Himmel, Raps und Frösche

Es ist Mittwoch, der Alltag hat uns fest im Griff. Dabei war ich ihm doch gerade für zwei Tage von der Schippe gesprungen, davongefahren, weit genug, um ihn mit seinen diversen Widrigkeiten aus meinem Kopf zu verbannen.

Zwei Tage Oderbruch – der Inselmann sagte, da ist es schön. Also ans Telefon klemmen – übers Himmelfahrtswochenende sind die Gasthöfe und Pensionen eigentlich alle ausgebucht, aber in Neuküstrinchen Nr. 53 gibt es dann doch eine Holzhütte für uns. Am Ende haben wir sogar den ganzen Puppenstubencampingplatz für uns alleine, mit unserem Holzhäuschen und mit einem alten Bauarbeiter-Toilettenwagen, in dem es inzwischen auch Duschen gibt; mit der Küchenhütte, der Nachtigall, mit den Weidenblüten, die uns in den Morgenkaffee fallen und mit den Pusteblumen am Feldrand, die ich nicht gleichzeitig abpusten und fotografieren kann, das krieg ich einfach nicht hin. Und mit der Mutter der Vermieterin, die ihren mühseligen Morgenspaziergang am Stock gerne zu uns hinaus macht und erzählt, dass sie ihr ganzes Leben hier verbracht hat. Im Oderbruch.

Ortsnamen mit  „Neu“ gibt es hier eine ganze Menge. Und mit „Alt“. Und mit „Loose“. Das hat damit zu tun, dass die Oder eigentlich in einem großen gemütlichen Bogen durch das breite Tal geflossen ist, das sie sich in der Eiszeit – ja, ich erinnere mich düster, das hatten wir mal in der Schule, ein „Urstromtal“ – ins Land gegraben hat. Bis im 18. Jahrhundert Friedrich der II. nicht nur die Idee, sondern auch die technischen Mittel hatte, den Oderlauf zu begradigen und das Wasser hinter einem Deich einzusperren, das trockengelegte Land unter Siedler von beinahe überallher zu verlosen und sie neue Orte anlegen zu lassen. Neuküstrinchen ist ein kleines Straßendorf, dem man ansieht, dass es nicht gewachsen ist, sondern planmäßig gebaut wurde. Entlang einer einzigen Straße stehen die Häuser, teils verfallen und von blühendem Flieder überwuchert, teils liebevoll saniert, sicherlich manche in der Hand stadtflüchtiger Berliner, wer weiß. Denn schön ist es hier wirklich. Der Raps leuchtet, das Sonnenlicht funkelt auf den Folien, mit denen die Spargelreihen abgedeckt sind; lange Reihen von Pappeln stehen zwischen den Feldern, Störche haben sich fotogen in ihren Nestern platziert.

Natürlich wollen wir an die Oder! „Zollbrücke“ heißt die Stelle, an der die einzige Lücke im Oderdeich ist, sogar im nach der Flut von 1997 – Gedenktafeln überall, hier wurde eine ganze Gegend knapp vor dem Untergang im wahrsten Sinne des Wortes bewahrt, das war mir garnicht so klar – neu gesicherten Deich und natürlich verschließbar. Eine Brücke gibt es hier nicht mehr, aber oben auf dem Deich einen feinen glatten Radweg und zwei kleine Restaurants, beide mit Fahrradverleih, und da gehen wir auch hin, denn jetzt möchte ich an der Oder entlangfahren. Von der polnischen Seite leuchten rot-weiße Grenzpfosten herüber; auf den deutschen Grenzpfeilern ist das Rot zu unansehnlichem Rosa verblichen. Bei “Güstebieser Loose” gibt es eine Autofähre, aber die konnte den Betrieb in diesem Jahr noch nicht aufnehmen, weil die Oder noch Hochwasser hat. Ein paar schaulustige Touristen am Wasser. „Hier ist jetzt also die Grenze der EU“, sagt einer. Zum Glück kennt sich ein anderer aus. „Nee, nur die vom Euro.“  

Weil der Inselmann ein sportlicher Mensch ist und ihn die Aussicht auf mein erschöpfungsbedingtes Gejammer nicht schreckt, fahren wir noch elf Kilometer weiter bis Groß Neuendorf. Dort gibt es Kaffee und Bockwurst, zum Glück. Im alten Hafengelände stehen Eisenbahnwaggons, die als Übernachtungsmöglichkeiten ausgebaut sind; der alte Verladeturm beherbergt ein Café. Wir lümmeln in Liegestühlen am Wasser in der Sonne und sehen den Schwalben zu, die ihre Nester am Verladeturm haben. Den kleinen jüdischen Friedhof wollen wir auch noch ansehen, ein winziges Geviert in den Feldern, verwitterte Gedenksteine im Schatten alter Bäume.

Auf dem Rückweg haben wir tatsächlich Rückenwind (Ist das in der Geschichte des Fahrradfahrens schon jemals vorgekommen?). Die Kilometer schnurren nur so davon, ich freue mich an den vielen Pusteblumen auf dem Deich; an den Milchkaffeekühen, die auf ihren Weiden im Schlamm stehen und an den  Vögeln, die auf der Oderseite in den überfluteten Wiesen herumdümpeln. Trotz der Störche gibt es noch genug Frösche, sie quaken laut; trotz der Frösche schwirren noch genug Fliegen über dem Radweg, um das Fahren mit offenem Mund unerfreulich zu machen.  

Wir steigen wieder ins Auto, der Inselmann dreht die Musik auf; die Fenster sind heruntergekurbelt, wir fliegen über die Bodenwellen in der Straße. Die ersten Kilometer nach der polnischen Grenze schrecken mich ab – mit ihrer Mischung aus Night Clubs und Frisören und Zahnärzten und Optikern und ein paar riesigen Gebäuden, die wie Bauruinen aussehen und mit mächtigen Leuchtbuchstaben als „Größter Polenmarkt Berlins“ angepriesen werden. Lieber schnell zurück. Später am Abend pustet der Inselmann ein Feuerchen in der Grillschale in Gang, wir schauen in die Flammen, nur das Quaken des Alphafrosches im Dorfteich und die Unterhaltungen der Nachtvögel sind zu hören.

Am nächsten Tag schauen wir uns das Schiffshebewerk an – der Höhenunterschied zwischen der Ebene, auf der unter anderem Berlin liegt, und dem Urstromtal der Oder ist so groß, dass die Schiffe hier 36 Meter hoch gehoben – oder heruntergelassen – werden. Aus irgendeinem Grund ist das alte Hebewerk mit seiner beeindruckenden Stahlkonstruktion nicht mehr gut genug. Direkt daneben wird ein neues gebaut, riesige Betonpfeiler stehen da schon; genug Kräne, um für meine Söhne ein paar Fotos zu machen.

Als wir am Abend Hunger bekommen, haben die Restaurants an der Zollbrücke schon zu, da nützt auch Möhren-Ingwer-Suppe auf der Karte nichts mehr. Aber wir in einem der Alt-Orte (Altreetz?), deren Namen einem so schnell durcheinandergeraten, hat noch eins offen. Das Essen schmeckt so fein, dass der Inselmann seinen Charme spielen lässt und die Zutaten des Vorsüppchens (ein Familienrezept!) doch noch aus dem stolzen jungen Koch herausbekommt. Am Deich in der Dämmerung, später, schwimmt ein Schwan neben uns her Patrouille. Man sieht ganz deutlich, dass die Felder auf der einen Seite tiefer liegen als der breite Fluss auf der anderen. Der Weg zurück durch die kleinen Orte ist mir nach zwei Tagen schon ganz vertraut. Der Himmel ist riesig und hängt voller Regenwolken.

Am nächsten Morgen sind wir wieder auf der Straße nach Berlin. In Bad Freienwalde geht es steil bergauf, wir verlassen das Odertal. Kriegsgräbergedenkstätten und ein Bunker sind ausgeschildert, die Seelower Höhen sind hier irgendwo, auch der Krieg hat hier Spuren hinterlassen. Noch ein Kaffee vor der Bäckerei an der Straße. Im Auto läuft Musik; schöne Musik, in der einsame Cowboys nach Liebe, Rache, Gerechtigkeit (aber nicht nach einer Patchworkfamilie, so viel steht fest) suchen – am Horizont taucht Berlin auf, mit meinem Alltag, in dem ich mich gerade so verheddert fühle. Bis ins Oderbruch reicht er nicht, das ist gut. Ich komme heim, Kopf und Kamera voller großartiger Bilder; ich bin ganz weit weggewesen: wie schön das war. Ob der Vierjährige nächstes Jahr schon gut genug Fahrrad fährt, um ein paar Tage im Oderbruch unterwegs zu sein? Mal sehen.

Die Wissenschaft hat festgestellt

Beim Radiohören am Morgen wurde ich neulich mal wieder mit den neuesten Erkenntnissen aus der Wissenschaft versorgt. Anscheinend wurde jetzt nachgewiesen, dass das Tragen von Rucksäcken zu Schuldgefühlen führt. Ehrlich wahr! Probanden, die während eines vorgeschobenen Experimentes einen fünf Kilo schweren Rucksack trugen, wählten aus mehreren angebotenen Belohnungen angeblich hinterher tendenziell das Obst, während andere, deren Rucksack nur ein Kilo schwer war, ohne Skrupel zu den Schokoriegeln griffen. Wenn man den Schluss akzeptiert, dass das Auswählen von Obst dem Kompensieren von Schuldgefühlen durch korrektes Verhalten diente, war die Studie wohl einigermaßen eindeutig.

Ich muss sofort an den schweren Ranzen meines Achtjährigen denken. Wenn er stattdessen einen dieser neumodischen Schulrollis hätte – würde er dann noch mehr Schokolade essen wollen? Oder vielleicht ein glücklicheres Kind werden? Müssten Schulranzen schleunigst verboten werden oder hätte Bioessen bei Kindern dann gar keine Chance mehr? Nein halt: Schulranzen lieber erst verbieten, wenn die psychischen Folgen des Schulrolliziehens gründlich erforscht sind. Am Ende fühlt man sich angebunden, wenn man ständig eine Last hinter sich herziehen muss? Entwickelt einen starken Freiheitsdrang und eine rebellische Tendenz zum Schulschwänzen?

Ich schiebe die Frage erstmal beiseite – die Kinder sind eh bei ihrem Papa – und betrachte kritisch die Sachen, die ich heute mit mir rumtragen werde. Ein Buch, ein Päckchen, das zur Post muss, eine Orange, diverse Unterlagen, eine Flasche homöopathische Tropfen. Wenn ich die Kinder am Nachmittag abholen muss, muss morgens schon das sperrige Buddelzeug mit. Und nachmittags kommen die Einkäufe dazu und die halbleergegessenen Vesperdosen und die Jacken, für die es am Nachmittag zu warm ist – für all das brauche ich auch einen Rucksack. Jetzt weiß ich endlich, warum ich mich als Mutter dann immer so unzureichend fühle.

Heute kann ich die Handtasche nehmen, zum Glück. Aber ich schalte das Radio lieber mal aus. Ob das Tragen von Lasten an einem Schulterriemen ins emotionale Ungleichgewicht führt oder zu einer einseitigen Weltsicht – das will ich jetzt gerade lieber nicht auch noch wissen.

Aber eins wird mir klar, als ich zur S-Bahn renne, während die schwere Tasche von meiner Schulter baumelt: Die spirituelle Läuterung auf langen Pilgerwegen… müsste dann ja wohl umso stärker ausfallen, je mehr Gepäck man mit sich rumträgt. Ob das schon mal einer untersucht hat?

Wissenschaft ist schon irgendwie lustig.

Öffentliche Grünanlagen (II)

Heute musste dringend die Wikkingerschachsaison eröffnet werden. In einem Park mitten in Berlin, wo die Stadt im Mai so schön ist, dass ich jedes Jahr aufs Neue auf einmal wieder weiß, warum ich gerne hier lebe.  

Auf dem Rücken unter einem Baum mit frischen hellgrünen Blättern liegen und in den blauen Himmel schauen, das ist schön. Auf der riesigen Wiese liegen überall Leute, einzelne, Paare. Die Familien lagern am Rand des Spielplatzes. Die Kinder hier heißen Zora und Frieda, sie sind mit dem Fahrrad gekommen, spielen mit ihren Papas auf der Wiese Ball. Auf dem Klettergerüst und im Buddelkasten sind auch hier viele Sprachen zu hören, aber über die Erziehungsgrundsätze scheinen alle Eltern sich abgesprochen zu haben. Es ist friedlich.

Als wir picknicken wollen, muss ich den Vierjährigen erst mal säubern, fünf Meter auf nackten Füßen über die Wiese haben gereicht, um in einen Hundehaufen zu treten. Ein glücklicher Zufall, dass eine alte Packung Feuchttücher in meinem Rucksack steckt. Als wir beim Essen sind, steht plötzlich ein Hund mitten auf der Picknickdecke; mit verkniffenem Gesicht schnüffelt er an der Auberginencreme herum, zum Glück nur an der, die schmeckt uns sowieso nicht.

Zwei Frauen patrouillieren in schicken blauen Ordnungsamtsuniformen vorbei, lassen aber nicht erkennen, ob sie es auf Hunde ohne Leine, unerlaubtes Grillen oder irgendwelche anderen Parksünden abgesehen haben. Vielleicht gehen sie auch nur spazieren, sie sehen nicht aus, als ob sie Lust hätten, sich mit irgendwem anzulegen.

Die Wikkingerschachfiguren fallen mit diesem befriedigenden Klacken von Holz gegen Holz um, wegen dem ich ein kleines bisschen süchtig nach diesem Spiel bin. Mein Achtjähriger und ich strahlen uns an, wir spielen gegen seinen Freund und seine Mutter, am Ende steht es eins zu eins, die großen Jungs trollen sich mit dem Fußball, der Vierjährige baut aus den Holzklötzchen einen Getränkeautomaten.

Das Wetter hält – kein Wunder, ich habe ja auch die obligatorische überflüssige Fleecejacke für jeden von uns dabei. Am Parkausgang finden wir sogar ein Toilettenhäuschen, ohne Klopapier, dafür aber mit klassischer Musik. Später am Nachmittag wird der Park voll. Bierkästen werden herbeigetragen, Grillkohlen angefacht, Sonnensegel gespannt. Die Ordnungsamtsfrauen haben schon lange Feierabend.

In der Ferne beginnen Leute zu trommeln, ein paar andere tanzen dazu. Pfingsten ist in Berlin der Karneval der Kulturen, vielleicht werden die, die da heute tanzen, dann auf einem der bunten Wagen stehen. Wir Mütter lümmeln auf der Decke und schauen zu. Der Milchkaffe aus der Packung schmeckt  genau so labberig und süß, wie Milchkaffe aus der Packung in einem Park im Mai schmecken muss, um den Tag perfekt zu machen.

Öffentliche Grünanlagen (I)

Am ersten Mai habe ich meinen Kindern einen Wunsch erfüllt. Sie wollten endlich mal wieder zum Obenkran-Untenkran-Spielplatz. Der ist ziemlich nett gestaltet – mit einer riesigen Ritterburg und einer nicht immer kaputten Wasserspielanlage und lebensgroßen hölzernen Märchenfiguren und einer Hütte, von deren Dach aus man – wenn man sich auf eine der Tauben von Aschenbrödel setzt – an den einen von zwei kleinen Flaschenzügen herankommt, mit einer langen Kette, an der eine Schale hängt, die man voll Sand schippen und dann hochziehen kann. Das ist der Obenkran, den der Vierjährige liebt. Der Untenkran war leider nicht mehr da. Auch die Nestchenschaukel war dem Winter oder dem Vandalismus zum Opfer gefallen, schade. Dafür war der Tischkicker noch intakt, wegen dem der Achtjährige so gerne dort hingeht.

Bisher waren wir dort immer nur an Sonntagvormittagen, und nachdem wir am Nachmittag des ersten Mai eine Zeit lang dort gespielt hatten, wusste ich auch wieder, warum.

Der Spielplatz liegt in der Nähe einer dieser Siedlungen, die schon mal gern als „sozialer Brennpunkt“ bezeichnet werden. In jedem Fall ist er ziemlich multikulturell und exotisch. Anders als auf den Spielplätzen in unserem behüteten Kiez gibt es dort mehr Kinder als Erwachsene. Ganze Horden von Mädchen in Rosa mit langen, glänzenden Zöpfen oder wilden schwarzen Locken, viele mit einem kleinen Geschwisterkind an der Hand; kleine und mittelgroße und schon ziemlich große Jungs in Marken-Sportklamotten. Klischees, ja. Hier bestätigen sie sich, hier werden sie – manchmal nur Minuten später – gebrochen.

Im hinteren Teil der Ritterburganlagen hatte eine ganze Gruppe von Frauen mit bunten Kopftüchern ihr – ringsum mit Kinderwagen befestigtes – Lager aufgeschlagen und den Inhalt großer Picknickkörbe ausgepackt. Aber es war eine der Kopftuchmütter, die gemeinsam mit ihrem Sohn nach uns am Kicker spielte. Eine Frau unter einer Burka – einer echten, die nur einen kleinen Schlitz für die Augen freiließ – lief drei Schritte hinter einem Mann mit Vollbart her, dieser Sorte Vollbart, die einen unvermeidlich an den 11. September erinnert. Aber später, neben der Bank, schob sie ihren Bugaboo – wenn auch in schwarzen Handschuhen – mit genau derselben Bewegung hin und her, an die ich selbst mich aus Zeiten mit einem Baby so gut erinnern kann. Ein bulliger Typ mit einer riesigen Narbe auf der Glatze – eines der wenigen Spielplatzelternteile ohne erkennbaren Migrationshintergrund – lehnte mit finsterer Miene an der Tischtennisplatte. Aber dann saß er plötzlich neben einer Frau mit alternativer Kurzhaarfrisur und gehörte ganz offensichtlich zur Familie.  

Ja: Klischees! Ich selber passte auch in eins hinein, das wurde mir klar, als ich unser säuberlich namensbeschriftetes Sandspielzeug auspackte, das ein paar kleine arabischen Jungs, die keins hatten, ganz unwiderstehlich fanden. Als ich die Tupperdose mit den Weintrauben rausholte und meinen Jungs sicherheitshalber eine Jacke überzog, weil die Sonne verschwunden war. Als meine Söhne irgendwann heulend ankamen, weil ein größerer sie vom Obenkran vertrieben hatte. Und ich verkörperte nicht nur ein Klischee – ich war auch in der Minderheit, einer Minderheit, die – ein klein wenig bestürzend, aber nicht unverständlich – von den anderen Besuchern des Spielplatzes nicht automatisch wohlwollend betrachtet wurde. Die Blicke der Mütter um mich herum – die Blicke, die die Mütter mit den bunten Kopftüchern und mit den schönen dunklen Locken mir und meinen heulenden Jungs zuwarfen – die Blicke der Mütter, deren Söhne sich ohne viel Federlesens durchzusetzen vermochten: sie waren ein bisschen hämisch. Ein ganz kleines bisschen.

Gesehen, gelesen, gehört… im April

Spiegel-Bestsellerliste hin oder her – wenn mir Bea vom MeinWald-Blog nicht “Die hellen Tage” von Zsuzsa Bánk empfohlen hätte, hätte ich dieses wunderschöne Seelenbuch verpasst. Und das wäre sehr, sehr schade gewesen. Irgendwie hoffe ich immer noch, dass es weitergeht, dass ich erfahren kann, was aus den Menschen wird, deren Geschichten, deren helle und dunkle Tage da erzählt werden…

Durchgehalten und ausgelesen! Den “Nachtzug nach Lissabon” von Pascal Mercier hatte ich vor längerer Zeit schon mal angefangen und zur Seite gelegt: zu konstruiert, fand ich damals. Jetzt mochte ich das Buch. “Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?” – Das Buch kreist auf eine schöne Weise um diese Frage, finde ich jetzt. Aber verfilmt kann ich es mir schwer vorstellen. Es war vielleicht gut, nicht ins Kino zu gehen, sondern zu lesen.

Passend dazu die Postkarte des Monats: “Ich habe mich entschieden: Orange möchte ich sein. Aber was mach ich mit den anderen Farben?” Leider gibt es diese Postkarte nur noch in den Erzählungen meiner ganz großen Schwester, die sie nach ihrer Entscheidung für eine bestimmte Stelle – für einen bestimmten Karriereweg – mal geschenkt bekam. Ich möchte  von den anderen Farben auch ein bisschen haben. Wenigstens ein bisschen.

Doris Dörrie mag ich sowieso. “Hanami” gehört zu meinen allerliebsten Lieblingsfilmen. Jetzt habe ich mit einer Freundin in ihre nette kleine Serie “Klimawechsel” hineingeschaut, die ich schon von einem unerwartet langen Abend mit meinen Schwestern kannte. Die Geschichten von vier Lehrerinnen in den Wechseljahren, den sie umgebenden Ehe- und sonstigen Männern und der nicht ganz harmlosen Frauenärztin, deren Praxis sie alle aus dem einen oder anderen Grund besuchen, sind so lustig (und bitterböse), dass man sofort alle sechs Folgen nacheinander sehen möchte. Auch beim zweiten Mal. Unbedingt! Stellt schon mal Wein hin.

Ein Essaybändchen: “Kränken und Anerkennen”. Gedanken um diese beiden Begriffe macht sich Corina Caduff. Schlicht und lesbar schreibt sie, führt nicht jeden Gedanken über Blicke und Krankheiten und Kunst, die Erfahrung des Fliegens oder das Jenseits, nicht jeden Aspekt des Gekränktwerdens oder Anerkanntwerdens bis ins letzte aus, aber inspiriert gerade dadurch. “Wir führen ein Patchworkleben und wünschen eine Gesamtanerkennung”. Da finde ich mich wieder. Interessante Lektüre!

Berliner Mauerweg: Nordostecke

Vom Berliner Nordosten hatte ich so meine Bilder im Kopf, obwohl ich bisher höchstens mal mit der Bahn durchgefahren bin. Birkenwäldchen habe ich erwartet; Orte, die ineinander übergehen, ohne dass man so richtig sagen kann, wo Ostberlin endete und Westberlin begonnen hat; haufenweise neugebaute Siedlungen.

Und so ähnlich ist es auch wirklich.

Ländlich ist es da oben, kaum mag man glauben, dass die Mauer durch die idyllischen Felder führte, durch die man geleitet wird. Von Willhelmsruh aus ein Stückchen entlang der S-Bahn, durch das Märkische Viertel, dann ist man erst einmal auf dem Land. Flach kann man es dort nicht nennen, wir strampeln Hügel hinauf, die für Berliner Verhältnisse eigentlich schon Berge sind, und rauschen wieder hinunter, an der Grenze zum Naturpark Barnim, in dem Knoblauchkröten und Rotbauchunken in kleinen kopfweidenumstandenen Seen ihren geschützten Lebensraum haben. Während wir durch Glienicke und Frohnau mäandern, betrachten wir die Häuser und Villen und versuchen zu entscheiden, ob der Baustil der älteren Gebäude auf Ost oder West hinweist. Auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze sind neue Häuser dazwischengesetzt worden, überall, wo noch ein Grundstück frei war. Legolandglänzende Dachziegeln und Sprossenfenster, schwarzwälder Jagdhäuschen, aber auch Bauten, die es auf die Titelseite von „Schöner Wohnen“ schaffen könnten, Betongebilde mit flachen Dächern und dem unvermeidlich wie eine quergedrehte Streichholzschachtel nach vorne überstehenden zweiten Geschoss.

Kann man hier leben wollen? Wie würde es sich anfühlen? Im rosa Neubau am Berg, direkt an der B96, gegenüber McDonalds? Mit dieser Frage sind wir so beschäftigt, dass wir an der „Glienicker Spitze“ den Abzweig unseres Weges von der B96 verpassen und der stark befahrenen Oranienburger Chaussee viel zu lange folgen – so lange, bis wir uns noch nicht mal auf der Beikarte III meines uralten Falkplans von Berlin wiederfinden und auf das angewiesen sind, was die ortsansässigen Radfahrer und Jogger über den Mauerweg wissen. Freundlich helfen sie uns weiter, wir finden den Weg wieder, hurra – aber da die Mauer hier anscheinend kreuz und quer verlief, folgen wir ihm erst mal ein Stück in die falsche Richtung, durch die Invalidensiedlung mit ihren hübschen Gründerzeit-Klinkerbauten, bis wir im Kreis dorthin zurückgeführt werden, wo wir eigentlich hätten auf die B96 stoßen sollen. Mist. Wir sind auch schon dreimal an einem Ortschild von Berlin vorbeigekommen, ohne die Stadt auch nur einmal bewusst verlassen zu haben, das ist komisch. Irgendwann haben wir dann endlich die andere Seite von Frohnau gefunden, der Mauerweg führt ein wenig eintönig durch den frühlingslichten Wald, hügelauf, hügelab; meine fehlende Kondition macht sich bemerkbar (muss nachher ganz dringend bei ebay neue bestellen). Als Hennigsdorf endlich ausgeschildert ist, sind wir ganz dankbar, dass wir uns keine längere Strecke vorgenommen haben. Noch ein Kaffee im „Kaffehaus Madlen“ am Bahnhofsvorplatz, das ist am Sonntagnachmittag voll, weil es sonst nur noch den Asia-Imbiss gibt; wir müssen ganz hinten in der Ecke sitzen, hinter der hautfarbig gestrichenen Säule, da, wo der Kinderstuhl und ein bissel Spielzeug stehen, wo anscheinend sonst die Familien mit Kleinkindern hinverbannt werden.

Ich bin froh, als ich am Südkreuz aus der S-Bahn steige. Mag sein, dass der Berliner Norden seine Rotbauchunken, Frühlingsgärten, Birkenwäldchen, zugezogenen Familien und andere schönen Seiten hat. Aber… von jetzt an häufiger dort hinfahren muss ich trotzdem nicht, glaube ich.

Berliner Mauerweg. Erinnerungen

Bei meiner technischen Begabung – bzw: bei meiner fehlenden technischen Begabung – ist es eine große Leistung, dass ich diese Woche komplett selbständig die Kette an meinem Fahrrad geölt habe. Zu sowas überwinde ich mich nicht ohne einen guten Grund: Ich habe vor, am Wochenende fortzusetzen, was ich im letzten Jahr mit einer Freundin angefangen habe – wir fahren gemeinsam den Berliner Mauerweg.

160km lang war die Grenze um Westberlin. Heute ist ihr Verlauf ausgeschildert und als Radweg befahrbar – ein Weg, auf dem man sich ein Stück Geschichte begreiflich machen kann, auf dem man die Ausmaße des früheren Westberlins abfahren, sich das Ausmaß der Teilung klarmachen kann, die zwar nun schon viele Jahre zurückliegt, ohne die Berlin aber nicht die Stadt wäre, die es heute ist. 

Im letzten Jahr sind wir im Südosten gefahren und durch die Innenstadt – Strecken, auf denen man ganz unterschiedliche Seiten von Berlin sieht.

Im Süden endet die Stadt noch immer wie abgeschnitten. Der Mauerweg – in unaufdringlichem Grau beschildert – führt dort durch lichte Waldstreifen, die – wenn man darauf achtet – die richtige Höhe haben, um seit der Wende auf dem Mauerstreifen gewachsen zu sein. Auf der einen Seite, irgendwo hinter den Bäumen, die verschlafenen Südviertel von Berlin, von denen man nichts sieht, wenn nicht ein unverständlicher Schlenker den Weg eine Weile durch kleine Kopfsteinpflasterstraßen zwischen idyllischen Ein- oder Mehrfamilienhäusern führt. Auf der anderen Seite – irgendwo hinter den Bäumen – das flache Land, von dem man auch nichts sieht – nichts außer ein paar Feldern, hinter denen es aber Dörfer mit kühlen Dorfkirchen unter alten Linden gibt und fein sanierte Gasthöfe, in denen die Berliner ihre Landlust ausleben und Sternemenüs schlemmen. Zwischendrin der Mauerstreifen mit seinen Bäumen; der Mauerweg wenig befahren in diesem  Abschnitt. Man umfährt Rudow im Südosten, wo die Grenze zwischen Stadt und Land von Ponyhöfen gebildet wird, hinter denen riesige graue Wohnblocks in den Himmel ragen. Surreale Bilder. Noch später wird der Mauerweg durch die nagelneuen Lärmschutz- und Grünanlagen rund um das neugebaute Schönefelder Autobahnkreuz geführt, dann entlang des Teltowkanals, zwischen der Autobahn auf der einen Seite und dem Kanal, an dessen anderen Ufer Industrieanlagen ineinander übergehen. Der Weg ist auf dieser Strecke so glatt asphaltiert, dass die Skater beinahe so schnell wie die Autos auf der Autobahn in Richtung Stadt sausen.

Vollkommen anders unsere zweite Tour, die durch die Innenstadt mit all den Highlights von Berlin führt, die man so kennt – zwischen denen ich aber vorher nicht überall einen räumlichen Zusammenhang hätte herstellen können. Von der S-Bahn-Station Willhelmsruh aus den Nordgraben entlang, durch Sträßchen mit schönen Altbauten zur Bornholmer Straße. Über der Bornholmer Brücke der Himmel so groß wie nirgendwo sonst über Berlin. Weiter in den Mauerpark  mit seinem Flohmarkt und seinem Open-Air-Karaoke, wo Prenzelberger Papis mit ihren Kindern herumtollen, Studenten müde von ihren durchtanzten Nächten im Gras sitzen und jüngere Touristen eine der wichtigeren Stationen ihres Berlin-Besuches abarbeiteten. Entlang der zuverlässigen grauen Wegschilder führt der Mauerweg in Richtung Mitte, unter einer beeindruckenden alten Eisenbrücke hindurch, durch den Invalidenfriedhof. Der Hauptbahnhof, groß und deplatziert in einem unübersichtlichen Gewirr aus Kanälen und Brücken, umgeben von Brachflächen, die findige Strandbarbetreiber dem Berliner Partyvolk erschlossen haben. Weiter entlang der Regierungsgebäude. Reichstag. Brandenburger Tor. Postdamer Platz. Checkpoint Charlie mit seinen Touristenmassen, überhaupt war es uns in Mitte zu voll, wir besuchten das Museum am Checkpoint Charlie nicht und auch nicht das Mauerpanorama, nur ab und zu haben wir angehalten, an den Stelen, an denen die Geschichten der Menschen aufgeschrieben sind, die an der jeweiligen Stelle aus Ostberlin zu fliehen versuchten. Zwischen Mitte und Kreuzberg: Irgendwo eine Brachfläche mit einem verlassenen Sofa, die Großstadtvariante vom Bett im Kornfeld, ein Fotomotiv. Andere Brachen sind schon bebaut; bunte neue Stadthäuser drängen sich zusammen, als ob sie Angst haben, dass jemand ihre hübschen Fassaden mit dem Baustellenmatsch beschmutzen könnte, der sie noch umgibt. Hinter den Glasscheiben der Eingangstüren und auf den Balkons stehen schon Kinderfahrräder und Buggies. Immer wieder begleitet den Mauerweg hier der Pflasterstreifen, mit dem der tatsächliche Mauerverlauf gekennzeichnet ist; er teilt Straßen und Kreuzungen, manchmal verschwindet er unter neueren Häusern. Engelbecken, Spree, East Side Gallery – im letzten Herbst noch ohne Lücken für Baustellenfahrzeuge, lange vor den Protesten gegen den Bau schicker Wohnblocks. Über die Oberbaumbrücke, durch das lebendige bunte Kreuzberg, in den Görlitzer Park.

Beide Touren haben wir im Hofcafé in den Späthschen Baumschulen beendet, wo die Betreiber der seit der Gründerzeit bestehenden Baumschulen neue Einkommensquellen erschließen und zwischen Reihen von Zierbäumchen und ihrem neueröffneten Hofladen den besten Kuchen weit und breit (auch den einzigen Kuchen weit und breit, Kreuzberg scheint von hier aus schon wieder in einer andern Welt zu liegen) servieren. Auch im Herbst war es noch voll dort, von unserem Tisch im Schatten rückten wir nach, dahin, wo ein Tisch im Halbschatten, in der Sonne, noch später Plätze auf der Hollywoodschaukel frei wurden; genossen den Kaffee, das müde Gefühl in unseren Beinen, die vielen Bilder in unseren Köpfen.

Morgen wird es weitergehen. Die Luftpumpe liegt bereit. Die über den Winter staubig gewordene Fahrradtasche. Die Regenjacke. Schokokekse fürs Picknick.