Gerechtigkeit

Wer den Achtjährigen einmal mit durchdringender, Glas zerspringen lassender Stimme „Unfair!!!“ hat rufen hören, der weiß, dass es bei uns gerecht zugehen muss; auch und gerade im Urlaub, wenn ich Zeit für meine Söhne habe.

Gerecht ist, wenn immer abwechselnd abends geduscht werden muss. Gerecht ist, wenn derjenige am ersten Tag mit dem Duschen anfangen muss, der in der ersten abendlichen Canasta-Runde mehr Punkte erzielt als der andere (und weder der Achtjährige noch der Zwölfjährige legt in dieser Runde aus, stattdessen sammeln beide möglichst hohe Karten auf der Hand).

Gerecht ist, wenn ich die erste Runde Tischtennis mit dem Achtjährigen spiele, dann zwei Runden mit dem Zwölfjährigen, dann zwei mit dem Achtjährigen – und so weiter. Abwechseln beim Abwechseln nennt man das mathematisch. Gerecht ist, wenn ich mit jedem Kind immer genau 170mal den Federball hin- und herschieße und das andere auf dem Baumstamm dabeisitzt und zählt.

Gerecht ist, wenn jedes Kind jeden Tag zwei Helfepunkte erarbeiten muss (und jeder insgesamt gleich oft das Abtrocknen erwischt).

Gerecht ist, wenn die Kinder am Vormittag wandern gehen, weil die Großen das wollen, und wenn dafür am Nachmittag viiiiel Zeit zum gemeinsamen Spielen ist. Und wenn die Jungs dafür am nächsten Morgen mit in die Heidelbeeren kommen, ausgemacht ist ausgemacht.

Gerecht ist, wenn wir neue Phasen für „Phase 10“ erfinden, wenn meine Söhne sich nicht auf eine der beiden vorhandenen Versionen einigen können.

Gerechtigkeitsprobleme treten ständig und überall auf. Und jedesmal, wenn eines zufriedenstellend gelöst ist, wenn niemand beleidigt ist oder zornig wenn kein Glas zerspringt und keine Tür schlägt, fühle ich mich – beinahe – wie Salomo persönlich.

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Não corra!

Nein, auch in diesem Jahr fahren wir vom Waldhäuschen aus weder ins Erlebnisbad noch in den Wildpark. Die Vorstellung, den Tag nach einem Bus auszurichten, der erreicht werden muss, damit der Ausflug klappt, mag ich nicht, sie widerstrebt ganz und gar meinem Urlaubsgefühl.

Ich brauche – dringend brauche ich – wir alle hier brauchen – Tage mit möglichst wenig Zeitplan; Tage, an denen ich mich auf die spontanen Kinderwünsche nach Minigolf und Tischtennis einlasse und hinterher noch ganz allein im Wald herumschlendern darf; an denen es nicht darauf ankommt, wann genau wir um den See spazieren, wie lange wir den Spaziergang zum Beerensammeln unterbrechen, wann gekocht und wann abgewaschen wird. Von selbst kommt das nicht, weil unser Alltag von zu erreichenden Bussen und Bahnen und von begrenzten Zeiten vom Frühstück bis zum Schlafengehen ganz übervoll ist: Geradezu einüben muss ich das Unverplantsein.

Der Achtjährige und der Zwölfjährige machen es mir in diesem Jahr leicht, schnappen sich den Ball oder die Tischtenniskellen und ziehen los; marschieren aus dem Wald schon mal alleine zurück, eine kleine und eine etwas größere Gestalt, eben noch furchtbar zerstritten, jetzt friedlich nebeneinander, denen ich mit langem Hals hinterherschaue, bevor ich mit der Besuchsfreundin zu dieser prima Blaubeerstelle vom letzten Jahr abbiege.

Später, vor dem Abendessen im großen Speisesaal, dürfen sich alle in ihre Lieblingsecke im Häuschen zurückziehen, die Besuchsfreundin mit ihrer Erkältung, der Zwölfjährige mit seinen Comics und ich mit Mariana Lekys zauberschönem Buch „Was wir von hier aus sehen können“. Nur der Achtjährige will sich nicht zurückziehen, sondern mit jemandem spielen, und mault deshalb ein bisschen.

Viel später, in meinem allnächtlichen Schlaflosloch, höre ich den Regen draußen rauschen und sehe gleichzeitig auf der nachtleuchtenden Sternenkarte, die auf dem Sideboard steht, die Milchstraße leuchten und schlafe irgendwann wieder ein und wache erst eine Viertelstunde vor unserer Frühstückszeit im Speisesaal wieder auf, mit diesen portugiesischen Entschleunigungswörtern im Kopf, die die ganz große Schwester manchmal sagt: não corra. Renn doch nicht.

Dann übe ich heute mal ein wenig Langsamkeit ein. Wann sonst?

Ferien, Ferien

Als ich an meinem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub das Büro verlasse, ist der blaue Himmel der letzten Tage hinter einer Wolkendecke verschwunden und es beginnt zu regnen. In die Uckermark, aha, aha, haben die Kollegen freundlich gesagt und mir auffällig oft „gutes Wetter“ gewünscht.

Die Besuchsfreundin ist schon gestern angekommen, und als ich von meinem letzten Arbeitstag nach Hause komme, hat sie eingekauft, einen Schokoladenkuchen gebacken, den Zwölfjährigen und den Achtjährigen in Empfang genommen, abgewaschen und sich auch den Wäscheständer mit den vielen, vielen Socken vorgenommen. Ich fühle mich wie im Paradies; ich habe das nicht oft, dass mir jemand so unter die Arme greift.

Ein anderes Gefühl trage ich seit Tagen mit mir herum: Betroffenheit (was für ein hässliches Wort!), Mitgefühl, Traurigkeit. Es ist eine Geste der Hilflosigkeit, dass ich einen halben noch warmen Schokoladenkuchen bei der Bekannten vorbeibringe, deren Kind in diesem Sommer an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist und zwischen Chemotherapie-Durchgängen und Infekten gerade ein paar Tage zu Hause verbringt.

Beim Abendessen frage ich den Zwölfjährigen nach der Englisch-Klassenarbeit; für die und andere hat er die ganze Woche lang jeden Tag lernen müssen; wir sind alle froh, dass das fürs erste überstanden ist – auch der Achtjährige, der endlich wieder mit seinem Bruder spielen kann; auch ich, die wieder einmal einen Abend ohne Simple Past und Present Perfect Progressive verbringen darf (ja, der Bildungserfolg hängt vom Elternhaus ab, und so lange der Zwölfjährige es schätzt, mir Lernstoff von Hakenpflug über Experimentierprotokoll bis „être“ und „has been learning“ aufzusagen, höre ich ihn geduldig ab). Aber heute fülle ich stattdessen Öl und Zucker ab, sammle Vokabelhefte, den Fön, die Wärmflasche, ein Kilo Gelierzucker, die Gummistiefel und den anderen halben Kuchen ein und fülle Koffer und Rucksäcke bis zum Rand. Waldhäuschenurlaub steht bevor, zum 6. Mal, wir freuen uns auf „unser“ Haus, den angeblich reichen Pilzsegen, die Zeit mit der Besuchsfreundin.

Nach dem ersten Urlaub dieser Art habe ich damals meinen Blog angefangen – WordPress benachrichtigt mich freundlich und ich erinnere mich: ja, damals hatte Berlin noch zeitiger Ferien und wir konnten Anfang Oktober im uckermärkischen Sonnenschein unter „unseren“ Birken sitzen. Fünf Jahre ist das jetzt her.

Der Regen rauscht. Der Achtjährige und der Zwölfjährige (letzterer etwas mühsam vom Smartfon mit seinen verlockenden bunten Spielen abgeschält) schlafen; das Flugzeug, in dem der liebste Freund sitzt (dessen Herbstreisepläne ungünstig neben meine fielen), wird irgendwann in der Nacht in Berlin landen; unser Gepäck steht aufbruchsbereit; draußen fallen gelbe Lindenblätter im Licht der Straßenlampen; der Druck der letzten Wochen lässt nach. Die Welt seufzt leise auf.

Die schönen Momente

Eine erste Schulwoche mit jeder Menge Neuerungen für gleich zwei Kinder ist anstrengend, das ist normal, so normal, dass ich gar keine Lust hatte, unser Durcheinander aus Schreibwarenbeschaffung, aufgeregten synchronen Schulberichten im rechten und linken Ohr, wichtigen dringenden Formularen, Schnappatmung und vermissten Arbeitsheften für Frau Brüllen festzuhalten (wo ich mich eigentlich sonst gern beteilige).

Aber natürlich gibt es auch immer die schönen Momente.

Die liebevoll von den Elternsprechern und der neuen Erzieherin des Achtjährigen vorbereitete Kennenlernkaffeetafel – mit Blick auf den Fußballplatz, wo der zur Zeit hospitierende Lehramtsstudent mit den Jungs der dritten Klasse stundenlang spielte.

Dem liebsten Freund nach einem langen Tag aus Jan Wagners phantastischem feinem Buch „Beiläufige Prosa“ den Text über die Sixtinische Madonna vorzulesen und dabei zur Ruhe zu kommen.

Ein Mittagessen auf dem Balkon, bei dem die Sonne mit warmen Strahlen wiedergutmachte, dass sie gleichzeitig unbarmherzig auf bespritzte Fliesen, verkleckerte Schranktüren und staubige Fenster (allesamt leider, leider in meiner Wohnung) schien.

Das gemeinsame Spielen des Achtjährigen, des Zwölfjährigen und des Sohnes der Partnerin der Besuchsfreundin – und vor allem: wie die von uns Eltern so ungeliebten Ninjago- und Pokemon-Welten in den Köpfen der Jungs einen gemeinsamen Phantasieraum bildeten, der sich ohne viel Kennenlernzeit einen ganzen Nachmittag lang auf einem Spielplatz mit Holzschiff und Kleinkind-Schaukeltieren bespielen ließ.

Die Unterstützung, die ich von der Lehrerin, der Erzieherin und der Vereinsfrau vom Schwimmverein dabei bekomme, dem Achtjährigen das Training im Verein trotz Ganztagsschule und ungünstiger Trainingszeit zu ermöglichen. Und: dass der Achtjährige selbst seine Hefte und Jacken wiederfand.

Der Jokercanasta, mit dem der Zwölfjährige den liebsten Freund und mich am Abend haushoch besiegte – seine unbeschwerte Freude nach einem dieser langen, anstrengenden ersten Schultage am Gymnasium mit Informations- und Sozial-Overkill.

Die Stunde, die ich meinem Arbeitgeber klaue (zurückzuerstatten Mitte der Woche, sobald die Kinder bei ihrem Vater sind), um mit der Mit-Mutter einen Kakao zu trinken und dabei unsere kleinen Fährnisse und Widernisse, die Sorgen und Mühen, die Pläne, Kleinsiege und Kleinstsiege in unser Lachen und unsere Freundschaft einzuweben.

Das Vergnügen, mit dem ich mir (in den dreienhalb Minuten, die ich nach dem Weckerklingeln um sechs Uhr noch liegenbleiben kann, bevor die Badezimmer-Frühstücksdosen-Aufbruchs-Routine beginnt) ausdenke, als was wohl all die Autoren von Achtsamkeits-Ratgebern wiedergeboren werden, die sich lang und breit darüber auslassen, wie großartig ihr Tag beginnt, dass nichts sie bis zum Abend aus der Ruhe bringen könne, dass ihr ganzes Leben verwandelt und glücklich sei, seit sie morgens immer zuerst eine halbe Stunde allein in der Natur spazierengehen, die fünf Tibeter sieben Mal in Richtung Sonnenaufgang tanzen, zwanzig Minuten schweigend meditieren, eine Viertelstunde auf ihrer Yogamatte* verbringen und dann noch ohne viel Nachdenken vierzehn Seiten ihrer persönliche Schreibkladde füllen.

Und dann der Abend, an dem der Zwölfjährige mit einer gefalteten Zeitung um mich herumquirlt, während ich Abendessen mache – zu machen versuche – machen würde, wenn er nicht ständig da herumhüpfen würde, wo ich gerade hinwill, vor dem Kühlschrank, vor dem Küchentisch, vor dem Brotschneidebrett – und erschlägt die Essigfliegen, die sich auf den Pfirsichen gebildet haben, als ich denen mal kurz den Rücken zugewandt habe. Mama, ich hab schon 22 erwischt!
Und ich bin glücklich.

 

 


*um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich habe garnichts gegen Yoga, Spaziergänge, Mediation, Zeit zum Schreiben und dergleichen. Ich hätte selbst gern welche. Manchmal habe ich ja auch sieben Minuten. Oder dreiundzwanzig. Ich habe nur etwas gegen Ratgerberbuchautoren, die ignorieren, dass es Menschen gibt, denen eine Stunde Schlaf fehlt, wenn sie eine Stunde eher aufstehen.

Neues Spiel, neues Glück

Meine  Vorsätze für das neue Schuljahr lassen sich kurz und knapp ungefähr so zusammenfassen: Liebevoll und gelassen, ein Fels der Ruhe in der wilden Brandung des familiären Organisationsbedarfs, werde ich meine Kinder sanft, entspannt und bestimmt zum bereitwilligen Lernen, freudigen Üben auf Keyboard und Schlagzeug und zum selbständigen Vorausdenken an ihren nächsten Schultag anleiten und dabei selbstverständlich für ausreichende Zeiten der Entspannung und des freien Spiels – allein und mit Freunden -, für die Teilnahme an Sport-AGs, die Zufuhr von abwechslungsreichem Gemüse und Vitaminen, tägliche Knick-Senk-Fuß-Gymnastik und jederzeit fleckenlose Kleidung in ungefähr der richtigen Größe sorgen.

So jedenfalls der Plan.

Der erste Schultag lief auch garnicht schlecht.

Wir haben mehrere Tüten Schulmaterial zur Grundschule verschafft (den Großen hat sein Papa zum Gymnasium gefahren, was gut war, weil ich ihm so nicht meine wird-er-bloß-hoffentlich-Freunde-finden-Ängste mitgeben konnte); wir haben den neuen Klassenraum des Achtjährigen gefunden, obwohl die Türschilder noch nicht ausgetauscht waren; sein Schließfach entdeckt, obwohl die Nummerierung der Fächer einem undurchschaubaren Muster folgt; ich habe mir am Nachmittag eine Plastik-Aufbewahrungsbox (der richtigen Sorte!), ein Paar Rutschsocken und ein noch nicht abgelaufenes Asthma-Notfall-Spray für den Turnbeutel des Achtjährigen aus einer überschüssigen Rippe geschnitten, einen ausführlichen Schülerbogen ausgefüllt, die ersten beiden Elternbriefe der Grundschule gelesen und die Hauptinformation – die anderthalb Grundschulschließtage in den nächsten sechs Wochen – erfasst, in den Kalender geschrieben und an den Vater der Kinder weitergegeben; ich habe dem aufgeregt herumquirlenden Zwölfjährigen Trennlaschen, Klarsichtfolien und Buchumschläge zugereicht und paralell den Achtjährigen zum Ausfüllen seines Stundenplanes im Hausaufgabenheft angeleitet; zeitgleich dem Zwölfjährigen beim aufmerksamkeitsbegierigen Bericht über seine ersten Hausaufgaben und die gymnasialen Handy-Nutzungsregeln sowie dem Achtjährigen beim Erzählen von einer beinahe-Hubschrauberlandung auf dem Schulhof in der Mittagspause zugehört und ich bin – so weit ich mich erinnere – kein einziges Mal sehr laut und ungeduldig geworden.

Allerdings bin ich jetzt müde.

Sehr, sehr müde. Ist bald Wochenende?

Im September werde ich…

…dem Zwölfjährigen eine kleine Zuckertüte zum Start auf dem Gymnasium und dem Achtjährigen eine zum Beginn der 3. Klasse – mit Englisch und endlich Zensuren! – überreichen

…zur Schuleinführung meiner kleinen Berliner-Umland-Patentochter fahren

…mit den meinen Söhnen die Besuchsfreundin in Brandenburg besuchen

…mit dem liebsten Freund verreisen – vielleicht zu einem See mit türkisfarbenem Wasser, in dem ich in die Abenddämmerung hineinschwimmen werde, soweit ich nur kann

…auf noch einen und noch einen und noch einen (und dann noch einen) letzten warmen Sommertag hoffen

…bunte Fotos von Sommertagen in Alben kleben, falls es doch nicht mehr so warm wird

…mit meinem Vater und der ganz großen Schwester den Grabstein meiner Mutter wieder schön machen, auf dem nach 25 Jahren die Ausmalung der Buchstaben verblasst ist

…die große allherbstliche was-ist-zu-klein-geworden-Aktion in den Kinderkleiderschränken durchführen (och nöö, schön wieder?)

…die Orthopädin statt auf meinen Fuß zur Abwechslung auf mein schmerzendes Mausarbeits-Handgelenk schauen lassen

…wählen gehen – natürlich! Und nicht nur ich kann meine Stimme abgeben, sondern – was ich klasse finde! – neun Tage vorher auch meine Kinder.

 


Die Idee für diese Monats-Pläne-Blog-Reihe stammt von Frische Brise, der ich herzlich zum Augustbaby gratuliere!