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Zeit

Eine der ganz großen Illusionen, die ich mir immer wieder mache, ist die Vorstellung, dass wir an einem bestimmten Punkt in der Zukunft – nächste Woche, am Samstag, in den Osterferien – gaaaanz, ganz viel Zeit haben werden.

Dann fangen die Ferien an, und es stellt sich heraus, dass ein halber Teilzeitarbeitstag auch im Homeoffice immernoch mindestens drei Stunden dauert und meistens länger; dass gekocht und abgewaschen und eingekauft werden muss und der Müll schon wieder überquillt und am Ende keine Kraft mehr fürs Schwimmbad übrig ist und keine Zeit für den Zoo und nur gerade noch genug für eine Runde Kartenspielen vor dem Schlafengehen.

Auf den 422 Fotos, die darauf warten, in unsere Fotoalben eingeklebt zu werden, sieht das so anders aus. Wanderungen und Ausflüge, ein Picknick im Park, eine Reise zur Besuchsfreundin, Basteleien, die die Kinder stolz in die Kamera zeigen. Hatte ich vor ein, zwei Jahren noch so viel mehr Unternehmungslust? Oder steckt in meinem Kopf ein Schalter, den ich irgendwann umgelegt habe; der meine Zeitwahrnehmung verändert hat, so dass ich gewohnheitsmäßig immer schon Tage und Wochen im voraus verplane, doppelt am liebsten, so dass ich mich immer gehetzt fühle?

Die ganz große Schwester hatte vor, uns am Karfreitag zu besuchen, muss aber ganz kurzfristig arbeitsbedingt absagen. Plötzlich liegen anderthalb Tage vor uns, die wir anders gestalten müssen, als ich es mir vorgestellt habe – und da versuche ich ganz bewusst, den Schalter im Kopf zu finden und zurückzuschalten.

Ich lasse das Mittagsgeschirr auf dem Tisch stehen und verlocke meine Söhne dazu, Inliner und Rollschuhe vorzukramen und raus in die Sonne zu gehen. Ich ignoriere das Chaos aus Knieschützern, Fahrradhelmen, Schals und Jacken, das hinterher im Flur herrscht, und gehe auf den Wunsch des Siebenjährigen ein, jetzt noch unbedingt seine Lieblingsplätzchen zu backen. Ich lasse den Elfjährigen eine Osterkerze gestalten, weil er das gern machen mag, und kriege es hin, daraus kein Pflichtprogramm für uns alle zu machen.
Am nächsten Tag gelingt es mir, rechtzeitig – und noch ziemlich freundlich – zu sagen, dass ich erschöpft bin und mal eine halbe Stunde allein sein möchte. Und hinterher habe ich wieder genug Elan, um eine Sellerieknolle, einen verbogenen Löffel, Schaschlikstäbe, ein wenig Bienenwachs, ein Teelicht, Stecknadeln und die ausgepusteten Eier hervorzusuchen und den Jungs die alte Batik-Technik zu zeigen, die ich von meiner großen Schwester gelernt habe; und ich schimpfe gar nicht so sehr über die auf dem Küchentisch verkleckerten Ostereierfarben und lasse am Abend einfach alles auf dem Tisch stehen und denke auch noch nicht über den nächsten Tag nach, sondern gehe Schreiben – und das fühlt sich gut an.

Es wird bei uns unordentlicher als sonst sein an diesem Ostern; vielleicht gibt es kein festliches Essen und wir sitzen nicht zu jeder Mahlzeit gemeinsam am Tisch; dass ein Teller mit Broten irgendwo steht, reicht vielleicht aus, wenn wir dafür noch etwas Schönes zu Ende machen können.
Meine innere Anspannung hatte sich tief, tief eingegraben. Ich bin froh, dass es mir gelingt, sie wenigstens ein bisschen abzuschütteln und das Gefühl für „hierundjetzt“ wiederzufinden; bin froh über die freien Tage mit meinen Kindern.

Bald werden Erwerbsarbeit und Schule uns wieder ihren Takt vorgeben, und dann werde ich ans nächste Wochenende denken oder an die nächsten Ferien und mir einbilden, dass wir dann Zeit haben werden, unendlich viel Zeit, für den Zoo und das Schwimmbad, den Kletterpark und die Wanderung und diese und jene Freunde und alles, was wir uns schon sooo lange wünschen; und werde wunderschöne, viel zu große Pläne schmieden und mich immer wieder daran erinnern müssen, das Planen auch mal sein zu lassen und stattdessen tief, tief zu atmen –  weil wir dann… wirklich Zeit haben.

Das Balkongartentagebuch: Herbstprojekte

Wenn der Schulzeitwecker morgens um dreiviertel sechs klingelt, ist es jetzt schon noch dunkel, und durch die Balkontür kommt so kalte Luft, dass ich kaum noch Lust habe, als erstes rauszugehen und nachzusehen, wie der Tag wird und wie viele Windenblüten sich gerade öffnen. Auch Abends bleibt weniger Zeit, noch bei Licht auf den Balkon zu kommen.

Aber ich sehe zu, dass ich das hinkriege, denn ich bin dabei, Samen zu ernten. Frau Pingaga hat ein Samen-Kreiselei-Projekt initiiert, bei dem ich begeistert mitmache. Die Aussicht, dass die Samen meiner Winden und Ringelblumen, die ich selber aus den Thüringer Gärten meiner Familie nach Berlin gebracht habe, nicht jahrelang ein trauriges Dasein in einer Vorratstüte führen, sondern vielleicht schon im nächsten Jahr irgendwo anders wachsen und blühen werden, beflügelt mich. Und in meinem Kopf wächst und blüht die Wunschliste, welche Samen ich im Austausch besonders gerne bekommen würde. Tomaten mal selbst ziehen – auf dem sonnigen Fensterbrett im Zimmer des Sechsjährigen könnte das gelingen. Oder Paprika! Dill hätte ich gerne. Und Studentenblumen und diese herrliche gelbe Staude, die mein Vater immer Mädchenauge nannte und deren gekaufte Version auf meinem Balkon einfach keine Samen tragen will…

In meinem Schlafzimmer stehen inzwischen alle meine Kompottschälchen – unterschiedlich hoch gefüllt mit verschiedenen Körnern und Körnchen. Zur Zeit ist es besonders der Samen meiner doch noch in Blüte gegangenen Rucola-Pflanzen, um den ich mich kümmern muss. Regelmäßig schaue ich nach, ob an den wild durcheinanderliegenden Blütenstängeln wieder Schoten gelb geworden sind – denn warte ich zu lange, dann öffnen sich zu viele von alleine. Die paar, die ich übersehe, reichen schon und werden mir im nächsten Jahr wieder Rucolapflanzen in allen Beeten bescheren, in denen ich die Erde nicht ausgetauscht habe.

Nicht nur der Rucola, sondern auch anderen Kräuter sind in diesem Jahr so schön geworden, dass ich zum Abendessen meistens eine Hand voll Grün vom Balkon hole. Ansonsten gibt es nur noch wenig zu ernten. Dass die letzten Tomaten an der riesigen Staude im Beet des Zehnjährigen noch reif werden, kann ich nur hoffen. Die beiden Paprika, die noch draußen hängen, werden sicherlich nicht mehr orange – aber die lassen sich ja auch grün essen. Der große Topf mit den Kartoffeln steht noch in seiner Ecke, bisher ist das Kraut nicht ganz vertrocknet, also warten wir mit dem Ernten noch ein wenig.

Und dann ist da noch die lästige Metallwand, die meinen Balkon von dem der Nachbarn trennt und die Sonneneinstrahlung so stark reflektiert, dass die Rankepflanzen, mit denen ich sie Jahr um Jahr zu begrünen versuche, im Hochsommer immer verbrennen. Eine ganz dünne Sperrholzplatte möchte ich vor die Metellwand setzen – vielleicht gelingt das in diesem Herbst, endlich.

samenkreiselei2015

Aufgabenzettelchen

Dass mein Arbeitgeber mir ermöglicht, auch ab und zu von zu Hause zu arbeiten, ist ein glücklicher Umstand – und einer der Gründe, warum ich von Jobwechselgedanken immer wieder abkomme. Zwei der vielen langen Sommerferienwochen – eine im August und dann nochmal die erste Septemberwoche – verbringe ich also zu Hause und habe zusätzlich halbe Urlaubstage genommen, um Zeit für meine Kinder zu haben.

Diese Halbzeit-Ferienbetreuung probiere ich zum ersten Mal aus, und daraus wird eine ganz entspannte Woche nach unserem Urlaub am Meer. Ach, könnten wir doch immer so leben!
Ich spare die langen Fahrtwege.
Ich verpasse den Schienenersatzverkehr und die 30 Grad, die bei Sommertemperaturen im Büro unvermeidlich herrschen, weil niemand da ist, der nachts durchlüftet.
Ich gehe morgens mit den Kindern auf den Spielplatz und sitze mittags eine überschaubare Zahl an Stunden am Rechner, abends wird gespielt und vorgelesen.

Und ich habe eine Idee, die sich als genial heraustellt: Vor dem Frühstück überlege ich mir, was heute im Haushalt zu tun ist – und dann schreibe ich Aufgabenkärtchen für meine Kinder, jeden Tag sechs Stück.
Einmal Abwaschen. Einmal Abtrocknen. Einmal Einkaufen. Wäsche aufhängen. Tisch decken und abräumen. Nudeln kochen und Soße warmmachen. Glas zum Container bringen. Müll runterschaffen. Küche fegen und wischen. Eine halbe Stunde Hilfe beim Wäschelegen… Für jede erfüllte Aufgabe dürfen die beiden sich für den Abend ein kleines Spiel wünschen – oder auch mal entscheiden, welche Naschtüte aufgemacht werden soll.
Und das funktioniert so gut, dass ich am Ende der Woche ganz fassungslos vor Freude bin.

Eigentlich sind meine Söhne nämlich faul. An vereinbarte regelmäßige Pflichten muss ich ständig erinnern. Bitten um Hilfe werden schon mal mit einem coolen „Keine Lust“ kommentiert, was unweigerlich Streit nach sich zieht. Denn ich mag nicht mehr alle Hausarbeiten allein machen!

Aber als da letzte Woche die Aufgabenkärtchen lagen, was alles anders. Schon beim Frühstück nahm der Zehnjährige sich die Kärtchen vor und entschied mit seinem Bruder gemeinsam, wer welche Aufgabe erledigen würde und welche sie sich teilen wollten. Die meisten Arbeiten haben die beiden dann ganz oder fast ohne Hilfe, mit nur wenig Erinnern von meiner Seite und ohne Diskutieren und Streiten erledigt. Ich habe mich wirklich entlastet gefühlt – nicht zuletzt weil ich, statt mit hohem Energieverschleiß um die Erfüllung regelmäßiger Pflichten zu kämpfen, die an manchen Tagen garnicht notwendig gewesen wären, um Sachen bitten konnte, die ich gerade wichtig fand. Ich habe das, was für mich zu tun übrig blieb, sehr viel fröhlicher gemacht. Meine Söhne fanden es toll, dass ich mich bei ihnen bedankt und ihnen gesagt habe, dass das, was sie tun, eine echte Hilfe für mich ist. Und wenn mal ein Kärtchen für den nächsten Tag liegengeblieben ist, war das nicht so schlimm.

Außerdem gab es jede Menge Lerneffekte: Der Sechsjährige hat begriffen, wie man Socken zusammenlegt und festgestellt, dass er sehr, sehr gerne wischt. Ich weiß, dass ich ihm noch ein paarmal erklären muss, welche Mülltüte in welche Mülltonne kommt. Der Zehnjährige ist stolz, dass er ganz alleine ein Mittagessen auf den Tisch stellen kann – und ich habe gelernt, dass er mit Schmorgurken dann aber doch noch überfordert ist.

Und beide Kinder haben wohl ein bisschen besser verstanden, wie viel Arbeit ein Haushalt Tag für Tag macht. Am Ende der Woche platzte der Zehnjährige beim Abendessen jedenfalls ganz unvermittelt heraus: Mama, du machst so viel für uns! Danke!

Und das hat sich soooooo toll angefühlt.

Wertschätzung, dieser gute alte Zauber, der einfach immer wirkt.

Jetzt sind erst einmal Papawochen. Aber hinterher – wenn der Alltag wieder bei uns einzieht – möchte ich das mit den Aufgabenkärtchen weitermachen. Vielleicht müssen es dann „Wochenkärtchen“ werden, weil meine ganztagsbeschulten Kinder unter der Woche ja wenig unverplante, freie Zeit haben. Vielleicht erfordert es ein wenig Experimentieren, aber versuchen möchte ich es.
Denn dieses Wir-sind-eine-Familie-und-alle-helfen-mit-Gefühl möchte ich dann auch haben.

Schiebepuzzle

Man könnte meinen, dass ich es mir in der kinderlosen Woche faul und gemütlich mache. Das kommt sogar vor, nur nicht, wenn Herbst ist und ich noch ganz schnell mein diesjähriges Renovierungsprojekt umsetzen muss, bevor Adventsschmuck aus den Kisten geholt, Früchtebrot gebacken und eine lange Liste Weihnachtsgeschenke gebastelt oder gekauft werden muss.

Habe ich hier schon einmal ein Loblied auf mein halbes Zimmer gesungen? Jede Wohnung sollte eins haben – ein kleines, halbes mehr als die grundsätzlich notwendige Anzahl. Für migränekranke oder schnarchende Gäste. Um selber mittags für eine halbe Stunde die Tür hinter mir zuzumachen und den Kinderlärm das fröhliche Spielen meiner Kinder mit ihren Fußballkarten nicht mehr zu hören (stattdessen die Nachbarn, weil die Wand zu denen nur aus dickerem Papier besteht, aber die sind ja auch ruhiger). Für den dicken Kleiderschrank, die Campingsachen, die Winterbettdecken, den Weihnachtsschmuck, die Kiste mit den Erinnerungen an meine Kindheit. Für das große Bücherregal, das nicht mehr ins Wohnzimmer passt. Um zwischenzulagern: Äpfel und Plätzchendosen, Geschenke (sicher versteckt), zu klein gewordene Kindersachen, Wäschekörbe und alles, was mal eben aus dem Weg muss.

Schon lange hat mein Zimmerchen eine neue Schicht Farbe verdient – die Wand zu den Nachbarn sogar eine extradicke (falls grad keine Schallschutzfarbe erhältlich ist). Und da der Renovierungsrappel bei mir immer im Herbst einsetzt… stehe ich im ausgeräumten halben Zimmer und spiele Schiebepuzzle.

Die Leiter zuerst rechts hinten. Den halben Hängeboden mit Zeitung auslegen und die Ränder abkleben. Dann das Bettgestell hochkant stellen und nach rechts schieben, dann ist links Platz für die Leiter, und ich kann die linke Hälfte des hinteren Hängebodens abkleben. Leiter zusammenklappen und in den Flur stellen. Dann den Kleiderschrank von links vorne nach links hinten schieben. Leiter wieder reinholen und den vorderen Hängeboden links (ist aber jetzt rechts, weil ich mich dazu umdrehen muss) mit Zeitung auslegen. Dann das Bettgestell nach links an den Kleiderschrank schieben… und so weiter. Der Kleiderschrank kriegt heute selber ein Kleid – aus schicker grüner Folie. Der würde nämlich garnicht durch die Tür passen, und auseinandernehmen möchte ich das gute alte Stück vom VEB lieber nicht nochmal – wer weiß, ob er wieder zusammenzusetzen wäre. Das Bettgestell mag ich auch nicht auseinandernehmen, das schiebe ich dann vor dem Streichen einfach auf den Balkon. Für die Freunde, die zum Helfen kommen, werde ich mir noch eine Choreografie ausdenken: Wenn A hinten links auf der Leiter steht und die Rolle in der linken Hand hält, kann parallel B unter dem vorderen Hängeboden mit dem Pinsel in der rechten Hand streichen, während C (das bin ich) auf dem Kleiderschrank sitzt und… den Farbeimer festhält. Oder so ähnlich. Es ist eben ein sehr, sehr kleines Zimmer.

Oder doch nicht? Ich komme ins Grübeln, als ich an den offenen Kinderzimmertüren vorbeigehe. Beim Neunjährigen stapeln sich die Bücher – flächendecken und einen Meter hoch – unterm Hochbett, an der Turnstange hängen meine Kleider, darunter liegt ein Stapel Winterjacken. Beim Fünfjährigen lagern mehrere Raummeter Winterbetten und Campingutensilien. Den Rest seines Zimmers verstopft die Wäsche aus dem Schrank.

Ohne mein halbes Zimmer wäre das immer so, wie schrecklich!

Jetzt noch eine Einkaufsliste schreiben: Gelbe und weiße Farbe. Einen schönen kleinen flauschigen Teppich. Und einen Lampenschirm, der gemütliches Licht macht. Oh, das wird schön!

Das Balkongartentagebuch: Wintervorbereitungen

Diese Woche ist so ruhig wie lange keine mehr. Meine Besuchsfreundin ist abgereist, die Hälfte meines Freundeskreises schon wieder auf irgendeiner herbstlichen Urlaubsreise, meine Kinder sind bei ihrem Vater und ausnahmsweise so gesund, dass ich nicht für einander überlappende Arztbesuche gebraucht werde.

Eine Rückzugswoche. Wintersachen vorkramen, zu klein gewordene Kleidung der Kinder aussortieren. Endlich die letzten Handgriffe am neuen Hochbett machen – und endlich rundherum aufräumen. Das nächste Physiotherapierezept für den Neunjährigen abholen (ganz ohne Ärzte geht es eben doch nicht) und allerlei dringende Anrufe erledigen. Die Herbstlaterne ins Fenster stellen. Und an einem dieser herrlich warmen Nachmittage habe ich Zeit für den Balkon.

Traurig nehme ich Abschied von der Paprikapflanze, bevor ich sie in kleine Stücke zerlege. Viele Früchte hat sie getragen – die letzte, daumenkuppengroß, mache ich noch ab. Auch die Lilien sind schon vertrocknet, aber die werden ja wiederkommen. Vom Basilikum schneide ich die Blütenstände ab und stelle ihn in die Küche – ob er wohl neue Blätter treibt? Allerlei Samen, die ich in den letzten Wochen schon geernetet habe, sind getrocknet und kommen jetzt in Tütchen und Streichholzschachteln: Lila Prunkbohnen und winzige Rucolakörnchen, eingeschrumpelte Kapuzinerkressefrüchte und sogar Samenstände vom Asiasalat und von der roten Melde. Die Ringelblume, die das halbe Frühjahr im Schatten der Kartoffel verbringen musste, ist gerade erst aufgeblüht – aber ich bin ja neulich beim Wandern an einer Ringelblumenrabatte vorbeigekommen, an der es schon Samen gab…

Heute ist auch der richtige Tag, um nochmal auszusäen, denn aus der Winterkiste möchte ich im Frühjahr Rapünzchen ernten. Dafür klappt das mit dem Wintergemüse vielleicht doch nicht – ein spätes Kohlweißlingsgelege hat meine Rosenkohlstaude quasi über Nacht in das vegane Äquivalent eines Schweizer Käses verwandelt.

Und dann sitze ich in der Dämmerung mit meinem Abendessen draußen, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Um mich herum blüht es noch, in allen Mädchenfarben dieser Erde: gelbe und orange Ringelblumen und Kapuzinerkressen, rosa und lila Millionbells, rote Geranien und dunkellila Petunien. Das erste Herbstlaub im Hinterhof passt dazu, genau wie die Herde rosafarbener Abendwolken, die am Himmel weidet.

S-Bahnen fahren vorbei, Glocken läuten zum 25. Jahrestag der großen Montagsdemonstration in Leipzig, irgendwo da draußen gibt es andere Menschen und Cafés und Musik und Schwimmhallen und Kinofilme… aber hier ist alles still und einsam. Eine Einsiedlerwoche. Manchmal ist das richtig schön.

Das Balkongartentagebuch: Vogelschutzmaßnahmen

Der Mai ist da, die Bäume sind so grün, als ob es Juni wäre, überall wird Spargel verkauft, das rote Erdbeerhäuschen an der Ecke steht schon bereit – und auch auf meinem Balkon wächst und gedeiht alles. Die Kartoffeln treiben kräftig, die Kohlrabistängel – schön lila – beginnen, sich zu verdicken, die Bohnen strecken kecke Ranken in die Luft, die Winden winden sich – alles ganz wunderbar.

Wenn, ja wenn da nicht…

Schon im letzten Jahr hatten wir einen sonderbaren Vogel im Hinterhof: einen Gourmetstar. Der den festen Vorsatz hatte, sein Nest mit nichts anderem als Salbeiblättern und anderen duftenden Kräutern – von meinem Balkon, ausgerechnet! – auszupolstern.

Und er ist wieder da.

Täglich haben wir Schäden an den Kräutertöpfen zu beklagen: Abgerissene Blätter! Abgeknickte Triebe! Abgerupfte – und einfach liegengelassene – Pflänzchen! Und die rausgezupften Radieschen und die Erbsen, die so schön gekeimt waren, aber einfach nicht weitergewachsen sind… das schiebe ich unserem geflügelten Feind auch gleich noch mit in die Schuhe.

Wenn ich allein oder mit den Kindern abends nach Hause komme, führt der erste Weg auf den Balkon: Ist noch alles ok? Hat der Vogel wieder gewütet?

Er hat.

Als er uns am Wochenende dann sogar noch frech einen Schiss auf dem Fensterbrett hinterlässt, ist das Maß voll. Jetzt reicht‘s aber!

Als erste-Hilfe-Maßnahme wird erst einmal eine aufgeschnittene Tüte außen ans Fenster geklebt, das auf den Balkon rausgeht und auf dessen Fensterbrett draußen die Kräutertöpfe und der Blumenkasten mit den selbstgezogenen Basilikumpflänzchen stehen. Die transparente Folie bedeckt schützend den Kasten, knistert hoffentlich ordentlich im Wind und verleidet dem garstigen Tier dadurch – so jedenfalls der Plan -, sich weiterhin auf den Rand des Blumenkastens zu setzen und von da aus am Salbei zu zupfen.

Weitere Abschreckungsmaßnahmen sind in Planung: In Gedanken sammle ich scheppernde Konservendosendeckel, bunte Gebetswimpel und raschelnde Folien und füge alles an einem langen Strick zu einer Vogelschutzgirlande zusammen, die rund um unseren Balkon gespannt werden könnte. Balkondeko mal anders! Oder soll ich lieber ein paar alte Kindersachen raussuchen und eine kleine, böse Vogelscheuche bauen? Mit einem Kopf aus einem Stück ausgestopften Strumpfhosenbein? Einem aufgemalten Gesicht und Wollhaaren? Mit einem drohend hochgehaltenen Besen in der Hand?

Unser Feinschmeckervogel hat sich jedenfalls – so viel steht schon fest – über die Tüte geärgert. Die Kräuter lässt er erst einmal in Ruhe – aber mit einem dicken, weißen Klecks auf einem der schönen großen Blätter unserer Sonnenblume wirft er uns einen neuen Fehdehandschuh hin. Na warte…

Zeitbombe im Schlafzimmer

Seit mein Zimmer so schön gelb gestrichen ist, mag ich es nicht mehr, wenn da drin das ausgezogene Sofa mit meinem Bettzeug rumsteht – und habe mir ein nomadisches Schlafverhalten angewöhnt. Am liebsten würde ich dauerhaft ins Zimmer des Vierjährigen umziehen, wo man durch die großen Fenster nachts die surreal orange leuchtenden Winterwolken über Berlin sehen kann. Aber nach einer unerwarteten spätabendlichen Begegnung mit etlichen Matchbox-Kleinwagen, die unter meinem Laken geparkt waren, habe ich beschlossen, in mein halbes Zimmer umzuziehen, wenn die Kinder da sind.

Habe ich mein halbes Zimmer eigentlich schon mal gepriesen? Kann eine Wohnung funktionieren ohne einen kleinen, eigentlich unnötigen Raum, der keinen anderen Zweck hat, als Platz für alles zu bieten, was einen Platz braucht?

(Der Wäscheschrank. Die Bücherwand. Selbstgebaute Hängeböden. Ein Gästebett. Die die Fischlaternen, die sich zur Weihnachtszeit in den anderen Räumen unwohl fühlen. Ein buntes Gemälde, das meine Mutter mal geschenkt bekommen hat; ein Mobile mit vielen, vielen Schmetterlingen; die dicke Clivia, die es schon gab, als ich selber noch klein war. Erinnerungen in Kisten und Erinnerungen im Kopf. Die Rollkoffer, mit denen wir verreisen, die Sachen, die zu klein geworden sind und die, die über den Winter aus den Schränken rausmussten. Das Federballspiel, die Fahrradtaschen. Fotos an der Wand. Der große Spiegel, vor dem meine Kinder nach dem Frühstück ihre Marmeladenbärte bewundern. Gäste und ihr Gepäck. Vor Weihnachten – zum Beispiel – außerdem ein Stapel Plätzchendosen, ein Wäschekorb mit Geschenken und all die Kisten mit Baumschmuck. Und bei Bedarf noch beinahe beliebig viel mehr.)

Jedenfalls ziehe ich mit Sack und Pack und Übergrößendecken in mein halbes Zimmer um, kuschele mich unter die Decke, mache die Augen zu und – es beginnt zu ticken. Tikkkk – Tack. Tikkkk – Tack.

Moment. Meine Besuchsfreundin hat das neulich auch schon erzählt, und ich habe das nicht so richtig ernstgenommen. Warum tickt das jetzt hier so? Das muss die Uhr sein, die im Flur vor der Tür zum kleinen Zimmerchen hängt. Tür zu. Das Ticken hält an. Irgendeine seltsame Resonanz durch geschlossene Türen hindurch? Sollte ich das kleine Zimmer an die Philharmoniker untervermieten, wenn es eine so gute Akustik hat? Mit diesem Gedanken – den Fuß meines rot-weiß geringelten Sorgenfressers tief ins Ohr gestopft, anderes Ohr fest ans Kissen gepresst, Decke bis zur Nasenspitze über den Kopf gezogen, jetzt tickt es nur noch ganz leise – schlafe ich ein.

Am nächsten Abend ist das Ticken immer noch da. Und soooo laut! Haben die Nachbarn – die hinter der Papierwand, mit denen ich gar nicht so viel reden muss und sie wissen trotzdem eine Menge über mich – eine neue Standuhr zu Weihnachten bekommen? Ich verwerfe den Gedanken wieder, eigentlich tickt es ja von der anderen Seite. Ich lege das Ohr an die Wand, vielleicht hat die ja eine dünne Stelle und man hört die Küchenuhr durch? Auch nicht. Hat die NSA ausgerechnet in meinem Bücherregal ihre Abhörtechnik für unseren Kiez installiert? Jetzt will ich es bitte genau wissen. Es scheint von da oben zu kommen, daaaaaa…

Eine unauffällige braune Papiertüte steht ganz oben auf meinem Bücherregal. Ich hole sie runter und lege mein Ohr daran. TIKKK – TACK. TIKKK – TACK. Aha! Und dann fällt mir auch ein, worum es sich handelt: Das ist das Geburtstagsgeschenk für den Vierjährigen, das meine ganz große Schwester schon zu Weihnachten mitgebracht hat. Stells doch einfach irgendwo ins halbe Zimmer, habe ich gesagt, da ist Platz.

Fühle mich mindestens so gut wie Sherlock Holmes, als ich das Päckchen aus dem Zimmer verbanne und kurzentschlossen erstmal im Flur im Einkaufsrolli versenke. Ja, ich habe sogar schon so eine Ahnung, was drin sein könnte. Scharf nachdenken, Watson!

Bettenwechsel

Hinter uns liegen die Weihnachtstage. Schöne Erinnerungen:

Meine Söhne beim Weihnachtsbaumschmücken, eifrig und strahlend. Von Jahr zu Jahr erinnert der Baum weniger an das, was ich mir vorgestellt habe, als ich irgendwann mal silberne und rote Kugeln gekauft habe. Jedes Jahr geht eine davon kaputt – manchmal auch zwei – und wird durch das ersetzt, was wir geschenkt bekommen oder was in der Kita als Weihnachtsgeschenk für die Eltern gebastelt wird, ein beglitterter Gardinenring aus Holz, glitzernde Sterne aus in Streifen geschnittenen Klopapierrollen. Den Salzteigengel habe ich selbst aufgehängt: Wer den Raum betritt, dem lächelt er zu.

Christvesper in der örtlichen Kirche. Der Organist kann die Einmal-im-Jahr-Kirchenbesucher nicht leiden und stimmt alle Lieder so hoch an, dass auch diejenigen, die die Melodie vielleicht vom letzten Jahr wiedererkennen, keine Chance haben, einzustimmen. Auch der Pfarrer hat wichtigeres zu tun, aber die neue Jugendbeauftragte gestaltet den Gottesdienst schön, einfache Aussage, roter Faden, das Licht weitergeben, alles klar, alles weihnachtlich. Auch wenn ich meinen Kindern vielleicht nicht empfehlen werde, selber auszuprobieren, was sie da im Krippenspiel gesehen haben, wo die armen Leute alle miteinander furchtbar nett waren und sich willig und dankbar haben helfen lassen.

Meine Kinder sind so verzaubert, dass sie sich in der Kirche geradezu mustergültig benehmen. Huiiii, das kenne ich anders! Aber diese Mal ist es das Kind in der Reihe hinter uns, das laut „Och nee, nicht noch ein Lied!“ ruft; und das Kind in der Reihe vor uns, das so sehr in das Spiel mit seinem Auto vertieft ist, dass es mitten im Gebet plötzlich von der Bank fällt. Ich lächele sanft und streiche meinen Kindern über den Kopf.

Dieses Jahr klappt überhaupt alles. Das Sauerkraut brennt nicht an, niemand übergibt sich, und meine Söhne jauchzen geradezu über ihre Geschenke. Wir machen nette Fotos von mir und den beiden und vom Vater der Kinder und den beiden und sogar eins von mir und dem Vater der Kinder und den beiden, auf dem wir wie eine Familie aussehen, auch wenn da dieser Abstand zwischen uns ist, den unsere Kinder überbrücken, zwischen uns stehen sie, der Vierjährige vor dem Achtjährigen, keiner will näher bei mir oder seinem Vater sein, sie wollen uns beide. Und so soll es sein. Playmobil- und Legokleinteile dominieren den Rest des Abends.

Die Feiertage: Faule Vormittage, die Kinder spielen herrlich. Spaziergänge im Sonnenschein. Gemeinsame Spiele, Kuschelabendessen mit Märchenfilmen. Und abends, wenn die beiden endlich in ihren Betten liegen, sitzen meine Freundin und ich vor dem Sofa – weil auf dem Sofa noch all unsere Geschenke liegen, die wir nicht wegräumen wollen, weil es dann nicht mehr Weihnachten wäre – und führen Vor-dem-Sofa-Gespräche und denken darüber nach, ob die anders sind als die Auf-dem-Sofa-Gespräche, die wir vielleicht sonst führen würden.

Jetzt ist die Weihnachtswoche vorüber. Wir winken der Bahn hinterher, in der meine Freundin sitzt, am Nachmittag beginnt die Familienbesuchszeit. Schnell Betten abziehen, einmal durchfegen. Kinder in die Badewanne, ab heute Abend wird die Badezimmerzeit rationiert. Geschenke wegpacken, das Sofa wird jetzt zum Schlafen gebraucht. Auf dem Herd köchelt ein Hähnchen, unterm Weihnachtsbaum stehen wieder Geschenke.

Jetzt darf das Jahr zu Ende gehen. Wunderkerzen liegen bereit.

Mehr Gelb

Meine Schwester, die vom Wändestreichen Sehnenscheidenentzünding kriegt. Meine Freundin, die vom Geruch der Farbe Migräne bekommt. Ein Freund, für ein paar Stunden aus einem Paralleluniversum ausgeliehen, in dem er vielleicht Steine auf dem Herzen trägt, von denen wir nichts ahnen. Und ich und ein paar Eimer Farbe und ein halbleeres Zimmer.

Das klingt wie die Konstellation eines Feel-Good-Movies von den Machern von „Zusammen ist man weniger allein“, und so etwas ähnliches kommt auch zu Stande: Auszeit. Wohltuender Abstand vom Alltag, für uns alle. Ein Wochenende, an dem wir reden und lachen und arbeiten, an dem ich bekocht und verwöhnt werde und nicht viel mehr zu tun habe, als ein paar Entscheidungen zu treffen (Für mich eine Pizza mit Artischocken! Der Farbton ist zwar schon sehr schön… aber ich mache jetzt einfach trotzdem noch ein bisschen mehr Gelb in die weiße Farbe… und noch ein bisschen… Uuuuuups… ). Und rings um mein nirgendwo ganz gerades Zimmer oben unter der Decke eine waagerechte Linie abzukleben, bis zu der die schöne gelbe – nein: „vanillecreme“ würde ich den Ton nennen – Farbe gestrichen werden soll.

Als wir wieder einräumen, müssen wir unter die Möbelbeine ein halbes Dutzend mehr kleine Holzscheibchen legen, als wir beim Ausräumen vom Boden geklaubt, exakt beschriftet oder gleich an die Beine der betroffenen Regale und Schränke angeklebt haben – auch die Dielen haben sich anscheinend eine Auszeit vom Alltag genommen, sich gestreckt und geräkelt und eine neue bequeme Position für die nächsten Jahre gesucht. Beim Einräumen der Fotoalben kommen wir ins Blättern und ins Erzählen. Namen und Jahreszahlen. Geschichten und Erinnerungen. Auf dem Friedhof – denn neben allem anderen ist ja auch Totensonntag – lachen wir über das Chaos aus Zweigen, das der Vater meiner Kinder auf dem Grab unseres mittleren ausgebreitet hat, und weinen ein bisschen, weil mein Kind dort jetzt schon ein Vorschulkind wäre.

Am Abend zu Hause machen wir die Tür zum halbfertigen Zimmer zu, sehen uns passend zu Thanksgiving „Pieces of April“ an, einen weiteren gemeinsamen Abend zum Räumen und Putzen haben wir ja noch. Am Ende strahlt alles wie neu.

Als ich zum ersten Mal wieder allein in meine leere Wohnung komme, gucken alle Dinge ein bisschen traurig.

Ist ja bald Weihnachten! tröste ich sie; Alle werden wiederkommen! Und an meinem Regal vor den Kochbüchern hat meine Schwester einen ihre wunderschönen selbstgemachten Adventskalender hinterlassen.

Was wäre ich ohne die Menschen, die so vieles für mich tun? Sehr viel mehr allein. In einem unrenovierten Zimmer, noch dazu.

Fußmassagen in der Ferne und Umziehen zu Hause

Eigentlich wollte ich noch einen zweiten Text über meine Reise schreiben. Darüber, dass es nur am Anfang eine Reise allein war und am Ende eine gemeinsame mit meiner ganz großen Schwester. Über die Landkarten, die uns die Mitreisenden – in deren oberpfälzer Dialekt wir uns mit der Zeit und viel Konzentration einhörten – an die Wand der Regionalbahn malten, um unseren Zug irgendwo in der Finsternis zwischen Hof, Regensburg und Cham zu verorten und über das alte, mächtige Klostergebäude, an dem wir irgendwann ankamen. Über Schwester Jubilata, die betagte, energische Nonne mit den heilenden Händen, zu der die Menschen aus der Umgebung kommen, wenn die Ärzte ihnen nicht helfen können; über ihre Heilungsgeschichten: Taubheit, Magenverschluss, steife Gelenke – nichts, was Schwester Jubilata nicht mit Fußreflexzonenmassage heilen könnte. Diagnose erst mal nicht so wichtig – „wos wehtut, da putzet mers halt“, so die resolute alte Dame. Über die zwei Tage, an denen sie uns die Grundlagen der Fußreflexzonenmassage beizubringen versuchte; über die schrecklichen Sekunden, in denen sie meiner Schwester den Fersensporn – der sie seit etlichen Jahren geplagt hat – mit dem „Stöckle“ zerdrückte. Erforgreich, anscheinend. Über die Vorträge, in denen die Nonne Aspartam, vorgeburtlichen Ultraschall und Fremdbetreuung von Kindern unter drei Jahren zu den großen Übeln der modernen Welt erklärte. Darüber, dass ich gar zu vehement vertretenen Heilslehren misstraue und so viel lieber Menschen glaube, die die Möglichkeit ihrer eigenen Fehlbarkeit, ihres Misserfolges, nicht ausschließen – und auch die Wahrheit ihres Gegenübers zu hören bereit sind. Darüber, dass sie mich trotz allem mächtig beeindruckt hat, Schwester Jubilata: Die ihr großes Heilungswissen gegen kleines Entgelt vielen weitergibt; die uns am Ende des Kurses mit bewegenden Worten aufforderte, das Gelernte weiterzugeben und anderen Menschen Berührung und Heilung zu schenken. Schwester Jubilata: Eine von 60 alten Nonnen, die nach langen Jahren der Missionstätigkeit in Afrika jetzt in das Haus zurückgekehrt sind, in dem sie einst ausgebildet worden sind, die alt werden und sterben werden, für deren Orden es keinen Nachwuchs gibt. Darüber, dass mich das traurig macht. Dass sie – dass ihr Klosterleben, ihre Kurse, ihr Begegnungshaus, ihre Erfahrungen, ihre Ansichten – der Welt fehlen werden.

Jetzt ist das alles schon wieder beinahe zwei Wochen her.

Das nächste ereignisreiche Wochenende steht vor der Tür. Einmal zu oft habe ich davon erzählt, wie gern ich mein großes Zimmer mal streichen würde. Jetzt haben sich Helfer angesagt und ich kann keinen Rückzieher mehr machen. Irgendwo in dem Chaos aus Farbeimern, den ersten unauffällig kindersicher weggestellten Weihnachtsgeschenken, vorbereiteten Friedhofsgestecken und den letzten von den Nachbarn vorbeigebrachten Gartenäpfeln müssen heute meine Renovierungsgäste untergebracht werden. Mitten in dem Chaos aus halb gepackten Kisten und halbvollen Regalen (nein, die sind schon halbleer, mindestens!, quatscht die innere Optimistin dazwischen) mit hinter Buchreihen auftauchenden Staubschichten, aus denen man glatt Filzpantoffeln nähen könnte, sehne ich adventlich geschmückte Ordnung herbei, von der ich nicht weiß, ob sie sich nach dieser Aktion in diesem Jahr überhaupt einstellen wird.

Die sonnengelbe und die ockerfarbene Abtönpaste, mit denen ich die weiße Wandfarbe in etwas verwandeln möchte, mit dem ich eine dauerhafte Illusion von Sonnenschein an meine Nordzimmerwand zaubern kann, haben sich inzwischen darauf geeinigt, beide nur noch nach Senf auszusehen.

Tröste mich mit einem alten Sprüchlein aus dem kleinen Sprichwörterbuch, dass ich mir als Kind manchmal heimlich mit ins Bett genommen habe: Wird schon wer´n, sprach Mutter Bern. Bei Mutter Born isses auch was wor´n. (Und bei Mutter Langen isses auch gegangen.)

Also pack ich mal weiter meinen Kram zusammen.