Festtagsstimmung

Dienstag Sommerfest im Kindergarten, zum letzten Mal. Mittwoch Arztbesuch.
Donnerstag bringen wir die Schulsachen des Sechsjährigen in die Schule, dann kommt die Reinemachfrau. Ach: diese Internetportale zur legalen Ab-und-zu-Buchung von Putzkräften wurden für mich erfunden! Obwohl die junge Frau im Bad eine Fliese zerbricht und eine meiner Nähnadeln wegsaugt, macht es mich total high, in meiner sauberen Wohnung zu stehen, ohne vom Putzen erschöpft zu sein.
Erschöpft ist dafür der Sechsjährige, als er mir hilft, den Großeinkauf nach Haus zu tragen. Wir müssen zur Erholung ein bisschen kuscheln, dann gehen wir in die Küche und krempeln die Ärmel hoch. Am Abend beginnt sich Festtagsstimmung zu verbreiten: Meine Söhne schlecken die Backschüssel aus, der Kuchen duftet aus dem Ofen. Dann sitzt der Zehnjährige im Flur inmitten seiner Schulsachen – und darf heute so lange bummeln, wie er will, es stört mich kein bisschen. Ich koche sogar Pellkartoffeln und – zum zweiten Mal an einem Tag! – Gemüse. Heute Abend noch die Zuckertüte füllen… und dann ein Krimi. Durchatmen. Morgen kommen die Gäste.

Back at school

Die ersten Schultage! Hurra… oder lieber doch kein Hurra. Nach dem zweiten Schultag möchte ich jedenfalls in die Schule des Zehnjährigen gehen und mit der Faust auf irgendeinen Lehrertisch schlagen, bis ich mir die Hand verstauche.

Zwischen dem Erstellen der Materialliste für das fünfte Schuljahr und dem Schuljahresbeginn hat sich die Zuordnung der Lehrer in einigen Fächern verändert. An sich nicht schlimm – nur dass die neuen Lehrer wieder neue, andere Materialwünsche haben. Verschwunden ist zum Beispiel die Englischlehrerin, die gerne genau fünf linierte und zwei weiße Blätter in einem Hefter aus Pappe haben wollte. Wozu haben wir uns in den Ferien eigentlich all die Mühe gemacht?

In einen “Lernmittelfonds” habe ich jede Menge Geld einbezahlt, mit dem die Bücher und Arbeitshefte für das neue Schuljahr besorgt werden sollten. Nun stellt sich heraus, dass die Kinder nur ihre Arbeitshefte bekommen – die Bücher aber anscheinend ausschließlich in der Schule ausgeteilt und nach jeder Stunde wieder eingesammelt werden und nur in begründeten Ausnahmefällen mit nach Hause genommen werden dürfen. Hallo? Wozu dann noch ein Schulbuch? Ach, früher, in der guten alten Zeit… da las man zu Hause nochmal was nach. Lernte mit Hilfe eines Buches für Klassenarbeiten. Bekam Fernweh über den Karten im Atlas. Die Lernmittelfondskinder werden das nicht so leicht hinbekommen.

Der Zehnjährige wird am ersten Schultag mit Informationen bombardiert, bis er nicht mehr kann. Alles wird jetzt anstrengender! verkündet er; wir müssen viel mehr lernen und selbständig zum Unterricht kommen und uns richtig anstrengen. Seine ersten Arbeitszeitstunden verbringt er brav mit der ersten Englischhausaufgabe – dem Ausmalen des Deckblattes für den Hefter. Das Deckblatt für NAWI (Naturwissenschaften) ist auch schon fast fertig. Liebevoll hat der Zehnjährige eine Rankepflanze und ein Eselchen gezeichnet. In das große “N” soll auch noch ein Bildchen. Das sieht richtig schön aus, aber… mich packt angesichts dieser Malaufgaben der Zorn. Anstrengend wird die fünfte Klasse, wie? Warum werden dann nicht ein paar Vokabeln wiederholt, damit es am Ende nicht gar so eng und stressig wird? Warum wird nicht mit einem spannenden NAWI-Thema begonnen? Ausmalen ist irgendwie sowas von Schuleingangsstufe… kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass ich meine fünfte Klasse damit verbracht habe.

Mama, schimpf doch nicht so rum, klagt mein Sohn, ich kann doch auch nix dafür! Ich gebe ihm recht und knirsche nur noch leise mit den Zähnen.

Aus der Elternpostmappe flattern am ersten Tag drei (!) Elternbriefe. Für den dritten Schultag wird zu einer Informationsveranstaltung eingeladen – es geht um den Übergang an weiterführende Schulen. Wohl dem Elternteil, das in der Schulzeit seiner Kinder seine Abende nicht verplant hat: zwei Tage Vorlauf müssen eben reichen. Gut, dass der Vater meiner Kinder in dieser Woche – weil “kinderlos” – für sowas zuständig ist. Und noch besser, dass ich ihn  – er kriegt das mit dem Verdrängen ganz schön gut hin – am zweiten Schultag nochmal an den Termin erinnere.

Am ersten Schultag kriege ich den Zehnjährigen halb neun ins Bett. Seine Müdigkeit am nächsten Morgen ist groß. Nein danke, Mama, sagt er, als ich ihn wecke, heute stehe ich mal nicht auf.
Heute abend geht er früher ins Bett, nehme ich mir vor, aber daraus wird nix, in der Papawoche hatten sie nämlich viel zu viel vor, um mal im Internet das Essen für den September zu bestellen. Also muss der Zehnjährige das noch machen. Der Schulcaterer hatte in den Ferien leider, leider Zeit, seine Bestellmaske zu verändern – jetzt muss der Zehnjährige bei jedem der drei Wahlessen für jeden einzelnen Tag erst ein Kästchen öffnen, um zu lesen, was es zu “Fischfilet” oder “Hähnchenschnitzel” oder “Gemüsepfanne” für Beilagen gibt. Das dauert! Während mein Sohn seine Zähne putzt, ergießt sich mein gesammelter Tagesfrust ins Kontaktformular des Schulcaterers.

Um neun sammelt der Zehnjährige endlich seine Kuscheltiere zusammen. Mama, weißt du eigentlich, warum “motivieren” “motivieren” heißt?, fragt er mich plötzlich. Nee, wieso? Na weil die Muttis immer die Kinder muttivieren müssen.

Wisst ihr was? Mir reichts für heute mit dem Muttivieren. Aber sowas von.

Und ab nächste Woche habe ich dann zwei Grundschulkinder. In Worten: ZWEI.

Ferienleben

Auch die zweite Sommerferienhälfte neigt sich ihrem Ende zu. Noch eine Woche für die großen Schüler, noch zwei für die „Ersties“, zu denen der Sechsjährige gehören wird. Ich habe meinen jährlichen Großauftritt im Schreibwarenladen, in diesem Jahr zum ersten Mal mit gleich zwei Materiallisten. Die Verkäuferin, die mich bedient, hat ihren ersten Arbeitstag und kennt ihr Sortiment schon viel besser, als ich nach einer Stunde den Laden verlasse, beladen mit Heften aller Lineaturen, Knete im Behälter, Zeichen- und Tonkartonblöcken, Pinseln und Schreiblernbleistiften, der Wunschfedertasche und 1001 anderen Dingen.

Einen ganzen Sonntagnachmittag verbringen wir damit, aus der riesigen Tüte voller Material die Schulsachen für die Kinder zusammenzustellen, mit Namen zu beschriften, die Hefte in Umschläge in der vorgeschriebenen Farbe zu stecken und die Hefter mit den vorgeschriebenen Sorten Papier zu befüllen.

Unter der Woche gehen meine Söhne tagsüber in den Hort und tauschen dort Fußball-, Drachen- oder Minions-Karten mit Freunden. Nachmittags fahren ihr Vater oder ich mit ihnen an den Badesee.

Wenn ich allein bin, sitze ich morgens mit meinem Kaffee auf dem Balkon. Der Hausmeister des Nachbarhofes guckt in den Mülltonnen nach Pfandflaschen und startet seinen Rasenmähtraktor. Eine frühe Biene kriecht tief in eine ganz frische Windenblüte und hat Mühe, sich rückwärts wieder hinauszuschieben. Ich sammle Samen von Ringelblumen und Tagetes ein; bringe welchen von wilden Malven von einem Spaziergang mit und hoffe, dass all die Blumen nächstes Jahr etwas werden.

Der Schienenersatzverkehr auf meiner S-Bahn-Strecke beschert mit einen täglichen Morgenspaziergang – eine Station weit – auf dem mir Häuser und Gärten und Fenster und Blicke in Seitenstraßen von Tag zu Tag immer vertrauter werden. Ob die Frau, die gestern, in eine riesige Duschduftwolke gehüllt, in ihr Auto gestiegen ist, heute wieder zur gleichen Zeit losgeht? Ob auf der selbstgebauten Terrasse meines Lieblingshäuschens wieder das Pärchen frühstückt, urlaubsentspannt mit Zeitung und Kaffeekanne? Ob ich morgen reifen Samen an den rosa Winden finde, die in einem der Gärten so schön über den Zaun blühen?

Zu Hause in meiner Küche hat sich eine Bande Fruchtfliegen eingerichtet. Frech sitzen sie auf dem Rand der Tasse mit Essigwasser, die die Besuchsfreundin als Falle aufgestellt hat. Erst in einem von meinen Kindern verschmähten Glas Orangensaft ertrinken drei der kleinen Insekten, die übrigen sitzen auf dem Rand und halten eine Weiterbildung zum Thema Unfallvermeidung ab. Ich sammle jede Menge schlechtes Karma, als ich überraschend die Hände über das Glas lege und fast ein Dutzend hinterher hilflos im Saft zappelt.

Der Zehnjährige fährt zwei Tage lang mit seiner Patentante, einigen ihrer Freunde und einem kleinen Prinzesschen aufs Land; hinterher erzählt er begeistert vom Baden in drei Seen und vom Feuer, an dem Würstchen und Marshmallows gebraten wurden. Mit dem Sechsjährigen war ich in der Zwischenzeit beim Arzt; eine Stunde lang hat er immer wieder bronchienverengendes Mittel inhaliert und mit erst kräftigen, später schwächeren Atemzügen Luftballons auf einem Bildschirm platzen lassen. Plötzlich bin ich in ein „Disease Management Programme“ für Asthmakinder eingeschrieben und habe ein Rezept für Kortisoninhalationen in der Hand. Die abschließende Diagnostik der Feinstaubmilbenallergie steht noch aus, nein, sagt die Ärztin pessimistisch, zwei Allergiker-Matratzenüberzüge bezahlt ihnen die Krankenkasse nicht, denen ist ihr Wechselmodell doch egal.

Mit dem Inhalationsmittel im Gepäck fahren meine Kinder mit ihrem Vater für eine Woche in den Urlaub. Ich setze mich mit der Besuchsfreundin an den Tisch und fülle kleine Geschenkzuckertüten für den Zehnjährigen und für die Freunde des Sechsjährigen mit Aufklebern und Gummibärchen, Schokoladenbuchstaben und Überraschungseiern.

Am Nachmittag fahren wir in die Stadt, es ist einer dieser Tage, an denen alle Menschen schön aussehen: die jungen Mädchen in den bauchfreien Tops mit dem strahlenden Selbstbewusstsein, die noch nicht wissen, dass auch sie älter werden; die arabischen Familien mit den Kopftuchfrauen; die Mama, die über dem Buggy mit ihrem Baby auf dem S-Bahnsteig Seifenblasen aufsteigen lässt. Unser Ziel ist Moabit; wir trinken einen Kaffee in einem Halal-Burgerladen und gehen zu den Anonymen Zeichnern, einem Ausstellungsprojekt, dessen Konzept mich schon im letzten Jahr begeistert hat. Auch wenn schon einige der anfänglich 600 dicht an dicht und ohne Nennung des Künstlernamens aufgehängten Zeichnungen verkauft sind, ist die Ausstellung wunderschön; wir bewundern die Vielfalt und Kreativität der Zeichnungen, freuen uns am technischen Können der Künstler und den Assoziationen, die sich aus dem Nebeneinander der verschiedenen Bilder ergeben.

Noch eine letzte Ferienwoche ohne Kinder liegt vor mir. Von Weitem sah sie in meinem Kalender nach luxeriös viel freier Zeit aus; von Nahem ist sie kurz, ich habe doch eigentlich noch so viel vor, ich mag den Sommer in Berlin so gern. Aber der hat seinen Höhepunkt überschritten. Die Nächte werden wieder kühl, auf dem Badesee treiben die ersten Herbstblätter. Nicht mehr lang, dann wird das Wasser zu kalt sein zum Schwimmen; dann werden die S-Bahnen wieder fahren, die leeren Seiten in den Schulheften beschrieben, die Essigfliegen verschwinden… und die Kinder und ich wieder im Alltagstrott laufen.

Fundstücke

Eine kleine Wochenendreise, Freitag auf Samstag. Auf der Hinreise etwas Wartezeit am Bahnhof; auf der Rückreise ein verpasster Anschluss – und natürlich zieht es mich in die Buchhandlungen, obwohl ich ein Buch im Gepäck habe: Fredrik Sjöbergs “Die Fliegenfalle”, das mir bei einem anderen Bummel ein paar Monate vorher in die Hände gefallen ist.

Ich schlendere durch die Bahnhofsbuchhandlung am Berliner Südkreuz und stelle einmal mehr fest, dass ich die Art mag, in der diese neuen Zeitschriften – “Flow” und “Happinez”, leichtverdauliche Wohlfühlversprechen, Bastelanleitungen und Binsenweisheiten – und die Frauenbüchercover neuerdings illustriert sind. Das neue Buch von Jojo Moyes ist noch nicht ausgeliefert, und ich weiß auch noch nicht, ob ich eine Fortsetzung von “Ein ganzes halbes Jahr” lesen will; ich glaube nicht richtig, dass die Autorin nochmal ein Buch schreiben wird, das an ihren Erstling heranreicht. Aber ich bin auch garnicht auf der Suche nach romantischer Liebe zwischen Buchdeckeln. Da drüben stehen die All-Age-Vampire, dort liegt ein Tisch voller Regionalkrimis, die mag ich auch nicht. Meinen Glücksmoment habe ich, als ich Rebeca Solnits “Wenn Männer mir die Welt erklären” entdecke, als ich gerade die Anzahl der Frauen- und Männernamen auf den philosophischen “Anregungen für 2016” prüfe; da liegt es! Einfach so!, gleich neben “Darm mit Charm” – die Buchhandlung steigt irgendwo in meiner inneren Rangliste ein paar Punkte auf. Und dann gehe ich doch mit einem älteren Band Terry Pratchett zur Kasse (nur um im Zug festzustellen, dass ich seine Bücher nicht mehr so gern mag wie früher) – und mit einer Auswahl aus einer neuen Serie Spruchpostkarten. “Ich bin froh, dass ich mein Essen nicht selber jagen muss. Ich wüsste nicht mal, wo Pizzen leben”, und “Da will man mal in Ruhe das ganze Haus putzen und was passiert? Man hat keine Lust”, und “Ich kam, sah, und vergaß, was ich vorhatte”. Postkarten machen einfach glücklich.

Auf der Rückreise – Terry Pratchett in der “Erfurter Bahn” gelassen, in deren Schienenbussen neuerdings kleine Tauschbuchregale integriert sind (dieses hier enthielt “Störtebecker” und einen Band Maupassant in alten DDR-Leinenausgaben, und möglicherweise gab es Reisende, die meine Zugabe eine Bereicherung nennen würden) – strande ich in Leipzig und stöbere eine ganze Weile in der stattlichen Ludwig-Buchhandlung herum. Rebeca Solnit gibt es hier nicht, es ist einfach keine Kategorie vorgesehen, in der sie untergebracht werden könnte. Politik? Ethik? Nirgendwo. Oder richtig, richtig gut versteckt. Ganz zu schweigen von Laurie Pennies “Unsagbare Dinge”, in das ich gern einen Blick werfen würde, seit ich gesehen habe, wie das Buch auf Amazon die Leute polarisiert. Stattdessen nehme ich Rachel Macy Staffords “Der Tag, an dem ich aufhörte, beeil dich zu sagen” zur Hand. Eine Mutter, die die Augenblicke mit ihren Kindern genießen möchte, statt ihren To-Do-Listen hinterherzuhetzen. So weit, so gut – ich erwarte irgendwie, auf einer der ersten Seiten zu lesen, wie sie ihren Beruf aufgibt, um hinzukriegen, was sie sich da so hehr vornimmt, aber dann scheint es doch darauf hinauszulaufen, dann und wann Laptop, Smartfon und Telefon beiseitezulassen. Und als sie sich dazu einmal entschieden hatte, schreibt die Autorin, fing sie gleich an, über ihre Erfahrungen mit diesem Selbstversuch zu bloggen und richtete eine Facebookseite dazu ein. Ach so. Ich lege das Buch wieder beiseite. An der Kasse blättere ich noch ein Weilchen in den vielen Ausmalbüchern für Erwachsene – Zen und Entspannung und Selbstzentrierung und was sie nicht alles versprechen, ein Verkaufsrenner, obwohl ich mir nicht wirklich vorstellen kann, dass irgendjemand die winzig kleinen Flächen der filigranen Muster wirklich ausmalt. Wer hat denn Zeit für sowas?

Dann gehe ich. “Die Fliegenfalle” lese ich im Zug nach Berlin aus. Ein schönes, unterhaltsames Buch über das Leben und die Schwebfliegen auf einer kleinen schwedischen Insel, die Selbstbeschränkung und diverse Insektenforscher jener goldenen Zeit, in der die Welt noch voller weißer Flecken war, aber bereits die Möglichkeiten bot, diese zu erforschen. Beides – die Wissenschaftler dieser Zeit und das Thema Entomologie – begegnet mir nicht zum ersten Mal in essayistischer Literatur. Beides hat diesen Glanz eines Lebens ohne Handys, Ausmalmandalas, To-Do-Listen und banaler Zugverspätungen; diesen Glanz von Forschung, der unendllich viel Optimismus und Neugier zu Grunde liegt; verwegene Abenteuerlust im Falle der Reisenden und verschrobene Geduld im Falle der zu Hause keschernden Forscher und bei beiden das Streben nach dem Ruhm, eine neue Spezies – sei es eine Pflanze in einem unerforschten Land, sei es eine neue Schwebfliegenart vor der eigenen Haustier – zu entdecken.

Lächelnd – diesen Glanz noch ein wenig in den Augen – packe ich mein Buch ein. Wir kommen in Berlin an. Ab nach Hause.

Sommer, Teil II

Traurig gebe ich meine Kinder bei ihrem Vater ab. Wir sind drei Wochen zusammengewesen – das hat uns “trennungsverwöhnten” Wechselmodellern richtig, richtig gutgetan. Trotzdem freue ich mich auf die Tage, die ich jetzt mal wieder allein verbringen werde. Ich merke, dass ich mich tatsächlich besser, erholter fühle als vor dem Urlaub.

Innerhalb eines einzigen Tages stürze ich die Wohnung in ein großes kreatives Chaos: Das Zimmer des Sechsjährigen ist halb ausgeräumt, Tischplatte und höhenverstellbare Beine für seinen Schulschreibtisch und Bretter für ein neues Regal liegen herum, Werkzeuge und ein Farbeimer mit einem Rest eingetrockneter weißer Wandfarbe, den ich später mit etwas Wasser und einem Schulpinsel so weit wiederbeleben werde, dass ich Flecken und Macken auf der Tapete und mit – äh, ja – Fugenmörtel zugegipste alte Bohrlöcher überpinseln kann. In meinem Zimmer steht die Matratze des Kinderbettchens, das der Sechsjährige unbedingt noch behalten will, inmitten von Stoffen, mit denen ich sie beziehen und das Kinderbettchen vielleicht in eine Kuschelhöhle verwandeln will. Auf dem großen Tisch liegen die Schulmaterialien, die ich schon besorgt habe, daneben die Materiallisten mit all dem, was noch fehlt. Eine coole Zuckertüte und ein Plüschfußball warten darauf, in ein sicheres Versteck zu wandern. Ein Berg zu klein gewordener Kindersachen liegt zum Sortieren auf dem Sessel. Auf meinem Sofa hat das Strick-Lager eröffnet, bergeweise Wolle und Zettel mit handgeschriebenen Maschenrechnungen; Nadelspiele und Schere warten auf den Abend, wenn ich den Krimi anschalte und meine fünf äußerst störrischen Nadeln beschimpfe, während ich eifrig an einer Mütze für den Sechsjährigen arbeite, die (leider sehe ich das erst am Ende) komplett misslingt.

Ich ziehe durch die Stadt, kaufe mir endlich – endlich! – eine neue Handtasche, gebe mein letztes Bargeld im Secondhandladen für ein Sommerkleid aus. Ich schaue auf dem Friedhof nach dem Rechten und pflanze Chrysanthemen nach, wo die Schnecken sich die Studentenblumen zum Nachtisch geholt haben.
Ich fahre ganz alleine an meinen Lieblingsbadesee und schwimme und schwimme und schwimme…  Ich frohlocke, als ich sehe, dass meine Wetterapp optimistisch ist und für die ganze Woche warme Temperaturen ankündigt.

Es ist Sommer, im Büro ist es friedlich, die Seen locken, ich habe wieder Ideen im Kopf und Lust zu leben.
So soll es sein.

Aufgabenzettelchen

Dass mein Arbeitgeber mir ermöglicht, auch ab und zu von zu Hause zu arbeiten, ist ein glücklicher Umstand – und einer der Gründe, warum ich von Jobwechselgedanken immer wieder abkomme. Zwei der vielen langen Sommerferienwochen – eine im August und dann nochmal die erste Septemberwoche – verbringe ich also zu Hause und habe zusätzlich halbe Urlaubstage genommen, um Zeit für meine Kinder zu haben.

Diese Halbzeit-Ferienbetreuung probiere ich zum ersten Mal aus, und daraus wird eine ganz entspannte Woche nach unserem Urlaub am Meer. Ach, könnten wir doch immer so leben!
Ich spare die langen Fahrtwege.
Ich verpasse den Schienenersatzverkehr und die 30 Grad, die bei Sommertemperaturen im Büro unvermeidlich herrschen, weil niemand da ist, der nachts durchlüftet.
Ich gehe morgens mit den Kindern auf den Spielplatz und sitze mittags eine überschaubare Zahl an Stunden am Rechner, abends wird gespielt und vorgelesen.

Und ich habe eine Idee, die sich als genial heraustellt: Vor dem Frühstück überlege ich mir, was heute im Haushalt zu tun ist – und dann schreibe ich Aufgabenkärtchen für meine Kinder, jeden Tag sechs Stück.
Einmal Abwaschen. Einmal Abtrocknen. Einmal Einkaufen. Wäsche aufhängen. Tisch decken und abräumen. Nudeln kochen und Soße warmmachen. Glas zum Container bringen. Müll runterschaffen. Küche fegen und wischen. Eine halbe Stunde Hilfe beim Wäschelegen… Für jede erfüllte Aufgabe dürfen die beiden sich für den Abend ein kleines Spiel wünschen – oder auch mal entscheiden, welche Naschtüte aufgemacht werden soll.
Und das funktioniert so gut, dass ich am Ende der Woche ganz fassungslos vor Freude bin.

Eigentlich sind meine Söhne nämlich faul. An vereinbarte regelmäßige Pflichten muss ich ständig erinnern. Bitten um Hilfe werden schon mal mit einem coolen “Keine Lust” kommentiert, was unweigerlich Streit nach sich zieht. Denn ich mag nicht mehr alle Hausarbeiten allein machen!

Aber als da letzte Woche die Aufgabenkärtchen lagen, was alles anders. Schon beim Frühstück nahm der Zehnjährige sich die Kärtchen vor und entschied mit seinem Bruder gemeinsam, wer welche Aufgabe erledigen würde und welche sie sich teilen wollten. Die meisten Arbeiten haben die beiden dann ganz oder fast ohne Hilfe, mit nur wenig Erinnern von meiner Seite und ohne Diskutieren und Streiten erledigt. Ich habe mich wirklich entlastet gefühlt – nicht zuletzt weil ich, statt mit hohem Energieverschleiß um die Erfüllung regelmäßiger Pflichten zu kämpfen, die an manchen Tagen garnicht notwendig gewesen wären, um Sachen bitten konnte, die ich gerade wichtig fand. Ich habe das, was für mich zu tun übrig blieb, sehr viel fröhlicher gemacht. Meine Söhne fanden es toll, dass ich mich bei ihnen bedankt und ihnen gesagt habe, dass das, was sie tun, eine echte Hilfe für mich ist. Und wenn mal ein Kärtchen für den nächsten Tag liegengeblieben ist, war das nicht so schlimm.

Außerdem gab es jede Menge Lerneffekte: Der Sechsjährige hat begriffen, wie man Socken zusammenlegt und festgestellt, dass er sehr, sehr gerne wischt. Ich weiß, dass ich ihm noch ein paarmal erklären muss, welche Mülltüte in welche Mülltonne kommt. Der Zehnjährige ist stolz, dass er ganz alleine ein Mittagessen auf den Tisch stellen kann – und ich habe gelernt, dass er mit Schmorgurken dann aber doch noch überfordert ist.

Und beide Kinder haben wohl ein bisschen besser verstanden, wie viel Arbeit ein Haushalt Tag für Tag macht. Am Ende der Woche platzte der Zehnjährige beim Abendessen jedenfalls ganz unvermittelt heraus: Mama, du machst so viel für uns! Danke!

Und das hat sich soooooo toll angefühlt.

Wertschätzung, dieser gute alte Zauber, der einfach immer wirkt.

Jetzt sind erst einmal Papawochen. Aber hinterher – wenn der Alltag wieder bei uns einzieht – möchte ich das mit den Aufgabenkärtchen weitermachen. Vielleicht müssen es dann “Wochenkärtchen” werden, weil meine ganztagsbeschulten Kinder unter der Woche ja wenig unverplante, freie Zeit haben. Vielleicht erfordert es ein wenig Experimentieren, aber versuchen möchte ich es.
Denn dieses Wir-sind-eine-Familie-und-alle-helfen-mit-Gefühl möchte ich dann auch haben.

Zurück

Die Großstadt hat uns wieder und tut ihr Bestes, um uns dem Urlaub nachweinen zu lassen.
Was an der See feines Badewetter gewesen wäre, ist hier drückende Hitze, die die Balkonblumen nach Wasser schreien, den Sechsjährigen den ersten Pseudokrupp-Anfall seines Lebens erleiden und jede Fahrt mit der S-Bahn zu einer unerträglichen Strapaze werden lässt.
Natürlich ist Schienenersatzverkehr. Natürlich muss ich zweimal ins Büro fahren, bevor ich mein Kinderbetreuungs-Halbtags-Homeoffice starten kann: Einmal, um meinen Rechner, und einmal, um mein vergessenes Passwort zu holen. Wie peinlich…
Selbstredend sind die Kita-Freunde des Sechsjährigen in komplexe Betreuungspläne eingebunden, werden von einem Großelternpaar zum anderen gebracht und haben keine Zeit, etwas mit uns zu unternehmen.
Zum Badesee fahren wir an einem kühleren Tag, das ist gut, denn es ist nicht so voll, nur die in den Wald überquellenden Müllsäcke verraten, was gestern, als es heiß war, hier los gewesen ist.
An den heißen Tagen verschiebe ich meine Arbeit auf den Nachmittag und gehe am Morgen mit den Jungs auf den leeren Spielplatz. Obwohl – leer?
Beim Kickern gibt es zahlreiche Auszeiten, weil Wespen uns um die Köpfe schwirren. Und als ich mit dem Zehnjährigen Tischtennis spiele, gibt der Sechsjährige vom Dach des Spielhäuschens aus Rattenalarm. Ganz ungerührt von unserer Gegenwart sammelt das kleine graue Tierchen im Sandkasten Krümel ein. Und da ist noch eine. Und da eine ganz kleine. Und dort ihre Mama… Jetzt verstehen wir, warum rund um die Rabatte am Spielplatzeingang Rattengift-Warnschilder stehen. Wir sind ziemlich froh, als endlich noch ein paar Leute kommen – der Papa der Familie geht als erstes rum und sammelt eine Riesentüte Müll ein, damit sein Kleinkind den nicht zum Spielen nimmt.
Eigentlich mag ich Berlin, rede ich mir gut zu. Aber besonders überzeugend klingt das heute nicht. Ich wäre gerne woanders.