Tiefpunkte und Trost

Tag 12 und 13.

Gegen Ende der 2. Homeoffice/Schulschließungswoche hänge ich richtig durch. Zu viele Bilder gesehen, zu viele Artikel gelesen, wie schlimm es werden könnte, wie schwer Covid-19 verlaufen kann und wie Gesundheitssysteme zusammenbrechen oder beinahe zusammenbrechen. Trotz Telefon fehlt mir Gesellschaft, erwachsene.

Ein besonderer Tiefpunkt ist der Einkauf, morgens vor der Arbeit am Freitag: Ich stelle mein Rollwägelchen neben dem Unterstand der Einkaufswagen ab und ziehe mir Einweghandschuhe an. Im gleichen Moment bringt ein Mann seinen Einkaufswagen zurück, zieht seine Handschuhe aus und wirft sie zusammen mit seinem Einkaufsbeleg achtlos in mein Rollwägelchen. Ich werde unglaublich wütend: wahrscheinlich einer von denen, die ihren Abfall auch in fremde Fahrradkörbe werfen, die Welt sein Mülleimer. Kleinlaut entschuldigt er sich. Die Senioren in der Kassenschlange halten garnichts von Sicherheitsabstand und rücken dicht auf. Die Apotheke verkauft dünnen Einmal-Mundschutz für fünf Euro das Stück, Wucherpreise wie im Internet. Ich decke mich mit Schmerztabletten ein – die verkrampfte Wade macht mir wieder große Probleme, Kopfschmerzen habe ich auch ständig.

Später arbeite ich unmotiviert vor mich hin und bin froh, als das Wochenende beginnt. Das bedeutet: Den Dienstrechner zuklappen und in seine Hülle stecken. Auf den Schrank stellen. Der Elfjährige räumt seinen Schulstapel in sein Zimmer. Der private Rechner kommt wieder auf den Schreibtisch. Das LAN-Kabel rollt sich zusammen mit der Verlängerungsschnur zusammen. Ich räume auf und fege durch, der Fünfzehnjährige bringt den Müll weg, der Elfjährige saugt das Wohnzimmer. Alle gehen auch an die Luft, Fahrradfahren, eine Runde Spazieren, mit dem Stiefbruder – der quasi im gleichen Haushalt lebt und sowieso keinen Virus hat, den wir nicht auch abbekommen – in den Hinterhof.

Der Samstag beginnt langsam, wieder mit Kopfschmerzen, jeder darf in seinem Tempo in den Tag starten, spät frühstücken, den Schlafanzug anlassen. Ich mache ein paar kleine Erledigungen. Auf dem Platz vor der Kirche – da, wo wir im letzten Jahr mit den Konfirmationsgästen in der Sonne Fotos gemacht haben – sitzt ein Mann mit Trompete und spielt „Killing me softly“ zum Playback aus der Lautsprecherbox. Rundherum stehen Bänke, die meisten leer, und ich setze mich in die Sonne und höre ihm zu. Ein Stück nach dem anderen spielt er, Musik, die man irgendwoher kennt, Tablet mit Noten auf dem Notenständer, Trompete zwischendurch auf den Knien, lächelt mich und die Frau auf der Bank mir gegenüber kurz an, spielt weiter. Die Frau auf der Bank gegenüber wischt sich verdächtig mit dem Taschentuch im Gesicht herum; auch mir stehen Tränen in den Augen. Kommen unsere von den sich überstürzenden Nachrichten und Veränderungen der letzten Wochen schockgefrorenen Gefühle in diesem Moment wieder in Bewegung? Ist das der Grund, warum wir gerade jetzt Kunst, Musik, Kreativität brauchen? Eine Mutter mit Kinderwagen und zwei weiteren Kindern an beiden Seiten schiebt ungerührt an dem Musiker vorbei, hat vermutlich ganz andere Sorgen. Ein älterer Mann, der mit Einkäufen beladen aus Richtung Supermarkt kommt, legt eine Banane neben den Trompeter. Der lächelt. Ein älteres Pärchen wählt in Ruhe eine besonders sonnig gelegene Bank aus und setzt sich. Eine Frau mit Fahrrad in gelber Warnweste bleibt stehen, ein junger Mann mit Wollmütze klatscht in der Pause zwischen zwei Stücken. Die Frau auf der Bank gegenüber lächelt mir zu. Am liebsten würde ich hier für immer sitzenbleiben.

Mittags kocht der Fünfzehnjährige, und es darf so lange dauern, wie es eben dauert. Ich stelle dem Elfjährigen Reis und Erbsen hin, der isst ein paar Gabeln und geht dann mit dem Stiefbruder in den Hinterhof. Jetzt sind auch die Brot-Käse-Klöße fertig, die der Fünfzehnjährige gemacht hat, und sie schmecken fantastisch. Nicht schlimm, dass ich hinterher die Küche aufräumen muss. Die andere Mitmutter ruft an, und wir verabreden uns – gewagt – auf einen gemeinsamen Kaffee. Wir haben Glück: Die Bänke vor der geschlossenen Schwimmhalle, zwanzig Stufen über dem Weg, auf dem Fußgänger und Radfahrer unterwegs sind, sind frei, und ich gieße ihr – berührungslos, von weitem, mit langem Arm – heißen Kaffee aus meiner Thermoskanne in den von ihr mitgebrachten Becher. Eine Stunde zusammensitzen, reden, lachen. Wie kostbar das ist.

Später schaue ich mit den Jungs „Und ewig grüßt das Murmeltier“ an: Filmnachmittag ohne Kino, Ausleihe im Internet, nur ein paar Klicks, wer hätte das gedacht.

Und in der Flamenco-Gruppe wird dieses fantastische Video vom Staatsballett Berlin geteilt. Kunst, Musik, Kreativität: für den langen Atem, den wir für die nächsten Wochen brauchen werden, wenn der Frühling da draußen stattfindet und wir – meistens – hier drin allein sind.

Alltag im Ausnahmezustand

Tag 8, Tag 9, Tag 10.

Unser Alltag spielt sich ein. Aufstehen um halb sieben. Die Playlist vom Cosmo-Radio anschalten zur Morgengymnastik. Frühstückstisch decken und den Fünfzehnjährigen wecken. Die ersten Nachrichten hören.

Um acht Uhr kommt der Elfjährige von seinem Vater, er verbringt seine Heimschultage auch in der Papawoche bei mir. Mein Laptop steht für ihn auf dem Wohnzimmertisch bereit; mein dienstliches auf dem Schreibtisch. Auf dem Bügelbrett vor dem Drucker kann das Laptop geparkt werden, wenn etwas auszudrucken ist. Der Fünfzehnjährige arbeitet mit seinem neuen Laptop in seinem eigenen Zimmer. Der Schultag beginnt.

Wenn etwas einzukaufen ist, mache ich das am liebsten jetzt gleich. Ich ziehe mir dicke Handschuhe an (bei der Kälte ist das ziemlich ok) und gehe einkaufen. Inzwischen haben wir auch eine Packung Einweghandschuhe hier stehen. Und ein (selbstgenähter!) Mundschutz liegt bereit, weil ich wirklich erkältet bin – aber laut online-Fragebogen-Vorauswahl ein Test auf das Corona-Virus nicht in Frage kommt. Toilettenpapier ist kein Problem mehr; die Beschaffungsherausforderung dieser Woche ist Mehl. Dabei würde ich gern mit den Jungs einen Kuchen backen. Ansonsten gibt es fast alles. Die Kassiererin sitzt geschützt hinter einer dünnen Plexiglasscheibe. Das ist gut.

Zu Hause Hände schrubben, Einkauf auspacken. Schnell mit der Kaffeetasse zum Rechner. Im Handy ein Gruß vom Hannoverliebsten. Mails, Aufgaben, Anliegen der Kinder, Teammeeting. Zwischendurch bringe ich den Kindern ein Stück Schokolade oder einen Toast mit Honig, wasche Gardinen, bestelle mir ein neues Handy. Meine Sim-Karte ist auch schon volljährig und muss mal durch eine frischere ersetzt werden – die Tage zu Hause schaffen die Gelegenheit, mich um solche ungeliebten Themen zu kümmern.

Mittags koche ich Kartoffeln (abwechselnd mit Möhren, Erbsen oder Quark) für den Elfjährigen. Für den Fünfzehnjährigen und mich versuche ich abends vorzukochen: Paprikaquiche, Hühnersuppe… Der Fünfzehnjährige hat sich auch schon angeboten, das dann und wann zu übernehmen, und alle seine Lieblingsgerichte aufgezählt.

Weiterarbeiten. Den jammernden Elfjährigen motivieren, der schnell verzweifelt, wenn Schulaufgaben des Vortages erst am Abend ins Lernsystem geladen wurden und nun im Nachhinein zusätzlich bearbeitet werden müssen, wenn eine neue Lernplattform zu erkunden ist oder Arbeitsblätter sich weigern, in den Drucker zu flutschen. Aber er hat schon sehr viel über den Umgang mit dem Computer und den verschiedensten Lernplattformen gelernt und wird von Tag zu Tag selbständiger. Mein Kaffee wird kalt, ich friere. Jacke an, heißen Tee kochen. Weitere Meetings am Telefon. Ein Telefonat mit einer britischen Kollegin, die ganz verzweifelt klingt. Vor zehn Tagen habe sie einen Einkauf bestellt. Heute sei er geliefert worden – aber die Hälfte fehle. Sie hat Angst, zum Supermarkt zu gehen, aber sie muss, sie hat kaum Lebensmittel.

Der Elfjährige hat unterdessen schon zu Ende gearbeitet und geht wieder nach nebenan zu seinem Vater. Der Fünfzehnjährige hat seine Aufgaben – so scheint es – auch erledigt und geht raus, eine Stunde Fahrradfahren. Wenn ich meinen Rechner ausschalte, mag ich auch als erstes in die Sonne gehen, und wenn es nur eine kleine Runde ist. Im Stadtwald kann man kaum anderthalb Meter Abstand zu den anderen Spaziergängern halten, so voll ist es. Auf der Einkaufsstraße ist immernoch relativ viel Betrieb. Auf dem Sportplatz spielt eine Großfamilie Fußball und ein paar Jugendliche sitzen zusammen – keine Polizei in Sicht.

Der Spätnachmittag zu Hause: Online bestellen wir T-Shirts und kurze Hosen für den Fünfzehnjährigen, auch wenn der Frühling gerade weit weg zu sein scheint. Ich räume ein bisschen Wäsche weg. Ich wasche ab, ich koche vor. Der Fünfzehnjährige macht Abendessen und ich schreibe unterdessen ein paar Nachrichten an Freunde und Familie. Das ist sehr entspannt – vielleicht war meine Idee gut, eine Liste mit Hausarbeiten aufzuhängen und die Kinder zu bitten, sich morgens für zwei oder drei kleine Aufgaben einzutragen. Vielleicht vermeiden wir ein bisschen Streit. Vielleicht habe ich den einen oder anderen ruhigen Moment mehr – so wie jetzt.

Nach dem Abendessen spielen wir eine Runde oder schauen gemeinsam einen Krimi und dann die Tagesschau. Das Mailpostfach muss noch durchgesehen werden; der Hannoverliebste hat ein paar lesenswerte Artikel geschickt, die große Schwester einen Link zu den Fotos vom Geburtstag unseres Vaters, die Schule informiert darüber, dass die Abiturprüfungen nun doch verschoben werden müssen. Ich bin erleichtert, dass es den Fünfzehnjährigen nicht betrifft.

Zeitig bin ich müde. Telefoniere noch etwas, lege mich schlafen.

Bisher keine Zeit für die Steuerklärung oder die Fotoalben der Kinder. Das mag noch kommen.

Dankbar und sorgenvoll und erschöpft – und traurig angesichts der Bilder aus Italien. Das geht gleichzeitig. So fühlen wir uns.

Und bis wir uns wiedersehn…

Tag 6.

Vor vier Wochen war ich noch in Hannover. Wie selbstverständlich das war: Zug raussuchen, Fahrkarte kaufen, losfahren. Keine anderen Ärgernisse als eine geänderte Wagenreihung.

Vor zwei Wochen war der Hannoverliebste noch hier. Wie selbstverständlich das war: die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, überlegen, ob wir in diesem oder jenem Restaurant essen wollen. Weitere Wochenenden planen.

Vor einer Woche war ich mit den Kindern noch in Thüringen, zum 80. Geburtstag meines Vaters. Vorher Telefonate hierhin und dorthin: Wollt Ihr wirklich feiern? Ganz sicher? Ist es nicht zu riskant, wenn wir kommen, weil es in Berlin mehr Coronafälle gibt als in Thüringen? Sollen wir kommen, auch wenn ich einen kleinen Schnupfen habe? Eine seltsame Reise, Handschuhe anlassen bis zum Platz im Zug, den Tisch desinfizieren, gegenüber eine Frau mit blauen Einmalhandschuhen, Zug ansonsten ziemlich leer. In der Pension dann doch die Ferienwohnung bekommen, weil außer uns keiner mehr da war. Eine seltsame Feier, keine Umarmungen, keine Berührungen. Dieses traurige Gefühl beim Abschied: Wann werden wir uns wiedersehen? Wird irgendjemand krank werden, schwer krank werden?

Dieses Wochenende reise ich nicht mehr. Ich huste. Ich mag den Hannoverliebsten nicht anstecken, auch wenn es mit hoher Wahrscheinlichkeit einfach nur eine blöde Erkältung ist. Ich will niemanden gefährden. Ich mag auch nicht aus dem Zug geholt und irgendwelchen Gesundheitsbehörden übergeben werden. Trotzdem: Das ist traurig. Das ist hart. Vielleicht ist es ein guter Test, bekomme ich am Telefon zu hören, wenn eure Beziehung diese Zeit übersteht, wird sie vielleicht auch anderes aushalten. Aber ich will keine Tests, ich will Nähe… Ich will wenigstens ein Wiedersehen planen dürfen, einen Termin im Kalender zum Festhalten. Aber das geht nicht.

Keine Pläne mehr für die nächsten Wochen. Die Reise des Fünfzehnjährigen nach Warschau, sein Schüleraustausch in die Bretagne: abgesagt. Mit dem Elfjährigen zur Phäno nach Wolfsburg, zur Patentante nach Köln, zu den Großeltern nach Weimar: abgesagt.

Auf dem 80. Geburtstag meines Vaters haben wir zum Abschied diesen irischen Reisesegen gesungen:  „Und bis wir uns wiedersehn / und bis wir uns wiedersehn / möge Gott seine schützende Hand / über dich halten.“
Wie ein Refrain begleitet dieses Lied seitdem in meinem Kopf diese seltsamen Tage.

Ich installiere Skype, richte ein zweites privates Laptop ein, damit beide Kinder lernen können, überfliege eMails mit den besten Zu-Hause-Lern-Tipps, Bewegungstipps, Corona-Schulinformationen, Schulaufgaben. Bin dankbar für die allmorgendlichen Motivationsmails meines Chefs und unsere täglichen Onlinemeetings. Plane das erste virtuelle Kaffeetrinken. Plane einen Spaziergang mit der anderen Mitmutter, noch ist das nicht verboten.

Gut tut es auch, hier auch von anderen zu lesen. Viele von Euch hier sind mir durch ihre Texte nah. Schreibt weiter! Unter den Besten-Lerntipps-für-Kinder-zu-Hause stand, dass es beim Bewältigen dieser Zeit helfen kann, ein Tagebuch zu führen. Und das gilt ja auch für uns Erwachsene.
Ihr alle da draußen: Passt auf Euch auf. Bleibt gesund!

Homeoffice, Homeschool

Heute ist Tag 3, an dem unser Leben sich zu Hause abspielt. Ich bin müde. Dabei geht es uns gut. Ich kann arbeiten, wir sind gesund. Keine Existenzängste.

Aufstehen erst um 7 Uhr. Das ist – diese Erleuchtung kam mir heute – der Grund dafür, dass die halbe Stunde, die ich sonst in der S-Bahn mit Lesen verbringe, an Homeofficetagen immer spurlos verschwunden ist. Frühstück halb acht. Um acht müssen die Kinder ihre Heimbeschulung beginnen.

Die sieht im Moment so aus, dass der Fünfzehnjährige zu jeder Schulstunde Aufgaben vom Lehrer bekommt. Per Mail. Die sollen in der Zeit erledigt werden, in der sonst der Unterricht stattfinden würde. Manchmal kommen die Aufgaben aber auch erst nachmittags an oder der Fünfzehnjährige denkt, dass keine kommen und entdeckt sie zu spät. Wann er das alles nacharbeiten soll, haben wir noch nicht herausgefunden.
Der Elfjährige soll im „Lernraum Berlin“ arbeiten, das scheint darauf hinauszulaufen, dass man für jedes einzelne Schulfach Arbeitsblätter – mit jeweils unterschiedlichem Abgabedatum pro Fach –  ausdruckt, ausfüllt, fotografiert und wieder hochlädt, was ziemlich mühselig ist. Ich habe inzwischen entdeckt, wie man Textfelder in pdf-Dateien einfügt, aber ausgedruckt und im Hefter abgeheftet werden muss der bearbeitete Stoff dann ja doch, also nur eine mittelgroße Arbeitsersparnis. Außerdem gibt es „Quizlets“ und „Padlets“ (nie zuvor davon gehört) und Elternbriefe und gefühlte 30 Mails von den hyperaktiven Eltern der Klasse des Elfjährigen, in denen über die Einrichtung von Online-Videounterricht beraten wird. Wenn die Lehrer sich dazu nicht einladen lassen, wollen es die Eltern moderieren, jeden Tag eine Stunde lang.
Dabei haben wir doch gar keine Zeit – wir müssen Toilettenpapier jagen (ok, das war inzwischen erfolgreich, rechtzeitig, bevor die letzte Rolle verbraucht war), ich muss um 8.30 Uhr an meinem dienstlichen Rechner sitzen und habe wirklich zu tun. Wirklich meinen kompletten Arbeitstag lang zu tun, unterbrochen nur durch eine Mittagspause, in der ich wahllos irgendetwas auf den Tisch stelle, damit wir essen und dann weiterarbeiten können. Und unterbrochen von den Anliegen der Kinder.

Gegen halb vier habe ich Feierabend oder kann einfach nicht mehr. Ich gehe mit den Kindern – oder mindestens mit dem Elfjährigen – eine Runde raus in die Sonne. Bisher haben wir es hingekriegt, die Tischtennisplatte für drei Partien nutzen zu dürfen, bevor zu viele andere Leute Schlange stehen. Und dann haben wir immer noch eine kleine Runde durch den Park gedreht.

Der Strom der schulischen Mails reißt bis abends nicht ab. Wir spielen eine Runde, ich koche irgendwas. Wir sehen ein wenig fern, um uns zu entspannen, und vielleicht schaue ich dann noch Nachrichten. Ich telefoniere. Ich schreibe Messenger-Botschaften. Die Patentante des Fünfzehnjährigen schickt lustige Bilder und Videos, das tut gut. In der Küche steht dann meistens noch ein Abwaschberg.

Dringend: Unsere technische Ausstattung verbessern. Drei Personen, zwei Laptops, eine Computermaus. Spätestens heute, an Tag 3, fällt auf, dass das so nicht gehen kann. Aber wie aufrüsten, wenn die Läden alle geschlossen haben und Online „verlängerte Lieferzeiten“ angekündigt werden?
Auch dringend: Ein Buch lesen. Einen Kaffee in der Sonne trinken. Die Termine der nächsten Woche absagen, alle. Die Allergiebezüge des Elfjährigen waschen; die Steuererklärung anfangen; den Balkon bepflanzen. Wäsche legen. Bügeln. Aufräumen.

Aber bis zu „auch dringend“ komme ich nicht. Ich bin müde.

WmdedgT – 5.3.2020

Und schon ist es März geworden… Frau Brüllen sammelt all unsere Tagebucheinträge ein wie üblich und fragt uns: Was macht Ihr eigentlich den ganzen Tag? – Hier ist meine Antwort.

Der Wecker klingelt um sechs Uhr und reißt mich aus dem Tiefschlaf. Während ich noch mit fest geschlossenen Augen herauszubekommen versuche, wer ich bin, warum ich hier bin, wieso der Wecker so früh Lärm macht und ob ich heute wirklich arbeiten muss, ist der Elfjährige schon wach und kommt zu mir ins Bett. Fünf Minuten Kuscheln, dann stehe ich mühsam auf. Ein Muskelstrang in meiner Wade hat sich vor einigen Tagen entschlossen, total zu verkrampfen, und die ersten Schritte am Morgen tun nach wie vor richtig weh.

Küche. Magnesiumtablette auflösen. Frühstück machen. Der Einfachheit halber stelle ich heute nur Müsli auf den Tisch. Brotdose und Trinkflasche für den Elfjährigen vorbereiten. Im Radio die griechisch-türkische Grenze und Neuigkeiten zum Thema mit dem großen C.

Als ich beim Frühstück zufällig einen Blick auf meinen Kalender werfe, sehe ich einen Termin um acht Uhr, den ich total vergessen hatte. Aus der ruhigen halben Stunde nach dem Abmarsch des Elfjährigen zur Schule wird eine stressige halbe Stunde. Und dann steige ich auch noch an der falschen S-Bahn-Station aus und merke das erst, als ich schon halb auf dem Weg zu U-Bahn bin. Kein Wunder, dass ich bei meinem Termin nicht besonders fröhlich wirke. Reicht es nicht, dass ich immerhin pünktlich bin?

Um halb zehn komme ich im Büro an. Ich war drei Tage krankgeschrieben, und mir fallen gleich die Neuerungen auf: Im Eingangsbereich stehen Flaschen mit Desinfektionsmittel für die Hände (die genau jetzt vielleicht in irgendeinem Krankenhaus fehlen); im eMail-Fach gibt es einen Link zur internen Firmenhomepage, auf der detaillierte Anweisungen für Homeoffice und Dienstreisen je nach Corona-Gefährdungseinstufung der verschiedenen Standorte gegeben werden.

Da auch der Kollege krank ist, hat sich allerhand Arbeit angesammelt. Der Chef kommt mit dringenden Anliegen, ein Termin wurde verschoben, lang erwarteter Input ist endlich da. Keiner der Kollegen gibt zu, Hamsterkäufe getätigt zu haben, aber alle erzählen Geschichten davon, was es in ihrem Supermarkt nicht mehr zu kaufen gab. Alle sind nervös. Am späten Vormittag haben wir ein Meeting, und ich sichere mir am großen Konferenztisch vorausschauend einen Platz, an dem mir die Sonne den Rücken wärmt – herrlich. Das Meeting hätte ruhig länger dauern dürfen.

Kurz vor vier mache ich Feierabend. Die Bahn ist unangenehm voll. Zu Hause gibt es allerhand aufzuräumen, Wäsche zu legen, der Abwasch steht herum – das soll am Abend alles schön aussehen, denn am Wochenende kommt Besuch. Zuerst muss ich aber den Elfjährigen anrufen, der irgendwo im Prenzlauer Berg bei einem Klassenkameraden ist und vielleicht abgeholt werden muss. Nein, Mama, beruhigt er mich, mein Klassenkamerad bringt mich zur S-Bahn und ich fahre alleine nach Hause zu Papa. Das ist gut, ich lege mich dankbar mit einem heißen Tee aufs Sofa, statt nochmal loszufahren.

Gegen Abend kommt der Fünfzehnjährige vorbei, um ein paar Wechselsachen für das bevorstehende Wochenende einzusammeln, das er mit anderen Jugendlichen und vermutlich viel zu wenig Schlaf irgendwo im Berliner Umland verbringen wird; eine Freundin ruft an und schwärmt von ihrer neuen, offenbar absolut wundertätigen und ihren hohen Preis unbedingt rechtfertigenden Ernährungsweise (für die ich aber keine Lust habe, mich anwerben zu lassen); der Vater meiner Kinder holt die Schulsachen des Elfjährigen für die Papawoche – und irgendwann später rufe ich den Hannoverliebsten an, der gerade seinen Koffer packt und morgen – morgen schon – hier sein wird.

Ein kleines, kleines Stückchen Krimi noch – dann Bad und Bett. Gute Nacht!

Ach Mist, nein, schon wieder vergessen: die Lieferung des Wochenendeinkaufs steht ja noch aus. Nicht aus Versehen schon ins Bett gehen. Stattdessen Krimi an. Hoffentlich verspätet die Lieferung sich nicht allzusehr…

Heimfahren

Die Felder sind grün und braun. Der Himmel ist ganz grau. Hier und da hat jemand mit einem schwarzen Tintenstift Bäume und Sträucher ins Bild schraffiert. Felder mit Solaranlagen spiegeln das Grau des Himmels, und die Rotoren, die man über den im Nebel verschwindenden Türmen – so heißen die Stiele, auf denen die Windkraftanlagen befestigt sind, meint Wikipedia – der Windparks teilweise erahnt, stehen still.

Nur die Oberleitungen entlang der Strecke bewegen sich; nähern sich einander an und entfernen sich wieder voneinander.

Der Zug fährt Richtung Berlin. Vor drei Tagen bin ich in die andere Richtung unterwegs gewesen.
Ich nähere mich einem Menschen.
Wir nähern uns einander. Mit Worten, Gesten, Berührungen, die entstanden sind, als wir anderen Menschen nahe waren, wie sollte es anders sein? Wir arbeiten uns durch die Missverständnisse, eins nach dem anderen, die daraus entstehen; wir finden neue, gemeinsame Worte, unsere eigenen Berührungen, unseren gemeinsamen Rhythmus.

Was können wir miteinander teilen? Mit welchen der Dinge, die wir schenken können, kann der andere etwas anfangen – und mit welchen nicht? Wer kann ich bei dir sein und wer bist du, wenn du mit mir zusammen bist?
Wie in dem Tantrix-Puzzle, das der Elfjährige zum Geburtstag bekommen hat und das seitdem bei uns auf dem Wohnzimmertisch liegt – sechseckige Kacheln mit Linien in Gelb und Rot und Blau und Grün – und bei dem immer wieder ein neues Teil hinzugefügt wird mit der Aufgabe, eine zum Kreis verbundene Linie in einer anderen Farbe zu legen, sortiere ich mich neu, weil da ein Mensch hinzugefügt wurde, der wichtig wird. Es ist alles noch da, aber eine andere Farbe verbindet die Teile, ein anderes Muster entsteht.

Neben mir die Frau reist mit zwei kleinen Kindern; aus Versehen sind sie in den falschen Zug gestiegen und fahren nun nicht über Braunschweig, sondern über Berlin nach Halle. Gegenüber sitzt ein Mann und hustet so schrecklich, dass ich mich frage, ob wohl alle Insassen des IC-Wagens unter Quarantäne gestellt werden müssen – ein Gedanke, der garnicht mehr lustig ist, als ich am Abend die Nachrichten aus Italien höre.

Auch in Berlin regnet es, gleichmütiges Grau überall.

Ich schließe meine Tür auf. Das ist meine Wohnung. Hier steht der Tee vom Donnerstagmorgen. Da liegt ein aufgeschlagenes Buch auf dem Bett. Dort wartet die Bügelwäsche. Der Fünfzehnjährige kommt um acht.
Ich war weit fort. Ich war glücklich. Ich bin glücklich.
Und der Mensch, mit dem ich glücklich bin, schickt mir ein Bild mit einem Stück blauem Himmel.

Februartage

Die Malerplane, die wie ein Schleier am Lenker des Fahrrades weht, von dem der Wind sie in ungeduldiger Kleinarbeit abgefetzt hat.
Der Geruch nach frischem Brot aus dem Backshop.
Das Prasseln von Graupelkörnern auf das Dach über dem Bahnsteig.

Eine Mutter, die ihr Kind anschreit und zwei Mitreisende, die sich einmischen.
Der leuchtend rote Mantel einer Frau, die ihren Freund küsst, mit Haaren so lang und schwarz, als würde sie für immer jung bleiben.
Das Licht in der Imbissbude, das warm auf goldgelbe Brötchen, Croissants und Plunderteilchen fällt.

Strenger Desinfektionsgeruch, als ein Junge sich die Hände mit hellblauem Gel aus einem kleinen Fläschchen einreibt, bevor er ein rotes Gummibärchenspaghetti aus einer Tüte holt und isst.
Der kleine schlafende Hund, dessen Köpfchen aus der Tasche der Frau neben mir hervorschaut; mit einer blanken schwarzen Nase, gelben Flecken über den Augen, seidigem schwarzen Fell und einem nervösen Ohr.
Die letzten Seiten von Sarah Moss‘ Islandbuch.

Kaffeeduft aus der Büroküche.
Und auf dem Heimweg der kalte Wind, der mir ins Gesicht schlägt.
Das Summen von Messenger-Nachrichten.

Meine verhedderten Kopfhörerkabel.
Wunderschöne sperrige Musik von Fieh, immer wieder.
Die ersten Schneeglöckchen und Krokusse.

Der Fünfzehnjährige mit Brille, plötzlich irgendwie älter und reifer, als ob.
Der Elfjährige, der Rubic’s Renvenge mit Hilfe von youtube-Tutorials fertig löst.
Die neuen Spiele auf dem Wohnzimmertisch: Cluedo, Blokus, Tantrix, Go.

Gemüse für eine Hühnersuppe.
Zugverbindungen nach Hannover.
Vorfreude. Unsicherheit. Übermut. Vorfreude.

Gutenachtnachrichten.
Noch einen – nur einen – von Anne Fadimans Essays.
Gegen Morgen singen draußen Vögel.