Junileben

Die Linden duften. Touristen schwärmen aus. Eltern sitzen mit bekleckerten Kleinkindern vor den Eisdielen. Auf dem Gehsteig vor “Moneygram” am Kottbusser Tor liegen händeweise rote Papierherzchen. Junge schöne Menschen chillen bei Lounge-Musik in coolen Cafés.

Das ist der erste Tag seit mehr als drei Wochen, an dem ich ohne Kinder in Berlin unterwegs bin, ganz allein. Ich bringe ein Päckchen zur Post; ich gebe zwei Karten für ein Konzert, das ich nicht besuchen werde, in Kommission. Ich erzähle mir selbst das Ende einer Geschichte.

Oranienstraße. Linke Kleiderlabels haben schöne Sachen rausgehängt. Aus der Auslage vom  Obsthändler duften die Erdbeeren meterweit. Beim Blumenladen am Schlesischen Tor kann man Kornblumen und ganz kleine Weinstöcke kaufen; Landleben für den Balkon, Sehnsucht im Topf. Aber ich bin heute im Kaufnichtsrausch, ich laufe durch SO36 und bin glücklich, weil die Linden blühen.

Die Orte, denen wir uns schenken, schreibt Rebecca Solnit in ihrem Buch “Wanderlust”, schenken sich uns zurück; mit der Fülle der Assoziationen und Erinnerungen, mit denen wir an ihnen verweilt haben. So ein Geschenk ist dieser Nachmittag.

Pilgernotizen 17

Zurück. Heute morgen noch die letzten Kilometer nach Zwickau gelaufen, in der frischen kühlen Luft nach dem Regen und den Gewittern, die wir hatten abwarten wollen und die dann irgendwoanders niedergegangen sind, nicht über unserer Pilgerherberge.

Zurück – und schon wieder 1001 Dinge, die getan, bedacht, organisiert werden müssen. Allen, die Pilgern für eine anstrengende Art von Urlaub halten, möchte ich das entgegensetzen: wie gut es tut, sich um nichts anderes als ein Dach über dem Kopf und etwas Essen kümmern zu müssen; noch nicht mal um die Urlaubsgfrage, wie der Tag am besten verbracht werden könnte – denn da ist ja der Weg, der gegangen werden will.

Rückblickend sehe ich, dass sich in diesen Tagen alles gut gefügt hat. Dass wir viel Glück hatten – oder “behütet” worden sind –

Ob sich nun etwas von diesem Gefühl in den Alltag übertragen lässt?

Pilgernotizen 15

Felder. Das Blau-Grün der Roggenfelder liegt wie ein feiner Sofabezug auf den Hügeln, in den ein Traktor Linien gezogen hat wie jemand mit zwei Fingern Spuren in einem Sofabezug ziehen könnte.  Gleich daneben die mehr gelblichgrüne Kuschelfleecedecke aus Gerste. Die Erde auf einem von weitem kahlen, von nahem mit kleinen Pflänzchen besetzten Feld hat eine Egge zu einem Zen-Garten geharkt. Zwischendrin Waldstücke, in den Bachtälern Dörfer, viel dichter als im flachen, kargen Brandenburg. Wir weichen einem hoch mit Heurollen beladenen Überbreitegefährt aus. Durch geöffnete Türen können wir in einen dieser langgestreckten Ställe sehen, die immer an Dorfrändern stehen und nie ein Firmenschild am Eingang haben. Kühe stehen dicht an dicht, mit riesigen Eutern.
Ohne die Autobahn neben uns wären Feldlerchen zu hören. In der Ferne das Erzgebirge, sanft runde Bergketten, die weiter entfernten verschwimmen in blassem Blau.

Pilgernotizen 14

Wie das Laufen über mehrere Tage die Wahrnehmung von Entfernungen verändert: Bei starker Hitze stehen wir im letzten Baumschatten eines Waldstückes. Halb 12 mittags. Hier rasten, ohne Bank? Moment mal – 5 km weiter ist auf der Wanderkarte ein Rastplatz eingezeichnet. Wir sehen uns an, wir nicken uns zu, wir machen uns auf den Weg.
Vor einer Woche hätte ich mir das noch nicht zugetraut.

Pilgernotizen 13

Beim Laufen haben wir Kästners Gedicht vom Mai gelernt. “Es überblüht sich”, schreibt er da, und er hat Recht, und die vielen, vielen Wegrandblumen erfreuen uns auch in den ersten Junitagen: Wilde Möhre, Margariten, Glockenblumen und Lichtnelken, Kornblumen und Klatschmohn, Hahnenfuß und Männertreu, ganz kleiner gelber Klee – und immer wieder wunderbare orange Blümchen, deren Namen ich erst herausfinden muss: Orangerotes Habichtskraut.

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Pilgernotizen 12

Die spirituelle Seite des Pilgerns spielt sich zögerlicher ein als die praktische. Nachdem die erste Begeisterung über das Unterwegssein sich gelegt hat, werden wir stiller. Wären wir länger unterwegs als die eine Woche, deren Ende schon näher rückt, wären es ganz stille Zeiten – beim Laufen, abends, in Kirchen, wenn die mal offen sind – die ich gern hinzunehmen würde.

Aber schon in dieser Woche beginnen wir – ein erstes, kleines Ritual – unsere tägliche Strecke mit einem Morgensegen:
“Ich bin erlöst – vergnügt – befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit:
Mein Denken, Fühlen, Hören, Sagen;
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.”

– Gern genommene Varianten: “mein Hinken, Schleichen, Rucksack-Tragen”… “mein Ächzen, Schnaufen und mein Klagen”…
Was eben gerade so passt.