Nur noch bis zum Fluss

Freitagabend. Schwer zu entscheiden, ob nun schon wieder eine Woche vorbei ist oder ob die Woche nun endlich zu Ende ist. Beides.

Nach dem herrlichen, erholsamen, stillen letzten Wochenende ganz für mich allein kamen die Kinder aus der bei ihrem Vater verbrachten Ferienwoche zurück, in der das Fahrrad des Elfjährigen gestohlen wurde, sein Füller, sein Handy, seine Essenskarte verlorengegangen sind, keine fehlenden Stifte nachgekauft, keine Essen bestellt und keine losen Blätter in Ordner eingeheftet wurden. Wie wütend mich diese Dienstage machen, an denen dann alles nachgearbeitet, wiederbeschafft, in Ordnung gebracht werden muss, der Elfjährige nicht rechtzeitig ins Bett kommt.

Die Kollegen wenigstens werden einer nach dem anderen wieder gesund, das ist gut.

In den Vorgärten beginnt es zu blühen, ein erster mutiger Baum hat schon dicke Blätterknospen, vielleicht weniger wegen der Sonnenstunden als wegen der Frühlingssehnsucht, die mich und alle erfasst hat. Aber um auf dem Balkon zu sitzen oder zu werkeln ist es noch zu kalt.

Erschöpft und zögernd habe ich am Mittwoch die Konzertkarten vorgekramt, die ich vor längerer Zeit besorgt habe, die Kinder wie vereinbart – aber ohne viel Enthusiasmus – über Nacht zu ihrem Vater geschickt. Und dann wurde es eins der schönsten Konzerte, die ich jemals besucht habe, das Abschlusskonzert der aktuellen “Keine Gefahr”-Tournee von Dota Kehr – ich bin schon lange nicht mehr aus einem sooo guten Grund im Büro müde gewesen.
Dotas Lieder sind musikalisch schön. Sie sind klug und politisch und poetisch und lustig…

Deshalb bin ich außerordentlich zufrieden, dass ich meinen Fastenvorsatz, bis Ostern keine Dinge zu kaufen, die nicht absolut notwendig sind, erst nach dem Erwerb der CD mit all den Liedern vom Konzert gefasst habe. Und so sitzen wir abends zusammen und hören unsere Lieblingslieder von Dota, die Kinder fallen ein, wenn sie singt, dass sie “die Blumen weggeworfen und die Katze verschenkt” hat, und ich weine ein bisschen bei meinem Lieblingslied “Floß”, weil es das schönste Schlaflied für müde Mütter ist, das ich mir vorstellen kann:

“Morpheus, komm und nimm mich mit.
Ich trag Stiefel aus Granit
und ich spür ihre Last,
mühsam wird jeder Schritt.

Ich geh noch bis zum Fluss, doch ich mag
nicht mehr weiter, es reicht für den Tag.
Hier mach ich Rast. Bitte komm! Bitte trag
mich auf Dein Floß!

Wir können weiter flussabwärts
unser Glück neu probieren.
Mach die Leinen los!
Weiter flussabwärts liegt die Welt
wieder offen und groß. (…)”

 

 

 

5. Februar

Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? – das fragt Frau Brüllen auch an diesem 5. Februar. Nicht gerade irgendetwas spektakuläres, muss ich erwidern, füge aber zu meiner Verteidigung hinzu, dass die Woche mit einem 11. und einem 50. Geburtstag, einer Erhöhung des Krankenstandes in meiner vierköpfigen Abteilung von 25% auf 75% und nicht ganz ohne Zusammenhang dazu einsetzenden Magenkrämpen meinerseits keine wirklich entspannte war.

6.30. Mein Wecker klingelt. Mein Magen tut weh, das macht er schon seit drei Tagen; mein Kopf tut auch weh, das ist neu. Beim Aufstehen ist mir schwindelig, drei Tage Zwieback und Tee, das war reichlich nährstoffarm. Ich schlappe ins Bad.

6.45 Der Siebenjährige kommt aus seinem Zimmer und umarmt mich innig. Ich schleppe ihn zu meinem Bett und wir kuscheln noch fünf Minuten.
6.50 Der Elfjährige wird wach, kommt aus seinem Zimmer, legt kurz seine knochigen Arme um mich. Dann verschwinden meine Söhne in sein Zimmer und spielen mit dem Geburtstagslego.

7.15 Wir sitzen in der Küche und frühstücken. Hinter meinem Rücken schwanken die Stapel schmutzigen Geschirrs, die noch vom Geburtstag des Elfjährigen herumstehen. Auf meinem Brettchen liegt Zwieback. Ich streiche über meinen schmerzenden Bauch. Wir gucken die prächtig blühende Amaryllis auf dem Fensterbrett an und spekulieren, ob man von den Blüten Samen bekommen und daraus neue Amaryllisse züchten kann. Und wie macht man das eigentlich bei Hyazinthen? Und Tulpen?

8.00 Meine Söhne machen sich auf den Weg zu ihrem Vater. Ich lege mich noch zehn Minuten hin und gehe dann zur S-Bahn.

8.45 Arztpraxis. Lasse mir die letzte Vitamin-B-Spritze der dieswinterlichen Kur geben. Schwatze noch einen Moment mit der Sprechstundenhilfe, wir kennen uns inzwischen ganz gut.

9.05 Komme im Büro an. Keine Wunderheilungen, der Krankenstand liegt auch heute bei drei von vier Teammitgliedern. Nummer vier bin ich, es wäre einfach unoriginell, jetzt auch krank zu werden. Und immerhin kann ich ja sitzen. Meine Büronachbarin spendiert mir Fenchelteebeutel.

12.50 Kurze Mittagspause. Lasse mir im Betriebsrestaurant Kartoffeln und Möhren geben. Nicht so lecker.

14.00 Immernoch Kopfschmerzen. Immernoch Magenschmerzen. Gebe auf. Schreibe dem Chef dass ich heimfahre und meinen Magen auskuriere. Fahre nach Hause und falle ins Bett.

15.45 Wache auf. Etwas besser. Fange an, in der Küche Müll einzusammeln.

16.00 Die Patchworkmama, die mal neben mir gewohnt hat und inzwischen in der Kölner Gegend weiterpatchworkt, ruft mich an. Sie ist auf Berlinbesuch, und eigentlich sollte sie den Siebenjährigen, der ihr Patenkind ist, bei seinem Papa treffen, aber der geht nicht an sein Telefon. Also kommen sie zu mir – die Patchworkmama mit dem neuesten Patchworkbaby im Bauch, der Patchworkmann und mein Patenmädchen. Ich setze Kaffee für die Gäste auf. Zum Glück gibt es noch einen Rest Schokoladenkuchen vom Geburtstag des Elfjährigen.

16.15 Der Vater meiner Kinder ruft an und ist sauer, weil die Patchworkmama jetzt zu mir gekommen ist und nicht zu ihm. Ich muss ein bisschen diskutieren, bis der Siebenjährige rüberkommen darf.

16.20 Wir sitzen zusammen, trinken Kaffee/Kamillentee/Wasser, die Großen schwatzen, die Kinder machen Bilder mit den Pustestiften.

17.30 Der Vater meiner Kinder ruft an und fragt, wann der Siebenjährige endlich zurückkommt. Ich scheuche mein armes Kind auf – hinterher denke ich, dass fünf Minuten mehr ja wohl auch kein Problem gewesen wären. Mein Sohn lässt sein angefangenes Geburtstagsspiel stehen und verabschiedet sich.

17.35 Mein Patenmädchen möchte noch ein Brot essen, plötzlich stehen doch alle in meiner gruselig schmutzigen Küche zwischen den Geschirrbergen, die inzwischen auf sämtliche Flächen übergewachsen sind. Brot, Streichkäse und Gurke gibt es zum Glück noch, auch ein sauberes Brettchen. Dann verabschieden sich die Gäste.

17.45 Ich mache mich über Teil eins des Riesenabwaschs her. Im Radio läuft eine türkische Radiosendung, die ich nicht verstehe, das ist manchmal ganz entspannend.

18.45 Ich stelle eine Teetasse an mein Bett und lege mich hin. Krimi an, Kopf aus. Der tut leider immernoch so weh, dass ich später – wegen meinem Magen geht ja keine Tablette – eins der Schmerz- und Fieberzäpfchen der Kinder nehmen muss.

21.00 Licht aus. Ende der unrühmlichen Vorstellung.

 

 

 

Zuckerstreusel und Geschichten

Am Schönsten an Kindergeburtstagen finde ich die Vorabende.

Alle sind in festlicher Stimmung. Wir backen die traditionellen Becherküchlein – der gerade-noch-Sechsjährige macht bei seinen den Teig schon selber und streut später bunte Zuckerstreusel auf die Küchlein, die ich mit Zuckerguss überziehe; der gerade-noch-Zehnjährige macht schon alles von Anfang bis Ende selber, und ich gebe neidlos zu, dass seine Küchlein hübscher sind als die, die ich mit seinem kleinen Bruder gemacht habe.

Beim Abendessen erzählen wir Geschichten. Auf dem Tisch steht ein Osterglockenstrauß, genausoeinen habe ich heute vor elf Jahren auch gekauft, sage ich, und dann am Nachmittag habe ich die Lichterkette, die inzwischen über unserer Küchentür hängt, in meinem großen Zimmer angebracht, und als ich auf der Leiter stand, habe ich gemerkt, dass mein Baby bald geboren wird, und das warst du! Ich erzähle davon, dass ich in der Schwangerschaft – in beiden – kein Brot essen mochte (ich erinnere mich, ja, ruft der Zehnjährige, als der Siebenjährige in deinem Bauch war, hast du morgens immer so Hirsebrei gegessen, so weißes Zeugs!), und dass ich mir damals vor elf Jahren, abends nach der Arbeit, in der alten Wohnung noch, immer Gemüse gekocht habe. Wie schlimm ich das Essen in den zwei Wochen Spanienurlaub fand, die ich mit dem Vater der Kinder vor der Geburt des gerade-noch-Zehnjährigen gemacht habe, und von dem legendären Einkauf beim Spätlidl am Insbrucker Platz hinterher, wie ich zu Hause schon beim Auspacken die Packungen von Körnerbrötchen und Schinkenwürfeln aufgerissen und beides in mich hineingestopft habe, weil mir nach diesem Urlaub alles, alles wieder schmeckte.

Ich erzähle vom Umzug, zwei Monate vor der Geburt des Großen, vom Möbelaufbauen und Möbellackieren, vom Wäscheständer voller winziger Strampler und Socken. Von meiner Freude. Von der Sonne, die um sieben Uhr morgens vom blauen Himmel leuchtete, als mein Sohn neugeboren auf meinem Bauch lag. Davon, wie schrecklich sich sein Papa beim Anziehen des Babys angestellt hat, wie die Hebamme kopfschüttelnd danebenstand und wie wir dann die Schnallen vom Kindersitz für die Heimfahrt nicht zugekriegt haben… Wir Anfängereltern.

Auch für den gerade-noch-Sechsjährigen gibt es Geschichten. Am Abend vor deiner Geburt, erzähle ich, war ich mit Freundinnen beim Inder essen, mit meinem dicken, dicken Bauch, der kaum noch zwischen Stuhl und Tisch passte. Und dann wolltest du unbedingt noch in derselben Nacht geboren werden, weil du bestimmt die indischen Gewürze nicht mochtest. Ja, so war das, nickt mein Kind, das bis heute nichts kräftigeres als den Geschmack von weißem Streichkäse mag.

Der grade-noch-Zehnjährige weiß noch genau, wo später sein Schutzgitter stand, in dem er bauen konnte, ohne dass sein kleiner Bruder – damals im Krabbelalter – ihm alles kaputtmachen konnte. Er flitzt in sein Zimmer und zeigt uns die Stelle. Und nachts, sagt er zu seinem kleinen Bruder, heute noch empört, hast du geschnarcht! Der an-diesem-Vorabend-schon-Siebenjährige kichert.

Später, wenn die Kinder im Bett sind, decke ich den Frühstückstisch mit den Bürgeltellern und den Namenstassen, stelle Blumen hin und die Taufkerzen, von denen jeder meiner Söhne zwei hat. In meinem kleinen Schlafzimmer hole ich die Kisten vom Schrank, in denen die Geschenke versteckt sind, wickle sie in die Stoffbeutel, die wir nun schon lange zum Einpacken benutzen, schleiche ins Zimmer des schlafenden Geburtstagskindes und baue den Geburtstagstisch auf.

Ich gehe im Kopf die Zutaten fürs Wunschfrühstück am nächsten Morgen durch, treffe letzte Absprachen für die Feier, erinnere mich.

Auch den frühen Geburtstagsmorgen liebe ich, ja doch: tappende Kinderfüße, viel zu früh; eine dicke Geburtstagsumarmung, die Freude über das erste Geschenk und vielleicht noch das zweite –

Das alles ist schöner als das Chaos, in dem das Geschenkeauspacken unweigerlich endet. Schöner als der unsägliche Lärm im Indoorspielplatz, wo der Siebenjährige mit seinen Freunden tobt; sogar schöner als der Hochseilgarten, in dem nicht nur der Elfjährige behände mit seinen Freunden nach oben turnt, sondern auch ich Freude an der Herausforderung habe, aber angespannt bin, soooo angespannt, weil doch heute alles, alles schön werden soll.
Schöner als die Hektik eines Geburtstages zu Hause, an dem das Essen zur richtigen Zeit auf dem Tisch stehen soll, das Geburtstagkind wegen irgendeiner Enttäuschung getröstet werden muss, nie genug Zeit für alle Spiele und alle Freunde und alle liebevoll geschriebenen Geburtstagskarten ist; der viel zu schnell vorbeigeht und niemals so ganz hält, was der Vorabend verspricht, an dem wir zusammensitzen und Geschichten erzählen… und uns erinnern.

Times of Trubel

Die Ereignisdichte erreicht auf einer Skala von Eins bis Zehn bedenkliche Achtkommasieben.

Beträchtliche Teile meiner Verwandschaft haben ihre 50. Geburtstage in die ersten beiden Monate diesen Jahres gelegt, so dass ich mit einem Bein eigentlich immer in einem Zug von oder nach Thüringen stecke. Zudem haben meine Eltern den Umzug in ihre neue, altersgerechte Wohnung auf Anfang März terminiert – und ich würde mich schämen, so garnicht zu helfen, weil doch aussortiert und verkleinert werden muss; weil doch die Kräfte meines Vaters und die Menge der in seinem Arbeitszimmer lagernden Bücher, Dokumente und, ähm, Dinge in einem schlechten Verhältnis zueinander stehen.

Hier in Berlin unterdessen werden meine Kinder beide ein Jahr älter, gefühlte Myriaden an Becherküchlein müssen gebacken, glasiert und verzehrt werden; Wunschfrühstücke sind auszurichten, Geschenke rechtzeitig aus abgelegenen Paketshops abzuholen, beim Hochseilgarten muss noch Essen bestellt und das Zeitbudget der Paten des Zehnjährigen mit unseren Feierplänen abgestimmt werden.

Im Büro werden wichtige Termine inzwischen regelmäßig in der Nacht vorher vorbereitet, eher kommen die großen Chefs nicht dazu, ihre Vorstellungen von dem, was überhaupt vorbereitet werden soll, weiterzugeben. In einer Telefonkonferenz am Freitagnachmittag müssen allerhand Kollegen von nah und fern einem Zeitplan zustimmen, der ab März gelten soll und – knapp zusammengefasst – für fast alle jeden Monat doppelt so viel Arbeit in halb so viel Zeit bedeuten wird. “Anyone who is uncomfortable with this should speak up now”, sagt der Organisator, aber offensichtlich sind wir hier bei “Des Kaisers neue Kleider,” niemand möchte für faul und inkompetent gehalten werden. Der einzige, der aus seiner gesicherten Chefposition heraus einzuwenden wagt, dass der neue Zeitplan “challenging” ist, wird auch sofort fernmündlich genasenstübert.
Dass in unserem vierköpfigen Team schon seit Jahresanfang eine Vollzeitkraft überarbeitungskrank ausfällt und vertreten werden muss, macht meine Schlaflosigkeit und meine Angst vor den nächsten Erwerbsarbeitsmonaten auch nicht gerade besser.

Umso verbissener verbringe ich selber jede freie Minute in Arztpraxen; lasse mir morgens auf dem Weg zur Arbeit meine allwinterliche Dosis an Vitamin B spritzen; strecke nachmittags meiner Hausärztin und diversen Kinderspezialisten flehend Mutterkindkur-Anträge entgegen, vielleicht argumentiert ja irgendwer so überzeugend, dass sie eine Ausnahme von dieser Vierjahresregel machen.

Ich könnte das brauchen.

 

 

Kindergeburtstag #1/11

Meine übliche Beschäftigung im Januar ist das Organisieren von Kindergeburtstagen. Also, von einem, denn für den anderen ist, immer im Wechsel, der Vater meiner Kinder zuständig (und ich gehe dann nur mit und sorge dafür, dass auch all das funktioniert, was der Vater meiner Kinder nicht bedacht hat und habe Spaß).
Letztes Jahr hatte ich den Joker – der damals noch Fünfjährige wünschte sich nichts anderes, als seinen sechsten Geburtstag in dem Indoorspielplatz zu feiern, den ich im Jahr vorher für den neunten Geburtstag des damals noch Achtjährigen gefunden hatte.
Dieses Jahr hat der Vater meiner Kinder diesen Joker, der Sechsjährige möchte genau da wieder hin. Und ich bin dafür zuständig, einen wunderschönen Tag für den Zehnjährigen zu gestalten – der bei den Alphakids seiner Klasse irgendwas von Kartfahren aufgeschnappt hat.

Eigentlich erfülle ich meinen Kindern gern Wünsche.

Richtig gern.

Seuffffffz.

Also fange ich an, mir die Webseiten von Berliner Kartbahnen anzugucken.

Von dem vielgepriesene authentischen Rennbahnflair mit seinen Abgasdüften wird mir schon beim Betrachten der Rennfahrerfotos schlecht. Um die mehreren hundert Euro, für die den bis zu 12 mitgebrachten Kindern für zweimal je 15 Minuten die ganze Bahn zur Verfügung gestellt werden würde, tut es mir sofort leid. Und was meine ehemalige Nachbarin, die schon viele Dinge getan hat, die mir niemals in den Sinn kommen würden – Kartfahren unter anderem – von blockierten Halswirbeln nach Karambolagefahrten erzählt, gibt mir endgültig den Rest.
Sollte Kartfahren nächstes Jahr immer noch cool sein, entscheide ich, kann ja der Vater meiner Kinder diesen speziellen Wunsch erfüllen. Als Autofahrer ist er dafür prädestiniert. Finde ich.

Ich verspreche meinem Sohn, dass ich mir irgendwas anderes Supertolles ausdenke – und – tataaa – wie schön, dass andere Eltern auch schon mal in der Lage waren und ihre Erfahrungen im Netz niedergelegt haben (Trommelwirbel – – – – ):

Es gibt in Berlin einen Indoor-Hochseilgarten.
Mit Kindergeburtstagsangebot.
Mit 10 Parcours für Kinder ab 1,30 Meter Größe.
Und mit  – Sie machen den Kindergeburtstag für mich gerade zu einem echten Fest!, rufe ich und möchte dem Kletterparkangestellten, der mir das gerade erklärt hat, am liebsten telefonisch um den Hals fallen – ausgebildeten Trainern, die man dazubuchen kann und die dann zwei Stunden lang mit den lieben netten Vorpubertierenden nach da oben irgendwo verschwinden. Yeah!

Natürlich gucke ich mir die ganze Sache vorher mal selbst an. Sieht alles prima aus, die Klettersteige haben unterschiedliche Höhen, so dass jeder seinen Kletterspaß haben wird (Sogar ich – denn ich muss mich ja nicht um die Kinder kümmern!). Und ich wette, dass hier noch keiner von den coolen Jungs aus der Klasse meines Sohnes seinen Geburtstag gefeiert hat.

Integriert ist der ganze Kletterpark in ein Kino in einem Einkaufszentrum, in dessen Wandelgang man – wenn man es schafft, den Kopf weit genug in den Nacken zu legen (also besser nicht nach einer Karamolage-Kartfahrt probieren) – gaaaanz weit oben wagemutige Menschen auf schwankenden Brettersteigen quer durch die Halle klettern sehen kann. Huiiii… Zum Glück dürfen die Kinder diesen Parcours noch nicht klettern, der ist nämlich erst ab zwölf.

Zwölf. AB ZWÖLF???

Aber nächstes Jahr ist ja schon Kartfahren geplant.

Zum Glück.

 

Für ein Geräuschememory

Mein Wasserkessel, ganz kurz bevor er zu pfeifen beginnt.
Das Klacken, mit dem die halbvolle Kaffeetasse, als sie vom Bett fällt, auf dem Boden aufschlägt.
Das Öffnen der Balkontür. Die Stille, die mit der klaren Morgenluft ins Zimmer strömt. Küsse.

Das Pochen und Knacken eines Saunaofens. Das Knarren der Holzbänke, auf denen jemand ganz nach oben steigt.
Schritte in Badelatschen, verschiedene. (Der liebste Freund und ich sind verblüfft, dass wir immer erraten können, ob da ein Mann oder eine Frau läuft; Swusch-swusch – das ist eine Frau: richtig, die Saunaangestellte, die zum Aufgussaufgießen geht; Schrapp-schrapp – das ist ein Mann, richtig, er ist Richtung Ruheraum unterwegs. Manchmal schließen wir die Augen nicht schnell genug, dann zählt es nicht.)
Das Röcheln des steinernen Frosches, der vom Rand des kleinen Beckens aus einen Wasserstrahl speit. Plötzliches Schnarchen von der Ruheliege rechts vorne. Der atemlose Aufschrei, mit dem sich jemand ziemlich schnell ins Tauchbecken sinken lässt.
Das Brummen und Fauchen der Kaffeemaschine an der Bar – könnte man Milchkaffee von Espresso unterscheiden? Bestimmt.

Später das Einfahren einer S-Bahn in einen Bahnhof und das Di-Da-Di ihrer schließenden Türen.
Schritte auf einer defekten Rolltreppe, viele Schritte; Schritte im Schneematsch und am Abend Schritte, die auf dem neu überfrorenen Gehsteig knirschen.

Das Knattern der kaputten Zündelektrode meiner Etagenheizung.
Die Lautlosigkeit, mit der die Amarylliszwiebel auf dem Küchenfensterbrett sachte ihre Knospe ans Licht schiebt. Dein Atem. Mein Atem.
Das Trappeln von Kinderfüßen in der Wohnung über meiner.

Am Ende mein Federbett, das knistert, wenn ich mich kurz vor dem Einschlafen von einer Seite auf die andere drehe.

Ein Samstag.

WMDEDGT… 5.1.2016

Es ist wieder soweit, 5.1.2016. Und Frau Brüllen fragt: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

5.45. Wecker. Hätte auch ein bisschen später klingeln können, ich habe heute nur ein Kind, der Sechsjährige ist schon bei seinem Papa, der Zehnjährige kommt kurz nach sechs Uhr in die Küche geschlappt, vielleicht hat ihn das Radio geweckt, Funkhaus Europa ist eingestellt.

6.45. Frühstück. Mit einem Kind ist das herrlich entspannt. Auch das Fertigmachen zum Losgehen klappt viel besser. Am allerbesten geht heute alles, wenn ich dem Zehnjährigen Anweisungen gebe und an die ein  “Beep Beep” anhänge. “Jetzt bitte Zähneputzen gehen – Beep Beep!”. Ich bin heute ein Roboter, ein Helferoboter, sagt der Zehnjährige, ich gehe mit auf Deine Arbeit und helfe Dir. Hm, sage ich, ich muss den Helferoboter aber in die Schule schicken! – Aber ich bin doch kein Schulroboter! Ich gähne. Ich bin heute ein Schlafroboter, sage ich, Schlafen würde ich heute am besten können.
Und dann gehen wir los. Der Zehnjährige zu seinem neuen, riesigen Fahrrad; ich zu den Mülltonnen im Hinterhof und dann zur S-Bahn.

7.30. Büro. Noch alles relativ entspannt. Mittags eine Telefonkonferenz, ich sitze im Büro eines Kollegen, wir verdrehen die Augen, schreiben uns witzige Bemerkungen auf den Zettel mit der Agenda.

15.00. Feierabend. Schnell in der Kaufhalle vorbei, Kräutertee und Äpfel – ich habe am Wochenende nicht eingekauft und muss jetzt jeden Tag irgendwann zwischendurch besorgen, was gerade so fehlt.

15.45. In der kleinen DB-Agentur in meinem Kiez trage ich meine Reiseanliegen für Ende Januar vor und kaufe Fahrkarten. Zu Hause wird ein bisschen aufgeräumt. Dann schalte ich – noch voller guter Vorsätze! – das Anfänger-Yoga-Video auf Youtube ein, dass ich mir ausgesucht habe. Gestern habe ich das auch schon gemacht, heute habe ich einen alten Teppichläufer als Matte ausgerollt, da geht es gleich viel besser.

16.50. Kurz vor der Yoga-Endentspannung klingelt die Besuchsfreundin, die wegen einem Arzttermin nach Berlin gekommen ist. Ich koche Kaffee und zünde die Kerzen am Weihnachtsbaum an. Wir setzen uns aufs Sofa und erzählen. Später Abendessen.

20.00. Ich zünde neue Kerzen am Weihnachtsbaum an, die Besuchsfreundin holt ihr Strickzeug vor, ich bügele ein paar Pullis fürs Büro. Dann setze ich mich zu ihr aufs Sofa und stricke an der Mütze für meine große Schwester weiter.

21.30. Ich gehe schon mal ins Bad. Hinterher lesen wir uns noch ein paar Geschichten aus einem Buch vor, dass ich zu Weihnachten bekommen habe. “Geschichten, die glücklich machen”, ich frage mich immer, ob irgendjemand tatsächlich solche Anthologien liest – diese hier wandert jedenfalls auf den Spendenstapel, nachdem uns weder Ringelnatz noch Rosenlöcher überzeugt oder gar glücklich gemacht haben.

22.30. Wecker stellen. Licht aus. Draußen fällt Schnee. Unbedingt morgen früh die Schneehosen zum Vater meiner Kinder bringen, nehme ich mir vor. Und schlafe ein.