Gesehen, gelesen, gehört… im Februar

Der Februar beginnt mit Kunst: Ich mag das, wenn Cafés ihre Wände Künstlern zur Verfügung stellen und wechselnde kleine Ausstellungen veranstalten. Zum Beispiel Café Behring in Treptow, in dem gerade Acrylbilder von Martin Künkler zu sehen sind. Leuchtende Bilder, mal ganz abstrakt, mal gegenständlich, die weder sich selbst noch den Betrachter auf eine Deutung festlegen, sondern die Gedanken – über Kaffee und Frühstücksbrötchen – zum Fliegen einladen.

Nochmal Kino: “Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach”. Mit schrägen, sonderbaren Filmen habe ich viele Erfahrungen. Ein ganzes halbes Jahr lang saß ich vor langer Zeit mit der Patentante des Neun- äh… Zehnjährigen wöchentlich in der Spätvorstellung, die in der kleinen Stadt die einzige Möglichkeit war, kleine, sonderbare europäische Filme anzusehen. Dieser hier ist aber nur am Anfang spannend. Die blassen Bilder, vor denen die Kamera jeweils für eine ganze Szene still verharrt. Die Hintergründe, die zu betrachten sich immer lohnt, weil dort noch eine weitere, eine Hintergrundgeschichte, spielt. Dieser Satz, den immer wieder Leute am Telefon sagen: “Ich freue mich, zu hören, dass es Euch gutgeht”. Aber dann fährt der Film sich fest, da kommt nichts mehr, nur immer beklemmendere und verstörende Bilder, Krieg, Kolonialismus, Tierversuche, Tod – und jede Menge einsame Männer. Das alles mag “wahr” sein, und wäre es die ganze Wahrheit über das Leben und die Menschen – wie der Film behauptet – bliebe einem nur noch, sich umzubringen. Aber so ist es nicht, ich weiß es.

Aus dem Bücherstapel, den ich beim Bücherkistenpacken für den Umzug meiner Besuchsfreundin beiseitegeschafft habe, ziehe ich Banana Yoshimotos “Amrita”.Wie schon vor vielen Jahren, als ich “Kitchen” gelesen habe (das Buch steht seitdem in dem besonderen Regalfach bei den Büchern, die mich schwer beeindruckt haben), fasziniert mich wieder, wie die Autorin ihre Geschichte von den Gefühlen ihrer Hauptperson aus erzählt – das, was geschieht und diese Gefühle auslöst, wird eher nebenbei erwähnt oder ist zum Erzählzeitpunkt sowieso schon passiert – und mich damit ganz nah an ihre Geschichte heranholt. Ich mag die Frauen in Banana Yoshimotos Büchern, junge Großstädterinnen, die die großen Lebensfragen immer mit sich herumtragen. Und manchmal hätte ich beim Lesen gern eine Übersetzerin an der Seite, die mir ihre Emotionen deutet, wo ich sie ungewöhnlich oder widersprüchlich finde, wo sich die “Gefühlskonventionen” in der japanischen Kultur vielleicht von unseren westlichen unterscheiden.

Ein schöner Kontrast dazu ist “Wenn ich eine Frau wäre” von Sarah Bosetti. Viele kleine Geschichten – von denen etliche auch einzeln funktionieren und von ihr auf der einen oder anderen Lesebühne gelesen werden – reihen sich zu einer unglaublich komischen, klugen, traurigen, bösen Geschichte über ein Großstadtpaar mit chronischem Geldmangel aneinander. Das einzige, was noch schöner ist, als dieses Buch zu lesen, ist, Sarah Bosetti selbst lesen zu hören. Noch so ein Buch! Bitte!

Und meine neueste nette Musikentdeckung stammt (um den Kreis zu schließen) von dem von Sarah Bosetti moderierten “Peace, Love & Poetry”-Slam. Byebye ist ein Duo mit einem mir sehr sympathischen restsächsischen Akzent, schönen Texten und angenehmem Gitarrengeschrabbel. Schön!

Ich fülle literarische Wissenslücken, lese Wilhelm Genazinos “Die Kassiererinnen” (auf der Innenklappe als “Genazinos beschwingtestes, heiterstes, humorvollstes Buch” bezeichnet, was mich davor zurückschrecken lässt, gleich mehr von ihm lesen zu wollen) und Jakob Arjounis “Idioten. Fünf Märchen.” An dem gefällt mir das Setting – dass zu den fünf Personen in seinen Geschichten jeweils eine gute Fee kommt, die dem- oder derjenigen einen Wunsch erfüllt (Geld im Wert von mehr als einer Spülmaschine, Liebe, Gesundheit und Unsterblichkeit ausgeschlossen). Wie zu erwarten, geht das mit dem Wünschen in den meisten Geschichten schief. Davon könnte wohl jeder seine eigenen Märchen dazuspinnen.

Weniger und mehr… die ersten anderthalb Wochen

Fastenvorsätze zu fassen ist tatsächlich viiiiel einfacher, als sie dann auch umzusetzen. Sogar, wenn es sich nur um ganz, ganz kleine Vorsätze handelt.

Mein Laptopfasten hat noch nicht besonders gut geklappt. Für die Tage, an denen ich den Computer abends nicht nochmal anschalten wollte, habe ich mich meistens zum Telefonieren verabredet. Das hätte ich ohne Fasten aber auch gemacht. Außerdem habe ich das kleine Wort “abends” zum Mogeln benutzt – und tagsüber dann doch auch mal die privaten Mails gelesen. So richtig gefastet war das also noch nicht.
Dann kam auch noch ein heftiger Virusinfekt beim Sechsjährigen dazu und dass ich mich – kaum hatte der Vater meiner Kinder die Pflege übernommen – selbst krank ins Bett zurückgezogen habe. Wie groß die Verlockung doch ist, mal eben einen kleinen Krimi zu gucken, wenn der Kopf brummt. Einfach nix mehr denken. Aaaaah… Oder diesen halb-krank/halb-genesen-Zustand zu nutzen, um endlich mal wieder auf meinen Lieblingsblogs herumzustöbern… In Ausnahmesituationen lasse ich also Ausnahmeregeln gelten. Auch für mich.

Dem Zehn-Minuten-Vorsatz erging es ein wenig besser. In den ersten Tagen habe ich abends im Bett das Licht noch zehn Minuten lang angelassen – und über all das nachgedacht, was mir sowieso Sorgen macht. Dann habe ich beschlossen, dass ich ein RItual brauche. Küchentisch. Kerze. Am Küchentisch höre ich also abends den Nachbarn zu, wie sie ihre Kinder anbrüllen und den S-Bahnen, wie sie vorbeirumpeln; denke über mein Leben nach – und merke, dass zehn Minuten ganz schön lang sein können.
Inzwischen liegen ein paar Meditationsbücher neben meinem Bett, vielleicht inspirieren die mich ja.
Gestern habe ich durchs Fenster dem Abendstern zugesehen, wir er durch die Zweige des kahlen Hinterhofbaums wanderte. Das war schön.

Iim Bücherregal bin ich vor ein paar Tagen auch mal wieder auf Julia Karnicks Brigitte-Kolumnen gestoßen – und mittendrin passend zum Thema auf die, in der sie von den Fastenvorsätzen eines befreundeten Paares erzählt:
Im ersten Jahr wollten die auf Fernsehen verzichten, und gingen deshalb immer aus und tranken sehr viel. Im zweiten Jahr wollten die auf Fernsehen und Alkohol verzichten, und luden daher immer viele Freunde zum Essen zu sich ein und nahmen ordentlich zu. Im dritten Jahr wollten sie auf Fernsehen, Alkohol und Fleisch verzichten, weshalb keiner mehr zum Essen kommen wollte und die beiden allein auf dem Sofa Trost in besonders vielen Süßigkeiten fanden.
Ob ein weiteres Kind kam, nachdem die beiden im nächsten Jahr auch noch auf Süßigkeiten verzichtet haben? Das ist leider nicht überliefert.

In diesem Sinne: Allen, die diese sieben Wochen für sich besonders gestalten, wünsche ich weiterhin eine gute Zeit.

Oh Lümpja!

Ja, wir lieben Berlin und leben richtig, richtig gern hier.

Hier, wo der Sechsjährige an der Kasse im türkischen Supermarkt (wo wir uns mit duftendem Fladenbrot, Sucuk, Zopfkäse, Salbei, Löwenzahn und hellgrünen Paprikaschoten eindecken, wann immer wir Gelegenheit haben) plötzlich laut ruft: Guck mal Mama, da ist aber eine lustige Fahne! Jetzt seh ich sie auch: Der rote Streifen vom Schwarz-Rot-Gold ist ein bisschen breiter gemacht worden und beherrbergt den türkischen Halbmond mit dem kleinen Stern. Ach ja, sage ich, die hängt bestimmt hier, weil hier viele türkische Leute leben, die beide Länder gerne mögen. Und der ältere Herr an der Kasse lächelt gleich viel freundlicher.

Hier, wo in der Ostberliner Kita in froher Ignoranz aller rheinischen Bräuche und christlichen Jahreskreisdaten das Faschingsfest am Aschermittwoch begangen wird; ein prächtiges Fest, bei dem die Kinder – wie der elektronische Bilderrahmen am Nachmittag schon zeigt – sich gegenseitig von oben bis unten mit Klopapier eingewickelt, wilde Schlachten mit Zeitungspapierknüllbällen geschlagen, in der Kinder-Disko getanzt, vor dem Obstbuffet herumgestanden und am Waffelstand geschlemmt haben. Fünf Spidermans gab es, alle auf einem Foto vereint. Und mindestens sechs “Elsas” (Elsas? Häh? Als Jungsmutter muss ich mich aufklären lassen: Elsa aus der Eiskönigin. Ach so.)

Aber wir lieben natürlich nicht alles hier.

Seit einigen Tagen hängt Berlin voller Werbeplakate. Wir wollen die Spiele, steht da drauf, und abgesehen davon, dass ich mich frage, wer genau “wir” eigentlich ist, verstehe ich auch nicht, warum der Mauerfall, das “Sommermärchen” der Fußball-WM oder Graffiti der Grund dafür sein sollen, dass Berlin sich neben der Endlos-Bauruine BER noch ein weiteres Riesenprojekt aufhalsen sollte. Und wieso die Unterschrift unter dem Plakat ausgerechnet “Sportmetropole Berlin” heißt.
Wo doch in diesem Jahr zahlreiche Schwimmhallen schließen oder von den öffentlichen Bäder-Betrieben an private Vereine abgegeben werden. Wenn es doch in der Turnhalle, in der der Sportverein meiner Söhne trainiert, anscheinend noch nie ein Budget für so was wie Klopapier oder Seife gab. Nur so zwei Beispiele, wo ich mal mit Investitionen in die Sportförderung in Berlin anfangen würde, wenn ich was zu sagen hätte.

Am Donnerstag kam der Zehnjährige dann mit einem großen Plakat nach Hause. Mama, rief er begeistert, wir haben heute einen Ausflug gemacht! Zum Brandenburger Tor! Und da waren mehr als 2000 Kinder, und wir haben aus bunten Plakaten – er wedelt mit seinem, es ist rot, “Berlin” steht darauf, von der Rückseite leuchtet der Werbeslogen mit dem ungeklärten “wir” – die olympischen Ringe gebildet, wir mussten die Plakate dafür hochhalten! Und ich war im roten Ring, der ist für Australien! Und von einem Fahrzeugkran aus haben die das dann von oben gefilmt! Und einer der Jungs aus meiner Klasse ist verlorengegangen und wir mussten zu dem Treffpunkt gehen, den wir für den Fall vereinbart hatten, und da haben wir ihn dann wiedergefunden! Ach was, sage ich, wirklich?, und denke: Oh weh, schon wieder ein Tag, an dem der reguläre Unterricht flachgefallen ist… Und dann erzählt der Zehnjährige begeistert davon, was sie im Sachunterricht gleich mal über die olympischen Spiele gelernt haben: von den Nationen mit den meisten Medaillen und von der Zahl der Disziplinen, die er sich sofort gemerkt hat und die ich schon wieder vergessen habe; und von den Läufern, die das olympische Feuer von Olympia aus dorthin bringen, wo die Spiele stattfinden. Diesen Brauch finde ich – mit meinem ausgeprägten Sinn für Kitsch – ja auch sehr schön. Überhaupt ist das mit Olympia aus der Ferne ein ganz nettes Spektakel, aber wieso ausgerechnet hier?

Und vor allem: Darf mein Sohn einfach – mitsamt allen anderen Viertklässlern Berlins – für das diffuse “Wir” der Berliner Olympia-Werbung vereinnahmt werden, ohne dass ich als Elternteil auch nur gefragt werde? Lässt die Schule – die ja auch chronisch unterfinanziert ist, in der die Papas und Mamas nicht nur zum Frühjahrsputz herangezogen werden, sondern demnächst auch malern sollen, weil nur für Material Geld da ist, und auch das nur gerade-mal-so – sich für Olympia-Wirtschafts-Interessen einspannen, ohne dass es eine kritische Diskussion darüber gibt, warum Geld für eine Olympiabewerbung ausgegeben wird und warum nicht für die Sanierung von Grundschulen?

Darüber bin ich richtig ärgerlich.

Wenn die Schule geschlossen zum Jubeln geht, bleibt es nämlich an mir hängen, meinem Sohn ganz vorsichtig zu erklären, wie kompliziert das alles ist: Die schöne Olympia-Idee – und dass die in der Wirklichkeit von allen möglichen Geldinteressen verdorben wird. Dass er gerne weiter davon begeistert sein darf, dass all diese tollen Sportler vielleicht hierherkommen werden – und dass ich es anders sehe und finde, dass die Stadt ihr Geld für die Menschen ausgeben müsste, die hier leben.

Nein, ich will die Spiele nicht. Gebt sie wem anderes, bittedanke.

Weniger und mehr

Im letzten Jahr hat mich beeindruckt, dass ich auf vielen Blogs von Fastenaktionen gelesen habe. Also, Fasten nicht im Sinne von Kilos-Weghungern, sondern als Begehen der Fastenzeit vor Ostern.

Dieses Jahr habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich in dieser Zeit ausprobieren möchte, irgendetwas anders zu machen. Und ich habe zwei kleine Vorsätze gefasst (mit großen ist es sowieso aussichtslos):

Ich möchte meinen privaten Computer in den nächsten Wochen jeden zweiten Tag ausgeschaltet lassen. Nicht, weil ich meine Mails nicht mehr beantworten möchte oder weniger bloggen möchte – sondern um wiederzuentdecken, was die Abende früher eigentlich gefüllt hat, als nicht ständig irgendwas dringendes am Rechner zu tun war.

Und ich möchte mir – vielleicht jeden Morgen, vielleicht jeden Abend – zehn Minuten Zeit zum Nichtstun nehmen. Nicht, weil ich hoffe, dass das ausreicht, um erleuchtet zu werden oder sonstige spirituelle Höhenflüge zu starten. Aber um zu schauen, was geschieht, wenn ich ganz still bin.
Ich war ziemlich erschrocken, als ich vor einiger Zeit von einer Studie gehört habe, deren Ergebnis es war, dass viele Menschen Stille und Alleinsein mit sich selbst kaum noch aushalten können – und eigentlich möchte ich nicht, dass es mir auch so geht.

An meinen Computer-Abenden werde ich nach anderen BloggerInnen suchen, die über ihre Fastenerfahrungen schreiben. Vielleicht tauschen wir uns aus? Heute wünsche ich allen, die sich wie ich kleine oder ganz mutig große Fastenziele gesetzt haben, einen guten Beginn dieser besonderen Zeit.

So eine Woche

Am Montagmorgen wechseln meine Kinder zu ihrem Vater. Nach der Arbeit gehe ich zum Zahnarzt, der findet, dass alles in Ordnung ist, sogar die alte Amalgamfüllung, die er vor einem Jahr als undicht bezeichnet hat. Und dann gehe ich aus. Dazwschen rufe ich die Berliner Bäderbetriebe an und erfahre, dass die Schwimmkurse, zu denen ich den Sechsjährigen und den Zehnjährigen anmelden möchte, nun doch nicht “frühestens am 16. Februar”, sondern schon am Dienstag verkauft werden.

Am Dienstagmorgen stehe ich fünf vor sechs vor der Tür der Schwimmhalle. Eine Stunde später – so habe wohl nicht nur ich gehört, sondern auch die anderen beiden Eltern, die sich wie ich unter die Frühschwimmer mischen – ist der einzige Seepferdchenkurs, der sich mit üblichen Bürostunden vereinbaren lässt, nämlich immer schon ausgebucht. Ich melde den Sechsjährigen und seinen Freund, den Sohn der Hinterhoffreundin des Vaters meiner Kinder, zum Seepferdchenkurs an. Der Bronzekurs für den Zehnjährigen fällt aus, weil die Berliner Bäderbetriebe kein Geld mehr haben, um unsere Schwimmhalle samstags zu öffnen. Dann gehe ich heim und schreibe jemandem, der gerne hätte, dass ich ihn liebe, dass ich ihn nicht lieben werde. Dann gehe ich arbeiten. Hinterher addiere ich alle Kinderausgaben des letzten halben Jahres zusammen und rechne aus, wie viel ich dem Vater meiner Kinder nach Abzug meiner Kinderausgaben von seinen zum Ausgleich noch überweisen muss. Dann recherchiere ich im Internet, wie ich den neuerdings besonders schlappen Sechsjährigen besser ernähren kann, damit er trotz seiner äußerst selektiven Essgewohnheiten keinen chronischen Eisenmangel entwickelt.

Am Mittwoch kaufe ich nach der Arbeit einen Pilgerführer für den Weg von München an den Bodensee. Und dann alle eisenhaltigen Getreideflocken, die ich kriegen kann. Und Reismilch. Und Sesam. Dann rufe ich die nach Köln verzogene Patentante des Sechsjährigen an und plane unseren Besuch in den Osterferien und dann rufe ich meinen wilden Großcousin in Hessen an und plane unseren Besuch in den Osterferien und dann kaufe ich drei Fahrkarten für die Osterferien. Dann spreche ich mit meiner großen Schwester, die uns im Sommer gern für eine Woche mit nach Dänemark nehmen würde – aber nur ausgerechnet die mittlere von unseren drei Urlaubswochen anbietet, was mein schönes diesmal-aber-nicht-nur-eine-Woche-Sommerurlaub-Konzept zu zerstückeln droht. Ich erschlage eine Motte. Dann suche ich nach Urlaubsalternativen. Ein Zelthotel am Plauer See mit Dauerregen? Ein einsames Ferienhaus in Schweden mit Mankell-Krimi-Stimmung? Ein Ferien-auf-dem-Bauernhof-Bauernhof weitab von der nächsten asphaltierten Landstraße? Ich erschlage drei Motten. Ich stelle Anfragen an insgesamt 13 Familienferienstätten, einziges Auswahlkriterium neben meinem Wunschtermin ist “ein Schwimmbad”.

Am Donnerstag auf Arbeit fällt mir ein, dass ich bei meinen Anfragen an die Familienferienstätten das falsche Anreisedatum angegeben habe. Ich rufe die Kinderärztin an und mache einen Termin aus, an dem der Sechsjährige ein Schwimmfähigkeitsattest für seinen Schwimmkurs ausgestellt bekommen kann. Nach der Arbeit kaufe ich eine neue Druckerpatrone, damit ich meine Fahrkarten für die Osterferien ausdrucken kann. Und neues Mottenschutzpapier für die Kleiderschränke. Ich telefoniere mit meinem Vater, der bald einen runden Geburtstag feiert, und dann buche ich eine Fahrkarte für die Reise zu seinem runden Geburtstag. Ich drucke meine vier Fahrkarten aus. Ich nehme die Sterne vom zu zwei Dritteln abgenadelten Weihnachtsstrauß des Sechsjährigen ab und packe die Weihnachtskisten endlich weg. Ich suche einen Kinofilm raus, den ich am Wochenende mit meiner Kinofreundin sehen möchte. Ich suche ein Café raus, in dem ich am Wochenende mit dem Menschen frühstücken und reden kann, dem ich geschrieben habe, dass ich ihn nicht lieben werde. Ich reserviere einen Tisch. Ich verzweifle ein bisschen. Ich rufe die Besuchsfreundin an, die am Wochenende umziehen wird, und lenke sie mit meinem Gejammer von ihren Umzugssorgen ab.

Am Freitag rufe ich vom Büro aus drei Familienferienstätten an, die auf meine Anfrage reagiert haben. Kann man von der Nordsee aus nach Dänemark gelangen? Und wenn ja: wie? Ich überweise dem Vater meiner Kinder das Geld, das ich Anfang der Woche ausgerechnet habe. Ich bezahle die Rechnung vom Sportverein für den Sechsjährigen. Stelle die Waschmaschine an. Ich hole den Zehnjährigen vom Vater meiner Kinder ab, der gerade gemütlich mit seiner Hinterhoffreundin zusammensitzt, während ihr Sohn mit unseren Kindern spielt. Ich fahre mit dem Zehnjährigen zur Therapiestunde. Hinterher kaufen wir – unsere kleine, geheime Freitagabendtradition – einen Döner an der neuen Dönerbude im S- Bahnhof. Abwechselnd, mein Sohn genauso gierig wie ich, fallen wir über den Döner her. Wir schlendern ganz langsam, damit er aufgegessen ist, wenn ich meinen Sohn wieder bei seinem vegan lebenden Vater abliefere. Ich gebe dem Sechsjährigen einen wir-sehen-uns-am-Montag-Kuss und werfe dem Zehnjährigen, dessen neuen Spiel-Hubschrauber der Sohn der Hinterhoffreundin des Vaters meiner Kinder gerade zerstört hat und der mir deshalb nicht richtig “Tschüss” sagen kann, eine Kusshand zu. Dann gehe ich heim und hänge Wäsche auf. Die frisch gewaschene Wäsche vom letzten Wochenende liegt auch noch rum. Und der Stapel mit den amtlichen Briefen der letzten sechs Wochen liegt noch so unberührt da wie am Montag.

Nach einer Woche wie dieser wünsche ich mir, nicht pausenlos das Leben von drei Menschen organisieren zu müssen. Mich nicht pausenlos um alles, alles kümmen zu müssen. Nicht ständig Entscheidungen treffen, nicht ständig Alternativen durchdenken zu müssen.

Nach einer Woche wie dieser wünsche ich mir, ich könnte mich daran erinnern, wie sich ganz viel unverplante Zeit anfühlt, und wie es sich anfühlt, einen ganzen Tag lang einfach irgendwas zu tun. Nach einer Woche wie dieser frage ich mich, ob ich das überhaupt noch kann: Faulenzen. Muße.

Schraubhäkchen an Nylonseilen

Dass kleine Cafés häufig ihre Wände nutzen, um kleine, wechselnde Ausstellungen zu präsentieren, fand ich schon immer nett.

Zwischen dem Moment, in dem ich mit meinem liebsten und außerdem nebenberuflichen Künstlerfreund an einem dieser Cafés vorbeispazierte und wir die Idee aus der Luft pfückten, dass dort eigentlich auch seine Bilder mal hängen könnten, und dem Moment, in dem wir glücklich von außen durch die Scheiben auf seine erste Café-Ausstellung schauten, lag zwar eine ganze Menge Zeit – eigentlich aber nur eine freundliche Frage nach der Mailadresse der Café-Inhaberin, eine Mail mit einigen angehängten Bildern, ein bisschen Vorbereitungsarbeit und zwei Stunden, in denen die Bilder an die Wände kamen. Und wie es ein wohlmeinendes Schicksal wollte, durfte ich an diesem Abend dabeisein.

Jetzt weiß ich, warum immer alle Kulturmanagement studieren wollen.

Weil es einfach sooo viel Spaß macht.

Zuerst die Bilder der vorherigen Ausstellung abnehmen. Herzklopfend – ich will ja nix kaputtmachen – nehme ich die auf dicke Pappen aufgezogenen Fotos in die Hand. Hinten sind Ösen aufgeklebt, die sich einfach an die kleinen Häkchen hängen lassen, die wiederum an kleinen Metallröhrchen befestigt sind, die sich auf Nylonseile schieben und dort mit einem kleinen Schraubrädchen feststellen lassen. So geht das also!

In den Ösen hinter den Fotos hängen auch noch Stückchen dieser schweren Kordeln, mit denen Gardinen in fallschöner Form gehalten werden. Sonst wären die Fotos zu leicht und würden die Nylonseile nicht straffziehen. Wo die Kordeln nicht gereicht haben, sind – ich staune mächtig – Messer angeklebt. Ach, ruft die Bedienung, so verschwindet also immer unser Besteck!

Die Inhaberin schimpft, weil der Fotograf kleine Zettelchen mit den Titeln seiner Bilder an die Wände geklebt hat, die nun beim Ablösen Teile der Wandfarbe mitnehmen.

Mein liebster Künstlerfreund packt schon mal die Zettel aus, auf denen er geplant hat, welche seiner Bilder wo aufgehängt werden sollen. Aber so einfach ist das garnicht, der Künstlerfreund und die Café-Inhaberin und die Bedienung und ich hängen dort ein Bild zur Probe auf und halten da ein anderes hin – und halten kritisch die Köpfe schief. Abstrakte und gegenständliche Bilder vertragen sich nicht. Bilder, die thematisch zusammengehören, wirken erst so richtig, wenn sie auch nebeneinanderhängen, brauchen dann aber ordentlich Abstand zu den anderen. Zu viele abstrakte Bilder in einer Ecke sehen zusammen uninteressant aus. Das Lieblingsbild der Café-Inhaberin muss den schönsten Platz bekommen. Das Rot auf den Bildern darf sich nicht mit dem Rot auf der Präsentationswand beißen. Wer ins Café schaut, soll sich nicht vor düsteren Bildern erschrecken. Die Bedienung muss aus der Küche auf ein Bild schauen, das sie mag. Leuchtende Bilder wirken nur, wenn sie nicht neben anderen leuchtenden Bildern hängen. Und so weiter.

Irgendwann nicken dann doch alle zufrieden. Und dann darf aufgehängt werden. Alle Bilder in gleicher Höhe, 1,87 Meter. Und gerade, bitte. Garnicht so leicht, wenn die Keilrahmen in sich nicht so ganz rechtwinklig sind und die Altbauwände auch nicht. Mit einem altmodischen Spinnweben-von-der-Decke-Kehr-Besen lassen sich die überschüssigen Nylonseile prima aus den Schienen schieben, die an der Decke befestigt sind.

Hier noch ein “mü” nach oben. Dort noch einen Hauch nach unten. Da hinten ist die rechte Schnur noch nicht gerade. Und das Bild neben der Tür muss so weit nach links geschoben werden, dass es die Macke in der Wandfarbe verdeckt, die der Klebezettel vom Vorkünstler hinterlassen hat.

So viel wie heute habe ich schon lange nicht mehr gelernt.

Dann stehen wir draußen in der Dunkelheit und schauen durch die erleuchteten Fenster. Wunderschön sieht das aus. Hereinspaziert! Hier gibt es Kunst zu sehen!

Party-Time

Am Wochenende gab es bei uns gleich zwei Kindergeburtstagsparties.

Freitagnachmittag die erste, mit dem Sechsjährigen und seinen Freunden im Indoorspielplatz. Es ist garnicht so voll, wie es an einem Freitag in einem Indoorspielplatz sein könnte. In der “Geburtstagslaunch” stelle ich Kuchen auf den Tisch und hole an der Bar Getränke. Die Kinder toben schon mal los. Klettern, Riesenrutsche, Softballkanonen – wunderbar. Die Rutsche ist so schnell, dass der Sechsjährige nur auf meinem Schoß rutschen mag, also kriege ich meinen Teil Bewegung auch ab. Der Vater meiner Kinder spielt Kletterffange mit den wilden Jungs, das einzige Mädchen amüsiert sich (zum Glück!), meine Engel-Freundin, die einfach angeboten hat, nicht nur ihre zwei Söhne zum Geburtstag kommen zu lassen, sondern auch selbst mitzufahren, sammelt verlorene Kinder wieder ein; der Neunjährige schießt nur einmal mit einem Softball in die Geburtstagslaunch und trifft trotzdem sofort einen vollen Becher Apfelschorle. Der Sechsjährige sitzt immer mal wieder still am Tisch und hat am Abend tatsächlich das erste Legoauto fertig aufgebaut – das erst von mehreren, seine Wünsche an seine Gäste sind sehr klar gewesen. Ein Kind wird abgeholt, auf die anderen verteilen wir Berge von Mützen, Schals und Jacken, es gibt eine Runde Überraschungseier und je zwei Leuchtstäbe, die zu Armbändern oder – unter die Mütze geschoben – witzigen Leuchtbrillen werden. Und dann zockeln wir zum Bus. Ein gelungener Tag. Erschöpfung am Abend.

Am Sonntag dann mit dem Neun- äh… Zehnjährigen und seinen Freunden ein Ausflug in den Zoo. Die Führung ist großartig: eine junge Frau, die alle Fragen beantwortet; die auch mal schimpft, als zu viele von den Pellets auf den Boden fallen, die eigentlich zu den Mantelpavianen ins Außengehege geworfen werden sollen; die sich vom Gegröle der vorpubertären Jungs angesichts der nackten Affenhinterteile nicht einschüchtern lässt; die kopfschüttelnd was von “Mädchengeburtstag” vor sich hinmurmelt, als zwei der Jungs vor dem Fleischgeruch in der Futterküche der Raubtiere nach draußen flüchten, wo der vegan lebende Vater meiner Kinder schon steht und hyperventiliert (zum Glück hat er das mit der Futterküche nicht vorher gewusst – ) und die dann mit dem strahlenden Zehnjährigen zu den Zwerg-Mangusten ins Gehege klettert, die sich Mehrwürmer aus Löchern in einem Baumstamm pulen dürfen, die die Kinder – so war der Plan – eigentlich in ebendiese Löcher hätten reinstecken sollen. Was sich nur auch keiner getraut hatte, machte aber nichts, hat unsere Zoo-Führerin es halt schnell selbst gemacht.
Im Zoo-Restaurant überlassen uns freundliche Menschen einen ausreichend großen Tisch, das Essen ist fettig und teuer, die Jungs fangen an, vom Spielplatz zu schwärmen, und auf dem Weg dahin kriegt der Sechsjährige endlich auch noch Wölfe zu sehen, ein langgehegter Herzenswunsch erfüllt sich. Auf dem Heimweg in der S-Bahn müssen wir die drei Gastkinder durch je einen dazwischensitzenden Erwachsenen trennen, sie sind außer Rand und Band (merke: Nie wieder Cola auf Kindergeburtstagen!), zerren an der von Oma selbstgestrickten Mütze, bis sie ganz ausgeleiert ist, reißen einander die Ohren vom Kopf und fallen ringkämpfend von den Sitzen. Gesegnete Großstadtanonymität, niemand in der Bahn kennt mich oder diese Kinder.
Das war die schönste Party, auf der ich jemals war, sagt der eine Gastjunge immer wieder. Na, das ist doch mal was. Entsetzliche Erschöpfung am Abend.

In den Kinderzimmern stehen noch die Geschenktische. Wissensbücher, autoförmige Nudeln, Legobausätze, Trinkhalme, Knetseife – und die Rollschuhe und Inliner, die ich meinen Söhnen schon so lange schenken wollte. Heute haben wir sie ausprobiert, bei Schneeregen im Stadtwald, wo der Weg auch bei Matsch noch schön glatt ist und einsame Spaziergänger – nicht mit der Fähigkeit des spontanen Lächelns gesegnet – uns verkniffen betrachteten, wie wir da juchzend und ungelenk durch die feuchtkalte Dämmerung rollten.

Nein, meine Laune verdirbt heute kein seltsamer Blick. Ein Jahr lang keine Kindergeburtstagsparties! Hejho, jetzt kann der Frühling kommen!