#WmdedgT: 5. Juni 2018

Frau Brüllen fragt wie an jedem 5. eines Monats, was wir alle so den ganzen Tag lang machen – und hier sammelt sie die Alltagsberichte von allen, die sich beteiligen.

Mein 5. Juni war ein Erledigungstag, was daran liegt, dass ich am Wochenende das Lotterleben einer Wechselmodellmutter geführt habe und in Heringsdorf war, wo ich den liebsten Freund beinahe die ganze Zeit fröstelnd habe am Ostseestrand sitzen lassen, um mit allerlei Gejauchze ins Meer zu hüpfen und für viele Berlin-Wochen auf Vorrat zu schwimmen. Noch dazu habe ich am Montagnachmittag auf dem Tisch der weltbesten Osteopathin gelegen und am Abend eine äußerst leckere Pizza verzehrt. Alles ohne meine Kinder.
Hinterher ist natürlich zu Hause der Mülleimer voll und der Kühlschrank leer, der Staub tanzt auf dem Tisch und die Spatzen auf dem Balkon, die Wäsche guckt vorwurfsvoll und die Erledigungsliste reicht bis Honolulu. Die war dann mal heute dran.

5.55 Ich wache auf und entscheide, besser gleich aufzustehen. Mein neuester Morgen-Programmpunkt ist– die weltbeste Osteopathin hat es angeordnet, und da mein schmerzender Knöchel unter ihren Händen wieder friedlich wird, tue ich alles, was sie vorschlägt – Gymnastik. Fünf bis zehn Minuten lang, je nachdem. Heute ist ein Zehn-Minuten-Tag. Danach koche ich mir einen Tee und gieße eine Schale Müsli mit halbundhalb heißem Wasser und Milch auf. Ich ziehe den Bademantel an und frühstücke auf dem Balkon. Die Bienen kommen wieder regelmäßig, seit die Bienenweide blüht, also sage ich der Frühschichtbiene Guten Morgen und drohe den Spatzen, die mir nach den roten Melden jetzt den rotstieligen Mangold verwüsten.

6.40 Duschen, Anziehen, Herumtrödeln.

7.10 Ich nehme den Bus zum Baumarkt. Ich brauche Orchideensubstrat, Orchideentöpfe und einen neuen Duschkopf. Alles erhältlich.

7.55 Zurück nach Hause. Im Treppenhaus begegnet mir die Nachbarin von Untendrunter und drückt mir schnell ein Päckchen in die Hand, das sie für mich angenommen hat. Ich streiche die ersten beiden Punkte von der Liste, schraube fix den neuen Duschkopf an und packe den Rucksack mit gefühlten zwei Zentnern aussortierter Bücher und einem kaputten Paar Schuhe voll. Dann zur S-Bahn.

8.45 Büro. Der Chef hat Urlaub, die geschätzte Kollegin ist krank im Homeoffice, sonst ist auf dem Gang auch noch keiner da. Durchatmen, Kaffee holen, Tagesprojekt anfangen. Zwischendurch versuche ich, den Vater meiner Kinder zu erreichen, der heute mit dem Neunjährigen zum Durchgangsarzt zum Fädenziehen geht und unbedingt fragen soll, wann der Neunjährige wieder schwimmen darf.

12.00 Mittagessen mit einer Kollegin in der Kantine: Couscouspfanne und Ratatouille – lecker! Danach schleppe ich die mitgebrachten Bücher in die Bücher-Zelle und vertraue meine allerbesten (aber kaputten) alten Urlaubssandalen dem Schuhmacher an. Hinterher gibt es im Büro noch einen Kaffee und ein bisschen Mailverkehr mit dem Chef des Chefs, der vom Chef des Chefs des Chefs auf ein paar Fragen des Chefs Antworten – leider unklare Antworten – bekommen hat, mit denen ich jetzt weiterarbeiten soll. Auch der Chef mischt sich aus dem Urlaub in die Diskussion ein. Fazit: das kann alles warten, bis er wieder da ist.

14.15 Der Vater meiner Kinder ruft mich zurück – Fäden gezogen, Schwimmen erlaubt. Der Neunjährige berichtet von den drei grässlichen blutigen Stellen an seinem Bein, die das Entfernen der Fäden hinterlassen hat.

15.00 Ich mache pünktlich Schluss. Der nächste Weg führt ins Kaufhaus, wo ich Witscher (bekannter unter dem Handelsnamen „Teigschaber“) für die Schwiegermutter meiner Schwester besorge. Denn die allerbesten Witscher ihres Vertrauens gibt es nur in Berlin! Außerdem brauche ich ein paar hellbraune Sandalen und probiere eine Weile alles an, was mir in die Hände fällt. Die Auswahl von Schuhen in dieser tendenziell schwierigen Ü-40-Farbe wird nicht leichter dadurch, dass die Schuhe wenigstens für halbe Einlagen tauglich sein sollen. Ach: Älterwerden! Ich schließe eine Vernunftehe mit einem Paar Riemchenballerinas und gehe seufzend (aber diszipliniert) an all den Ständern mit Sommerkleidern vorbei zur Kasse.

16.50 Zu Hause. Eigentlich habe ich noch mehr vor (und die Fan-Schminke, die ich den Jungs besorgen wollte, habe ich auch vergessen), aber ich bin zu müde, um nochmal loszugehen. Immerhin erreiche ich telefonisch den Spendenladen der Kinderhilfe und bekomme eine sehr erfreute Antwort auf meine Frage, ob sie den Schulanfängerranzen des Neunjährigen und seine Zuckertüte annehmen würden. Das kommt auf die Liste für den nächsten Erledigungstag. Ich stelle die Waschmaschine an, gieße mir ein großes Glas Wasser ein und setze mich kurz auf den Balkon. Trotz der sehr ausgefeilten Konstruktion aus Bambusstäben und Fäden, die ich um den Mangold gesponnen habe, haben die Spatzen von einer der Pflanzen heute weiter Blätter abgerissen. Ich schwöre Rache, habe aber keine Ahnung, was ich tun soll. Dafür freue ich mich an der ersten Cosmea, deren Blütenblätter heute Morgen noch zu einem ganz festen Päckchen zusammenlegt waren und die jetzt – wunderschön rosa – aufgeblüht ist.

17.30 Ich schreibe die Einkaufsliste für die Kinderwoche und suche Rezepte fürs Wochenende raus. Hühnchen mit Erdnusssauce, Kichererbsensalat und gefüllte überbackene Zucchinis soll es geben. Bevor ich den Einkauf bestelle, esse ich ein paar Brote. Da die Woche ruhig ist, kann ich am Donnerstag von zu Hause aus arbeiten und den Einkauf vormittags liefern lassen. Sehr schön. Jetzt ist die trockene Wäsche an der Reihe, schnell zusammenfalten und wegräumen. Dann mache ich eine Aufstellung über Kosten für Kleidung, Schuhe, Frisör, Klassenfahrt etc., die ich im letzten halben Jahr für die Kinder bezahlt habe, und schicke sie an den Vater meiner Kinder, denn wir teilen uns die meisten dieser Ausgaben und gleichen ab und zu aus, wenn einer mehr als der andere bezahlt hat. Danach ist die neue Wäsche fertig – schnell aufhängen.

19.30 Zeit zum Schreiben!

21.00 Um diese Zeit sendet Radio Colonia auf Italienisch – nebenbei kann ich noch etwas bügeln… Hinterher brauche ich nur noch ein Bett und ein Buch. Arrivederci! Buonanotte!

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Sommer im Mai

Die Sommertemperaturen lassen den Balkonfrühling im Zeitraffer ablaufen.

Die Sonnenblumen öffnen zerknitterte Blüten; Dahlie, Lilien und Cosmea setzen Knospen an; die Bienenweide entrollt ihre Knospenkugeln zu Blütenrispen und ich verliebe mich in ihre ersten, zartblauen Blüten mit den dekorativ herausragenden Staubblättern, an deren Ende winzige lilafarbene Pollenkügelchen sitzen.

Die Solitärbiene, die in diesem Jahr alleine für den Hinterhof mit Birke, Ahorn, Linde und sämtlichen Balkons zuständig zu sein scheint, ist schrecklich gestresst und mag nur kurz auf dem Schnittlauch und auf der mickrigen Sonnenblume Halt machen, bevor sie nervös weiterschwirrt. Dass sie überhaupt gekommen ist, ist so etwas wie ein Hoffnungsschimmer für mich (wenn allerdings die EU endlich Plastik-Ohrenstäbchen verbieten lässt, ist die Rettung der Welt schon beinahe gesichert… [Ironie aus]) – aber dann verirrt sich die unglückselige Biene durch die offene Balkontür in die Wohnung und muss vorsichtig aus dem Fenster im Zimmer des Dreizehnjährigen gejagt werden. Hah, ich habe eine gute Tat vollbracht, brüste ich mich vor den Kindern, aber die spielen und hören nicht zu.

Die Bienentränke auf dem Balkon – ein Untersetzer mit ein paar Steinen und frischem Wasser – haben unterdessen Hornissen und Spatzen für sich entdeckt. Ruhig und konzentriert kommen die Hornissen, selbst wenn ich auf der Holzbank sitze, landen auf dem Rand des Untersetzers und trinken durstig, bevor sie wieder aufbrechen, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die Spatzen dagegen wagen sich nur herbei, wenn ich im Haus bin, und sie tun gut daran, denn sie haben meine Sympathie verspielt: wie eine Horde hyperaktiver Kinder müssen sie pausenlos Unsinn machen, zupfen die Blätter der Melde ab, knipsen gedankenlos die Knospen vom Wandelröschen und die jungen Früchte von der Erdbeere, kacken auf die Sitzbank und schwirren ärgerlich zwitschernd davon, wenn sie eine Bewegung an der offenen Balkontür wahrnehmen.

Das Krähenkind unterdessen hüpft im lichten Ahorn von Ast zu Ast, schwankt noch etwas auf seinen langen Beinen, mit denen es ein wenig an den halbflüggen Dreizehnjährigen erinnert, streckt probehalber die Flügel aus und erhebt ein großes hungriges Geschrei, wenn seine Mutter mit Würmern im Schnabel geflogen kommt.

Wie die Krähenmutter bin auch ich am Wochenende mit dem Heranschaffen von Nahrung für mein großes Küken beschäftigt. Von der Nudelsauce, vom Bohnensalat, vom Geschnetzelten, vom Gemüse und vom Reis koche ich ein wenig mehr und stelle gut gefüllte Vorratsdosen in den Kühlschrank, damit das große Kind auch ohne Schulessen satt wird.

Zwischendurch muss der Verband an der gebrochenen Zehe des Dreizehnjährigen erneuert werden, die nun vielleicht für immer ein bisschen krummer und – wegen der Bruchstelle an der Wachstumsfuge – ein wenig kleiner als die anderen bleiben wird, aber wenigstens nicht mehr wehtut. Der Neunjährige unterdessen ist in der Schule auf ein spitzes Stück Baumwurzel gefallen und hat eine Naht und mehrere Klammerpflaster am Schienbein, von dem der Verband immer mal wieder abrutscht, so dass ich die Tüte mit Wundauflagen, Mullbinden, selbstklebenden Fixierbinden und Pflastern immer in Griffweite stehenlasse.

Als Ausgleich dafür, dass wir nicht Schwimmen gehen können, stehen Termine beim Durchgangsarzt und Kinderchirurgen auf dem Wochenplan, gefällig eingestreut zwischen den Klassenarbeiten, für die der Dreizehnjährige auf die Schnelle versucht, alle nicht gelernten englischen und französischen Vokabeln doch noch in seinem Kopf unterzubringen. Mama, hörst du mich mal ab?

Mit der Kaffeetasse in der Hand trete ich zwischendurch immer wieder für ein paar Minuten auf meinen Balkon. Die Solitärbiene hat sich zehn Minuten Zeit für meine Tomaten im Kalender notiert und ich danke ihr höflich. Ich zähle die Knospen des Wandelröschens nach, das inzwischen in einem Spatzenschutzkäfig aus Bambusstäben und Wollfäden steht; ich nicke den Schwebfliegen zu und erkläre der Winde mit einem dicken Wollfaden und einem Haarklämmerchen den Weg zum Eckpfosten.

Die Sonne macht urlaubssehnsüchtig. Wie viele Wochen noch? Sechs, acht?

Schulessen ist uncool

Hässliche Geheimnisse neigen dazu, nicht in geeigneten Momenten ans Licht zu kommen, nicht an friedlichen Vormittagen, an denen alle gute Laune haben und sich spontan ein Familienrat einberufen lässt, in dem in aller Ruhe über alles geredet werden könnte. Nein, ausgerechnet am Sonntagabend, dreieinhalb Minuten vor der Schlafenszeit, als der gebrochene Zeh noch wehtut, der Koffer vom Himmelfahrtswochenende noch garnicht recht ausgepackt ist und der Klassenfahrtskoffer für den Neunjährigen noch eingepackt werden muss, stellt sich heraus, dass der Dreizehnjährige seit einem ganzen Monat heimlich nicht mehr am Schulessen teilnimmt.

Es isst nämlich kein anderes Kind aus seiner Klassenstufe mehr mit.

Und allein zu essen findet er ganz schrecklich.

Irgendwann bin ich nicht mehr wütend, hat der Dreizehnjährige mir seine Beweggründe erklärt, ist die Schlafenszeit lange verstrichen, der Koffer gepackt… und vor mir sehe ich eine lange, traurige Zukunft, in der ich mehr Zeit am Herd verbringen werde, als mein feministisches Herz es sich je hat träumen lassen. Denn wie soll ein pubertierendes Kind bitte ohne eine warme Mahlzeit am Tag groß werden? Noch dazu meins, dessen Hosenweite immer zwei Kleidergrößen weniger beträgt als seine Hosenlänge, und das warmes Essen eigentlich über alles liebt (Während sein Bruder bekanntlich abends unter keinen Umständen etwas anderes als Frischkäsebrote zu sich zu nehmen bereit ist…)?

Meine erschrockene Mail an die Eltern der Klasse – wie handhabt Ihr das eigentlich mit dem Schulessen Eurer Kinder, schmeckt das denen nicht? Finden die das alle uncool? – verhallt ungehört in den Weiten des virtuellen Raums; nur die Mutter der Sitznachbarin und Freundin des Dreizehnjährigen schreibt mir tröstend, dass ihre Tochter sich Reste aufwärmt und manchmal gern Nudeln mit Zucker in die Schule mitnimmt.

Schlaflos liege ich im Bett und raufe mir die Haare. Was tun? Samstags und sonntags ein bisschen mehr kochen, damit montags und dienstags ein Rest zum Aufwärmen da ist? Donnerstags – wenn der Dreizehnjährige allein bei mir ist – gemeinsam kochen? Montags und donnerstags sind aber gerade die langen Schultage, also Geld mitgeben für belegte Brötchen oder für die Igittigitt-Instant-Nudeln – der letzte Schrei unter den Kindern an der Schule des Dreizehnjährigen – aus der Cafeteria? Eine größere Brotbox scheint wenig aussichtsreich, da schon jetzt meistens ein Brot wieder mit nach Hause kommt. Und was bitte machen wir mittwochs und freitags?

Es macht mich traurig, und es macht mich ein bisschen wütend: Statt dass wir froh darum sind, dass an unseren Schulen warmes Essen angeboten wird, erlauben wir unseren Kindern, das uncool zu finden und nachmittags hungrig nach Hause zu kommen; nachmittags, wenn wir selbst auch gearbeitet haben und vielleicht eine halbe Stunde wir selbst sein (auf dem Balkon sitzen, jemanden anrufen, einen Gedanken zu Ende denken, einen Plan schmieden, ein Instrument lernen, eine Revolution anzetteln) könnten – statt Gemüse zu schnippeln und Kartoffeln aufzusetzen.

Dazwischen

Mittwochabend vor dem langen Wochenende. Die Koffer sind gepackt; Lebensmittel für drei Tage eingekauft. Ein Schokoladenkuchen kühlt in der Küche aus; die Kinder schlafen; ich weiß, in welchem Zug der liebste Freund zu uns stoßen wird – ein Haus ist gebucht und erwartet uns. Morgen.

Der Abend schenkt mir noch ein paar stille Balkonminuten. Obwohl der Regen aufgehört hat,  klatscht gelegentlich ein schwerer Tropfen von der Ablaufrinne des Balkons über mir – vielleicht kaputt, vielleicht verstopft – in meine Balkon-Wasserablaufrinne. Die erste Fledermaus macht sich auf die Jagd; ein Stern blinzelt mir durch eine Wolkenlücke zu und an der Hauswand zeichnet sich allmählich der Schatten des Balkongeländers ab, weil die vollmondrunde Lampe im Nachbarhof mit zunehmender Dämmerung zur hellsten Lichtquelle wird. Im Haus gegenüber schneidet ein Mann im roten T-Shirt in seiner Küche Brot.

Die zurückliegenden Tage dürfen langsam in den Hintergrund treten. Es waren gute Tage:

Ich weiß nun, wann Cosmo auf Italienisch sendet und wo ich die Sendungen nachhören kann. Ich habe – als mein Online-Französischkurs eine technische Störung hatte – den herrlichen Podcast „One Thing in a French Day“ entdeckt und freue mich bei beiden wie die reinste Schneekönigin, wenn ich hier und da ein Wort verstehe.

Ich habe meinen (hübsch frisch gewaschenen) Fuß und meinen ganzen klapprigen Knochenapparat einer Osteopathin hingehalten, die es geschafft hat, dass ich mich während ihrer Behandlung wunderbar entspannen konnte, obwohl sie ihre Hände beim Aufspüren von Blockaden und Verspannungen eigentlich überall hatte. In Bewegung kommen müsse ich (ach… weiß ich ja schon – wenn die gute Absicht bloß zählen würde…) und solle einmal am Tag die Beine senkrecht an der Wand nach oben strecken. (Wahrscheinlich hört es sich dabei sehr gut Podcasts.)

Die Frau, der ich übers Nachbarschaftsnetzwerk im Winter Blumensamen im Austausch gegen ein paar ungenutzte Bretter (die mal ein neues Bad-Regal für mich werden könnten) gegeben habe, hat mir Fotos von all dem geschickt, was jetzt in ihren Balkonkästen wächst. Eine kleine freundliche Geste, die meinen Tag schön gemacht hat. Ich bin auch nur ein ganz klein wenig in Sorge, weil sie geschrieben hat, dass sie die Blätter der Bienenweide gegessen hat („…weil die Pflanze so groß wurde“).

Der kleine Abendblues, der sich auf dem Balkon neben mir auf der Bank niedergelassen hat, hört sich all diese Dinge an und rutscht zur Seite, damit sich eine ziemlich füllige Dankbarkeit zwischen uns niederlassen kann. Es geht uns gut, hey!

Euch allen ein schönes, entspanntes Himmelfahrtswochenende!
Es werden noch Wetten angenommen, wie viele geschmückte Handwagen mit Bierkästen morgen mit uns im Bähnchen hinaus ins grüne Land reisen werden.

#WmdedgT? 5. Mai 2018

Frau Brüllen fragt wie an jedem Monatsfünften, was wir eigentlich alle den ganzen Tag machen. Hier gibt es viele Antworten – meine ist diese hier:

Ich wache irgendwann ganz früh auf, weil die Amsel vor dem Fenster sich in ihre Morgen-Arie einsingt und der Nachbar von schräg-oben-links sein Radio oder seinen Fernseher einschaltet und die Lautstärke ordentlich aufdreht. Das macht er häufig, er lebt zu ungewöhnlichen Zeiten, weswegen ich ungern auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafe. Aber es hatte sich gestern nach einem langen Telefonat mit der Besuchsfreundin so ergeben – deshalb lege ich mir jetzt ein Sofakissen aufs Ohr und mache die Augen wieder zu.

Als ich wieder aufwache, ist es halb acht. Ich freue mich ein paar Minuten lang an dem Gefühl, nicht aufstehen zu müssen, dann stehe ich auf und mache einen kleinen Kontrollgang auf dem Balkon. Allen Pflanzen (außer den von den Spatzen geplünderten Melden) geht es gut, aber es ist zu frisch, um draußen zu frühstücken. Also setze ich mich mit meinem Tee und drei Toastbroten an den Küchentisch.

Nach einer ausführlichen Dusche packe ich die Sachen des Dreizehnjährigen zusammen, der am Vortag zu seinem Papa gewechselt ist – das bedeutet, dass ich elf transparente Plastik-Stehordner, die  – hoffentlich – jeweils Buch, Hefter und sonstiges Zubehör für genau das Schulfach enthalten, das vorne auf dem Stehordner vermerkt ist, in zwei große blaue IKEA-Taschen stelle; die dünne Jacke, die Sandalen, das Handy, die Schlagzeugnoten und die Sticks dazulege, mir die eine Tasche über die eine Schulter und die andere über die andere Schulter hänge, das Schlagzeugpad in die eine Hand nehme und mit der anderen geradeso noch die Wohnungstür hinter mir zuziehen kann. Diese Routine gibt es alle zwei Wochen (das Zubehör des Neunjährigen ist etwas handlicher und wird immer schon am Donnerstagnachmittag zum Papa – oder in der anderen Woche: zu mir – verbracht).

Ich klinge beim Vater meiner Kinder, begrüße die Jungs, schiebe mich mit den riesigen blauen Taschen in den engen Flur und setze mich kurz zum Vater meiner Kinder an den Küchentisch, um ein paar Absprachen zu treffen. Der maulende Dreizehnjährige muss danach nochmal mit zu mir kommen, weil da noch irgendwo die Informationen herumliegen müssen, die er sich für einen Kurzvortrag zusammengesucht hat.

Kurz vor halb 10 ist das Wechsel-Prozedere für dieses Mal erledigt und ich bin wieder allein.

Ich fange an, die kinderwochenverwüstete Wohnung aufzuräumen, wasche Geschirr ab, sammle Schmutzwäsche ein, stelle die Waschmaschine an, putze den Herd und den Badspiegel, die Badewanne und das Klo und merke gerade zur richtigen Zeit, dass ich eigentlich lieber in die Bibliothek fahren möchte, um einen kleinen Büchervorrat für die anstehenden Feiertage und Reisen zu besorgen. Jodi Picoult und Jörg Maurer für Himmelfahrt, Sue Monk Kidd und Regine Sylvester für Pfingsten, Graeme Simsion für jetzt sofort gleich und dann noch hier ein Buch und da eines – ein erfreulicher Stapel, den ich auf dem Weg zur digitalen Ausleihenverbuchung kaum auf dem Arm balancieren kann. Und dann ist da ja am Ausgang noch das frisch mit aussortierten Beständen bestückte Zu-Verschenken-Regal! Meine Tasche beult sich am Ende, als würde ich einen kleinen Elefanten darin transportieren. Sie ist auch genauso schwer.

Leider ist es zu spät, um nochmal kurz zu Hause vorbeizufahren und die Bücher abzustellen, also bleibe ich in der Bahn sitzen und fahre zum S-Café Friedenau, in dem ich mit der Patentante des Dreizehnjährigen verabredet bin. Die Sonne kommt neugierig um die Hausecke, sobald wir uns an unserem Tisch auf dem freundlichen kleinen Bahnhofsvorplatz niedergelassen haben; es gibt Kichererbsensalat mit Minze, Milchkaffee, kleine Updates aus ihrem und meinem Leben und beinahe einen Sonnenbrand im Nacken. Das ist sehr, sehr schön. Wir verabreden, uns unbedingt zum gemeinsamen Fußballgucken im Juni und vielleicht auf einen gemeinsamen Besuch in einer Trampolinhalle mit meinen Kindern zu treffen. Bald. Bestimmt bald…

Auf dem Rückweg beantworte ich ein paar sms und verpasse meinen Umsteigebahnhof, weil ich in „Das Rosie-Projekt“ vertieft bin. Also dauert die Fahrt etwas länger und ich bin erst um halb drei wieder zu Hause.

Mein Wochenendziel ist es, die Steuererklärung zu machen – damit kann ich aber auf keinen Fall anfangen, solange es in der Wohnung noch so schrecklich aussieht. Also räume ich weiter auf, wische Flur und Schlafzimmer, hänge Wäsche auf, stelle die Waschmaschine wieder an, trage die ersten Kleidungsstücke für die Klassenfahrt des Neunjährigen und für unser Himmelfahrtswochenende in Brandenburg zusammen, sauge das Wohnzimmer, hole die Koffer vom Hängeboden. Dann ist es auch schon Zeit, die letze Sonnenstunde auf dem Balkon zu verbringen, dabei ein paar Brote zu essen, einen auf-keinen-Fall-vergessen-Plan für die nächste Woche zu schreiben und einen Eimer Wasser unter den durstigen Pflänzchen zu verteilen.

Von sieben bis acht sitze ich dann vor dem Rechner, öffne aber mitnichten das Elster-Programm, sondern meinen Online-Sprachkurs Französisch. „tout le monde“ und „rien“, die Kontinente, il est né – il s’est marié – il est mort – solange ich vier Stunden im Monat lerne, stellt mein Arbeitgeber mir eine Sprachlernlizenz zur Verfügung, und ich bin anhaltend glücklich, zu lernen, in eine neue Sprache einzutauchen (bei weitem nicht nur, um den Dreizehnjährigen qualifiziert Vokabeln abfragen zu können!) – ganz ohne immer-wieder-schwierig-einzurichtenden wöchentlichen Kursbesuch, in meinem eigenen Tempo und zu meinen eigenen Zeiten.

Beim Bügeln hinterher versuche ich, einen französischen Podcast zu hören, was sich erwartungsgemäß als schrecklich größenwahnsinnig herausstellt. Ich verstehe kein Wort.

Ich räume die Pullis in den Schrank und das Bügelbrett beiseite. WmdedgT-Zeit.

Und dann mit dem angefangenen Buch unter eine Decke. Gute Nacht!

 

Müdes Durcheinander

Der Dreizehnjährige muss Schulvorträge mit Powerpoint-Präsentationen halten, einen nach dem anderen – das Familienleben gerät in eine Dauerschleife, in der die Zeit von Internetrecherchen, Foliengestaltung und Vortragsübungen getaktet wird. Zwischendurch müssen die Stichpunkte noch hastig auf Karteikarten abgeschrieben werden, weil der Lehrer sonst eine Note schlechter gibt, und natürlich gibt es Tests und Klassenarbeiten ohne Ende.

Der Neunjährige muss derweil das Inlinern üben, weil auf der Klassenfahrt ein Skate-Kurs vorgesehen ist.
Abwechselnd werden beiden Jungs Schuhe (Pullis, Badehosen, [durch beliebiges Kleidungsstück ergänzen]) zu klein, obwohl ich dachte, uns alle für den Frühling ausgestattet zu haben. Dabei habe ich eigentlich keine Zeit, Kindersachen zu kaufen. Ich muss mir den aktuellen Kurzvortrag des Dreizehnjährigen anhören, und ich müsste außerdem auf dem Balkon Wache schieben, wo ein Rudel durchgedreher Spatzen unsere rote Melde kahlfrisst und rotzfrech rosa gefärbte Schuldeingeständnisse auf der Sitzbank hinterlässt.

Die erste Hälfte des langen Wochenendes vor dem 1. Mai verbringen wir trotz allem in Weimar bei meinem Vater, spielen Doppelkopf, sehen alte Kinderbilder durch, die ich vor einer Milliarde Jahre gemalt habe, setzen uns alle paar Stunden an den gedeckten Tisch. In der zweiten Hälfte des langen Wochenendes legt der Dreizehnjährige in unserer neuen Lieblings-Schwimmhalle (die Kreuzberger Halle hat wegen voraussichtlicher Randale geschlossen und ist sowieso meistens ganz schön voll) die Prüfung fürs Bronze-Schwimmabzeichen ab, ganz locker. Hinterher kehren wir mit der Mitmutter und dem Mitmuttertöchterchen beim Griechen ein, die drei Kinder sind vom Schwimmen so erschöpft, dass sie ausnahmsweise still und brav auf ihren Stühlen hängen sitzen und sich ohne Streit das Eis teilen, das eigentlich das Mitmuttertöchterchen für sich allein bestellt hat. Wir Mütter nutzen die seltene Gelegenheit und schlemmen, was das Zeug hält.
Hinterher muss der Dreizehnjährige noch an einem Informatikwettbewerb teilnehmen, weil der Informatiklehrer dann im Zweifel die bessere Note aufs Zeugnis schreibt. Ohne vorheriges Üben wird das zu einem halben Desaster, allerdings entdecke ich die Übungsaufgaben zumindest hinterher und kann den Blick nicht vom Computer wenden, bis ich sie fast alle gelöst und damit allererste Baby-Grundkenntnisse im Programmieren erworben habe. Wollte ich schon lange mal, weil in diesen Sprachen mit ihrer sonderbaren Logik ja immer mehr von unserem Leben vorcodiert ist.

Dann ist das Wochenende auch schon vorbei, die Müdigkeit ist gleich dageblieben, die Überlastungsschmerzen im Mausarm sind auch schon wieder da, dazu kommt die Traurigkeit darüber,  dass liebgewonnene Bloggerinnen wegen der neuen Datenschutzrichtlinie zu schreiben aufhören. Das möchte ich nicht tun, auch wenn ich von Datenschutz eigentlich nicht mehr verstehe als vom Programmieren.

Aber das kann ja noch werden.

 

Sommerwarmer Freitag

Im Handumdrehen sind wieder fast zwei Wochen verstrichen. Mein scheußliches Voltarensalben-Unverträglichkeitsexzem am Knöchel ist beinahe verheilt, und ich kann endlich die schicke Aktiv-Bandage tragen, die ich dann doch irgendwann in einem Sanitätshaus erstehen konnte.

Am Morgen ist alles prima; am sommerlich warmen Nachmittag, wenn die S-Bahn voller unmutiger Feierabendberliner ist, ist mein Fuß auf einmal zwei Nummern zu groß für die sportlich-blaue Knöchelstütze; sie drückt vorn und hinten, deshalb bleibe ich unglücklich auf meinem schwer erkämpften Platz sitzen, als sich ein Mann mit freiem Oberkörper neben mir niederlässt; ich würde ihn seeeehr gern mit Blicken anziehen – oder aus der S-Bahn werfen zum Aussteigen bewegen – weil ich bittedanke selbst entscheiden möchte, wer halbnackt und verschwitzt neben mir sitzen darf.

Unter solchen Umständen ist das Nachhausekommen besonders schön. Ich ziehe die fußgerechten Wanderschuhe aus, die Socken und die nicht mehr ganz taufrische Bandage; dann stelle ich vorsichtig die Paprikapflanze auf den Balkon, die mir noch gefehlt hat, und die Walderdbeere, das Wandelröschen und die Studentenblume, die ich aus Versehen im Oh-lauter-wunderschöne-Pflanzen-Glücksrausch auch noch gekauft habe. Hach, wie schön!

Als alle Neuankömmlinge ein Plätzchen mit ausreichend Erde gefunden und Wasser bekommen haben, sitze ich mit einem Buch auf der Balkonbank und blinzele in die Sonne, die zwischen dem Schornstein des Nachbarhauses und dem Stamm der grünbeschleierten Birke ein paar letzte Strahlen in den Hinterhof schickt. Im rechten Nachbarhof schwatzen zwei Mütter am Sandkastenrand, während ihre Kinder auf dem Rasen Fange spielen; im linken Nachbarhof isst eine Familie zu Abend; oben im Baum wippt die Taube auf einem Ast und lässt es darauf ankommen, von der brütenden Rabenmutter erspät und verjagt zu werden. Gegenüber auf dem Flachdach, wo die Sonne noch richtig hinscheint, laufen ein paar Männer mit hippylike buschigen Haaren und buschigen Bärten hin und her, Becher und Handys in den Händen – unser Kiez verjüngt sich, denke ich, sowas gab es hier noch nie – und schaue ihnen interessiert beim Sonnenuntergangfotografieren zu.

Später, drinnen, ist es ein bisschen einsam. Auf meinem Laptop liegen die Präsentationen, die der Dreizehnjährige zu den Schulvorträgen gemacht hat, die er gestern und heute halten musste und die ich mir in den letzen Tagen immer wieder geduldig angehört habe; im Zimmer des Neunjährigen guckt mich der Kuschelhase traurig an, auf dem Boden liegt der Schlafanzug und aufgeschlagen im Bett das Michel-Buch von Astrid Lindgren, aus dem wir vorgelesen haben; in der Küche erinnert mich das Ligretto-Spiel daran, dass der liebste Freund, der Dreizehnjährige und ich gestern um diese Zeit kartenspielend am Tisch saßen.
Jetzt sind alle fort, und ich habe keine Lust, irgendetwas von all dem anzufangen, was ich machen wollte, wenn ich allein bin.

Es ist okay, sage ich mir, erschöpft zu sein und garnichts zu wollen.
Und vielleicht, tröste ich mich, gibt es nachher ein paar Sterne.

(Meine neue App kennt sie alle – auch den „kleinen Hund“, der abends über meinem Balkon wacht, und den „großen Löwen“, den wir über dem Waldhäuschen, zwischen den hohen Bergen, strahlen sahen – zwei Sternbilder, die ich noch nie gesehen hatte, und die zu meinen großen Frühlingsfreuden gehören…)