WmdedgT – 1/2020

Kaum beginnt das Jahr, ist auch schon wieder WmdedgT-Tag. Frau Brüllen lädt uns alle ein, zu erzählen, was wir alle eigentlich den ganzen Tag machen – und alle, die mitschreiben, finden sich hier.

Ca. 3 Uhr. Ich bin kurz wach und stecke meinen Wecker unters Kissen, damit er später nicht die Kinder gleich mit wachklingelt. Gestellt ist er auf 5.45 Uhr, der Zehnjährige spielt bei einem Schach-Turnier mit, das ist in Potsdam, der Weg ist weit, die Gruppe muss um sieben Uhr schon losfahren.

6.15 Uhr. Irgendwas piept ganz leise unterm Kissen. Au weia, verschlafen. Schnell in die Küche, eine Trinkflasche spülen und füllen, die allerletzten Lieblingsplätzchen in eine Dose stecken, zum Mitnehmen. Ich setze Wasser auf, mache schon mal die Tür zum Zimmer des fest schlafenden Zehnjährigen auf, stelle Müsli auf den Tisch und schäle eine Birne, die er sowieso nicht essen wird. Aus Prinzip.
Dann versuche ich, mein murrendes Kind wachzustreicheln. Ich brauche auch nur ungefähr vier Anläufe. Wir frühstücken schnell, ziehen uns an, ich fahre dem Zehnjährigen mit der Bürste durch die Haare und packe die Trinkflasche in seinen Rucksack. Zähneputzen, losgehen, Fahrscheine nach Potsdam müssen wir ja auch noch kaufen.

Die Stadt schläft noch tief und fest, als wir zur S-Bahn gehen. Nur die anderen Schachspieler sind schon wach, sammeln sich auf dem Bahnsteig, lächeln sich zu. Sie wissen, welche Tapferkeit es verlangt, in den Ferien drei Tage lang so früh aufzubrechen. Gemeinsam mit einer anderen Mutter winke ich der Bahn hinterher, wir wechseln noch ein paar Worte. Ich nehme vom Bäcker zwei Brötchen mit und gehe wieder nach Hause. Im Osten wird der Himmel ganz langsam hell.

Der Vierzehnjährige hat unseren Aufbruch heute verschlafen, also lege ich die Brötchentüte ab und falle selber auch wieder ins Bett.

8.50 Uhr. Der Vierzehnjährige steht auf. Wir kochen – und teilen uns – das eine Ei, das sich im Kühlschrank noch findet, essen die beiden Brötchen und die für den Zehnjährigen geschälte Birne auf. Irgendjemand hat über Nacht schon wieder das ganze Geschirr benutzt und in den Abwasch gestellt, aber ehe ich den Vierzehnjährigen auch nur bittend ansehen kann, winkt er schon ab und meint, er würde mir viiiiiiel lieber alles andere helfen, wenn er nur nicht abwaschen muss.
Weil ja in zweieinhalb Wochen der französische Austauschschüler kommt und dann alles schön aussehen soll, habe ich beschlossen, dass heute Fensterputzen angesagt ist, und nutze das Hilfsangebot des Vierzehnjährigen gleich mal dafür aus. Zusammen kriegen wir es sogar hin, den großen Querflügel des Fensters im Zimmer des Zehnjährigen zu reinigen, den man aushängen muss und dann von außen trotzdem nur von der obersten Leiterstufe aus erreicht, wenn man sich sehr, sehr weit aus dem Fenster lehnt. Das Experiment glückt, und bis zum Mittag habe ich zwei weitere Fenster geputzt, ein paar nicht mehr so gut riechende Adventszweige entsorgt und sogar meine Haarbürste saubergemacht. Es ist Luxus, sich um unwichtige Dinge kümmern zu können, Ferienluxus!

11.30 Uhr. Ich spiele mit dem Vierzehnjährigen eine Partie Reversi und muss leider eine Niederlage einstecken – schon die zweite in diesen Tagen, dabei habe ich mich in diesem Spiel mal für relativ unbesiegbar gehalten. Grrrr.
Ich koche – Linsen, Rosenkohl, Hirse – und wir essen. Der Vierzehnjährige wünscht sich noch eine Partie Scrabble (wir haben viel Freude an „Käsequote“ und „Keimteig“, wir spielen sowieso, ohne Punkte aufzuschreiben), hinterher sinke ich aufs Sofa und bin eingeschlafen, ehe ich auch nur eine einzige Whatsapp-Nachricht beantwortet habe. Kurz vor zwei werde ich wieder wach und verabrede mich mit der anderen Mitmutter auf einen Spaziergang im Stadtwald. Wir nehmen uns unterwegs vor, dieses Jahr ganz, ganz bestimmt unbedingt beide wieder tanzen zu gehen, vielleicht finden wir ja sogar einen Kurs, den wir gemeinsam besuchen können. Gegen drei bin ich wieder zu Hause, die Schachkinder sind noch nicht zurück. Ich suche für die große Schwester ein Rezept aus dem Internet und schicke es ihr, mache mir einen Kaffee, stelle die erste Waschmaschine seit Weihnachten an.

Ungefähr um vier ist der Zehnjährige zurück, er hat insgesamt 2,5 von 5 Punkten erreicht und ist zufrieden. Und extrem erschöpft! Ich heile seine Erschöpfung mit ein paar Honig-Toastbroten, und danach spielen wir das neue Weihnachtsspiel, Halali. Drei Runden reichen nicht aus, um mich für den Kampf zwischen Jägern und Holzfällern auf der einen, Bären und Füchsen auf der anderen Seite zu begeistern. Irgendwie verliere ich immer, das Spiel verlangt zu viel Vorausdenken, das hat der Zehnjährige gerade zweieinhalb Tage lang geübt.

Dann Abendessen. Hinterher bereite ich in der Küche alles für Montagmorgen vor, wir müssen alle drei früh los. Die Kinder spielen so lange an ihren Handys und haben sich auch noch eine halbe Stunde Fernsehen gewünscht. Während der Zehnjährige sich danach ins Bad trollt, schaue ich mit dem Vierzehnjährigen noch Tagesschau. Bedrückende Bilder aus Iran und Irak. Der Vierzehnjährige würde sehr, sehr gerne noch Tatort gucken, aber ich weiß schon, dass ich ihn nach einer halben Stunde da nicht mehr losgeeist kriege. Außerdem bin ich zum Telefonieren verabredet. Also schalte ich den Laptop aus und schaue mein Handy auf Nachrichten durch. Der Vierzehnjährige macht sich bettfertig und darf noch lesen.

21.00 Uhr. Die aus Berlin verzogene Mitmutter ruft an – monatelang haben wir nichts voneinander gehört, jetzt gibt es viel nachzuholen.

22.30 Uhr. Ich stelle das Telefon auf die Ladestation zurück, die Heizung und das WLAN ab. Bad, Buch, Bett. Zu müde zum Lesen, also Licht aus. Der Wecker steht wieder auf 5.45 Uhr.

Ungeschriebene Texte

27. Dezember. Draußen an der Straße liegt der erste Weihnachtsbaum, als ich am Vormittag auf dem Weg zum Bäcker bin. Ein Brot – hoffentlich haben die Freunde richtig verstanden, dass sie zum Abendessen eingeladen sind. Es ist noch viel leckeres von Weihnachten übrig, was hinterher noch da ist, packe ich meinen Kindern ein und bringe es bei ihrem Vater vorbei. Im kleinen Schlafzimmer steht schon mein gepackter Koffer, und ich freue mich auf Abstand, Weite, einen glücklichen Zwischenraum zwischen den Jahren. 2019 war doch für alle ein schreckliches Jahr, sagt der Sohn der anderen Mitmutter, aber ich mag dem nicht zustimmen. Sind wir denn sicher, dass 2020 besser wird? Ich jedenfalls habe – im zaghaften Sonnenlicht eines Vormittags Ende Dezember – viel Grund zu Dankbarkeit und Zufriedenheit, so abgegriffen diese Worte auch klingen.

Liegengeblieben sind in den letzten Wochen dann doch die Blogtexte, die eigentlich für diesen Dezember noch in meinem Kopf herumgespukt sind:

Der Text über unseren diesjährigen Waldhäuschenurlaub, in dem uns die Steinpilze vom Wegrand förmlich in den Korb gesprungen sind und in dem ich immer mal wieder Pilze aussortieren musste (schließlich sind wir autofrei im Funkloch, also nicht in Reichweite optimaler medizinischer Versorgung), die die ganz große Schwester freudestrahlend und etwas unbekümmert gepflückt hatte.

Der Text über meine Erfahrungen mit dem Online-Dating, das ich in diesem Herbst dann und wann – etwas halbherzig – betrieben habe und das mir ein paar Lebensgeschichten (mit viel zu vielen bösen Ex-Partnerinnen in diversen Hauptrollen), ungefragte gute Ratschläge („die Freude über einen Jobwechsel würde doch jeden finanziellen Verlust mehr als ausgleichen“), eine sowohl angebrannte als auch versalzene Karottensuppe (merke: immer vorher fragen, ob der Mann Vegetarier ist und dann unbedingt selbst ein Restaurant aussuchen, in dem das vegetarische Essen auch schmeckt), eine Stunde schrecklicher Langeweile ausgerechnet mit dem Journalisten, auf den ich doch gewisse Hoffnungen gesetzt hatte und einen skurilen Whatsapp-Austausch ohne jedes freundliche Interesse an mir eingebracht hat.

Der Text über das Zusammenleben mit Heranwachsenden – vielleicht wird der ja sogar noch geschrieben, im neuen Jahr, denn diese Herausforderung nehme ich ja mit: Wie gestalte ich das Zusammenleben mit größer werdenden Jungs, die mich vor allem als Versorgungsstation für saubere Wäsche, Unterschriften, leckeres Essen und Ins-Bett-Bringen brauchen, denen ich andererseits aber gerne und gegen die Verlockungen diverser Handy-Spiele vermitteln möchte, dass es sich lohnt, sich ein Ziel zu setzen und sich dafür auch anzustrengen, sich für das Leben zu interessieren und Menschen als Freunde zu gewinnen?

Und der Text über die Bücher, die ich in 2019 gelesen habe. Hier will ich unbedingt wenigstens meine große Herzensentdeckung erwähnen – das war Sarah Moss. „Schlaflos“ und „Gezeitenwechsel“ sind zwei Romane, die ich neben „Schlafen werden wir später“ von Szusza Bánk einordnen werde, weil es darin um das Elternsein geht – um Kinder, die sich nicht, wie in anderen Romanen, im Hintergrund irgendwie selbst erziehen oder gar schlauer sind als die Erwachsenen, sondern um Kinder, deren Bedürfnisse den Eltern emotional einiges abverlangen. Die Bücher sind ehrlich und radikal und feministisch und blitzgescheit und spannend – eine unbedingte Leseempfehlung für jeden, den es schon mal genervt hat, dass die Leute in den Büchern und Filmen nie Wäsche waschen oder saubermachen müssen. Sarah Moss‘ nichtfiktionales Buch über ein in Island verbrachtes Jahr steckt in meinem Koffer für die Jahreswechselreise. Die Seiten rascheln schon vor lauter Vorfreude.

Euch und Ihnen allen, die hier vorbeischauen, wünsche ich einen ruhigen Jahresausklang und ein gutes neues Jahr 2020. Uns allen wünsche ich für dieses neue Jahr die Kraft, für das Gute und Richtige einzutreten, so aussichtslos das auch scheinen mag – und das Glück, liebevolle Menschen um sich zu haben.
Hoch die Gläser also – und auf bald.

 

Weihnachtskonzert

Nein, wir sind nicht in der Philharmonie. Das hier sind auch nicht die Wiener Sängerknaben. Auch keine Show der Supertalente. Der Chor probt nur einmal die Woche; die auftretenden Kinder lernen in der Musikschule das eine oder andere Instrument, die Musiklehrer haben mit ihren Klassen ein bisschen was eingeübt; ein paar Lehrer haben sich zusammengetan und ein paar fetzige Songs einstudiert; die eingestreuten Weihnachtsgedichte sind komplett von jeder christlichen Botschaft befreite Scheußlichkeiten, in denen als Höhepunkt des Weihnachtsabends der Baum abbrennt.

Trotzdem gibt es berührende Momente. Äh… manchmal.

Während des Pachelbel-Kanons wickelt ein Mann schräg links vor mir den dicken weißen Verband ab, den er um seine linke Hand hat. Bevor zum Vorschein kommt, was sich darunter verbirgt, wickelt er ihn zum Glück wieder fest. Die Leute rechts neben mir unterhalten sich halblaut darüber, dass der Enkel zu Weihnachten einen Gutschein für eine Escape-Room bekommt. Das Kleinkind vor mir kuschelt mit seinem Teddy und schlenkert dessen nassgeliebten Arm dann dem Mann in den Nacken, der vor ihm sitzt. Der Zehnjährige zappelt neben mir herum. Programmflyer knistern leise zu Boden.

Vorne wird ein selbstarrangiertes Weihnachtsmedley gezupft, bei den Leuten neben mir – die sich fertig über das Escape-Room-Geschenk unterhalten haben – die Wetterapp aufgerufen. Der Zehnjährige ist auf meinem Schoß fest eingeschlafen, so tief, dass ihn noch nicht mal der tosende Applaus weckt, den das Lehrertrio bekommt.
Und während der Chor sanft „Tausend Sterne sind ein Dom“ säuselt, klappert die Frau neben mir, offenbar zufrieden mit dem, was sie in der Wetterapp erfahren hat, schon mal laut mit ihrem Kleingeld.

Trotzdem. Ein bisschen weihnachtlich wird mir trotzdem zu Mute. Ich nehme Yirumas „River flows in you“ mit in die Winternacht hinaus. Und Einaudis „Una mattina“.

2019: Lissabon mit Kindern

In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal eine richtige Städtereise gemacht. Die ganz große Schwester hatte sie dem Vierzehnjährigen zur Konfirmation geschenkt, und beim Planen hatten wir entschieden, dass der Zehnjährige und ich mitfahren würden – weil ich so selten Gelegenheit habe, mit meinen Kindern eine solche Reise zu machen.

Lissabon also – von Montag bis Freitag in den Herbstferien.

Ich erinnere mich:

Wie wir lange, lange beobachten, wie vor dem großen Fenster der Abflugwartehalle Flugzeuge abgefertigt werden; die reibungslosen Abläufe dieser ganz eigenen Flughafenwelt studieren, landen, Gepäck ausladen, tanken, Essen bevorraten, Gepäck einladen, starten. Eine Drohne verzögert den Abflug unseres bereits verspäteten Fliegers noch ein bisschen länger, aber dann starten wir doch endlich und landen am Abend gut in Lissabon. Wir kaufen ViaViagem-Cards für 50 Cents am Automaten und laden sie gleich auf, das ist kein Problem und wir können damit die U-Bahnen und Busse und Trams benutzen. Zu unserer kleinen Ferienwohnung nahe bei der Innenstadt müssen wir unsere Koffer einen der sieben Hügel hochwuchten, auf denen Lissabon gebaut ist. Der Bürgersteig ist ungefähr dreißig Zentimeter breit und besteht aus buckeligen, altersweich abgeschliffenen Pflastersteinen. Direkt neben uns rauschen Autos die steile Straße hinauf und hinunter, das ist authentisches, altes Lissabon hier; und genauso authentisch ist unsere Ferienwohnung: Eine Tür führt direkt vom schmalen Bürgersteig in ein kleines Wohnzimmer mit Couch und Fernseher; von diesem geht ein Gang nach hinten, hinein in die Tiefe des Hauses: zwei fensterlose Schlafzimmerchen mit schmalen Doppelbetten, dahinter eine Küche, ein kleines Duschbad und eine Tür zu drei Quadratmetern Hinterhof, der vom Haus und von hohen Mauern umgrenzt wird, nur offen zum Himmel.

Zur Nacht müssen wir erstmal die ringsum sorgfältig unter den Matratzen festgestopften Laken und Decken herausziehen; wir sind an die südliche Schlafkultur nicht gewöhnt. Die ganz große Schwester findet es zu stickig in den fensterlosen Kämmerchen und bereitet sich ein Lager im winzigen Hinterhof, unter den Sternen. Warm ist es ja. Die beiden Jungs sollen sich ein Schlafzimmer teilen, und so komme ich in den Genuß eines Zimmers – und Bettes – für mich alleine. Sehr schön.

Früh am Morgen erkunde ich mit den Kindern die Umgebung; ein paar Schritte die Straße hinunter ist gleich ein kleiner Supermarkt, das ist fein. Und nach dem Frühstück brechen wir auf, um die Stadt zu erkunden – und um herauszufinden, was hier mit Kindern funktioniert und was nicht.
Der Elevador Santa Justa ist unser erstes Ziel, und es ist fantastisch, in der alten Eisenkonstruktion nach oben zu schweben. Lissabon ist ja schließlich die Stadt der wunderbarsten öffentlichen Verkehrsmittel: der Aufzüge, Standseilbahnen, historischen Straßenbahnen! Der erste Miraduro – es gibt etliche dieser Aussichtspunkte auf den Hügeln um die kleine Baixa, die Innenstadt am Tejo mit ihren schnurgerade angeordneten Straßen – ist nicht weit. Und gleich jetzt, am Anfang, stellt sich heraus, was nicht so gut funktioniert: zu viert durch die Stadt zu bummeln. Immer will einer gerade ein wunderschönes Fliesenmuster an einem Haus fotografieren, der andere vorauseilen, jemand ist müde, jemand möchte einen Kaffee trinken, ein Pastel de Nata essen, eine Toilette finden. Wir steigen also in eine der gelben Straßenbahnen und rumpeln zum Tejo hinunter. Der Vierzehnjährige und ich stecken tatsächlich im Oktober nochmal unsere Füße ins Wasser, auch baden wäre nicht unmöglich, wenn wir Zeit hätten, richtig ans Meer zu fahren.
Aber wir haben etwas anderes vor: Lissabon hat ein Ozeanarien, und das ist wirklich beeindruckend. Das Museum auf dem Geländer der Weltausstellung von 1998 ist um ein zentrales Aquarium herumgebaut, das so hoch ist, dass man es auf zwei Etagen umrunden kann und so groß, dass diese Umrundung auch wirklich eine Weile dauert. Immer wieder neue Perspektiven in dieses große Wasserbecken eröffnen sich dabei aus den verschiedenen Richtungen, und es gibt Rochen, die so schwer sind wie ein kräftiger Mensch, Knochenfische, deren flacher runder Körper beinahe zwei Meter Durchmesser hat, ganze Sardinenschwärme, jede Menge kleine und große, bunte und grauglitzernde Fische. Der Rundgang führt auch in die äußeren Ecken des Gebäudes, von denen jede einem der Ozeane der Welt gewidmet ist und in denen Seevögel und kleine Pinguine und bunte Tropenfische leben und wo wir sehen, wie die kuschelweich aussehenden Seeotter gefüttert werden.
Nach dem Besuch im Ozeanarium fahre ich mit den Kindern noch mit der Kabinenseilbahn am Wasser, einmal hin und einmal her. Dass das Mittagessen vor dem Museumsbesuch eine kleine Katastrophe war – mich überfordern unüberschaubare Situationen mit viel zu vielen Menschen ganz besonders, wenn ich hungrig und erschöpft bin und die Sprache nicht verstehe, und dummerweise waren wir ausgerechnet im „Food Court“ eines sehr gut besuchten Einkaufszentrums gelandet – haben wir inzwischen zum Glück fast vergessen. In den nächsten Tagen werden wir uns morgens Brote oder Brötchen vorbereiten und setzen uns in einen ruhigen Park, wenn wir eine Pause brauchen. Das ist viel besser.

Am nächsten Tag – inzwischen ist der Zehnjährige in mein Bett übergesiedelt, weil der Vierzehnjährige geklagt hat, er könne neben seinem Bruder auf dem portugiesisch-schmalen Doppelbett absolut nicht schlafen – sind wir spontan und muten den Kindern eine klassische Sehenswürdigkeit zu: Das Hieronymus-Kloster in Belem. Wir haben herausgefunden, mit welcher Straßenbahn man dort hinfahren kann, das klappt ganz vorzüglich. Auch das Anstehen für Karten dauert weniger lange als gedacht, nachdem wir verstanden haben, dass man dafür nach nebenan ins Militärmuseum gehen muss. Das Hieronymus-Kloster ist ein herausragendes Gebäude des manuelinischen Architekturstils, mich erinnert es mit seinen verzierten Türmchen vor allem von weiten an die Tröpfelburgen, die man am Strand baut. Es ist, als hätte jemand eine große Horde Steinmetze unter aufputschende Drogen gesetzt und dann auf das Gebäude losgelassen – jede Säule, jeder Bogen, jedes Element des Geländers ist verziert, jedes anders – sogar jeder Wasserspeier anders – als alle anderen. Blumenranken wachsen aus den Mäulern wilder Hunde oder Drachen; Blumenmuster, Elefanten und Fabelwesen, Früchte und Bibelszenen – wir finden zumindest Eva, die gerade von der Schlange einen Apfel angeboten bekommt – überziehen die steinernen Oberflächen.
Die ganz große Schwester zieht mit dem Vierzehnjährigen los und ich mache die Runde mit dem Zehnjährigen, das ist gut. Jedes Kind darf in seinem Tempo staunen und entdecken. Dem Zehnjährigen und mir machen tatsächlich die vielen verschiedenen Wasserspeier am meisten Spaß, da gibt es einen Mönch und einen Drachen, eine Katze und einen Hund, einen Affen und einen Vogel, einen bärtigen Mann –
Später holt uns die ganz große Schwester in einen Ausstellungsraum, in dem auf einer viele Meter langen Schautafel die Geschichte des Klosters, die Geschichte Portugals und die Geschichte der Welt nebeneinander dargestellt sind. Hier könnten wir lange gucken und viel lernen. Natürlich war es der Reichtum des Kolonialreiches Portugal, der in der prachtvollen Architektur des Klosters zur Schau gestellt wurde! Wie sich die portugiesischen Seeleute immer weiter in die Welt hinausgewagt haben, sehen wir später noch an der Weltkarte, die ins Pflaster vor dem Denkmal der Entdeckungen integriert ist. Was muss das für ein Lebensgefühl gewesen sein, denke ich, in einer Welt, die sich mit der Rückkehr jedes Schiffes um neue Inseln, Küsten, Tiere und Pflanzen vergrößerte, die voller unentdeckter Wunder war?

Am Nachmittag fahren wir mit der allerberühmtesten alten Straßenbahnlinie, der Linie 28, die auf ihrer Route einige der steilsten – und häufig noch dazu kurvigen! – Streckenabschnitte weltweit bewältigt, in den schmalen Gassen manchmal so dicht an den Häusern, dass ich den Zehnjährigen ermahne, seinen Arm nicht zu weit aus dem alten – und natürlich weit offenen – Holzrahmenfenster zu strecken. Wir fahren bis zur Endstation, dem „Friedhof der Vergnügungen“, wo wir eine kleine Runde laufen und Steunhäuser ansehen, in denen die Toten hier bestattet – oder aufbewahrt? – werden. Die Steinhäuser bieten – wie alte Liegewagenabteile – meist rechts und links drei Plätze übereinander. Dazwischen – vorne – eine Tür und hinten ein kleines Fensterchen, unter dem auf einem Tischchen Fotos der Verstorbenen stehen, manchmal sogar Blumen.
Später steigen wir, nun wieder auf der anderen Seite der Baixa, zum „Miradouro da Senhora do Monte“ hoch und schauen hinunter auf die abendsonnenbeschienenen Dächer. Der Heimweg – bergab, berauf durch viele kleine Gassen – dauert uns fast zu lange, unsere Füße sind rechtschaffen müde, als wir endlich in der Ferienwohnung ankommen.

An unserem dritten Lissabon-Tag erleben wir wieder ein ganz anderes Abenteuer. Schon Wochen vorher hatte ich im Internet ein Jungs-Event gebucht: eine Tour durch das „Estadio de Luz“, das Stadion von Benfica Lissabon. Wir fahren mit der Metro zur angegebenen Station, und dann stehen wir erstmal vor einem ziemlich großen Problem: Das Stadion ist ringsum von Schnellstraßen umgeben, und es ist kein Eingang zu sehen, nirgends. Das ich noch dazu ganz dringend eine Toilette brauche, macht die Sache nicht besser, wir müssen die Suche abbrechen, ins nahegelegene Einkaufszentrum gehen, und nachdem dort auch die dritte von uns befragte Person in die selbe Richtung zeigt, in der keinerlei Eingang zu sehen ist, machen wir uns dann doch dorthin auf den Weg. Irgendwo gibt es tatsächlich eine Ampel über die Schnellstraße. Einen Parkplatz, den wir überqueren. Und dann eine Art Lieferantentor. Wir wagen uns hinein und haben es dann doch geschafft – ohne jede Ausschilderung. Die Führung startet auch gleich, ich übersetze aus dem Englischen, was die Kinder nicht verstehen, wir sehen Modelle des Stadions und der außerhalb von Lissabon gelegenen Trainingsanlagen von Benfica, und wenig später habe ich doch tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben eine Virtual-Reality-Brille auf der Nase, die die Umkleidekabine der Gegenmannschaft in die Umkleidekabine von Benfica verwandelt, die man in echt nicht betreten darf. Im Stadion selbst ist es dasselbe: Auf den Rasen dürfen wir nicht (wie sehr hätte ich es meinen Söhnen gewünscht, dort mal einen Ball in ein Tor schießen zu dürfen!), aber eine Zauberbrille lässt uns dann doch mitten auf dem Rasen stehen, während ringsrum die Fans toben und Feuerwerk abbrennen. Solange man nicht auf seine Füße schaut – die einfach verschwunden sind – kann man sich wirklich wie ein Spieler in einem spannenden Fußballmatch fühlen. In echt dürfen wir dann noch Benficas Maskottchen sehen: lebende Adler, die dort, wo normalerweise ein Tor stehen würde, auf Sitzstangen angekettet sind und angeblich jeden Tag trainiert werden, damit sie vor den Spielen eine große Runde über den Zuschauerrängen fliegen.

Die ganz große Schwester will mit dem Vierzehnjährigen noch die Alfama erkunden – eins der ganz alten Stadtviertel von Lissabon – und ich fahre mit dem Zehnjährigen ins Gulbenkian-Museum, das ich so gerne noch besuchen möchte. Wenigstens eine kurze Runde gehen wir durch die Säle mit den sehr schönen Ausstellungsstücken, Wandteppichen, Keramiken, Fliesen, Miniaturen – aber der Zehnjährige ist schnell erschöpft, so dass wir eine gemütliche Pause im Museumspark machen und dann zurück in die Baixa fahren und dort ein paar Souvenirs kaufen und Eis essen.

Ganz früh müssen wir am nächsten Morgen zum Flieger, mit der allerersten U-Bahn um halb sieben. Check-In-Automaten, übermüdete Kinder, das Durchwühlen meines Koffers an der Sicherheitskontrolle – wir überstehen das alles. Fliegen mag ich trotzdem erstmal nicht so schnell wieder (der ökologische Fußabdruck unseres Haushaltes hat durch die Reise gleich mehrere Größen zugelegt) – aber Städe besuchen mit meinen Kindern: das geht gut, das weiß ich jetzt. Amsterdam, Paris, Kopenhagen: Wir kommen. Irgendwann haben wir Zeit.

 

 

Adventswochenende

Im Schlafanzug die Lieblingsplätzchen des Zehnjährigen backen
Nach dem Vierzehnjährigen Ausschau halten, der einkaufen wollte und erstaunlich lange wegbleibt
Die Besuchsfreundin, die allerliebste, begrüßen und umarmen
Kochen Essen Abwaschen (da capo ad libitum) und Kaffee, und Reden
Mit dem Vierzehnjährigen streiten, der so gar keine Lust hat, sich auf die Englischklassenarbeit vorzubereiten
Spielerunde mit quirligen Kindern
Doch einen Stern falten, und dann noch einen
Dem Vierzehnjährigen englische Youtube-Filme über Australien raussuchen
Mit der Besuchsfreundin im Internet nach der perfekten Pfanne suchen (mit Titanic-Beschichtung und Hotspot)
Ins Batt fallen

Früh um acht Uhr Brötchen und Croissants holen
Dabei in meinem Gummistiefel ein verspätetes Nikolausgeschenk vom Zehnjährigen finden
Mit der Besuchsfreundin spontan auf den kleinen Weihnachtsmarkt fahren
Ihr an der Bushaltestelle das ganze Elend einer Textnachrichten-Kommunikation mit einem potentiellen Date zeigen
Schmuck aus pflanzlichem Elfenbein bewundern, Creme de Leche kosten, an gefilzten Quallen freuen
Kochen Essen Abwaschen (da capo ad libitum) und Kaffee
Die Besuchsfreundin zum Abschied fest umarmen
Den Vierzehnjährigen motivieren, doch noch eine Seite Englisch schreiben zu üben
Dienstlaptop anschalten und etwas Arbeit, bis der Chef vom Chef offiziell durchgibt, dass alles auf Montagmorgen verschoben ist
Abendessen und dabei Menü und Programm für Heiligabend planen
Den Zehnjährigen an Mathe-im-Advent erinnern und die Phyisk-im-Advent-Aufgabe mit halben Ohr mitkriegen
Textnachrichten von lieben Menschen
Küche aufräumen und gut vorbereiten: Montag müssen beide Kinder zur 1. Stunde
Bügelbrett aufstellen, Kopfhörer auf, superkitschigen Weihnachtsfilm an

Bloggen, Wecker stellen.

WmdedgT – 5.12.2019

Ein letztes Mal in diesem Jahr lädt Frau Brüllen uns zum Tagebuchbloggen ein. Alle Texte dazu finden sich hier.

Gegen halb sechs drifte ich ganz langsam aus einem Traum ins Wachsein. Ich könnte noch eine Stunde schlafen – der Vierzehnjährige hat heute erst zur 2. Stunde Unterricht – aber im Kopf beginnt es sofort zu rattern. Ich entwerfe whatsapp-Antworten, ein Blogtext beginnt sich zu formen, Punkte für die heutige To-Do-Liste fallen mir ein. Um halb sieben stehe ich dann doch auf. Unter der Tür des Vierzehnjährige schimmert schon Licht, mir fällt ein, dass ich seine Handynutzungszeit in der App noch nicht von Papawoche auf Mamawoche umgestellt – d.h. jeden Tag um eine halbe Stunde reduziert – habe, also mache ich das schnell. Dann Bad.

Um Viertel nach sieben bringt der Vater meiner Kinder die Sachen vom Zehnjährigen vorbei, der nach der Schule bei mir eintrudeln wird. Halb acht ist Frühstück, das ist wunderbar spät, der Vierzehnjährige räumt den Tisch ab, während ich schon zur Arbeit losgehe. In der S-Bahn beantworte ich ein paar Handynachrichten, aber eigentlich ist es viel schöner, aus dem Fenster zu schauen, denn der Morgen ist blassblau und sonnig.

Im Büro ist Donnerstagmorgen die beste Zeit, um meine Orchideen zu wässern. Dabei treffe ich in der Küche eine Kollegin – auch alleinerziehend, mit Kindern im gleichen Alter wie ich – , mit der ich kurz austausche, wie viele Klassenarbeiten die Kinder noch schreiben müssen, wie die Stimmungslage in ihrer und meiner Abteilung ist und wer an Weihnachten voraussichtlich wie viel Urlaub nehmen kann. Im Posteingang 3MB Mails mit Arbeitsaufträgen, die mich bis mittags beschäftigen. Kantine. Weiterarbeiten. Trotz Kaffee überfällt mich eine grässliche Müdigkeit, und der undefinierbarer Ziegelstein, der als Nudelauflauf getarnt in meinem Magen gelandet ist, liegt dort so schwer, dass ich auf den Geburtstagskuchen der Kollegin im Büro um die Ecke und auf den von der Geschäftsleitung als kleines Advents-Event ausgegebenen Glühwein lieber verzichte.

Arbeitsende pünktlich um drei, aber nur, weil heute noch Weihnachtsfeier in der Schule des Zehnjährigen ist. Also schnell nach Hause. Der Himmel schon wieder blassblau, die Sonne beleuchtet die vielen Rohbauten entlang der S-Bahn – Eigentumswohnungen, die sich niemand, den ich näher kenne, wird leisten können – jetzt von der anderen Seite. Ich besorge zwei Baguettes. Zu Hause lege ich mich kurz hin und hoffe, die Müdigkeit durch ein Feldherrenschläfchen in den Griff zu bekommen, aber der Vierzehnjährige kommt nach ungefähr einer halben Minute ins Zimmer, um aus den neben meinem Bett gestapelten Plätzchendosen einen neuen Teller voller Naschwerk zusammenzustellen und der Zehnjährige kommt dazu, um sicherzustellen, dass von seinen Lieblingssorten auch genug Plätzchen auf den Teller kommen. Wisst ihr, in was Mütter sich verwandeln, die nicht genug Schlaf bekommen?, ächze ich mit halbgeschlossenen Augen – in schreckliche Monster! – Meine Kinder kichern. Statt Schläfchen setze ich also Kaffee auf. Ich schneide Baguette, hole das vorbereitete Blech mit Datteln im Speckmantel vom Balkon und stecke es in den Ofen, packe Käsecremes, Geschirr, Spiele zusammen. Der Zehnjährige hat in der Papawoche kein Schulessen für Dezember bestellt, das schaffen wir auch noch, bevor wir uns wieder anziehen und uns auf den Weg zur Schule machen.

Gegen halb sechs trudeln Eltern und Kinder erwartungsvoll im Speisesaal der Schule des Zehnjährigen ein. Er ist stimmungsvoll mit Lichterketten geschmückt, es sind Tische gestellt und Plätzchen auf Tellern arrangiert; es gibt Fotos vom Wandertag, den leckersten Schokoladenkuchen, den ich je gegessen habe, und Gelegenheit, mit verschiedenen Eltern ins Gespräch zu kommen, von denen ich erst ganz wenige kenne. Die Kinder toben unterdessen auf dem Schulhof herum und spielen im Dunklen Verstecken und Fange. Nach zwei Stunden knipst der Klassenlehrer unbarmherzich das Deckenlicht an, bittet um Hilfe beim Aufräumen und freut sich sichtlich auf seinen späten Feierabend. Der müde Zehnjährige klagt mir in der S-Bahn sein Leid – diese oder jene Klassenarbeit könnte schlecht ausgefallen, seine mündliche Mitarbeit nicht ausreichend für eine gute Note sein und in seiner Klasse sei er auch nicht glücklich gerade. Meinem müden Kind erscheint die ganze Welt düster; gut, dass wir bald zu Hause sind. Dort muss noch der Ranzen gepackt und „Mathe im Advent“ und „Physik im Advent“ gemacht werden, während ich spüle und der Vierzehnjährige über die Reste herfällt, die wir vom Buffet wieder mit nach Hause gebracht haben.

Der Vierzehnjährige putzt noch seine Schuhe, der Zehnjährige schafft das nicht mehr und handelt mit mir eine Verschiebung des Nikolaustages aus. Meinetwegen, sage ich, und der Vierzehnjährige bietet an, die Schue des Zehnjährigen mitzuputzen (für fünf Euro? drei? einen?), aber der spart sein Geld und bestellt den Nikolaus für Sonntagmorgen. Ich bringe ihn schnell ins Bett. Dann sinke ich selbst aufs Sofa und schaue fern. Ungefähr alle fünf Minuten rufe ich: Vierzehnjähriger! Du musst jetzt ins Bett! – und irgendwann geht er sogar.

Dann nur noch ich. Stille. Bloggen. Gute Nacht!