Gesehen, gelesen, gehört… Im September und Oktober

Neue Postkarte für schlechte Tage: “Lächle und geh weiter. Du kannst sie nicht alle umbringen.”

“The Stone Diaries” von Carol Shields – wieder so eine lesenswerte Kanadierin, oder jedenfalls Autorin, die lange Zeit in Kanada lebte und schrieb. In diesem Roman erzählt sie ein Frauenleben, ein ziemlich gewöhnliches, etappenweise von der Geburt 1905 bis zum Tod ungefähr Ende der 80er Jahre. Ein ganzes Leben mit seinen großen Themen, mit guten und schlechten Zeiten und mit seinem Ende so vor Augen geführt zu bekommen, stellt viele Fragen in den Raum: Was macht ein Leben aus? Wann ist es ein gutes Leben? Und: Was bleibt? – Es lohnt, nachzudenken. Und dieses Buch zu lesen.

Die Bauanleitung zum Hochbett “Frieda”. Erst Teil Z6 in Teile A, C, F, G, H, I und J stecken. Teil Z18 kommt natürlich zu Teil K. Und dann werden die Kopfteile mit Z1, Z4 und Z5 an den Seitenteilen befestigt. Alles klar? Was als kleines zwei-Stunden-Projekt gedacht war – “Kinder, heute bauen wir das neue Hochbett auf” – endete als Wochenaufgabe, an der mehrere Freunde mithelfen mussten. Aber jetzt ist es eingeweiht, das schöne neue Möbel.

Eine feine, kleine Ausstellung: “Wedding – Kunst pur 2014!” im Rathaus Wedding (noch bis 1. November). Eine bunte, spannende Zusammenstellung von Fotos, Bildern und Skulpturen mit “irgendwie wedding-typischen” und ganz überraschenden Kunstwerken: Susanne hat Glasobjekte zum Thema “Fliegen” beigesteuert; ein großer Kreis aus Salz mit einem Hocker mittendrin lässt die Besucher zwischen ihrem Wunsch, den Kreis zu betreten und sich auf den Hocker zu setzen und ihrem Respekt für das Kunstwerk schwanken; und zwei riesige Wandbehänge – meine Lieblingsstücke dieser Ausstellung – zeigen ganz unterschiedliche Frauenbilder, die von dem sie umgebenden Patchwork aus textilen Aufschriften kommentiert werden. Ganz sehenswert!

Stefan Moster: “Die Frau des Botschafters” – eine Besprechung hatte mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht – auf die Fremdheit, die die Frau des fiktiven deutschen Botschafters in Finnland empfindet, und auf ihre abenteuerliche Reise, die sie unternimmt, um ihrem erblindenden Sohn das Licht des Nordens zu zeigen. Ich bin nicht sicher, warum ich so recht nicht in der Geschichte angekommen bin, obwohl der Umgang des Autors mit der Sprache mir sehr gut gefallen hat: Lag es daran, dass mit – so habe ich es empfunden – viel Distanz zu den Figuren und ihren Gefühlen erzählt wird? Dass ich mir ein Botschaftergattinnenleben so garnicht vorstellen kann? Oder daran, dass der Roman viele große Themen berührt, ohne sie breiter auszuführen?

Amélie Nothomb war mir bisher nur dem Namen nach vertraut. Jetzt fiel mir ihre “Biografie des Hungers” in die Hände. Wie genau sich die Autorin die Gefühlswelt des Kindes und der Jugendlichen vergegenwärtigt, die sie erzählen lässt, hat mich erstaunt. Und ein wenig erschreckt.

Und mehr von meiner aktuellen Lieblingsautorin Scarlett Thomas: “Troposphäre”. Stell Dir ein Computerspiel vor, dessen Programmcode es erlaubt, dass die Figuren sich entwickeln und – zufällig – Bewusstsein entsteht. Woraus wären ihre Gedanken? Aus den gleichen Nullen und Einsen, aus denen auch das Computerprogramm besteht, in dem sie sich bewegen. Und was wäre, wenn einige von Ihnen in der Sprache zu denken fähig wären, in der ihr Spiel programmiert wurde? – Was ist Bewusstsein, woraus besteht es, und: was wäre, wenn wir in das Bewusstsein anderer Menschen hineinsehen könnten? Um diese Fragen geht es in Scarlett Thomas`Roman. Da ich ihre Art, wissenschaftliche Erkenntnisse und philosophische Gedanken, übersinnliche Phänomene und “greifbare” Figuren zusammenzuspinnen, mag, folge ich ihr gern auch in die Troposphäre. Und schaue hinterher irgendwie anders auf die Welt. Woraus bestehen Bäume, Häuser – und Gedanken? Aus Elektronen und Quarks? Oder?

Zwischenstand (ins Unreine): Herbst

Blättergeruch in den Straßen, den mag ich. Pappellaub riecht am besten, auch wenn der Berlin-übliche Eiche-Ahorn-Mix und die braunen Lindenblätter auch nicht schlecht abschneiden. Die Farben sind schön: braun und gelb, rot und orange und rosa, überall. Graue Wolken, Nieselregen, zwischendurch die Sonnenwärme vom letzten Wochenende.

Für unsere alte Blätterlaterne (wenn man sie mit der kaputten Seite zum Fenster dreht, sieht sie immer noch schön aus) haben wir ein neues Päckchen Teelichte gekauft. Im Kalender Termine für Plätzchenbacken und Geschenkebasteln.

Im Kopf Erinnerungen an den Sommer, in dem ich so viel in Brandenburg unterwegs war: an ein verzaubertes Regenpicknick auf einem Hochsitz, an die Sonnenwärme beim Paddeln auf der Spree, den prächtigen Stock Hallimasch am Bootshaus in Bredereiche und die herrlichen Schirmpilze, die wir später im zum Beutel umfunktionierten Schal nach Hause getragen haben; an den Blick über den Neuruppiner See, an das Geschnatter der Wildgänse, die über dem Oberuckersee Züge für den Flug nach Süden bilden, und an die Kälte des Wassers, in dem wir natürlich nochmal herumwaten mussten.

Und die Ausflugszeit ist noch nicht ganz vorbei. Im Zimmer des Fünfjährigen stapeln sich die Winterjacken, die Gummistiefel, warme Pullover, Mützen, Handschuhe, Spiele, Bücher, Zeckenschutzmittel, eine riesige Tasche voller Medikamente (nur für den Fall), drei Beeren-Sammel-Eimerchen (nur für den Fall) und allerlei Lebensmittel – zusammen mit einer Liste, auf der steht, was ich noch alles kaufen muss, damit wir in der Uckermark sieben Tage ohne Auto überleben können und zusammen mit dem (recht komplexen) Plan, wie wir an einem der Tage die Therme in der nächstgelegenen Stadt besuchen können. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Slogen des Berlin-Brandenburgischen Verkehrsverbundes –  “Alles ist erreichbar” – hat mich bei der stundenlangen Recherche nach Rufbussen und der Mühe, einander widersprechende Fahrplanauskünfte zu verstehen, mit der Zeit ziemlich erheitert.

In ein paar Tagen sind wir in “unserem” Waldhäuschen. Hurra!

Das Balkongartentagebuch: Wintervorbereitungen

Diese Woche ist so ruhig wie lange keine mehr. Meine Besuchsfreundin ist abgereist, die Hälfte meines Freundeskreises schon wieder auf irgendeiner herbstlichen Urlaubsreise, meine Kinder sind bei ihrem Vater und ausnahmsweise so gesund, dass ich nicht für einander überlappende Arztbesuche gebraucht werde.

Eine Rückzugswoche. Wintersachen vorkramen, zu klein gewordene Kleidung der Kinder aussortieren. Endlich die letzten Handgriffe am neuen Hochbett machen – und endlich rundherum aufräumen. Das nächste Physiotherapierezept für den Neunjährigen abholen (ganz ohne Ärzte geht es eben doch nicht) und allerlei dringende Anrufe erledigen. Die Herbstlaterne ins Fenster stellen. Und an einem dieser herrlich warmen Nachmittage habe ich Zeit für den Balkon.

Traurig nehme ich Abschied von der Paprikapflanze, bevor ich sie in kleine Stücke zerlege. Viele Früchte hat sie getragen – die letzte, daumenkuppengroß, mache ich noch ab. Auch die Lilien sind schon vertrocknet, aber die werden ja wiederkommen. Vom Basilikum schneide ich die Blütenstände ab und stelle ihn in die Küche – ob er wohl neue Blätter treibt? Allerlei Samen, die ich in den letzten Wochen schon geernetet habe, sind getrocknet und kommen jetzt in Tütchen und Streichholzschachteln: Lila Prunkbohnen und winzige Rucolakörnchen, eingeschrumpelte Kapuzinerkressefrüchte und sogar Samenstände vom Asiasalat und von der roten Melde. Die Ringelblume, die das halbe Frühjahr im Schatten der Kartoffel verbringen musste, ist gerade erst aufgeblüht – aber ich bin ja neulich beim Wandern an einer Ringelblumenrabatte vorbeigekommen, an der es schon Samen gab…

Heute ist auch der richtige Tag, um nochmal auszusäen, denn aus der Winterkiste möchte ich im Frühjahr Rapünzchen ernten. Dafür klappt das mit dem Wintergemüse vielleicht doch nicht – ein spätes Kohlweißlingsgelege hat meine Rosenkohlstaude quasi über Nacht in das vegane Äquivalent eines Schweizer Käses verwandelt.

Und dann sitze ich in der Dämmerung mit meinem Abendessen draußen, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Um mich herum blüht es noch, in allen Mädchenfarben dieser Erde: gelbe und orange Ringelblumen und Kapuzinerkressen, rosa und lila Millionbells, rote Geranien und dunkellila Petunien. Das erste Herbstlaub im Hinterhof passt dazu, genau wie die Herde rosafarbener Abendwolken, die am Himmel weidet.

S-Bahnen fahren vorbei, Glocken läuten zum 25. Jahrestag der großen Montagsdemonstration in Leipzig, irgendwo da draußen gibt es andere Menschen und Cafés und Musik und Schwimmhallen und Kinofilme… aber hier ist alles still und einsam. Eine Einsiedlerwoche. Manchmal ist das richtig schön.

Mit Lichtgeschwindigkeit im Kreis

Da hat man jahrelang einen Teilchenbeschleuniger (fast direkt) um die Ecke und weiß nichts davon!

Aber von vorn erzählt: Als treue Fans der Sendung mit der Maus war es für meine Kinder ganz klar, dass sie den Maus-Türöffner-Tag besuchen wollten. An diesem Tag laden Unternehmen und Insitutionen, die darauf Lust haben, Kinder zu sich ein und zeigen ein bisschen was von dem, was sie so tun. Ich finde das richtig gut. Also habe ich vor längerer Zeit schon geschaut, was es in Berlin an diesem Tag für Türen gibt, hinter die die Kinder mal einen Blick werfen dürfen, und habe sie im Helmholtz-Zentrum in Adlershof (HZB) angemeldet. Ein bisschen Technik ist doch prima, habe ich gedacht, ein paar Experimente, ein bisschen gucken, was Forscher so forschen.

Und gestern haben wir uns auf den Weg nach Adlershof gemacht, zu dem großen, neuen Wissenschafts- und Forschungsgebiet, das in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten dort entstanden ist.

Uns empfägt ein Tisch mit Maus- und Helmholtz-Giveaways: Poster, Gummibärchen, Aufkleber, kleine Lämpchen… Und dann müssen wir uns in einer langen Schlange anstellen, in der die Kinder Ausweise mit ihrem eigenen Bild und dem der Maus bekommen. Dafür müssen die Kinder fotografiert werden, was schrecklich lange dauert – während ihre Eltern in der Schlange ungeduldig werden, besorgen die Kinder sich Maus-Luftballons und HZB-Luftballons und machen damit jeden Unsinn, den man mit Luftballons machen kann.

Endlich fertig! Die Gruppen – wenige Kinder, zwei Mitarbeiter des HZB – haben gerade noch gewartet und ziehen los, kaum dass meine Kinder sich der Shaun-Gruppe und der Enten-Gruppe zugesellt haben. Die Eltern haben Zeit, sich einen Tütchenkaffee zusammenzubrauen und einen Keks in den Mund zu stecken, dann kommt eine Mitarbeiterin und lädt zu einem Vortrag über die Arbeit des Helmholtz-Zentrums ein – damit die Eltern später verstehen können, wovon ihre Kinder erzählen. Ich gehe neugierig mit und sitze mit offenem Mund im Vortragssaal.

Hier – direkt hier, gleich nebenan – steht ein Elektronenspeicherring. Der heißt Bessy II und innen drin kreisen Elektronen, die auf beinahe Lichtgeschwindigkeit angetrieben wurden. Weil die eigentlich geradeausfliegen wollen, müssen sie  – so bekommen wir erklärt – irgendwie auf die Kreisbahn gezwungen werden, geben dabei aber Lichtstrahlen – wobei “Licht” so ziemlich alles sein kann, was aus elektromagnetischen Wellen besteht – geradeaus ab. Und mit denen kann man alles mögliche tun: Feststellen, dass der Sonnenscheibe von Nebra die Sonnenbarke erst später hinzugefügt wurde. Dass Dürer die Hintergründe seiner Bilder von seinen Schülern ausmalen ließ. Woran Computer sterben (an Löchern in den Kupfer-Leitungen auf den Platinen, also einer Art Arterienverkalkung) und wie Krebsmedikamente gemacht sein müssen, um am Tumor anzudocken und nicht an den gesunden Körperzellen. Rausfinden, wie man Textilien in Solarzellen verwandeln kann, um Zelte für Krisengebiete zu bauen, die ihre eigene Energieversorgung gleich mitbringen. Sensoren testen, die später im Weltraum nach Strahlung suchen sollen, von der man noch gar nicht weiß, ob es sie überhaupt gibt. Und noch ziemlich viel mehr, von dem ich nichts verstehe.

Und dann dürfen wir Eltern auch mal gucken, was die Kinder sich angesehen haben: Den Kontrollraum, in dem Dutzende Monitore hängen und der den “Speicherkreis” steuert, in dem die Elektronen rotieren. Und das Riiiiiiiiesenlabor, das rund um diesen Speicherkreis verläuft und in dem die Strahlung in “Strahlrohren” ankommt – ein Raum voller Technikchaos: Kabelbrücken, mit Alufolie umwickelte Rohre, Warnschilder, auf denen vor aktivem Laser und starken Magnetfeldern gewarnt wird (heute leuchten sie allerdings nicht), riesige blinkende Apparaturen, die, so lerne ich, deshalb an vorsintflutliche Taucherausrüstungen voller runder Gucklöcher und Schrauben erinnern, weil es sich um Vakuumkammern handelt. Viele, viele Experimente, wird erklärt, können hier rund um den Speicherkreis zeitgleich durchgeführt werden. Von oben – wir machen einen kleinen Rundgang auf einem erhöhten Weg am Rand – sieht das ganze aus, als hätten 70 Dutzend verrückte Wissenschaftler gleichzeitig ihre wildesten Forschungsfantasien ausgelebt. Und bis auf das “verrückt” stimmt das wahrscheinlich so ungefähr.

Als wir fertig sind, kommen auch die Kinder wieder. Mama, erzäht der Neunjährige begeistert, wir haben einen Wecker in ein Vakuum gestellt, und den hört man dann nur noch gaaaaanz leise klingeln! Und ein Schokokuss in einem Vakuum wird ganz groß! Den Fünfjährigen finden wir beim Schokoeis, das natürlich mit flüssigem Stickstoff gefroren wird. Es dampft beeindruckend. Und schmeckt gut.

Die Mitarbeiter des HZB sind alle freundlich. Und sie tragen grüne T-Shirts, auf denen steht: “Die Physik löst keine Geheimnisse, sie führt sie nur auf tieferliegende Geheimnisse zurück.” Das fasst den Tag für mich ganz gut zusammen.

Während sich die nächsten Kindergruppen unten sammeln, wenden wir uns zum Ausgang, vorbei an den Giveaways. Der Fünfjährige tauscht sein Lämpchen schnell noch aus, gegen eins, das besser leuchtet. Der Neunjährige bevorratet sich mit Gummibärchen. Und dann gehen wir nach Hause – ein klitzekleines bisschen schlauer als vorher.

Viele kleine Schritte (3): Autsch!

Wanderschuhe kaufen war leicht.

Einige Zeit später möchte ich anfangen, sie einzulaufen. Zwei Freundinnen haben mich auf eine Überraschungswanderung eingeladen. Also nichts wie los – Wandersocken an die Füße, Schuhe gewachst, angezogen, ordentlich geschnürt. Und auf gehts.

Unsere Wanderung führt am Ostufer des Neuruppiner Sees entlang. 16 Kilometer sollen es werden.

Bei Kilometer zwei muss ich eine kleine Pause machen und die Schuhe ein wenig lockerer schnüren. Irgendwie ist es eng da vorne, mit den seltsamen, dick gepolsterten Wandersocken.

Bei Kilometer fünf klebe ich ein kleines Heftpflaster an die Innenseite meiner linken Ferse. Damit da nicht erst eine Blase entsteht.

Bei Kilometer sieben beginnt mein Hallux, über mangelnden Platz zu klagen. Pflaster drauf. Hilft bestimmt!

Und ungefähr zur gleichen Zeit fällt meinen Knöcheln ein, dass sie eigentlich gar nicht daran gewöhnt sind, in knöchelhohe Schuhe eingeschnürt zu werden. Schuhe aufmachen, oberstes Hakenpaar nicht mehr benutzen.

Ab Kilometer neun hinke ich meinen Freundinnen – die in ihren zum Wandern überhauptnicht geeigneten Schuhen vergnügt vor sich hinstapfen – nur noch mit zusammengebissenen Zähnen hinterher.

Und auf dem Heimweg von der S-Bahn tut jeder Schritt einfach nur noch weh – am allermeisten an meinen armen Knöcheln. Blasen habe ich dafür keine gekriegt. Superbequemes Fußbett haben die Schuhe, das hab ich doch gleich gemerkt.

Und was mach ich jetzt? Die feinen Schuhe zurückgeben? Vom Schuhmacher irgendwie weiten lassen? Oder heimlich, still und leise gaaaanz hinten im Schrank verschwinden lassen, zusammen mit meinen Träumen von einer Wander-Auszeit?

Bindehautentzündung ist ansteckend

Bindehautentzündung, dachte ich immer, ist etwas, mit dem anderer Leute Kinder am Freitagnachmittag – kurz nach dem Ende der letzten Arztsprechstunde in der Stadt – aus der Kita nach Hause geschickt werden, mit der Auflage, erst wiederzukommen, wenn antibiotische Tropfen sichergestellt haben, dass keine Ansteckungsgefahr mehr besteht. Und vom Hörensagen meinte ich zu wissen, dass es ausreicht, diese Tropfen ungefähr einen Tag lang zu nehmen. Oder drei. Oder so.

Mit einer Sache hatte ich Recht: Bindehautentzündungen beginnen am Freitagnachmittag. Dem Fünfjährigen, krank gewesen, zwei Tage in der Kita gewesen, schwillt am Freitagnachmittag, kurz nach Ende der letzten Arztsprechstunde in der Stadt, das linke Auge zu. Euphrasia hilft nicht. Ach was, sagt der Vater meiner Kinder, der die Kinder am Montagmorgen übernehmen soll und am Montagvormittag schon einen Termin hat, das ist bestimmt keine Bindehautentzündung! Ich glaube ja nicht, dass unser Sohn zum Arzt muss. Aber es ist eine.

Drei Tage später sind dem Fünfjährigen beide Augen komplett zugeschwollen und ein neues Antibiotikum wird verordnet. Und am nächsten Freitagnachmittag – kurz nach Ende der letzten Arztsprechstunde in der Stadt – beginnt mir das rechte Auge grässlich zu jucken. Am nächsten Morgen sehe ich aus, als hätte ich zwei Monate lang geweint. Und die Augen vom Vater meiner Kinder, von dem ich die beiden am Montagmorgen wieder übernehme – den Fünfjährigen, dessen linkes Auge immer noch halb so klein ist wie das rechte, kann sich mein Hausarzt ruhig auch gleich noch mal anschauen – leuchten tiefrot. Das musst du aber mal behandeln lassen, sage ich oberschlau, das ist ansteckend!

Zwei Wochen lang betropfen und beschmieren wir unsere Augen mit verschiedenen Medikamenten. Ich weiß jetzt, wie man einen Salbenstrang dazu bringt, hübsch brav unter dem Augenlid zu bleiben. Und dass ich Augensalbe nicht vertrage. Und dass man mit Bindehautentzündung keine besondere Lust auf Computerarbeit hat. Und dass es vorbeigeht, irgendwann.

Und dass der Neunjährige über erstaunlich gute Abwehrkräfte verfügt.

 

Spätsommerglück

Das schlechte Augustwetter verzieht sich noch einmal für ein paar Tage. Wie gut! Denn für einen dieser letzten sommerlichen Samstage habe ich eine Paddeltour mit dem liebsten Freund geplant. Ein Ausflug! Ein Abenteuer!

Fürstenwalde kennen wir schon, dort hat vor einiger Zeit auch meine Geburstagswanderung angefangen. Heute gehen wir direkt zur Spree. Da, wo zwei Bänke mit hochstehenden roten und gelben Rudern am Ufer stehen, ist die Einsetzstelle, zu der die Paddelbootverleiher aus Hangelsberg die Boote bringen. Unser schlichter grüner Kanadier liegt ganz oben auf dem Bootsanhänger, darunter eine muntere Schar leuchtender Kajaks, orange und rot und blau. Eine Familie mit zwei Teenager-Söhnen, die müssen trotzdem noch Rettungswesten anziehen, oder wenigstens mitnehmen. Dem älteren Paar, das vielleicht zum ersten Mal in einem Kajak paddeln wird, stellt der Mitarbeiter der Verleihstation besonders sorgfältig die Lenkung ein und erklärt ganz genau, wie sie funktioniert. Und dann ist da noch ein Grüppchen befreundeter Paare, einer hält die Videokamera auf den Bootsanhänger und spricht leise dazu ins Mikro, die anderen verstauen ihre Hosen und Schuhe in wasserdichten Säcken, schlüpfen in Paddelschuhe und binden sich geübt den schwarzen Spritzschutz um.

Und dann können endlich auch wir starten. Der Weg ist einfach – immer geradeaus – am Abzweig rechts abbiegen – und dann wieder: immer geradeaus. 12 Kilometer, ungefähr. Die Sonne wärmt herrlich, hat aber ein Einsehen (wir haben die Sonnenmilch vergessen, beide) und schickt dann und wann eine Schattenwolke vorüber.

An der Spree liegt Berlin. Dass sie auch ein Eigenleben führt, losgelöst von der großen Stadt – darüber habe ich früher nie nachgedacht. Aber hier ist sie: ein richtiger Fluss, breit und schön. An den Ufern hat sich jemand die Mühe gemacht, viele, viele Schilder aufzustellen. Fröhliches Schifffahrtszeichenraten: Der durchgestrichene Schirmpilz ist ein Ankerverbot, ok. Aber was bedeuten die vielen Zahlen, “+” oder “D” auf den Schildern am Ufer, alle paar Meter fast?

Vor uns werden die bunten Punkte wieder größer, in die die Kajaks sich verwandelt hatten. Das Grüppchen hat in Flußmitte gestoppt, um einer prächtigen Schwanenfamilie mit fünf oder sechs pubertierenden Küken zuzusehen, die sich übermütig im Wasser wälzen und mit den Flügeln schlagen, dass die hässliche-Entlein-Federn, die sie trotz ihrer Größe noch haben, nur so stieben. Eins der Küken steckt den langen Hals so tief ins Wasser, dass es vornüberkippt und plötzlich auf dem Rücken im Wasser liegt.

Sachte paddeln wir in Ufernähe an der ausgelassenen Vogelfamilie vorbei.

Von der Spree zweigen immer wieder kleine Arme ab, wir kommen an überwuchterten Inselchen vorbei und an kleinen Buchten. Die Ufer des Hauptstroms sind mit Steinen eingefasst, zwischen denen dann und wann eine sandige Lücke das Landen ermöglicht. Wir rasten unter einer riesigen Pappel, die gedankenverloren ein gelbes Blatt nach dem anderen aufs Wasser fallen lässt. Kaffee aus der großen Kanne, Butterbrote, Käse und Würstchen. Große Waldameisen krabbeln emsig den Baumstamm auf und ab, von dem Biber unten vor langer Zeit schon die Rinde abgenagt haben. Eine Grille zirpt dicht hinter uns, ich entdecke sie auf einem breiten Grashalm. Rhythmisch reibt sie ihre Beine an ihrem Körper, wiederholt ihre kleine Melodie immer zweimal, dreht sich dann ein Stückchen weiter und beginnt von vorn. Einmal im Kreis, dann springt sie zum nächsten Halm. Behauptet sie so ihr Revier?

Ein Stück weiter der Abzweig in die Müggelspree. Das Wasser fällt hier über eine kleine Stufe. Man darf nicht ausprobieren, ob man umkippt, wenn das Boot über diese Stufe fährt, es muss aus dem Wasser. Ein kleiner Wagen auf Schienen an einer langen Kette steht bereit, um das Boot auf die andere Seite des Wasserfalls zu ziehen. Wir machen das zum ersten Mal, ungeschickt und unsicher (kann man den Wagen wirklich einfach ins Wasser fahren lassen, bis das Boot darauffahren kann?), ein geübter Paddler springt uns zur Hilfe.

Unser Flüsschen ist jetzt schmaler und nennt sich Müggelspree. Am Ufer ein Dickicht – Schilf und Rohrkolben. Wassergras, von der Strömung (sie ist hier stärker und hilft beim Vorankommen) gekämmt. Kleine Dellen im Wasser, winzige Strudelchen, die der Fluss macht, und die bleiben, während unsere, tiefe Löcher, wo wir die Paddel durchs Wasser ziehen, sich hinter uns sofort wieder glätten. Abgestorbene Bäume am Ufer, zwei Graureiher. Ein paar Regentropfen fallen wie eine Hand voll Silberflitter aufs Wasser. Ich lege mich auf den Rücken ins Boot und schaue zum Himmer, der jetzt wie eine dichte Daunendecke über der grünen Flusslandschaft liegt. Wir lassen uns treiben, das Boot stellt sich quer zur Strömung, es ist still um uns. Gelbe Pappelblätter sind wie eilige kleine Schiffchen in dieselbe Richtung unterwegs wir wir.

An beinahe allen Uferbäumen haben die Biber die Rinde abgenagt; manche Spuren sind frisch. Aber kein Biber und kein Biberbau ist zu sehen. Wo leben sie? Gibt es einen Flusspfleger, der sie immer wieder vertreibt, ehe sie einen Baum fällen, einen Damm bauen können? Kommen sie zurück, Jahr um Jahr?

Schneller als gedacht erreichen wir Hangelsberg. Pause an der Badestelle am Ortseingang. Ein Vater mit zwei kleinen Kindern im Kajak landet gleich nach uns am sandigen Strand. Ein Weilchen schauen wir ihm beim Erziehen seiner Kinder zu – Nein, bitte wirf den Sand NICHT auf die Boote (der Junge lässt stattdessen eine Schippe voll über seine Schoko-Reiswaffel rieseln) – ja, du darfst ins Wasser pullern (was das kleine Mädchen auch tut) – in fünf Minuten müssen wir weiter, kommt, Kinder, einsteigen, oh, da ist ja noch ein Schuh am Ufer. Mein eigener Versuch, ein paar Minuten später unser Boot ins Wasser zu schieben und gleichzeitig elegant hineinzuspringen, bringt uns fast zum kentern. Zum Glück ist mein Packsack wirklich richtig wasserdicht.

Schlängelkurve um Schlängelkurve mäandert die Müggelspree um Hangelsberg herum. Schafe blöcken entrüstet am Ufer, es gibt mehr tote Bäume, einen Hain alter Eichen. Abendlicht und Abendfrieden.

Ja, die Schulter tut weh, inzwischen. Trotzdem mag ich nicht aussteigen!

Der Bootsverleih in Hangelsberg ist klein und auf nette Weise unfertig. Ein altes Haus wird saniert, Ferienwohnungen im Nebengebäude sind in Arbeit. Eine Jurte und zwei Zelte auf der Wiese, campen könnte man hier auch. Liebevoll ist die Treppe den Hang hinauf mit kleinen Papierlämpchen geschmückt.

Ein Bierchen noch beim Hangelwirt – dem kauzigen Inhaber der gleichnamigen Restauration am Bahnhof – und dann nach Hause.

Einer dieser Tage, die ich beiseitelegen und irgendwann nochmal erleben möchte. Glück.