Kunstspaziergang

Es war einmal, im tiefen Wedding, wo die Leute nicht so gerne wohnen mögen und die Nächte kalt und grau und finster sind… Da fand sich – vor vielen Jahren schon – eine freundliche Wohnungsbaugenossenschaft, die Künstlern Räume zum Nebenkostenpreis zur Verfügung stellte.
Und an jedem letzten Freitag im Monat darf man durch das Viertel laufen und ein paar dieser Kunsträume ansehen.

Der geführte Spaziergang beginnt in der “Kegelbahn”, einem gemütlichen Raucherlokal mit echtem Kaminfeuer und Ölbildern und Drucken an der Wand, die mir sofort gut gefallen. Die Künstlerin ist anwesend und erzählt ein wenig von ihrer Arbeit.
Sie ist ganz jung (ich habe sie mir fünfzehn Jahre älter vorgestellt, als ich ihr Gemälde auf dem Ausstellungsflyer gesehen habe, sagt der liebste Freund), die meisten Teilnehmer am Kunstspaziergang sind das auch. Vom Treffpunkt aus ziehen wir jetzt durch die Ateliers und “Projekträume”. Eine russische Malerin hat die Abendstimmung auf der winterlichen Straße Unter den Linden so schön eingefangen, dass ich sicher bin, dass die Rücklichter der Autos und die Lichterketten in den Bäumen leuchten würden, wenn im Atelier das Licht ausginge. Schmälert es meine Bewunderung für ihre Bilder, dass man ihnen ansieht, dass sie zumeist von Fotos abgemalt sind? Ein wenig.
Eine serbische Künstlerin präsentiert Monotypien, ihre Technik bleibt trotz ihrer bereitwilligen Erklärungen in gebrochenem Englisch geheimnisvoll. Der Galerieinhaber lädt breit lächelnd zur Balkan-Party ab Mitternacht ein. Hier ist es, denke ich, das junge, wilde, lebendige, Berlin, ach! Nur müde darf man nicht sein, um es zu erleben, jedenfalls nicht nachts.

Ein anderer Raum zeigt Videoanimationen, die sich künstlerisch mit Molekularbiologie auseinandersetzen. Wir bekommen 3D-Brillen und sehen riesige wabernde Kugeln durch den Raum auf uns zuschweben. Es geht hier auch um String-Theorie, sagt der junge Mann, der das Projekt ein wenig erklärt, darum, wie die Dimensionen ineinandergefaltet sind. Und solange ich ihm zuhöre und mit meiner rot-blauen Brille auf den Bildschirm starre, auf dem ein Liniengitter sich wellt, leuchtet mir das auch ein, eine gefaltete Linie wird flächig, eine gefaltete Fläche wird 3-dimensional, gefalteter Raum wird zur Raumzeit – meinetwegen. Nur wie man einen Punkt falten soll, um eine erste Dimension zu bekommen, versteht mein armes 3D-Hirn nicht.

Draußen, auf der Straße, versuche ich, ein paar Blicke in die Wohnungen zu werfen, an deren Fenstern wir vorübergehen. Da – ein Zimmer mit einem Kronleuchter aus ganz viel funkelndem Kristall-Imitat und mit vielen pastellfarbigen Schmetterlingen an der Wand. Und da – ein ganz kahler Raum, in dem ein Mann still am Fenster sitzt.

Dass die Kunsträume eigentlich auch kleine Wohnungen sind, verleiht ihnen etwas äußerst Gemütliches. Fast überall gibt es eine Küche, steht Essen auf einem Tisch, sitzen Künstler mit ihren Freunden zusammen. Besonders klein ist der Raum, in dem die Performance “Licht trifft Klang” gezeigt werden soll. Gerade hier ist es rappelvoll, der liebste Freund und ich flüchten nach draußen, bevor ich mich – macht es Euch doch bitte gemütlich, das dauert jetzt eine Weile, so lange stehen geht ja nicht – ganz hinten in der Ecke eingequetscht auf eine Decke niederlassen muss. Hinter uns gehen die Jalousien runter, ein paar enttäuschte Performance-Fans kommen zu spät und werden dann doch noch über den Hausflur eingelassen.

Weil wir nicht von außen zusehen können und auch nicht im Nieselregen abwarten wollen, bis Licht und Klang sich kennengelernt haben, schauen wir uns auf eigene Faust noch zwei Gruppenausstellungen an, die auf der heutigen Spaziergangsroute liegen.
Die erste, tief in einem finsteren Hinterhof, übersehen wir fast, weil die Räume so kahl sind und draußen nur “Prayer-Workshop” dransteht (vorne an der Toreinfahrt war ja auch ein Schild der neuapostolischen Kirche, hätte ja sein können – ). Einer der Künstler hat Holzklötzchen schwarz-weiß angestrichen und dann ein Bild von ihnen gemalt, beides zusammen steht da nun. Ein anderer zeigt unter dem Titel “Horror vacui” die Reservierungsbestätigung einer Pension für eine Buchung in 2025. Wieder ein anderer hat sich darauf spezialisiert, gedrechselte Holzstäbe in die Tüllen von Gießkannen oder die Öffnungen von Sonnenschirmständern zu stecken. Diese Ausstellung macht mich ratlos, besteht denn diese Art von Kunst vor allem darin, dass da ein Künstler sich selbst und seine Ideen so ernst nimmt, dass er es schafft, Ausstellungsmacher und -publikum davon zu überzeugen, dass sie tiefe Bedeutung besitzen? Beweisen meine Irritation – und mein Lachen beim Lesen der Buchungsbestätigung – dass die Künster Recht hatten, dass gelungen ist, was sie beabsichtigt haben?

Die letzte Ausstellung zeigt Kunstwerke von vier Frauen. Eine hat Nasen aus schwarzem Glas gemacht und sie zu hohen Stapeln aufgetürmt oder einzeln in Eierbecher drapiert; eine hat verschiedene Objekte in weiß und orange zusammengestellt; gegenüber hängen viele Fotos von einem Rasen, die nach rechts hin immer grüner werden (ist das eine optimistische Aussage, weil unsere kulturelle Lesrichtung von links nach recht verläuft?) – und im hinteren Raum zeigt ein Bildschirm das Bild einer riesigen Clivia.
In diese Ausstellung, sagt der liebste Freund, wäre ich gern gekommen, ohne zu wissen, dass diese Kunstwerke alle von Frauen sind. Ob ich es erraten hätte? In diese Ausstellung, sage ich, würde ich gern in einem (mal eben aus einer Raum-Zeit gefalteten) Paralleluniverum nochmal in der Überzeugung kommen, dass alle diese Kunstwerke von Männern stammen. Und dann vergleichen: Hätte ich sie anders interpretiert?

Mit Bildern, Gedanken und Fragen im Kopf machen wir uns auf den Weg in Richtung Straßenbahn. Vor uns laufen junge Menschen, die Jungs in hautengen Hosen und unförmigen Pelzmänteln, die Mädchen in hautengen Hosen und unförmigen Wolljacken und mit um den Kopf geflochtenen Haaren; ich möchte garnicht fünfzehn Jahre jünger sein, sage ich.

Wir steigen in die Bahn. Ich schließe die Augen und lehne meinen Kopf müde an die Schulter des liebsten Freundes. In dem einen Atelier fängt vielleicht gerade jetzt diese Balkan-Party an, laut und ausschweifend; in dem anderen ist vielleicht gerade jetzt die Klang-trifft-Licht-Performance zu Ende und die beeindruckten Zuschauer schnappen nach frischer Luft; überall hier im Wedding wachsen in den Köpfen von jungen Künstlern und Künstlerinnen gerade jetzt neue Ideen, still und unaufhaltsam wie Haare oder Fingernägel oder Bäume.
Und einige ihrer Kunstwerke könnten zu mir sprechen oder mich anrühren, mich irritieren oder zum Nachdenken bringen, beim nächsten Mal, irgendwann.

Eine Woche voller Nachrichten

Man kann doch keine Trauer um Menschen empfinden, die man garnicht kennt, sagen Freunde, Betroffenheit, ja, aber Trauer? – und vielleicht ist das nur ein Streit um Worte, die alle nicht richtig passen.
Und dass jeden Tag so viele Kinder sterben, dass dieser Flugzeugabsturz nur ein kleiner Peak in dem großen Elend der Welt ist.
Und das ist ja richtig.

Trotzdem nimmt dieses große Unglück von vor ein paar Tagen mich sehr mit. Der Gedanke an die Eltern, die da Kinder verloren haben, der am allermeisten –

Nein, inzwischen mag ich die Medienberichte nicht mehr hören oder lesen, ich mag keine weiteren Details wissen. Aber das Gefühl von Trauer ist noch da.

Vielleicht überfordert uns das immer gegenwärtige Leid in der Welt – das, zu dem man aktiv hinschauen müsste; das, wegen dem wir uns diffus schuldig fühlen, ohne es wirklich ändern zu können, Ökostrom hin, Spendenbeleg her.
Vielleicht sind unsere Gefühle bei einer “fassbareren” Katastrophe – einer, die man hätte verhindern können, einer, die sich nicht täglich wiederholt – deshalb stärker? Weil sie sich – für uns Nicht-Betroffene – dann doch noch irgendwie verarbeiten lässt?
Oder weil sie auch uns treffen könnte?

Selbst wenn die Gefühle, die ein Unglück dieser Art in uns auslöst, auch mit uns selbst zu tun haben (mit unserer Angst, unsere eigenen Lieben zu verlieren, mit dem Wissen, dass wir alle verletzlich sind), und auch wenn wir die Menschen garnicht kennen, die da wirklich gelitten haben und leiden – wir sollten gut mit diesen Gefühlen umgehen. Deshalb finde ich es wichtig, dass Menschen Kerzen aufstellen; deshalb finde ich es richtig, dass Fahnen auf Halbmast geweht haben, und sogar, dass die Nationalmanschaft mit Trauerflor gespielt hat.

Wie unbeholfen sie auch wirken mögen, solche Rituale – sie helfen uns beim Mitfühlen, glaube ich.
Und wer mit seinem Mitgefühl umgehen kann, wer Formen hat, um es auszudrücken, der wagt ja vielleicht das Mitfühlen auch an anderer Stelle. Da, wo das Leid weniger spektakulär ist. Wo man helfen könnte.

Meine Kinder werden – bei ihrem Vater, in der Schule – sicherlich etwas von diesem Flugzeugabsturz mitbekommen haben. Heute abend kommen sie wieder zu mir. Vielleicht erzählen sie davon. Dann werden wir gemeinsam auch eine Kerze anzünden. Und an die Menschen denken, die jetzt um ihre Lieben trauern.

Vermischte Frühlingsgefühle

Zum ersten Mal in diesem Jahr raus aufs Land, zum Wandern. Zwei winzige Leberblümchen sind im Windschatten eines alten, bemoosten Baumes schon aufgeblüht, sonst ist noch alles kahl und grau. Ich lerne, Vogelrufe zu unterscheiden: Kraniche in der Ferne, Kolkraben im Baum – und der Zweitonruf von überallher stammt von Meisen. Spechte klopfen emsig an den Baumstämmen herum.

Warme Tage zum Wochenanfang.
Die Sonne steht wieder so hoch, dass sie morgens meinen Bildschirm erreicht und die Staubkörnchen aufleuchten lässt, die sich dort abgesetzt haben.
Auf der Sonnenbank an der Straßenecke liest mittags ein rüstiger älterer Herr seine Zeitung, einen riesigen Kinderwagen neben sich. Eine Flut von Kindergartenkindern, die Mädchen leuchend rosa, alle mit lauten Tatütata!-Rufen, spült kurz vor dem Eingang zum Spielplatz an mir vorbei.
Hinter der neuen Seniorenresidenz sitzt am Nachmittag ein alter Mann im Rollstuhl, die Sonne ist weitergewandert und hat ihn, in eine tiefblaue Decke mit goldenen Sonnen drauf gewickelt, im kühlen Schatten hinter sich gelassen.

Der Neunjährige hat die ersten Feuerwanzen entdeckt und trägt behutsam eine nach Hause. Die setze ich in ein Glas, sagt er, und ich mache Sand und frische grüne Blätter rein, und dann kriegt sie Wasser zum Trinken und fühlt sich wohl und ich hole ihr noch einen Freund und wir geben ihr einen Namen… Seine Augen strahlen, und die Feuerwanze, in ihrem mit einem alten Stofftaschentuch bespannten Marmeladenglas, ist am nächsten Morgen wirklich noch am Leben.

Die Elternchallenges der Woche: “Knicklichter” für den Kindergarten. Für ausgepustete Eier (die Aufgabe von vor zwei Wochen, aber da waren die weißen Eier mit den Doppeldottern, die der Gemüseladen vor Ostern immer in sein Sortiment aufnimmt, noch nicht erhältlich) ist es schon fast zu spät, das gibt Punktabzug. Und dann steht uns ja auch noch “Sofi” bevor! Für die Schule brauchen wir deshalb dringend eine Spezial-“SoFi”-Sonnenschutzbrille, mit der der Neunjährige die partielle Sonnenfinsternis am Freitag angucken darf – sonst muss er alleine oder mit anderen Kindern, deren Eltern das wiedermal nicht hingekriegt haben, im Klassenraum bleiben.
Der Fünfjährige, der mit den Kita-Kindern sowieso im Haus bleiben muss, ist stinksauer: Immer dürfen nur die Großen alles! Und die Kleinen dürfen nie irgendwas!

Heute jedenfalls verdunkelt nichts die Sonne. Der Himmel ist märzblau, lange nicht mehr so blass wie im Winter. Die grünen Daumen beginnen zu jucken, Rabatten werden mit bunten Stiefmütterchen bepfanzt und die Knospen an den Brombeerranken sind schon ganz dick.
Bis zu den Abendnachrichten scheint die Welt in Frieden zu sein.

Irgendwo da draußen [*txt.]

I

Irgendwo da draußen ist die Wirklichkeit.
Aber alles, was wir von ihr sehen, sind Bilder. Nehmen wir den Mond:
Auf meinem naturwissenschaftlichen Bild von der Welt kreist er
um die Erde, vom Erdschatten mal mehr und mal weniger verdeckt; auf meinem
halb-mystischen Bild von der Welt hebt er nicht nur
Gewässer an, sondern lässt vielleicht auch Warzen verschwinden, Pflanzen
besser wachsen und Wunden heilen; auf meinem nostalgischen Bild von der Welt
heißt er “der gute alte Ostmond” und weckt Erinnerungen an Kindheitsnächte;
auf meinem romantischen Bild von der Welt ist er ein dicker gelber Post-Its-Block
auf dem alle meine Träume notiert sind.

II

Irgendwo hier drin bin ich, aber alles, was ihr von mir seht, sind Bilder.
Die tapfere alleinerziehende Mutter; das Großstadtsingle, das immer
Abenteuer erlebt; die Frau kurz vor 40, die sich um ihre Karriere kümmern müsste und
um eine Beziehung für auf Dauer, weil “der Lack ja bald ab” ist.
Selbst wenn ihr alle ein wenig Recht habt: Ich mag eure Bilder nicht. Sie sperren mich ein.

“Es ist, was es ist”, lässt Erich Fried die Liebe sagen, unter deren Blick
in der, die ich bin, die, die ich auch sein könnte, den Kopf hebt
und lächelt.
Aber sogar mein liebende Blick kann – wenn ich nicht achtgebe – irgendwann nur noch
ein Versuch sein, einen Menschen in mein Sehnsuchtsbild vom Glück einzupassen, da gleich links
in die Lücke zwischen dem Haus am See und den spielenden Kindern und dem rosa
Sonnenuntergang.

III

Irgendwo tief innen haben wir alle
unsere Bilder davon, wie wir sind und die anderen und die Welt:
So sieht Glück aus. So gehen Paare miteinander um. Diesunddas ist Erfolg, ist gut, ist richtig.
Das steht mir zu. Jenes nicht. So bin ich ok. Und so nicht.
Überhaupt zu bemerken, dass das Bilder sind und nicht Wirklichkeit
ist schon viel. Zum ersten Mal
wurde mir das klar, als ich kurz vor dem Abi eine Freundin besuchte, deren Eltern
vor uns Kindern einander zärtlich umarmten und küssten. Die Dinge,
lernte ich da, können auch anders sein, als ich sie mir ausmale. Das war wichtig.

IV

Mach dir kein Bild, lehrt der Koran, und die Muslime schufen
überbordende Ornamente, anbetungswürdig schön.

Mach dir kein Bild, sagten die Bilderstürmer und schlugen steinerne Heilige entzwei;
nur manche Bilder sind gut
sagten die Nazis und verbrannten tausende.
Unwiderbringlich.

Ich bin, was ich poste, fühlt Generation Facebook und stellt die Urlaubs-
bilder, die Hochzeitsbilder und die Kinderfotos ins Netz.
(Und was geschieht dann? Mit den unendlichen Halden in bits und bytes
festgehaltener Momente, die
alle mal jemandem etwas bedeutet haben?)

V

Meine Bilder sind unfertig, ambivalent und im Werden begriffen, schreibt
der liebste Freund, der manchmal so leuchtend und manchmal so düster malt,
und zitiert Tocotronic: im Zweifel für den Zweifel.
Und dafür liebe ich ihn.

Macht euch Bilder, sage ich, macht sie bunt und macht viele.
Bestimmt sind sie ein klein wenig wahr. Sie sind alle nur auch wahr.
Da ist immer noch mehr zu entdecken, als wir auf den ersten Blick sehen. Überall.


Dieser Text ist Teil des [*txt.]-Projektes.

Donnerstagsmelancholie

Von der Supermarktkassenschlange aus kann man durch den Eingang raus auf den begrünten Platz schauen. Dort taucht die Sonne ein paar großwüchsige Koniferen in derart goldenes Abendlicht, dass ihr Grün wie Herbstlaub aufleuchtet und ein paar Oktoberminuten in den März zaubert.

Trübselig hängt zu Hause mein Bademantel rum, in dem ich gestern im Liquidrom vom Liegestuhl aus (ah, dieser herrliche Moment, in dem der Liegestuhl nach hinten klappt und der Kreislauf nach Saunagang und Tauchbecken verrückt spielt und das Schwindelgefühl so schön wie Schweben ist -) Leute beobachtet habe. Paare mit Kaffeesatzpeeling im Gesicht wie halbgesäuberte Schornsteinfeger; junge fremdsprachige Berlin-Touristen, deren englische Gespräche dann doch nicht so leicht zu verstehen waren; eine vielleicht finnische Mutter, die ganz unaufgeregt mit ihrem kleinen aquabewindelten Kind im dampfend warmen Außenbecken planschte – und die Reinigungskraft, die mitten in der “urbanen Badekultur” mit ihrer grünen, deutlich ruralen Gießkanne Kaffeesatzschlieren von den dunkelgrauen Steinböden spülte.

In der S-Bahn lese ich von den “Kriegskindern” des zweiten Weltkrieges (Yury und Sonja Winterberg: “Erinnerungen einer Generation”) und schaue mit einem dicken Kloß im Hals auf. Das war hier, genau hier. Und es ist noch nicht mal so lange her. Wie irre gut es uns geht! Mir. Meinen Kindern, die nicht ausgebombt werden und deren Vater nicht in den Krieg ziehen muss und deren Gedanken um die kleinen, superduper-angesagten Supermarktkassensammelfigürchen (eins gratis pro 15 Euro Einkaufswert) kreisen dürfen und nicht um Hunger und Tod.

Und Terry Pratchett ist gestorben.
Wenn es einen Himmel gibt, dann soll er bitte vom Chorgesang befreit werden und ein Schreibzimmer kriegen.

Das Balkongartentagebuch: Bestandsaufnahme

Noch halb krankheitsgebeutelt setze ich mich mit meinem Hustentee und mit meinem Teller mit aufgewärmten Nudeln vom Vortag in die offene Balkontür, dahin, wo die Sonne hinscheint, aber nicht der Wind langpustet. Herrlich.

Sofort bekomme ich Lust, auf dem Balkon die ersten Frühlingsvorbereitungen zu treffen. Etliche Töpfe mit verdorrten Resten von Blumen oder Kräutern stehen noch rum, mit denen fange ich heute mal an. Die alte Erde will ich in diesem Jahr mit Humus (angeblich gibts den zu kaufen, wenn nirgendwo sonst, dann bestimmt im Internet) mischen und wiederverwenden. Eine von den großen blauen IKEA-Tragetaschen wird ganz voll damit.

Nebenbei stelle ich fest, was alles überlebt hat.

Die Rapünzchen unter der Tannenzweigabdeckung scheinen fast erntereif zu sein – gleich vormerken für das nächste Wochenende mit meinen Kindern. Dafür sehen die Erdbeerpflanzen dahinter ganz schön vertrocknet aus.
Der Blaubeerstrauch setzt Knospen an; den Topf mit den Lilienzwiebeln rücke ich schon mal aus dem Schatten in ein wärmeres Eckchen. Der Salbei kommt bestimmt wieder. Die Rosenkohlpflanze hat den Winter auch überlebt, sich vom Raupenfraß erholt und viele winzige Rosenkohlperlchen angesetzt. Was wohl im Frühling mit ihr passieren wird?

Im Blumenkasten haben sich die roten Melden selbständig ausgesät und beginnen zu keimen. Auch der Rucola scheint das geschafft zu haben. Vier von den letztjährigen Petersilienpflänzchen haben ganz kleine grüne Triebe. Der Oregano, der sonst immer erfroren ist, hat den ganzen Winter über dann und wann eine kleine Handvoll Blätter zum Essen beigesteuert. Der Schnittlauch treibt winzige Spitzchen. Und die Chrysantheme ist auch nur halbtot – es hat sich gelohnt, im Herbst stehenzulassen, was noch grün war.

Gleich fange ich mit dem Pläneschmieden an: Unbedingt Paprikasamen besorgen und auf dem sonnigen Bürofensterbrett vorziehen. Vielleicht wieder Basilikum aussäen? Die blauen Winden diesmal nicht an die Metalltrennwand zum Nachbarbalkon, die sich immer so aufheizt, sondern auf der anderen Seite am Geländer hochranken lassen? Dafür Stangenbohnen an die heiße Wand? Nochmal Asiasalate säen – und am besten überhaut viel, was wir vor dem Sommerurlaub schon aufessen können? Sonnenblumen (weil das so schön war!) und Kapuzinerkresse und frische Hornveilchen? Und wohin mit der Bienen-Blumen-Mischung, die ich neulich einfach kaufen musste?

Den Kindern habe ich schon beiden je eins der großen Kastenbeete versprochen. Und Kartoffeln wollen sie unbedingt wieder haben, na gut.

Zum ersten Mal nach langer Zeit wieder Erde von den Händen bürsten. Wie gut das tut, es endlich zu merken: Da kommt wieder ein Frühling! Bald wird alles zu wachsen anfangen! Bald ist es aus mit Kälte, Dunkelheit und kahlen Zweigen!

Grippe in der Großstadt [*txt.]

Schon genug Müdigkeit aus der Woche mitgebracht, dem Dreieck aus
Arbeit, Schule, Kindergarten, Haushalt, Sportverein (nein, es sind fünf, zwischen denen ich – )
Samstag Großputztag. Am Sonntagmorgen
kommt der Sechsjährige um fünf zu mir, Mama? Psst, sage ich, still, ich will schlafen.
Ergeben kuschelt mein Sohn sich zu mir, ganz still, aber ich merke
dass er wärmt wie ein heißer Stein, schon fast bei 39 das Fieber.

Später schlägt das Paracetamol nicht an. Wadenwickel. 40 Grad, 40,2. Der Kindsvater
nicht zu erreichen. Ängstlich ans Telefon, Kinderrettungsstelle, ab wann muss ich,
was kann ich noch? – Der Zehnjährige fährt zur Notapotheke.
Dann Ibuprofen und Paracetamol im Wechsel. Tee löffelchenweise, weil der Kleine
erbricht. Der Große schwankt zwischen Sorge – bei 42 Grad stirbt man! –
und Quengeln: Mama, spielst Du mit mir? Drei Runden Schach
neben dem Krankenbett. Und Wadenwickeln. Abends
darf der Zehnjährige das Fußball-WM-Finale auf DVD gucken, der Kleine schläft, endlich.

Schlechte Nacht.

Am nächsten Tag Kinderarzt, zwei Stunden, die der Sechsjährige besser
im Bett verbracht hätte. Ja, ein Virus. Drei Krankschreibungen,
weil der Vater des Kleinen und ich uns die Pflege aufteilen wollen.
Das Fieber geht hoch. Milliliterweise trinkt mein Sohn Tee, jammert nach jedem Schluck
über Bauchschmerzen, schafft kaum den Weg zur Toilette. Wieder
Ibuprofen und Paracetamol abwechselnd, dazu wieder Wadenwickel. Immer wieder.

Ich fantasiere mir
eine Großmutter, die mit einem Topf Suppe unterm Arm vor der Tür steht; Nachbarn,
die klingeln und fragen, was sie vom Einkaufen mitbringen können;
einen neuen Partner, der anbietet, den Zehnjährigen zwei Stunden
zum Fußballplatz mitzunehmen – und dann über Nacht bleibt.

Aber alle, die ich fragen könnte (und dann hebe ich mir die Frage
doch lieber für den nächsten, einen größeren Notfall auf)
sind mit ihren eigenen Leben ausgelastet. Oder weit weg.
Oder beides. (Und hätte ich etwa, zwischen Arbeit und Haushalt und Kindern, noch Kraft, zu helfen, wenn einer mich bräuchte? Aber so sollte das Leben nicht sein…)

Am Abend dann Zeit für ein paar sms. Eine Freundin erreichbar – ja, das Fieber noch hoch,
aber er schläft jetzt, ja, wird schon werden. Und bei Dir? –
Das muss reichen. Und ja: es reicht aus,
um nicht in den Abgrund
aus Erschöpfung und Einsamkeit
zu stürzen.


Dieser Text ist Teil des [*txt.]-Projektes.