Letzter Tag

In den Fluren stehen die ersten gepackten Kisten; Mütter tragen allerhand Gepäck Richtung Parkplatz; Abholväter warten vorm Tor.

Wegen des Wetterberichtes sind alle unsere kurzen Sachen schon fort, aber der Tag glänzt nochmal mit einem von leichten Wolkenschleiern überzogenen Himmelblau. Ich lasse – leichtsinnig – meine Haare von Sonne und Wind trocknen, sitze mit einem Cappuccino in den Dünen. Hinter mir Kiefern und Sandorn, über mir ein  bunter Drache am Himmel, das Meer rauscht friedlich und spült mir – später – ein Feuersteinherz vor die Füße. 

Ich habe hier über Sterne und Steine nachgedacht; über die Geschichten, die ich mir über mich selbst, und über die, die ich meinen Kindern darüber erzähle, wer sie sind; über leise und laute Botschaften. Auch darüber, wie gut das hier tat und im Alltag wäre, wenn immer nur EINE Sache auf einmal wichtig wäre. Über dieses schwer zu erlangende Gefühl, „genug“ zu haben im guten Sinne und deshalb gern geben zu können.  Und über Sport – natürlich – aktivieren möchte man uns matte Mütter hier, aber die ersten Recherchen sind nicht vielversprechend, der Schwimmverein mag keine neuen Mitglieder über 30, auf dem Foto der Nordic-Walking-Gruppe dagegen sind schon alle ganz ergraut. Ja, Vorsätze: 15 Minuten Stille jeden Tag, vielleicht geht das ja, der Anfang – hier – ist gemacht.
In der Klinik ist es ruhig, die Kinder haben Abschlussveranstaltungen, nur ein wenig Clownslärm dringt aus dem Spielehaus. 

Erstaunlich, wie wir Mütter in den letzten Tagen nochmal intensiver beieinander angekommen sind – und erstaunlich: seit ich mehr Kontakt habe, ist auch der Elfjährige auf dem Fußballplatz bei den anderen Kindern. Jetzt kursieren Adresslisten, sogar einer Whatsapp-Gruppe beizutreten (auf Probe – mal sehen – eigentlich wollte ich das nie haben…) habe ich mich überreden lassen. 

Und morgen gehen wir alle wieder unsere eigenen Wege. Laden unsere Alltagslast wieder auf – zu den vielevielen guten Vorsätze, die wir von hier mit uns tragen.

Weil es grad dran ist…

Was ich vermissen werde: 

Wellenrauschen, Mövenrufe und die Grillenmusik nachts. Die Spätsommer-Farben: Hagebutten, Sandorn und Vogelbeeren. Dass das Meer morgens glatt und hell wie verschüttete Milch in der Bucht liegt. Den Morgennebel zwischen den Häusern. Die Sterne nachts und den Mond bestaunen, wie er Form und Farbe und Zeiten von Tag zu Tag ändert.

Mein endlich gezämtes Kopfkissen, das kleine Appartement, die Überschaubarkeit. Leben mit kurzen Wegen. Wechseln zu können zwischen Rückzug und Geselligkeit; meine Mimosengefühle gegenüber anderen – vom sowieso-anders-Sein und Abgelehntwerden – in meinem eigenen Tempo in Frage stellen zu dürfen. 

Das Lachen des Elfjährigen beim Spielen am Tisch und bein Toben im Schwimmbad. Wie der Siebenjährige stolz im Sauna-Tauchbecken steht. Meinen Vorleseplatz auf den beiden ungenutzten Kinderkopfkissen, zwischen den Betten der beiden, und dass kein frühes Aufstehenmüssen unser Vergnügen an Wolkows Geschichten verkürzt.

Den warmen Steinboden des Balkons, wenn die Luft abends schon wieder kühl ist. Die emsigen Kreuzspinnen, die Sonnenuntergänge, die sich – anders als Leben sonst – ein paar Minuten lang anhalten lassen, wenn man im richtigen Tempo am Strand läuft. 

Glasglocke

Wir Kurfrauen sitzen – nein: walken, schwimmen, reden, schlafen, saunieren – hier wie unter einer Glasglocke; haben Auszeit im besten Sinne: kein Bedürfnis nach Nachrichten, weder nach den politischen noch nach welchen von zu Hause; der Handy-Empfang ist sowieso schlecht, WLAN gibt es nur an zwei Stellen im Haus. Ich schreibe – ganz entschleunigt – Papierbriefe und – fast genauso altmodisch – Mails an den liebsten Freund vom Laptop aus, das ich dafür umständlich zur Rezeption schleppen muss. Telefonieren mag ich mit der Besuchsfreundin. Das reicht aus, ansonsten möchte ich weit weg von allem und allen sein.

Als wir in einer Gesprächsrunde unsere Alltagsrollen zusammentragen, kommt viel mehr zusammen als „Mutter“, „Berufstätige“und „Haushaltsfrau“, ein ganzes Riesenblatt voll. Ja, auch die Rollen kosten Kraft, die wir gern ausfüllen, die uns etwas geben. Sie geraten in Zeitkonkurrenz, verlangen uns unterschiedliches zur gleichen Zeit ab, zerren hierhin und dorthin. Hier ist es einfach; den Tag aufteilen zwischen Kuranwendungen, Kindern und eigenen Wünschen. Das Spielen mit den Kindern macht wieder Spaß; die Geduld wächst nach; der Muskelkater vom Sport macht nix und die Lust auf Ausprobieren (Wandern am Wochenende? Wassertreten mit der Gruppe? Auf ein Glas Wein zu den anderen setzen?) kommt wieder, langsam.

Weil soooo viel Druck hier wegfällt, unter unserer Glasglocke.

Eine Woche länger wäre so viel besser, sagen wir Kurfrauen zueinander, beim Essen und beim Sport, am Strand und auf der Sonnenliege. Es geht uns allen so. 

Einfach zu schön

Wieder werfe ich die Vorsätze mit dem zeitigen Schlafengehen über Bord; ich mache mir einen heißen Tee, ziehe Fleecejacke und Bademantel übereinander und gehe auf den Balkon raus. Ich lege den Kopf in den Nacken und mache zunichte, was die Masseuse meiner Halswirbelsäule Gutes getan hat; und ich riskiere ein weiteres Dutzend Mückenstiche.

Der Nachthimmel ist einfach zu schön.

Da ist der große Wagen und dort der Polarstern. Der Rinderhirte und Herkules. Kassiopeia und Perseus. Abend für Abend suche ich am Himmel ein paar neue Sternbilder von der Sternenkarte, die in die Top Ten der wichtigsten Kur-Utensilien aufgestiegen ist. Das Dreieck. Den Widder. Die Leier, den Adler, den Schwan, den Delfin und wenigstens das zentrale Viereck des dicken Pegasus. Sie sind alle da.

Zwischendurch versinkt der tomatenrote Mond hinter den Häusern auf der anderen Seite der Bucht. Fledermäuse huschen vorbei.Es gibt keine Sternschnuppen, deshalb wünsche mir bei jedem Flugzeug etwas, das als kleiner Lichtpunkt durch die Sternbilder zieht. Wer sagt, dass solche Wünsche nicht in Erfüllung gehen? Nur langsamer, glaube ich.

Monstermücken

Am Strand und auf der Wiese, am Morgen wie am Abend, auf dem Balkon, an der Rezeption, in der Cafeteria. 

Sie stechen durch Sporthosen bei der Morgengymnastik, durch T-Shirts beim Spazierengehen, durch Jeans bei Regen. 

Sie kichern, wenn wir uns mit Autan einreiben. Geheimtipps werden unter der Hand weitergegeben: Ballistol, Antibrumm, Tropical Irgendwas – und in großen Quantitäten bei Online-Apotheken bestellt.

Deine Nachbarin auf der Sonnenliege schlägt plötzlich um sich? Es wundert dich nicht, das machen alle. Wenn sie nett ist, schlägt sie auch gleich auf dein Bein, da sitzt auch eine. Garantiert.

In der Sauna fangen die Stiche bärisch zu jucken an, auch die alten. 

Rotgesprenkelte Waden, wohin das Auge blickt.

No Men’s Land

In der Mutter-Kind-Kurklinik sind der Koch, der Kinderarzt und der Klinikleiter die einzigen Männer – so ziemlich. 

Mir fällt es leicht, mich in dieser Frauen-und-Kinder-Welt wohlzufühlen. Am Strand kommen mir die Paare in den Strandkörben schon nach wenigen Tagen sonderbar vor; die Besuchsväter, die am Wochenende durch die Klinik schlendern, irritieren mich ein wenig.

Es ist entlastend für mich, dass wir Frauen hier in erster Linie „Mutter“ und „erholungsbedürftig“ sind – was uns verbindet – und dass die unterschiedlichen Lebenswelten, aus denen wir kommen, die beruflichen genauso wie die Beziehungsrollen, in den Hintergrund treten.

Das verbindet ganz schön. Wenn wir beim Quigong am Strand über den Typen im weißen Anzug kichern, der sich ganz publikumsbewusst hundert Meter hinter der Sporttherapeutin tai-chi-mäßig produziert; wenn wir bei der Wassergymnastik kichern und prusten, während wir uns gegenseitig von den Schwimmbrettchen zu schubsen versuchen. Keine die Schönste, Beste, Erfolgreichste, am meisten Leidende – nein, einfach nur wir selbst.

Mehr Ankommen

Wir kuren uns durch ein gefühltes Dutzend Informations- und Kennenlernveranstaltungen; erhalten stapelweise Papier für die nächste Woche: Kuranwendungspläne für die Mütter und für die Kurkinder, Freizeitveranstaltungspläne für die Mütter und für die Kinder der verschiedenen Altersgruppen. Zum Glück sind wir Mütter logistische Komplexität gewöhnt, sitzen mit Zettel und Stift über dem Gesamtkonzept am Beckenrand und beaufsichtigen mit einem Auge unsere Kinder im am Wochenende für alle freigegebenen Bewegungsbad.

Zeitgleich ist die Gruppenbildung in vollem Gange. Die Kleinkindmütter haben sich auf den Bänken am Spielplatz gefunden. Die coolen Halbwüchsigen hocken auf dem Fußballplatz, Smartfones in der Hand, Nummern längst ausgetauscht; ihre Mütter sind die freiesten – solange es keinen Ärger gibt. Bei den mittleren Kindern hat hier und da die tischweise Verpartnerung im Speisesaal zu Freundschaften geführt. Meine Söhne sind – wie ich – nicht so schnell im Kontaktaufnehmen; ein gemeinsames Minigolfspiel mit dem Jungen von nebenan hier, ein bisschen Wasserballspielen mit ein paar Gleichaltrigen da – aber eigentlich wünschen sie sich Mamazeit. Wechselmodellkinder, wir haben nachzuholen. Ich auch!
Wieviel Alleinsein für mich zwischen Herz-Kreislauf-Gruppe, Alleinerziehenden-Gesprächsrunde, Coloretto-Spielen und Tischtennis (falls der Wind nachlässt), Wassergymnastik -für die mir vielleicht noch eine Ausrede einfällt – dem ausgiebigen Vorlesen am  Abend und den verlockenden Freizeitsportangeboten übrigbleibt, wie sehr ich die von meinen Kindern einfordern und im Wochenprogramm freistreichen möchte, weiß ich noch nicht.

Es wird sich finden. Fürs erste verzichten wir auf den großen Ausflug am ersten Wochenende und auf die Großgruppenwanderung; treffen keine Verabredungen, gehen froh ins leere Bewegungsbad, sammeln und bemalen Steine, lassen unsere bunten Tüten-Drachen steigen. Familienzeit. Und das ist einfach schön.