Frühling

Die Silhouetten der kahlen Bäume verändern sich. Ein ganzes endloses Meeting lang schaue ich aus einem Fenster; hinten rauscht der Verkehr auf der Autobahn vorbei; vorne schaukeln die Platanenfrüchte vom letzten Jahr an den Zweigen, an denen neue, dicke Knospen sitzen.

In der Mittagspause blinzele ich auf einer Bank in die Sonne, verbrenne mir den Gaumen am heißen Kaffee und schmiede Ausflugspläne.

Zu Hause geht mir beim Anstreichen der verwitterten Balkondielen die Holzschutzlasur aus; als ich neue besorgt habe, ist es zum Weiterarbeiten wieder zu kalt. Gegenüber von meinem Bett richten sich Stapel aus leeren Blumentöpfen und Kisten mit alter Erde auf längeren Aufenthalt ein. Im Flur steht ein schweres Paket mit Humus der Firma “Superworm”, das mir die neuen Nachbarn, die es netterweise entgegengenommen haben, mit spitzen Fingern ausgehändigt haben.

Auch im Wohnzimmer beginnt ein Stapel zu wachsen – Dinge, die ich auf meine kleine, kleine Pilgerreise – aus den gewünschten drei Wochen ist eine geworden, aus der geplanten Wanderschaft in Portugal eine vor der Haustür; nicht so schlimm, der Jakobsweg ist ja eigentlich überall – mitnehmen werde. Ein brandneuer Wanderrucksack steht da, schaukelt erwartungsvoll mit allerlei Schnallen und Riemen und belächelt hochmütig meinen uralten Schlafsack, der fast 30 Liter von den 38, die der Rucksack fassen kann, ausfüllen wird. Neben den Pilgerausweisen die Tüten, in denen ich meine Füße vor der Nässe verregneter Tage schützen will. Pilgerausweise, eine Wanderkarte. Der rechte Wanderschuh kommt vom Weiten zurück, vielleicht macht er mir beim nächsten Probewandern ja endlich keine Blasen mehr.

Mit dem Zehnjährigen klicke ich mich am Abend durch Hörbeispiele zu Gembri, Kürbisgeige, Sitar, Steeldrum und allerlei anderen Instrumenten aus der weiten Welt, die er für seinen Musiktest kennen muss. “Yesterday”, gespielt von einem Balalaika-Orchester, oh, diese Melodie musst du kennen, das hören wir noch schnell, dann ist Schluss, viel zu spät.

Der Sechsjährige beginnt seinen Schwimmkurs, der Trainer im Neoprenanzug sieht aus wie Superman persönlich, die Kinder haben Spaß. Als wir hinterher nach Hause kommen, hat der Zehnjährige schon Abendessen gemacht, sogar mit dem völlig falschen Messer Scheiben und Stücke vom Brot abgeschnitten. Mir wird nachträglich flau im Magen, und ich schärfe ihm ein, wo die Heftpflaster liegen und bei wem er klingeln soll, falls er sich mal richtig schlimm schneidet.

Nach dem Essen gucken wir eine der neuen Folgen von “Rennschwein Rudi Rüssel”. Noch eine, bettelt der Sechsjährige, bittebitte! Hinterher lasse ich mich ohne Meckern duschen, versprochen!

Morgens ist es schon hell, wenn ich aufstehe. Ich stelle meinen Lieblingsradiosender ein und schneide Apelspalten für die Frühstücksdosen der Kinder. Später, in der S-Bahn, ziehe ich “Geht alles garnicht” aus der Tasche, ein Buch, untertitelt mit “Warum wir Liebe, Karriere und Kinder nicht vereinbaren können”, in dem zwei Journalisten vom Alltag überforderter Väter berichten.

Oft, sooo oft bin ich genau so gestresst, müde und erschöpft, wie die beiden es beschreiben. Aber gerade heute, an diesem Tag mit blauem Frühlingshimmel, ist mein Leben gut – so wie es ist.

(Jedenfalls, bis am Nachmittag auf meiner S-Bahn-Linie ein Polizeieinsatz stattfindet und ich verspätet zur Kita komme, bei der ausgerechnet heute der Zehnjährige schon wartet. Jedenfalls bis ich mein Versprechen einlöse, den Kindern Nudeln zu kochen, und aus dem einen oder anderen Grund nach dem Abendessen der Abwasch stehenbleibt. Jedenfalls, bis ich nach zehn am Abend endlich dazu komme, die Schwimmtasche für morgen zu packen und das Sportzeug des Zehnjährigen durchzusehen und den Freunden hinterherzutelefonieren, mit denen wir am Wochenende verabredet sind, so halb. Jedenfalls, bis ich den Elternbrief lese, in dem die Schule Eltern, die beim Frühjahrsputz (Freitag ab 13 Uhr) nicht mitmachen, Desinteresse an der schulischen Laufbahn ihrer Kinder unterstellt. Samstag wird in der Schule auch noch gemalert oder alternativ in der Kita der Garten gestaltet, man bittet um rege Teilnahme. Und schon schlägt alles über mir zusammen. Noch schnell bloggen oder ein paar Pullis fürs Büro bügeln? Noch mit der Besuchsfreundin telefonieren oder endlich mal eine Mail beantworten? Rechtzeitig schlafengehen oder noch die Blumen gießen? Am Wochenende Freunde vernachlässigen oder wieder nicht zum Ausruhen kommen? – Doch, ich verstehe die überforderten Väter, ich habe ihr Buch nicht ohne Grund in der Tasche. Zeit. Ich hätte gerne sooo viel mehr Zeit.)

Ferienfahrt mit Niklas

Unsere Osterferienreise habe ich an einem warmen, sonnigen Wintertag geplant.
Zwei Tage bei Köln – wir können den Dom besuchen und im Siebengebirge wandern, sagte meine Freundin, die Patchworkmama, am Telefon.
Und in Kassel wollten wir danach auch noch Station machen.

Frohgemut machten wir uns auf den Weg – in den Urlaub mit dem meisten und schlechtesten Wetter, den wir je erlebt haben.

Zum Glück setzte der Hagel erst ein, als wir aus der offenen und zugigen Spitze des Turms vom Kölner Dom gerade wieder herausgeklettert waren. Zum Glück wehte der Wind niemanden in den Rhein, als wir dort flache Steine über das Wasser flitscherten. Zum Glück fiel keiner der Bäume neben dem Spielplatz uns auf den Kopf, als wir die Kinder ein paar Minuten toben ließen.

An Wanderungen jeder Art war nicht zu denken. Indoorspielplatz, stattdessen.
Über Nacht kippte der Sturm das Spielhäuschen im kleinen Garten unserer Freunde auf den Zaun zum Nachbarn, stellte den Terassentisch senkrecht an die Wand und traumatisierte nachhaltig das weiße Kaninchen der Kinder.
Während die insgesamt sechs Kinder durchs Haus tobten und innen Chaos und Verwüstung hinterließen, knickte draußen der Sturm Bäume auf die Bahnlinien, auf denen wir doch am nächsten Morgen weiterreisen wollten.

Kassel erreichten wir dann doch. Kaum waren wir angekommen, setzte anhaltender Schneefall ein. Wo ist unser Schlitten, wir wollen rodeln!, jauchzte die Urgroßcousine meiner Söhne. Mama, jammerte der Sechsjährige bei unserem tapferen Versuch, bei Matsch und Schnee in Kassels berühmtem Bergpark wenigsens spazierenzugehen, schon nach wenigen Schritten: Mama, der Weg ist in meinem Schuh drin!

Also Indoorprogramm, auch hier. Der Zehnjährige durfte mit seiner Urgroßcousine im Naturkundemuseum die Dinosaurier füttern (eine tolle Ausstellung!), der magenkranke Sechsjährige derweil bei Verwandten auf dem Sofa einen Genesungsschlaf halten.

Jetzt sind wir zurück.
Über Berlin strahlt die Sonne.

Wir haben in den letzten Tagen sehr, sehr viele Gesellschaftsspiele gespielt. Wir haben eher wenig frische Luft bekommen. Wir haben viele, viele Kilometer mit der Bahn zurückgelegt, die erstaunlich schnell ihre Strecken wieder betriebsbereit hatte und mich mit guter, freundlicher Beratung zu alternativen Verbindungen überrascht hat. Wir haben uns Freunden und Verwandten zugemutet – ohne eigenes Auto, dafür aber mitsamt der Zappeligkeit und Ruppigkeit des Zehnjährigen und mitsamt den absonderlichen Essgewohnheiten des Sechsjärhigen – die wir vorher noch nie besucht haben. Ich habe zwei andere Modelle von Familienleben erlebt, beide weit weg von der klassischen Papa-Mama-Kind-Variante.

Und das war anregend.

Ich komme zurück und möchte sofort ein riesiges Um-die-Ecke-Sofa haben, weil da bei der Patchworkmama immer alle so gern gekuschelt haben. Ich komme zurück und werde von nun an am Wochenende vielleicht öfter mal abends kochen, weil ich erlebt habe, dass es schön ist (und niemanden stört), wenn der Tag nicht von der Zubereitung eines Mittagessens zerhackt wird. Ich komme zurück und nehme mir vor, meine Kinder vieles selbständiger machen zu lassen, weil meine Freundin das tut und es so schafft, trotz der zweitweise vier Kinder in ihrem Haushalt auch selbst manchmal auf ihrem herrlichen Sofa zu sitzen.

Und ich werde technisch aufrüsten. Es ist so weit, tatatata….. Ich komme zurück mit dem Vorsatz, nie wieder ohne eigenes Smartphone Abenteuerreisen zu unternehmen. Nie wieder ohne universelle Informationsmöglichkeiten in der Handtasche irgendwo auf dem Land in einen Sturm zu geraten.

Kunstspaziergang

Es war einmal, im tiefen Wedding, wo die Leute nicht so gerne wohnen mögen und die Nächte kalt und grau und finster sind… Da fand sich – vor vielen Jahren schon – eine freundliche Wohnungsbaugenossenschaft, die Künstlern Räume zum Nebenkostenpreis zur Verfügung stellte.
Und an jedem letzten Freitag im Monat darf man durch das Viertel laufen und ein paar dieser Kunsträume ansehen.

Der geführte Spaziergang beginnt in der “Kegelbahn”, einem gemütlichen Raucherlokal mit echtem Kaminfeuer und Ölbildern und Drucken an der Wand, die mir sofort gut gefallen. Die Künstlerin ist anwesend und erzählt ein wenig von ihrer Arbeit.
Sie ist ganz jung (ich habe sie mir fünfzehn Jahre älter vorgestellt, als ich ihr Gemälde auf dem Ausstellungsflyer gesehen habe, sagt der liebste Freund), die meisten Teilnehmer am Kunstspaziergang sind das auch. Vom Treffpunkt aus ziehen wir jetzt durch die Ateliers und “Projekträume”. Eine russische Malerin hat die Abendstimmung auf der winterlichen Straße Unter den Linden so schön eingefangen, dass ich sicher bin, dass die Rücklichter der Autos und die Lichterketten in den Bäumen leuchten würden, wenn im Atelier das Licht ausginge. Schmälert es meine Bewunderung für ihre Bilder, dass man ihnen ansieht, dass sie zumeist von Fotos abgemalt sind? Ein wenig.
Eine serbische Künstlerin präsentiert Monotypien, ihre Technik bleibt trotz ihrer bereitwilligen Erklärungen in gebrochenem Englisch geheimnisvoll. Der Galerieinhaber lädt breit lächelnd zur Balkan-Party ab Mitternacht ein. Hier ist es, denke ich, das junge, wilde, lebendige, Berlin, ach! Nur müde darf man nicht sein, um es zu erleben, jedenfalls nicht nachts.

Ein anderer Raum zeigt Videoanimationen, die sich künstlerisch mit Molekularbiologie auseinandersetzen. Wir bekommen 3D-Brillen und sehen riesige wabernde Kugeln durch den Raum auf uns zuschweben. Es geht hier auch um String-Theorie, sagt der junge Mann, der das Projekt ein wenig erklärt, darum, wie die Dimensionen ineinandergefaltet sind. Und solange ich ihm zuhöre und mit meiner rot-blauen Brille auf den Bildschirm starre, auf dem ein Liniengitter sich wellt, leuchtet mir das auch ein, eine gefaltete Linie wird flächig, eine gefaltete Fläche wird 3-dimensional, gefalteter Raum wird zur Raumzeit – meinetwegen. Nur wie man einen Punkt falten soll, um eine erste Dimension zu bekommen, versteht mein armes 3D-Hirn nicht.

Draußen, auf der Straße, versuche ich, ein paar Blicke in die Wohnungen zu werfen, an deren Fenstern wir vorübergehen. Da – ein Zimmer mit einem Kronleuchter aus ganz viel funkelndem Kristall-Imitat und mit vielen pastellfarbigen Schmetterlingen an der Wand. Und da – ein ganz kahler Raum, in dem ein Mann still am Fenster sitzt.

Dass die Kunsträume eigentlich auch kleine Wohnungen sind, verleiht ihnen etwas äußerst Gemütliches. Fast überall gibt es eine Küche, steht Essen auf einem Tisch, sitzen Künstler mit ihren Freunden zusammen. Besonders klein ist der Raum, in dem die Performance “Licht trifft Klang” gezeigt werden soll. Gerade hier ist es rappelvoll, der liebste Freund und ich flüchten nach draußen, bevor ich mich – macht es Euch doch bitte gemütlich, das dauert jetzt eine Weile, so lange stehen geht ja nicht – ganz hinten in der Ecke eingequetscht auf eine Decke niederlassen muss. Hinter uns gehen die Jalousien runter, ein paar enttäuschte Performance-Fans kommen zu spät und werden dann doch noch über den Hausflur eingelassen.

Weil wir nicht von außen zusehen können und auch nicht im Nieselregen abwarten wollen, bis Licht und Klang sich kennengelernt haben, schauen wir uns auf eigene Faust noch zwei Gruppenausstellungen an, die auf der heutigen Spaziergangsroute liegen.
Die erste, tief in einem finsteren Hinterhof, übersehen wir fast, weil die Räume so kahl sind und draußen nur “Prayer-Workshop” dransteht (vorne an der Toreinfahrt war ja auch ein Schild der neuapostolischen Kirche, hätte ja sein können – ). Einer der Künstler hat Holzklötzchen schwarz-weiß angestrichen und dann ein Bild von ihnen gemalt, beides zusammen steht da nun. Ein anderer zeigt unter dem Titel “Horror vacui” die Reservierungsbestätigung einer Pension für eine Buchung in 2025. Wieder ein anderer hat sich darauf spezialisiert, gedrechselte Holzstäbe in die Tüllen von Gießkannen oder die Öffnungen von Sonnenschirmständern zu stecken. Diese Ausstellung macht mich ratlos, besteht denn diese Art von Kunst vor allem darin, dass da ein Künstler sich selbst und seine Ideen so ernst nimmt, dass er es schafft, Ausstellungsmacher und -publikum davon zu überzeugen, dass sie tiefe Bedeutung besitzen? Beweisen meine Irritation – und mein Lachen beim Lesen der Buchungsbestätigung – dass die Künster Recht hatten, dass gelungen ist, was sie beabsichtigt haben?

Die letzte Ausstellung zeigt Kunstwerke von vier Frauen. Eine hat Nasen aus schwarzem Glas gemacht und sie zu hohen Stapeln aufgetürmt oder einzeln in Eierbecher drapiert; eine hat verschiedene Objekte in weiß und orange zusammengestellt; gegenüber hängen viele Fotos von einem Rasen, die nach rechts hin immer grüner werden (ist das eine optimistische Aussage, weil unsere kulturelle Lesrichtung von links nach recht verläuft?) – und im hinteren Raum zeigt ein Bildschirm das Bild einer riesigen Clivia.
In diese Ausstellung, sagt der liebste Freund, wäre ich gern gekommen, ohne zu wissen, dass diese Kunstwerke alle von Frauen sind. Ob ich es erraten hätte? In diese Ausstellung, sage ich, würde ich gern in einem (mal eben aus einer Raum-Zeit gefalteten) Paralleluniverum nochmal in der Überzeugung kommen, dass alle diese Kunstwerke von Männern stammen. Und dann vergleichen: Hätte ich sie anders interpretiert?

Mit Bildern, Gedanken und Fragen im Kopf machen wir uns auf den Weg in Richtung Straßenbahn. Vor uns laufen junge Menschen, die Jungs in hautengen Hosen und unförmigen Pelzmänteln, die Mädchen in hautengen Hosen und unförmigen Wolljacken und mit um den Kopf geflochtenen Haaren; ich möchte garnicht fünfzehn Jahre jünger sein, sage ich.

Wir steigen in die Bahn. Ich schließe die Augen und lehne meinen Kopf müde an die Schulter des liebsten Freundes. In dem einen Atelier fängt vielleicht gerade jetzt diese Balkan-Party an, laut und ausschweifend; in dem anderen ist vielleicht gerade jetzt die Klang-trifft-Licht-Performance zu Ende und die beeindruckten Zuschauer schnappen nach frischer Luft; überall hier im Wedding wachsen in den Köpfen von jungen Künstlern und Künstlerinnen gerade jetzt neue Ideen, still und unaufhaltsam wie Haare oder Fingernägel oder Bäume.
Und einige ihrer Kunstwerke könnten zu mir sprechen oder mich anrühren, mich irritieren oder zum Nachdenken bringen, beim nächsten Mal, irgendwann.

Eine Woche voller Nachrichten

Man kann doch keine Trauer um Menschen empfinden, die man garnicht kennt, sagen Freunde, Betroffenheit, ja, aber Trauer? – und vielleicht ist das nur ein Streit um Worte, die alle nicht richtig passen.
Und dass jeden Tag so viele Kinder sterben, dass dieser Flugzeugabsturz nur ein kleiner Peak in dem großen Elend der Welt ist.
Und das ist ja richtig.

Trotzdem nimmt dieses große Unglück von vor ein paar Tagen mich sehr mit. Der Gedanke an die Eltern, die da Kinder verloren haben, der am allermeisten –

Nein, inzwischen mag ich die Medienberichte nicht mehr hören oder lesen, ich mag keine weiteren Details wissen. Aber das Gefühl von Trauer ist noch da.

Vielleicht überfordert uns das immer gegenwärtige Leid in der Welt – das, zu dem man aktiv hinschauen müsste; das, wegen dem wir uns diffus schuldig fühlen, ohne es wirklich ändern zu können, Ökostrom hin, Spendenbeleg her.
Vielleicht sind unsere Gefühle bei einer “fassbareren” Katastrophe – einer, die man hätte verhindern können, einer, die sich nicht täglich wiederholt – deshalb stärker? Weil sie sich – für uns Nicht-Betroffene – dann doch noch irgendwie verarbeiten lässt?
Oder weil sie auch uns treffen könnte?

Selbst wenn die Gefühle, die ein Unglück dieser Art in uns auslöst, auch mit uns selbst zu tun haben (mit unserer Angst, unsere eigenen Lieben zu verlieren, mit dem Wissen, dass wir alle verletzlich sind), und auch wenn wir die Menschen garnicht kennen, die da wirklich gelitten haben und leiden – wir sollten gut mit diesen Gefühlen umgehen. Deshalb finde ich es wichtig, dass Menschen Kerzen aufstellen; deshalb finde ich es richtig, dass Fahnen auf Halbmast geweht haben, und sogar, dass die Nationalmanschaft mit Trauerflor gespielt hat.

Wie unbeholfen sie auch wirken mögen, solche Rituale – sie helfen uns beim Mitfühlen, glaube ich.
Und wer mit seinem Mitgefühl umgehen kann, wer Formen hat, um es auszudrücken, der wagt ja vielleicht das Mitfühlen auch an anderer Stelle. Da, wo das Leid weniger spektakulär ist. Wo man helfen könnte.

Meine Kinder werden – bei ihrem Vater, in der Schule – sicherlich etwas von diesem Flugzeugabsturz mitbekommen haben. Heute abend kommen sie wieder zu mir. Vielleicht erzählen sie davon. Dann werden wir gemeinsam auch eine Kerze anzünden. Und an die Menschen denken, die jetzt um ihre Lieben trauern.

Vermischte Frühlingsgefühle

Zum ersten Mal in diesem Jahr raus aufs Land, zum Wandern. Zwei winzige Leberblümchen sind im Windschatten eines alten, bemoosten Baumes schon aufgeblüht, sonst ist noch alles kahl und grau. Ich lerne, Vogelrufe zu unterscheiden: Kraniche in der Ferne, Kolkraben im Baum – und der Zweitonruf von überallher stammt von Meisen. Spechte klopfen emsig an den Baumstämmen herum.

Warme Tage zum Wochenanfang.
Die Sonne steht wieder so hoch, dass sie morgens meinen Bildschirm erreicht und die Staubkörnchen aufleuchten lässt, die sich dort abgesetzt haben.
Auf der Sonnenbank an der Straßenecke liest mittags ein rüstiger älterer Herr seine Zeitung, einen riesigen Kinderwagen neben sich. Eine Flut von Kindergartenkindern, die Mädchen leuchend rosa, alle mit lauten Tatütata!-Rufen, spült kurz vor dem Eingang zum Spielplatz an mir vorbei.
Hinter der neuen Seniorenresidenz sitzt am Nachmittag ein alter Mann im Rollstuhl, die Sonne ist weitergewandert und hat ihn, in eine tiefblaue Decke mit goldenen Sonnen drauf gewickelt, im kühlen Schatten hinter sich gelassen.

Der Neunjährige hat die ersten Feuerwanzen entdeckt und trägt behutsam eine nach Hause. Die setze ich in ein Glas, sagt er, und ich mache Sand und frische grüne Blätter rein, und dann kriegt sie Wasser zum Trinken und fühlt sich wohl und ich hole ihr noch einen Freund und wir geben ihr einen Namen… Seine Augen strahlen, und die Feuerwanze, in ihrem mit einem alten Stofftaschentuch bespannten Marmeladenglas, ist am nächsten Morgen wirklich noch am Leben.

Die Elternchallenges der Woche: “Knicklichter” für den Kindergarten. Für ausgepustete Eier (die Aufgabe von vor zwei Wochen, aber da waren die weißen Eier mit den Doppeldottern, die der Gemüseladen vor Ostern immer in sein Sortiment aufnimmt, noch nicht erhältlich) ist es schon fast zu spät, das gibt Punktabzug. Und dann steht uns ja auch noch “Sofi” bevor! Für die Schule brauchen wir deshalb dringend eine Spezial-“SoFi”-Sonnenschutzbrille, mit der der Neunjährige die partielle Sonnenfinsternis am Freitag angucken darf – sonst muss er alleine oder mit anderen Kindern, deren Eltern das wiedermal nicht hingekriegt haben, im Klassenraum bleiben.
Der Fünfjährige, der mit den Kita-Kindern sowieso im Haus bleiben muss, ist stinksauer: Immer dürfen nur die Großen alles! Und die Kleinen dürfen nie irgendwas!

Heute jedenfalls verdunkelt nichts die Sonne. Der Himmel ist märzblau, lange nicht mehr so blass wie im Winter. Die grünen Daumen beginnen zu jucken, Rabatten werden mit bunten Stiefmütterchen bepfanzt und die Knospen an den Brombeerranken sind schon ganz dick.
Bis zu den Abendnachrichten scheint die Welt in Frieden zu sein.

Irgendwo da draußen [*txt.]

I

Irgendwo da draußen ist die Wirklichkeit.
Aber alles, was wir von ihr sehen, sind Bilder. Nehmen wir den Mond:
Auf meinem naturwissenschaftlichen Bild von der Welt kreist er
um die Erde, vom Erdschatten mal mehr und mal weniger verdeckt; auf meinem
halb-mystischen Bild von der Welt hebt er nicht nur
Gewässer an, sondern lässt vielleicht auch Warzen verschwinden, Pflanzen
besser wachsen und Wunden heilen; auf meinem nostalgischen Bild von der Welt
heißt er “der gute alte Ostmond” und weckt Erinnerungen an Kindheitsnächte;
auf meinem romantischen Bild von der Welt ist er ein dicker gelber Post-Its-Block
auf dem alle meine Träume notiert sind.

II

Irgendwo hier drin bin ich, aber alles, was ihr von mir seht, sind Bilder.
Die tapfere alleinerziehende Mutter; das Großstadtsingle, das immer
Abenteuer erlebt; die Frau kurz vor 40, die sich um ihre Karriere kümmern müsste und
um eine Beziehung für auf Dauer, weil “der Lack ja bald ab” ist.
Selbst wenn ihr alle ein wenig Recht habt: Ich mag eure Bilder nicht. Sie sperren mich ein.

“Es ist, was es ist”, lässt Erich Fried die Liebe sagen, unter deren Blick
in der, die ich bin, die, die ich auch sein könnte, den Kopf hebt
und lächelt.
Aber sogar mein liebende Blick kann – wenn ich nicht achtgebe – irgendwann nur noch
ein Versuch sein, einen Menschen in mein Sehnsuchtsbild vom Glück einzupassen, da gleich links
in die Lücke zwischen dem Haus am See und den spielenden Kindern und dem rosa
Sonnenuntergang.

III

Irgendwo tief innen haben wir alle
unsere Bilder davon, wie wir sind und die anderen und die Welt:
So sieht Glück aus. So gehen Paare miteinander um. Diesunddas ist Erfolg, ist gut, ist richtig.
Das steht mir zu. Jenes nicht. So bin ich ok. Und so nicht.
Überhaupt zu bemerken, dass das Bilder sind und nicht Wirklichkeit
ist schon viel. Zum ersten Mal
wurde mir das klar, als ich kurz vor dem Abi eine Freundin besuchte, deren Eltern
vor uns Kindern einander zärtlich umarmten und küssten. Die Dinge,
lernte ich da, können auch anders sein, als ich sie mir ausmale. Das war wichtig.

IV

Mach dir kein Bild, lehrt der Koran, und die Muslime schufen
überbordende Ornamente, anbetungswürdig schön.

Mach dir kein Bild, sagten die Bilderstürmer und schlugen steinerne Heilige entzwei;
nur manche Bilder sind gut
sagten die Nazis und verbrannten tausende.
Unwiderbringlich.

Ich bin, was ich poste, fühlt Generation Facebook und stellt die Urlaubs-
bilder, die Hochzeitsbilder und die Kinderfotos ins Netz.
(Und was geschieht dann? Mit den unendlichen Halden in bits und bytes
festgehaltener Momente, die
alle mal jemandem etwas bedeutet haben?)

V

Meine Bilder sind unfertig, ambivalent und im Werden begriffen, schreibt
der liebste Freund, der manchmal so leuchtend und manchmal so düster malt,
und zitiert Tocotronic: im Zweifel für den Zweifel.
Und dafür liebe ich ihn.

Macht euch Bilder, sage ich, macht sie bunt und macht viele.
Bestimmt sind sie ein klein wenig wahr. Sie sind alle nur auch wahr.
Da ist immer noch mehr zu entdecken, als wir auf den ersten Blick sehen. Überall.


Dieser Text ist Teil des [*txt.]-Projektes.

Donnerstagsmelancholie

Von der Supermarktkassenschlange aus kann man durch den Eingang raus auf den begrünten Platz schauen. Dort taucht die Sonne ein paar großwüchsige Koniferen in derart goldenes Abendlicht, dass ihr Grün wie Herbstlaub aufleuchtet und ein paar Oktoberminuten in den März zaubert.

Trübselig hängt zu Hause mein Bademantel rum, in dem ich gestern im Liquidrom vom Liegestuhl aus (ah, dieser herrliche Moment, in dem der Liegestuhl nach hinten klappt und der Kreislauf nach Saunagang und Tauchbecken verrückt spielt und das Schwindelgefühl so schön wie Schweben ist -) Leute beobachtet habe. Paare mit Kaffeesatzpeeling im Gesicht wie halbgesäuberte Schornsteinfeger; junge fremdsprachige Berlin-Touristen, deren englische Gespräche dann doch nicht so leicht zu verstehen waren; eine vielleicht finnische Mutter, die ganz unaufgeregt mit ihrem kleinen aquabewindelten Kind im dampfend warmen Außenbecken planschte – und die Reinigungskraft, die mitten in der “urbanen Badekultur” mit ihrer grünen, deutlich ruralen Gießkanne Kaffeesatzschlieren von den dunkelgrauen Steinböden spülte.

In der S-Bahn lese ich von den “Kriegskindern” des zweiten Weltkrieges (Yury und Sonja Winterberg: “Erinnerungen einer Generation”) und schaue mit einem dicken Kloß im Hals auf. Das war hier, genau hier. Und es ist noch nicht mal so lange her. Wie irre gut es uns geht! Mir. Meinen Kindern, die nicht ausgebombt werden und deren Vater nicht in den Krieg ziehen muss und deren Gedanken um die kleinen, superduper-angesagten Supermarktkassensammelfigürchen (eins gratis pro 15 Euro Einkaufswert) kreisen dürfen und nicht um Hunger und Tod.

Und Terry Pratchett ist gestorben.
Wenn es einen Himmel gibt, dann soll er bitte vom Chorgesang befreit werden und ein Schreibzimmer kriegen.