Schlagwort-Archive: Wörter

Hand auf den Arm

Neulich fiel – ganz plötzlich, während ich am Herd irgendwas aus irgendwas kochte, was gerade noch nicht alle gewesen war – das Wort „begütigend“ aus dem Schrank im Kopf, in dem der passive Wortschatz aufbewahrt wird, mitten in mein Bewusstsein.

Ich hätte gerne manchmal jemanden an meiner Seite, der mir begütigend die Hand auf den Arm legt, dachte ich, wenn ich mich verrannt habe und vor lauter Problem die Lösung nicht mehr sehe oder wenn ich grantig zu den Kindern bin, was nicht an ihnen liegt, sondern daran, dass ich gerade an diesem Tag mit mir und der Welt nichts anfangen kann und daran, dass ich das nicht verstanden habe.

Und in dieser Geste läge liebevolles Verständnis für mich und dann wäre es plötzlich leicht, selber wieder gütig zu sein statt grantig.


 

 

Und irgendwann später fiel mir dazu dieser Artikel von Bluemilk ein, der mich neulich so sehr berührt hat: Hier.

Der Beutsch- ääääh… Deutsch-Test

Der Vater meiner Kinder hat mich diesmal vorgewarnt, dass der Achtjährige am Donnerstag – also einen Tag, nachdem er zu mir gewechselt kommt – einen Deutsch-Test schreibt. Er erspart mir damit den üblichen Um-Himmels-Willen-wie-sollen-wir-DAS-denn-jetzt-noch-hinkriegen-Schock am Mittwochnachmittag. Aber geübt haben sie nicht – obwohl Rechtschreibung nicht zu den Dingen gehört, die unserem Sohn einleuchten.

(Nicht dass mir alles einleuchtet, was im Deutschunterricht des Achtjährigen passiert. Warum er ein Heft führen muss, das zu nichts anderem dient, als jede Woche zwei kopierte Blätter einzukleben und einen Schreib-Hefter, in den immer wieder Schreibpapier vom Block nachgeheftet wird, entzieht sich meinem logischen Verständnis ungefähr im gleichen Maße wie meinem Sohn die Feinheiten der Groß- und Kleinschreibung.)

Im Ranzen des Achtjährigen – ganz unten – finde ich eine kleine, laminierte, verknickte Karte mit Rechtschreibetricks in unleserlich winziger Schrift. Beim Abendessen frage ich mal vorsichtig nach, ob die Klasse eigentlich mit dieser Karte arbeitet. Ach die, sagt der Achtjährige, nee, eigentlich nicht. Und was machst Du, wenn Du nicht weißt, ob „Wald“ am Ende mit „d“ oder „t“ geschrieben wird? Das weiß ich, ruft er, ich höre, wie das in „Wälder“ klingt. – Das klappt ja besser als erwartet.

Da mischt sich der Vierjährige ein. Schreibt man „Alex“ mit einem „A“ oder einem „B“? Das hat er in der Kita von den Vorschulkindern aufgeschnappt. Was meinst du denn?, frage ich zurück. Logo, das weiß er schon. Es heißt ja schließlich nicht „Balex“! platzt der Achtjährige triumphierend heraus, der es diesmal geradeso geschafft hat, den Vierjährigen als ersten antworten zu lassen. Und dann stellen wir dem Vierjährigen Aufgaben. Weißt du noch ein Wort mit „B“? Es ist gelb und steht auf dem Tisch und du streichst es aufs Brot? Du hast es in der Hand und trinkst daraus? Und plötzlich sind wir im B-Land und essen Burstbrote und Bäsebrote und Bomaten und Burkenscheiben. Die Kinder ziehen ihre Blafanzüge an und wir haben Zeit zum Borlesen.

Dann klettere ich zum Achtjährigen ins Hochbett. Es mag allen pädagogischen Ratschlägen widersprechen, im Bett vor dem Schlafengehen für die Schule zu üben, aber das ist mir egal, denn dort ist es wenigstens gemütlich. Mein Sohn schreibt ein paar „Profiwörter“ und ein paar Wetter-Wörter; und bis auf die durchweg großgeschriebenen Artikel macht er es gar nicht schlecht. Als er darauf besteht, dass reg-ner-risch doch eindeutig mit zwei „r“ geschrieben werden muss (das hört man doch!), fällt mir das Grundschulwörterbuch ein, das ich neulich mal aus der Buchhandlung mitgebracht habe. Jetzt darf der Achtjährige nachschlagen. Wir entdecken, dass „regnerisch“ wirklich nur mit einem „r“ zu schreiben ist und dass „neblig“ auch „nebelig“ geschrieben werden darf, obwohl die Lehrerin das nicht möchte, und dass „Stürmer“ mit „Sturm“ verwandt ist, genauso wie „stürmisch“. Es gibt sogar eine ganze Seite mit Wetterwörtern, auf der man auch „Klimaveränderung“ und „Windböe“ und „Wettervorhersage“ findet.

Der Achtjährige ist kaum noch vom Nachschlagen abzubringen.

Was bin ich erleichtert! Soll er meinetwegen erstmal die Artikel großschreiben, die I-Punkte weglassen und dem Dehnungs-H den Krieg erklären. Aber den Spaß an Wörtern darf ihm die Schule nicht verderben. Das erlaube ich nicht.

Urlaubsreif

Mal wieder Freitag.

Den ersten Streit haben wir, als der Dreijährige morgens absolut und unbedingt seinen Spielstaubsauger mit zum Spielzeugtag in die Kita nehmen will. Ich habe mich ungern überreden lassen, das sperrige Ding auf dem Schulltrödel für ihn zu kaufen, weil ich genau das vorhergesehen habe. Und wenn ich mich richtig erinnere, war die Bedingung, dass ich diesen Staubsauger nicht freitags einen Kilometer zur Kita und genausoweit zurück tragen werde. „Aber man kann ihn doch auseinandernehmen und in einen Beutel stecken!“ verhandelt der Dreijährige. Ich weigere mich trotzdem, ich bin viel zu müde und habe einen Arbeitstag vor mir, auf den ich keinerlei Lust habe, ich will jetzt keine Kompromisse machen.

Den nächsten Krach haben wir auf dem Heimweg, als der Siebenjährige dem Dreijährigen mehrfach in die Kapuze spuckt. Mehrfach, weil ich es beim ersten Mal noch nicht bemerkt habe, und überhaupt vielleicht nur deshalb, weil der Dreijärhige zuerst auf dem Schlitten sitzen darf. Ich bin immer noch viel zu müde und habe einen Arbeitstag hinter mir, auf den ich keinerlei Lust hatte, ich reagiere nicht besonders nachsichtig.

Das nächste Geschrei gibt es, als der Dreijährige sich weigert, die Treppen hochzukommen, weil nicht er, sondern der Siebenjährige das Weihnachtspaket von den Nachbarn holen und nach oben tragen darf. Ich bleibe ruhig, dafür ist das Geschrei im Treppenhaus ganz sicher bis zum Jugendamt zu hören, gut, dass die dort freitags um die Zeit schon Feierabend haben.

Den letzten großen Krach gibt es, als der Siebenjährige mir am Abend seinen Plüschfußball zum zweiten Mal in den Kehricht wirft, den ich im Flur gerade zusammengefegt habe, obwohl ich beim erstem Mal schon ziemlich deutlich gesagt habe, dass er das bitte lassen soll. Ich bin viel zu müde und habe einen Arbeitstag hinter mir, auf den ich überhaupt keine Lust hatte und einen langen Heimweg, auf dem ich einen ziemlich schweren Schlitten ziehen musste… und reagiere pädagogisch überhaupt nicht wertvoll, Prädikat dringend aberkannt. Aber ich lasse mich überreden, den Ball wieder aus dem Mülleimer zu holen, es dauert nur eine Weile.

Aber zwischendrin – zwischen dem vorletzten und dem letzten Ärger – haben wir beim Abendbrot ein paar sehr, sehr schöne alberne Momente, als ich mit dem Siebenjährigen – der inzwischen gut genug liest, um seinen Spaß an jeder Art von Wortquatsch zu haben – auf den Packungen nachsehe, was wir da eigentlich essen. Kräutermark (klebrig – aromatisch – frisch) hat wie immer der Dreijährige auf seinem Brot. Dazu löffelt er einen Joghurt (wild). Außerdem gibt es Schinkenwürfel vom Gut „Drei Breichen“. Corned Schnief (Spritzenqualität!) scheint bei näherem Nachdenken ein Produkt aus dem Medizinbereich zu sein. Der Fischkäse hat bei uns immer Doppelkramstufe (sahnig – lehmig). Und auf den Fliegenkäse (anscheinend mit Laktosebrei und zur Freude des Dreijährigen „frisch verkackt“) schmeckt am besten ein bisschen Schlusspesto.

Ein schöner oder ein schrecklicher Tag? Jedenfalls sind wir urlaubsreif, alle.

Im Zeitschriftenladen

Wieder in der Stadt unterwegs, wegen der Kälte verbringe ich die Wartezeit auf den Bus im Zeitschriftenladen. Ich streiche an den Regalen entlang, die Sonderhefte mit den besten, neuesten und leckersten Plätzchenrezepten interessieren mich nicht. „Lernen Sie, ihren Zeitdruck mit anderen Augen zu sehen. Berufstätige Mütter über Chaos und Glück“ will ich auch nicht lesen. Das mit Chaos und Glück ist wohl wahr, aber meinen Zeitdruck möchte ich trotzdem nicht anders nennen als „Zeitdruck“, ich möchte darunter leiden dürfen und bei Gelegenheit vielleicht etwas daran ändern, aber schönreden will ich ihn mir nicht.

Überhaupt mag ich ihn gerade nicht, den verkrampft fröhlichen oder jedenfalls mindestens ein wenig krampfhaft optimistischen Ton, den Frauenzeitschriften so oft anschlagen. Anscheinend ist es dieser Ton, von dem die Werbekunden vermuten, dass er die Leserinnen in die richtige kauflustige Stimmung versetzt. Wahrscheinlich würde keine dieser Zeitschriften einen Artikel veröffentlichen, der sich mit dem Zeitdruck so beschäftigt: „Mein Leben an der Grenze zum Burn-Out. Berufstätige Mütter gestehen ihre schlimmsten stressbedingten Erziehungsfehler.“ Schade eigentlich.

Auf der tendenziell esoterischeren Seite des Zeitschriftenregals gibt es „Lektionen in Dankbarkeit“ (Nein, bitte, ich gebe mir ja schon Mühe mit der Dankbarkeit… Lektionen möchte ich aber nicht erteilt bekommen, von niemandem…) und „Leben mit der Unsicherheit“ – aber was ich darüber nicht weiß, will ich auch gar nicht erfahren, glaube ich.

Ich bin heute zu mäkelig, das wird nix mit mir und den Zeitschriften. Oder doch? Auf dem Weg zum Ausgang fällt mir noch die Schlagzeile „Powerdressing“ ins Auge, mit der offensichtlich für neue Büromode geworben wird. Ja, ich würde auch gerne eine Gehaltserhöhung allein auf Grund einer neuen schicken Powerbluse bekommen. Aber wahrscheinlich laufe ich meinem Chef dafür sowieso viel zu selten über den Weg.

Ich lasse die Zeitschriften liegen und gehe zum Bus. Spaß muss es schon machen, sich all diese Überschriften auszudenken; genauso, wie es Spaß machen muss, die Werbetexte auf Tees und Bademitteln zu verfassen, die wir heute so oft nicht deswegen kaufen, weil wir Tee trinken oder baden wollen, sondern weil wir uns nach dem Lebensgefühl sehnen, dass sie uns freigiebig und in allen Nuancen versprechen.

Wörter sind ein großartiges Material.

Und wenn es mit der Gehaltserhöhung wegen der neuen Bluse nicht klappt, kann ich mich ja immer noch selbständig machen und eine Power-Tee-Kollektion fürs Büro entwerfen: „Soft Skills am Morgen“; „Brain Fitness für Powerpoint“,  „Süße Träume im Meeting“, „Excel-Hero“; oder wie wäre es mit einem „Zeitdruck-Killer-Tee“? Berufstätige Mütter würden ihn lieben.