn mir seine Liebe zeigt. Und wieder einmal traurig, weil meine Kinder nie aufhören werden, sich zu wünschen, dass ihre Eltern sich auch lieben könnten.

Das Balkongartentagebuch: Erntefest

Vor unserer Urlaubsreise muss auf dem Balkon noch alles geerntet werden, was reif ist – damit ein paar Töpfe weniger da herumstehen und damit die Nachbarin, die sich zum Gießen hat verpflichten lassen, noch mit mir spricht, wenn sie eine Woche lang für all das Grün verantwortlich war.

Meine Kinder kommen für ein paar Stunden von ihrem Vater zu mir; und als sie mir genug vom Campingplatz im Wald, vom Baden im See, vom nächtlichen Schachspielen auf der Terrasse und von all den tollen Ausflügen vorgeschwärmt haben, die sie in ihrem Urlaub mit ihrem Vater gemacht haben, hole ich den großen Blumentopf, in den ich im Frühling zwei Kartoffeln gesteckt habe, aus seiner Ecke, schneide das verwelkte Kartoffelkraut ab, drücke meinen Söhnen große Löffel in die Hand – und die Ausgrabungen können beginnen.

Ich hab eine! Ich auch, hier! Und da! He, das ist meine Seite – Ich bin aber einfach schneller als du! – Eine ganze Schüssel kleine, feine und etwas größere, warzige Kartoffeln buddeln die beiden unter begeisterten Rufen und mit nur ein bisschen Streiten aus der Erde. Toll.

Dazu machen wir Kräuterquark mit Balkonkräutern und den ganzen Pflücksalat aus dem Kistenbeet und Hasenpudding (damit wäre auch die Schoko-Osterhasenplage endlich erledigt, wunderbar) mit Blaubeeren vom Balkon (und ein paar dazugemogelten aus dem Laden).

Wir decken den Tisch, draußen natürlich. Schön sieht das alles aus.

Bloß Hunger hat am Ende keiner. Es ist einfach zu heiß. Oder wie es der Fünfjährige formuliert: Mama, diese Kartoffeln schmecken einfach nicht so wie die, die wir immer kaufen! Ich mag die nicht essen!

Gut, dass am Abend noch ein paar hungrige Nachbarinnen vorbeikommen. Und morgen gibts dann nochmal Bratkartoffeln.