Märchenfilme

In der ARD-Mediathek entdecken wir zum Ferienende jede Menge Märchenfilme – eine schöne Auswahl, überwiegend Grimmsche, neuverfilmt in den letzten Jahren.

Also schnell Brote geschmiert und aufs Sofa gekuschelt: an den zwei letzten Ferienwochenenden schauen wir uns jeden Tag ein Märchen an.

Wir freuen uns, wie die kluge Bauerntochter das Rätsel löst, wie sie sich vom Esel zum Schloss ziehen lässt, ins Fischernetz gewickelt, in der Morgendämmerung: nicht bei Tag und nicht bei Nacht, nicht nackend und nicht bekleidet, nicht gefahren und nicht gegangen. Und wie es nur gerecht ist, wenn einer der beiden Bösewichte, die die Bauerntochter umbringen wollen, das zermahlene Glas aus Versehen über sein eigenes Müsli streut und isst! – Und wie mein erwachsenes Herz lacht, dass der König, dem es so unendlich schwer fällt, anzuerkennen, dass seine Frau klüger ist als er, dann doch noch dazulernt!

Wir gruseln uns mit dem tapferen Schneiderlein vor den Riesen; bang wünschen wir dem netten, aber so leichtsinnigen Betrüger, der dem Kaiser die neuen Kleider näht und den die Hofschneiderin schon längst durchschaut hat, dass sein Plan aufgehen soll. Wir sind erschüttert über die Bosheit von Aschenputtels Stiefmutter (ob ich auch so böse aussehe, wenn ich so richtig schimpfe?) Der Neunjährige lacht von Herzen, als Aschenputtel gemeinsam mit dem Prinzen, beide von oben bis unten mit Schlamm verschmiert, die entlaufenen Ferkel einfängt.

Die Bremer Stadtmusikanten sind für meinen Geschmack mit zu vielen leicht faden Untertönen für Erwachsene verfilmt worden (alle Nase lang redet der alte Gockel davon, seine Hennen glücklich machen zu wollen) – die anderen Filme sind gut und kindgerecht gemacht.

Zauberisch und sehnsüchtig kommt am Ende noch das Märchen von den zertanzten Schuhen daher, schön wird erzählt, wie der König ganz langsam seine lebensfeindliche Trauer leid wird, die seine Töchter in die Arme der Zauberprinzen getrieben hat; und anrührend, wie nicht nur seine Töchter, sondern auch ihre Prinzen am Ende erlöst werden.

Meine Jungs, die sich jederzeit lieber ein Sachbuch über Autos oder wilde Tiere vorlesen lassen als aus dem dicken, alten Märchenbuch, bekommen endlich ein bisschen Märchenroutine.

Wird es gut ausgehen? fragt der Fünfjährige am Anfang jedesmal ängstlich – und der Neunjährige versichert es ihm: alle Märchen gehen gut aus! (Nur schade, dass wir ausgerechnet das Making-Off der kleinen Meerjungfrau als Quengelzugabe sehen, da entsteht Erklärungsbedarf) – aber bei den Märchen, die wir uns ganz ansehen, stellen wir gleich in den ersten Minuten fest, wer die Guten und wer die Bösen sind, wen die Prinzessin am Ende heiraten wird und dass es ganz, ganz sicher gut ausgehen wird – wie beruhigend, dass zu wissen! – und können uns entspannt auf das “Wie” konzentrieren. Und beobachten, wann sich das zukünftige glückliche Paar zum ersten Mal gaaaanz tief in die Augen schaut. Jetzt verlieben sie sich gleich!

Und weil es auch von Aschenputtel ein Making-Off gibt, ein sehr gutes sogar, lernen meine Söhne auch ein bisschen was über das Filmemachen: dass die Schauspieler mit den guten und den bösen Rollen in der Mittagspause fröhlich zusammen lachen, dass in Wirklichkeit die finstere Aschenputtelküche voller Kameras und Kabel war – und dass die Schauspieler verkleidet und geschminkt werden.

Wie schade, dass ein Teil der Filme schon wieder aus der Mediathek verschwunden ist, kaum das wir die Filmliste entdeckt haben! Die kluge Bauerntochter hätte der Neunjährige so gern noch einmal gesehen. Und ich wollte Dornröschen gucken… wenn ich schon nicht selber hundert Jahre schlafen kann!

Aber auch so wirken die Märchen mit den vielen glücklichen Königspaaren offenbar nach, vor allem beim Fünfjährigen. Mama, erzählt er mir am Abend, ich habe mich in L. aus meiner Kita-Gruppe verliebt! Und sie sich auch in mich! Und ich bin kurz davor, mich auch noch in C. zu verlieben! Ach was, gleich in zwei Mädchen? Na das ist ja fein, sage ich. Spielt ihr schön zusammen?

Aufräumen im Jungszimmer

Beim Neunjährigen müssen dringend Ordnung und Sauberkeit geschaffen werden. Der Schuljahresbeginn ist eigentlich ein guter Anlass – denke ich und fange am Freitagabend eine mutige Großputzaktion an.

Nicht malende Stifte aussortieren. Spiele durchsehen und übersichtlicher ordnen. Die beiden pädagogisch äußerst wertvollen, aber zum Gähnen langweiligen Verkehrserziehungsspiele ab in die Kiste fürs Sozialkaufhaus. Regalfächer abstauben. Heimlich löse ich gleich mal die “Reisekiste” auf – was da nicht alles an Klitzekleinigkeiten (Spielen, Blöckchen, Stiftchen) drinsteckt, die auf geheimnisvolle Weise zu uns gelangt sind, in dieser Kiste geparkt und dann nie angesehen wurden! Schnell den Müll rausbringen, eher der Fünfjährige mitbekommt, was ich da mache, und gar zu viel Kram rettet und in sein Zimmer verschleppt.

Wenigstens die Schreibtischecke wird auf diese Weise sauber und ordentlich. Jetzt erst mal den Fußboden putzen – für den Rest ist ja morgen noch Zeit. Während ich ausräume, was sonst so im Zimmer herumsteht – unsere drei Wäscheständer, das Trampolin, mehrere Kisten mit Lego und Playmobil und Holzbausteinen, mit denen keiner meiner Söhne mehr spielt, seit es Fußballkarten in ihrem Leben gibt – denke ich darüber nach, warum sich ausgerechnet in meiner Wohnung so viel Kram ansammelt. Liegt es daran, dass ich als jüngste Schwester mit den kleinsten Kindern in der weiteren Familie einfach diejenige bin, bei der die anderen dankbar die eine oder andere Kleinigkeit entsorgt in gute Hände weitergegeben haben – weil Wegwerfen in unserer Familie als unökologische Notlösung gilt? (“Sie dreht sich ja noch”, sagte meine Mutter vor langer, langer Zeit über eine alte rostige Wäscheschleuder und schuf damit ein Familiensprichwort.) – Jetzt bin ich jedenfalls dran: Beim Aussortieren im Zimmer meines Sohnes sind gleich mehrere Häufchen neckischer Kleinigkeiten entstanden, die sich prima als Mitbringsel für Freunde und Bekannte mit kleineren Kindern eignen und bestimmt noch viel Freude machen. Jedenfalls den Kindern. Jedenfalls einen Moment lang.

Der Flur in unserer Wohnung ist jetzt ganz und gar verstopft. Garnicht so leicht, den Staubsauger aus seinem Winkel zu holen und ins Kinderzimmer zu bringen, ohne mit einem Fuß ins Kickerspiel zu treten und mit dem anderen auf einem Kissen auszurutschen. Ich stecke den Stecker in die staubige Mehrfachsteckdose, schalte ein, sauge ein paar Spinnweben zwischen Tür und Kleiderschrank weg… da setzt der Staubsauger aus. Und lässt sich durch nichts – kein Drohen, kein Fluchen, noch nicht einmal einen neuen Beutel – zum Weitermachen bewegen. Mist.

Oh, schreit mein Sohn (der mir großzügig Hilfe angeboten hat, dann aber dringend ausprobieren musste, ob sein Geduldsspiel noch funktioniert) außerdem grade, guck mal, eine Motte! Ob es nun eine war oder nicht, der jährliche Mottenschutz für den Teppich ist eh überfällig. Ich schleppe das Bettzeug meines Sohnes ins andere Kinderzimmer und gehe ergeben in die Knie, Teppichbürste in der Hand. Erste Runde: Dreck rausbürsten. Zweite Runde: Mottenschutzmittel reinbürsten. Fenster auf, Tür zu.

Am nächsten Morgen ist der Flur immernoch verstopft und der Staubsauger immernoch kaputt. Um wieviel Uhr darf man bei den Nachbarn klingeln und ihren ausborgen? Anscheinend sind alle verreist – ich klopfe erfolglos (und um zehn dann auch laut) an allen Türen, bis mir endlich die von ganz unten mit dem großen schwarzen Hund aufmachen und freundlich ihren Staubsauger überlassen. Er ist vorne ein bisschen kaputt, zeigt der Mann auf ein zerfetztes Klebeband an der Stelle, an der eigentlich die Bürste sitzen sollte, die den Dreck aus dem Teppich holt. Und er riecht ein wenig nach unserem Hund. Aber wir geben ihn dir gerne!

Eine halbe Stunde später stelle ich das gute Stück erschöpft zurück vor Nachbars Tür. Ich werde nie wieder davon träumen, meinen Kindern einen süßen, flauschigen, lebendigen Welpen zu schenken. Das weiß ich jetzt. Aber wenigstens kann ich das Zimmer des Neunjährigen wieder einräumen – auch wenn er wegen dem Geruch vielleicht noch eine zweite Nacht beim Fünfjährigen verbringen muss.

Mein Elan ist verflogen. Die anderen Spielsachen und die Bücher sortieren wir dann ein andermal durch. Vielleicht nächstes Jahr.

Mittagspause in Wilmersdorf

Wegen meiner kaputten Schuhe verbringe ich die Mittagspause heute in Wilmersdorf.

Hier ist die Welt irgendwie noch heile.

Die nette alte Dame lächelt mich freundlich an, als ich nach dem Weg zum Schuhmacher frage, und natürlich kennt sie den Weg auch.

Der Schuhmachermeister – graubärtig wie aus dem Märchenbuch – erklärt sich bereit, mir meine Lieblingsstiefelchen zu reparieren, noch dazu für die Hälfte dessen, was der Schuhmacher in meinem Kiez mir augenrollend als absoluten Mindestpreis genannt hat.

In den Kleingärten leuchten die Blumen.

Auf der anderen Seite der Kleingartenanlagen liegt der Rüdesheimer Platz. Hier setze ich mich mit einem Brötchen auf eine Bank.

Vor mir der üppig blühende Platz, der sicherlich von allen Plätzen Berlins am häufigsten und herrlichsten bepflanzt wird. Ein Grüppchen rüstige Damen hat seine Rollwägelchen geparkt, Klapphocker und Malutensilien herausgeholt und macht sich unter Anleitung einer jungen Frau an die künstlerische Würdigung der Blumenpracht.

Rechts führen Stufen zum erhöhten vorderen Teil des Platzes, auf dem der Betreiber des “Weinfestes” seine Tische und Bänke abwischt. Eine Brunnenanlage trennt den oberen und unteren Teil des Platzes voneinander, überragt von einem Helden aus Stein, der ein feuriges Ross zügelt, blank und frisch in der Sonne nach seiner Generalüberholung hinter den Planen eines Baugerüstes, das Gesicht den malenden Damen im unteren, den nackten Po den Weinfestbesuchern im oberen Teil des Parks zugewandt. Leichtbekleidete steinerne Weibsbilder schauen ihn vom rechten und linken Rand der Brunnenanlage bewundernd an.

Die Parkspatzen drängeln nicht nach meinen Brötchenkrümeln (wahrscheinlich würden sie auch “Brosamen” dazu sagen), sondern warten im Hintergrund, bis ich von meiner Bank aufgestanden und weitergegangen bin.

Die Kinderstimmen vom Spielplatz am entfernteren Ende des Platzes verschmelzen harmonisch mit dem Plätschern des Springbrunnens. Prächtige gelbgetünchte Altbauten umstehen den Platz; vorn an der Ecke der Bioladen, gegenüber das Reformhaus; Apotheke, Hörgerätetechniker und Optiker, Wäscherei und Bäcker, alles da; feine Pralinen und edle Schuhe gibt es zu kaufen, neben einem der herrschaftlichen Treppenaufgänge hat ein Psychoanalytiker sein Schild angebracht.

Wilmersdorfs schönes Herz – hier schlägt es…

Und obwohl das alles jetzt beinahe spöttisch klang: Ich fühle mich wohl.

Wegwerfgesellschaft

Schuhe sind ein heikles Thema bei uns. Kaum eine Woche, in der nicht ein Gummistiefel undicht, eine Sandale zu klein oder ein Turnvereinschläppchen löcherig wird; ein Hausschuh in der Kita vorne ein klaffendes Maul bekommt wie ein Wal oder ein Paar Turnschuhe in irgendeinem schwarzen Loch verschwindet. Dass die Kinderschuhläden in unserem Kiez beide in den letzen Jahren zugemacht haben, liegt nicht an uns, ehrlich!

Wenigstens ich möchte nicht ständig neue Schuhe kaufen. Und ärgere mich besonders, dass mein neues Paar Lieblingsstiefelchen schon nach einem reichlichen halben Jahr kaputtgeht. Der Absatz reißt an einer Kante auf und hat innerhalb eines einzigen Tages seine ganze Füllung verloren, ohne dass ich es auch nur merke. Ja, das darf hier ruhig stehen, wer so schöne und gleichzeitig so wenig haltbare Schuhe macht: Hush Puppies heißt die Marke.

Also ziehe ich – mit gemischten Gefühlen, ich ahne schon, was da kommt, seit ich so etwas mal beim Schlüssel- und Absatzdienst meines Vertrauens probiert habe, der sonst immer alles repariert, was ich ihm bringe – in den Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft. Heute lieber gleich zu einem echten Schuhmacher. Schaun sie mal, der Absatz… können Sie mir den vielleicht reparieren? Der nette Schuhmachergeselle guckt ratlos und holt den Meister. Da steht er vor mir, Typ kahlgeschorener Muskelmann (aber dann doch nicht so nett wie Meister Proper) – und schimpft los: Das liegt doch bloß daran, dass die heute nur noch Saisonware herstellen! Das sind alles Kunststoffe, die UVA-empfindlich sind und deshalb so schnell kaputtgehen!

Wieso ist er eigentlich so sauer – und vor allem: Wieso auf mich? Schließlich bringe ich ihm doch Arbeit? “Das kostet mindestens 50 Euro, vielleicht sogar mehr, wenn ich Ihnen den Absatz neu aufbaue!” Lust darauf hat er – das ist an seinem Tonfall deutlich zu merken – jedenfalls nicht. Mit einem vagen “da denk ich nochmal drüber nach” schleiche ich besiegt aus dem Laden.

Was jetzt? Doch in den Müll, die eigentlich schönen Schuhe? Drei Tage Urlaub nehmen und einen Schuhmacher finden, der schon mal was von Nachhaltigkeit gehört hat und gerne was repariert? Notfalltropfen nehmen, zurückgehen und den Preis für ein neues Paar ganz-schnell-kaputt-Schuhe für die Reparatur des alten bezahlen?

Seit ich neulich meinen ökologischen Fußabdruck berechnet habe, leuchtet mir das wieder ganz besonders ein, dass man Dinge lieber reparieren als wegschmeißen sollte. In der Theorie klingt das ja auch gut, ab ins Reparaturcafé und simsalabim – alles wieder heile. In der Praxis sollte man vielleicht damit rechnen, erst mal für mehr als nur ein bisschen sonderbar gehalten zu werden, wenn man versucht, irgendwo außerhalb einer solchen Oase der Widerständigen gegen den Wegwerfstrom zu schwimmen.

A propos: Kann vielleicht irgendjemand von Euch neue Absätze an Schuhe zaubern?

Begleitheft für das zehnte Lebensjahr: Womit Sie jetzt rechnen müssen

Neulich beim Ausflug mit dem Neunjährigen, als wir gerade an der Bahn stehen und warten, gähnt mein Sohn herzhaft. Das Licht ist gut, ich kann tief in seinen Mund sehen – und alle seine Zähne haben Löcher.

Schock. Adrenalinflash. Tief durchatmen, Nochmal hinsehen.

Die Eckzähne. Die Backenzähne, drei rechts, drei links, dassselbe oben. Überal die Ecken abgeschliffen, als hätte das Meer die Zähne rundgewaschen wie Kiesel. Überall Stellen, an denen der Zahnschmelz Löcher hat, die darunterliegende, leicht gelbliche Zahnschicht zu sehen ist.

Und beim letzten Zahnarztbesuch war noch alles in Ordnung.

Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht? Den Konflikt mit dem Vater der Kinder wegen dem Unterhalt nicht gut genug vor den Kindern geheimgehalten? Zu streng gewesen? Zu nachgiebig gewesen? Irgendeinen Kummer übersehen, den der Neunjährige nachts an seinen Zähnen abgearbeitet hat? Warum hab ich ihn bloß nicht knirschen hören? Warum hab ich das bloß nicht eher bemerkt! Muss er jetzt sofort in psychotherapeutische Behandlung, und wie soll ich das bloß schaffen, ihn da jede Woche hinzubringen? – Und der Psychologe wird bestimmt mir die Schuld an ALLEM geben… weil ich mir immer so viele Sorgen mache.

Am nächsten Morgen soll mein Sohn zu den Großeltern fahren und eine Urlaubswoche mit ihnen verbringen. Und natürlich hat der Zahnarzt an diesem Abend – vorher – keinen Notfalltermin mehr frei.

Ich schärfe meinem Sohn ein, sich auch ja nach jeder Mahlzeit gründlichst die Zähne zu putzen, Süßigkeiten nur direkt vor dem Putzen zu sich zu nehmen und keinesfalls die Zähne jemals zusammenzubeißen, ohne dass Nahrung dazwischensteckt. Und lasse ihn mit bleischwerem Herzen fahren.

Knappe zwei Wochen später endlich der Termin beim Zahnarzt.

Schauen Sie mal, sagt die Zahnärztin und lässt – schöne neue Technikwelt – wie von Zauberhand ein paar Fotos von den Zähnen meines Sohnes auf dem Bildschirm am Behandlungsstuhl erscheinen; die bleibenden Zähne da hinten sind garnicht betroffen. Das ist nämlich eine ganz normale Erscheinung, bei manchen Kindern nutzen sich die Milchzähne ab, bevor der Zahnwechsel kommt, die sind nämlich viel weicher als die bleibenden Zähne, und manche Kinder knirschen in dieser Phase eben auch mit den Zähnen und wetzen die richtiggehend ab, um eine gleichhohe Beißebene mit den bleibenden Zähnen herzustellen, die noch nicht so weit aus dem Kiefer herausgewachsen sind… alles ganz normal.

Das ist wirklich ganz, ganz normal und kommt vor, wiederholt sie nochmal in extra-beruhigendem Ton, weil sie mein zwischen Verzweiflung und Hoffnung und Unverständnis (was für eine gleichhohe Beißebene jetzt bitte, wenn die bleibenden Zähne doch irgendwann größer sind als die Milchzähne?) in der Schwebe hängendes Gesicht sieht. Wirklich, alles soweit ok, die bleibenden Zähne sind in Ordnung und die Milchzähne werden jetzt auch keinen Karies kriegen, wenn Ihr Sohn weiter gut putzt, und eine Schiene gegen das Knirschen braucht er auch nicht.

Ganz langsam, eins nach dem anderen, rollen mir sämtliche Felsen und Gebirge Europas vom Herzen.

Und wieso werden Kinder nicht mit einem Begleitheftchen geliefert, in dem man sowas VORHER erklärt kriegt?

Das hätte mir jetzt mindestens 25 graue Haare erspart.

Eine Liebeserklärung

Nach vier oder fünf Wochen ohne Wege zur Kita oder zur Schule habe ich so gar keine Lust, wieder früh aufzustsehen, Vesperdosen zu füllen, an alle Siebensachen zu denken und pünktlich loszugehen.

Aber den ersten Morgen versüßt mir mein fünfjähriger Sohn. Kurz vor sechs kommt er angetappt, im Halbschlaf lasse ich ihn unter meine Decke kriechen, gebe ihm einen Kuss und murmele: Ich hab dich lieb! Ich hab dich auch lieb, Mama, sagt mein Sohn, bis zum Himmel und wieder zurück! – Bis hierhin kennen wir das ja aus diesem kleinen Büchlein. Aber mein Sohn findet noch Steigerungsmöglichkeiten: Und bis nach Belgien. Und Italien. Uuuuund… Frankreich und Portugal.

Ich ahle mich in einer der schönsten Liebeserklärungen, die ich je von einem meiner Kinder bekommen habe. Aber nicht lange. Mama, sagt der Fünfjährige, du kannst doch nicht mehr heiraten, oder? Für dich ist das zu spät!

Nee, nee, antworte ich, so einfach ist das nicht, man kann auch heiraten, wenn man schon älter ist.

Ach ja, erinnert sich mein Sohn, weil du noch nicht geheiratet hast!

Nee, erkläre ich ihm, ich könnte auch wieder heiraten, wenn ich schon mal verheiratet gewesen wäre. Wenn man verheiratet ist und jemand anderen heiraten will, kann man sich ja scheiden lassen. Dann ist man nicht mehr verheiratet.

Mein kleiner Sohn kuschelt sich nachdenklich an mich, und ich sage schnell: Aber ich würde nie, nie, nie jemanden heiraten, der nicht auch dich und deinen Bruder liebhat und für euch da sein will.

Oh, sagt der Fünfjährige, offensichtlich angetan von seiner guten Idee: Dann kannst du doch Papa heiraten!

Jetzt müssen wir aber wirklich aufstehen, sage ich – glücklich, weil mein Sohn mir seine Liebe zeigt. Und wieder einmal traurig, weil meine Kinder nie aufhören werden, sich zu wünschen, dass ihre Eltern sich auch lieben könnten.

Wie ich beinahe – aber nur beinahe – Stehpaddeln lernte

Meine ganz große Schwester und ich verfügen beide über ein besonderes Talent. Es hat gaaanz sicher nichts mit Spaßverderben zu tun – aber erzählt uns von einem Plan, und wir finden die Schwachstellen. Uns fällt alles ein, was schiefgehen könnte, und wir sind gerne bereit, den Plan – damit auch ganz sicher doch nichts schiefgehen kann – bis zur Undurchführbarkeit zu verkomplizieren.

Mit einem solchen Talent spontan und übermütig zu sein, ist ganz schön schwierig.

Neulich in Warnemünde fiel mir in der Tourist-Information ein Flyer in die Hand. Auf dem Flyer wurde für Einführungskurse in das SUP-Paddeln geworben. Der Laden des Anbieters war gleich um die Ecke, und ich hatte das Gefühl, schon lange nichts wirklich Lustiges, Mutiges, Unerwartetes mehr gemacht zu haben. Ich tarnte meinen Übermut als patentantliche Großzügigkeit, lud die große Patennichte zu einem Einführungskurs ins SUP-Paddeln ein und meldete uns an.

Am Morgen des Tages, an dem wir uns aufs Wasser begeben sollten, wachte ich mit einem mulmigen Gefühl auf. Würde ich im Neoprenanzug schrecklich aussehen? Pausenlos ins Wasser fallen? Nicht wieder aufs Paddelbrett kommen? Zum Gespött aller Strandbesucher werden? Nein, redete ich mir gut zu, das mache ich jetzt. Das ist lustig. Das wird Spaß machen. Ich werde etwas zu erzählen haben. Ich werde etwas lernen, von dem ich noch vor zwei Tagen gedacht habe, dass ich es garnicht lernen will – oder kann.

Am Mittag des Tages, an dem wir uns aufs Wasser begeben sollten, gingen wir sicherheitshalber nochmal in dem Surfladen vorbei, um zu fragen, was man unter so einen Neoprenanzug denn in dieser Saison so trägt, und erfuhren, dass wir wegen des schönen Wetters keinen Anzug, sondern nur ein UV-Schutz-Shirt bekommen würden.

Ich übte mich still in Bauchatmung und redete mir insgeheim gut zu: Ich mache das jetzt, ich will endlich mal wieder etwas ganz Lustiges machen, das haben doch schon andere vor mir hinbekommen, ohne sich gleichzeitig einen Sonnenbrand UND eine Blasenentzündung zu holen. Das wird schon gutgehen. Und außerdem freut sich doch die Patennichte jetzt drauf!

Aber auch meine ganz große Schwester hatte das mit den UV-Shirts gehört. Und begann sich Sorgen um das Wohlergehen ihrer Tochter zu machen… allerdings nicht im Stillen: So habe ich mir das jetzt aber nicht vorgestellt! Ihr werdet die ganze Zeit in klatschnassen Klamotten auf diesem Brett stehen und euch den Tod holen! Ihr werdet schrecklichen Sonnenbrand kriegen, wenn ihr da bei der Hitze zwei Stunden lang auf dem Wasser ohne Schatten unterwegs seid! Kind, du musst einen Sonnenhut aufsetzen, ich gehe dir gleich mal einen kaufen. Du musst die Bergsonnencreme benutzen, und zwar für dein ganzes Gesicht. Du kannst doch sicherlich die Sonnenbrille auflassen? Und jetzt gehe ich da nochmal in diesen Laden und bestehe darauf, dass du einen Neoprenanzug bekommst, damit du dich nicht erkältest. Und wenn ich auch nur einen Hauch von Rot auf deiner Haut sehe, darfst du morgen nicht an den Strand gehen, sondern bleibst den ganzen Tag zu Hause im Schatten! Aber du musst das natürlich selber entscheiden, was du tust. Ich wollte das ja nur mal gesagt haben.

Irgendwann gelang es uns, meine ganz große Schwester für einen Moment aus dem Raum zu schicken. Ratlos sahen die große Patennichte und ich uns an. Eigentlich hätten wir gern diesen ulkigen Sport ausprobiert. Aber am nächsten Tag zu Hause sitzen – das wollte die große Patennichte dann doch nicht. Und ich? Dem gleichzeitigen Ansturm innerer und äußerer Bedenken war mein kleiner Ferienübermut auch nicht gewachsen.

Hallo? Ja, wir hatten heute eine Einführung ins Stehpaddeln bei Ihnen gebucht… Leider haben wir grade gemerkt, dass wir es heute morgen schon mit der Sonne übertrieben haben und einen Sonnenbrand haben und heute leider den Kurs nicht machen können. Jaaaa, das ist sooo schade! Tut mir leid!

Frohlockend funkelten die Augen meiner ganz großen Schwester, als sie von unserer vernünftigen Entscheidung erfuhr. Und sie funkelten weiter, bis die große Patennichte später am Strand beim Ballspielen Kopf an Kopf mit dem Neunjährigen zusammenstieß und mit einer Platzwunde zum Notarzt nach Lütten Klein gebracht werden musste. DAS wäre beim Stehpaddeln nicht passiert. Obwohl, wer weiß.