Schiebepuzzle

Man könnte meinen, dass ich es mir in der kinderlosen Woche faul und gemütlich mache. Das kommt sogar vor, nur nicht, wenn Herbst ist und ich noch ganz schnell mein diesjähriges Renovierungsprojekt umsetzen muss, bevor Adventsschmuck aus den Kisten geholt, Früchtebrot gebacken und eine lange Liste Weihnachtsgeschenke gebastelt oder gekauft werden muss.

Habe ich hier schon einmal ein Loblied auf mein halbes Zimmer gesungen? Jede Wohnung sollte eins haben – ein kleines, halbes mehr als die grundsätzlich notwendige Anzahl. Für migränekranke oder schnarchende Gäste. Um selber mittags für eine halbe Stunde die Tür hinter mir zuzumachen und den Kinderlärm das fröhliche Spielen meiner Kinder mit ihren Fußballkarten nicht mehr zu hören (stattdessen die Nachbarn, weil die Wand zu denen nur aus dickerem Papier besteht, aber die sind ja auch ruhiger). Für den dicken Kleiderschrank, die Campingsachen, die Winterbettdecken, den Weihnachtsschmuck, die Kiste mit den Erinnerungen an meine Kindheit. Für das große Bücherregal, das nicht mehr ins Wohnzimmer passt. Um zwischenzulagern: Äpfel und Plätzchendosen, Geschenke (sicher versteckt), zu klein gewordene Kindersachen, Wäschekörbe und alles, was mal eben aus dem Weg muss.

Schon lange hat mein Zimmerchen eine neue Schicht Farbe verdient – die Wand zu den Nachbarn sogar eine extradicke (falls grad keine Schallschutzfarbe erhältlich ist). Und da der Renovierungsrappel bei mir immer im Herbst einsetzt… stehe ich im ausgeräumten halben Zimmer und spiele Schiebepuzzle.

Die Leiter zuerst rechts hinten. Den halben Hängeboden mit Zeitung auslegen und die Ränder abkleben. Dann das Bettgestell hochkant stellen und nach rechts schieben, dann ist links Platz für die Leiter, und ich kann die linke Hälfte des hinteren Hängebodens abkleben. Leiter zusammenklappen und in den Flur stellen. Dann den Kleiderschrank von links vorne nach links hinten schieben. Leiter wieder reinholen und den vorderen Hängeboden links (ist aber jetzt rechts, weil ich mich dazu umdrehen muss) mit Zeitung auslegen. Dann das Bettgestell nach links an den Kleiderschrank schieben… und so weiter. Der Kleiderschrank kriegt heute selber ein Kleid – aus schicker grüner Folie. Der würde nämlich garnicht durch die Tür passen, und auseinandernehmen möchte ich das gute alte Stück vom VEB lieber nicht nochmal – wer weiß, ob er wieder zusammenzusetzen wäre. Das Bettgestell mag ich auch nicht auseinandernehmen, das schiebe ich dann vor dem Streichen einfach auf den Balkon. Für die Freunde, die zum Helfen kommen, werde ich mir noch eine Choreografie ausdenken: Wenn A hinten links auf der Leiter steht und die Rolle in der linken Hand hält, kann parallel B unter dem vorderen Hängeboden mit dem Pinsel in der rechten Hand streichen, während C (das bin ich) auf dem Kleiderschrank sitzt und… den Farbeimer festhält. Oder so ähnlich. Es ist eben ein sehr, sehr kleines Zimmer.

Oder doch nicht? Ich komme ins Grübeln, als ich an den offenen Kinderzimmertüren vorbeigehe. Beim Neunjährigen stapeln sich die Bücher – flächendecken und einen Meter hoch – unterm Hochbett, an der Turnstange hängen meine Kleider, darunter liegt ein Stapel Winterjacken. Beim Fünfjährigen lagern mehrere Raummeter Winterbetten und Campingutensilien. Den Rest seines Zimmers verstopft die Wäsche aus dem Schrank.

Ohne mein halbes Zimmer wäre das immer so, wie schrecklich!

Jetzt noch eine Einkaufsliste schreiben: Gelbe und weiße Farbe. Einen schönen kleinen flauschigen Teppich. Und einen Lampenschirm, der gemütliches Licht macht. Oh, das wird schön!

K.o. in zwei Tagen

Liegt es daran, dass ich wegen dem Wechselmodell nicht so richtig an das Leben mit den Kindern gewöhnt bin? Oder ist es bei uns so besonders anstrengend? Jedenfalls schaffen es oft schon wenige ziemlich “normale” Tage Familienleben, mich total zu erschöpfen.

Zum Beispiel zwei Tage wie diese – in die ich eigentlich nach den Ferien und einer Woche ohne die Kinder ziemlich ausgeruht gestartet bin:

Montagmorgen, der Neunjährige geht rechtzeitig los, um zur ersten Stunde pünktlich zu sein, extrafrüh, weil Montagmorgen Sport auf dem Plan steht. Mit dem Fünfjährigen muss ich zum Blutabnehmen zum Kinderarzt. Was als kleiner Labortermin vor der Arbeit gedacht war, wächst sich – denn wir haben einen sehr gründlichen Kinderarzt – zu einer längeren Geschichte aus. Mit Wiegen und Messen (immerhin war mein Sohn drei Monate lang nicht in der Praxis und KÖNNTE theoretisch in diesen drei Monaten schwerer Unterernährung ausgesetzt gewesen sein), einer Abfrage sämtlicher jemals bei Kindern beobachteter Verhaltensauffälligkeiten (immerhin hatte mein Sohn vor einiger Zeit zwei Wochen lang Bauchschmerzen, und das KÖNNTE ja psychisch gewesen sein), einem beinahe-EKG, gegen das ich mich zur Wehr setze, weil heute EINFACH NUR NAHRUNGSMITTELUNVERTRÄGLICHKEITEN GETESTET WERDEN SOLLEN – Jetzt werden Sie doch nicht gleich so aggressiv!, sagt die Sprechstundenschwester vorwurfsvoll, muss aber zugeben, dass ein EKG wirklich nicht vorgesehen war und sie es einfach reflexartig machen wollte – und einem Rundum-Blutbild (Wie, Sie haben keine familiäre Vorbelastung mit Diabetes? Das – und alles mögliche andere – wird trotzdem mitgetestet. Einfach, weil mein Sohn einmal da ist.). Als wir rauskommen, guckem mich alle, die inzwischen das Wartezimmer füllen, ganz komisch an. War ich wirklich SOOO laut?

Wir kommen eine Minute nach Neun in die Kita, das ist garnicht so schlecht. Draußen hängt ein Zettel, der vor einem besonders heftigen Magen-Darm-Infekt und Kopfläusen in der Gruppe meines Sohnen warnt. Den montags mitzubringenden frischen Schlafanzug haben wir mal wieder vergessen. Halb so schlimm.

Ich hetze zur Arbeit, eine Stunde zu spät. Es ist Planungssaison, das bedeutet: Viiiiiiiel zu tun. Sechs Stunden später stehe ich mit zittrigen Knien wieder auf und flitze zur Bahn zurück. Schnell noch Brot einkaufen, dann zur Kita. Auf dem Zettel an der Tür stehen jetzt zusätzlich Scharlach und Hand-Fuß-Mund. Wegen Hand-Fuß-Mund ist sämtliches Spielzeug aus dem Gruppenraum verbannt worden – so lange, bis zwei Wochen lang kein neuer Fall aufgetreten sein wird. Kuscheltiere dürfen auch nicht mehr mitgebracht werden. Mache mir (ganz unnötig, betont die Erzieherin, alles frisch bezogen) Sorgen, weil ausgerechnet mein Sohn seinen Mittagsschlaf auf der Matte hält, die tagsüber als Kuschelsofa für alle Kinder im Raum liegt. Werden sie uns in der Kinderarztpraxis noch behandeln, nachdem ich heute morgen so laut geworden bin? Schnell an was anderes denken. Schnell nach Hause.

Im Ranzen des Neunjährigen finden sich bei genauem Nachsehen ca. fünf zu unterschreibende Tests und Arbeiten, ca. sieben einzuheftende Arbeitsblätter und allerlei Hausaufgaben. Gefühlte 15 Din A4-Seiten Elternbriefe und Fördervereins-Infos aus Kita und Schule lege ich mir zum Lesen bereit. Irgendwas wichtiges steht meistens doch drin – versteckt zwischen all den Informationen, die ich eigentlich nicht brauche.

An diesem Abend habe ich noch Kraft zum Vorlesen. Und sogar dazu, mit dem hustenden Fünfjährigen (Den Kindern gehts gut, prima gesund, hatte ihr Vater mir bei der Übergabe zu erklären versucht, bevor ihn ein Hustenanfall des Fünfjährigen und das laute Schnauben des Neunjährigen ins Taschentuch unterbrachen – ) zu inhalieren. Hinterher merke ich, dass mein Hals zu kratzen anfängt. Schnell abwaschen. Sachen für Dienstag rauslegen. Zwei Rechnungen bezahlen. Mails beantworten. Schlafen.

Dienstagmorgen. Heute können wir gemeinsam losgehen. Irgendwie bin ich schon nicht mehr so schnell wie am Montag, das Frühstücksgeschirr bleibt auf dem Tisch, und der Neunjährige muss doch schon vorflitzen, um pünktlich in der Schule zu sein. Aber ich komme pünktlich zur Arbeit. Heute nur 20 neue Mails. Sechs Stunden später mache ich mit zittrigen Händen den Rechner aus, eigentlich müsste ich noch, eigentlich hätte ich heute – geht aber nicht, es ist Martingstag, ich muss zum Laternenumzug. In der Kita ein gemütliches Lagerfeuer im Sandkasten, Schmalzstullen und Glühwein (schnell einen trinken, dann überstehe ich das hier auch) werden angeboten, die Kinder – gruselig geschminkt und mit Umhängen ausstaffiert – führen einen wilden Hexentanz auf, dessen Zusammenhang zum  Martinstag mir ein bisschen unklar bleibt.

Der Neunjährige kommt dazu und hat wirklich daran gedacht, alles im Schließfach zu lassen, was er heute nicht zu Hause braucht. Ich hucke mir den ungewöhnlich leichten Ranzen auf, hänge unsere Fischlaternen an unsere funkelnagelneuen LED-Laternenstäbe (die gehen nie mehr kaputt, hat der Verkäufer mir versprochen), und gemeinsam mit einer Freundin und ihren beiden Jungs machen wir uns zur Martinsandacht in der Kirche auf, in der wie jedes Jahr ein paar engagierte Eltern zusammen mit dem Pfarrer die Geschichte vom geteilten Mantel nachspielen, während Dutzende ungeduldiger Kinder von Minute zu Minute lauter werden.

Dieses Mal sind so spät in der Kirche angekommen, dass wir keinen Sitzplatz mehr gefunden haben, was aber bedeutet, dass wir als erste aus der Kirche rauskommen und tatsächlich das Pferd sehen, das den Martinsumzug wie jedes Jahr anführt. Während der Laternenzug sich dreimal um den Block windet, gesellt sich eine dritte Mutter von zwei Jungs zu uns. (Warum wollen eigentlich nur Mütter von zwei Jungs mit anderen Müttern von zwei Jungs befreundet sein, frage ich mich, als Mädcheneltern mit strahlenden Töchtern und blinkenden rosa-Pferd-Laternen gemütlich an uns vorbeiziehen? – Aber ich kann darüber jetzt nicht nachdenken, es ist zu laut, die sechs Jungs versuchen, mit ihren Laternen die Laternen der anderen so anzustoßen, dass sie runterfallen, mindestens eine Laterne muss ständig aufgehoben, an den Leuchtstab gehängt, ausgebeult und wieder zum Leuchten gebracht werden, außerdem hat der Neunjährige angefangen, immer neue unanständig umgedichtete Versionen vom Laternenlied zu singen. Große Begeisterung bei den Kleineren.)

Als wir am Ziel ankommen, wird das Pferd schon wieder in seinen Transporter geladen. Wir Mütter schauen uns an und sind uns wortlos einig: den gemütlichen Ausklag des Martingsumzuges schenken wir uns. Ab nach Hause. Die erste biegt zu ihrem Auto ab, die zweite verabschieden wir an ihrer Haustür. Dann sind nur noch wir in der Dunkelheit unterwegs, wir und unsere beiden ziemlich verbeulten Fischlaternen.

Ach Mama, sagt der Neunjährige zu Hause ganz beiläufig, kannst du mir nachher was über die Zahl Pi ausdrucken? Ich muss im Mathe-Extrakurs morgen einen kleinen Vortrag dazu halten… Wie praktisch, dass das Frühstücksgeschirr noch auf dem Tisch steht. Da können wir ja gleich Abendbrot essen. Während ich den Fünfjährigen ins Bett bringe, merke ich, dass meine Halsschmerzen schlimmer werden. Der Neunjährige bringt seinen Ranzen in Ordnung – keine neuen Tests! keine neuen Elternbriefe! – und dann suchen wir am Rechner nach “Pi einfach erklärt”. Dass alle großen Flüsse dieser Erde eine tatsächliche Länge von ungefähr dem Pi-fachen der Luftlinie zwischen Quelle und Mündung haben, wusste ich auch noch nicht.

Das sind zwei absolut durchschnittliche Tage. Das alles bewegt sich im ganz normalen Rahmen des Lebens mit einem Schulkind, einem Kita-Kind und einem Beruf. Trotzdem bin ich völlig fertig. Durchhalten, rede ich mir gut zu, krankwerden geht jetzt einfach nicht, zu viel Arbeit auf Arbeit! Durchhalten, sage ich mir, und schleunigst bei der Ärztin nach meiner alljährlichen Vitamin-B-Stpritzenkur fragen, die mich im Herbst immer für drei Monate so schön fit macht.

Aber am liebsten möchte ich mir von dem Zeugs jetzt sofort eine Dauerinfusion legen lassen.

25 Jahre

Meine Erinnerungen an die Wende und den Fall der Berliner Mauer sind grobkörnige Fernsehbilder, schwarz-weiß, die echten Erinnerungen überlagert von späteren Widerholungssendungen. Die Menschen da in Leipzig bei den Montagsdemos, oder die, die da in Berlin auf der Mauer tanzten… das war ganz schön weit weg. Unwirklich. Etwas, das mir passierte, wurde die Wende erst später: Mit den wenigen Demos, zu denen ich dann – als es ungefährlich war – mitgehen durfte. Mit der bunten H-Milch im Regal, der Staatsbürgerkunde-Lehrerin, die sicherheitshalber ein paar Monate lang nur noch Sexualkunde unterrichtete, bis sie ihre Blitzumschulung zum Fach Gesellschaftskunde abgeschlossen hatte; mit dem ersten Ausflug nach Kassel, den Karottenhosen, für die ich mein “Begrüßungsgeld” ausgab und dem Staunen vor den riesigen, bunten, herrlichen Regalen in einer Kasseler Buchhandlung. Mit dem Besuch meiner Klassenlehrerin, die mit der guten Nachricht kam, dass ich nun auch als Pfarrerstochter würde Abitur machen dürfen. Mit der ersten Reise nach Ungarn, den lauen Abenden an der Donau und dem herrlichen Duft der Pfirsiche auf den Märkten.

Nein, wir waren keine Familie von Visionären, die den Fall der Mauer herbeigesehnt oder von Rebellen, die ihn herbeigeführt hätten. In unserer Familie wird die Gabe weitergegeben, sich in die Umstände zu fügen, die wir vorfinden. Die Wende kam deshalb für mich nicht nur unerwartet, sondern von irgendwo weit, weit außerhalb der Gesamtmenge der Möglichkeiten, die ich für mein Leben in Betracht gezogen habe, damals; als seltsames Wunder.

Heute – und nicht nur heute (denn ich halte viel von Familien-Sagas, von einem Geschichtenschatz, aus dem die Kinder sich Antworten auf die Frage heraussuchen könnnen, woher sie kommen) – erzähle ich meinen Söhnen davon. Euch, sage ich, hätte es garnicht gegeben ohne die Wende. Euer Vater und ich wären uns nämlich nicht begegnet. Wir rechnen aus, dass meine Kinder halb-schlesisch, viertel-fränkisch und viertel-thüringisch sind – und dann noch Berliner, sagt der Fünfjährige. Klar! Ganze Berliner noch dazu.

Zum Gedenktag des Mauerfalls wollen wir natürlich die Lichtergrenze sehen, ein kleines Stückchen der 15 Kilometer, auf denen – so haben sich das zwei findige Künstler ausgedacht – in kurzen Abständen leuchtende Heliumballons auf schlanken Stängeln den Verlauf der Mauer von der Bornholmer Brücke im Norden Berlins bis zur Oberbaumbrücke in Kreuzberg nachstellen und dann als Symbol der Maueröffnung aufsteigen sollen. Weil der Fünfjährige so gerne ein echtes Stück Mauer sehen möchte, gehen wir zur East Side Gallery. Da ist die lange Reihe leuchtender Tropfen in der Dunkelheit! Schön sieht das aus. “Ballonpaten” in roten Windjacken mit Sponsorenlogos drauf hängen runde Zettel mit ihren Botschaften an die Ballons oder treten frierend von einem Bein aufs andere. Ein Bläserchor spielt einen Choral, ein Straßenmusiker klampft über seine Gitarrenseiten, noch ein Stück weiter gibt es laute Elektro-Beats. Guckt, sage ich zu meinein Kindern, da ist die Mauer! Bloß die Bilder gab es zu DDR-Zeiten nicht, da war die Mauer grau, und es standen Soldaten davor. Andächtig legt der Fünfjährige seine Hand auf den bunten Beton. Und dann gehen wir an den bunten Mauerstücken entlang in Richtung Oberbaumbrücke. Um uns herum ein dichtes Gewimmel, überwiegend junge Leute, die in vielen Sprachen durcheinanderreden, ihre Smartfons zücken, sich selbst, ihre Freunde, die Mauer, die leuchtenden Ballons und unbeteiligte Passanten fotografieren und wahrscheinlich sämtliche sozialen Netzwerke mit ziemlich gleich aussehenden Fotos fluten.

Auf einer riesigen Leinwand werden – noch einmal, einmal mehr – die Filmaufnahmen vom 9. November 1989 gezeigt. Schaut hin, sage ich zu meinen Kindern, so war das, so sah der Fall der Mauer aus, das da ist heute vor 25 Jahren passiert! Mama, sagt der Fünfjährige, da hat eine Frau einen Grenzpolizisten geküsst! Ja, sage ich, so sehr haben die Menschen sich gefreut. Genau wie damals, als es echt war, stehen mir Tränen in den Augen.

Weiter vorne, zur Oberbaumbrücke hin, drängen sich die Menschen so dicht, dass wir nicht mehr weiterkommen. Und immer mehr Leute strömen zur Brücke. Zwei verschnupfte Kinder an einem kalten Abend in einer undurchdringlichen Menschenmenge – und dann noch eine Stunde auf den Aufstieg der Ballons warten? Das schaffe ich nicht. Auf nach Hause! Zum Trost für die Kinder löst einer der Ballons sich plötzlich viel zu früh von seiner Halterung, steigt auf, wird vom Wind abgetrieben, immer höher, immer weiter.

Die restlichen sehen wir dann zu Hause im Fernsehen. Auch schön. Und wie das mit historischen Ereignissen so ist: Die Kinder kommen viel zu spät ins Bett. Und der Abwasch bleibt stehen. Aber wir waren dabei. Ein bisschen (wieder mal).

Entschleunigen

Zum dritten Mal fahren wir in den Herbstferien in ein Feriendorf in der Uckermark. “Unser” Häuschen nehmen wir in Besitz, als ob wir hier zu Hause sind und nur mal eben verreist waren – stellen den Kühlschrank an, legen unsere Sachen in die selben Schubladen wie im letzten Jahr, packen die Kekse wieder nach oben auf den Schrank, kümmern uns darum, dass die kaputte Abdeckung vom Herd gerichtet wird, holen den Techniker, weil die Tür nicht mehr von innen abschließbar ist – dabei ist noch ein letzter Rest von der Wärme in den Räumen, die die Leute vor uns hinterlassen haben, die nur Stunden vor unserer Ankunft abgereist sind.

Ach, Sie sind auch mal wieder da!, begrüßt uns am Abend die Frau, die das Buffet betreut. Ja, wir fallen hier auf und werden deshalb wiedererkannt: Zwei Frauen mit zwei Kindern – und dann auch noch ohne Auto, dafür aber mit einem Trolley voller Lebensmittel, weil wir mittags nicht im Speisesaal mit den Gruppen und den anderen Familien essen, sondern selbst kochen.

Was ist es, was ich an diesem Waldurlaub so mag, dass ich lieber wieder hierherkommen möchte (aber keinesfalls in ein anderes als “unser” Häuschen), als irgendetwas neues auszuprobieren, irgendetwas aufregendes, irgendwas, was weniger umständlich ist? Warum tut es mir und meinen Kindern und der Besuchsfreundin gut, im Urlaub diesen vertrauten Ort aufzusuchen, über den wir schon so viel wissen – wo die besten Marönchenstellen sind, dass Billiardspielen sich nicht lohnt, weil die Queues immer an die Wände des zu kleinen Raumes stoßen, in dem der Billiardtisch steht, dass man nach dem  Abendessen im Speisesaal den Tisch abwischt, auf welcher der vier Elektroplatten im Häuschen die Pfanne am schnellsten heiß wird, dass es unter den Birken auf dem Gelände manchmal Birkenpilze gibt – und viel Zeit damit verbringen, Dinge zu wiederholen, die wir im letzten Jahr gern getan haben?

Vor allem – und vor allem: für mich – ist das alles Entlastung. Das, was ich schon kenne, und nicht neu entdecken muss. Die kurzen Wege, alle zu Fuß. Der schlechte Handy-Empfang, hinter dem ich mich verstecken kann, wenn ich keine Lust auf Kontakt zur Außenwelt habe. Die winzige Küche, in der das Kochen Spaß macht und nicht Stress. Die wenigen Dinge, die aufzuräumen nur eine Viertelstunde am Morgen in Anspruch nimmt. Ein klitzekleiner Alltag – überschaubar, zu bewältigen, frei von komplexen Entscheidungen. Beim Frühstück esse ich Marmelade-Schokolade-Brötchen und trinke Kaffee dazu. Die Kinder meckern, wir gehen trotzdem in den Wald. Wir sammeln Pilze und Beeren. Wir spielen Federball und Tischtennis; wir leihen Minigolfschläger aus, wir spielen am Tisch (“Ligretto” und “Phase 10″ in diesem Jahr), wir kickern, es gibt Griesbrei mit Waldbeeren oder Nudeln mit Pesto und frischen Pilzen, mittags lese ich eine Stunde, dann gibt es Kaffee, und abends muss abwechselnd immer eins der Kinder unter die Dusche.

Und es wird uns nicht langweilig. Jedesmal, wenn wir abreisen, wollen wir wiederkommen. Beim nächsten Mal aber ganz bestimmt Zeit zum Briefeschreiben haben. Dann endlich auch mal eine richtige lange Wanderung machen. Und unbedingt in der Stadt in die Therme gehen.

Oder wir machen einfach dieselben Sachen wie in diesem Jahr.

Gesehen, gelesen, gehört… Im September und Oktober

Neue Postkarte für schlechte Tage: “Lächle und geh weiter. Du kannst sie nicht alle umbringen.”

“The Stone Diaries” von Carol Shields – wieder so eine lesenswerte Kanadierin, oder jedenfalls Autorin, die lange Zeit in Kanada lebte und schrieb. In diesem Roman erzählt sie ein Frauenleben, ein ziemlich gewöhnliches, etappenweise von der Geburt 1905 bis zum Tod ungefähr Ende der 80er Jahre. Ein ganzes Leben mit seinen großen Themen, mit guten und schlechten Zeiten und mit seinem Ende so vor Augen geführt zu bekommen, stellt viele Fragen in den Raum: Was macht ein Leben aus? Wann ist es ein gutes Leben? Und: Was bleibt? – Es lohnt, nachzudenken. Und dieses Buch zu lesen.

Die Bauanleitung zum Hochbett “Frieda”. Erst Teil Z6 in Teile A, C, F, G, H, I und J stecken. Teil Z18 kommt natürlich zu Teil K. Und dann werden die Kopfteile mit Z1, Z4 und Z5 an den Seitenteilen befestigt. Alles klar? Was als kleines zwei-Stunden-Projekt gedacht war – “Kinder, heute bauen wir das neue Hochbett auf” – endete als Wochenaufgabe, an der mehrere Freunde mithelfen mussten. Aber jetzt ist es eingeweiht, das schöne neue Möbel.

Eine feine, kleine Ausstellung: “Wedding – Kunst pur 2014!” im Rathaus Wedding (noch bis 1. November). Eine bunte, spannende Zusammenstellung von Fotos, Bildern und Skulpturen mit “irgendwie wedding-typischen” und ganz überraschenden Kunstwerken: Susanne hat Glasobjekte zum Thema “Fliegen” beigesteuert; ein großer Kreis aus Salz mit einem Hocker mittendrin lässt die Besucher zwischen ihrem Wunsch, den Kreis zu betreten und sich auf den Hocker zu setzen und ihrem Respekt für das Kunstwerk schwanken; und zwei riesige Wandbehänge – meine Lieblingsstücke dieser Ausstellung – zeigen ganz unterschiedliche Frauenbilder, die von dem sie umgebenden Patchwork aus textilen Aufschriften kommentiert werden. Ganz sehenswert!

Stefan Moster: “Die Frau des Botschafters” – eine Besprechung hatte mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht – auf die Fremdheit, die die Frau des fiktiven deutschen Botschafters in Finnland empfindet, und auf ihre abenteuerliche Reise, die sie unternimmt, um ihrem erblindenden Sohn das Licht des Nordens zu zeigen. Ich bin nicht sicher, warum ich so recht nicht in der Geschichte angekommen bin, obwohl der Umgang des Autors mit der Sprache mir sehr gut gefallen hat: Lag es daran, dass mit – so habe ich es empfunden – viel Distanz zu den Figuren und ihren Gefühlen erzählt wird? Dass ich mir ein Botschaftergattinnenleben so garnicht vorstellen kann? Oder daran, dass der Roman viele große Themen berührt, ohne sie breiter auszuführen?

Amélie Nothomb war mir bisher nur dem Namen nach vertraut. Jetzt fiel mir ihre “Biografie des Hungers” in die Hände. Wie genau sich die Autorin die Gefühlswelt des Kindes und der Jugendlichen vergegenwärtigt, die sie erzählen lässt, hat mich erstaunt. Und ein wenig erschreckt.

Und mehr von meiner aktuellen Lieblingsautorin Scarlett Thomas: “Troposphäre”. Stell Dir ein Computerspiel vor, dessen Programmcode es erlaubt, dass die Figuren sich entwickeln und – zufällig – Bewusstsein entsteht. Woraus wären ihre Gedanken? Aus den gleichen Nullen und Einsen, aus denen auch das Computerprogramm besteht, in dem sie sich bewegen. Und was wäre, wenn einige von Ihnen in der Sprache zu denken fähig wären, in der ihr Spiel programmiert wurde? – Was ist Bewusstsein, woraus besteht es, und: was wäre, wenn wir in das Bewusstsein anderer Menschen hineinsehen könnten? Um diese Fragen geht es in Scarlett Thomas`Roman. Da ich ihre Art, wissenschaftliche Erkenntnisse und philosophische Gedanken, übersinnliche Phänomene und “greifbare” Figuren zusammenzuspinnen, mag, folge ich ihr gern auch in die Troposphäre. Und schaue hinterher irgendwie anders auf die Welt. Woraus bestehen Bäume, Häuser – und Gedanken? Aus Elektronen und Quarks? Oder?

Zwischenstand (ins Unreine): Herbst

Blättergeruch in den Straßen, den mag ich. Pappellaub riecht am besten, auch wenn der Berlin-übliche Eiche-Ahorn-Mix und die braunen Lindenblätter auch nicht schlecht abschneiden. Die Farben sind schön: braun und gelb, rot und orange und rosa, überall. Graue Wolken, Nieselregen, zwischendurch die Sonnenwärme vom letzten Wochenende.

Für unsere alte Blätterlaterne (wenn man sie mit der kaputten Seite zum Fenster dreht, sieht sie immer noch schön aus) haben wir ein neues Päckchen Teelichte gekauft. Im Kalender Termine für Plätzchenbacken und Geschenkebasteln.

Im Kopf Erinnerungen an den Sommer, in dem ich so viel in Brandenburg unterwegs war: an ein verzaubertes Regenpicknick auf einem Hochsitz, an die Sonnenwärme beim Paddeln auf der Spree, den prächtigen Stock Hallimasch am Bootshaus in Bredereiche und die herrlichen Schirmpilze, die wir später im zum Beutel umfunktionierten Schal nach Hause getragen haben; an den Blick über den Neuruppiner See, an das Geschnatter der Wildgänse, die über dem Oberuckersee Züge für den Flug nach Süden bilden, und an die Kälte des Wassers, in dem wir natürlich nochmal herumwaten mussten.

Und die Ausflugszeit ist noch nicht ganz vorbei. Im Zimmer des Fünfjährigen stapeln sich die Winterjacken, die Gummistiefel, warme Pullover, Mützen, Handschuhe, Spiele, Bücher, Zeckenschutzmittel, eine riesige Tasche voller Medikamente (nur für den Fall), drei Beeren-Sammel-Eimerchen (nur für den Fall) und allerlei Lebensmittel – zusammen mit einer Liste, auf der steht, was ich noch alles kaufen muss, damit wir in der Uckermark sieben Tage ohne Auto überleben können und zusammen mit dem (recht komplexen) Plan, wie wir an einem der Tage die Therme in der nächstgelegenen Stadt besuchen können. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Slogen des Berlin-Brandenburgischen Verkehrsverbundes -  “Alles ist erreichbar” – hat mich bei der stundenlangen Recherche nach Rufbussen und der Mühe, einander widersprechende Fahrplanauskünfte zu verstehen, mit der Zeit ziemlich erheitert.

In ein paar Tagen sind wir in “unserem” Waldhäuschen. Hurra!

Das Balkongartentagebuch: Wintervorbereitungen

Diese Woche ist so ruhig wie lange keine mehr. Meine Besuchsfreundin ist abgereist, die Hälfte meines Freundeskreises schon wieder auf irgendeiner herbstlichen Urlaubsreise, meine Kinder sind bei ihrem Vater und ausnahmsweise so gesund, dass ich nicht für einander überlappende Arztbesuche gebraucht werde.

Eine Rückzugswoche. Wintersachen vorkramen, zu klein gewordene Kleidung der Kinder aussortieren. Endlich die letzten Handgriffe am neuen Hochbett machen – und endlich rundherum aufräumen. Das nächste Physiotherapierezept für den Neunjährigen abholen (ganz ohne Ärzte geht es eben doch nicht) und allerlei dringende Anrufe erledigen. Die Herbstlaterne ins Fenster stellen. Und an einem dieser herrlich warmen Nachmittage habe ich Zeit für den Balkon.

Traurig nehme ich Abschied von der Paprikapflanze, bevor ich sie in kleine Stücke zerlege. Viele Früchte hat sie getragen – die letzte, daumenkuppengroß, mache ich noch ab. Auch die Lilien sind schon vertrocknet, aber die werden ja wiederkommen. Vom Basilikum schneide ich die Blütenstände ab und stelle ihn in die Küche – ob er wohl neue Blätter treibt? Allerlei Samen, die ich in den letzten Wochen schon geernetet habe, sind getrocknet und kommen jetzt in Tütchen und Streichholzschachteln: Lila Prunkbohnen und winzige Rucolakörnchen, eingeschrumpelte Kapuzinerkressefrüchte und sogar Samenstände vom Asiasalat und von der roten Melde. Die Ringelblume, die das halbe Frühjahr im Schatten der Kartoffel verbringen musste, ist gerade erst aufgeblüht – aber ich bin ja neulich beim Wandern an einer Ringelblumenrabatte vorbeigekommen, an der es schon Samen gab…

Heute ist auch der richtige Tag, um nochmal auszusäen, denn aus der Winterkiste möchte ich im Frühjahr Rapünzchen ernten. Dafür klappt das mit dem Wintergemüse vielleicht doch nicht – ein spätes Kohlweißlingsgelege hat meine Rosenkohlstaude quasi über Nacht in das vegane Äquivalent eines Schweizer Käses verwandelt.

Und dann sitze ich in der Dämmerung mit meinem Abendessen draußen, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Um mich herum blüht es noch, in allen Mädchenfarben dieser Erde: gelbe und orange Ringelblumen und Kapuzinerkressen, rosa und lila Millionbells, rote Geranien und dunkellila Petunien. Das erste Herbstlaub im Hinterhof passt dazu, genau wie die Herde rosafarbener Abendwolken, die am Himmel weidet.

S-Bahnen fahren vorbei, Glocken läuten zum 25. Jahrestag der großen Montagsdemonstration in Leipzig, irgendwo da draußen gibt es andere Menschen und Cafés und Musik und Schwimmhallen und Kinofilme… aber hier ist alles still und einsam. Eine Einsiedlerwoche. Manchmal ist das richtig schön.