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Sonne Kälte Sonne

Der April ist flink vergangen.

Begonnen hat er mit einer glücklichen Sonnenstunde im kleinen Gartencafé im Russischen Viertel von Potsdam, auf einer Holzbank neben dem liebsten Freund, mit kühlem Wasser und den Namen alter Apfelsorten im Mund, während der vom Andrang der an diesem plötzlichen warmen Wochenende zahlreichen Gäste überforderte Caféangestellte Kaffemaschine, Tortenheber und Kasse jonglierte und dabei den Flammkuchen in der Mikrowelle schwarzbruzzeln ließ; mit einer Abendstunde im Barberini-Museum bei den Seerosen von Monet und dem Muschelengel von Sam Francis, in dessen bunte Farben man so viel hineindeuten kann, wie man eben Zeit hat, davor zu verweilen.

Weiter ging der April mit dem ins-Warme-und-wieder-hinaus-Tragen der Balkontöpfe; mit Besuchen von der großen und der ganz großen Schwester; mit einem Schwimmbadtag zu Beginn der Osterferien, bei dem der Achtjährige mich damit überraschte, dass er plötzlich sieben Bahnen schwimmen und bis zum Grund des 2-Meter-Beckens tauchen konnte und mit einem Schwimmbadtag am Ende der Osterferien, bei dem der Zwölfjährige die fürs Bonzeabzeichen notwendigen acht Schwimm-Bahnen in viel weniger als den 15 vorgeschriebenen Minuten hinter sich brachte und ich mich soweit unter Wasser wagte, dass wenigstens meine Füße durch die Eingangsguckscheibe des Schöneberger Stadtbades zu sehen gewesen sein müssen. –

Weiter ging der April mit Ostertagen bei der Besuchsfreundin in Brandenburg, Katzenstreicheln, Töpfermarktschlendern und viiiel Schokolade; mit einer großangelegten Motten- und Milbenschutzaktion in den Kinderzimmern und der Wiederanmeldung in der nun schon lange in den Nachbarkiez verzogenen und daher nicht mehr so leicht besuchbaren Bibliothek, von der ich etliche Kilogramm Lesevorfreude nach Hause trug: Quarks! Hawkings Nussschalenuniversum! Acrylmalerei und Collage! Eine Hasenwuschelgeschichte für den Achtjährigen und haufenweise Fragezeichen fürs große Kind! –

Der April endet, wie er angefangen hat: mit Sonne. Ich löse ein, was ich dem Zwölfjährigen zum Geburtstag geschenkt habe – wir fahren nach Lübbenau ins Spreeweltenbad. Diesmal sind die Pinguine garnicht so wichtig, die brüten sowieso, sondern die Rekorde, die wir im Wasserball-hin-und-her-Schießen aufstellen und die verrückten Sprünge, die der Zwölfjährige macht, wenn er es geschafft hat, auf den großen bunten Ringen im Wasser aufzustehen, während ich auf einem Fleck stehe, auf dem die Sonne zwischen den hölzernen Dachstreben ins Wasser herunterscheint, ihr mein Gesicht entgegenstrecke und glücklich bin.

Das Balkongartentagebuch: Überwintern

Nach unserem Waldhäuschenurlaub habe ich meinen Balkon eine ganze, lange, kalte Woche lang kein einziges Mal betreten – aber der sonnige und noch dazu kinderfreie letzte Oktobersonntag ist perfekt, um nach dem Rechten zu schauen und die herbstliche Wüstenei ein bisschen ansehnlicher und winterfest zu machen.

Majoran und Schnittlauch kommen auf die Fensterbank, wo es mit etwas Glück frostfrei bleiben wird. Die Zitronenmelisse – an der mein Herz hängt, weil ich sie im Frühjahr selbst aus Samen gezogen habe – habe ich schon vor einiger Zeit ins Kistenbeet des Elfjährigen umgepflanzt, wo sie jetzt traurig die Blätter hängenlässt. Dringend müssen die Lilien auf mehrere Töpfe verteilt werden. Vorsichtig grabe ich rund um die Reste der Stängel und hole die Nester größerer und kleinerer leuchtend weißer Zwiebeln ans Licht. Zwei Töpfe reichen garnicht aus, um sie alle mit ausreichend Platz wieder einzupflanzen. Aber habe ich die Zwiebeln damals nicht einfach ohne Erde gekauft? Ein bisschen Recherche hilft, und die übrigen Lilienknollen dürfen nun erstmal im kühlen Zimmer antrocknen und dann ohne Topf überwintern, zusammen mit den Gladiolen und der Knolle der Dahlie, mit deren Überwinterung – beide vertragen keinen Frost – ich auch erst Erfahrungen sammeln muss, weil ich sie erst seit diesem Jahr habe. Die Gladiolenzwiebeln sehen alle fünf gut aus; die Dahlienknolle auch, sie ist übers Jahr im Kistenbeet des Siebenjährigen ganz erstaunlich gewachsen und hat jede Menge neue, dicke, pralle Anhängselknollen bekommen.

Stehenbleiben darf die Kapuzinerkresse, die noch blüht; die einzelne Ringelblume, die noch eine dicke Knospe hat; die Tomatenpflanzen mit den Mini-Früchten, von denen sogar in den letzten beiden, kalten, regnerischen Wochen noch einige orange und wohlschmeckend geworden sind.

Andere Pflanzen haben ihre Lebenszeit hinter sich. Der große Ringelblumentopf und die mehltaubestäubte Petersilie kommen weg; andere Rückschnitte – die trockenen Blütenstängel des Majorans und Basilikums, Bohnenblätter und Lilienstiele – schneide ich klein und verwende sie als Schutzabdeckung gegen Frost auf denjenigen Töpfen, die auf dem Balkon bleiben sollen.
Erde von gesunden Pflanzen sammle ich in einer dieser großen IKEA-Taschen, um sie wie schon in den letzten Jahren aufzuheben und im Frühjahr mit Humus angereichert weiterzuverwenden. Staunend bemerke ich, dass in einigen Töpfen und Kästen Regenwürmer überlebt haben, die im Frühjahr offenbar mit dem Wurmhumus in die Erde gelangt sind. Die Erde in diesen Töpfen ist ganz locker geblieben, das hat sicher auch den Pflanzen gutgetan. Ob die Würmer auch irgendwie über den Winter kommen werden? Sollte ich die Erde nochmal mit Kaffeesatz, Radieschenabschnitten und Pflanzenresten anreichern – oder werden sie sich von den Wurzeln ernähren, die in der alten Erde sowieso noch drin sind? Noch mehr Neuland.

Am Nachmittag habe ich es geschafft, trage eine – nur eine! – Tüte Abfälle zum Müll und einen Pelargonienkasten in den Keller, schiebe die Tasche mit der Erde und den hoffentlich glücklichen Regenwürmern unter die Bank, mache mir einen Kaffee und genieße die Wärme, bis die Sonne hinter dem Schornstein vom Haus gegenüber verschwindet. An meinem Balkonspalier trägt eine unerschrockene Winde noch eine letzte Knospe – noch EIN Sonnentag und sie blüht! – und zwei von meiner Balkonaktion sichtlich verwirrte Wespen summen um mich herum und prägen sich die neuen Standorte der verbliebenen Pflanzen ein. Das Krähennest in der Linde im Nachbarhof ist wieder gut zu erkennen, dann und wann schaut einer der großen grauen Vögel – die ich trotz ihres schlechten Rufes mag – im Hinterhofrevier mit den Schlafbäumen und den interessanten Mülltonnen und dem Sitzplatz auf dem Geländer am großen Schornstein nach dem Rechten. Der Wind zupft derweil geduldig an den goldenen Blättern des großen Ahorns, und ich sehe zu, wie sie – jedes zu seiner Zeit – zu Boden trudeln.

Sonntag, 5. Juni

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? – Das fragt Frau Brüllen heute wieder und sammelt sehr viele sehr schöne Beiträge auf ihrer Seite. Schon wieder der 5. also! Der letzte Monat ging schnell um, kein Wunder bei all den Feiertagen.
Und so ein Tag war heute:

Obwohl es gestern später geworden ist, ist der Elfjährige um halb sechs wach. Aber leise. Halb sieben kommt der Siebenjährige dazu, von da an höre ich die beiden im Zimmer des Elfjährigen schwatzen. Ich kann mich nochmal umdrehen und weiterdösen. Von Hof ist die Amsel zu hören und ein Schwarm lärmender Spatzen.

Halb acht stehe ich auf und sage der Frühschichtbiene auf dem Balkon guten Morgen. Dann Sonntagsfrühstück vorbereiten, mit einem gekochten Ei für jeden, wir machen das noch immer so, wie früher. Aus irgendeinem Grund fangen wir am Frühstückstisch an, Wörter auf -eis zu reimen, davon gibt es erstaunlich viele und es wird eine richtige kleine Reisegeschichte (leider natürlich nur im Kreis…) daraus.
Meine Söhne haben feierlich versprochen, am Sonntagmorgen ihre Schulranzen durchzusehen und müssen das jetzt einlösen. Ich nehme mir derweil den Topf vor, in dem wir am Freitagabend nochmal Holunderblüten in Wasser versenkt haben. Es duftet herrlich. Ich setze die zwei Tüten Gelierzucker entsprechende Menge Saft auf den Herd und koche Gelee. Das restliche Holunderwasser wird nochmal zu Sirup verarbeitet. Weil vor drei Tagen der Elfjährige den Sirup kochen und abfüllen durfte, ist heute der Siebenjährige dran, dem allerdings nach dem Einrühren des Zuckers der Arm sooo wehtut, dass er bis zum Abfüllen Pause machen muss.

Ein garstiger Abwasch hat sich während all dem angesammelt und muss schnell erledigt werden. Hinterher ist der Tag schon halb um, deshalb bleibe ich gleich in der Küche und mache Quicheteig. Der kommt in den Kühlschrank, dann habe ich Zeit, um mit dem Siebenjährigen Keyboard und Lesen zu üben.
Danach hilft der Elfjährige mir, den Quicheteig mit Birnen und Gorgonzola zu belegen. Eierschmand drüber – und ab in den Ofen.

Und dann… gehe ich endlich ins Bad.

Um Viertel nach Zwölf sind wir alle angezogen und essen, und dann ist es auch schon Zeit, aufzubrechen, denn wir haben noch Sonntagspläne. Wir verlassen das Haus bei strahlendem Sonnenschein; aber als ich an der ersten Ecke meine Sonnenbrille aufgesetzt habe, ist der Himmel plötzlich voller grauer Wolken und es tröpfelt, der Regen beginnt zu strömen, Donner rollt. Statt zum Eisessen ins Café kommt die befreundete Mitmutter mit ihrem Töchterchen gleich an die S-Bahn; der Elfjährige flitzt nochmal nach Hause und holt Regenschirme. Mit drei total überdrehten Kindern und vier Regenschirmen fahren wir nach Kreuzberg zum Colulmbia-Theater, wo ein Liedermacherkonzert für Kinder stattfindet. Das Columbia-Theater kennen weder die Mitmutter noch ich, aber es ist leicht zu finden und wir sind begeistert von dem kleinen Garten, in dem die Kinder noch eine halbe Stunde abwechselnd Fange spielen und um Mini-Muffins und kalte Getränke von der Bar betteln können. Die Luft im Saal ist stickig, die Stimmung angespannt. Es gibt Gedrängel um die Sitzplätze auf den Stufen; der Siebenjährige ist schon völlig fertig, ehe der erste Ton von der Bühne gekommen ist. Aber dann geht es endlich los. Nachdem alle, die die Hitze nicht aushalten, den Saal verlassen haben und alle Türen weit geöffnet worden sind, wird es ein richtig gutes Konzert mit sieben verschiedenen Liedermachern, die Lieder für Kinder und Erwachsene singen. Den Elfjährigen bekomme ich kaum zu Gesicht, er steht weit vorne und rockt und passt ein bisschen auf die Schulkameradin des Siebenjährigen auf, während der manchmal vorne mittanzt und manchmal (ich verspreche meinem Beckenboden alles, was er hören will, sieben Stunden Training täglich, gleich ab morgen, ganz bestimmt – ) von meiner Schulter aus über die Köpfe der Erwachsenen vor uns zur Bühne guckt und begeistert seinen Kuschelhasen in die Luft wirft.

Irgendwann gehe ich mit den Kleinen raus, während der Elfjährige und die Mitmutter noch die schönen Abschlusslieder mitbekommen. Irgendwann ist das Konzert zu Ende und wir gehen nach Hause, und irgendwann kurz vor der U-Bahn fällt es uns ein, dass unsere Schirme noch in der Garderobe neben dem Konzertsaal liegen. Die Mitmutter läuft zurück, ich lenke unterdessen die drei Kinder, die sehr laut und sehr textsicher die im Konzert aufgeschnappte Zeile – „Immer! muss ich! alles! sollen!“ – singen, vom sehr lauten Singen ab, in dem ich eine Suche nach Glücksklee in der Rabatte anrege. Dann fahren wir wirklich nach Hause.

Der Siebenjährige und der Elfjährige sind so verschwitzt, dass sie sich ohne Murren in die Badewanne begeben; ich stelle den Rest von der Quiche und ein paar Streichkäsebrote auf den Tisch; dann bringe ich den Siebenjährigen ins Bett. Schon wieder hat sich ein unerfreulicher Abwasch angesammelt. Ich spüle, nehme Wäsche ab, habe noch ein Weilchen Zeit für den Elfjährigen. Als der Große auch schläft, gieße ich die Kästen und Kisten und Töpfe auf dem Balkon und setze mich mit dem Laptop auf die Bank zwischen den Blumen.

Abendstille.

 

Eine Woche, ein Wochenende, ein Abend

Obwohl nach Stockholm nur noch eine halbe Alltagswoche kommt, ist die ganz voll. Irgendwas ist ja immer. Ich verarzte (nach dem vereiterten Daumennagelbett zwei Wochen vorher) ein vereitertes Zehennagelbett, gehe mit dem Elfjährigen deswegen zum Arzt und hole bei der Gelegenheit gleich eine Zweitmeinung zu chirurgisch behandlungsbedürftigen Jungsproblemen ein, OP steht ins Haus. Ich gehe mit dem Siebenjährigen schwimmen, bringe den Elfjährigen dazu, die Eigenschaften von gefühlten sieben Dutzend Metallen für ein beim Papa nur schlampig vorbereitetes „Portfolio“ für das Fach Naturwissenschaften zu googeln (und helfe ein bisschen mit, aus purer Empörung darüber, dass die Lehrerin den gewünschten Umfang des Projektes total im Unklaren gelassen hat; „weiterführende Recherche“ nennt sich das in der Aufgabenstellung, na prima. Wieso kann sie nicht einfach eine Klassenarbeit schreiben lassen?). Ich arbeite zweieinhalb Tage, habe diverse „Calls“, mache pünktlich Feierabend, um mit dem Siebenjährigen ins Einkaufszentrum zu fahren und eine Sommerjacke und Socken und eine Badehose und Sandalen zu kaufen, und Zumba-geeignete Turnschuhe für mich. Außerdem ist Pädagogensprechtag, wir gehen also um 18 Uhr nochmal in die Schule, um mit der Klassenlehrerin des Elfjährigen zu reden; der Siebenjährige sitzt unterdessen friedlich im Schulflur, bestochen mit zwei Päckchen Fußballkarten und einer kleinen Schachtel Smarties, die bei den Recherchen für das „Portfolio“ des Elfjährigen wegen der aufgedruckten Zutatenliste gekauft werden mussten.

Dann ist Wochenende. Zu Hause habe ich seit längerem auf Notfallmodus geschaltet, das bedeutet, dass es nichts macht, wenn alles unordentlich und schmutzig ist, und dass ich mir jeden Tag nur eine oder zwei wichtige Sachen vornehme. Für das Wochenende heißt das: Großeinkauf. Zwei Maschinen Wäsche waschen und die alte Wäsche weglegen. Einmal richtiges Essen kochen. Die Kinder räumen unter viel Gemecker ihre Zimmer auf, fegen in Küche, Bad und Flur; der Siebenjährige muss zweimal Keyboard üben und zweimal zehn Minuten laut vorlesen, der Elfjährige muss alle losen Blätter in seinem Ranzen einheften und zweimal Übungen für seinen Rücken machen. Nach dem Samstagmittagessen falle ich ins Bett und wache erst nach anderthalb Stunden wieder auf. Das tut gut. Abends gehen die Jungs zu ihrem Papa, denn die Patentante des Elfjährigen hat mich zu einem Konzert eingeladen, eigentlich anlässlich meines letzten Geburtstages, es wird also Zeit. Am Sonntagmorgen wache ich mit dicken Halsschmerzen auf, aber wir sind mit der Mitmutter aus der Klasse des Siebenjährigen, mit der ich mich so gern richtig anfreunden möchte, zum Schwimmen verabredet. (Jemanden finden, der mit dem, was man zu geben hat, etwas anfangen kann. Das wurde eigentlich über die Liebe gesagt, aber auf Freundschaft trifft es doch auch zu: Eine andere alleinerziehende Mutter, die wie ich am Wochenende gerne mal etwas gemeinsam unternehmen mag, mit noch einem Erwachsenen dabei; Eisessen, Spielplatz, Schwimmbad – das tut mir sooo gut. Und sympatisch war sie mir schon zu Kita Zeiten.) Also schlucke ich eine Schmerztablette und bleibe im Schwimmbad am Beckenrand, laufe neben dem Elfjährigen her, der acht Bahnen fürs Bronzeabzeichen übt, und neben dem Siebenjährigen, der nur noch einen Schwimmärmel braucht und tapfer Bögen um die vielen bunten Berliner Multikulti-Spaßbade-Kinder im Nichtschwimmerbecken schwimmt. Wir teilen mitgebrachtes schwedisches Knäckebrot und Erdbeeren aus dem Erdbeerhäuschen und Pizza und Pommes aus dem Schwimmbadrestaurant. Ins heiße Solebecken gehe ich am Ende dann doch mit, wir sitzen auf den Sprudelliegen zwischen der Frau im Burkini und dem stiernackigen Sumo-Ringer, dem der Siebenjährige aus Versehen seinen Ball an den Bauch wirft und den er mit seinem zahnlückigen Charme zum Lächeln – und freundlichen Zurückwerfen – bringt.
Der Siebenjährige geht zum ersten Mal mit dem Elfjährigen in die Jungsumkleide, die beiden kriegen das prima hin, ich bin sehr gerührt: so groß sind meine Kinder jetzt schon.
Als wir uns nach dem Baden im Vorraum der Schwimmhalle wiedertreffen – da, wo das geniale Unterwasser-Guckfenster in die Sprunggrube des großen Schwimmbeckens ist – freut sich das Töchterchen der Mitmutter riesig, weil da tatsächlich Meerjungfrauen schwimmen; Meerjungfrauen, deren wedelnde Fischschwänze wir von unterhalb wunderbar sehen können.

Irgendwann abends sind die Kinder satt, die letzten Pflichten erledigt, die Badesachen ausgewaschen und aufgehängt, die welken Pflanzen auf dem Balkon gegossen; ist die Sendung mit der Maus geguckt, das Geschirr gespült, das Wissen über Ägypten für den Geschichtstest abgefragt, das Gutenachtlied gesungen. Mein Hals tut schon länger wieder weh, ich möchte jetzt am liebsten vor einem Krimi einschlafen. Aber da steht noch das Tablett, auf das ich alle Papiere gestapelt habe, die sich in den letzten Wochen angesammelt haben. Irgendwo da drin stecken Sachen, die dringend sind. Ich mache Überweisungen; ich räume den Stadtplan von Stockholm beiseite. War das wirklich erst vor einer Woche? Die nächsten Wochenend-Projekte – vieleviele Reisen und Ausflüge in diesem Jahr – plane ich heute nicht mehr. Es geht einfach nicht. Es geht immer nur ein bisschen, gerade. Viel weniger, als ich müsste und möchte. Und in Summe trotzdem gut. Und wichtig und richtig und schön.

Alberne Sportverletzungen

Frühlingsstimmungtief trifft PMS trifft ein bisschen zu viel Alleinsein. Gut, dass mir die sonntagvormittägliche Zumba-Stunde einfällt, zu der die ehemalige Nachbarin manchmal geht. Da kann man kostenlos probehüpfen – wo das Krankenkassen-Mitgliederblättchen doch kürzlich mahnend geschrieben hat, man verbringe die Zeit, in der man jetzt keinen Sport treibe, später mit schrecklichen Krankheiten.

Zumba also. Ein schöner heller Raum, eine nette junge Kursleiterin. Zwischen den sieben oder acht Frauen, die nach und nach in den Raum kommen, tatsächlich ein Mann, nanu? Mir schaudert, als wir uns vor der Spiegelwand aufstellen müssen. Hopsen ohne Kondition mag gerade noch angehen, aber mich dabei auch noch sehen können? Der innere Kritiker runzelt schon die Stirn, nein, er facepalmt. Ich hefte meine Blicke fest auf die Kursleiterin, damit ich nicht sehe, wie ich hilflos dem Takt und ihrer Choreographie hinterherstolpere; Anleitung gibt es nicht, das eine oder andere aufmunternde „Hep!“ muss reichen, wenn plötzlich wieder eine andere Bewegungsfolge beginnt.

Meine wichtigste Probestundenerkenntnis ist, dass das hier mit Tanzen weniger zu tun hat, als die Zumba-Werbung mir suggeriert hatte. Es läuft Musik – na gut; lateinamerikanisch mag sie auch sein; ansonsten ist das hier einfach nur Sport; Brachalfitness statt tänzerischer Sinnlichkeit und Leichtigkeit.
Trotzdem ist es eigentlich garnicht so schlimm. Alle kommen aus dem Takt, alle sind nach einer Weile ziemlich fertig. Alle lachen. Meine frühere Nachbarin ist da, ihr Spiegelbild grinst mich aufmunternd an, und nach einer Dreiviertelstunde gibt es langsamere Musik und Dehnübungen. Wenn ich heimlich meinen Bauch wegtrainiere, mir schickere Sportklamotten kaufe und mich beim nächsten Mal da rechts hinten ganz in die Ecke stelle, wo mich niemand sieht… dann könnte ich vielleicht sogar bei Gelegenheit wieder mitmachen.

Als ich hinterher mit meiner ehemaligen Nachbarin noch auf einen Chai Latte zusammensitze, sehe ich das alles jedenfalls schon wieder ganz optimistisch. Bis ich aufstsehe, um an der Theke zu zahlen. Autsch… Ich weiß garnicht, auf welchem Fuß ich zuerst hinken soll.

Irgendwie habe ich es geschafft, mir zwei ganz große Blasen auf den Unterseiten beider großer Zehen zu erhopsen.

Urlaub, doppelt konzentriert

Für das Ostseewochenende mit dem liebsten Freund schleiche ich mich am Freitagnachmittag zwei Stunden früher aus dem Büro weg. Dort türmen sich Mehrarbeit, Chaos und Überforderung zu Druck und Überstunden auf, das lässt garnicht mehr nach.

Im Zug bin ich mit dem Kopf noch in Berlin, obwohl draußen schon Felder mit Milchkaffeekühen vorbeiziehen; die Häkelwolle verheddert sich, rechts und links nur Regen.
An der See kann ich den Alltag hinter mir lassen.
Unsere Ferienwohnung erweist sich als Glücksgriff – und am Samstagmorgen ist der Himmel ganz blau. Als der Rezeptionist des großen Hotels, das als einziges schon Strandkörbe draußen hat, uns wegschickt, weil die für die Hotelgäste reserviert sind, lässt eine übermütige kleine Glückssträne uns unter den Hotelstrandkörben einen entdecken, bei dem ein freundlicher Rebell die drei Schrauben gelöst hat, mit denen der Blechstreifen befestigt war, an dem das Schloss hängt, mit dem das Holzgitter vor dem Strandkorb fixiert wird. Werden sollte.

Es macht doppelt Freude, in diesem Strandkorb zu sitzen, den Wind im Rücken, die Sonne im Gesicht, der Tauchglocke zuzusehen, die in mediativer Langsamkeit neben der Seebrücke unter- und wieder auftaucht. Die interessantesten Stellen aus Yuval Hararis „Kurze Geschichte der Menschheit“ lese ich dem liebsten Freund vor, der mich tröstet und Gegenargumente weiß, als Harari konstatiert, dass nach der Steinzeit eigentlich alles nur schlechter geworden ist.

Für die Therme ist das Wetter viel zu schön. Aber es wird zu unserem Ritual, an der großen Glasfront der Schwimmhalle entlangzulaufen, wann immer wir auf dem Weg zur Ferienwohnung oder zum Strand sind, den Schwimmern einen Moment zuzuschauen und uns über das sprachlich großartig danebengegangene „All inclusive ligth plus“ Angebot des Hotels zu freuen, das auf einem großen Plakat an dem Zaun angepriesen wird, der das Außenbecken ein wenig – aber nicht ganz – vor neugierigen Blicken schützt.

Beim Fischbrötchenessen sitzen wir in der Sonne. Beim Spazierengehen ziehe ich die Schuhe aus, als ob Sommer wäre; am Abend gibt es Mondschein am Strand und den großen Wagen mitten am Sternenhimmel und am Sonntagmorgen Brötchen aus der Bäckerei, in der die Einheimischen anstehen.

Ein ganzer Urlaub in zwei Tagen.

Halbschlaf

Unter der Woche wache ich meistens mit dem deprimierenden Wissen auf, dass schon feststeht, was gleich zu tun ist, dass es eine To-Do-Liste gibt, Verpflichtungen, Pläne. Autopilot an – und los.

Heute – Samstagmorgen – ist das anders, das pure Wohlbehagen stellt sich ein, sobald ich mir selber versichert habe dass ich a) nicht arbeiten muss, b) meine Kinder bei ihrem Vater sind, c) die Besuchsfreundin im halben Zimmer schläft und wir d) einen schönen, faulen, gemeinsamen Tag vor uns haben.

Das Wohlbehagen hat mit dem Gefühl von Zuhausesein zu tun: in meinem Körper, meiner Kleidung, meinem Bett, dem Zimmer des Elfjährigen, in dem ich mich einquartiert habe, meiner Wohnung, und, weniger räumlich, aber heute morgen für mein Zuhausegefühl genauso wichtig, der Freundschaft zur Besuchsfreundin. Und weiter: um diese Schichten herum gibt es meinen Kiez, in dem ich den anderen Eltern auf der Straße zunicke und in dem die Reformhausverkäuferin und die Frau hinter dem Tresen der Backstube mich kennen; Berlin, in dem ich nun schon viele Jahre lang ein Netz aus Erinnerungen zwischen Menschen und Orten gesponnen habe, die ich kenne und die ich liebe. Und weiter: Deutschland, dieses Glückslos in diesem 21. Jahrhundert; und die ganze Welt – die lege ich als äußerste Schicht um die Zwiebel aus lauter Zuhausesein, in der ich stecke; die Welt, auf der zu leben mir heute morgen erstaunlich und wunderbar vorkommt.

Ich mache eine kurze Bestandsaufnahme der Dinge, die ich in meinem Leben gerne noch machen möchte – keiner meiner Wünsche ist mir über Nacht abhanden gekommen.

Und dann drehe ich mich um und ziehe meine Decken zureckt und schlafe weiter.
Der Tag muss noch nicht anfangen, noch nicht jetzt.