Eine Woche, ein Wochenende, ein Abend

Obwohl nach Stockholm nur noch eine halbe Alltagswoche kommt, ist die ganz voll. Irgendwas ist ja immer. Ich verarzte (nach dem vereiterten Daumennagelbett zwei Wochen vorher) ein vereitertes Zehennagelbett, gehe mit dem Elfjährigen deswegen zum Arzt und hole bei der Gelegenheit gleich eine Zweitmeinung zu chirurgisch behandlungsbedürftigen Jungsproblemen ein, OP steht ins Haus. Ich gehe mit dem Siebenjährigen schwimmen, bringe den Elfjährigen dazu, die Eigenschaften von gefühlten sieben Dutzend Metallen für ein beim Papa nur schlampig vorbereitetes „Portfolio“ für das Fach Naturwissenschaften zu googeln (und helfe ein bisschen mit, aus purer Empörung darüber, dass die Lehrerin den gewünschten Umfang des Projektes total im Unklaren gelassen hat; „weiterführende Recherche“ nennt sich das in der Aufgabenstellung, na prima. Wieso kann sie nicht einfach eine Klassenarbeit schreiben lassen?). Ich arbeite zweieinhalb Tage, habe diverse „Calls“, mache pünktlich Feierabend, um mit dem Siebenjährigen ins Einkaufszentrum zu fahren und eine Sommerjacke und Socken und eine Badehose und Sandalen zu kaufen, und Zumba-geeignete Turnschuhe für mich. Außerdem ist Pädagogensprechtag, wir gehen also um 18 Uhr nochmal in die Schule, um mit der Klassenlehrerin des Elfjährigen zu reden; der Siebenjährige sitzt unterdessen friedlich im Schulflur, bestochen mit zwei Päckchen Fußballkarten und einer kleinen Schachtel Smarties, die bei den Recherchen für das „Portfolio“ des Elfjährigen wegen der aufgedruckten Zutatenliste gekauft werden mussten.

Dann ist Wochenende. Zu Hause habe ich seit längerem auf Notfallmodus geschaltet, das bedeutet, dass es nichts macht, wenn alles unordentlich und schmutzig ist, und dass ich mir jeden Tag nur eine oder zwei wichtige Sachen vornehme. Für das Wochenende heißt das: Großeinkauf. Zwei Maschinen Wäsche waschen und die alte Wäsche weglegen. Einmal richtiges Essen kochen. Die Kinder räumen unter viel Gemecker ihre Zimmer auf, fegen in Küche, Bad und Flur; der Siebenjährige muss zweimal Keyboard üben und zweimal zehn Minuten laut vorlesen, der Elfjährige muss alle losen Blätter in seinem Ranzen einheften und zweimal Übungen für seinen Rücken machen. Nach dem Samstagmittagessen falle ich ins Bett und wache erst nach anderthalb Stunden wieder auf. Das tut gut. Abends gehen die Jungs zu ihrem Papa, denn die Patentante des Elfjährigen hat mich zu einem Konzert eingeladen, eigentlich anlässlich meines letzten Geburtstages, es wird also Zeit. Am Sonntagmorgen wache ich mit dicken Halsschmerzen auf, aber wir sind mit der Mitmutter aus der Klasse des Siebenjährigen, mit der ich mich so gern richtig anfreunden möchte, zum Schwimmen verabredet. (Jemanden finden, der mit dem, was man zu geben hat, etwas anfangen kann. Das wurde eigentlich über die Liebe gesagt, aber auf Freundschaft trifft es doch auch zu: Eine andere alleinerziehende Mutter, die wie ich am Wochenende gerne mal etwas gemeinsam unternehmen mag, mit noch einem Erwachsenen dabei; Eisessen, Spielplatz, Schwimmbad – das tut mir sooo gut. Und sympatisch war sie mir schon zu Kita Zeiten.) Also schlucke ich eine Schmerztablette und bleibe im Schwimmbad am Beckenrand, laufe neben dem Elfjährigen her, der acht Bahnen fürs Bronzeabzeichen übt, und neben dem Siebenjährigen, der nur noch einen Schwimmärmel braucht und tapfer Bögen um die vielen bunten Berliner Multikulti-Spaßbade-Kinder im Nichtschwimmerbecken schwimmt. Wir teilen mitgebrachtes schwedisches Knäckebrot und Erdbeeren aus dem Erdbeerhäuschen und Pizza und Pommes aus dem Schwimmbadrestaurant. Ins heiße Solebecken gehe ich am Ende dann doch mit, wir sitzen auf den Sprudelliegen zwischen der Frau im Burkini und dem stiernackigen Sumo-Ringer, dem der Siebenjährige aus Versehen seinen Ball an den Bauch wirft und den er mit seinem zahnlückigen Charme zum Lächeln – und freundlichen Zurückwerfen – bringt.
Der Siebenjährige geht zum ersten Mal mit dem Elfjährigen in die Jungsumkleide, die beiden kriegen das prima hin, ich bin sehr gerührt: so groß sind meine Kinder jetzt schon.
Als wir uns nach dem Baden im Vorraum der Schwimmhalle wiedertreffen – da, wo das geniale Unterwasser-Guckfenster in die Sprunggrube des großen Schwimmbeckens ist – freut sich das Töchterchen der Mitmutter riesig, weil da tatsächlich Meerjungfrauen schwimmen; Meerjungfrauen, deren wedelnde Fischschwänze wir von unterhalb wunderbar sehen können.

Irgendwann abends sind die Kinder satt, die letzten Pflichten erledigt, die Badesachen ausgewaschen und aufgehängt, die welken Pflanzen auf dem Balkon gegossen; ist die Sendung mit der Maus geguckt, das Geschirr gespült, das Wissen über Ägypten für den Geschichtstest abgefragt, das Gutenachtlied gesungen. Mein Hals tut schon länger wieder weh, ich möchte jetzt am liebsten vor einem Krimi einschlafen. Aber da steht noch das Tablett, auf das ich alle Papiere gestapelt habe, die sich in den letzten Wochen angesammelt haben. Irgendwo da drin stecken Sachen, die dringend sind. Ich mache Überweisungen; ich räume den Stadtplan von Stockholm beiseite. War das wirklich erst vor einer Woche? Die nächsten Wochenend-Projekte – vieleviele Reisen und Ausflüge in diesem Jahr – plane ich heute nicht mehr. Es geht einfach nicht. Es geht immer nur ein bisschen, gerade. Viel weniger, als ich müsste und möchte. Und in Summe trotzdem gut. Und wichtig und richtig und schön.

Stockholm-Reise (7)

Zurück in Oslo. Wir sind jetzt erfahrene Oslo-Umsteiger, haben Picknick dabei und kaufen auch keinen Kaffee für 5,75 Euro, den man nur mit einem Zehn-Euro-Schein gegen norwegisches Wechselgeld bezahlen könnte.
Die dicken grauen Wolken über Stockholm haben wir hinter uns gelassen; hier scheint wieder die Sonne.
Ich denke an die schönen alten Häuserreihen, die Stockholms Innenstadtinseln säumen, an die sinnig geschnittene Wohnung unserer Gastgeber in einem der riesigen Wohnblocks, dessen schmales Wendeltreppenhaus und kleine Aufzüge keiner deutschen Brandschutzrichtlinie genügen würden; an die Linienboote zu den Schären.
Auf die oberflächliche Weise eines Touristen weiß ich jetzt ein wenig von Stockholm, habe ein paar Bilder im Kopf. Ich lerne gern Städte kennen, die Hauptstädte Europas würde ich mit der Zeit gerne alle sehen.
Vor dem Fenster, an dem ich sitze, spielt sich reibungslos die logistische Routine zwischen Landung und Start einer großen Lufthansa-Maschine ab; aussteigen und ausladen, tanken und Müll entsorgen, Vorräte, Gepäck und neue Passagiere aufnehmen. Wie unglaublich das ist, so reisen zu können, um die Welt jetten, mal eben, solange man den richtigen Pass und genug Geld hat.
Aber manchmal beneide ich auch die Reisenden früherer Zeiten – die damals privilegierten, ja – die etwas anderes hatten: Zeit. Und wirklich an den Orten „ankamen“ – mit ihren langsamen Seelen, von denen meine abstammt – zu denen sie unterwegs waren.

Stockholm-Reise (6): So viel Kunst

Unser dritter Tag in Stockholm – die Wetter-App hat es zuverlässig vorausgesagt – ist nicht nur kalt, sondern auch regnerisch. Wir streichen also das Freilichtmuseum Skansen und gehen stattdessen mehr Kunst gucken. Das im Umbau befindliche Nationalmuseum stellt in der „Konstakademien“ aus; nachdem wir durch die sehr spannende Ausstellung – zum Selbstbild von Künstlern durch die Jahrhunderte – geschlendert sind, gibt es da auch noch eine Stipendiatenausstellung mit ganz junger Kunst, die sich nicht wirklich leicht erschließt. Warum schleppt da einer eine Tür durch den Sumpf, malt sie immer wieder gelb und blau und grün an, mit Farbe, die das Sumpfwasser immer wieder wegwäscht?
Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, gehen wir nochmal bis zum Moderna Museet – allerdings vor allem deshalb, weil wir da gestern dieses verlockende Lunch-Buffet gesehen haben. Mit Blick aufs Wasser essen und trinken wir, eingelegten Hering, geräucherten Lachs, geschmorte rote Beete, Pfannkuchen mit Beerensauce. Lecker! Nachdem unsere Suche nach einem Mittagessen gestern ausgerechnet bei einem Vietnamesen geendet hat, wäre es zu traurig gewesen, nicht auch ein klein wenig schwedisch zu essen.
Traurig, ja – als wir später aus dem Museum kommen, Regen und Wind uns überfallen und wir keinen richtigen Schlechtwetterplan mehr für den Abend haben, überfällt mich die große Traurigkeit.
Ich hab doch noch gar keinen wirklichen Eindruck von Stockholm… es war viel zu wenig Zeit.
Ich würde gerne noch durch die ganz normalen Viertel spazieren, über einen großen Friedhof gehen, mit der großen Schwester in Kirchen gucken, mit Bussen quer durch die Stadt und in die Schären rausfahren… und so richtig erholt habe ich mich auch noch nicht. Viel zu wenig Zeit.
In meinen Koffer kommen nicht nur die ungetragenen kurzärmligen T-Shirts, die Karte vom „Schären-Garten“ und Zimtschnecken für meine Kinder, sondern auch (und das ist neu und hat wohl mit dem Älterwerden zu tun) der Gedanke, dass ich hierher vielleicht nie wieder kommen werde.

Stockholm-Reise (5): Müde Füße

Heute ist ein kalter Tag, aber daran haben wir uns gestern und vorgestern abend ja schon gewöhnt, ziehen also an, was wir so mithaben und machen uns auf ins Stadtzentrum. Den Weg zur U-Bahn kennen wir schon gut; mir fallen immer wieder die breiten, gut beschilderten Radwege auf und wie bunt und vielsprachig Stockholm ist. Und die Bettler: unter der Brücke, am Eingang zur U-Bahn, an den Straßenecken im Zentrum. Über die Altstadtinsel wollen wir rüber nach Södermalm, aber das ist nicht so einfach, weil wir noch ein paar Postkarten und Mitbringsel brauchen und deshalb den einen oder anderen Postkarten- und Mitbringselladen besuchen müssen. Da drin ist es ja auch warm, und aufwärmen tut ungefähr alle fünf Minuten sehr, sehr gut.
Die Schweden sind richtig gut bei Mitbringseln, wir denken ganz schön viel nach, ob wir nicht jemandem einen Emaillebecher mit Mumin-Motiv, einen mit roten Pferden bedruckten Stoffbeutel, Blaubeertee, einen Elchregenschirm, filigranen Christbaumschmuck aus Metall, eine Kuscheleule, ein gelbes T-Shirt mit blauen Krönchen oder eine teelichtbetriebene Mini-Pyramide schenken könnten. Leider nein.
Langsam, mit einem kleinen Abstecher in die deutsche Kirche mit ihren schönen bunten Glasfenstern, arbeiten wir uns doch Richtung Södermalm vor, und den Aufzug zu der höhergelegenen Ebene der Stadt finden wir ganz leicht. Ein schöner Ausblick von da oben, auf das Panorama alter Häuserfassaden, Kreuzfahrtschiffe am Kai und die Riesenbaustelle Slussen.
Später am Nachmittag betreten wir eine weitere Insel, Skeppsholmen, wo sich viele Museen befinden. Wir freuen uns auf das Moderna Museet, wo es freien Eintritt, Kaffee mit Refill und Kunst von Picasso und Mirò bis Duchamp und Warhol und zur Gegenwart gibt. Und wir haben dort viel Spaß: Bestimmen die mannshohen Pilze im Korridor, stellen fest, dass einige Zeichnungen aussehen, als ob – so die große Schwester – „die Mathestunde langweilig gewesen wäre“, freuen uns an einem Kleiderbügelmobile (die große Schwester pustet nach oben, bis es zu schwingen beginnt, während ich mich umschaue, ob das Aufsichtspersonal Einwände dagegen hat), an leuchtenden Farben und an den detailreichen Bildern in der Sonderausstellung  von Moki Cherry, die ganze Geschichten erzählen.
Schade, dass wir um 18 Uhr rausgeworfen werden, das Museum schließt, der Bus fährt uns vor der Nase weg, es ist schon wieder immernoch kalt, wir schleichen auf müden Füßen über ungefähr sieben Brücken zurück zum zentralen Busterminal, wo wir noch recherchieren wollen, wie wir am Montagmorgen vor Tau und Tag zum Flughafen kommen. Die gefühlten 300 Stufen hinunter zu unserer U-Bahn geben meinen Füßen den Rest. Ab aufs Bett, Beine hochlegen, Kassensturz machen und Souvenirtütchen auspacken. Mein bestes Mitbringsel stammt allerdings aus dem Supermarkt: ein rundes,  wagenradgroßes Paket Knäckebrot für meine Kinder.

Stockholm-Reise (4)

Ein Traum von mir, schon lange: Einen Tag in den Schären vor Stockholm zu verbringen. Unseren Schönwetter-Tag hier nutzen wir dafür, sind zum Erstaunen unserer Gastgeber früh auf den Beinen, halb 10 schon mit dem Boot auf dem Weg. Unsere Entscheidung ist auf Grinda gefallen, anderthalb Stunden sind wir dahin unterwegs, aus der Innenstadt hinaus, an unzähligen Inseln voller roter und gelber und blauer Ferienhäuser vorbei. Miniatur-Leuchttürme stehen auf den Schärenspitzen, der Himmel ist leuchtend blau, das Meer glatt.
Grinda ist perfekt für einen Tagesausflug. Wir schlendern über die Insel, picknicken an der windgeschützten Badestelle und gehen ins eisige Wasser – ganz! und dann ganz schnell wieder raus! – bevor die Sonne unsere Beine durch die Hosen hindurch verbrennen kann. Wir laufen den Wanderweg mit den Informationstafeln, steigen zum höchsten Punkt der Insel, auf dem man im Fels die Rillen sehen kann, die das Eiszeiteis beim Rundschleifen der Felskuppen hinterlassen hat. Sumpfdotterblumen und Buschwindröschen blühen, die Blaubeeren sind schon zartrosa, wo sie viel Sonne kriegen. Im Laden gibt es Kaffee mit Refill und Zimtschnecken, im Hafen entziffern wir die Schilder; wir gucken durch die Fenster der Hütten, die man auf Grinda mieten kann; frieren am Abend unter mehreren Pullovern, als wir am Anleger auf das Schiff warten, das uns zurückbringen soll. Ein Tag wie in einem Buch von Astrid Lindgren; Ostseeduft gemischt mit Kindheitserinnerungen an den Thüringer Wald.
Unser Linienboot Richtung Stockholm hält an allerlei kleinen Schärenanlegern, manchmal wirft die Bootsfrau nur ein Päckchen in einen Holzkasten am Anleger und niemand steigt ein oder aus. Die ersten Vorortviertel mit großen, schicken Wohnblocks nähern sich, ganz neue Blocks werden, weil die Hügel schon voll sind, auf Plattformen übers Wasser gebaut. Da sind alte Speicherhäuser, wunderschön saniert; ein Kreuzfahrtschiff an seinem Liegeplatz, die Gottvaterfigur auf dem Regenbogen, dessen Wasserfontäne schon ausgeschaltet ist; das Abendlicht ist blau und rosa und das Wasser leuchtet silbern.
Ein Tag in den Schären. Das war sehr, sehr schön.

Stockholm-Reise (3)

Angekommen sind wir, alles prima, die preiswerte Öffi-Variante des Transfers vom Flughafen problemlos gefunden.
Kalt ist es allerdings, eisiger Wind; und wie die Besuchsfreundin neulich richtig bemerkt hat, würde ich lieber den ganzen Tag zwei Jacken unter dem Arm tragen als am Morgen auch nur eine halbe Stunde zu frieren. Jetzt hat die Berliner Wärme mich zum leichtsinnigen Packen verleitet. Hmmmmm. Wie ich mit der vorhergesagten weiteren
Abkühlung klarkommen werde, wird sich zeigen. Dass die Leute dem kleinen Bronzefigürchen hinter der finnischen Kirche in der Altstadt eine Strickmütze aufgesetzt haben, verstehe ich jedenfalls gut. – Was schön war: Die Blicke übers Wasser auf Sodermalm. Die kleinen Gassen in Gamla Stan. Die Musik in den Straßen. Angemerkt werden muss, dass wir nicht wegen dem Eurovision Song Contest hergekommen sind, aber auch, dass der Contest nicht wegen uns gerade hier und gerade jetzt stattfindet. Im Nebenraum unseres Ferienzimmers fiebern jedenfalls die Gastgeber beim Vorentscheid – oder so – mit.

Stockholmreise (2): Staunen

„Klompelompe“ heißt das Buch mit den Strickanleitungen; aus einem Rundumdiewelt-Adapter kann man diverse Stecker ausfahren; es gibt Flugstrümpfe und Flug-Ohrstecker und Postkarten mit Bildern der norwegischen Königsfamilie. Vor den Toiletten hängen Bildschirme, auf denen man ihre Sauberkeit benoten soll.
Nein, zum Geldausgeben haben wir grade keine Lust mehr – aber zum Staunen über dieses ganz eigene Universum eines Flughafens. Und zum Freuen an den sonderbaren Wörtern um uns herum, auf denen ich beim Reisen mindestens so gerne herumkaue wie auf landestypischen Spezialitäten.