Schneeregen, Altersfleckenentferner, Bündeschen und Geriefeseih

Januar.
Meine Kinder sind nach der Schule schon müde und erst abends vor dem Schlafengehen wieder wach. Ich sitze mit der Besuchsfreundin im Wohnzimmer, und durch die geschlossene Tür zum Zimmer des Elfjährigen hören wir ihn singen. Dass er singt, ist schön – obwohl es sich um eins der weniger poetischen Weihnachtslieder von Rolf Zuckowsky handelt.

Am Morgen sind wir immernoch alle müde, bei meinen Söhnen merke ich es daran, dass sie keinen Appetit auf Frühstück haben; bei mir daran, dass ich viel langsamer bin als sonst. Draußen ist es ungemütlich, der Weg am Kanal entlang zur Schule ist eine Schlitterpartie über vereisten Matsch, auf dem große Pfützen stehen. Angegraute Schneereste und unsere Wollmützen geben Stück für Stück ihren Widerstand gegen den Winterregen auf.

Der Elfjährige bekommt seine Gymnasialempfehlung und ist ganz aus dem Häusschen – nicht mehr lange, dann werden wir seine Anmeldung zu einer der in Frage kommenden Schulen tragen und den Auswahlspuk der letzten Monate beenden. Am Freitagnachmittag gehen meine Söhne wieder gemeinsam von der Schule nach Hause, das ist schön, das entlastet meinen Tag. Groß werden sie!

Dass auch ich eine magische Altersgrenze überschritten habe, ist unterdessen nicht unbemerkt geblieben. Irgendwer hat meine Adresse einem dieser Katalogversender verkauft, deren Models mit versteinerten Botoxgesichtern junggebliebende ältere Menschen darstellen sollen; ich blättere mit erstauntem Kopfschütteln die Seiten durch, auf denen mintfarbige Shirts mit Großblumendrucken, Polyester-Kittelschürzen, die Pantoffeln meiner Großmutter, an den BH anknöpfbare Dekolleté-Spitzeneinsätze, Hosenbunderweiterer, allerhand straffende Unterwäsche, Stifte zum Übermalen von grauem Haar, Altersflecken und Emailleschäden sowie zur Verhinderung von Damenbarthaaren, ein sonderbar geformter „Beckenbodentrainer zur äußeren Anwendung“, Konstruktionen zur nächtlichen Korrektur von Hallux-Valgus-Verformungen, Staubwedel an ausziehbaren Teleskopstangen und andere sagenhafte Nippes angepriesen werden. Irgendein Kreativgenie hat die Seite mit den Westen werbend mit „Bei Westen viel Neues“ überschrieben (ich höre förmlich, wie Remarque knirschend in seinem sandigen Grab rotiert), die Produktbeschreibungen kommen dafür eher bescheiden daher: „kann bei regelmäßiger Anwendung das Nachwachsen von Gesichtsflaum verzögern“. „Kann zur Straffung der Muskeln im Po-Bereich beitragen“, die Preise sind niedrig.

Das ist – nachdem es eine Weile grässlich und albern war – am Ende ziemlich anrührend. Die Seiten des kleinen Katalogs riechen nach schmalen Altersrenten, kleineren und größeren Zipperlein, Mühen bei alltäglichen Hausarbeiten; nach viel zu seltenen Besuchen von Kindern und Enkelkindern, nach einem Körper, der sich verformt und dem die Schönheitsmaße von Kleidung, die es bis in Läden und Schaufenster schafft, nicht mehr gerecht werden. Ich denke an meine Großmutter, die bescheiden in ihrem Häuschen auf dem kleinen Dorf lebte, und der liebste Freund (dem es am meisten die Nachthemden mit den großbebrillten Katzen angetan haben) erzählt von seiner Mutter, die gerade ihren 84. Geburtstag gefeiert hat. Nicht lange, und wir spielen Begrifferaten mit den Herkunftsdialekten unserer Eltern und Großeltern. Als der liebste Freund verrät, was ein „Bündeschen“ ist, muss ich sofort in der Umfrage zum „Atlas der Altagssprache“ nachsehen, an der ich kurz zuvor teilgenommen hatte. Aber unter den Begriffen für „kleines scharfes Gemüsemesser“ fehlt ausgerechnet diese regionale Variante. Über dem Vorlesen einer Geschichte im Thüringer Dialekt, der selbst auf den kleinen Dörfern heute kaum noch gesprochen wird, werden wir beide müde. So ist das dann wohl beim Älterwerden.

Am nächsten Morgen… siehe Absatz 2.

Draußen – während ich dies hier schreibe – rieselt es leise, der Regen hat sich wieder in Schnee verwandelt, der zögerlich auf Dachziegeln und unbetretenen Rasenflächen haften bleibt.
Januar.

Tagesnotizen: 11.1.17

Es ist Mittwoch. Mein Dienstags-Zorn ist verraucht; dass es keinen fruchtlosen Streit gab (weil der Vater meiner Kinder am Dienstagabend nicht zurückgerufen hat), verbuche ich als Pluspunkt. 

Jetzt gelten meine Regeln: Wieviel freie Zeit die Kinder brauchen, welche Pflichten sie haben und wann sie nachholen, was in den nächsten Tagen liegenbleibt, handle ich mit ihnen aus. Das fühlt sich sehr viel besser an.

Besuch, verschiedener Besuch für mehr als zwei Wochen am Stück steht ins Haus, das stimmt mich ganz festlich; dazu draußen der wirbelnde Schnee, den ich auf den kurzen Wegen vom warmen Büro zur warmen Bahn zum warmen Zuhause ganz wunderbar finde. 

Der Elfjährige holt den Siebenjährigen ab, so dass mir zwischen Arbeit und Nachmittagsprogramm ein Stündchen Zeit bleibt.

Kein Grund zum Klagen heute. 

Bitter an Dienstagen

Manchmal funktioniert das mit dem Wechselmodell gut, aber fragt mich bitte nicht an Dienstagen danach. Nicht an denen, an denen der Elfjährige – einen Tag nach dem Siebenjährigen – zu mir wechselt. Solche Wochen beginnen nämlich oft ungefähr wie diese:

Am Montag mache ich mit dem Siebenjährigen alles, was sein Papa nicht gemacht hat: Seine Schuhe erst trockenen und dann gründlich imprägnieren. Einen Tag vor der Keyboard-Stunde endlich mal üben, und zwar ordentlich. Den Ranzen aufräumen und alle losen Blätter sortieren. Schulessen für die nächsten Tage und Wochen im Internet bestellen. Den Siebenjährigen mit viel Überredungskunst Möhre, Chinakohl und Gurke zum Abendessen unterjubeln.

Am Dienstag mache ich mit dem Elfjährigen alles, was sein Papa nicht gemacht hat: Meinen Sohn dazu bringen, dass er seinen Ranzen auspackt, die losen Blätter der letzten Schulwochen (die vor Weihnachten war ja auch eine Papa-Woche) einheftet und sein „Lerntagebuch“ für die laufende Woche vorschreibt und auszufüllen beginnt. Angesammelte Tests unterschreiben. Die Elternpost durchsehen. Den Elfjährigen im Internet Schulessen für die nächsten Tage und Wochen bestellen lassen.

Das kling alles nicht so schlimm? Montags mit dem Siebenjährigen ist es auch noch ganz entspannt. Ist ja nur ein Kind, und dieses Kind kann sich gut konzentrieren. Aber noch bevor der Elfjährige am Dienstag mit seinen Schulsachen fertig ist, ist es Abend, habe ich ihn gefühlte dutzende Male ermahnt, sich nicht ablenken zu lassen und weiterzumachen – und er hat Kopfschmerzen. Schluss also für heute. Kurz bevor ich ins Bett gehen will, entdecke ich, dass seine Winterschuhe innen ganz nass sind, hole schnell Zeitungspapier und schalte die Heizung wieder ein. Die Schuhe des Siebenjährigen sind heute trocken geblieben, warum wohl?

An diesen Dienstagen habe ich es satt, einfach nur noch satt. Meine Kinder verbinden die Zeit bei mir mit Pflichterfüllung, Arbeiten für die Schule, Üben für den Musikunterricht, und spätestens dann, wenn zusätzlich zu den Pflichten einer ganz normalen Woche noch die Papawoche nachgearbeitet werden muss, mit Stress und Anspannung. Beim Papa dagegen gibt es ungefüllte Zeit, Pommes und Netflix. Und ich kann nirgendwo hingehen; es gibt keine Instanz, die mich in meinem Anliegen unterstützt, dass auch bei mir Zeit für Schönes bleiben und auch bei ihrem Vater das Notwendige getan werden soll. Hallo Jugendamt, meine Kinder kriegen bei ihrem Papa keine Vitamine und lernen nicht für die Schule? Vernachlässigung sieht ganz anders aus, das weiß ich wohl. Es geht ihnen ja gut dort. Und warme Handschuhe hat er dem Elfjährigen (auf meine Anregung hin) gestern dann mal eben besorgt.

Aber was genau lernen unsere Kinder bei alledem – zum Beispiel über die Rollen von Mann und Frau?

Schwierig, ganz schwierig.

11 Antworten und 11 Fragen (auch)

Die Oecherin hat mich in ihrem Beitrag zum Liebster-Award eingeladen, die 11 Fragen zu beantworten, die sie „weiterreicht“. Darüber freue ich mich und antworte gerne… und habe mich beim Antworten gerne sehr nachdenklich machen lassen. Denn ihre Fragen waren diese:

1. Wie hältst du die Balance zwischen unerfreulichen Weltnachrichten und deinem persönlichen Glück?

Leider habe ich keinen Beruf, mit dem ich dazu beitragen würde, dass diese Welt ein besserer Ort wird. Manchmal beneide ich Menschen, die aus ihrer Arbeit ein Stück „Ich-tu-was-für-die-Welt-Sinn“ ziehen können, das ihnen hilft, diese Balance zu halten. Denn am besten ist die herzustellen, indem man etwas tut. Glaube ich. Ich versuche, hier und da zu helfen, indem ich ein bisschen Geld spende. Abgesehen davon lassen sich viele Geschehnisse in der Welt für mich oft nur aushalten, indem ich sie verdränge oder mich einfach nicht darüber informiere. Was ich aber sehr wichtig finde, ist Dankbarkeit. Ich habe es sehr, sehr gut angetroffen, hier und jetzt zu leben; das möchte ich nicht für selbstverständlich halten.

2. Welches Musikstück gehört ganz sicher in deinen Lebenssoundtrack und warum?

Uiii, ganz schwierig! So ein Lebenssoundtrack ist doch das reinste Mixtape… Ich wähle mal Hindi Zahras „Beautiful Tango“ aus, als Musik für die ersten Jahre nach meiner Trennung vom Vater meiner Kinder, in denen ich sehr viel getanzt und mich sehr, sehr lebendig gefühlt habe.

3. Gibt es ein Wort aus der Bibel, das dir was bedeutet? Welches?

Als Pfarrerstochter war ich mal ziemlich bibelfest. Schon lange stehe zu ich meinem „Herkunftsglauben“ in zweifelnder Distanz, das hat wohl mit der ungeklärten Frage nach dem vielen Leid zu tun… Trotzdem mag ich meinen Taufspruch immernoch gerne: „Fürchte dich nicht! – Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“

4. Fühlst du dich so, wie du vor 10 Jahren vermutet hättest, dass sich Leute in deinem jetzigen Alter fühlen?

Wenn meine Schwestern – die sind acht und zehn Jahre älter als ich – vor zehn Jahren von ihrem Leben erzählt haben, kam es mir so vor, als ob sie sich ungefähr wie ich fühlen – nur ein bisschen erwachsener, ernsthafte und reifer, weil sie das einfach schon immer waren. Ihre Geschichten von beginnender Altersweitsichtigkeit und Reha-Sport habe ich lustig gefunden – und so gehört, als ob das Dinge wären, die mich nie im Leben betreffen könnten. Jetzt schiele ich über meine Brille und beklage die allgemeine Zunahme des Zu-Klein-Gedruckten… und fühle mich oft sehr müde – aber immer noch nicht so reif und vernünftig wie meine Schwestern. Das hätte ich nicht erwartet.

5. Was macht dich im Alltag glücklich?

Wenn meine Kinder unbeschwert lachen. Ausschlafen. Kleine Zeichen der Verbundenheit von lieben Menschen. Zu wissen, dass es in absehbarer Zeit einen Tag gibt, an dem ich ganz alleine bin und garnichts muss. In der S-Bahn ein gutes Buch zu lesen. Wenn irgendwer auf der Straße freundlich lächelt.

6. Welche berühmte Frau aus der Geschichte hättest du gern einmal getroffen?

Ganz schwierig! Ich würde gerne mal mit Rebecca Solnit, Merryl Streep und Scarlett Thomas an einem Tisch sitzen. Aber… die sind ja noch nicht Geschichte. Ich lasse deshalb mal den liebsten Freund für mich antworten, der wusste das nämlich gleich: Er würde Eva gerne mal treffen und sich die Geschichte vom Apfel aus ihrer Perspektive erzählen lassen. Und Rosa Luxemburg, weil die schon damals so vieles klug durchschaut hat – zum Beispiel. dass Unterdrückung auch mit der Geschlechterfrage zusammenhängt.

7. Gibt es eine Dichterin, von der du mindestens ein Gedicht gerne magst?

Es gibt viele. Eva Strittmatter zum Beispiel. Susanne Auffahrt. Marie-Luise Kaschnitz. Eins meiner liebsten Gedichtbücher ist „Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden“ – aus dem könnte ich noch viele Gedichte von vielen Autorinnen heraussuchen, die mir gefallen.

8. Wo möchtest du unbedingt nochmal hin?

Ich würde gerne mit ganz viel Zeit Richtung Santiago de Compostela pilgern – durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich. Das wäre mir wichtiger als das letzte Stück mit den vielen, vielen Jakobswegwanderern. Und wenn ich ein paar Fernreisegutscheine bekomme: Nach Kanada, hoch in den skandinavischen Norden, nach Indien vielleicht.

9. Was möchtest du gerne einmal erleben?

Dass wirksame Klimaschutzmaßnahmen beschlossen und dann auch wirklich umgesetzt werden. Dass die Politik sich am Erhalt unserer Lebensgrundlagen und am Wohlergehen der Schwächeren in der Gesellschaft orientiert und die Interessen der Wirtschaft dem klar untergeordnet werden.

10. Welche ein bis drei Blogs liest du besonders gerne?

Ich freue mich gerade besonders, dass es nach langer Pause wieder Gedichte von Penni Russon auf Eglantines Cake gibt. Die mag ich sehr. Außerdem lese ich in letzter Zeit mit großer Bewunderung und viel Vergnügen die Berichte von Fräulein Read-On. Und ich erwarte mit Spannung, was meine ganz große Patentochter auf 365diasenelotroladodelmundo als nächstes aus Uruguay schreibt. Aber in meinem Reader sind gerade  – kurznachschau – 45 Blogs… und ich lese die alle gern…

11. Hast du dir fürs neue Jahr etwas vorgenommen und, wenn ja, sprichst du drüber?

Nein. Ein vorsatzfreies Jahr.


Jetzt ist es an mir, 11 Fragen zu stellen. Ich freue mich über jede Antwort darauf! – Und natürlich soll sich niemand verpflichtet fühlen. Diejenigen, die ich besonders gerne einladen möchte, mir zu antworten, sind die Bloggerinnen von Hallo liebe Wolke, Aus dem Leben eines Taugewas, mutterseelesonnig, 2kinder/küche/bad/balkon, Leben. Läuft. und sieben-sachen. Wenn Ihr also mögt: Ich freue mich auf Eure Antworten!

  1. Was magst du am Januar?
  2. Welche (2-3) Blogs liest du gerade gerne?
  3. Hat dich in letzter Zeit ein Buch besonders beeindruckt oder begeistert? Welches?
  4. Gibt es Musik, die du gerade besonders gern hörst?
  5. Welche Art von Unterstützung hilft dir im Alltag am meisten – oder: würde dir im Alltag am meisten helfen?
  6. Was macht dich zur Zeit zornig?
  7. Wie und wo möchtest du leben, wenn du älter bist bzw. wenn deine Kinder aus dem Haus sind? Was möchtest du dann unbedingt noch tun?
  8. Wie entstehen deine Blogtexte? Hast du einen Lieblingsplatz, an dem du schreibst?
  9. Gibt es eine Frauenfigur in der Literatur, in einem Film oder in der Geschichte, die du besonders magst oder die ein Vorbild für dich ist?
  10. Wobei schöpfst du Kraft?
  11. Was müsste geschehen, damit 2017 für dich persönlich ein sehr gutes Jahr wird?

 

 

Jahreserstwoche

Silvester scheint schon wieder weit zurückzuliegen. Stimmt doch garnicht, weniger als eine Woche ist es her, seit wir um den großen Tisch saßen, die Schwestern und der eine Schwager und die Mitmutter und meine Kinder und ihres. Pünktlich zum Anstoßen kam der Mann der ganz großen Schwester dann auch dazu; den Siebenjährigen hatte ich gegen halb 11 vom Sofa geklaubt und in sein Bett getragen; der Elfjährige bestaunte bis halb eins das Feuerwerk, das vor und hinter dem Haus über die Dächer aufstieg und war fidel.

Drei Tage später klingt die große Schwester am Telefon schon wieder ganz erschöpft; ihr Arbeitseinstieg glich wegen Krankheits- und Urlaubsvertretung einem Kopfsprung. Meiner ist zum Glück eher ein Hineinwaten, weil die Chefs mit ihren Kindern auf irgendwelchen Schipisten unterwegs sind und auch viele Kollegen noch frei haben.

Es gelingt mir, die Zeit in dieser ersten Woche des neuen Jahres zu dehnen, so dass neben den Arbeitsstunden noch ein gemütliches Abschiedsfrühstück mit den verbliebenen Gästen am 2. Januar, ein Kinobesuch (traurig: „Ich, Daniel Blake“), eine lange Telefonier-Nacht mit der Besuchsfreundin und ein Wiedersehen mit der Studienfreundin nebst Jahresrückblick der „Brauseboys“ hineinpassen. Ich gebe mir Mühe, gesund genug zu bleiben, um die Patentante des Elfjährigen am Wochenende zu ihrem lange ausstehenden Wellness-Geschenk begleiten zu können, freue mich am Schnee, den der Wind von den Dächern stiebt, schaffe es, den Siebenjährigen auf einen der vorderen Plätze der aktuellen Warteliste der Bronze-Gruppe des hiesigen Schwimmvereins gesetzt zu bekommen (Training vielleicht ab April – ), trage ein dickes Buch in der Tasche, in das ich mich in jeder ruhigen S-Bahn-Minute vertiefe (Juli Zeh: „Unterleuten“ – ein sich fein spannend anlassender Uckermark-Roman mit vielerlei Perspektiven).

Der Weihnachtsbaum grüßt mich freundlich, wann immer ich zwischendurch kurz zu Hause aufschlage, die Tasche fallen lasse und schlafen gehe; morgens nach frischen Sachen krame, zwischendurch kurz Rast mache.

Nächste Woche dann wieder Alltag. Jetzt halte ich ihn mir noch ein wenig vom Leib.

2016

2016 war das Jahr, in dem ich das Wort „postfaktisch“ gelernt und meinen Kindern das Wort „populistisch“ erklärt habe. Hätte auf beides auch gerne verzichtet.

2016 war ein Jahr, in dem viel zu oft schon ein paar Minuten Nachrichten am Morgen ausreichten, um auf eine Weise traurig zu werden, die den ganzen Tag einfärbt. Mal abgesehen von Kriegen und Politik: Schmelzende Polkappen; Methan, das ungestört in die Atmosphäre aufsteigt. Wir schaffen es nicht mehr, die Welt zu retten, die wir kennen. Mülltrennen hilft nicht. Ökostrom beziehen reicht nicht. Kein Radio hören ändert auch nichts an der Lage. Wie soll ich das meinen Kindern erklären? Wie sollen sie leben, in 20, 30 Jahren?

Für mich persönlich war 2016 ein Jahr, in dem wenig passiert ist. Außer Älterwerden, das dafür aber um so mehr. Weniger Kraft. Mehr Vergesslichkeit. So oft (wo war ich stehengeblieben?) dieses leere Gefühl im Kopf, manchmal nur grau.

Was ich geschafft habe: Nach Stockholm zu reisen und die Schären zu sehen. Eine Mutter-Kind-Kur zu bekommen. Einen Job-Newsletter zu abonnieren und eine (1) Bewerbung zu schreiben. Meinen Balkon zum Blühen zu bringen. Zwei Paar (4) Socken zu stricken. Mich an die meisten (98) Schul- und Arzt-Termine der Kinder rechtzeitig zu erinnern. Den Alltag am Laufen zu halten. Weiterzumachen.

Was ich nicht geschafft habe: Die Welt zu retten (siehe oben). Irgendwelche guten Vorsätze umzusetzen. Ganz besonders nicht solche, die mit Sport zu tun hatten. Die Stelle zu wechseln. Mit meinen Kindern ausreichend geduldig zu sein.

Was schlimm war (privat und im kleinen): Den Flamenco-Kurs absagen zu müssen, auf den ich mich so(ooo) gefreut hatte. Nach dem Einsetzen der Narkosewirkung die Hand des Elfjährigen loszulassen und aus dem OP zu gehen mit dieser Angstklammer ums Herz: man kann ein Kind auch verlieren. Gelegentlich um fünf Uhr in der leeren Wohnung aufzuwachen mit Herzrasen und dem Gefühl, ziemlich allein auf der Welt zu sein.

Wo ich wirklich glücklich war: Alleine am Meer. In meinem Bett nach langen, anstrengenden Tagen. Auf meiner Geburtstagswanderung mit den Kindern und den liebsten Freundinnen und der ganz großen Schwester. Beim Beerensammeln im Wald. Auf dem Balkon vom Kur-Appartement unter dem großen Sternenhimmel.

Traurigkeiten: Dass es in Berlin so wenig Alltagsfreundlichkeit gibt. Dass liebe, wichtige Menschen in Lebenskrisen getrudelt sind. Dass Freundschaften und Gefühle sich veränderten.

Glücksgeschenke:
Eine neue Freundin zu finden.
Einen neuen Chef zu bekommen, der erst einmal die Überstunden der gesamten Abteilung übernimmt.
Mit der Besuchsfreundin abends im Waldhäuschen zu sitzen und herumzublödeln. Und die Telefonate mit ihr, in denen ausgiebig geklagt werden darf – und sehr viel gelacht wird.
Mit dem liebsten Freund müde auf dem Sofa liegend die Probleme der Welt zu lösen, so theoretisch. Und dabei ein bisschen weniger verzagt zu werden. Der nicht abgeschlossene Strandkorb vor dem Hotel, das uns keinen vermieten wollte (Hah!).
Das unbeschwerte Lachen des Elfjährigen – das so selten ist – und das unwiderstehliche Strahlen in den Augen des Siebenjährigen: Funkelsterne und Sonnenschein.
Manchmal einen ganzen Tag lang allein sein. Manchmal einen ganzen Tag lang nicht allein sein.
Parasolpilze. Ganz kleine gelbe Tomaten.
Wenn bei Kälte, Regen und beginnender Grippe die richtige S-Bahn ohne Wartezeit kam.
Lesen: „Americanah“ von Chimamande Ngozi Adichie und „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić. Jan Wagners „Regentonnenvariationen“. Schauen: Jens Steinbergs Malerei. Hören: Dota. Live! Und Lachen: zum Beispiel über die Weihnachtspostkarte von der Besuchsfreundin. „Stress, Stress“, schnaubt das schweißgebadete Rentier vor dem Schlitten. „Du atmest falsch“, sagt der Weihnachtsmann, der hinten die Zügel in der Hand hält.

Weiter (falsch) atmend und weiter hoffend und dankbar für die Menschen, die für mich da sind und dankbar für die Menschen, für die ich dasein darf – so will ich ins neue Jahr gehen. Uns allen wünsche ich, dass es ein besseres, ein gutes Jahr wird.

Cheers!

 

Stille Tage

Den ersten Weihnachtstag verbringe ich vorwiegend auf meinem Sofa. Die Kopfschmerzen verziehen sich, der Weihnachtsbaum duftet, ich habe einen Tee/Kaffee/Teller mit Plätzchen/Teller mit Broten neben mir stehen. Die überfälligen Karten und Briefe, aus denen nun statt Weihnachts- schon Jahresend-Grüße werden müssen, bleiben liegen, aber ich möchte – heute, einmal – kein schlechtes Gewissen deswegen haben. Die Besuchsfreundin ruft mich an, während zwei Gänsebeine im Ofen fertigbrutzeln und zwei Kartöffelchen im Topf garen. Meine ganz große Schwester meldet sich am Abend und hat Zeit zum Erzählen.

Kurz vor dem nächsten Mittag kommen meine Jungs vom Papa zurück. Endlich! Wir packen gemeinsam die Weihnachtspäckchen aus, die noch unter der Blautanne Josefine stehen, und entscheiden, dass die neuen Bumerang-Flieger von der großen Schwester gleich ausprobiert werden sollen. Allerdings peitschen uns Regen und Wind heftig um die Ohren, als wir den Berg im nahegelegenen Park besteigen, so dass wir aufgeben und stattdessen zur großen Videothek fahren, um ein paar Filme auszuleihen. Nachdem ich also die Details der neuen Feuerwehr-Wache bewundert, das neue Weihnachts-Spiel ausprobiert, Brote geschmiert und meinen Söhnen froh beim Reversi-Spielen zugesehen habe (froh jedenfalls in dem einen Moment, nachdem der erste Streit geschlichtet war und bevor das Brett im Zorn so sehr angeschubst wurde, dass nicht weitergespielt werden konnte), endet auch dieser Tag auf dem Sofa.

Am Dienstag müssen wir – wie alle Leute – einkaufen. Der Elfjährige nimmt mir den Weg in die eine Richtung ab, ich gehe in die andere. Später kommt der liebste Freund vorbei und baut mit den Jungs ein einfaches Murmelbahn-Modell aus der 600-Teile-Kiste, die er den beiden zu Weihnachten geschenkt hat. Für den großen Parcours mit Motor, Aufzug und langer Abfahrt bräuchten wir mehr Zeit, das kriegen wir heute nicht mehr hin. Abends gucken die Großen noch einen ganz schön schlechten Film.

Wer einkauft, muss auch kochen – Mittwoch ist Großkampfvormittag in der Küche, ein Hühnchen steckt im Kochtopf, Gouda schmilzt im Wasserbad und der Elfjährige koordiniert die Schnippel-Arbeiten des liebsten Freundes und des Siebenjährigen für die Cremefüllung der Käsepastete. Am Mittag ist die Hühnersuppe fertig, die Pastete gerollt und der Lieblings-Kräuterquark des Siebenjährigen angerührt. Ich falle für ein Stündchen ins Bett, bevor die Patchworkmama mit ihrem Mann, meinem Patenmädchen und dem kleinen Patchworkbaby vor der Tür steht. Wir haben uns seit mindestens einem Jahr – gefühlt ist es noch viel länger – nicht gesehen; meine Freundin und ich schwatzen also fröhlich, während die Kinder irgendwo in der Wohnung Verstecken spielen oder mit ihren neuen Walkie-Talkies von Zimmer zu Zimmer „Hallo?“ „Hallo!“ rufen. Das Baby hat es meinen Söhnen angetan; der Siebenjährige, der so gerne ein kleines Geschwisterchen hätte, strahlt den Sechs-Monats-Winzling immer wieder an und schwärmt hinterher von den kleinen, weichen Händchen. Der Elfjährige legt sich neugierig zum Patchworkbaby, als es im Hochbett des Siebenjährigen das bunte Mobile an der Decke bewundert; und blättert am Abend mit mir durch sein Baby-Fotoalbum um nachzuprüfen, ob es wirklich dieses Foto gibt, auf dem er im Schlaf die Hände wie ein Dirigent vor sich ausstreckt.

Abends lange aufbleiben – den schlafenden Siebenjährigen schleppe ich kurz vor zehn vom Kuschelsofa in sein Bett – und morgens lange ausschlafen. Filme gucken, wenn draußen eisiger Regen fällt; Freunde sehen, spielen und lesen (die Weihnachtsbücher des Elfjährigen haben nicht lange vorgehalten), nicht viel müssen und wenig wollen. Ich mag die stillen Tage zwischen den Jahren.