Urlaub, doppelt konzentriert

Für das Ostseewochenende mit dem liebsten Freund schleiche ich mich am Freitagnachmittag zwei Stunden früher aus dem Büro weg. Dort türmen sich Mehrarbeit, Chaos und Überforderung zu Druck und Überstunden auf, das lässt garnicht mehr nach.

Im Zug bin ich mit dem Kopf noch in Berlin, obwohl draußen schon Felder mit Milchkaffeekühen vorbeiziehen; die Häkelwolle verheddert sich, rechts und links nur Regen.
An der See kann ich den Alltag hinter mir lassen.
Unsere Ferienwohnung erweist sich als Glücksgriff – und am Samstagmorgen ist der Himmel ganz blau. Als der Rezeptionist des großen Hotels, das als einziges schon Strandkörbe draußen hat, uns wegschickt, weil die für die Hotelgäste reserviert sind, lässt eine übermütige kleine Glückssträne uns unter den Hotelstrandkörben einen entdecken, bei dem ein freundlicher Rebell die drei Schrauben gelöst hat, mit denen der Blechstreifen befestigt war, an dem das Schloss hängt, mit dem das Holzgitter vor dem Strandkorb fixiert wird. Werden sollte.

Es macht doppelt Freude, in diesem Strandkorb zu sitzen, den Wind im Rücken, die Sonne im Gesicht, der Tauchglocke zuzusehen, die in mediativer Langsamkeit neben der Seebrücke unter- und wieder auftaucht. Die interessantesten Stellen aus Yuval Hararis “Kurze Geschichte der Menschheit” lese ich dem liebsten Freund vor, der mich tröstet und Gegenargumente weiß, als Harari konstatiert, dass nach der Steinzeit eigentlich alles nur schlechter geworden ist.

Für die Therme ist das Wetter viel zu schön. Aber es wird zu unserem Ritual, an der großen Glasfront der Schwimmhalle entlangzulaufen, wann immer wir auf dem Weg zur Ferienwohnung oder zum Strand sind, den Schwimmern einen Moment zuzuschauen und uns über das sprachlich großartig danebengegangene “All inclusive ligth plus” Angebot des Hotels zu freuen, das auf einem großen Plakat an dem Zaun angepriesen wird, der das Außenbecken ein wenig – aber nicht ganz – vor neugierigen Blicken schützt.

Beim Fischbrötchenessen sitzen wir in der Sonne. Beim Spazierengehen ziehe ich die Schuhe aus, als ob Sommer wäre; am Abend gibt es Mondschein am Strand und den großen Wagen mitten am Sternenhimmel und am Sonntagmorgen Brötchen aus der Bäckerei, in der die Einheimischen anstehen.

Ein ganzer Urlaub in zwei Tagen.

Auf gepacktem Koffer

Die Woche ist – wie die meisten kinderlosen grad – arbeitsam.
Im Büro wird es immer sehr schnell fünf, länger mag ich nicht mit Teilzeitgehalt, das muss Ausnahme bleiben. Die Telefonkonferenzendichte steigt weiter, die Bürokollegin, mit der ich inzwischen so gerne zusammensitze, ist krank; wenn sie wiederkommt, muss sie umziehen, das ist schade. Ihre Lebendigkeit wird mir fehlen, wenn da gegenüber demnächst ein schweigsamer Mann sitzt, mit dem über Kindererzieung, Liebesdinge, Gottunddiewelt und den täglichen Alltagsfrust nicht gut reden ist.

Nach der Arbeit muss dies und das besorgt werden; Kleidung für den Elfjährigen und ein Geschenk, dass er seinem Vater zu seinem Geburtstag geben kann; auch ein Geschenk für einen Kindergeburtstag (einen IKEA-Gutschein wünscht der Knabe sich, nun gut, also passendes blaues Papier her und ein gelbes Bändchen, und ein kleines Spiel, damit es nicht zu schnöde wird). Das Chaos der letzten Kinderwoche muss beseitigt, die nächste schon mal bedacht werden; wenigstens den Wocheneneinkauf will ich schon machen, das erste von vielen Frühlings-Reisewochenenden steht vor der Tür.

Bei alledem habe ich ein großes Bedürfnis nach Stille. Mache die Bürotür zu und sperre das Gelächter nebenan aus; wende in der S-Bahn den Kopf ab und starre aus dem Fenster, die Leute riechen diese Woche alle so schlecht, nach Schweiß und Bier, Knoblauch und Verdauung, und sie sind viel zu laut. Es ist schön, abends endlich an meiner S-Bahn-Station auszusteigen. Hier ist es viel stiller. Ein Auto entfernt sich, die S-Bahn fährt ab. Schritte auf dem Bürgersteig, jemand hustet aus einem geöffneten Fenster, ein Vogel singt.

Weil der liebste Freund mit erzählt hat, dass die Erde ins Trudeln gerät, wenn die Polkappen abschmelzen, träume ich in der Nacht von einem starken Erdbeben, das mich in einem Urlaub – Jugendherberge mit DDR-Einrichtung – überfällt. Der ganze Berg steht hinterher schief, zu steil, um noch hinaufzusteigen. Ich räume brav den umherliegenden Müll weg und wache erst dann auf.

Und am Wochenende fahren wir ans Meer, der liebste Freund und ich.
Da war ich noch nie im Frühling.
Da waren wir noch nie gemeinsam.

Ich melde mich von meinem Freitag-Nachmittags-Call ab, stecke die dicken Wintersachen ein und den Badeanzug und ein Buch und Schokolade, bitte die Erde, noch nicht an diesem Wochenende ins Trudeln zu kommen, gebe dem Elfjährigen Order, die frisch pikierten Tomatenpflänzchen zu gießen, bade ausgiebig, fülle den Kühlschrank mit Vorräten und kaufe eine Fahrkarte für die Verbindung mit – ach – gefühlten dreizehn Umstiegen. Bis ans Meer.

Tagebuchbloggen Anfang April

Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? – So fragt Frau Brüllen heute wieder. Nachdem diese schöne Aktion im März auf ein Wochenende fiel, ist nun wieder ein ganz normaler Ferien-zu-Ende-Dienstag dran. Und der war so:

5.30 Die Amsel weckt mich – das mag ich. Weil der Siebenjährige mich überredet hat, ihn mir mir zusammen auf der großen Matratze im Zimmer des Elfjährigen schlafen zu lassen, liegt er jetzt neben mir, deshalb klingelt mein Wecker ein paar Minuten später nur ganz leise, irgendwo unter der Decke in der Nähe meiner Knie. Ich schäle mich aus meinem Deckenberg, klettere über den Siebenjährigen und stehe auf.

6.30 Im Bad gewesen, angezogen, Brotdosen für die Schule geschmiert, Frühstück gemacht, Kaffee gekocht. Der Elfjährige ist heute morgen noch bei seinem Papa, dafür ist die Besuchsfreundin da, die gestern einen Arzttermin in Berlin hatte und heute ein großes Secondhand-Kaufhaus unsicher machen möchte.

6.35 Ich kuschele mich zum Siebenjähigen und mache ihn vorsichtig wach. Um ihn zum  Aufstehen zu motivieren, habe ich ein verlockendes Angebot: Wollen wir mal gucken, ob unsere Tomaten über Nacht gewachsen sind? – Sind sie, drei Pflänzchen jetzt schon mit stolzen sieben Millimetern Höhe. Der Majojan keimt auch und der Basilikum und die Sonnenblumen – das macht mich ganz hibbelig vor Freude. Der Siebenjährige betropft die Tomatentöpfchen liebevoll mit der Sprühflasche, damit die Erde den Tag über nicht austrocknet. Die Besuchsfreundin steht auf.

6.45 Frühstück, gemeinsam mit der Besuchsfreundin, das ist schön –

7.30 Der Siebenjährige ist angezogen und hat sein Kortisonmedikament inhaliert, wir haben unsere Zähne geputzt – Aufbruch zur Schule. Die Besuchsfreundin räumt die Küche auf und hat dann noch etwas Zeit, sie weiß, wohin der Besucherschlüssel getan werden muss.

7.45 Schule. Vor der Klassenzimmertür treffe ich diese nette Mutter, mit der ich mich so gerne anfreunden würde, wir schlendern gemeinsam zur Kaufhalle und tauschen Ferienerlebnisse aus – ich warte mit ihr, bis die Kaufhalle um acht Uhr aufmacht und gehe dann zur S-Bahn weiter.

8.10 Steige in die S-Bahn. Lese ein paar Absätze in einem Aufsatz von Martha Nussbaum, steige um, schreibe in der Wartezeit zwei oder drei sms.

8.30 Eine Kollegin verrät mir, dass die Chefs heute in Meetings sitzen – also fängt der Tag erst einmal entspannt an. Wir schwatzen ein bisschen, es herrscht allgemein Einigkeit darüber, dass der Montagabend herrlich warm war. Jeder hat draußen gesessen oder draußen gegessen oder ist irgendeiner anderen Freiluftaktivität nachgegangen.

8.45 bis 15.00 Uhr Büroarbeit. Eine Kollegin lädt zu einem Stück Geburtstagskuchen; ein paar bevorstehende Büro-Umzüge werden organisiert, Mails sind zu beantworten, eine Telefonkonferenz findet statt, in der Kantine werden Geschichten aus der Nachmittagsexistenz der Büromütter ausgetauscht. Nach dem Mittagsessen nimmt der Druck zu, alles mögliche muss fertiggemacht, verschickt, beantwortet werden.

15.07 S-Bahn. Erschöpft, angespannt.

16.05 Schule. Der Elfjährige schwingt sich auf sein Fahrrad, den Siebenjährigen habe ich an der Hand, unsere Jacken trage ich unter dem Arm, es ist schrecklich heiß, ich bin müde, mein veganer Schuh reibt und mein Bauch tut weh. Der Siebenjährige ist heute besonders langsam, während ich es eilig habe, damit der Elfjährige nicht so lange auf uns warten muss. Der Siebenjährige – gestern das fröhlichste Kind der Welt – wütet mich an, weil er irgendetwas nicht verstanden hat.

16.25 Wir machen auf dem Weg schnell noch einen Friseurtermin für den Elfjährigen aus, der eigentlich schon in der Papawoche dringend dran gewesen wäre. Ich überlege, mich über den Vater meiner Kinder zu ärgern, lasse es aber sein, weil der immerhin gestern neue Halbschuhe für den Elfjährigen besorgt hat, so dass ich das nicht heute machen muss.

16.40 Endlich zu Hause. Ich sinke auf einen Berg schmutziger Wäsche, der im Flur auf Heinzelmännchen wartet; der Elfjährige möchte unbedingt das schöne Wetter nutzen und noch etwas draußen unternehmen. Papas Freundin, erzählt er, kauft uns eine Tischtennisplatte für den Hinterhof! “Uns”, denke ich und fühle mich gekränkt von der Selbstverständlichkeit, mit der der Elfjährige dieses “Uns” benutzt, das mich ausschließt; und “natürlich”, denke ich, “die muss auch nicht so viel arbeiten und hat immer viel Zeit und deshalb gut Tischtennisplattenkaufen”. Ich schlucke den Ärger herunter und schlage vor, dass der Elfjährige doch gerne das schöne Wetter nutzen und rausgehen und Blumen für sein Balkonkistenbeet kaufen könnte. Und eine Gurke fürs Abendbrot. Die Situation ist gerettet. Fünf Minuten später durchforstet der Elfjährige meine Blumensamenvorräte, und dann zeichnen meine Kinder – beide – auf Schmierblättern in Umrisse ihrer Balkonkisten optimistisch viele Blumen und Erbsenecken und Radieschenreihen ein. Ich teile an beide drei Euro Blumengeld aus. Plus Taschengeld.

17.10 In Sandalen und ohne Gepäck ist der Weg zum Blumenladen nur halb so weit, ohne drei Jacken unterm Arm ist es auch nur halb so heiß. Der Elfjährige ist allein unterwegs, ich gehe mit dem Siebenjährigen. Leider weiß der vietnamesische Blumenhändler, bei dem der Siebenjährige sich für ein ganz entzückendes Gewächs entscheidet, den Namen der Pflanze nicht. Der Elfjährige bringt einen Topf mit verschiedenfarbigen Hornveilchen nach Hause und außerdem auch so eine neumodische Blume, die ich nicht kenne.

17.50 Ich streiche Brote und schneide Gurke auf, der Elfjährige sitzt im Flur und heftet die Loseblätterausbeute des Schultages in seine Hefter ein, der Siebenjährige macht im Hintergrund Quatsch und lenkt seinen Bruder ab.

18.00 Wir sitzen auf dem Balkon in der Sonne und essen. Wir gucken zu Frau Krähe hoch, die in ihrem Nest zappelt und bewundern die keimenden Radieschen und Asia-Salate, die ich vor ein paar Tagen ausgesät habe – es grünt, es grünt tatsächlich in unseren Balkonkästen! Die Welt ist voller Wunder. Der Siebenjährige steckt den Sprühkopf der Sprühflasche in die Blumengießkanne und besprüht mit großem Vergnügen alle Balkontöpfe und Balkonkästen.

18.45 Ich mache den Abwasch, der Elfjährige sitzt im Flur und heftet mehr lose Blätter ein. Nebenbei erzählt er mir von diesem und jedem, was ihn ungefähr jede Minute davon ablenkt, was er da tun soll, nämlich fertigwerden. Wir geraten ein kleines bisschen aneinander, weil ich finde, dass mitten im Flur ein ziemlich blöder Platz ist, um ein Lerntagebuch zu schreiben, aber der Elfjährige bleibt dabei, dass er das nirgendwo anders zu machen gedenkt.

19.00 Der Siebenjährige ist bettfertig und muss noch seine zehn Pflichtminuten vorlesen. Eigentlich ist er zu müde.

19.15 Ich lese meinen Söhnen noch ein paar Kapital Wolkow vor – “Die sieben unterirdischen Könige”. Der Siebenjährige will gerne wieder mit mir auf der großen Matratze schlafen, der Elfjährige natürlich sofort auch. Also holen wir die Matratze des Siebenjährigen noch dazu (ist eh besser, weil die ja im Allergieschutzbezug steckt) und bauen uns ein ganz großes Nest. Ich kündige an, dass ich flüchten werde, wenn es links oder rechts neben mir Gezappel gibt.

19.45 Der Siebenjährige schläft ein, der Elfjährige macht sein Lerntagebuch fertig. Ich telefoniere kurz mit meinem Vater.

20.05 Der Elfjährige kommt mit den Känguru-der-Mathematik-Aufgaben zu mir aufs Sofa. Der Wettbewerb war vor den Ferien, die Ergebnisse werden aber erst im Mai bekanntgegeben. Wir rechnen sicherheitshalber nochmal nach, gucken, ob wir auf dieselbe Lösung kommen. Ich bin ziemlich stolz auf meinen Sohn.

20.40 Mein großes Kind schläft jetzt auch. Koche mir einen Magentee. Lege Sachen für morgen raus. Die Känguru-Aufgaben, für die der Elfjährige eben zu müde war, muss ich mir doch noch mal schnell angucken. Ganz schön kniffelig! Wenn die Ecken A, B, C, D eines Quadrates rot, gelb oder blau angemalt werden sollen, so dass keine nebeneinanderliegenden Ecken die gleiche Farbe haben, wie viele Möglichkeiten gibt es dann? Solche Fragen lasse ich ungern unbeantwortet.

21.25 So. Jetzt Mails gucken – und dann bloggen. Wäsche, Steuererklärung, Geburtstagskarte für eine liebe Freundin in der Schweiz – das geht heute alles nicht mehr.
Bitte einmal Kraft nachfüllen…

Das Balkongartentagebuch: Hochglanzfotos, Schlesische Himbeeren und ein Brotdosengewächshaus

Die Balkongartensaison beginnt!
Schon kurz vorher bin ich Opfer jenes Buchmarktsegmentes geworden, das davon lebt, unsere Sehnsüchte anzusprechen. Ach, all diese Hochglanz-Gartenbücher, eins schöner als das andere, voller wundersamer Versprechen: Vertikal-Gärtnern leicht gemacht!, Guerilla-Stadtbegrünung mit Erfolg!, Balkon- und Terassengartenwundertricks für Menschen ohne grünen Daumen!, Größte Ernte auf kleinstem Raum! – bei letzterem wurde ich dann doch schwach und bestellte, obwohl ich eigentlich weiß, dass so ein Buch außer vielen hübschen Fotos nur etwa so viele nützliche Informationen enthält, wie auch auf ein Din-A4-Blatt gepasst hätten.

Ich nutze alle Nachmittage meiner nachösterlichen kinderlosen Woche, um auf meinem Balkon zu arbeiten. Nachdem ich im letzen Herbst an Frau Pingagas Pflanzen-Samen-Kreiselei teilgenommen habe, habe ich – neben meinen eigenen Must-Haves und Ideen und den enthusiastisch gekauften Dahlienknollen und Gladiolenzwiebeln – genug Samen, um locker auf insgesamt 30 Sorten Kräuter, Gemüse und Blumen zu kommen, die ich gern anbauen möchte.  Der Schwerpunkt soll – zumindest diese Idee verdanke ich meinem Hochglanzbuch – in diesem Jahr auf Salaten liegen, die im Sommer, wenn wir in den Urlaub reisen und zur Kur, schon abgegerntet sind. Und die Metallwand, die meinen Balkon begrenzt und die Sonne so sehr reflektiert, dass die daran rankenden Winden immer so schnell ihre Blätter verlieren, hänge ich zunächst mal mit Malerflies ab, bevor ich – vielleicht nächstes Jahr – dann ein großes Vertikal-Garten-Regal baue und davorstelle und das mit dem Selbstversorgerbalkon ausprobiere (oder so ähnlich. vielleicht.).

Nach diesen Überlegungen geht es los. Salate, Radieschen und Erbsen dürfen schon ausgesät werden; die abgehängte Wand sieht… naja… akzeptabel aus; und mit dem liebsten Freund genieße ich einen ersten Balkon-Frühabend, bei dem wir entdecken, dass Frau Krähe in der Linde im Nachbarhof schon auf ihrem Nest sitzt und dass ein Grüppchen Spatzen im Haus gegenüber ein Schlupf- und Brutloch in die Isolierverschalung des Hauses gepickt hat und dort fröhlich zankend ein- und ausfliegt.

Von einem Ausflug in den kleinen Heimwerkerladen in meinem Kiez bringe ich ein klitzekleines Gewächshaus mit; es hat ungefähr die Größe einer Brotdose und 12 klitzekleine Anzuchtnippchen, in die ich selbstgeernteten Petersiliensamen streue. Ich schleppe ein Stück Gipskartonwand ins Zimmer des Siebenjährigen – er ist ja nicht da und kann nicht protestieren – und lege es zwischen das Fensterbrett und eine Stuhllehne. So entsteht am hellsten Ort der Wohnung mein Vorzucht-Garten. Schnell gesellen sich Töpfchen mit Samen von Sonnenblumen, Majoran, Basilikum und  Zitronenmelisse hinzu. Und drei Töpfchen mit Tomaten – “Goldene Sonne”, “Schlesische Himbeere” und “Gelbe Johannisbeere” – die ich über Frau Pingaga von Helena bekommen habe, die winzigen Samen sorgfältig beschriftet auf Zellstroff, insgesamt sechs Sorten waren im Tütchen, ich gebe dem liebsten Freund also auch gleich davon mit und werde ganz hibbelig vor lauter Vorfreude auf unsere Ernte.

Jetzt führt mein erster Weg am Morgen zu den Salattöpfen auf dem Balkon und mein letzter am Abend zu den Anzuchttöpfchen im Gipskarton-Frühbeet im Zimmer des Siebenjährigen. Nach drei Tagen ist immernoch nichts gekeimt – nur ein versprengter Ahorn-Samen. Ohhhhhch. Ich bin sehr, sehr ungeduldig.

Ostern

Zwischen dem Ende des Magen-Fieber-Husten-Infektes, den der Elfjährige von seiner Patenreise nach Prag mitgebracht hat, und dem Ausbruch desselben Infektes bei seinem kleinen Bruder ist gerade genug Zeit, um dem liebsten Freund beim Hängen seiner Ausstellung zu helfen und um am Ostersonntag im Stadtteilpark mit der Patentante des Elfjährigen Ostereier zu verstecken. Und zu suchen.

Bei uns läuft das immer ganz demokratisch ab: Nacheinander darf jeder von uns ungefähr ein Viertel der Schokoeier und Schokohäschen und (meine Lieblingssorte!) Blätterkrokanteier verstecken, die ich in meinem großen Beutel habe.

Als erstes ist der Elfjährige dran, der Siebenjährige und die Patentante des Elfjährigen und ich warten gespannt auf dem Hauptweg, auf dem grimmig blickende Einzelmänner in windschnittiger Sportkleidung auf Rennrädern und Familien auf Picknickfahrt rechts und links an uns vorbeisausen und -radeln und Hundebesitzer Mühe haben, ihre überwiegend nicht angeleinten Lieblinge voneinander zu trennen.

Aufgeregt winkt der Elfjährige uns zu sich, und wir fangen an, zwischen altem Laub vom Vorjahr, in Mauerritzen, zwischen Baumwurzeln und inmitten von Frühblühern und immergrünen Bodendeckern nach den süßen Schätzen zu suchen. Leider ist das Gebiet, in dem der Elfjährige versteckt hat, ziemlich groß – irgendwie kommt mir das, was wir finden, weniger vor als das, was ich ihm vorhin zum Verstecken gegeben habe.

Dann ist die Patentante des Elfjährigen an der Reihe. In ihrem Versteck-Gebiet gibt es eine Menge zu entdecken: bunte Flaschendeckel, ein alter, rostiger Fahrradgepäckträger, Raketenspitzen vom letzten Silverster und jede Menge Schneckenhäuser, so schön rund, dass wir sie immer wieder für Ostereier halten. Auch hier ist es schwierig, alles wiederzufinden – bei den kleinen Schokohasen ist es nicht so schlimm, wenn wir die Population im Park ein bisschen erhöhen; es ist nicht die ganz leckere Sorte Schokolade. Aber Blätterkrokant, sagt die Patentante des Elfjährigen, überlebt in freier Wildbahn nicht so gut. Und ich stimme ihr traurig zu.

Dann darf ich verstecken, das mache ich am liebsten auf Griff- oder Augenhöhe in den Büschen, wo erstmal niemand suchen wird; zwei junge Mädchen, die auf einer Bank sitzen, gucken mir kichernd zu. Der Siebenjährige hat dann auch wieder seinen ganz eigenen Stil, er vergräbt etliche Schokoeier in den Maulwurfshügeln entlang des Abhanges, der bei Schnee immer unsere Rodelpiste ist. Eins der Eier kullert beim Finden direkt in ein dem Maulwurf nachbarschaftliches Mauseloch.

Wir gehen mit unseren gesammelten Schätzen den Abhang wieder hoch – neben uns liegt die glatte Erdbahn, auf der im Winter die Schlitten rasen – und dann liegt die Idee so greifbar in der Luft, dass keiner von uns wiederstehen kann. Jeder greift sich ein kleines Schokoladen-Ei in einer andern leuchtenden Farbe (bei uns darf nicht mit Essen gespirlt werden, aber… diese hier waren ja sowieso schon in der Erde) und wir spielen ein paar vergnügliche Runden Schokoladeneierumdiewetteweitkullern. Die beste Technik hat der Elfjährige, das ist eindeutig. Aber froh sind wir alle, weil wir zum ersten Mal ohne Schals und Mützen in der lauen Luft unterwegs sind, weil die Kinder den Hang rauf und runter flitzen und knappe Abstände ausmessen und Sieger ausrufen und die Eier wieder einsammeln, weil wir abwechselnd “noch eine Runde” und “Revanche!” und “du hast gemogelt, das war geworfen” rufen – weil das einer der Momente ist, in denen alles stimmt.

Zeit

Eine der ganz großen Illusionen, die ich mir immer wieder mache, ist die Vorstellung, dass wir an einem bestimmten Punkt in der Zukunft – nächste Woche, am Samstag, in den Osterferien – gaaaanz, ganz viel Zeit haben werden.

Dann fangen die Ferien an, und es stellt sich heraus, dass ein halber Teilzeitarbeitstag auch im Homeoffice immernoch mindestens drei Stunden dauert und meistens länger; dass gekocht und abgewaschen und eingekauft werden muss und der Müll schon wieder überquillt und am Ende keine Kraft mehr fürs Schwimmbad übrig ist und keine Zeit für den Zoo und nur gerade noch genug für eine Runde Kartenspielen vor dem Schlafengehen.

Auf den 422 Fotos, die darauf warten, in unsere Fotoalben eingeklebt zu werden, sieht das so anders aus. Wanderungen und Ausflüge, ein Picknick im Park, eine Reise zur Besuchsfreundin, Basteleien, die die Kinder stolz in die Kamera zeigen. Hatte ich vor ein, zwei Jahren noch so viel mehr Unternehmungslust? Oder steckt in meinem Kopf ein Schalter, den ich irgendwann umgelegt habe; der meine Zeitwahrnehmung verändert hat, so dass ich gewohnheitsmäßig immer schon Tage und Wochen im voraus verplane, doppelt am liebsten, so dass ich mich immer gehetzt fühle?

Die ganz große Schwester hatte vor, uns am Karfreitag zu besuchen, muss aber ganz kurzfristig arbeitsbedingt absagen. Plötzlich liegen anderthalb Tage vor uns, die wir anders gestalten müssen, als ich es mir vorgestellt habe – und da versuche ich ganz bewusst, den Schalter im Kopf zu finden und zurückzuschalten.

Ich lasse das Mittagsgeschirr auf dem Tisch stehen und verlocke meine Söhne dazu, Inliner und Rollschuhe vorzukramen und raus in die Sonne zu gehen. Ich ignoriere das Chaos aus Knieschützern, Fahrradhelmen, Schals und Jacken, das hinterher im Flur herrscht, und gehe auf den Wunsch des Siebenjährigen ein, jetzt noch unbedingt seine Lieblingsplätzchen zu backen. Ich lasse den Elfjährigen eine Osterkerze gestalten, weil er das gern machen mag, und kriege es hin, daraus kein Pflichtprogramm für uns alle zu machen.
Am nächsten Tag gelingt es mir, rechtzeitig – und noch ziemlich freundlich – zu sagen, dass ich erschöpft bin und mal eine halbe Stunde allein sein möchte. Und hinterher habe ich wieder genug Elan, um eine Sellerieknolle, einen verbogenen Löffel, Schaschlikstäbe, ein wenig Bienenwachs, ein Teelicht, Stecknadeln und die ausgepusteten Eier hervorzusuchen und den Jungs die alte Batik-Technik zu zeigen, die ich von meiner großen Schwester gelernt habe; und ich schimpfe gar nicht so sehr über die auf dem Küchentisch verkleckerten Ostereierfarben und lasse am Abend einfach alles auf dem Tisch stehen und denke auch noch nicht über den nächsten Tag nach, sondern gehe Schreiben – und das fühlt sich gut an.

Es wird bei uns unordentlicher als sonst sein an diesem Ostern; vielleicht gibt es kein festliches Essen und wir sitzen nicht zu jeder Mahlzeit gemeinsam am Tisch; dass ein Teller mit Broten irgendwo steht, reicht vielleicht aus, wenn wir dafür noch etwas Schönes zu Ende machen können.
Meine innere Anspannung hatte sich tief, tief eingegraben. Ich bin froh, dass es mir gelingt, sie wenigstens ein bisschen abzuschütteln und das Gefühl für “hierundjetzt” wiederzufinden; bin froh über die freien Tage mit meinen Kindern.

Bald werden Erwerbsarbeit und Schule uns wieder ihren Takt vorgeben, und dann werde ich ans nächste Wochenende denken oder an die nächsten Ferien und mir einbilden, dass wir dann Zeit haben werden, unendlich viel Zeit, für den Zoo und das Schwimmbad, den Kletterpark und die Wanderung und diese und jene Freunde und alles, was wir uns schon sooo lange wünschen; und werde wunderschöne, viel zu große Pläne schmieden und mich immer wieder daran erinnern müssen, das Planen auch mal sein zu lassen und stattdessen tief, tief zu atmen –  weil wir dann… wirklich Zeit haben.

Liebesdinge

Der liebste Freund stellt seine Bilder aus, und weil ich Kinderwoche habe und deshalb nicht am Abend hingehen kann, lädt er mich und die Jungs ein, am Nachmittag vorbeizukommen und beim Hängen der Ausstellung zu helfen.

Den größten Teil hat er – wohlweislich – schon fertig gemacht, bevor wir drei ankommen und der stille Galerieraum sich schlagartig mit der Energie zweier äußerst lebhafter, quirliger und darüber hinaus leicht unausgeschlafen-überdrehter Jungs füllt. Geduldig beantwortet der liebste Freund die Fragen des Elfjährigen. Der Siebenjährige darf mit dem Zollstock die Höhe und die Breite der Bilder an der Wand und die Abstände zwischen ihnen ausmessen. Dann hat der liebste Freund sich Suchaufgaben ausgedacht: Auf welchem Bild gibt es ein Brandenburger Tor? Welches Bild kennt ihr schon (weil es eigentlich bei mir zu Hause im kleinen Schlafzimmer hängt)? Auf welchem Bild hat jemand grüne Ohrenschützer auf? – Das ist alles schnell gefunden; ich gehe unterdessen staunend durch den Raum, ich kenne viele Bilder noch nicht, ich mag die Art, in der der liebste Freund malt – leuchtend, und nicht die Oberfläche der Dinge, sondern ihre Seele – so gerne. Zwei Lorbeerblätter aus der Gewürzdose habe ich ihm mitgebracht, wenn schon keinen Kranz –

Dann darf der Elfjährige selber ein Bild aufhängen; in dem schlichten Ausstellungsraum der Weddinger Künstlerkolonie ist das unkompliziert, es werden einfach Nägel in die Wand geschlagen. Eifrig hantiert mein großer Sohn mit Zollstock, Wasserwaage, Hammer und Nägeln. Dann darf der Siebenjährige mit meiner Unterstützung auch ein Bild aufhängen – genauso eifrig, unendlich stolz, schon groß genug zu sein, um helfen zu dürfen.

Unterdessen hat der liebste Freund aufgeräumt. Als die Jungs anfangen, Schwertkämpfe mit dem Zollstock auszufechten und imaginäre Monster durch den Raum zu jagen, gibt es versteckte Überraschungseier zu suchen. Dann ist alles vorbereitet, wir schließen die Tür ab und finden ein Bäckereicafé, in dem der liebste Freund noch eine Runde Schokocroissants, Zuckergusstaler und Kaffee ausgibt und ein Ich-sehe-was-was-Du-nicht-siehst-Spiel beginnt, als der Siebenjährige auf die Bank zu turnen beginnt. Er bringt uns bis zum Bus – und wir fahren wieder nach Hause.

Und ich bin glücklich.

Nein, unsere Beziehung wird auf keinen gemeinsamen Alltag hinauslaufen. Wir werden weiter Tage – und manchmal Wochen – zählen, bis wir einander wiedersehen; weiter gelegentlich lange von sehnsüchtigen Worten leben; uns weiter gerne ohne meine Kinder sehen, das Gegenteil von Alltag aus der Zeit machen, die wir miteinander verbringen, eine Insel, ein Fest, ein selbstgesponnenes Paralelluniversum, in dem wir spazierengehen, während die Stunden davonwirbeln.

Aber wir wagen es inzwischen, uns auch auf ein wenig Alltäglichkeit einzulassen, dann und wann. Auch wenn der liebste Freund dadurch miterlebt, dass meine Söhne laut und überdreht und anstrengend sein können; den Ton kennenlernt, in dem ich sie anfahre, weil ich angespannt bin und alles richtig machen möchte, damit es nur ja schön wird; auch wenn er dann miterlebt, wie wenig von mir übrig ist, wenn die beiden irgendwann schlafen, und wie groß meine Angst davor ist, dass das zu wenig sein könnte –
Wir wagen und lassen uns ein und experimentieren damit, wie sich das anfühlt.

Und gerade heute fühlt es sich unendlich gut an.
Denn in der Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, mit der der liebste Freund mit dem Siebenjährigen und dem Elfjährigen umgeht, fühle ich mich so sehr geliebt und angenommen, dass mir an diesem eisig-grauen Nieselregenfrühlingstag das Herz durch und durch sommerwarm wird.