Anders und golden

Anders ist unser Häuschenurlaub in diesem Jahr, gleich mehrfach anders.

Schön das gemeinsame Essen und das abendliche Spielen in der ungewohnt großen Runde mit dem Hannoverliebsten, der großen Schwester und dem großen Schwager.

Schön das gemeinsame Laufen im Wald. Ungebrochen unsere Freude an den Pilzen, die wir finden; es ist (unter anderem) ein großartiges Fliegenpilzjahr und wir haben Freude daran, die allerschönsten beim Spazierengehen wie alte Freunde zu begrüßen und ihren Babies Tag für Tag beim Größerwerden zuzusehen.

Aus dem Speisesaalessen buchen wir uns aus, als Gruppen anreisen, die keinerlei Abstand am Buffet einhalten und sich nicht die Hände desinfizieren, bevor sie die Auftulöffel anfassen.

Wir wussten ja nicht, wie gut wir es hatten, als das keine Fragen waren, über die wir nachdenken mussten.

Jetzt also Selbstverpflegung im Häuschen; der Hannoverliebste und der große Schwager fahren flink zum Einkaufen in den nächsten Ort.

Unsere Nachrichtenabstinenz lässt sich nicht durchhalten. Abends schauen wir am Tablet die Tagessschau nach. Wieso gibt es noch immer keinen Lockdown in Neukölln?

Die große Schwester und der große Schwager machen einen Ausflug und verabschieden sich für den Tag. Auch wir wollten einen Ausflug machen. Nicht die Therme in Templin, das wagen wir nicht. Aber in den Wildpark.

Leider springt das Auto des Hannoverliebsten seit dem Abend schon nicht mehr an; man weiß nicht, ob ein kabelsüchtiger Marder, eine Zündkerze, eine entladene Batterie oder ein anderes Geheimnis aus den finsteren, staubigen, öligen Eingeweiden des treuen alten Fahrzeugs daran schuld ist.

Der Morgen ist kalt. Der Elfjährige und der Fündzehnjährige kuscheln in Schlafanzügen auf dem Sofa und spielen auf ihren Smartfons, zum ersten Mal, seit wir hier sind. Der Hannoverliebste hört sich die Warteschleifenmusik der Pannenhilfe an. Ich schaue einer Meise zu, die vor dem großen Häuschenfenster an einem Fichtenschössling turnt.

Das Laub draußen aber wird – wie in jedem Jahr – golden.

Reisekrimi

Unser Waldhäuschenurlaub stand auf ganz wackeligen Füßen.

Berliner Stadtbezirke wurden Corona-Risikogebiet, unserer nicht.

Das Brandenburger Beherrbergungsverbot trat in Kraft.

Berlin sollte plötzlich als Ganzes betrachtet werden, weil dann auch die Mittebewohner und Neuköllner noch würden reisen dürfen (so vermutlich der Hintergrund). Das ging so richtig schief, bald hatte ganz Berlin den kritischen Inzidenzwert gerissen.

Wir müssen in den Waldhäuschenurlaub fahren, unbedingt – so der Elfjährige.

Möglichkeiten für Coronatests: Reisepraxis. Quicktest. Ärztehaus Mitte. Alles schrecklich teuer, nicht per Telefon erreichbar, ausgebucht, bevor ich mit dem Überlegen fertig war.

Die kompetente Kinderärztin, die uns schließlich testete.

Extra einen zusätzlichen Tag Urlaub nehmen, damit wir 48 Stunden nach Erhalt des Testergebnisses angereist sein werden.

Extra mit dem Vater meiner Kinder absprechen, dass wir einen Tag eher fahren wollen. Müssen.

Zehn Seiten Hygieneregeln schickt die Unterkunft als Antwort auf unsere abfotografierten Testergebnisse.

Anreisen. Zitternd, dass noch was schiefgehen könnte; nix berühren im Zug, FFP2-Masken vorm Gesicht.

Als wir glücklich da sind – im Wald, im Häuschen, aufatmend, endlich – wird das Brandenburger Beherrbergungsverbot von einem Gericht gekippt.

Jetzt verfolge ich gerade keine Nachrichten mehr. Wir verdrängen, dass die Zahlen gerade vielleicht weiter steigen. Wir denken noch nicht daran, dass die Schulen vielleicht nicht wieder im Regelbetrieb öffnen.

Wir atmen Waldluft. Wir schneiden Butterpilze ab, die uns vor den Füßen wachsen, und lassen 141 Stück stehen.

Der Hannoverliebste kocht Bolognese, die große Schwester und der große Schwager beziehen ein Häuschen 50 Meter entfernt.

Der Elfjährige und der Fünfzehnjährige streiten und vertragen sich wieder; die Doppelkopfkarten fächern sich erwartungsfroh auf.

Wir haben Urlaub.

Sehr, sehr dankbar.

Anfang Oktober 2020

Ferientage ohne meine Kinder.

Ein großes Bedürfnis, rauszugehen und zu laufen. Am Wochenende ist der Stadtwald voller Menschen; die meisten im passenden Alter, um es für möglich zu halten, dass sie die letzten fünf Nächte auf illegalen Partys verbracht haben; dazwischen schnaufende Jogger, deren Aerosoltrails mir meine Fantasie in grellen Farben ausmalt, wie sie sich durch die Luft winden und mir unentrinnbar über Mund und Nase legen. Coronaphobie. Aber ich kenne die einsameren Wege. Die Waldluft tut gut. Die Beine genießen die Bewegung.

Nochmal auf dem Balkon frühstücken, dick eingepackt, mit Marmeladenbroten und Kaffee und Frühstücksei und dem Hannoverliebsten auf einem verpixelten Videobild, weil das wlan zu weit weg steht.

Mir fällt auf, dass ich viele Dinge kaufe, mehr Kleidung für mich als seit langer Zeit; mehr als ich in diesem Homeofficewinter brauchen werde. Schöne Pullover fürs Büro, schöne Hosen (obwohl ich mir Hosen immer verzeihe, weil es so selten welche gibt, die mir passen). Vielleicht hat es etwas mit dem wohltuenden Gefühl zu tun, etwas unter Kontrolle zu haben. Ein paar Klicks und die Lieferung ist auf dem Weg. Wenn das mit dem Ende der Pandemie, dem Klimawandel und dem Frieden auf Erden auch so ginge!

Großes Eskapismusbedürfnis: Auf dem Sofa einigeln, mit Tee und Decke. Fernsehprogramm aus der Mediathek, dabei das Strickzeug in der Hand, auch die Handschuhe werde ich im Winter wenig brauchen. Aber Stricken lenkt so schön ab. Immerhin gibt es „Birnenkuchen und Lavendel“, den habe ich im Kino verpasst. Eine Verfilmung von „Chuzpe“, diesem feinen Roman von Lily Brett. Und „Frizie – der Himmel muss warten“ – eine Serie der anspruchsvolleren Art, es geht um den Umgang einer Frau mit ihrer Brustkrebsdiagnose.

Ich mache die Wohnung sauber, ich möchte es um mich herum schön haben. Nebenbei läuft die Bauchtanz-Playlist und verbreitet gute Stimmung. Weil ich Lust auf Rosenkohl habe, koche ich mir ein Curry, das für drei Tage reichen wird; es ist immer gut, mittags im Homeoffice  ordentliches Essen zu haben.

Zwischendurch finde ich noch eine Praxis, die Coronatests für Selbstzahler anbietet, und buche online einen Termin, von dem ich nicht herausfinden kann, ob ich meine Kinder mitbringen kann – die Hotline ist dauerhaft nicht erreichbar, auch hier, obwohl die Preise so hoch sind.

Die andere Mitmutter schreibt von einem Coronafall in der Schulklasse ihres Sohnes – das Gesundheitsamt hat sich bisher noch nicht bei ihr gemeldet, dabei müsste der Sohn doch jetzt getestet werden? Wird das nicht gemacht, weil wir die Herbstferien sowieso alle in Quarantäne verbringen sollen?
Eine Nachbarin muss nach dem Tod ihrer Mutter im Sommer jetzt auch noch eine schlimme Diagnose bei ihrem Vater verdauen. Krankenhausbesuche sollen bald wieder verboten werden. Sie kauft Seife auf Vorrat.

Ich wäge ab: Gehe ich nochmal ins Büro, bevor wir wieder auf Rot gestuft werden; bevor die Infektionszahlen noch weiter steigen? Kann ich das auch verantworten, wenn ich mir ab und an die Nase putzen muss? Vorhin gehustet habe? Das lange vereinbarte Treffen mit der Patentante des Fünfzehnjährigen ist 30 S-Bahn-Minuten entfernt – es würde mir guttun, aber. Aber. Aber.

An unseren Urlaub zu denken, Sachen herauszulegen, die Koffer vom Hängeboden zu holen… wage ich nicht.

Unwägbar

Das Schreiben fällt mir schwer. Dabei wäre vieles in diesem sonderbaren Jahr aufzeichnungswürdig.

Zwei Monate lang haben die Kinder wieder regulären Schulbetrieb gehabt; morgens frische Masken eingesteckt; aus der Schule gute Noten nach Hause gebracht; zu Hause erschöpft ausgeruht. Ihre Hobbies können sie nun langsam wieder aufnehmen: Schachtraining, einmal in der Woche. Das erste Turnier an zwei Wochenenden fällt nun schon wieder mit hohen Infektionszahlen in Berlin zusammen; mit Sorge denke ich an den Elfjährigen, dessen Asthma zum Glück immer noch unauffällig ist und der sich auf dem Turnier, genau wie auf seinem Schulweg ins Risikogebiet Friedrichshain, tapfer mit FFP2-Maske schützt. Der Fünfzehnjährige geht wieder zu den Angeboten der kirchlichen Jugendarbeit, nur die Wochenendreisen finden noch nicht statt, auf denen er im letzten Winter so viel Spaß hatte.

Immerhin einen ganzen Tag habe ich in diesen zwei vergangenen Monaten im Büro gearbeitet und das als sehr angenehm empfunden. Trotz aller guten Vorsätze kamen danach immer Termine dazwischen (wie habe ich das früher gemacht: Büroarbeit UND Nachmittagstermine?) und jetzt wieder die steigenden Infektionszahlen, so dass ich weiter zu Hause arbeite; mal motiviert und mal nicht. Einmal hat sich das ganze Team getroffen, abends im Park auf zwei Stunden gemeinsames Picknick; jeder auf seiner Decke. Das Essen, das eigentlich jeder für sich mitgebracht hatte, wurde dann doch herumgerecht, aber niemand ist krank geworden.

Der vor uns liegende Winter macht mir Angst. Was im Frühjahr noch auszuhalten war, weil es auf den Sommer zu ging, weil es wärmer und heller wurde, fällt mir jetzt immer schwerer: die Isolation zu Hause, keinen Besuch zu bekommen; nicht leichten Herzens Essen gehen zu können, nicht in die Sauna, nur mit Bedenken ins Kino – und das alles gleich gar nicht mehr, seit Berlin höhere Infektionszahlen hat als im März und April.

Meiner Traurigkeit versuche ich kleine Routinen, kleine Freuden entgegenzusetzen. Es ist schön, wenn der Orion morgens um sechs Uhr über dem Hinterhof steht. Wenn die Kinder gefrühstückt haben, erledige ich den Abwasch und wenn sie losgegangen sind, mache ich Morgengymnastik (35 Sekunden lang kann ich die „Planke“ schon halten – und hege den geheimen Vorsatz, über diesen Winter auf 2 Minuten zu kommen) und gehe meine Morgenrunde am Wasser. Kaffee und Grüntee stehen bereit, wenn ich den Rechner hochfahre. Abends gibt es oft warmes Essen. Stehen keine Termine an, spielen wir zu dritt noch eine Runde Skat und eine Runde Doppelkopf. Am Bett liegt ein Krimi zum Abschalten und besseren Einschlafen; die Mediathek hat neue Folgen der Serien, die ich mag.
Die Wochenenden ohne Kinder verbringe ich in Hannover, manchmal fahre ich auch nach Weimar, wo mein Vater stückchenweise mehr Hilfe braucht. Aber auch dabei Bauchschmerzen und Bedenken: werde ich den ganzen Winter über reisen können? Wage ich mich zu meinem Vater, wenn die Infektionszahlen in Berlin noch weiter steigen?

Unser Herbstferienurlaub im Waldhäuschen jedenfalls hängt nun von mehreren Unwägbarkeiten ab. Wird die Ärztin, deren nette Sprechstundenhilfe uns Coronatests zugesagt hat, diese Tests dann doch dringender für Kinder mit Symptomen benötigen? Wird das Testergebnis den Weg zu uns vor Ablauf von 48 Stunden finden? Wird ein Ferienhäuschen schon am Tag vor unserer geplanten Anreise frei sein, so dass wir die Anreise in die 48-Stunden-Frist nach unserem Test vorverlegen können? 480 Euro hätte ein selbstfinanzierter Schnelltest für uns drei gekostet. Die Termine an den beiden Tagen vor unserer geplanten Reise waren schon alle ausgebucht.
Meinen Kindern, die doch auch unter der ganzen Situation leiden und die ich nicht davor schützen kann, sich in der Schule oder auf dem Weg dorthin mit Corona zu infizieren, jetzt sagen zu müssen, dass unser Urlaub wahrscheinlich ausfallen muss, ist mehr als bitter. Wir haben an keiner einzigen illegalen Party teilgenommen – noch nicht mal an einer legalen. Wir leben in einem Berliner Bezirk mit niedrigen Infektionszahlen. Aber das hilft uns nichts.
Ja, als ungerecht empfinde ich es, dass kein klares Reiseverbot für die Einwohner von Risikogebieten ausgesprochen wird. Das Türchen, dass da offengelassen wird – Reisen mit einem negativen Coronatestergebnis erlaubt, wenn das nicht älter als 48 Stunden ist – bevorzugt ganz eindeutig reiche Menschen und solche, die Ärzte kennen. Wenn es diese Reiseoption gibt, dann müssten auch ausreichend Tests angeboten werden. Für alle.

Ab und zu – zum Glück gelingt das – muss ich die Dinge wieder in Perspektive rücken: Auch wir sind privilegiert. Gesund und ohne Existenzangst. Genug Essen im Kühlschrank, die Heizung läuft. Familie und Freunde immerhin per Textnachricht präsent, und abends sagt mir der Hannoverliebste am Handybildschirm gute Nacht.

Wir werden auch über diesen Winter kommen (won’t we?).

WmdedgT – 5.9.2020

Tagebuchbloggen : am 5. eines jeden Monats sammelt Frau Brüllen unsere Beiträge. Hier der September 2020:

Eine ruhige Nacht auf dem Gästesofa meines Vaters und seiner Frau.

Ein Frühstück mit meiner Stiefmutter. Mit Kaffee und Ei und Aprikosenmarmelade.

Ein Vormittag mit meiner Stiefmutter und meinen Schwestern. Gespräche, was wäre wenn, wie geht es weiter, wie können wir helfen und sie ein wenig entlasten. Mögliche Wegfahr-Wochenenden und eine potentielle Urlaubswoche für die Frau meines Vaters werden im Kalender eingetragen. Pflegeberatung brauchen wir, Adressen für Notfälle müssen zusammengestellt werden.

Was ist mit den Orten, die mein Vater noch einmal besuchen möchte; wird das noch gehen?

Mittagessen, gemeinsam, meine Stiefmutter hat ihre weltbeste Nudelsuppe gekocht.

Noch ein Kaffee, noch ein Stück Zitronenkuchen.

Mit meinen Schwestern zum Bus, erst Richtung Innenstadt, dann umsteigen zum Klinikum.

Eine halbe Stunde vor Besuchszeitbeginn verhandeln wir mit dem Eingangspersonal: dürfen wir alle zu meinem Vater? Aber nur eine darf sich registrieren: eine Person pro Tag für eine Stunde ist die Coronazeit-Regel. Die ganz große Schwester macht sich, mit Blumen und Trinkstrohhalmen und einem Kissen und Kuchen und Obst, ins Kliniklabyrinth auf. Vielleicht lassen die Stationsschwestern sich noch umstimmen?

Einige Minuten später die Nachricht: nein, wir dürfen nicht auf die Station. Die ganz große Schwester bringt unseren Vater stattdessen im Rollstuhl zum Eingangsbereich. Eine knappe Stunde sitzen wir zusammen, fragen nach, beratschlagen. Die Schmerzmittel wirken nicht – aber bevor nicht MRT und Röntgen ausgewertet sind, können wir nichts tun, nichts helfen, nichts entscheiden.

Mit der großen Schwester zum Bus, zum Zug, umsteigen in Erfurt, bis Eisenach sitzen wir noch zusammen.

Dann weiter Richtung Hannover. Im Koffer ein paar Kleider, ein Krimi, ein Strickzeug; im Rucksack mein Arbeitsplatz: Laptop, Maus, LAN-Kabel, Ladekabel. Ein bisschen Digitalnomadentum, so sieht mein Leben jetzt wohl aus.

Eine Bahnbonusfreifahrt, zwischendurch ein paar Anrufe in Berlin, der Fünfzehnjährige, der den Balkon gießt, soll der Nachbarin, deren Waschmaschine kaputt ist, den Wohnungsschlüssel bringen, damit sie meine benutzen kann.

Ein bisschen Luftnot unter der FFP2-Maske, die ich mir für vollbesetzte Züge zugelegt habe. Und die Sorge um meinen Vater.

Ich freue mich auf Dich, schreibt der Hannoverliebste.

Dann steht er am Bahnsteig und nimmt meinen Koffer. In seiner Küche stehen zwei Sektgläser, Essen auf dem Herd; ich zünde Kerzen an. Zwei Wochen haben wir uns nicht gesehen; lang fühlt sich das an.

Die Nacht ist schon wieder zu kühl, um unter dem offenen Sternenhimmelfenster zu schlafen.

3. Schulwoche

Das neue Schuljahr geht auf seine 4. Woche zu. Das „neue Normal“ mag das jetzt noch nicht sein, aber für den Moment hat sich doch eine Art neues Normal eingespielt.

Das mit dem frühen Aufstehen bekomme ich nach einigen Anlaufschwierigkeiten wieder einigermaßen hin. Lege mich auch nicht mehr jeden Tag zurück ins Bett, sobald die Jungs kurz vor halb acht aus der Tür sind; das ist zwar schön (und im Halbschlaf Schlafanzug direkt an den Homeofficerechner funktioniert auch, weiß ich jetzt), aber der Kreislauf möchte garnicht mehr hochfahren, wenn ich morgens erst wieder so richtig eingeschlafen bin.

Die Corona-Verdachtsfälle in der Schule des Fünfzehnjährigen haben bisher ganz überwiegend negative Testergebnisse erhalten. Niemand musste in Quarantäne. Der Elternabend des Elfjährigen findet online statt, zum Elternabend des Fünfzehnjährigen schicke ich seinen Vater, der ansonsten Babydienst schiebt und selten ohne Geschrei im Hintergrund an ein Telefon geht.

Präsenztage im Büro habe ich noch nicht angefangen – die Bauarbeiten auf meiner S-Bahn-Strecke sind noch nicht abgeschlossen. Im September, irgendwann, vielleicht… Konzentriertes Arbeiten wäre natürlich mal wieder schön. Zu Hause ist ja immer was, und wenn es nur der Postbote ist oder der Servicemann, der die Rauchmelder installiert. Häufiger allerdings sind es Probleme, von denen ich garnicht mehr weiß, wie ich sie nach einem langen Tag im Büro gelöst haben würde:
Mein Telefonanbieter verschenkt einen WLAN-Repeater, der aber nur über einen Anruf unter einer Nummer zu bekommen ist, unter der mir unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ein supertoller neuer Vertrag aufgeschwatzt wird, den ich nur mit sehr viel Mühe und zusätzlicher Zeit in der Hotline-Warteschleife wieder storniert bekomme (und der dann trotzdem nach Erhalt der Vertragsunterlagen nochmals schriftlich widerrufen werden muss).
In der weiteren Familie müssen Grundstückserbangelegenheiten geregelt werden, bei denen es um die absolut vernünftige Lösung geht, auf ein 27tel diverser Feldflurstücke zu verzichten, die aber zahlreiche Telefonate mit einem Notar erfordern und dann auch noch Telefonate mit Mitgliedern der weiteren Familie, die den Grundbesitz bekommen, aber ob meines Ersuchens um Kostenübernahme für den Berliner Notar deutlich erbost sind.
Außerdem geht auch noch das Fahrrad des Fünfzehnjährigen kaputt, dessen Vater sich weigert, es zu reparieren, weil der Fünfzehnjährige das Fahrrad nicht pfleglich behandelt; der sich aber auch weigert, einen Teil der Kosten für die Reparatur im Fahrradladen zu tragen, weil er es ja leicht und kostengünstig selbst reparieren könnte. Angesichts der Konfirmanden-Radtour am Wochenende, für die der Fünfzehnjährige ein funktionierendes Rad braucht, ist das eine komplexe – und am Ende für mich teure – Gemengelage.
Dass ich nebenher im Kopf behalte, welches der Kinder wann zum Zahnarzt muss, dass der Schachrucksack des Elfjährigen noch beim Vater liegt, aber heute bei mir benötigt wird, dass das verschwundene Portemonnaie des Elfjährigen vermutlich in genau diesem Schachrucksack steckt, wann die Impftermine sind, dass der Vater der Kinder versprochen hatte, die Ärztin anzurufen und zwei Impftermine zusammenzulegen und dass ich ihn daran erinnern muss, wenn ich möchte, dass er die Ärztin wirklich anruft, dass neue Schutzmasken gekauft werden müssen und dass die Vitamin-B-Tabletten des Elfjährigen bald aufgebraucht sein werden (die Liste ließe sich fortsetzen) – das gehört ja sowieso dazu, steigert die Produktivität im Homeoffice aber auch nicht gerade. Neulich wieder diesen Comic angesehen und dabei tief, tief geseufzt.

Was schön ist: Zwischendurch spontan einen Kaffee mit der Mitmutter trinken, auch wenn es wegen des Regens im Innenraum des Cafès sein muss. Mein nun endgültig dauerhaft online stattfindender Bauchtanzkurs. Am Telefon mit einer meiner Schwestern zu lachen. Mit dem Elfjährigen und dem Fünfzehnjährigen abends Karten zu spielen: drei Spiele Skat, vier Spiele Doppelkopf. Den Hannoverliebsten jeden Tag wenigstens auf dem Handybildschirm zu sehen (ach, mit dem WLAN-Repeater ginge das sogar unverpixelt…) Die Vorfreude auf unsere gemeinsame Radtour im September. Abends das Licht auszumachen und die Augen zu schließen.

Was zu tun bleibt: Mich mehr zu bewegen, dringend. Das Wochenende in Thüringen durchdenken, bei dem im Familienrat besprochen werden soll, wie die Frau meines Vaters ab und an ein wenig von ihrer Rund-um-die-Uhr-Pflegeverantwortung entlastet werden kann, und was in allen möglichen vorstellbaren Notfällen getan werden müsste. Auffrischungs-Fahrstunden und ein erste-Hilfe-Kurs, mal endlich.

Sommersommer

Gegen vier in der Nacht schreit draußen einer laut: „Ich lebe in einem freien Land, ich kann machen, was ich will“ –

weit offen stehen die Fenster zur Straße, der Hannoverliebste schläft tief und fest neben mir.

Gegen Mittag fahren wir ein Stück vom Mauerradweg unter der unbarmherzigen Sonne; ein unbarmherzige Stück Weg an der Autobahn, auf der die Autos Richtung Flughafen rauschen.

Gegen Abend bestellen wir indisches Essen und fahren in den Park. Nur Pappelschösslinge haben auf dem verbrannten Rasen überlebt; Wespen umkreisen uns; ein Stück entfernt feiert eine Großfamilie, wahrscheinlich Einschulung, wie heute überall in der Stadt.

An der Schule des Fündzehnjährigen gibt es den ersten Corona-Fall.

Der Hannoverliebste spielt mit den Jungs Fußball, bis alle erschöpftsind. Später ein paar Runden Tischtennis. Ein paar Selfies auf der Brücke zur Abteiinsel, die vom Partyvolk geflutet wird.

Die Nachtluft riecht so gut, dass ich die heißen Tage dann doch immer wieder mag; wegen dieser paar Minuten auf dem Heimweg von irgendwo, im Dunklen, wenn es kühler wird. Sie fühlen sich so gut nach Sommer an.

Zu Hause alle Fenster weit auf und alle nacheinander unter die Dusche.

Auf der Schwelle

Wir haben die ersten Lebensveränderungen dieses Sommers hinter uns.

Gut klappt die Zusammenarbeit mit der neuen Chefin – bisher – ; alles aus dem Homeoffice, andere Teammeetings, ein anderer Führungsstil, aber erstaunlich reibungslos. Ein paar Abläufe haken noch, aber das wird schon.

Zehn Jahre hat der Vater meiner Kinder genau drei Türen weiter in der gleichen Straße gewohnt, seine Freundin im Hinterhof gegenüber, ihre abendlichen Rufe nach ihrer Katze gehörten in den Hof wie das Zischen des Rasensprengers und die Krähenschreie. Schön war diese räumliche Nähe für die Kinder; schwierig für mich; vieles war unkompliziert zu regeln, die andere Wohnung mit den vergessenen Dingen immer nur ein paar Schritte entfernt. Seit zwei Wochen lebt der Vater meiner Kinder nun mit neuer Frau, neuem Kind und großem Wechsel-Patchwork im Nachbarbezirk. Auch das muss sich einspielen. Beide Kinder wollen im gewohnten Wechselrhythmus bleiben. „Bei uns ist das so“, sagen sie, wenn sie von ihrem Vater kommen, und ich werde ganz klein angesichts von so viel „uns“. Eure Mutter ist ganz neidisch auf unsere schöne Wohnung, zitiert der Elfjährige die Frau seines Vaters, und ich würde gerne wütend nach dem Telefon greifen und mir dergleichen Bermerkungen verbieten, aber dann lasse ich es bleiben; beim nächsten Vorfall ist ein Gespräch fällig. Den Kindern kein Elternteil schlechtzumachen sollte doch eine Grundregel sein?

Jetzt steht der Berliner Schulbeginn bevor. Wir haben größtmögliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, tönt es aus der Berliner Bildungspolitik; es wird Seife auf dem Klo geben und die Fenster sollen geöffnet bleiben – und: Maskenpflicht immer und überall – außer im Unterricht. Dort ist auch das Abstandsgebot aufgehoben, die Schulen und Klassenräume sind nämlich sowieso zu klein. Während die ersten Schulen in Mecklenburg-Vorpommern schon wieder schließen müssen, startet Berlin sein großes Wie-schnell-stecken-sich-Schüler-gegenseitig-mit-Corona-an-Experiment. Für einige Kinder oder Eltern wird das schlecht ausgehen, tödlich vielleicht, statistisch beinahe unvermeidlich. Können wir uns schützen? Nein. Habe ich Lust auf weitere Monate des Homeschoolings? Auch nein. Ich weiß also auch nicht, was tun; kaufe dem Elfjährigen zwei FFP2-Masken für die überfüllte S-Bahn und Desinfektionsgel für die Hände und rate ihm, im Unterricht eine Papiermaske zu tragen. Aber in der 10. Klasse, in der der Fünfzehnjährige noch ein Jahr mit all den Kindern ausharren muss, mit denen er sowieso schlecht zurechtkommt, dürfte das Maskentragen so uncool sein, dass er es nicht freiwillig während der Unterrichtsstunden machen wird.

Und die Hitze rollt über die Stadt. Während die Natur ächzt und leidet, haben wir es unverschämt gut: Wir schließen die Fenster und auf der Sonnenseite die Gardinen. Wir fangen Brauchwasser auf und haben – weil das nicht reicht – genug Trinkwasser, um am Abend die Balkonblumen zu gießen und die Bienentränke zu füllen. Wir fahren am Morgen zum See und bleiben fast den ganzen Vormittag im Wasser; wir treffen uns am Abend mit Freunden auf dem Restaurantschiff; wir essen Eis und radeln in der nächtlichen Kühle nach Hause zurück; wir trinken sauberes Wasser und schneiden Melone auf; wir kaufen Zeitfenstertickets fürs Schwimmbad und hoffen auf verkürzten Unterricht an den heißen Tagen.

Wir genießen den Sommer, so viel wir können.
Wir beginnen einen neuen Abschnitt, mit mehr Ungewissheit als sonst.
Ich möchte die Schutzengel meiner Kinder bestechen und einen Regentanz tanzen.

WmdedgT – August 2020

Huh, schon wieder ein Monat vorbei. Wie an jedem 5. fragt Frau Brüllen, was wir heute den ganzen Tag machen, und alle Antworten finden sich hier.

An diesem 5. August schlafe ich schlecht, denn ich weiß, dass der Fünfzehnjährige kurz nach fünf aufstehen muss und meinen Wecker in seinem Zimmer stehen hat, und die Frage, ob der Wecker auch wirklich gestellt ist, lässt mir keine rechte Ruhe. Aber er klingelt dann zur rechten Zeit, und die Geräusche aus Richtung Küche lassen darauf schließen, dass der Fünfzehnjährige auch wirklich aufgestanden ist. Es ist der siebente von acht Praktikumstagen, die der Fünfzehnjährige absoliviert – freiwillig, an Stelle des ausgefallenen Schulpraktikums, in einem Garten- und Landschaftsbaubetrieb, in dem er sich schon vor sieben einzufinden hat. Das klappt auch super: der Fünfzehnjährige ist stolz auf sich, ich bin stolz auf mein Kind, alle sind zufrieden.

Gegen halb sechs stehe ich kurz auf, lege meinem Kind ein bisschen Geld raus, damit er sich ein paar Brötchen kaufen kann, fülle ihm zwei Trinkflaschen und eine Dose mit Obst und mit kleinen Tomaten vom Balkon. Dann wünsche ich dem Fünfzehnjährigen einen erfolgreichen Tag, gehe wieder ins Bett und lese ein paar aktuelle Blogbeiträge aus meinem Reader. Kurz nach sechs höre ich meinen Sohn losgehen und mache die Augen wieder zu.

Halb neun wache ich zum zweiten Mal auf, und auch der Elfjährige kommt – noch etwas verschlafen – aus seinem Zimmer. Wir machen uns ein paar Brote zurecht und setzen uns damit auf den Balkon. Leider werden wir von einer besonders hyperaktiven Wespe vertrieben, die sich nicht damit zufriedengeben will, von meinem Marmeladenbrot zu kosten, sondern mir und dem Elfjährigen anhaltend um den Kopf kreist.

Gegen neun fange ich an zu arbeiten. Ich habe in dieser Woche lauter halbe Urlaubstage genommen und muss deshalb nur drei Stunden im Homeoffice sitzen. Zum Glück ist es eine so ruhige Woche, dass sich das ohne Probleme machen lässt. Der Elfjährige verabredet sich unterdessen mit einem Freund, spielt am Handy und bestellt sich schon mal Schulessen für die ersten Unterrichtswochen.

Unser Mittagessen ist genauso unkompliziert wie das Frühstück: für den Elfjährigen ein paar Brote, für mich ein paar Reste vom Vortag. Dann geht der Elfjährige zu seinem Kumpel und ich setze mich noch kurz an den dienstlichen Rechner. Dann Dusche. (Oh ja, Homeoffice im Schlafanzug…) Dann die Herausforderungen des Tages: Ein paar Überweisungen, das Laptop beim Reparaturshop vorbeibringen, weil es einen neuen Akku braucht, das Flusensieb an der Waschmaschine reinigen und den Blogbeitrag anfangen.

Der Rest des Tages bleibt relativ unspektakulär: Bügelwäsche und Abwasch wollen erledigt, die Tasche für den Schwimmbadbesuch morgen gepackt werden; den Kindern habe ich zum Abendessen Eierkuchen versprochen, sie gelingen gut. Um 19 Uhr findet auf Zoom mein Bauchtanzkurs statt, vorher und nachher gibt es ein paar Telefonversuche mit den Eltern des Kumpels des Elfjährigen, der erst morgen vormittag mit uns ins Schwimmbad will und dann lieber doch nicht.

Vielleicht setzen wir gleich noch unsere gemischte Skat-/Doppelkopf-Runde fort, drei Spiele Skat, vier Spiele Doppelkopf. Doppelkopf – weil wir ja nur zu dritt sind – mit einem „Doofie-Spieler“, was den Spaß zum Glück nicht verringert.

Noch einmal wird der Fünfzehnjährige heute zeitig schlafen gehen; morgen ist sein letzter Praktikumstag. Der Elfjährige wird sich gegen neun ebenfalls ins Bett zurückziehen und darf lesen, so lange er mag. Ich werde dem Hannoverliebsten per Videotelefonat Gute Nacht sagen und auch noch etwas lesen.

So jedenfalls der Plan.