WmdedgT – 5.9.2020

Tagebuchbloggen : am 5. eines jeden Monats sammelt Frau Brüllen unsere Beiträge. Hier der September 2020:

Eine ruhige Nacht auf dem Gästesofa meines Vaters und seiner Frau.

Ein Frühstück mit meiner Stiefmutter. Mit Kaffee und Ei und Aprikosenmarmelade.

Ein Vormittag mit meiner Stiefmutter und meinen Schwestern. Gespräche, was wäre wenn, wie geht es weiter, wie können wir helfen und sie ein wenig entlasten. Mögliche Wegfahr-Wochenenden und eine potentielle Urlaubswoche für die Frau meines Vaters werden im Kalender eingetragen. Pflegeberatung brauchen wir, Adressen für Notfälle müssen zusammengestellt werden.

Was ist mit den Orten, die mein Vater noch einmal besuchen möchte; wird das noch gehen?

Mittagessen, gemeinsam, meine Stiefmutter hat ihre weltbeste Nudelsuppe gekocht.

Noch ein Kaffee, noch ein Stück Zitronenkuchen.

Mit meinen Schwestern zum Bus, erst Richtung Innenstadt, dann umsteigen zum Klinikum.

Eine halbe Stunde vor Besuchszeitbeginn verhandeln wir mit dem Eingangspersonal: dürfen wir alle zu meinem Vater? Aber nur eine darf sich registrieren: eine Person pro Tag für eine Stunde ist die Coronazeit-Regel. Die ganz große Schwester macht sich, mit Blumen und Trinkstrohhalmen und einem Kissen und Kuchen und Obst, ins Kliniklabyrinth auf. Vielleicht lassen die Stationsschwestern sich noch umstimmen?

Einige Minuten später die Nachricht: nein, wir dürfen nicht auf die Station. Die ganz große Schwester bringt unseren Vater stattdessen im Rollstuhl zum Eingangsbereich. Eine knappe Stunde sitzen wir zusammen, fragen nach, beratschlagen. Die Schmerzmittel wirken nicht – aber bevor nicht MRT und Röntgen ausgewertet sind, können wir nichts tun, nichts helfen, nichts entscheiden.

Mit der großen Schwester zum Bus, zum Zug, umsteigen in Erfurt, bis Eisenach sitzen wir noch zusammen.

Dann weiter Richtung Hannover. Im Koffer ein paar Kleider, ein Krimi, ein Strickzeug; im Rucksack mein Arbeitsplatz: Laptop, Maus, LAN-Kabel, Ladekabel. Ein bisschen Digitalnomadentum, so sieht mein Leben jetzt wohl aus.

Eine Bahnbonusfreifahrt, zwischendurch ein paar Anrufe in Berlin, der Fünfzehnjährige, der den Balkon gießt, soll der Nachbarin, deren Waschmaschine kaputt ist, den Wohnungsschlüssel bringen, damit sie meine benutzen kann.

Ein bisschen Luftnot unter der FFP2-Maske, die ich mir für vollbesetzte Züge zugelegt habe. Und die Sorge um meinen Vater.

Ich freue mich auf Dich, schreibt der Hannoverliebste.

Dann steht er am Bahnsteig und nimmt meinen Koffer. In seiner Küche stehen zwei Sektgläser, Essen auf dem Herd; ich zünde Kerzen an. Zwei Wochen haben wir uns nicht gesehen; lang fühlt sich das an.

Die Nacht ist schon wieder zu kühl, um unter dem offenen Sternenhimmelfenster zu schlafen.

3. Schulwoche

Das neue Schuljahr geht auf seine 4. Woche zu. Das „neue Normal“ mag das jetzt noch nicht sein, aber für den Moment hat sich doch eine Art neues Normal eingespielt.

Das mit dem frühen Aufstehen bekomme ich nach einigen Anlaufschwierigkeiten wieder einigermaßen hin. Lege mich auch nicht mehr jeden Tag zurück ins Bett, sobald die Jungs kurz vor halb acht aus der Tür sind; das ist zwar schön (und im Halbschlaf Schlafanzug direkt an den Homeofficerechner funktioniert auch, weiß ich jetzt), aber der Kreislauf möchte garnicht mehr hochfahren, wenn ich morgens erst wieder so richtig eingeschlafen bin.

Die Corona-Verdachtsfälle in der Schule des Fünfzehnjährigen haben bisher ganz überwiegend negative Testergebnisse erhalten. Niemand musste in Quarantäne. Der Elternabend des Elfjährigen findet online statt, zum Elternabend des Fünfzehnjährigen schicke ich seinen Vater, der ansonsten Babydienst schiebt und selten ohne Geschrei im Hintergrund an ein Telefon geht.

Präsenztage im Büro habe ich noch nicht angefangen – die Bauarbeiten auf meiner S-Bahn-Strecke sind noch nicht abgeschlossen. Im September, irgendwann, vielleicht… Konzentriertes Arbeiten wäre natürlich mal wieder schön. Zu Hause ist ja immer was, und wenn es nur der Postbote ist oder der Servicemann, der die Rauchmelder installiert. Häufiger allerdings sind es Probleme, von denen ich garnicht mehr weiß, wie ich sie nach einem langen Tag im Büro gelöst haben würde:
Mein Telefonanbieter verschenkt einen WLAN-Repeater, der aber nur über einen Anruf unter einer Nummer zu bekommen ist, unter der mir unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein supertoller neuer Vertrag aufgeschwatzt wird, den ich nur mit sehr viel Mühe und zusätzlicher Zeit in der Hotline-Warteschleife wieder storniert bekomme (und der dann trotzdem nach Erhalt der Vertragsunterlagen nochmals schriftlich widerrufen werden muss).
In der weiteren Familie müssen Grundstückserbangelegenheiten geregelt werden, bei denen es um die absolut vernünftige Lösung geht, auf ein 27tel diverser Feldflurstücke zu verzichten, die aber zahlreiche Telefonate mit einem Notar erfordern und dann auch noch Telefonate mit Mitgliedern der weiteren Familie, die den Grundbesitz bekommen, aber ob meines Ersuchens um Kostenübernahme für den Berliner Notar deutlich erbost sind.
Außerdem geht auch noch das Fahrrad des Fünfzehnjährigen kaputt, dessen Vater sich weigert, es zu reparieren, weil der Fünfzehnjährige das Fahrrad nicht pfleglich behandelt; der sich aber auch weigert, einen Teil der Kosten für die Reparatur im Fahrradladen zu tragen, weil er es ja leicht und kostengünstig selbst reparieren könnte. Angesichts der Konfirmanden-Radtour am Wochenende, für die der Fünfzehnjährige ein funktionierendes Rad braucht, ist das eine komplexe – und am Ende für mich teure – Gemengelage.
Dass ich nebenher im Kopf behalte, welches der Kinder wann zum Zahnarzt muss, dass der Schachrucksack des Elfjährigen noch beim Vater liegt, aber heute bei mir benötigt wird, dass das verschwundene Portemonnaie des Elfjährigen vermutlich in genau diesem Schachrucksack steckt, wann die Impftermine sind, dass der Vater der Kinder versprochen hatte, die Ärztin anzurufen und zwei Impftermine zusammenzulegen und dass ich ihn daran erinnern muss, wenn ich möchte, dass er die Ärztin wirklich anruft, dass neue Schutzmasken gekauft werden müssen und dass die Vitamin-B-Tabletten des Elfjährigen bald aufgebraucht sein werden (die Liste ließe sich fortsetzen) – das gehört ja sowieso dazu, steigert die Produktivität im Homeoffice aber auch nicht gerade. Neulich wieder diesen Comic angesehen und dabei tief, tief geseufzt.

Was schön ist: Zwischendurch spontan einen Kaffee mit der Mitmutter trinken, auch wenn es wegen des Regens im Innenraum des Cafès sein muss. Mein nun endgültig dauerhaft online stattfindender Bauchtanzkurs. Am Telefon mit einer meiner Schwestern zu lachen. Mit dem Elfjährigen und dem Fünfzehnjährigen abends Karten zu spielen: drei Spiele Skat, vier Spiele Doppelkopf. Den Hannoverliebsten jeden Tag wenigstens auf dem Handybildschirm zu sehen (ach, mit dem WLAN-Repeater ginge das sogar unverpixelt…) Die Vorfreude auf unsere gemeinsame Radtour im September. Abends das Licht auszumachen und die Augen zu schließen.

Was zu tun bleibt: Mich mehr zu bewegen, dringend. Das Wochenende in Thüringen durchdenken, bei dem im Familienrat besprochen werden soll, wie die Frau meines Vaters ab und an ein wenig von ihrer Rund-um-die-Uhr-Pflegeverantwortung entlastet werden kann, und was in allen möglichen vorstellbaren Notfällen getan werden müsste. Auffrischungs-Fahrstunden und ein erste-Hilfe-Kurs, mal endlich.

Sommersommer

Gegen vier in der Nacht schreit draußen einer laut: „Ich lebe in einem freien Land, ich kann machen, was ich will“ –

weit offen stehen die Fenster zur Straße, der Hannoverliebste schläft tief und fest neben mir.

Gegen Mittag fahren wir ein Stück vom Mauerradweg unter der unbarmherzigen Sonne; ein unbarmherzige Stück Weg an der Autobahn, auf der die Autos Richtung Flughafen rauschen.

Gegen Abend bestellen wir indisches Essen und fahren in den Park. Nur Pappelschösslinge haben auf dem verbrannten Rasen überlebt; Wespen umkreisen uns; ein Stück entfernt feiert eine Großfamilie, wahrscheinlich Einschulung, wie heute überall in der Stadt.

An der Schule des Fündzehnjährigen gibt es den ersten Corona-Fall.

Der Hannoverliebste spielt mit den Jungs Fußball, bis alle erschöpftsind. Später ein paar Runden Tischtennis. Ein paar Selfies auf der Brücke zur Abteiinsel, die vom Partyvolk geflutet wird.

Die Nachtluft riecht so gut, dass ich die heißen Tage dann doch immer wieder mag; wegen dieser paar Minuten auf dem Heimweg von irgendwo, im Dunklen, wenn es kühler wird. Sie fühlen sich so gut nach Sommer an.

Zu Hause alle Fenster weit auf und alle nacheinander unter die Dusche.

Auf der Schwelle

Wir haben die ersten Lebensveränderungen dieses Sommers hinter uns.

Gut klappt die Zusammenarbeit mit der neuen Chefin – bisher – ; alles aus dem Homeoffice, andere Teammeetings, ein anderer Führungsstil, aber erstaunlich reibungslos. Ein paar Abläufe haken noch, aber das wird schon.

Zehn Jahre hat der Vater meiner Kinder genau drei Türen weiter in der gleichen Straße gewohnt, seine Freundin im Hinterhof gegenüber, ihre abendlichen Rufe nach ihrer Katze gehörten in den Hof wie das Zischen des Rasensprengers und die Krähenschreie. Schön war diese räumliche Nähe für die Kinder; schwierig für mich; vieles war unkompliziert zu regeln, die andere Wohnung mit den vergessenen Dingen immer nur ein paar Schritte entfernt. Seit zwei Wochen lebt der Vater meiner Kinder nun mit neuer Frau, neuem Kind und großem Wechsel-Patchwork im Nachbarbezirk. Auch das muss sich einspielen. Beide Kinder wollen im gewohnten Wechselrhythmus bleiben. „Bei uns ist das so“, sagen sie, wenn sie von ihrem Vater kommen, und ich werde ganz klein angesichts von so viel „uns“. Eure Mutter ist ganz neidisch auf unsere schöne Wohnung, zitiert der Elfjährige die Frau seines Vaters, und ich würde gerne wütend nach dem Telefon greifen und mir dergleichen Bermerkungen verbieten, aber dann lasse ich es bleiben; beim nächsten Vorfall ist ein Gespräch fällig. Den Kindern kein Elternteil schlechtzumachen sollte doch eine Grundregel sein?

Jetzt steht der Berliner Schulbeginn bevor. Wir haben größtmögliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, tönt es aus der Berliner Bildungspolitik; es wird Seife auf dem Klo geben und die Fenster sollen geöffnet bleiben – und: Maskenpflicht immer und überall – außer im Unterricht. Dort ist auch das Abstandsgebot aufgehoben, die Schulen und Klassenräume sind nämlich sowieso zu klein. Während die ersten Schulen in Mecklenburg-Vorpommern schon wieder schließen müssen, startet Berlin sein großes Wie-schnell-stecken-sich-Schüler-gegenseitig-mit-Corona-an-Experiment. Für einige Kinder oder Eltern wird das schlecht ausgehen, tödlich vielleicht, statistisch beinahe unvermeidlich. Können wir uns schützen? Nein. Habe ich Lust auf weitere Monate des Homeschoolings? Auch nein. Ich weiß also auch nicht, was tun; kaufe dem Elfjährigen zwei FFP2-Masken für die überfüllte S-Bahn und Desinfektionsgel für die Hände und rate ihm, im Unterricht eine Papiermaske zu tragen. Aber in der 10. Klasse, in der der Fünfzehnjährige noch ein Jahr mit all den Kindern ausharren muss, mit denen er sowieso schlecht zurechtkommt, dürfte das Maskentragen so uncool sein, dass er es nicht freiwillig während der Unterrichtsstunden machen wird.

Und die Hitze rollt über die Stadt. Während die Natur ächzt und leidet, haben wir es unverschämt gut: Wir schließen die Fenster und auf der Sonnenseite die Gardinen. Wir fangen Brauchwasser auf und haben – weil das nicht reicht – genug Trinkwasser, um am Abend die Balkonblumen zu gießen und die Bienentränke zu füllen. Wir fahren am Morgen zum See und bleiben fast den ganzen Vormittag im Wasser; wir treffen uns am Abend mit Freunden auf dem Restaurantschiff; wir essen Eis und radeln in der nächtlichen Kühle nach Hause zurück; wir trinken sauberes Wasser und schneiden Melone auf; wir kaufen Zeitfenstertickets fürs Schwimmbad und hoffen auf verkürzten Unterricht an den heißen Tagen.

Wir genießen den Sommer, so viel wir können.
Wir beginnen einen neuen Abschnitt, mit mehr Ungewissheit als sonst.
Ich möchte die Schutzengel meiner Kinder bestechen und einen Regentanz tanzen.

WmdedgT – August 2020

Huh, schon wieder ein Monat vorbei. Wie an jedem 5. fragt Frau Brüllen, was wir heute den ganzen Tag machen, und alle Antworten finden sich hier.

An diesem 5. August schlafe ich schlecht, denn ich weiß, dass der Fünfzehnjährige kurz nach fünf aufstehen muss und meinen Wecker in seinem Zimmer stehen hat, und die Frage, ob der Wecker auch wirklich gestellt ist, lässt mir keine rechte Ruhe. Aber er klingelt dann zur rechten Zeit, und die Geräusche aus Richtung Küche lassen darauf schließen, dass der Fünfzehnjährige auch wirklich aufgestanden ist. Es ist der siebente von acht Praktikumstagen, die der Fünfzehnjährige absoliviert – freiwillig, an Stelle des ausgefallenen Schulpraktikums, in einem Garten- und Landschaftsbaubetrieb, in dem er sich schon vor sieben einzufinden hat. Das klappt auch super: der Fünfzehnjährige ist stolz auf sich, ich bin stolz auf mein Kind, alle sind zufrieden.

Gegen halb sechs stehe ich kurz auf, lege meinem Kind ein bisschen Geld raus, damit er sich ein paar Brötchen kaufen kann, fülle ihm zwei Trinkflaschen und eine Dose mit Obst und mit kleinen Tomaten vom Balkon. Dann wünsche ich dem Fünfzehnjährigen einen erfolgreichen Tag, gehe wieder ins Bett und lese ein paar aktuelle Blogbeiträge aus meinem Reader. Kurz nach sechs höre ich meinen Sohn losgehen und mache die Augen wieder zu.

Halb neun wache ich zum zweiten Mal auf, und auch der Elfjährige kommt – noch etwas verschlafen – aus seinem Zimmer. Wir machen uns ein paar Brote zurecht und setzen uns damit auf den Balkon. Leider werden wir von einer besonders hyperaktiven Wespe vertrieben, die sich nicht damit zufriedengeben will, von meinem Marmeladenbrot zu kosten, sondern mir und dem Elfjährigen anhaltend um den Kopf kreist.

Gegen neun fange ich an zu arbeiten. Ich habe in dieser Woche lauter halbe Urlaubstage genommen und muss deshalb nur drei Stunden im Homeoffice sitzen. Zum Glück ist es eine so ruhige Woche, dass sich das ohne Probleme machen lässt. Der Elfjährige verabredet sich unterdessen mit einem Freund, spielt am Handy und bestellt sich schon mal Schulessen für die ersten Unterrichtswochen.

Unser Mittagessen ist genauso unkompliziert wie das Frühstück: für den Elfjährigen ein paar Brote, für mich ein paar Reste vom Vortag. Dann geht der Elfjährige zu seinem Kumpel und ich setze mich noch kurz an den dienstlichen Rechner. Dann Dusche. (Oh ja, Homeoffice im Schlafanzug…) Dann die Herausforderungen des Tages: Ein paar Überweisungen, das Laptop beim Reparaturshop vorbeibringen, weil es einen neuen Akku braucht, das Flusensieb an der Waschmaschine reinigen und den Blogbeitrag anfangen.

Der Rest des Tages bleibt relativ unspektakulär: Bügelwäsche und Abwasch wollen erledigt, die Tasche für den Schwimmbadbesuch morgen gepackt werden; den Kindern habe ich zum Abendessen Eierkuchen versprochen, sie gelingen gut. Um 19 Uhr findet auf Zoom mein Bauchtanzkurs statt, vorher und nachher gibt es ein paar Telefonversuche mit den Eltern des Kumpels des Elfjährigen, der erst morgen vormittag mit uns ins Schwimmbad will und dann lieber doch nicht.

Vielleicht setzen wir gleich noch unsere gemischte Skat-/Doppelkopf-Runde fort, drei Spiele Skat, vier Spiele Doppelkopf. Doppelkopf – weil wir ja nur zu dritt sind – mit einem „Doofie-Spieler“, was den Spaß zum Glück nicht verringert.

Noch einmal wird der Fünfzehnjährige heute zeitig schlafen gehen; morgen ist sein letzter Praktikumstag. Der Elfjährige wird sich gegen neun ebenfalls ins Bett zurückziehen und darf lesen, so lange er mag. Ich werde dem Hannoverliebsten per Videotelefonat Gute Nacht sagen und auch noch etwas lesen.

So jedenfalls der Plan.

Eigenzeit

Während meine Söhne mit ihrem Vater Urlaub machen, habe ich ein paar Tage in Berlin, an denen ich – abgesehen von meiner Arbeit, und die findet weiterhin zu Hause statt – ganz und gar selbst entscheiden kann, was ich tue. Und wann. Struktur gibt mir nur der Kater der Mitmutter, der zweimal am Tag sein Futter haben will, das ich ihm gern gebe, weil die Mitmutter dafür gesorgt hat, dass auf meinem Balkon kein Blättchen verwelkt ist, als wir in Dänemark waren.

So viel Zeit für mich allein habe ich selten. Und ich genieße sie.

Nach wenigen Tagen finde ich meinen Rhythmus: morgens das Radio an und ein bisschen Haushalt. Frühstücken auf dem Balkon, während der Hinterhof noch den Nebelkrähen gehört, die Wespen noch nicht um mein Himbeermarmeladenbrot schwirren und die Frühschichtbienen sich um die frisch aufgeblüten Trichter der blauen Winden kümmern. Hinterher zum Kater und dann vor der Arbeit noch ein paar MInuten ganz still im Sessel am hellen Fenster sitzen.

Im Kühlschrank steht ein Topf Gemüse, vorgekocht für mehrere Tage, daraus ist mittags schnell eine Portion in die Pfanne geschöpft und ein Essen improvisiert. Kaffee und Kräutertee zum weiterarbeiten. Nach der Arbeit irgendwas erledigen – den gesammelten Elektroschrott des vergangen Jahres zum Müllhof bringen, alte Medikamente in die Apotheke, die Uhr im Zimmer des Elfjährigen reparieren, Fotos ausdrucken, einen Einkauf vorbestellen – und alle zwei Tage an den nahesten Badesee, schwimmen, einfach geradeaus. Radfahren. Beides schieres Körperglück, wie lange sich das wohl durchhalten lässt, in den September hinein? Den frühen Oktober?

Abends noch draußen im Park sitzen oder zu Hause faul einen Film anstellen. Der Hannoverliebste sitzt per Videoanruf ein paar Minuten beinahe neben mir.

Besäße ich irgendeine Form von Ehrgeiz, dann würde ich jetzt große Dinge bewegen, Weiterbildungen anfangen, die Welt retten. Wenigstens schnelleres Internet einrichten. Oder so. Vielleicht müsste ich dafür auch nur ein klein wenig länger allein sein, versuche ich mir einzureden, drei oder vier Monate statt nur drei halbe Wochen. Wer weiß.

Aber diese Zeit ist so schön, weil sie kurz ist. Meine Sommeratempause, nach der wir hier wieder zu dritt und hochtourig leben werden. Nach der es Herbst werden darf.

Jetzt aber soll Sommer sein, und für ein paar Tage gehört er nur mir.

Ach

In Berlin sind alle meine Tomatenpflanzen umgeknickt. Vermutlich gabs Wind.

In Berlin geht nach dem einen Laptop gleich noch das andere kaputt, als hätten beide netterweise bis zum Schuljahresende mitgemacht und nun aber Ferien nötig.

In Berlin bekommt der Elfjährige ein Gerstenkorn im linken Auge und ich habe plötzlich eine Zecke in der Wade, und es ist auch kein Trost, dass es vermutlich eine dänische Zecke ist.

In Berlin heißen sogar die Pflanzen unschön; gewöhnliche Graukresse und Mäusegerste, wohin man blickt. Halbvertrocknet und zerzaust.

In Berlin prangen an den Eingängen zum Stadtwald neue Schilder, die vor dem Eichenprozessionsspinner warnen. Wir tun keinen Schritt in den Wald, aber am Rand der Grünanlage auf dem Weg nach Hause – keine drei Meter vom Bürgersteig entfernt – entdeckt der Fünfzehnjährige ein Nest mit leeren Kokons.

In Berlin ist das mit der Verwaltung ja schwierig, und deshalb ist die Ansprechpartnerin vom Grünflächenamt, der man dergleichen melden soll, zwar freundlich, gibt aber die Auskunft, dass die Stadt das Nest nicht entfernen wird, weil der Baum auf einem Grundstück der Bäderbetriebe steht.

Zum Glück gibt es die PC-Reparaturwerkstatt. Zum Glück gibt es die Nachbarin und die ehemalige Nachbarin und den einen warmen Abend, an dem wir zum Lieblingssee fahren – obwohl die S-Bahn mal wieder eine großflächige Störung hat, aber zum Glück gibt es ein Auto und Stoffmasken – und schwimmen und reden und lachen. Zum Glück gibt es die Kollegen, die im Homeoffice anrufen und Zeit zum Schwatzen haben. Zum Glück hat eine einzige Kinderärztin gerade keinen Urlaub. Und zum Glück gibt es Züge nach Hannover.

Botanopoesie

Acker-Kratzdistel und Hirschwurz

Flatter-Binse

Sumpf-Storchschnabel, Samt-Skabiose, Mausohr-Habichtskraut

Berg-Sandglöckchen

Hasen-Klee

Nelken-Haferschmiele und Silber-Fingerkraut

Sand-Segge

Kleine Wiesenraute

Pyrenäen-Storchschnabel, Kartoffel-Rose, Scharfer Mauerpfeffer, Purpur-Waldfetthenne

Dach-Pippau, Weidenröschen

Gewöhnliches Ferkelkraut, Krause Distel und

Echtes Tausendgüldenkraut


Botanische und linguistische Freuden in einem macht – unbezahlte Werbung, Vorsicht – die App Flora Incognita der TU Ilmenau. Pflanze fotografieren – Blüte, Blatt, Ähre – und schon werden Arten mit den wunderbarsten Namen vorgeschlagen. Das reinste Gedicht, so schön wie die blühenden Dünenlandschaften.