Von vorn

Die Ferien sind vorbei. Keinen richtigen Urlaub zu haben, hat mir gefehlt, das möchte ich nächstes Jahr wieder anders. Trotzdem war es schön, länger schlafen zu können, mein Müsli morgens auf dem Balkon zwischen Ringelblumen, Sonnenhut und reifenden Paprika zu essen und die Windenblüten zu zählen. Ich hatte auf zwei Zetteln schöne Unternehmungen und Projekte oder Pflichten sowohl für die drei Ferienwochen mit meinen Jungs als auch für meine drei Ferienwochen allein aufgeschrieben. Die meisten schönen Dinge, die ich mit den Kindern vorhatte, haben wir gemacht. Die meisten Dinge, die ich selbst gern gemacht hätte, sind nichts geworden. Aber dafür war ich spontan in Dänemark, am Meer, das war wunderbar.

Mit meinen Söhnen galt es, das Familienleben neu auszutarieren. Was kann ich fordern, wo möchte ich loslassen – gelassener werden – und gerade den Vierzehnjährigen selbst Verantwortung übernehmen lassen? Was brauche ich selbst, um einen freien Tag mit den Kindern schön zu finden? Und vor allem: Was möchte ich selbst gern tun und woher nehme ich die Freiheit dafür? Diese Fragen nehme ich ins neue Schuljahr mit, in dem ich mich schon am ersten Tag wieder in die Basis-Versorgungsstation der Familie mit Rundum-Service verwandle, Kleidung, Essen, Sauberkeit, Regeln, Struktur, Unterschriften, ein offenes Ohr, Zärtlichkeit und die Erfüllung von Wünschen bereitstelle.

Der Vierzehnjährige verbringt die erste Schulwoche im Jugendhaus der Kirche mit der Jungen Gemeinde. Das freut mich, auch wenn die Kinder vielleicht zu wenig schlafen und deshalb ein wenig holprig ins neue Schuljahr starten werden. Aber ich bekomme am Montagmorgen – nach der ersten dort verbrachten Nacht – eine begeisterte Sprachnachricht; anscheinend hat der Vierzehnjährige eine Menge Spaß. Nachmittags kommt er vorbei, es sind Bücher einzubinden, Formulare auszufüllen, Schulsachen für den nächsten Tag zu holen. Dann schwirrt er wieder ab, selbständig, mein großes Kind.

Den Zehnjährigen habe ich am Morgen zum ersten Mal in seiner neuen Schule abgeliefert. Gegen neun ist die S-Bahn dorthin angenehm leer, die Straße morgensonnig, Cafés haben geöffnet, an einem Spielplatz mit Tischtennisplatte kommen wir vorbei, an einem Eiscafé, an einem indischen Restaurant. Auf dem Weg schon lernen wir ein Kind aus der neuen Parallelklasse kennen und seinen Vater. Vor dem Schultor mache ich schnell ein Foto von meinem kleinen großen Sohn, bevor wir uns auf die Suche nach dem Klassenraum begeben und ich mich verabschiede. Zwei Stunden Homeoffice, dann hole ich ihn wieder ab, der erste Schultag ist kurz. Eigentlich müsste ich jetzt noch bis zum Abend arbeiten; drei Stunden zusätzliche Wegezeit passen eigentlich nicht in einen Tag, der kein Urlaubstag ist. Aber das wird sich einspielen, der Zehnjährige wird seinen Schulweg bald allein bewältigen können und die Schultage werden spätestens in zwei, drei Wochen ihre übliche Länge erreicht haben, die es Eltern erlaubt, „zwischendurch“ auch berufstätig zu sein.

Auf dem Smartfon, dass der Zehnjährige jetzt bekommen hat, um im Klassenchat Anschluss zu finden und per Öffi-App den Heimweg auch an den vielen Tagen zu finden, an denen die Berliner S-Bahn unzuverlässig ist, habe ich eine Kindersicherungs-App installiert; wir sind noch im Prozess des Experimentierens – wie viel darf jeden Tag gespielt werden; wie viel darf jeden Tag gechattet werden und was muss immer erlaubt sein, damit wir in Kontakt bleiben können, wenn er in der Stadt allein unterwegs ist. Der Vierzehnjährige hat ein Handy anderer Marke und konnte die App nach wenigen Tagen selbständig deinstallieren. Dabei fällt es gerade ihm schwer, sich von Handyspielen loszureißen und um das kümmern, was ihn (jedenfalls nach der unmaßgeblichen Meinung seiner Mutter) wirklich angeht – Schulprojekte, die Bewerbung fürs Schülerpraktikum, Vokabeln.

Am Abend kehrt Ruhe ein. Die Ruhe der Noch-Urlaubszeit: keine Anrufe, keine Nachrichten auf dem Handy. Ich habe mich ein bisschen zu sehr ans Nicht-Kommunizieren gewöhnt; seit wir im letzten Herbst zum ersten Mal allein im Waldhäuschen waren, ist Einsamkeit mein Thema gewesen. Ja, ich hätte gerne wieder so etwas wie ein eigenes Leben. Und Menschen um mich, Erwachsene.

Hoffen auf ein gutes Jahr.

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halbundhalb

Dieses Jahr fahren wir erst im Herbst richtig in den Urlaub. Deshalb habe ich im Sommer zwei Wochen lang halbe Tage freigenommen während der Zeit, in der der Vierzehnjährige und der Zehnjährige bei mir sind. Diese beiden Wochen liegen nun hinter uns… und das Experiment ist gelungen.

Nein, erholt habe ich mich nicht. Glaube ich. Höchstens marginal. Aber es hat gut geklappt, dass die meine Söhne vormittags allein waren und dies und das im Haushalt erledigt haben. Und was haben wir nicht alles gemacht! Einen Draisinenausflug mit dem liebsten Freund. Viermal Lieblingsschwimmbad. Dreimal an der einen und zweimal an der anderen Tischtennisplatte gespielt, dabei dem Sohn der anderen Mitmutter das Tischtennisspielen vermutlich dauerhaft verleidet, obwohl ich versucht habe, ihm immer mal einen Punkt zu schenken. Ein Augenarzttermin. Einmal Public Viewing und einmal Kino für den Vierzehnjährigen. Etliche feinste Frauen-Fußballspiele vom Sofa aus gesehen – und heftig über die Bezeichnung Frauen-Weltmeisterschaft geschimpft. Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen, es ging doch um Fußball und nicht darum, wer Weltmeister im Frausein wird? Außerdem Sauerkirschen vom Baum gerettet und zweimal Schneewittchenkuchen gebacken. Einen unspektakulären krummen Geburtstag tiefenentspannt gefeiert. Zweimal Besuch gehabt. Freunde im Schwimmbad und auf dem Fußballplatz getroffen. Monopoly, Mah-Jong und Skat gespielt. Abends manchmal vorgelesen. Abends manchmal übriggebliebene Kartoffeln oder Schokoladenkuchen gegessen und kein Abendbrot gemacht. Mittags Wunschessen gekocht. Ziemlich viel Eis spendiert. Neue Sportsachen für die Schule gekauft und nebenher auch das meiste sonstige Schulmaterial besorgt und vorbereitet. Insgesamt etwa 30 Stunden gearbeitet. Über ein Stellenangebot in der Nachbarabteilung in meiner Firma gegrübelt, mit dem potentiellen Chef gesprochen und dann unter Schlaf- und Ess-Störungen gegen eine Bewerbung entschieden (vermutlich richtig). Am Ende große Ikea-Taschen mit allem vollgepackt, was der Vierzehnjährige und der Zehnjährige im Urlaub mit ihrem Vater brauchen werden – und für fast drei Wochen Abschied genommen.

Jetzt liegt die große Freiheit vor mir, naja, die kleine vielleicht, bei näherer Betrachtung. Arbeiten, ohne jemandem versprochen zu haben, wann ich zu Hause sein werde. Einen Nachmittag im Café mit der Patentante des Vierzehnjährigen verbringen, die ich ewig nicht mehr in Ruhe gesprochen habe. Katzensitting bei der anderen Mitmutter. Der Hausverwaltung auf die Füße treten, die veranlassen muss, dass der Heizkörper im Badezimmer ausgetauscht wird. Mich noch weiter um das Röntgen des Problemzahns drücken. Ein Termin bei der weltbesten Osteopathin, einer beim Anwalt und ein Experiment in systemischer Familienarbeit (letzteres beides im Zusammenhang mit dem Patchwork-Familiennachwuchs und den Umzugsplänen auf Seiten des Vaters meiner Kinder – ersteres zum Glück zu meinem reinen Privatvergnügen). Eine große Geburtstagsparty bei der ehemaligen Nachbarin. Ein halber Regalmeter Bücher, die ich unverhofft geschenkt bekommen habe. Und vielleicht anderthalb Tage am Meer.

Reste

Nach der Konfirmation hängt noch die Schürze der großen Schwester am Haken und die Augentropfen der ganz großen Schwester stehen im Kühlschrank. Mehrere fremde Paare Gummihandschuhe tummeln sich am Abwaschtisch und die Müslischälchen sind alle verräumt. Nach der Konfirmation purzeln im Wäschekorb Tischkärtchen, halb abgebrannte Kerzen und Gläser mit getrockneten Tomaten und Kräuteroliven durcheinander. Nach der Konfirmation liegt der ganze Wohnzimmertisch voller Gratulationskarten und Geschenke; sammeln sich Links zu in Clouds gespeicherten Fotos und Foto-CDs; quellen Tischdecken und Bettwäsche aus dem Wäschekorb.

Im Kühlschrank sind sieben Päckchen Kräuterbutter, fünf Schachteln Frischkäse, drei offene Milchpackungen, vier offene Packungen Toastbrot; Ajvar, Humus, eine Tupperdose mit Lammbraten und Bohnen, eine mit einem Stück Lasagne und eine mit Gemüsesuppe; ein nicht genutzter Tortenboden steckt hinter den vier offenen Saftpackungen, die noch einen Platz in der Kühlschranktür ergattert haben. Auf dem Kühlschrank stehen mehr offene Flaschen Wein, als ich sonst in einem Jahr anbreche, und die restlichen offenen Saftpackungen und Wasserflaschen.

Nach der Konfirmation essen wir Toast mit Tortenguss, Lammbraten mit Kräuterkartoffeln und tagelang Thüringer Mohnkuchen, der gut gehaltvoll ist und deshalb nur in kleinen Mengen verzehrt werden kann. Dann bin ich ein paar Tage alleine und speise mich langsam von vorne nach hinten durch die Kühlschrankfächer. Beim Pesto und beim Schokoladenkuchenkanten bin ich auch nach anderthalb Wochen noch nicht angelangt; der Vierzehnjährige kommt jetzt wieder zu mir und wir belegen kurz entschlossen den schon etwas hart gewordenen Tortenboden mit Puddingcreme und Erdbeeren. Weil es keinen Tortenguss mehr gibt, rühre ich Himbeergötterspeise an und löffle sie über die fest in den Tortenring gespannte Torte. Kurz danach haben wir Götterspeise auf der Tortenplatte, in der Tortenschachtel, im Kühlschrank und auf dem Küchenfußboden. Nur auf der Torte ist keine.

Ja, wir hatten ein schönes Fest. Mit einem gelungenen Gottesdienst, leckerem Essen, schönen Spielen und Texten, einem über die vielen Geschenke ganz verzückten Vierzehnjährigen und mit Liedern zum Ausklang in der Sommerabenddämmerung.

Und ganz langsam kehrt wieder Normalität ein.

WmdedgT – 6/2019: Konfirmationsvorbereitungen

Schon wieder hat ein Monat begonnen – „Schöne Familienfeste gestalten“ ziehe ich aus dem Kistchen, in dem ich an Silvester für jeden Monat ein Projekt oder einen Vorsatz notiert habe – und am 5. fragt Frau Brüllen wie üblich nach, wie wir den Tag verbracht haben.

Voila:

Aufstehen ist halb sieben, weil der Vierzehnjährige erst zur 2. Stunde Unterricht hat. Wach werde ich wie üblich schon um fünf, mache die Balkontür auf, weil es jetzt eine Chance auf einen kühlen Luftzug gibt, lege mich wieder hin und höre mit einem halben Ohr den Vögeln draußen (das heurige halbwüchsige Krähenküken scheint schon hungrig) und mit dem anderen halben Ohr den Sorgen drinnen (die sich die To-Do-Liste für die Konfirmation am Sonntag vorgenommen haben) zu.

Halb sieben stelle ich froh fest, dass ich nochmal geschlafen habe.

Ich gehe schnell ins Bad, weil ab sieben die Lieferung des Einkaufs für die Konfirmationsbäckerei ansteht und mache dann Frühstück für den Vierzehnjährigen und mich. Nebenbei entwickeln wir einen Plan, wie wir bei angekündigten 26 Grad Celsius sechs Kuchen, zwei Töpfe Suppe, anderthalb Kilo Frischkäse und ungefähr genausoviel Weißkrautsalat – nebst Sekt und Weißwein etc. – von Samstag bis Sonntagnachmittag kühl halten, wenn wir nur einen kleinen Kühlschrank vor Ort zur Verfügung haben. Dann fällt dem Vierzehnjährigen ein, dass er schon eine Bücherliste fürs neue Schuljahr hat und dann, dass er die von der Schule gestellten Bücher fürs laufende Schuljahr heute abgeben muss. Leichte Hektik, aber er verlässt trotzdem pünktlich das Haus.

Ich habe mir einen Tag Vorbereitungsurlaub genommen und warte deshalb in aller Ruhe auf meinen Einkauf. Nebenbei: Wäsche falten und wegräumen, Anmeldung des Vierzehnjährigen zur Junge-Gemeinde-Woche ausfüllen, diverse Konfirmationsgäste nach ihren Ankunftszeiten fragen, meine Schwestern um das Mitbringen diverser Dinge (Kühltasche, Kühlakkus, Klappkisten) bitten, Mails checken, geschätzte Überlänge des Konfirmationsgottesdienstes wird vom Jugendpfarrer bestätigt, also Ankunftszeit des Caterers nach hinten verschieben, Vermieter der Ferienwohnung anrufen und um fünftes Set Bettwäsche bitten, außerdem nachfragen, ob wir in der Ferienwohnung wohl zwei große Töpfe Suppe im Kühlschrank einlagern können.

Der Einkaufslieferant muss das Kartenzahlgerät im Treppenhaus eine ganze Weile in verschiedene Richtungen halten, bis eine Verbindung zu Stande kommt. Beim Auspacken erst merke ich, dass mir die nicht lieferbare Sprühsahne durch 3 Dosen dubioses Margarine-Cremafinozeugs ersetzt wurden – blöde Idee, hätte ich etwas ohne Sprühen gewollt, hätte ich doch etwas ohne Sprühen bestellt… Sprühsahne kommt also mit auf die Extra-Liste, kurz vor zehn stehe ich an der S-Bahn und fahre ins nächstgelegene Einkaufszentrum. Da im Online-Tool der Deutschen Bahn aus irgendeinem Grund meine bevorzugten Zahlungsoptionen nicht mehr zur Verfügung stehen, gehe ich als erstes zur DB-Fahrkartenagentur und schaue von meinem Platz in der Warteschlange aus geduldig einem älteren Herrn zu, der eine eher komplizierte Verhandlung mit der Angestellten führt. Einige Zeit später führe ich eher komplizierte Verhandlungen mit der Angestellten, die die Wartenden in der Schlange hinter mir die Augen verdrehen lassen. Ich möchte eigentlich nur eine Fahrkarte nach Thüringen, aber ich bin daran gewöhnt, alle Optionen auf dem Bildschirm vor mir zu haben und erst ganz zuletzt eine Entscheidung über Sitzplätze, Spar-, Superspar-, Extrasuperspar- und Cityticket-Angebote treffen zu müssen. Also verwirre ich die Angestellte durch Nachfragen und Umentscheiden, dann vergisst sie eine Änderung, die Karten müssen storniert und neu ausgedruckt werden – und hinterher habe ich auch noch das Gefühl, dass das Ganze online ganz bestimmt weniger gekostet hätte.

Als nächstes brauche ich eine Chormappe in schwarz für den kleinen Auftritt im Konfirmationsgottesdienst, das ist einfach, und dann verschluckt mich die Riesen-Einkaufshalle, in der es ganz bestimmt alles gibt (sogar gelbe Götterspeise für eine experimentelle Zitronentorte und Sprühsahne sowieso), in der ich aber längere Zeit herumirre, weil ich sonst nie hier einkaufe und außerdem auch nur Dinge auf der Liste habe, die ich normalerweise nie brauche. Trotzdem bin ich gegen elf schon wieder zu Hause. Ich halte einen ganz kleinen Schwatz mit der alten Dame von gegenüber, die sich noch ein wenig auf ihrem Balkon aufhält, bevor sie die Jalousien schließt und sich vor der Hitze schützt. Ich muss gleich nochmal los, ich brauche noch sieben Kleinigkeiten aus diversen Läden im Kiez und freue mich, dass alles erhältlich ist – sogar dunkelblaue Füßlinge passend zu meinen allerfeinsten neuen Schuhen. Zwischendurch schaue ich bei der Mitmutter im Allesladen vorbei, aber die muss arbeiten, der Chef steht hinter ihr, wir verabreden uns nur kurz auf einen Kaffee für Donnerstagmorgen.

Gegen zwölf bin ich wieder in meiner kühlen Wohnung. Der Vierzehnjährige hat heute hitzebedingt verkürzten Unterricht und schon angekündigt, dass er nicht in der Schule essen, sondern von mir bekocht werden möchte. Ich bereite Bohnensalat vor und werfe Thüringer Bratwürste in eine Pfanne, als das Kind eintrifft und bestätigt, tatsächlich sehr hungrig zu sein. Ich feiere meinen Urlaubstag mit einem kleinen Mittagsnickerchen, anschließend koche ich mir einen Kaffee und zwinge bringe den Vierzehnjährigen dazu, sein Zimmer aufzuräumen, weil morgen jemand zum Putzen kommt. Aufräumbedingt füllt sich der Wäschekorb, also stelle ich eine Maschine Wäsche an. Der Vierzehnjährige geht zum Friseur, sieht hinterher angemessen schick aus und übt wie abgesprochen Schlagzeug. Ich habe derweil noch eine Verabredung mit einigen Schmuddelecken in der Küche, unter anderem dem Küchensiphon, der häufiger mal gereinigt werden muss, seit ich möglichst viel Wasser, das sonst beim Gemüsewaschen oder vor dem Abwasch einfach abgeflossen wäre, für meinen Balkon auffange. Ein paar Absprachen mit dem Vater der Kinder sind auch noch zu treffen, denn der Zehnjährige kommt am Donnerstag von der Schule zu mir und hat hitzebedingt wie sein Bruder zeitigeren Schulschluss.

Irgendwann sind aber die meisten Dinge erledigt. Der Vierzehnjährige und ich setzen uns mit einem Teller voll Melonenstücken und Erdbeeren auf den Balkon, wir haben Zeit für ein Spiel und am Abend – nachdem der Vierzehnjährige noch mit ganz wenig Murren sämtliche Pflanzen auf dem Balkon gegossen hat – für einen Krimi aus der Mediathek. Vorher ist noch kurz die große Schwester am Telefon; hinterher – als der Vierzehnjährige schon im Bett liegt – der liebste Freund.

Und dann sitze ich draußen auf dem Balkon, es dämmert, die Luft kühlt ab, Fledermäuse schwirren. Eine halbe Hilfe-für-schlaflose-Zeiten-Tablette einnehmen. Drei Seiten lesen. Schlafen.

Das Balkongartentagebuch: Atempause mit Bienen

Kaum dass die Bienenweide die ersten Blüten geöffnet hatte, kamen die Bienen: die kleinen schwarzen mit dem orangenen Hinterteil; die kleinen schwarzen mit dem gelben Halstüchlein und dem etwas weniger leuchtenden orangenen Ende; die, die zwei gelbe Streifen haben und deren Hinterende weiß gefärbt ist; und die unauffällig braunen mit dem braun-rötlichen Westchen. Ich weiß nicht, ob es sich um vier verschiedene Arten handelt oder ob einige davon nur verschiedene Alterskohorten der gleichen Art sind, auch googeln hilft nicht wirklich weiter. Aber ich freue mich über jede einzelne, und sie sind da, von früh bist spät. Wäre es nicht schon ein Klischee, würde einem das Wort „emsig“ einfallen, wenn man sie wieder und wieder über den blauen Blütenrispen kreisen und nach etwas Nektar oder Pollen suchen sieht – in einer Blüte, die sich vielleicht in der letzten Viertelstunde geöffnet hat, die von den anderen Bienen in den letzten sieben Stunden übersehen wurde, in der sich Nektar nachgebildet hat. Begegnen sich zwei Bienen, dann sind sie voneinander mindestens irritiert, wenn nicht gar genervt, meistens stoßen sie – ob nun zufällig oder in böser Absicht – gegeneinander und fliegen dann beide ärgerlich kopfschüttelnd davon.

Meine Strategie, ein paar Bienenweidesamen in jeden Topf zu streuen, in dem ich irgendetwas gesät oder gepflanzt habe, scheint aufzugehen. Jedenfalls für die Bienen! Seit gestern blühen auch die ersten Kornblumen; und die beiden Männertreu-Töpfe sind sowieso beliebt. Als vorhin gleichzeitig vier Bienen auf dem Balkon waren – hungrig und desorientiert; vielleicht vom drückenden Wetter – war die braune innovativ und wich von den schon viel zu oft abgeflogenen Bienenweidepflanzen zu den winzigen Cosmeen und den Schneeflöckchen im Beet des Zehnjährigen aus. Nur einen halben Meter weiter gibt es die ersten zarten Tomatenblüten, aber die rühren die Bienen nicht an, wenn ich in der Nähe bin; es bleibt ein Geheimnis, ob wir ernten werden.

Mein erster Weg am Morgen führt mich in diesen Tagen auf meinen Balkon, wenn ich – seit halb fünf grübelnd und ächzend wach – gegen sechs Uhr endlich aufstehe. Komme ich von der Arbeit heim, setze ich mich für ein paar Minuten auf die Balkonbank; am Abend dann wieder. Hier lässt die Anspannung nach und die Angst, die mir Veränderungen einflößen – der vorfristige Schulwechsel des Zehnjährigen nach dem Sommer; ein väterseitiges Halbgeschwisterchen – vielleicht – für die Jungs im kommenden neuen Jahr; die seltsamen Verhaltensweisen des sich einigelnden Pubertiers; Weiterbildungen, um die ich mich kümmern muss oder will, was nicht identisch ist und deshalb doppelt Zeit und Geld kosten wird. Es hat etwas Gutes, dass unser Familiensystem ins Schwingen kommt. Aber mein Herz klopft, ich setze mich hinaus, atme. Und an Tagen, an denen ich mir für die Bewältigung meiner Lebensherausforderungen nur ein „Ungenügend“ geben möchte, tröstet mich, dass ich ein paar Bienen Nahrung gegeben habe – zwischen der Blütezeit der Kirsche hinter dem Haus und der der Linde im benachbarten Hinterhof. Und dann sprechen vielleicht auch noch die Spatzen für mich, denen mein Balkon offenbar zur ständigen Unterhaltung dient. Obwohl sie nun auch die zweite Aussaat der Melden längst aufgefressen haben (trotz Schutzgitter!), sind sie immer da, höre ich sie schon morgens draußen an den spitterigen Holzplanken picken, als wollten sie Löcher hineinhacken wie Spechte; bis nachmittags haben sie dann wieder die Bienentränke verschmutzt. Und bin ich draußen und bücke mich zu einer Pflanze, dann ignorieren die Spatzen meinen unbedrohlichen Rücken, landen hinter dem Lilientopf und fliegen lachend davon, wenn ich mich aufrichte.

Das Balkongartentagebuch: Milder Winter, kühles Frühjahr

In diesem Jahr habe ich auf dem Balkon in den dort über den Winter verbliebenen Töpfen allerhand Pflanzen entdeckt, die überlebt oder die sich selbst ausgesät hatten. Die kahlen Stängel der kleinen Malven, die der Vierzehnjährige im letzten Jahr in seinem Kistenbeet hatte, begannen neu auszutreiben. Gleich daneben gab es jede Menge Kornblumenkeimlinge. Im Tomatenkübel standen ein paar winzige Pflänzchen Bienenweide, in den alten Töpfen mit Sonnenhut gab es viele neue kleine Pflanzen, und zwei der Ringelblumen vom letzten Jahr hatten noch Blätter und – tatsächlich – auch jeweils eine Knospe. Auch Pfefferminze, Salbei und Oregano wirkten äußerst lebendig. All das habe ich Anfang März in neu mit Humus gemischte Erde umgepflanzt. Besonders die Bienenweidepflanzen und die Ringelblumen vom letzten Jahr sind seitdem riesig geworden und beginnen zu blühen – jeden Tag warte ich darauf, dass die eine oder andere Biene vorbeikommt. Auch die Kornblumen sind ihren erst im Frühjahr ausgesäten Geschwistern weit voraus und haben schon  Knospen.

Dank eines Serientermins im Handykalender habe ich es im letzten Winter zum ersten Mal hingekriegt, einigermaßen regelmäßig auch die im Keller eingelagerten Pflanzen zu gießen. Die Walderdbeere hat deswegen überlebt, das Wandelröschen (das allerdings eine Sonderbehandlung verlangt und in Nächsten mit unter fünf Grad auch im Mai noch gern in der guten Stube schlafen möchte), auch die Zitronenmelisse und die Fuchsie, von der auch einer der im letzten Herbst beim Zurückschneiden angefallenen Stecklinge Wurzeln geschlagen und auf dem hellen Fensterbrett im Zimmer des Zehnjährigen im April die ersten Blüten bekommen hat.

Wie üblich habe ich viel zu früh mit dem Säen und Vorziehen begonnen und musste manches dann auch zu früh rauspflanzen – die Zinnien, die ich seit dem letzten Jahr zu meinen Lieblingsblumen zähle, sind immernoch mickrig und klein; der Basilikum nimmt irgendetwas übel und kümmert – ungefähr einen halben Zentimeter hoch – seit Wochen vor sich hin. Aber die Tomaten stehen schön gerade, die Petersilie wächst, eine – wenigstens eine! – der kleinblütigen Studentenblumen hat das Keimlingsstadium überlebt und die erste Sonnenblume hat eine kleine Knospe angesetzt. Was sich selbst in der Jahr um Jahr weiterverwendeten Erde aussät, ist immer eine schöne Überraschung: Die Brunnenkresse kommt nun schon seit vielen Jahren unverdrossen ohne mein Zutun wieder; Asia-Salat habe ich entdeckt, Rukola und Kornblumen sprießen in allerlei Töpfen – und die Blätter des Löwenzahns im Lilentopf ernte ich einfach zusammen mit den anderen Kräutern.

Und wir haben gekaufte Pflanzen: Hornveilchen wie jedes Jahr, die herrlich nach Honig riechen; Verbene, Mini-Petunie und Schneeflöckchen im Kastenbeet des Zehnjährigen; Nelke und Portulak-Röschen beim Vierzehnjährigen; zwei Extra-Töpfe Männertreu, weil das leuchtende Blau beiden Kindern so gut gefallen hat und eine herrliche Hängepetunie mit weiß-rosa Blüten, die ich unbedingt über den nächsten Winter bringen und vermehren möchte. Hach!

Die Spatzen übrigens haben seit dem letzten Jahr nicht vergessen, wie gut ihnen rote Melde schmeckt. Die zuerst ausgesäten Pflanzen sind ihnen komplett zum Opfer gefallen. Wir haben nachgesät und auf den Topf ein Gerüst aus diesen Plastikdingern gebaut, mit denen hängende Pflanzen im Blumenladen in ihrem Topf stabilisiert werden. Bisher haben die Spatzen es nicht umgeworfen – aber sie geben auch nicht auf. Immer flattert es, wenn ich die Balkontür aufmache; und bücke ich mich auf dem Balkon und richte mich danach auf, muss ziemlich oft ein Spatz zeternd abdrehen, der meinen Rücken nicht erst genommen hat und im nächsten Moment auf dem Balkongeländer gelandet wäre, um finstere Pläne zur Eroberung der roten Melden zu schmieden.

Achtung Baustelle

Im Bad rostet der Heizkörper. Im Wohnzimmer ist der Dielenlack durchgescheuert, obwohl ich Filzgleiter unterm Stuhl habe. Der Zehnjährige bekommt demnächst Bescheid, ob er schon nach der 4. Klasse aufs Gymnasium wechseln kann, und ich weiß noch immer nicht, ob das eine gute Idee ist. Ich meine: 80 Minuten zusätzliche Wegezeit (fast) täglich für mich für geschätzt ein Jahr, wie wiege ich das ab dagegen, dass er dort vermutlich keine dummen Bemerkungen hört, wenn er gute Noten schreibt? Falls er noch gute Noten schreibt, wenn er etwas dafür tun müsste. Der Vierzehnjährige jedenfalls erklärt, dass er keinerlei Grund mehr sieht, sich für die Schule anzustrengen. Ich bin zu kritisch mit ihm, das weiß ich, und mache eine entsprechende gedankliche Notiz: Nicht mehr so kritisch sein. Mehr loben. Am Vorabend des 1. Mai fahre ich mit dem Zehnjährigen seinen theoretischen zukünftigen Schulweg ab, mit Stoppuhr. Auf dem Rückweg liegt ein Schuhladen, in dem finden wir schwarze Kompromissturnschuhe, die der Zehnjährige zur Konfirmation anziehen kann. Am 1. Mai drucken wir Tischkärtchen für die Konfirmation und ich mache mich auf die Suche nach einer realisierbaren (und superleckeren, beeindruckenden) Kuchenkombination. Der Elektriker muss außerdem kommen und sich meine nicht einsatzbereite Multimediadose ansehen, weil das DSL-Upgrade auf eine schnellere Leitung nicht zum Neukundentarif zu haben ist, die Umstellung auf Kabel aber schon (Schwachsinnige Preisgestaltung!). Leider versteckt sich die Multimediadose hinter einem Schrank voller Dokumenenordner. Der liebste Freund, den ich anstellen wollte, mir beim Schranrücken zu helfen, wird leider gerade an diesem Tag krank. Sollte hier irgendwann eine – rein hypothetische – Playstation angeschafft werden, brauchen wir nicht nur ein schnelleres Internet, sondern auch einen Standort für den – hypothetischen – Fernseher, also gipse ich die Dübel vom Wandregal, das nicht mehr ganz stabil ist, seit mir vor längerer Zeit eine schwere Teppichrolle draufgefallen ist, recht und schlecht wieder in ihre Löcher. Die restliche Wandfarbe, mit der ich die Löcher überstreichen wollte, ist im Keller verschimmelt und riecht übel. Die Zahnarztpraxis hat zu meinem großen Glück eine neue Kollegin, bei der noch ein Acht-Uhr-Termin zum Begutachten der Füllung zu haben ist, unter der mein Zahn sich gelegentlich unwillig rührt. Der Zehnjährige hat unterdessen sein Sportzeug verloren. Ich müsste eine Ferienwohnung im Weimar buchen, um im Sommer mit meinen Söhnen ein paar Tage in der Nähe meines Vater zu verbringen, aber der Vater meiner Kinder lernt für eine Weiterbildung und kann deshalb meine Mail nicht beantworten, in der ich eine Wochenendaufteilung für den Aufenthalt der Kinder in den Sommerferien vorschlage. Nicht näher bekannte Mitglieder meiner Herkunftsfamilie mütterlicherseits haben vor gefühlt 20 Jahren einen Antrag auf Entschädigung wegen einer Nachkriegsenteignung gestellt, der nun bearbeitet wurde und auf einmal flattert mir als 54tel-Erbin nicht nur Familiengeschichte um die Ohren (Was war das für ein Urgroßvater und was hat er vor und während des Zweiten Weltkrieges wirklich getan? Kann man dem Amt vertrauen, wenn es mitteilt, festgestellt zu haben, dass es sich nur um einen Mitläufer gehandelt hat?), sondern auch vielseitige Behördenbriefe ins Haus – jedenfalls sobald mir die adress-stabile ganz große Schwester mitgeteilt hat, dass es wieder einen Brief gab und ich – nein: um ehrlich zu sein: die große Schwester – der jeweils absendenden Behörde meine aktuelle Adresse mitgeteilt hat, denn alle beteiligten Ämter haben noch meine Adresse von vor 20 Jahren. Irgendwie muss ich aber auch noch die Gesamtgästezahl der Konfirmation herausbekommen und dem Caterer mitteilen; den Raum besichtigen, in dem wir feiern wollen und daran denken, auch die Fragen zu stellen, die mir dann gerade nicht einfallen. Der Vierzehnjährige bekommt derweil einen Wachstumsschub nach oben, ich kann ihn kaum noch auf die Stirn küssen – und alle gerade neu angeschafften Hosen haben Hochwasser. (Sagt man das noch?) Vermutlich auch die Konfirmationshose.

Zwischendurch stehle ich mich auf meinen Balkon und schaue meine Blumen und Kräuter an. Und atme. Der Zehnjährige und ich haben neulich gewettet, ob wir mehr oder weniger als 40 Pflanzenarten dort anbauen, und dann mussten wir natürlich eine Liste schreiben und sie alle aufzählen. Es sind 44. Wenn ich mal nichts zu tun habe, werde ich zu jeder einzelnen etwas schreiben. Vielleicht.