Spätsommerglück

Das schlechte Augustwetter verzieht sich noch einmal für ein paar Tage. Wie gut! Denn für einen dieser letzten sommerlichen Samstage habe ich eine Paddeltour mit dem liebsten Freund geplant. Ein Ausflug! Ein Abenteuer!

Fürstenwalde kennen wir schon, dort hat vor einiger Zeit auch meine Geburstagswanderung angefangen. Heute gehen wir direkt zur Spree. Da, wo zwei Bänke mit hochstehenden roten und gelben Rudern am Ufer stehen, ist die Einsetzstelle, zu der die Paddelbootverleiher aus Hangelsberg die Boote bringen. Unser schlichter grüner Kanadier liegt ganz oben auf dem Bootsanhänger, darunter eine muntere Schar leuchtender Kajaks, orange und rot und blau. Eine Familie mit zwei Teenager-Söhnen, die müssen trotzdem noch Rettungswesten anziehen, oder wenigstens mitnehmen. Dem älteren Paar, das vielleicht zum ersten Mal in einem Kajak paddeln wird, stellt der Mitarbeiter der Verleihstation besonders sorgfältig die Lenkung ein und erklärt ganz genau, wie sie funktioniert. Und dann ist da noch ein Grüppchen befreundeter Paare, einer hält die Videokamera auf den Bootsanhänger und spricht leise dazu ins Mikro, die anderen verstauen ihre Hosen und Schuhe in wasserdichten Säcken, schlüpfen in Paddelschuhe und binden sich geübt den schwarzen Spritzschutz um.

Und dann können endlich auch wir starten. Der Weg ist einfach – immer geradeaus – am Abzweig rechts abbiegen – und dann wieder: immer geradeaus. 12 Kilometer, ungefähr. Die Sonne wärmt herrlich, hat aber ein Einsehen (wir haben die Sonnenmilch vergessen, beide) und schickt dann und wann eine Schattenwolke vorüber.

An der Spree liegt Berlin. Dass sie auch ein Eigenleben führt, losgelöst von der großen Stadt – darüber habe ich früher nie nachgedacht. Aber hier ist sie: ein richtiger Fluss, breit und schön. An den Ufern hat sich jemand die Mühe gemacht, viele, viele Schilder aufzustellen. Fröhliches Schifffahrtszeichenraten: Der durchgestrichene Schirmpilz ist ein Ankerverbot, ok. Aber was bedeuten die vielen Zahlen, “+” oder “D” auf den Schildern am Ufer, alle paar Meter fast?

Vor uns werden die bunten Punkte wieder größer, in die die Kajaks sich verwandelt hatten. Das Grüppchen hat in Flußmitte gestoppt, um einer prächtigen Schwanenfamilie mit fünf oder sechs pubertierenden Küken zuzusehen, die sich übermütig im Wasser wälzen und mit den Flügeln schlagen, dass die hässliche-Entlein-Federn, die sie trotz ihrer Größe noch haben, nur so stieben. Eins der Küken steckt den langen Hals so tief ins Wasser, dass es vornüberkippt und plötzlich auf dem Rücken im Wasser liegt.

Sachte paddeln wir in Ufernähe an der ausgelassenen Vogelfamilie vorbei.

Von der Spree zweigen immer wieder kleine Arme ab, wir kommen an überwuchterten Inselchen vorbei und an kleinen Buchten. Die Ufer des Hauptstroms sind mit Steinen eingefasst, zwischen denen dann und wann eine sandige Lücke das Landen ermöglicht. Wir rasten unter einer riesigen Pappel, die gedankenverloren ein gelbes Blatt nach dem anderen aufs Wasser fallen lässt. Kaffee aus der großen Kanne, Butterbrote, Käse und Würstchen. Große Waldameisen krabbeln emsig den Baumstamm auf und ab, von dem Biber unten vor langer Zeit schon die Rinde abgenagt haben. Eine Grille zirpt dicht hinter uns, ich entdecke sie auf einem breiten Grashalm. Rhythmisch reibt sie ihre Beine an ihrem Körper, wiederholt ihre kleine Melodie immer zweimal, dreht sich dann ein Stückchen weiter und beginnt von vorn. Einmal im Kreis, dann springt sie zum nächsten Halm. Behauptet sie so ihr Revier?

Ein Stück weiter der Abzweig in die Müggelspree. Das Wasser fällt hier über eine kleine Stufe. Man darf nicht ausprobieren, ob man umkippt, wenn das Boot über diese Stufe fährt, es muss aus dem Wasser. Ein kleiner Wagen auf Schienen an einer langen Kette steht bereit, um das Boot auf die andere Seite des Wasserfalls zu ziehen. Wir machen das zum ersten Mal, ungeschickt und unsicher (kann man den Wagen wirklich einfach ins Wasser fahren lassen, bis das Boot darauffahren kann?), ein geübter Paddler springt uns zur Hilfe.

Unser Flüsschen ist jetzt schmaler und nennt sich Müggelspree. Am Ufer ein Dickicht – Schilf und Rohrkolben. Wassergras, von der Strömung (sie ist hier stärker und hilft beim Vorankommen) gekämmt. Kleine Dellen im Wasser, winzige Strudelchen, die der Fluss macht, und die bleiben, während unsere, tiefe Löcher, wo wir die Paddel durchs Wasser ziehen, sich hinter uns sofort wieder glätten. Abgestorbene Bäume am Ufer, zwei Graureiher. Ein paar Regentropfen fallen wie eine Hand voll Silberflitter aufs Wasser. Ich lege mich auf den Rücken ins Boot und schaue zum Himmer, der jetzt wie eine dichte Daunendecke über der grünen Flusslandschaft liegt. Wir lassen uns treiben, das Boot stellt sich quer zur Strömung, es ist still um uns. Gelbe Pappelblätter sind wie eilige kleine Schiffchen in dieselbe Richtung unterwegs wir wir.

An beinahe allen Uferbäumen haben die Biber die Rinde abgenagt; manche Spuren sind frisch. Aber kein Biber und kein Biberbau ist zu sehen. Wo leben sie? Gibt es einen Flusspfleger, der sie immer wieder vertreibt, ehe sie einen Baum fällen, einen Damm bauen können? Kommen sie zurück, Jahr um Jahr?

Schneller als gedacht erreichen wir Hangelsberg. Pause an der Badestelle am Ortseingang. Ein Vater mit zwei kleinen Kindern im Kajak landet gleich nach uns am sandigen Strand. Ein Weilchen schauen wir ihm beim Erziehen seiner Kinder zu – Nein, bitte wirf den Sand NICHT auf die Boote (der Junge lässt stattdessen eine Schippe voll über seine Schoko-Reiswaffel rieseln) – ja, du darfst ins Wasser pullern (was das kleine Mädchen auch tut) – in fünf Minuten müssen wir weiter, kommt, Kinder, einsteigen, oh, da ist ja noch ein Schuh am Ufer. Mein eigener Versuch, ein paar Minuten später unser Boot ins Wasser zu schieben und gleichzeitig elegant hineinzuspringen, bringt uns fast zum kentern. Zum Glück ist mein Packsack wirklich richtig wasserdicht.

Schlängelkurve um Schlängelkurve mäandert die Müggelspree um Hangelsberg herum. Schafe blöcken entrüstet am Ufer, es gibt mehr tote Bäume, einen Hain alter Eichen. Abendlicht und Abendfrieden.

Ja, die Schulter tut weh, inzwischen. Trotzdem mag ich nicht aussteigen!

Der Bootsverleih in Hangelsberg ist klein und auf nette Weise unfertig. Ein altes Haus wird saniert, Ferienwohnungen im Nebengebäude sind in Arbeit. Eine Jurte und zwei Zelte auf der Wiese, campen könnte man hier auch. Liebevoll ist die Treppe den Hang hinauf mit kleinen Papierlämpchen geschmückt.

Ein Bierchen noch beim Hangelwirt – dem kauzigen Inhaber der gleichnamigen Restauration am Bahnhof – und dann nach Hause.

Einer dieser Tage, die ich beiseitelegen und irgendwann nochmal erleben möchte. Glück.

 

 

Viele kleine Schritte (1)

Lange Zeit ist es nur so eine Idee. Wenn ich mal groß bin… wenn ich Vierzig werde…

Irgendwann fange ich an, anderen davon zu erzählen.

Ja, sagt mein ehemaliger Tanzpartner, mach das doch, und warte nicht mehr so lange. Vielleicht, sagt meine ganz große Schwester, komme ich mit. Lass uns mal in den Kalender gucken. Naja, du kannst ja immernoch abbrechen, wenn du das nicht schaffst, sagt eine Skeptikerin.

Mir wird schwindelig, soll ich das wirklich wagen? Träumen ist eine Sache, aber einen Traum Wirklichkeit werden zu lassen -

Der Vater meiner Kinder hat nichts dagegen, die beiden auch mal drei Wochen am Stück zu nehmen. Und dafür könnte ich dann im Sommer drei Wochen lang mit den beiden verreisen – das wünsche ich mir sowieso.

Der nächste, der zustimmen muss (puh, mein Magen rebelliert, aber einer Kollegin hat er’s ja schonmal erlaubt, und da waren es sogar drei Monate – ) ist mein Chef.

Aber… den… frag ich ein anderes Mal.

Erstmal gehe ich los und kaufe mir Schuhe. Wanderschuhe für den portugiesischen Jakobsweg.

Erste Schulwoche

Der Schuljahresanfang ist für mich immer ein echter Jahresanfang – beinahe mehr als Silverster. Alles beginnt wieder. Geht weiter, wird anders, wird leichter oder schwerer, wird neu.

Nach beinahe sieben langen, herrlichen Wochen wieder vor sechs aufstehen. Das Katergefühl gibts gratis dazu, ohne das Trinken am Vorabend – einfach wegen der frühen Stunde. Vier Vesperdosen vorbereiten. Die Kinder, die noch am Tag vorher um sechs zu schwatzen angefangen haben, schlafen tief und fest und müssen geweckt werden.

Pünktlich los, mit dem neuen Schulranzen, der ungefähr drei Tonnen Bücher enthält, mit der Riesentüte mit den Utensilien für den Kunstunterricht, dem Sportzeug, den Hausschuhen… Kinder-Eltern-Gewusel in der Klasse, jedes Kind muss – wie schon im letzten Schuljahr immer montags – eine Nummer ziehen und damit den Platz bestimmen, an dem es in dieser Woche sitzen wird. Tschüss, sagt der Neunjährige, in Gedanken schon woanders.

Vorschulstolz geht der Fünfjährige in die Kita. Seine Dellwarzen, die wir nun mehrere Monate lang mit Schöllkraut traktiert haben, heilen allmählich ab – noch ein, zwei Wochen, dann stellt uns eine nette Hautärztin vielleicht eine Unbedenklichkeitserklärung fürs Schwimmbad aus – aber da unsere Schwimmhalle plötzlich von einem Verein übernommen worden ist, ist unklar, ob und wann der Kita-Schwimmunterricht überhaupt wieder anfangen kann.

Die Bahn fällt gleich mal aus. “Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf”, tönt honigsüß die Ansagestimme der Berliner S-Bahn aus der Konserve. Damit möchte ich mich auch mal rausreden können.

Die nächsten Monate:

Zittern und zagen, ob der Anwalt, den ich beauftragt habe, mich mit einem Flammenschwert aus den Forderungen des Jobcenters raushaut – oder ob ich zukünftig Unterhalt zahlen muss und durch das Wechselmodell am Ende auch noch in der Armutsfalle lande, wo schon so viele Alleinerziehende sitzen und verzweifelt strampeln wie Frösche im Sahnekrug (aber es ist bloß verdünnte Milch drin, nicht wahr?).

Nun doch eine theapeutische Begleitung für den Neunjährigen. Das nagende Gefühl, irgendwas ganz grundsätzlich und von Anfang an falsch gemacht zu haben, mich schämen zu müssen. (Nein, sagt der erwachsenere Teil von mir, mein Kind hat mehr mitgemacht als andere in seinem Alter. Es braucht Hilfe und ich sorge dafür, dass es sie bekommt. Meine Gefühle dabei sind irgendwie egal. Ende der Durchsage.)

Sportverein und Physiotherapie. Die ersten Elternabende, schon im Kalender – und die nie abreißende, ermüdende Flut von Absprachen mit dem Vater meiner Kinder.

Es wird nicht sehr viel Platz für all das bleiben, was auch noch schön wäre. Das mit der Solawi (was für eine tolle Idee, einen Bauern in der Region für eine Gruppe Menschen wirtschaften zu lassen, die seine Ernte unter sich teilen und ihm ein vorher festgelegtes, ausreichendes Entgelt zahlen – und es gibt sogar Möglichkeiten, das von Berlin aus zu tun) lass ich lieber sein, bis ich weiß, ob ich es mir zukünftig noch leisten kann. Und die Wurmkiste für den Balkon mache ich dann wohl auch erst nächstes Jahr.

Vielleicht ein Zimmer renovieren. Und der Fünfjährige braucht dringend ein großes Bett, am liebsten ein Hochbett, unter dem noch eine Kuschelecke eingerichtet werden kann.

Und vielleicht – vielleicht – ein paar erste kleine Schritte machen, um im nächsten Jahr einen langgehegten, großen Traum zu verwirklichen.

Irgendwie wird es schon weitergehen. Erst mal die Laufliste für die erste Schulwoche abarbeiten: Orthopäde, Kinderarzt, 2x Sportverein, Kita-Sommerfest. Arbeit dabei nicht vernachlässigen!

Dann die nächste Laufliste schreiben.

Und so weiter.

Gesehen, gelesen, gehört… im August

Mal wieder eine Postkarte – aus einer der Serien, mit denen ich eigentlich nicht so viel anfangen kann. Aber diese ist allemal für ein Lachen gut, mit dem großäugigen Hündchen mit rosa Frisur und dem Spruch: “Alt genug, um es besser zu wissen. Jung genug, um es wieder zu tun.”

Mein Urlaubsbuch (war ja nur eine Woche): “Going Out”, wieder von Scarlett Thomas. Ich liebe diese Schriftstellerin – ihre kluge Art, große Fragen aufzuwerfen; ihre Geschichten, in denen die Protagonisten ständig irgendwo herumsitzen und reden und die trotzdem nicht langweilig werden. In diesem Buch erzählt sie vom Eingesperrtsein im eigenen Leben – von Luke, der, inzwischen über 20 Jahr alt, wegen seiner Allergien gegen Sonnenlicht und alles mögliche mit sechs Jahren zum letzten Mal – kurz – das Haus verlassen hat; von Julie, die ihre Schulabschlussprüfungen geschmissen hat, um in Lukes Nähe zu bleiben, die in einem Fastfood-Restaurant kellnert und inzwischen von ihren Ängsten – vor Hauptstraßen, schädlichen Nahrungsmitteln, Gewittern, Flugzeugabstürzen und dem Tod – in einem Leben festgehalten wird, das nicht sehr viel größer erscheint als das Zimmer, in dem Luke seines führt. Und dann brechen sie doch aus – beide. Ein ziemlich berührendes und ermutigendes Buch für Menschen, die – wie ich – auch gerne mal wieder aus den Bahnen rauskommen würden, in denen das eigene Leben sich festgefahren hat.

“Falsche Papiere”: Eine Besprechung dieses Buches bei Buzzaldrins Büchern hat mich neugierig gemacht. Und die Essays von Valeria Luiselli haben auch mir großes Lesevergnügen bereitet. Zwar reist die Autorin nicht – wie ich vermutete, nachdem ich verschiedene Besprechungen gelesen hatte – um die Welt, sondern ist überwiegend in Mexiko Stadt unterwegs. Ihre Gedanken gehen dabei aber wunderbare Wege überallhin (besonders beeindruckend: ihre Gedanken zur Aneignung der Sprache, die ihrer Meinung nach einhergeht mit einem Verlust an Unmittelbarkeit zur Welt) und schenken den Lesern ihres Büchleins ihren ganz persönlichen Blick auf Mexiko Stadt, den man so leicht auf keiner touristischen Reise bekommen würde. Wunderbar. Mehr Essays! Warum habe ich diese literarische Gattung nicht eher entdeckt?

Und noch ‘ne Postkarte, wie für mich gemacht: “atme tief ein… es ist nur ein schlechter tag, nicht ein schlechtes leben” Jawohl!

Warum wollen gerade so viele Leute Bücher von Mark Haddon loswerden? Ich hatte ja schon “The Curious Incident With the Dog in the Nighttime” gefunden und “A Spot of Bother” – und nun noch eins: “The Red House”. Wieder ein “Familien-Buch” – die Geschichte einer Urlaubswoche, zu der ein Mann (mit neuer Frau und pubertierender Tochter) seine ihm schon lange fremd gewordene Schwester (mit Mann und halbwüchsigem Sohn und Teenage-Tochter und kleinem Sohn) einlädt. Wieder schlüpft der Autor in jede seiner Figuren und erzählt aus ihrer Perspektive von ihren Gefühlen, Sorgen und Kämpfen – und davon, was geschieht, wenn Menschen so – fern vom Alltag – mit all ihren inneren Konflikten aufeinandertreffen. Kein besonders fröhliches Buch. Aber wieder ein richtig, richtig gutes. Wie macht der Autor das bloß, sich in seine so verschiedenen Figuren und ihre so vielfältigen Gefühle derartig einzufühlen? Das kann nicht jeder.

Märchenfilme

In der ARD-Mediathek entdecken wir zum Ferienende jede Menge Märchenfilme – eine schöne Auswahl, überwiegend Grimmsche, neuverfilmt in den letzten Jahren.

Also schnell Brote geschmiert und aufs Sofa gekuschelt: an den zwei letzten Ferienwochenenden schauen wir uns jeden Tag ein Märchen an.

Wir freuen uns, wie die kluge Bauerntochter das Rätsel löst, wie sie sich vom Esel zum Schloss ziehen lässt, ins Fischernetz gewickelt, in der Morgendämmerung: nicht bei Tag und nicht bei Nacht, nicht nackend und nicht bekleidet, nicht gefahren und nicht gegangen. Und wie es nur gerecht ist, wenn einer der beiden Bösewichte, die die Bauerntochter umbringen wollen, das zermahlene Glas aus Versehen über sein eigenes Müsli streut und isst! – Und wie mein erwachsenes Herz lacht, dass der König, dem es so unendlich schwer fällt, anzuerkennen, dass seine Frau klüger ist als er, dann doch noch dazulernt!

Wir gruseln uns mit dem tapferen Schneiderlein vor den Riesen; bang wünschen wir dem netten, aber so leichtsinnigen Betrüger, der dem Kaiser die neuen Kleider näht und den die Hofschneiderin schon längst durchschaut hat, dass sein Plan aufgehen soll. Wir sind erschüttert über die Bosheit von Aschenputtels Stiefmutter (ob ich auch so böse aussehe, wenn ich so richtig schimpfe?) Der Neunjährige lacht von Herzen, als Aschenputtel gemeinsam mit dem Prinzen, beide von oben bis unten mit Schlamm verschmiert, die entlaufenen Ferkel einfängt.

Die Bremer Stadtmusikanten sind für meinen Geschmack mit zu vielen leicht faden Untertönen für Erwachsene verfilmt worden (alle Nase lang redet der alte Gockel davon, seine Hennen glücklich machen zu wollen) – die anderen Filme sind gut und kindgerecht gemacht.

Zauberisch und sehnsüchtig kommt am Ende noch das Märchen von den zertanzten Schuhen daher, schön wird erzählt, wie der König ganz langsam seine lebensfeindliche Trauer leid wird, die seine Töchter in die Arme der Zauberprinzen getrieben hat; und anrührend, wie nicht nur seine Töchter, sondern auch ihre Prinzen am Ende erlöst werden.

Meine Jungs, die sich jederzeit lieber ein Sachbuch über Autos oder wilde Tiere vorlesen lassen als aus dem dicken, alten Märchenbuch, bekommen endlich ein bisschen Märchenroutine.

Wird es gut ausgehen? fragt der Fünfjährige am Anfang jedesmal ängstlich – und der Neunjährige versichert es ihm: alle Märchen gehen gut aus! (Nur schade, dass wir ausgerechnet das Making-Off der kleinen Meerjungfrau als Quengelzugabe sehen, da entsteht Erklärungsbedarf) – aber bei den Märchen, die wir uns ganz ansehen, stellen wir gleich in den ersten Minuten fest, wer die Guten und wer die Bösen sind, wen die Prinzessin am Ende heiraten wird und dass es ganz, ganz sicher gut ausgehen wird – wie beruhigend, dass zu wissen! – und können uns entspannt auf das “Wie” konzentrieren. Und beobachten, wann sich das zukünftige glückliche Paar zum ersten Mal gaaaanz tief in die Augen schaut. Jetzt verlieben sie sich gleich!

Und weil es auch von Aschenputtel ein Making-Off gibt, ein sehr gutes sogar, lernen meine Söhne auch ein bisschen was über das Filmemachen: dass die Schauspieler mit den guten und den bösen Rollen in der Mittagspause fröhlich zusammen lachen, dass in Wirklichkeit die finstere Aschenputtelküche voller Kameras und Kabel war – und dass die Schauspieler verkleidet und geschminkt werden.

Wie schade, dass ein Teil der Filme schon wieder aus der Mediathek verschwunden ist, kaum das wir die Filmliste entdeckt haben! Die kluge Bauerntochter hätte der Neunjährige so gern noch einmal gesehen. Und ich wollte Dornröschen gucken… wenn ich schon nicht selber hundert Jahre schlafen kann!

Aber auch so wirken die Märchen mit den vielen glücklichen Königspaaren offenbar nach, vor allem beim Fünfjährigen. Mama, erzählt er mir am Abend, ich habe mich in L. aus meiner Kita-Gruppe verliebt! Und sie sich auch in mich! Und ich bin kurz davor, mich auch noch in C. zu verlieben! Ach was, gleich in zwei Mädchen? Na das ist ja fein, sage ich. Spielt ihr schön zusammen?

Viele kleine Schritte (2): Im Abenteuerträumeladen

Weil Schuhe kaufen leichter ist, als meinen Chef um einen Monat unbezahlten Urlaub zu bitten, mache ich mich auf den Weg zu einem Outdoor-Ausstatter. Andächtig schiebe ich die Türen zum Reich der Abenteuerträume auf: Hallen voller blitzender Trinkflaschen, bunter Wanderkarten, leuchtender Funktionskleidung, prall ausgestopfter Wanderrucksäcke, nüchtern-brauner Schuhe und wohldurchdachter Outdoor-Must-Haves, deren Notwendigkeit mir im Leben nicht in den Sinn gekommen wäre.

Zwischen den Regalen bärtige Männer, aus deren T-Shirts und Shorts muskulköse Arme und Beine ragen und die es sicherlich jederzeit mit Wüsten, Bären und Hagelstürmen aufnehmen können. Und sehnige Frauen mit Pferdeschwänzen, die wahrscheinlich alle schon den Himalaja bestiegen haben.

Ich komme mir sofort noch weniger fit und sportlich vor, als ich sowieso schon bin.

Aber der Outdoor-Wuschelkopf-Verkäufer, der auf mich zukommt, wie ich da vorm Regal stehe, zwei klobige linke Wanderschuhe in der Hand, ist ganz freundlich zu mir.

Er guckt nicht verächtlich, als ich sage, dass ich noch nie im Leben Wanderschuhe hatte und meine Wanderschuhgröße deshalb nicht weiß.

Er lacht mich nicht aus, als ich erzähle, dass ich die Schuhe für den Jakobsweg brauche.

Und er lässt mich nicht zwischen den Schuhkartons sitzen, als ein älterer Herr mit einem Ich-besteige-auch-Achttausender-Selbstbewusstsein unser Verkaufsgespräch mit irgendeiner gewichtigen Outdoor-Fachfrage unterbricht, sondern bittet den Unterbrecher, doch mal eben zu warten.

Ich verliebe mich sofort in ein Paar Schuhe. Sie sind bequem. Und sie haben so einen schönen Namen! Und dann kann ich sogar mit Fachwissen punkten, weil ich bei unseren sommerlichen Wanderungen über die Wandersocken des liebsten Freundes erst gelacht und dann gestaunt habe und daher schon weiß, dass man Wanderschuhe nicht durch das Tragen beliebiger Socken aus den Tiefen des Kleiderschrankes entweihen darf.

Der Verkäufer gibt mir gleich die ersten Pilgertipps: Die Füße jeden Morgen gründlich mit Frubiose einreiben. Und täglich eine Tablette Hirschtalg in Wasser auflösen und trinken (…oder hab ich da jetzt irgendwas durcheinandergebracht?) – und den Rucksack lieber größer kaufen, damit er sich besser packt, und nochmal wiederkommen und ein kostenloses Wachs für die Schuhe abholen, das gerade leider aus ist.

Oh, nochmal wiederkommen also. Mir schwant sowieso, dass ich das tun werde, um tausendundeinen Ausstattungsgegenstand zu erwerben, den die Traumverwirklichungsindustrie ersonnen hat, um das Traumverwirklichen ein bisschen einfacher und schöner zu machen. Und teurer.

Mein Schuhkarton wird an der Kasse mit ein bisschen “Tape” zugeklebt, auf dem natürlich  “Träume leben” steht. Mit dem Karton unter dem Arm fühle ich mich gleich ganz anders.

Als hätte ich den Himalaya auch schon – fast – bestiegen.

Aufräumen im Jungszimmer

Beim Neunjährigen müssen dringend Ordnung und Sauberkeit geschaffen werden. Der Schuljahresbeginn ist eigentlich ein guter Anlass – denke ich und fange am Freitagabend eine mutige Großputzaktion an.

Nicht malende Stifte aussortieren. Spiele durchsehen und übersichtlicher ordnen. Die beiden pädagogisch äußerst wertvollen, aber zum Gähnen langweiligen Verkehrserziehungsspiele ab in die Kiste fürs Sozialkaufhaus. Regalfächer abstauben. Heimlich löse ich gleich mal die “Reisekiste” auf – was da nicht alles an Klitzekleinigkeiten (Spielen, Blöckchen, Stiftchen) drinsteckt, die auf geheimnisvolle Weise zu uns gelangt sind, in dieser Kiste geparkt und dann nie angesehen wurden! Schnell den Müll rausbringen, eher der Fünfjährige mitbekommt, was ich da mache, und gar zu viel Kram rettet und in sein Zimmer verschleppt.

Wenigstens die Schreibtischecke wird auf diese Weise sauber und ordentlich. Jetzt erst mal den Fußboden putzen – für den Rest ist ja morgen noch Zeit. Während ich ausräume, was sonst so im Zimmer herumsteht – unsere drei Wäscheständer, das Trampolin, mehrere Kisten mit Lego und Playmobil und Holzbausteinen, mit denen keiner meiner Söhne mehr spielt, seit es Fußballkarten in ihrem Leben gibt – denke ich darüber nach, warum sich ausgerechnet in meiner Wohnung so viel Kram ansammelt. Liegt es daran, dass ich als jüngste Schwester mit den kleinsten Kindern in der weiteren Familie einfach diejenige bin, bei der die anderen dankbar die eine oder andere Kleinigkeit entsorgt in gute Hände weitergegeben haben – weil Wegwerfen in unserer Familie als unökologische Notlösung gilt? (“Sie dreht sich ja noch”, sagte meine Mutter vor langer, langer Zeit über eine alte rostige Wäscheschleuder und schuf damit ein Familiensprichwort.) – Jetzt bin ich jedenfalls dran: Beim Aussortieren im Zimmer meines Sohnes sind gleich mehrere Häufchen neckischer Kleinigkeiten entstanden, die sich prima als Mitbringsel für Freunde und Bekannte mit kleineren Kindern eignen und bestimmt noch viel Freude machen. Jedenfalls den Kindern. Jedenfalls einen Moment lang.

Der Flur in unserer Wohnung ist jetzt ganz und gar verstopft. Garnicht so leicht, den Staubsauger aus seinem Winkel zu holen und ins Kinderzimmer zu bringen, ohne mit einem Fuß ins Kickerspiel zu treten und mit dem anderen auf einem Kissen auszurutschen. Ich stecke den Stecker in die staubige Mehrfachsteckdose, schalte ein, sauge ein paar Spinnweben zwischen Tür und Kleiderschrank weg… da setzt der Staubsauger aus. Und lässt sich durch nichts – kein Drohen, kein Fluchen, noch nicht einmal einen neuen Beutel – zum Weitermachen bewegen. Mist.

Oh, schreit mein Sohn (der mir großzügig Hilfe angeboten hat, dann aber dringend ausprobieren musste, ob sein Geduldsspiel noch funktioniert) außerdem grade, guck mal, eine Motte! Ob es nun eine war oder nicht, der jährliche Mottenschutz für den Teppich ist eh überfällig. Ich schleppe das Bettzeug meines Sohnes ins andere Kinderzimmer und gehe ergeben in die Knie, Teppichbürste in der Hand. Erste Runde: Dreck rausbürsten. Zweite Runde: Mottenschutzmittel reinbürsten. Fenster auf, Tür zu.

Am nächsten Morgen ist der Flur immernoch verstopft und der Staubsauger immernoch kaputt. Um wieviel Uhr darf man bei den Nachbarn klingeln und ihren ausborgen? Anscheinend sind alle verreist – ich klopfe erfolglos (und um zehn dann auch laut) an allen Türen, bis mir endlich die von ganz unten mit dem großen schwarzen Hund aufmachen und freundlich ihren Staubsauger überlassen. Er ist vorne ein bisschen kaputt, zeigt der Mann auf ein zerfetztes Klebeband an der Stelle, an der eigentlich die Bürste sitzen sollte, die den Dreck aus dem Teppich holt. Und er riecht ein wenig nach unserem Hund. Aber wir geben ihn dir gerne!

Eine halbe Stunde später stelle ich das gute Stück erschöpft zurück vor Nachbars Tür. Ich werde nie wieder davon träumen, meinen Kindern einen süßen, flauschigen, lebendigen Welpen zu schenken. Das weiß ich jetzt. Aber wenigstens kann ich das Zimmer des Neunjährigen wieder einräumen – auch wenn er wegen dem Geruch vielleicht noch eine zweite Nacht beim Fünfjährigen verbringen muss.

Mein Elan ist verflogen. Die anderen Spielsachen und die Bücher sortieren wir dann ein andermal durch. Vielleicht nächstes Jahr.