Wieder bloggen. Ein bisschen. Vielleicht.

Zum 5.8. und Frau Brüllens WMDEDGT-Aktion habe ich es nicht geschafft, wieder mit dem Bloggen zu beginnen. Dabei hatte ich es vor; dabei hätte ich viel schreiben können, es war ein langer Tag – mit Aufwachen auf dem Klappsofa in der lolli-lutsche-grün (so die passende Wortschöpfung des Siebenjährigen) gestrichenen Ferienwohnung in Weimar, mit vom Wegesrand genaschten Pflaumen, einem wunderschönen Wasserspielplatz, mit sehr vielen Gesellschaftsspielerunden mit meinem Vater, seiner Frau und meinen hibbeligen, in der friedlichen Seniorenwohnanlage für ungewohnte Unruhe sorgenden Kindern und mit dem Packen unserer Koffer am späten Abend, in denen nach nur fünf Thüringen-Urlaubstagen vier Gläser Marmelade, eine Zucchini, ein Kilo Bohnen und drei paar neue Schuhe (Für mich! Hah! Unter den ungläubigen Augen meiner Kinder eigenhändig spontan erworben!) zusätzlich Platz finden mussten.

Dass ich nach dem 5. Juni mit dem Bloggen aufgehört habe, war nicht geplant oder absichtsvoll. Aber wie von Zauberhand war meine Zeit zum Schreiben von einem Tag auf den anderen verschwunden – verschlungen von den Schuljahres-Abschluss-Veranstaltungen (und sie feierten sieben Tage und sieben Nächte… und alle Eltern mussten jeden Abend etwas zum Buffet beitragen); von einer kleinen Jungs-Sachen-OP des Elfjährigen, dem ich die Hand beim Setzen der Narkose hielt und hinterher den ganzen Tag lang die Spuckschüssel; von meinem 40. Geburtstag, den ich zwar glücklich mit den liebsten Freundinnen und ihren Kindern beim Wandern verbrachte, der mich wegen der ungewohnt hohen Zahl aber doch sehr beschäftigt: Sollte dieses Endlichkeits- und Vergänglichkeitsdingens etwa nicht nur Verwandten von Bekannten und vielleicht noch Großeltern zustoßen, sondern auch mir bevorstehen? Wer bin ich, wenn das Wort „jung“ nicht mehr passt? Und was von all dem, von dem ich immer dachte, dass es irgendwann schon noch kommen wird, ist mir wirklich wichtig; so wichtig, dass ich es vielleicht doch noch in Angriff nehme? –

Jetzt sind Ferien, endlich, seit zwei Wochen, und ich hatte Urlaub; die Hälfte davon haben wir – siehe oben – mit dem Einheimsen von Schuhen und Gemüse in Thüringen, die andere Hälfte gemeinsam mit der Besuchsfreundin (und der Mauz-Laune des Siebenjährigen und der Rumpelstielzchenlaune des anscheinend jetzt endgültig – oh weh! – vorpubertierenden Elfjährigen) hier zu Hause verbracht. Der Rest der Ferien wird gestückelt, ein bisschen Hort und jede Menge Hortschließzeit für den Siebenjährigen und den Elfjährigen; ein langes Wochenende mit ihrem Vater, der einmal mehr zu Ferienbeginn ganz plötzlich Arbeit gefunden hat; ein paar Tage, an denen ich „halben Urlaub“ nehmen werde; ein paar Tage werden die Jungs sogar bei der Freundin ihres Vaters verbringen, bevor wir – aufseufz, ach…  – nochmal zur Kur dürfen, meine Söhne und ich. Nein, an den Haaren herbeigezogen ist es nicht, dass da „Erschöpfungsdepression“ auf meinem Einweisungsbogen steht. Irgendwas ist aus dem Gleichgewicht, schon länger; immer weniger Kraft hatte ich im letzten Jahr, weniger Lust aufs Leben, weniger Glücksgefühl. Immer haben die Arbeit und die Kinder beim Verteilen der Energie mehr als ihren Anteil abbgekommen (und immer ist da das Gefühl, dass bei beidem mehr Engagement nötig wäre), dann kam der Haushalt, und dann war da noch ein bisschen Zeit für Freunde oder wenigstens Simse an Freunde. Alles wichtig. Alles richtig, an sich. Aber danach war da oft garnichts mehr, noch nicht mal genug Zeit zum Schlafen – denn nach meinen zwei Wochen Urlaub merke ich, dass das Allerbeste daran die zusätzliche Stunde Schlaf war, die ich jeden Tag abgekriegt habe. Die hat gutgetan.

Da mag ich plötzlich sogar wieder schreiben, auch wenn ich noch nicht weiß, wie oft und wie viel.
Denn morgen geht das ja mit dem Büro wieder los.
Dreieinhalb Wochen noch, na gut. Das wird schon gehen.

Sonntag, 5. Juni

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? – Das fragt Frau Brüllen heute wieder und sammelt sehr viele sehr schöne Beiträge auf ihrer Seite. Schon wieder der 5. also! Der letzte Monat ging schnell um, kein Wunder bei all den Feiertagen.
Und so ein Tag war heute:

Obwohl es gestern später geworden ist, ist der Elfjährige um halb sechs wach. Aber leise. Halb sieben kommt der Siebenjährige dazu, von da an höre ich die beiden im Zimmer des Elfjährigen schwatzen. Ich kann mich nochmal umdrehen und weiterdösen. Von Hof ist die Amsel zu hören und ein Schwarm lärmender Spatzen.

Halb acht stehe ich auf und sage der Frühschichtbiene auf dem Balkon guten Morgen. Dann Sonntagsfrühstück vorbereiten, mit einem gekochten Ei für jeden, wir machen das noch immer so, wie früher. Aus irgendeinem Grund fangen wir am Frühstückstisch an, Wörter auf -eis zu reimen, davon gibt es erstaunlich viele und es wird eine richtige kleine Reisegeschichte (leider natürlich nur im Kreis…) daraus.
Meine Söhne haben feierlich versprochen, am Sonntagmorgen ihre Schulranzen durchzusehen und müssen das jetzt einlösen. Ich nehme mir derweil den Topf vor, in dem wir am Freitagabend nochmal Holunderblüten in Wasser versenkt haben. Es duftet herrlich. Ich setze die zwei Tüten Gelierzucker entsprechende Menge Saft auf den Herd und koche Gelee. Das restliche Holunderwasser wird nochmal zu Sirup verarbeitet. Weil vor drei Tagen der Elfjährige den Sirup kochen und abfüllen durfte, ist heute der Siebenjährige dran, dem allerdings nach dem Einrühren des Zuckers der Arm sooo wehtut, dass er bis zum Abfüllen Pause machen muss.

Ein garstiger Abwasch hat sich während all dem angesammelt und muss schnell erledigt werden. Hinterher ist der Tag schon halb um, deshalb bleibe ich gleich in der Küche und mache Quicheteig. Der kommt in den Kühlschrank, dann habe ich Zeit, um mit dem Siebenjährigen Keyboard und Lesen zu üben.
Danach hilft der Elfjährige mir, den Quicheteig mit Birnen und Gorgonzola zu belegen. Eierschmand drüber – und ab in den Ofen.

Und dann… gehe ich endlich ins Bad.

Um Viertel nach Zwölf sind wir alle angezogen und essen, und dann ist es auch schon Zeit, aufzubrechen, denn wir haben noch Sonntagspläne. Wir verlassen das Haus bei strahlendem Sonnenschein; aber als ich an der ersten Ecke meine Sonnenbrille aufgesetzt habe, ist der Himmel plötzlich voller grauer Wolken und es tröpfelt, der Regen beginnt zu strömen, Donner rollt. Statt zum Eisessen ins Café kommt die befreundete Mitmutter mit ihrem Töchterchen gleich an die S-Bahn; der Elfjährige flitzt nochmal nach Hause und holt Regenschirme. Mit drei total überdrehten Kindern und vier Regenschirmen fahren wir nach Kreuzberg zum Colulmbia-Theater, wo ein Liedermacherkonzert für Kinder stattfindet. Das Columbia-Theater kennen weder die Mitmutter noch ich, aber es ist leicht zu finden und wir sind begeistert von dem kleinen Garten, in dem die Kinder noch eine halbe Stunde abwechselnd Fange spielen und um Mini-Muffins und kalte Getränke von der Bar betteln können. Die Luft im Saal ist stickig, die Stimmung angespannt. Es gibt Gedrängel um die Sitzplätze auf den Stufen; der Siebenjährige ist schon völlig fertig, ehe der erste Ton von der Bühne gekommen ist. Aber dann geht es endlich los. Nachdem alle, die die Hitze nicht aushalten, den Saal verlassen haben und alle Türen weit geöffnet worden sind, wird es ein richtig gutes Konzert mit sieben verschiedenen Liedermachern, die Lieder für Kinder und Erwachsene singen. Den Elfjährigen bekomme ich kaum zu Gesicht, er steht weit vorne und rockt und passt ein bisschen auf die Schulkameradin des Siebenjährigen auf, während der manchmal vorne mittanzt und manchmal (ich verspreche meinem Beckenboden alles, was er hören will, sieben Stunden Training täglich, gleich ab morgen, ganz bestimmt – ) von meiner Schulter aus über die Köpfe der Erwachsenen vor uns zur Bühne guckt und begeistert seinen Kuschelhasen in die Luft wirft.

Irgendwann gehe ich mit den Kleinen raus, während der Elfjährige und die Mitmutter noch die schönen Abschlusslieder mitbekommen. Irgendwann ist das Konzert zu Ende und wir gehen nach Hause, und irgendwann kurz vor der U-Bahn fällt es uns ein, dass unsere Schirme noch in der Garderobe neben dem Konzertsaal liegen. Die Mitmutter läuft zurück, ich lenke unterdessen die drei Kinder, die sehr laut und sehr textsicher die im Konzert aufgeschnappte Zeile – „Immer! muss ich! alles! sollen!“ – singen, vom sehr lauten Singen ab, in dem ich eine Suche nach Glücksklee in der Rabatte anrege. Dann fahren wir wirklich nach Hause.

Der Siebenjährige und der Elfjährige sind so verschwitzt, dass sie sich ohne Murren in die Badewanne begeben; ich stelle den Rest von der Quiche und ein paar Streichkäsebrote auf den Tisch; dann bringe ich den Siebenjährigen ins Bett. Schon wieder hat sich ein unerfreulicher Abwasch angesammelt. Ich spüle, nehme Wäsche ab, habe noch ein Weilchen Zeit für den Elfjährigen. Als der Große auch schläft, gieße ich die Kästen und Kisten und Töpfe auf dem Balkon und setze mich mit dem Laptop auf die Bank zwischen den Blumen.

Abendstille.

 

Sommersommer

Es ist Gewitterzeit; die schwülwarme Luft macht die Gerüche der Großstadt schwer und durchdringend; Hundehaufen und gemähtes Gras, Gullies, fremde schwitzende Männer in der S-Bahn.

Es ist Hollunderzeit, ein zweiter Topf mit in Wasser angesetzten Blütendolden steht im Kühlschrank und soll zu Gelee und etwas mehr Sirup verarbeitet werden; meine Beine prickeln noch, wo ich beim Pflücken der großen weißen Dolden in die Brennesseln geraten bin; da, wo die Kinder nicht hinkamen, der Siebenjährige und seine Schulkameradin, die um die Wette (das war meine! nein ich war eben schneller! wir haben sowieso mehr!) nach den Blüten an den Ästen griffen, die wir Großem ihnen hinunterbogen.

Es ist Fußballzeit und Samstag nochdazu, der Discounter ist voller Eltern, die eigentlich dort nicht einkaufen und jetzt hilflos auf der Suche nach Saft und Käse und Brötchen herumirren, weil sie ihren Kindern – so wie ich – die Freude machen wollen, diese Bonus-Glubschies mit nach Hause zu bringen, auf die die Kinder so wild sind. (Als hätten der Siebenjährige und der Elfjährige nicht schon am Morgen ihr gespartes Taschengeld in just denselben Laden getragen und viele, viele der kleinen Sammelobjekte nach Hause gebracht).

Es ist Erdbeerzeit, nach dem Einkauf schaue ich beim Erdbeerhäuschen vorbei, ich stehe lange in der Schlange an und habe Muße, die corporatedurchdesignte fröhliche Verkäuferin zu betrachten, die nicht nur Erdbeer-T-Shirt und Erdbeerschürze, sondern auch ein mit Erdbeeren bedrucktes Tuch um den Hals und erdbeergroße Karfunkelohrringe trägt.

Es ist Balkonzeit; am Abend ist der liebste Freund zu Gast; wir holen eine große Menge Makis vom Vietnamesen und essen draußen. Hinterher zeigt der Elfjährige stolz die Knobelspiele vor, die er beim Känguru-Wettbewerb gewonnen hat; die Kinder knobeln, während es dämmert und die Spätschichtbiene ihre letzten Runden dreht und die Krähenküken im Schlafbaum rumoren. Am Morgen sitzen wir dann wieder mit den Müslischüsseln draußen, die Frühschichtbiene nimmt ihren Dienst auf; die Krähenküken drehen elegante Runden zwischen den Bäumen im Hinterhof; die Freundin des Vaters meiner Kinder geht von ihm nach Hause und ruft von unten „Hallo“, meine Kinder antworten fröhlich; allmählich erwacht hier und da Familienleben hinter geöffneten Fenstern.

Es ist Sommer.

Hyldeblomst

Der Elfjährige kommt von seinem Vater zu mir und bringt einen Beutel mit schon etwas matten Hollunderblüten mit. Sirup, so hat ihm eine Frau auf dem Berliner Umsonst-Trödel-Markt erzählt, könne er daraus machen.
Du brauchst ein Rezept, sage ich, und denke laut: ob die Blüten noch gehen, wenn sie schon zwei Tage im Kühlschrank lagen? – Dann nicht, sagt mein leicht zu entmutigender Sohn.
Aber dann schaltet er doch den Rechner ein, und mit ein bisschen Hilfe findet er ein prima einfaches Rezept, bei dem man nur wenige Blüten braucht und die erst mal nur in Wasser ziehen lässt und alle anderen Zutaten morgen noch kaufen kann.
Und falls sie ihr Aroma schon verloren haben… Wir gehen einfach noch mal in den kleinen Park gleich um die Ecke. Und oh Wunder! Alles voller Hollunderbüsche.
Am Ende haben wir zwei Töpfe mit in Wasser eingelegten Dolden, süßer Duft zieht durch die Wohnung. Zum Abendbrot gibts den letzten Sirup aus dem Dänemark-Urlaub letzten Sommer. Bald haben wir selbstgemachten. Ich bin davon mindestens so begeistert wie mein Sohn.

Das Balkongartentagebuch: Von Blumen und Bienen

Es wächst – üppig wächst es!
Die Töpfe und Kisten, in denen vor einigen Wochen erst die Keimlinge aus der braunen Erde kamen, sind voller Pflanzen, denen man beim Wachsen beinahe zusehen kann.
Die Dahlie sprießt aus ihrer Knolle. Blattläuse haben sich auf einer ihrer Triebspitzen eingenistet und werden von einer regen kleinen Ameisenschar besucht. Die Bohnen ranken am Spalier; die erste, die neugierig über die Trennwand zu den Nachbarn gucken wollte, habe ich mit einer kleinen Haarklammer so am Spalier befestigt, dass die Ranke parallel zur Oberkante der Trennwand verläuft. Das muss ich jetzt sicher alle paar Tage wiederholen, dann darf sie meinetwegen vorne am Pfosten zum nächsten Balkon hochranken. Neben der Sonnenblume ist tatsächlich eine kleine Sojabohne gekeimt und entfaltet interessante Dreifachblätter, die ein bisschen an Klee erinnern. Eine Sojapflanze habe ich noch nie gesehen und bin gespannt, wie sie sich entwickeln wird.
Weil ich die alte Erde – angereichert mit Humus – nun zum dritten Mal verwende, wachsen in den meisten Töpfen auch Pflanzen, die sich selbst im letzten Herbst ausgesät haben: Rucola und rote Melde und Brunnenkresse; Buchweizen und Ringelblumen.
Die Pflücksalatkiste liefert alle zwei bis drei Tage einen kleinen Salat. Ein bisschen Melde dazu und ein paar Blätter vom Asia-Salat, der ganz schnell geschossen ist und schon in Blüte steht – lecker.

Vermisst habe ich bisher die Bienen, die im letzten Jahr so gerne unseren Balkon besucht haben. Traurig hat mich das gestimmt. Ich habe ans Bienensterben gedacht; die Diskussion um die Wiederzulassung von Glyphosat im Kopf gehabt; mich an die Schwierigkeiten erinnert, die der liebste Freund bei dem Versuch hatte, eine Bio-Gärtnerei in Berlin zu finden, die Blumen anbieten würde, die nicht mit Pestiziden behandelt sind. –
Aber übers warme Wochenende sind die ersten Blüten des Bienenfutters aufgegangen, das dicht und üppig in derselben Kiste wie im letzten Jahr steht; und jetzt sind die Bienen da. Erst nur eine, die wählerisch in den blauen Blüten herumstöbert; dann zwei und an diesem Nachmittag schon drei Bienen gleichzeitig. Wenn sie einmal da sind, werden sie doch wohl auch einen Moment Zeit für die kleinen gelben Blütchen der Tomaten haben? Dem Schnittlauch einen Besuch abstatten und beim Asia-Salat vorbeischauen? Die Kornblumen und Ringelblumen brauchen noch ein bisschen; auch Sonnenblumen wird es wieder geben und Kapuzinerkresse und Majoran…

Weil ich mich so sehr über die Bienen freue, setze ich endlich um, was wir eigentlich schon im letzten Jahr vorhatten. Mit dem Siebenjährigen baue ich eine Bienentränke, weil es in der Stadt für die Bienen zu wenige Möglichkeiten zum Trinken gibt: Ein Blumenuntersetzer wird mit etwas Wasser gefüllt, hinein kommen ein paar Steine, auf denen die Bienen sitzen können. Voila!

Und dann können wir uns hinsetzen und genießen.
Naja: Sobald der Hausmeister fertig ist, der unten mit der Elektrosäge auf die Hecken losgeht wie Don Quichote auf die Windmühlen. (Sooo laut! Wir essen dann doch mal lieber in der Küche.)
Aber dann!
Naja: Sobald das Gewitter vorbei und die Holzbank wieder getrocknet ist.
Morgen. Bestimmt morgen.

 

Eine Woche, ein Wochenende, ein Abend

Obwohl nach Stockholm nur noch eine halbe Alltagswoche kommt, ist die ganz voll. Irgendwas ist ja immer. Ich verarzte (nach dem vereiterten Daumennagelbett zwei Wochen vorher) ein vereitertes Zehennagelbett, gehe mit dem Elfjährigen deswegen zum Arzt und hole bei der Gelegenheit gleich eine Zweitmeinung zu chirurgisch behandlungsbedürftigen Jungsproblemen ein, OP steht ins Haus. Ich gehe mit dem Siebenjährigen schwimmen, bringe den Elfjährigen dazu, die Eigenschaften von gefühlten sieben Dutzend Metallen für ein beim Papa nur schlampig vorbereitetes „Portfolio“ für das Fach Naturwissenschaften zu googeln (und helfe ein bisschen mit, aus purer Empörung darüber, dass die Lehrerin den gewünschten Umfang des Projektes total im Unklaren gelassen hat; „weiterführende Recherche“ nennt sich das in der Aufgabenstellung, na prima. Wieso kann sie nicht einfach eine Klassenarbeit schreiben lassen?). Ich arbeite zweieinhalb Tage, habe diverse „Calls“, mache pünktlich Feierabend, um mit dem Siebenjährigen ins Einkaufszentrum zu fahren und eine Sommerjacke und Socken und eine Badehose und Sandalen zu kaufen, und Zumba-geeignete Turnschuhe für mich. Außerdem ist Pädagogensprechtag, wir gehen also um 18 Uhr nochmal in die Schule, um mit der Klassenlehrerin des Elfjährigen zu reden; der Siebenjährige sitzt unterdessen friedlich im Schulflur, bestochen mit zwei Päckchen Fußballkarten und einer kleinen Schachtel Smarties, die bei den Recherchen für das „Portfolio“ des Elfjährigen wegen der aufgedruckten Zutatenliste gekauft werden mussten.

Dann ist Wochenende. Zu Hause habe ich seit längerem auf Notfallmodus geschaltet, das bedeutet, dass es nichts macht, wenn alles unordentlich und schmutzig ist, und dass ich mir jeden Tag nur eine oder zwei wichtige Sachen vornehme. Für das Wochenende heißt das: Großeinkauf. Zwei Maschinen Wäsche waschen und die alte Wäsche weglegen. Einmal richtiges Essen kochen. Die Kinder räumen unter viel Gemecker ihre Zimmer auf, fegen in Küche, Bad und Flur; der Siebenjährige muss zweimal Keyboard üben und zweimal zehn Minuten laut vorlesen, der Elfjährige muss alle losen Blätter in seinem Ranzen einheften und zweimal Übungen für seinen Rücken machen. Nach dem Samstagmittagessen falle ich ins Bett und wache erst nach anderthalb Stunden wieder auf. Das tut gut. Abends gehen die Jungs zu ihrem Papa, denn die Patentante des Elfjährigen hat mich zu einem Konzert eingeladen, eigentlich anlässlich meines letzten Geburtstages, es wird also Zeit. Am Sonntagmorgen wache ich mit dicken Halsschmerzen auf, aber wir sind mit der Mitmutter aus der Klasse des Siebenjährigen, mit der ich mich so gern richtig anfreunden möchte, zum Schwimmen verabredet. (Jemanden finden, der mit dem, was man zu geben hat, etwas anfangen kann. Das wurde eigentlich über die Liebe gesagt, aber auf Freundschaft trifft es doch auch zu: Eine andere alleinerziehende Mutter, die wie ich am Wochenende gerne mal etwas gemeinsam unternehmen mag, mit noch einem Erwachsenen dabei; Eisessen, Spielplatz, Schwimmbad – das tut mir sooo gut. Und sympatisch war sie mir schon zu Kita Zeiten.) Also schlucke ich eine Schmerztablette und bleibe im Schwimmbad am Beckenrand, laufe neben dem Elfjährigen her, der acht Bahnen fürs Bronzeabzeichen übt, und neben dem Siebenjährigen, der nur noch einen Schwimmärmel braucht und tapfer Bögen um die vielen bunten Berliner Multikulti-Spaßbade-Kinder im Nichtschwimmerbecken schwimmt. Wir teilen mitgebrachtes schwedisches Knäckebrot und Erdbeeren aus dem Erdbeerhäuschen und Pizza und Pommes aus dem Schwimmbadrestaurant. Ins heiße Solebecken gehe ich am Ende dann doch mit, wir sitzen auf den Sprudelliegen zwischen der Frau im Burkini und dem stiernackigen Sumo-Ringer, dem der Siebenjährige aus Versehen seinen Ball an den Bauch wirft und den er mit seinem zahnlückigen Charme zum Lächeln – und freundlichen Zurückwerfen – bringt.
Der Siebenjährige geht zum ersten Mal mit dem Elfjährigen in die Jungsumkleide, die beiden kriegen das prima hin, ich bin sehr gerührt: so groß sind meine Kinder jetzt schon.
Als wir uns nach dem Baden im Vorraum der Schwimmhalle wiedertreffen – da, wo das geniale Unterwasser-Guckfenster in die Sprunggrube des großen Schwimmbeckens ist – freut sich das Töchterchen der Mitmutter riesig, weil da tatsächlich Meerjungfrauen schwimmen; Meerjungfrauen, deren wedelnde Fischschwänze wir von unterhalb wunderbar sehen können.

Irgendwann abends sind die Kinder satt, die letzten Pflichten erledigt, die Badesachen ausgewaschen und aufgehängt, die welken Pflanzen auf dem Balkon gegossen; ist die Sendung mit der Maus geguckt, das Geschirr gespült, das Wissen über Ägypten für den Geschichtstest abgefragt, das Gutenachtlied gesungen. Mein Hals tut schon länger wieder weh, ich möchte jetzt am liebsten vor einem Krimi einschlafen. Aber da steht noch das Tablett, auf das ich alle Papiere gestapelt habe, die sich in den letzten Wochen angesammelt haben. Irgendwo da drin stecken Sachen, die dringend sind. Ich mache Überweisungen; ich räume den Stadtplan von Stockholm beiseite. War das wirklich erst vor einer Woche? Die nächsten Wochenend-Projekte – vieleviele Reisen und Ausflüge in diesem Jahr – plane ich heute nicht mehr. Es geht einfach nicht. Es geht immer nur ein bisschen, gerade. Viel weniger, als ich müsste und möchte. Und in Summe trotzdem gut. Und wichtig und richtig und schön.

Stockholm-Reise (7)

Zurück in Oslo. Wir sind jetzt erfahrene Oslo-Umsteiger, haben Picknick dabei und kaufen auch keinen Kaffee für 5,75 Euro, den man nur mit einem Zehn-Euro-Schein gegen norwegisches Wechselgeld bezahlen könnte.
Die dicken grauen Wolken über Stockholm haben wir hinter uns gelassen; hier scheint wieder die Sonne.
Ich denke an die schönen alten Häuserreihen, die Stockholms Innenstadtinseln säumen, an die sinnig geschnittene Wohnung unserer Gastgeber in einem der riesigen Wohnblocks, dessen schmales Wendeltreppenhaus und kleine Aufzüge keiner deutschen Brandschutzrichtlinie genügen würden; an die Linienboote zu den Schären.
Auf die oberflächliche Weise eines Touristen weiß ich jetzt ein wenig von Stockholm, habe ein paar Bilder im Kopf. Ich lerne gern Städte kennen, die Hauptstädte Europas würde ich mit der Zeit gerne alle sehen.
Vor dem Fenster, an dem ich sitze, spielt sich reibungslos die logistische Routine zwischen Landung und Start einer großen Lufthansa-Maschine ab; aussteigen und ausladen, tanken und Müll entsorgen, Vorräte, Gepäck und neue Passagiere aufnehmen. Wie unglaublich das ist, so reisen zu können, um die Welt jetten, mal eben, solange man den richtigen Pass und genug Geld hat.
Aber manchmal beneide ich auch die Reisenden früherer Zeiten – die damals privilegierten, ja – die etwas anderes hatten: Zeit. Und wirklich an den Orten „ankamen“ – mit ihren langsamen Seelen, von denen meine abstammt – zu denen sie unterwegs waren.