Reif für die Insel: Momente

Himmel und Wasser angucken, während die Jungs im Sand buddeln. Sooo viel Blau!
Gleichzeitig mit allen anderen Urlaubern im klitzekleinen Laden einkaufen. Auf irgendeiner Bank picknicken, müde, einfach mal allein sein wollen. Im Schwimmbad zwanzig Minuten allein auf der Liege, herrlich. Hinterher merken, dass das warme Kinderbecken, in dem die Jungs plantschen, heute nicht warm ist. Morgens Hustensaft verteilen.
Das Mädchen vom Nebentisch, in das beide Jungs sich verkuckt haben, mit an den Strand nehmen. Die leuchtenden Augen des Zehnjährigen und das Weinen des Sechsjährigen, als das Mädchen entscheidet, dass sie den Großen lieber mag.
Mich langweilen, weil die drei Kinder zusammen im Aufenthaltsraum toben wollen und ich trotzdem nicht allein wandern gehen kann. Die Jungs mit viel Mühe zum Rausgehen überreden. Die Jungs mit viel Mühe zum Duschen überreden. Jeden Abend immer länger vorlesen. Wie vergnügt die beiden über Melchers Ungeschicke kichern!
Später allein vom Foyer aus in den Sturm schauen. Noch später die Party-Fraktion im Nebenzimmer bitten, doch in den Aufenthaltsraum zu gehen.
Morgens Sand zusammenfegen. Abends Schlick aus den Gummistiefelprofilen kratzen.
Zum Speisesaal flitzen, um vor der Hungrige-Jungs-Gruppe bei den Brötchen und den Melonenstücken zu sein.
Sms an Freunde schreiben, so wie man Post-Its hinterlässt. Vergessen, die Postkarten einzuwerfen.
Manchmal lange nicht an Berlin denken. Ab und zu denken: Ich will nach Hause.

Reif für die Insel: Urlaubsalltag

Es ist lustig und erstaunlich, wie schnell ein Urlaub seine eigenen kleinen Routinen hervorbringt. Sind wir Menschen so sehr Gewohnheitstiere, dass kleine Rituale um uns entstehen, wo immer wir uns bewegen? Oder geht das nur mir so?
Hier fängt der Tag mit dem Gelächter der Möwen an, die um halb sieben auf dem Dach gegenüber ihre Tagesbesprechung abhalten. Während die Jungs duschen, räume ich unser Zimmer auf und fege eine kleine Sanddüne zusammen. Dann gibt es eine kleine Rummycub-Runde vor dem Frühstück, die der Zehnjährige gewinnt, weil ich noch keinen Kaffee hatte.
Mittags liebe ich es, die Tasse Kaffee wiederzuentdecken, die ich morgens aus dem Speisesaal habe mitgehen lassen.
Zur Abendroutine gehört die halbe Stunde auf dem Spielplatz und die halbe Stunde am Kickertisch, den die anderen Familien offenbar garnicht entdeckt haben. Ich lese ein Paar Seiten von den “Ferien auf Saltkrokan” vor und stricke draußen auf der Bank noch ein paar Runden, wenn die Jungs schlafen. ‘Immer noch nicht fertig?’ fragt die ältere Frau, die jeden Abend vorbeikommt, und ich antworte jeden Abend mit einem gelassenen ‘Nö.’ Und schaue zum Abendhimmel und bin sehr froh, im Urlaub zu sein.

Reif für die Insel: Allein

Es ist ok, mit meinen Söhnen hier allein zu sein. Gegen das, was fehlt, rechne ich auf, dass es das Bedauern nicht gibt, mit denen ich manchmal zurückgeblieben bin, wenn die Leute, mit denen wir Urlaub gemacht haben, Lust auf Unternehmungen hatten, die ich wegen der Jungs nicht mitmachen konnte. Hier geht es nur um uns drei – und dass ich Abendandacht, Inselumrundung, Massage, Strandyoga und Parkkonzert nicht besuchen kann, ist irgendwie egal.
Ersteinmal bleiben wir auch unter uns.
Am Nebentisch eine Großfamilie, ein Paar Großeltern, drei Paar Eltern, jede Menge Kleinkinder. Die Erwachsenen streiten sich wegen der Betreuung der Kinder und  sagen freundlich “Hallo”, wann immer wir uns auf dem Gang sehen.
Die nach uns angekommenen Familien werden an einen Tisch zusammengesetzt und kriegen deshalb automatisch Kontakt – mehr, scheint mir, als der Frau lieb ist, die dort als einzige einen Mann dabei hat.
Wir bleiben an unserem Einzeltisch platziert. Vielleicht mag man hier keine Berliner?
Im Schwimmbad treffen wir dann welche. Das Mädchen aus dem Prenzelberg spielt mit dem Zehnjährigen, bis es zum Mittagessen muss. Und ein zukünftiger Klassenkamerad des Sechsjährigen ist auch da. Prima.
Mir selber reicht es völlig, ein paar gelegentliche nette Bemerkungen oder auch nur freundliche Hallos auszutauschen. Ist das besorgniserregend? Nein, entscheide ich. Ich habe besorgnisfrei. Ich habe Urlaub.

Reif für die Insel: Sommerregentag

Nordsee ist eigentlich wie Ostsee, bloß nicht da. So jedenfalls kommt es mir am ersten Abend vor, als wir über die Dünen klettern und die braune Schlickerfläche vor uns haben, die dann wohl das Watt ist.
Als wir am nächsten Morgen aufwachen, ist der Himmel grau, und Regenrauschen begleitet das morgendliche Ermahnungsgeplätscher an den Familientischen im Frühstücksraum. Die Regenpausen reichen, um am Strand – schon wieder Ebbe – ein Paar Murmelburgen zu bauen und dem Wasser beim Zurückkehren zuzuschauen. Wie schnell es unsere Gummistiefel umspült, unsere schnell aufgeschaufelten Schutzwälle wegschwemmt, sich gurgelnd in den Boden saugt! Sowas kann die Ostsee dann doch nicht.
Nachmittags ist die Kinovorstellung ausverkauft, als wir noch vor dem Kino in der Schlange stehen. Also lassen wir im Kurpark beim Spielfest auch die langen Ersatzhosen nassregnen. Abends beim Krimi im Aufenthaltsraum fühle ich mich dann doch einsam. Aber dann stürmt und gewittert es, und da gehe ich lieber mal zu den Jungs ins Zimmer. Schlafen. Halb sieben geht der Tag ja wieder los.

Reif für die Insel: Und los!

Ich habe zwei Koffer und meine dicke Kraxe beladen. Mich in der App festgespielt, die ich fur die Kinder aufs Smartfon geladen habe. Dem Vater meiner Kinder in einer schwachen Minute das Versprechen abgeluchst, meinen Balkon zu gießen. Und dann ungefähr acht Stunden mit dem Zehnjährigen, dem Sechsjährigen, dem Smartfon und viel zu vielen Menschen auf der langen Reise auf unsere Urlaubsinsel zugebracht.
Vor das Meer haben die Götter die Regionalbahn gesetzt, hieß das nicht so?
Es handelt sich um ein Experiment: einen richtigen, ausgewachsenen, zehntägigen Urlaub habe ich noch nie allein mit meinen Söhnen gemacht. Ich hatte immer zu viel Angst, dass das Alleinsein mit den Kindern im Urlaub, in dem ich mir doch auch Anregung von und Kommunikation mit Erwachsenen wünsche, mich gar zu traurig machen würde. Inzwischen – und weil uns alle zu anstrengend finden, um mehr als eine Woche mit uns zu verbringen und weil mir eine Woche einfach nicht reicht – traue ich mir zu, dass es trotzdem schön wird.
Und jetzt sind wir da. Heija, Urlaub!

Weiterschreiben

Ich sitze auf meinem Balkon, der in diesem Jahr ein grüner Dschungel ist – mit Ringelblumen, die reichlich Samen ansetzen; Winden, die haufenweise sorgfältig gerollte Blütenknospen für morgen tragen; den blühenden Lilien und der Tomatenpflanze, die sich unter der Last ihrer Früchte schwer auf die Seitenlehne meiner Balkonbank stützt; mit windschiefen Sonnenblumen und einer unter einer wild ausgesamten blauen Winde beinahe erstickten Papkrikapflanze, die eine einzige kleine blässliche Frucht angesetzt hat.

Vor dem Balkon rauscht der Regen und bringt ein wenig Abkühlung nach einem weiteren heißen Tag. Ich sitze hier und denke über das Weiterschreiben nach.

Ich möchte meinen Blog nicht aufgeben.

Aber mein Lebensgefühl (ach, dieses schöne deutsche Gefühlswort – ) hat sich so sehr verändert, dass ich nach einer Form des Weiterschreibens suchen muss, die jetzt für mich passt.

Das ist schwierig.

Was geschieht da gerade?
Vieles verändert sich.

Das Weiterwachsen unseres Wechselmodells wird die Zeit verkürzen, die ich ohne Kinder verbringe. Die beiden sollen um einen Tag versetzt wechseln, um auch Aktivitäten zu ermöglichen, die mit beiden Jungs gemeinsam schwierig sind. Zusätzlich soll der Zehnjährige an einem Tag der Woche über seinen Aufenthalt selbst entscheiden können; er äußert seinen Willen, es ist nicht mehr einzusehen, ihm ohne Berücksichtigung seiner Interessen vorzuschreiben, wann er sich bei seinem Vater oder mir aufzuhalten hat.

Überhaupt wird der Zehnjährige selbständiger. Die ersten Wege außerhalb unseres Kiezes darf er seit diesem Frühjahr allein zurücklegen. Seit der Fahrradprüfung besteht er darauf, allein mit dem Rad zur Schule zu fahren – und ist, wenn hitzefrei angesagt ist oder sein Bruder zum Schwimmen geht, auch schon mal gerne allein zu Hause.

Für mich bedeutet letzteres Erleichterung, ersteres aber weniger als früher die Möglichkeit, mein “eigentliches” Leben – das, was ich als “eigentlich” empfinde – in die Zeit zu verlagern, in der meine Söhne bei ihrem Vater sind. Mein “wirkliches” Leben ist mein Familienleben. So sollte es ja auch sein – oder nicht?

Ach, das große Berlin, voller Leben und Möglichkeiten und Verlockungen. In den letzten fünf Jahren hatte ich fast immer mehr Ideen und Pläne, als sich realisieren ließen. Weder zum Zen noch zum Flamenco bin ich je wirklich gegangen; habe keinen Schreibkurs besucht und bin keiner Wandergruppe beigetreten. Aber von all dem habe ich geträumt, habe mir eingebildet, ich könnte, ich könnte ja, eigentlich jederzeit, sobald dieser oder jener Punkt von der To-Do-Liste abgearbeitet wäre.

Aber seit längerer Zeit schon kommen mir all die wunderbaren Möglichkeiten unrealistisch und mein abenteuerlustiger Übermut weit, weit entfernt vor. Es ist, als ob das, was ich nach der Trennung vom Vater meiner Kinder an mir selbst – unabhängig von meiner Rolle als Mutter – wiederentdeckt habe, nun wieder von mir abfällt. Weil es einen enormen Kraftaufwand bedeutet, das Leben von zwei Grundschulkindern zu organisieren. Weil die Büroarbeit über ihre nett gedachte 80%-Begrenzung in die Abende und Wochenenden suppt. Weil es mir nicht mehr reicht, wichtige, nährende Beziehungen nur in dem Teil meines Lebens zu leben, in dem ich “kinderlos” bin.

Weil ich so müde bin.

Mehrfach ist mir in den letzten Monaten der Begriff der “Rush-Hour des Lebens” für diese Jahre begegnet, in denen alles auf einmal wichtig ist, Beruf und Kinder und, wenn möglich, auch noch die Verwirklichung diverser Träume, Reisen und Eigenheimprojekte.
In der neuesten Ausgabe von Publik Forum erzählt ein Artikel davon, dass es genau diese Überforderung mit verschiedensten Themen ist, die es in der “Lebensmitte” so schwer macht, neue Freunde zu finden. Die meisten Menschen haben schlicht zu wenig Zeit, um den Kontakt zu neuen Menschen aufzubauen. Und da ist was dran. Für die Bekannten und Nachbarn, die uns in den letzten Jahren durch Umzüge “verlorengegangen” sind, sind kaum neue nachgekommen. Keiner meiner Hausnachbarn nimmt meine Einladung an, als ich im Hinterhof mit Familie und guten Freunden (doch, die gibt es…) feiere und nicht nur mit einem Aushang im Treppenhaus einlade, sondern auch mehrere Familien im Haus direkt anspreche und zu Kuchen und Kaffee bitte. Alle sind zu beschäftigt.

Die Konsequenz ist, dass da manchmal tagelang kein anderer Erwachsener ist, mit dem ich außerhalb von Büro- und Kindergartenhallihallo rede. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich das leicht ändern würde.

All das macht mich in den letzten Monaten still, nachdenklich und zurückgezogen. Es gibt wenig zu schreiben über mein Leben; wenig kommt mir berichtenswert vor.

Alles wird erst einmal einfach genau so weitergehen, denke ich.
Aber auch: wer weiß, wozu diese Zeit gut ist. Und was – irgendwann – Neues kommen wird.

Weiterschreiben also. Vielleicht selten. Vielleicht in kurzer Notizform. Wahrscheinlich immer wieder von den selben Themen. Und davon, wie es weitergeht.

Junileben

Die Linden duften. Touristen schwärmen aus. Eltern sitzen mit bekleckerten Kleinkindern vor den Eisdielen. Auf dem Gehsteig vor “Moneygram” am Kottbusser Tor liegen händeweise rote Papierherzchen. Junge schöne Menschen chillen bei Lounge-Musik in coolen Cafés.

Das ist der erste Tag seit mehr als drei Wochen, an dem ich ohne Kinder in Berlin unterwegs bin, ganz allein. Ich bringe ein Päckchen zur Post; ich gebe zwei Karten für ein Konzert, das ich nicht besuchen werde, in Kommission. Ich erzähle mir selbst das Ende einer Geschichte.

Oranienstraße. Linke Kleiderlabels haben schöne Sachen rausgehängt. Aus der Auslage vom  Obsthändler duften die Erdbeeren meterweit. Beim Blumenladen am Schlesischen Tor kann man Kornblumen und ganz kleine Weinstöcke kaufen; Landleben für den Balkon, Sehnsucht im Topf. Aber ich bin heute im Kaufnichtsrausch, ich laufe durch SO36 und bin glücklich, weil die Linden blühen.

Die Orte, denen wir uns schenken, schreibt Rebecca Solnit in ihrem Buch “Wanderlust”, schenken sich uns zurück; mit der Fülle der Assoziationen und Erinnerungen, mit denen wir an ihnen verweilt haben. So ein Geschenk ist dieser Nachmittag.