05.06.2021 – WmdedgT – Fauler Sommertag

Es ist Tagebuchblogtag – Frau Brüllen fragt, was wir den ganzen Tag so machen – alle Antworten finden sich hier.

Zeitig am Morgen mehrfach aufgewacht; laute Vögel, Nase verstopft wegen Heuschnupfen – aber mit dem guten Gefühl, einfach wieder einschlafen zu dürfen. Gegen acht aufgestanden. Müsli in zahnfreundlicher Version, also Haferflocken in heißem Wasser aufquellen lassen, dazu Honig, Milch, Banane, Birne. Der Sechzehnjährige ist mit seinem Müsli schon fertig, als ich meins vorbereitet habe. Dafür setzt sich der Zwölfjährige mit seinem Schälchen zu mir auf den Balkon und wir erzählen ein bisschen.

Hinterher wollen die Jungs einen faulen Vormittag mit Handys machen. Ich ziehe mich an und gehe in den Stadtwald. Morgens ist es am Wasser noch nicht voll, es läuft sich angenehm und fühlt sich wundervoll nach Sommer an; ich setze mich zwischendurch ab und zu mal auf eine Bank, beantworte Textnachrichten, versuche, mich endlich mal wieder zu verabreden, überlege, wie viele Tage zum Verabreden ich in den nächsten drei Wochen realistisch habe (drei), suche das Datum der Fete de la Musique heraus (21.6.) und ob es im Spreepark wieder Führungen geben wird (ja!).

Um Viertel nach elf bin ich zurück und schon wieder hungrig. Ich setze mich eine Weile auf den Balkon, wo allmählich das Sonnenviereck wächst und die Biene von Dienst nach neuen Blüten sucht; dann mache ich mir ein paar Brote, die Jungs mögen noch nichts. Hinterher Siesta. Ich hole mir dafür nochmal Sarah Moss aus dem Regal, „Gezeitenwechsel“. Gegen zwei höre ich meine Söhne in der Küche über das restliche Toastbrot herfallen und stehe wieder auf.

Ich fange an, eine Runde durch die Wohnung zu machen: Zimmer für Zimmer aufzuräumen, Kleinigkeiten in Ordnung zu bringen, zu fegen, durchzusaugen. Der Zwölfjährige übernimmt Waschbecken und Wanne im Bad; der Sechzehnjährige geht einkaufen und nimmt den Müll mit. Zwischendurch klingelt der Postbote und bringt die Badeanzüge bzw. Tankini-Sets, die ich mir bestellt habe, als ich zu viel Zeit und außerdem vergessen hatte, dass mein Ersatzbadeanzug nicht etwa kaputt/entsorgt/verlegt, sondern nur nach Hannover ausgelagert ist. Während der Zwölfjährige am Wohnzimmertisch etwas für die Schule erledigt, stehe ich vor dem Spiegel und kann mich nicht entscheiden: vorteilhafter Schnitt oder vorteilhaftes Muster?

Später recherchiere ich im Internetz nach Auflagen für unsere Balkonbank, die leider auflagenunfreundliche Maße hat, und nach den guten FFP2-Masken, die ein bisschen größer sind als unsere übliche Sorte und sich deshalb besonders gut zum Reisen eignen. Der Sechzehnjährige hat vor, Ofenkartoffeln nach Ottolenghi zu kochen, hat aber das Rezept nicht genau genug gelesen: sie müssten erstmal eine Stunde in den Ofen und dafür ist es schon ein bisschen spät, als er anfangen will. Also planen wir um und ich brate schnell den Gulasch, der eigentlich für Sonntag vorgesehen war und stecke ihn in den Schnellkochtopf. Dazu gibt es Nudeln.

Obwohl wir nichts Besonderes gemacht haben, ist es jetzt schon fast Abend und draußen wieder angenehm. Wir packen die Tischtenniskellen ein, bringen ein paar aussortierte Bücher zur Verschenkbox und haben Glück: Obwohl auf der Wiese verschiedene Leute lagern, lesen, grillen, Wikkingerschach spielen, ist die Tischtennisplatte frei. Der Zwölfjährige schlägt nicht nur mich, sondern auch den Sechzehnjährigen, er gewinnt alle Spiele. Wer gerade nicht spielt, sitzt auf der Bank und ernährt die Mücken, das ist weniger angenehm, deshalb bleiben wir nicht allzu lange.

Zu Hause wartet noch der Abwasch, dann gieße ich die Balkonblumen und genieße noch eine Weile den milden Abend, während der Zwölfjährige das Geschirr abtrocknet. Wir spielen noch eine Runde Skat, ich versuche den Hannoverliebsten zu erreichen und fange an zu schreiben.

Demnächst noch Bad, Buch, Bett.

04.06.2021 – Balkongartentagebuch

Die rechte Seite der Türschwelle zum Balkon liegt schon im Schatten. Die Füße ohne Socken in die Sonne stellen. Das Laptop auf die Knie. Einen Kaffee.

Es blüht. Katzenminze, Bienenfutter und Männertreu haben die Bienen angelockt, spät in diesem Jahr, vor wenigen Tagen erst. Jetzt ist meistens eine zwischen den vielen kleinen blauen Blüten unterwegs; schade, dass sie kein Namenschild trägt. Einmal waren drei gleichzeitig da, es sind also verschiedene, die vielleicht dank meines Balkons überleben und irgendwo Eier fürs nächste Jahr verstecken. Nur leiden können sie sich gegenseitig nicht, prallen wütend gegeneinander, wenn sie sich begegnen, und fliegen unwillig davon.

Die angeblich kleine blaue Gladiole hat in diesem Jahr vier große, kräftige Blütenstängel bekommen, jeder mit fünf oder sechs blassbraun-gelblichen Blüten. Die Schwertlilien, die nicht aus Knollen, sondern aus Zwiebeln wachsen, sind nicht wiedergekommen, der Winter war wohl zu kalt. Dafür entwickelt sich das Pflänzchen ganz wunderbar, dass ich letztes Jahr aus irgendwo mitgenommenen Samen gezogen habe, wächst zu einer großen Staude heran und stellt sich als Kokardenblume heraus. Offen, ohne schützende Hüllblätter, wachsen die Korbblüten heran; dann wachsen ihnen rote Blütenblätter mit gelbem Rand, auch das Körbchen färbt sich rot und gelb, das ist sehr prächtig.

Etwas mickerig die Tomaten. Es mag an den selbstgezogenen Studentenblumen liegen, die ich zweien von ihnen mit in den Topf gepflanzt habe. Die Studentenblumen blühen schon, herrlich rotorange. Auch das von den Staren gerupfte Wandelröschen erholt sich, bekommt neue Blätter und viele Knospen. Die Kräuter wuchern und haben den ersten Mehltaubefall, wir müssten viel mehr Kräuter essen, nicht nur zum allfreitagabendlichen Kräuterquark. Der Sechzehnjährige hat Samen für mexikanische Sonnenblumen (ich bin gespannt!) geschenkt bekommen und ein paar zu viele ausgesät, dasselbe ist mir mit den Zinnien passiert, von denen ja meistens welche eingehen. Es stehen also wieder mehr Töpfe auf dem Balkon, als ich vorhatte, da nützen alle guten Vorsätze nichts.

Die erste Blüte an der einzigen wilden Malve, die im Balkonkasten des Sechzehnjährigen nicht erfroren ist und jetzt die ganzen Nährstoffe für sich allein hat und deshalb geradezu riesig geworden ist, zeigt eine winzige violette Spitze; auch die Kornblumen, die ganz von selbst im Kräuterkasten und zwischen den Lilien aufgetaucht sind, werden bald blühen.

Das Vogelhäuschen hat nun wohl endlich seinen Platz gefunden; außen am Balkongitter, wo der Unrat der Vögel in den Hinterhof fällt und sie satt werden können, ohne erst auf meinem Balkon Unfug zu stiften. Mutig wagen sich die älteren Spatzen ins Häuschen, während ich auf dem Balkon sitze; die jungen trauen sich nur bis aufs Balkongeländer und fliegen entsetzt wieder ab; die blanken schwarzen Stare, die zum zweiten Mal in diesem Jahr in mindestens einem der Löcher in der Isolierverkleidung des Nachbarhauses brüten, drehen schon im Flug ab und schimpfen laut. Die Krähenfamilie erweitert ihren Ausflugsradius, aber immer wieder sitzen die Halbwüchsigen im Ahorn, gut zu sehen in den schütter belaubten Zweigen, und putzen sich, ruhen aus, rufen nach Futter.

Blattläuse haben sich über Nacht auf den Blättern der Kapuzinerkresse materialisiert, die sich den Topf mit der Paprika teilt. Die Paprika hütet sorgsam ihre erste kleine Frucht und öffnet ab und zu an sonnigen Tagen eine weitere Blüte. Das Höhenwachstum hat sie dafür aufgegeben. Zaghaft greifen die ersten Winden nach den Kletterstäben an der Balkonwand; im Schatten der Clematis, die so böse um die mitverkaufte Rankhilfe aus drei Bambusstäben gewickelt ist, dass sie auch nach Wochen keine Anzeichen macht, nach oben zu ranken, ist eine Bohne aufgegangen und streckt sich nach Licht.

Paradiesgefühle auf fünf Quadratmetern. Der beste Platz, um stillzusitzen, von den Nachwirkungen der zweiten Corona-Impfung auszuruhen, langsam und vorsichtig mit dem kranken Zahn weiche Nahrungsmittel zu kauen, am Morgen tief durchzuatmen, wenn der Tag wie eine Achterbahn vor mir liegt, von deren Anblick allein mir schon unwohl wird.
Wir nehmen, sage ich zum Zwölfjährigen, der das Wachstum der vor den Spatzen geretteten Erbsen in seinem Kasten kontrolliert, den Balkon einfach mit, wenn es mit dem Urlaubsverreisen klappt.

Klappt es nicht, dann habe ich fünf Quadratmeter Urlaub am Haus.

23.05.2021 – Auf und Ab und Testquarantäne

Die entspannten Tage mit dem Sechzehnjährigen enden, als sein Vater sich erkundigt, ob der Sechzehnjährige vielleicht sein Homeschoolinglaptop aus der väterlichen Wohnung heimlich in meine mitgekommen hat, um nachts Videos zu gucken oder was auch immer. Hat er.

Am nächsten Tag hat er einen trockenen Husten, den ich nicht weiter ernst nehme, bis ich seinen sicherheitshalber durchgeführten Selbsttest wegwerfen will und den zarten rosa Streifen sehe, der sich neben dem Kontrollstreifen gebildet hat. Es folgt eine ziemlich steile Lernkurve, nach etwa 30 Minuten weiß ich, welche Hotlines nicht helfen (Gesundheitsamt nicht erreichbar, Berliner Senatshotline auch nicht, die Hotline der Bürgertests ist für Fälle mit Symptomen nicht zuständig) und welche es tun (116117); wo man hingehen kann (es gibt Testzentren zur Nachtestung von positiven Selbsttests aus Schulen und Kitas, es gibt Corona-Praxen und die Corona-Ambulanz der Charité) und dass ich mein doctolib-Passwort nicht mehr weiß, keinen Link zum Zurücksetzen gesendet bekomme – und wir deshalb keinen Termin in der Coronapraxis im Nachbarbezirk buchen können, sondern quer durch die Stadt zur Charité fahren müssen, um am Freitag vor Pfingsten noch einen PCR-Test zu bekommen. Das machen wir dann mal.

Anschließend sind wir in „häuslicher Isolation“. Essen ist zum Glück genug da, ein paar Freunde gibt es auch, die uns mehr vor die Tür stellen würden. Der Sechzehnjährige verzieht sich in sein Zimmer und wird es nur noch mit FFP2-Maske verlassen, Essen bekommt er im Full-Service vor die Tür gestellt. Der Zwölfjährige kommt mit drei tollen Klassenarbeitsnoten nach Hause… und muss die Neuigkeiten erstmal verdauen. Ich bin auch völlig fertig und schlafe am Nachmittag zwei Stunden. Dann stelle ich ein paar Regeln auf – eigenes Händehandtuch und eigene Seife für den Sechzehnjährigen, alle Fenster sind sowieso schon offen; ich trage eine Papiermaske, falls ich mich trotz Erstimpfung angesteckt habe, damit ich es nicht gleich dem Zwölfjährigen weitergebe. Regelmäßig setze ich mich vor die Zimmertür des Sechzehnjährigen und plaudere ein bisschen mit ihm. Mit dem Zwölfjährigen mache ich einen großzügigen Trost-Fernsehabend; der Sechzehnjährige bekommt so lange sein Laptop ausgehändigt. Soweit ist alles ok, aber werden wir das zwei Wochen lang schaffen?

Am nächsten Morgen erlöst uns der Anruf der Charité, der PCR-Test war negativ. Große Erleichterung, langsames Umdenken: Die Tür zum Zimmer des Sechzehnjährigen darf wieder aufgehen, die Kinder dürfen gemeinsam spielen, nein, das ist nicht gefährlich. Der Husten ist auch schon viel besser.

Werde mich also am Dienstag weiter um meinen kranken Zahn kümmern können (ach, was gäbe ich darum, mal wieder etwas kauen zu können, ohne besondere Vorsicht auf der linken Seite walten zu lassen!); und werde dann wohl doch auch meine Zweitimpfung bekommen.

Erstmal mache ich die Steuererklärung fertig, etwas zittrig, weil ich zum ersten Mal das Online-Programm dafür nutze und die Formulare dort kompliziert und unübersichtlich finde.

Und sonst?

Die Krähenkinder werden flügge, drei sind es in diesem Jahr, es ist schön, zuzusehen, wie sie laut schreiend von Ast zu Ast hüpfen, sich noch etwas ungeschickt festhalten, wild mit den Flügeln schlagen und um ihr Gleichgewicht beim Landen kämpfen. Beim Spazierengehen einen zwitschernden Baum entdeckt, in dem Blaumeisen brüten, und ein paar Stellen am Wasser, an denen Abends junge Leute Parties feiern.

Die Öffnungsschritte von allem Möglichen finden ohne uns statt, ich habe auch gar keinen Antrieb, herauszufinden, was man jetzt in Berlin gerade alles wieder dürfte. Vermutlich könnte ich losgehen und mich verabreden, aber meine Kraft brauche ich weiterhin für unsere Familienleben/arbeiten/lernen zu Hause.
Der Zwölfjährige hat weiterhin kein Schachtraining in Präsenz, obwohl andere Berliner Vereine das schon wieder anbieten. Der Sechzehnjährige hat weiterhin keine analogen Jungendtreffen. Und fragen Sie erst gar nicht nach Schulunterricht in kompletter Klassenstärke.

19.05.2021

Aus Gründen war das Wochenende in Hannover sehr, sehr ruhig. Keine großen Radtouren (Hildesheim wäre ein mögliches Ziel gewesen und hätte sogar offene Außengastronomie gehabt), nur ein Spaziergang im Berggarten mit einem Kaffee vom Kaffeebüdchen und einem Schokoriegel dazu, immerhin. Die Ruhe war vermutlich genau richtig für mich; die Alltagssorgen machten Platz für Gedanken und Ideen, wow. Zum momentanen Erholungs- und Erleichterungsgefühl trägt auch bei, dass der Zahnarzt gestern nochmal an der erneuerten Füllung herumgeschliffen hat und das Kauen seitdem nicht mehr so schrecklich unangenem ist. Zurückliegende Zahnarztbesuche sind so viel besser als bevorstehende!

Die Arbeitswoche läuft bisher, der Sechzehnjährige hat Schule-in-der-Schule („SchidS“, um es mal genauso schön abzukürzen wie „SaLzHa“) und kocht an seinem freien Dienstag das Mittagessen für uns beide. Mein Kopf wiederum ist frei genug, um eine Teilzustimmung zur Mieterhöhung zumindest mal zu entwerfen und eine Vollmacht für die Verlängerung des Kinderreisepasses des Zwölfjährigen (die vom Vater unterschrieben werden muss) auch.
Der Kopf ist sogar frei genug, um ein Foto vom Friedhofsengel aus meiner Kindheit über meinem Schreibtisch aufzuhängen und produziert dann sogar noch die gute Idee, den Futterplatz der Spatzen und Stare vom Balkon auf das Fensterbrett des Zwölfjährigen umzusieden, damit der Balkon nicht mehr so verdreckt wird, die satten und glücklichen Vögel aber weiterhin davon ablassen, meine Kräuter abzurupfen, die ausgesäten Erbsen aus dem Boden zu klauben, die Studentenblumen dem Erdboden gleich zu machen und die Erdbeerpflanzen zu killen. Nach dem Umstellen des Futterhäuschens hatte ich Sorge, dass die Vögel den neuen Platz nicht entdecken würden, und machte mich interessehalber über ihre Intelligenz schlau. Gelernt, dass zwar Tauben im Multitasking besser sind als Menschen, weil ihre Hirnzellen einfach dichter aneinander liegen als unsere und die Signalübertragung deshalb schneller geht, dass aber Staren über ihre Fähigkeit zur Nachahmung von Geräuschen hinaus keine besonderen Fähigkeiten zugesprochen werden. Inzwischen hat die Frage sich geklärt, ob die Vögel den neuen Futterplatz finden (ja), und ich frage mich stattdessen, ob die Vögel, deren Gesang im Hinterhof gelegentlich an tiefe Seufzer erinnert, die Stare sind und ob sie da etwa mich nachahmen.

Das Zimmer des Zwölfjährigen nicht nur zum Futterplatz der Vögel, sondern auch zu meinem Lieblingsplatz erkoren, solange der Zwölfjährige bei seinem Vater ist. Gymnastikmatte, Bügelbrett, privater Laptop sind für den Moment eingezogen und ich genieße das Licht und die Wärme, die durch die großen Südwestfenster hereinströmen.

Und das Pfingstwochenende steht bevor. Ohne Radtour in Brandenburg. Mit unverplanter Zeit.

14.05.2021

Volle Wochen. Ein paar Tage in Weimar bei meinem Vater, dann Berlin, Arbeit, am Wochenende der Hannoverliebste zu Besuch. Dann wieder Arbeit – die Kinder haben gerade wegen der Abiturprüfungen nur sporadisch Unterricht und langweilen sich, sobald ihnen die elektronischen Geräte entzogen werden; nach der Arbeit Arzttermine, dann beginnt das lange Wochenende und ich fahre nach Hannover.

Trotz der vielen Abwechslung geht es mir im Berliner Alltag nicht gut. Der Blog als Klagemauer, vielleicht auch als Gedächtnisstütze für meine Gedanken in diesen Tagen: Anstrengend und langweilig ist mein Alltag, so, wie er zur Zeit eben ist.
Anstrengend, weil ich zusätzlich zur Erwerbsarbeit den Haushalt für drei Personen stemme, mich – nicht nur, wenn es um das Theme „Mithelfen im Haushalt“ geht – mit dem pubertierenden Sechzehnjährigen reibe; anstrengend, weil ich die „Lebensorganisation“ nicht nur für mich, sondern auch für meine Kinder ziemlich alleine mache und es auch dabei Reibung gibt, hier mit dem Vater meiner Kinder, der von seiner neuen Familie (und einem riesengroßen Problem im Zusammenhang mit dem gekippten Berliner Mietendeckel) absorbiert ist und trotzdem einbezogen werden muss, wenn es um Entscheidungen für unsere Kinder geht.
Langweilig, weil meine Arbeit mich nicht herausfordert; weil ich nichts dazulerne; weil ich wegen der Corona-Einschränkungen nicht viel von dem unternehmen kann, was mir früher gutgetan hat und weil mir – zusätzlich zu den Kontaktbeschränkungen – Kraft und Zeit fehlen, um Freundschaften und den Kontakt zu meiner Familie so zu pflegen, wie ich das gern machen würde.
Dass ich meine Zeit ohne die Kinder in Hannover oder Weimar verbringe, tut mir natürlich gut; verdichtet aber nochmal, was im Berliner Alltag zu erledigen ist.
Und ich habe keine wirklich guten Ideen, wie ich an der Situation etwas ändern kann.

Viele Frauen in meinem Alter, sagt die neue Hausärztin, berichten ähnliches, stehen kurz vor dem Zusammenbruch. Sie schreibt mir ein Osteopathierezept, aber um regelmäßige Termine wahrzunehmen, bräuchte ich eine Krankschreibung dazu. Sie schickt mich zum Schilddrüsenultraschall, aber die Erschöpfung könnte auch einfach komplett psychisch sein.

Helfen würde eine Perspektive für die Schulöffnungen. Nehme nur ich das so wahr, oder reden die Politiker jetzt alle sehr viel weniger davon, dass die Kinder und Jugendlichen und die Schulen Priorität haben – so wie es im Herbst immer tönte? Ich weiß keine Inzidenzzahl, ab der wieder vollständiger Präsenzunterricht vorgesehen ist. Gibt es die? Die Impfpriorisierung wird aufgehoben – in Berlin noch früher als deutschlandweit – ohne dass irgendjemand ernsthaft vorschlägt, jetzt bevorzugt die Jugendlichen zu impfen, damit die ihr Abitur in der Schule vor Ort machen (und wieder vor Ort in den Unis studieren!) und ihren Hobbies endlich wieder nachgehen können. Die Familien – die Kinder, die Jugendlichen, die mehrfachbelasteten Mütter – werden hängengelassen, und das macht mich fertig. Und nein, da hilft auch kein weiterer Kinderbonus in Höhe von 150 Euro pro Kind und da helfen auch keine Ladenöffnungen und keine Reiseerleichterungen. Nicht, wenn der Sechzehnjährige weiter keine Jugendfahrten machen kann und Schulunterricht fast nur noch parallel zu youtube stattfindet; nicht, wenn der Zwölfjährige weiterhin keine Schachturniere spielen darf und keine Matheförderung mehr erhält; nicht, wenn niemand einen sinnvollen Plan macht, wie das nächste Schuljahr ohne erneuten Hybridunterricht und ohne erneutes Homeschooling ablaufen kann.

Und ungefähr so sieht das aus, was wir als Familie ohne Auto zur Zeit machen können: Fahrradausflüge am Wochenende. Am letzten, zum Beispiel, als es so schön warm war. Frühes Aufstehen und für mich und Picknick vorbereiten. Stressiger Aufbruch, weil die Fahrräder alle aus dem Keller gezogen und verschiedenste Tickets gekauft werden müssen. Die Bahnen nach Brandenburg sind voll; die Fahrräder stehen mit Ach und Krach irgendwo im Nicht-Fahrrad-Bereich, ich muss – mit dem Hannoverliebsten als Rückendeckung traue ich mich wenigstens – die Mitreisenden bitten, ihre Masken über die Nase zu ziehen, der Zwölfjährige wird ganz blass vor lauter Luftmangel und Enge. Am Ankunftsbahnhof müssen erstmal Jacken verstaut werden; der Sechzehnjährige verleiert die Augen, weil er endlich losfahren will. Der Zwölfjährige sagt nach zwei Kilometern, dass er die Strecke wahrscheinlich nicht schafft und muss erstmal sehr, sehr ermutigt werden. Wir haben uns an eine neue Route gewagt, die ist am Anfang auch sehr schön, aber dann, als wir rasten wollen, gibt es keine Bänke oder gar Picknickplätze mehr, und auf der Karte war auch nicht vermerkt, dass der Radweg auf kleinen Straßen entlangführt, auf denen gerade heute alle Biker Berlins und Brandenburgs die erste Ausfahrt des Jahres machen. Am Zielbahnhof sind wir alle erschöpft; und dann kommt ja noch die Heimfahrt, nochmal im vollen Zug, denn die Kampfradler, die heute morgen um sechs Uhr gestartet sind, sind jetzt auch schon mit ihren 120-Kilometer-Strecken fertig und fahren mit uns zurück. Der Sechzehnjährige bekommt beim Einsteigen einen öffentlichkeitswirksamen Wutanfall, weil das Rad des Zwölfjährigen quer in seinem Weg steht; dem Zwölfjährigen fällt das Fahrrad auf die Hand, als der Zug bremst, und dann sind wir irgendwann zu Hause und ich frage mich, ob dieser Ausflug die Mühe wert war.

Meilensteine: In zwei Wochen die zweite Impfung. Nein, ich werde auch dann nicht Party machen, sondern weiterhin im Homeoffice arbeiten, den Hybridunterricht meiner Kinder überwachen und Essen für sie kochen. Danke der Nachfrage. In sechs Wochen Ferien. Vielleicht fahren wir wirklich nach Dänemark, wenn es unsere Konstellation aus drei Haushalten, die Mischung aus ganz, halb und garnicht geimpften Menschen und die Regelungen für Ferienhausaufenthalte, Quarantäne und Freitesten dann zulassen. Die schiere Komplexität all der Regelungen nimmt mir bis jetzt alle Vorfreude. In acht Wochen dann knappe drei Ferienwochen ohne meine Kinder. Vielleicht ein paar Osteopathietermine. Vielleicht schwimmen gehen. Vielleicht draußen Kaffee trinken mit Freundinnen.

Aber dann?

WmdedgT – 05.05.2021

Es ist Tagebuchblogtag – Frau Brüllen fragt: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? – und alle, die mitmachen, verlinken sich hier. Voila:

Um 6.30 klingelt der Wecker, zum letzten Mal wache ich in Weimar auf. Draußen Morgensonne, das ist schön. Ich gehe ins Bad und sage hinterher meinem Vater Bescheid, dass er jetzt an der Reihe ist. Unterdessen mache ich Frühstück. Wir sitzen noch über Kaffee und Marmeladenbroten zusammen, als kurz vor acht die Pflegeschwester – mit einem Praktikanten im Schlepptau – für die täglichen Verrichtungen klingelt. Hinterher frühstücken wir fertig.

Ich bereite Tabletten für die nächsten Tage vor, bringe Müll weg und hole die Zeitung, packe dann meinen Koffer und setze mich mit dem Handy in die Küche, um die ganz große Schwester zu fragen, wann sie ankommen wird. Dann schaue ich mal auf meinem Blog-Reader vorbei und lese eine ganze Weile. Später kommt mein Vater dazu, wir sitzen ein wenig in der Küche, ich fange an, Möhren für einen Rohkostsalat zu schälen. Zwischendurch meldet sich die große Schwester aus ihrem Homeoffice und fragt nach, wie es uns geht. Während ich mit der Küchenmaschine kämpfe – sie hat zwei Verriegelungsmechanismen, von denen ich immer nur einen verriegeln kann, nicht aber beide gleichzeitig – klingelt die ganz große Schwester schon an der Tür. Sie wird für die nächsten Tage in Weimar bleiben, bis die Frau unseres Vaters, die ein paar Tage Urlaub hinter den sieben Bergen macht, wieder zurückkommt.

Wir haben uns lange nicht gesehen und freuen uns sehr, dass wir den Tag gemeinsam verbringen können. Wir sitzen zusammen und erzählen ein bisschen, dann reibe ich die Möhren einfach per Hand, hole den Gulasch vom Balkon (kalt genug war es ja), setze Kartoffeln auf. Wir speisen prächtig. Zum Nachtisch gibt es Götterspeise mit Vanillesauce, denn mein Vater mag Süßes und solche Wünsche sind ja erfüllbar.

Während unser Vater sich ausruht, erkläre ich der ganz großen Schwester noch dies und das – wo sind die Kartoffeln versteckt, welche Medizin muss abends am Bett stehen, wann kommt die Physiotherapeutin, wo hängt welches Handtuch – und dann trinken wir zu dritt Kaffee. Hinterher haben wir noch genug Zeit, um eine Runde rauszugehen und frisches Brot von der Brotmanufaktur zu holen und ein halbes Stündchen zu spielen; es reicht auch für eine Dusche für unseren Vater und ein frühes gemeinsames Abendbrot. Dann bringt die ganz große Schwester mich und meinen Koffer zum Bus.

Natürlich muss das Band meiner FFP2-Maske genau jetzt reißen, so dass ich etwas unbeholfen mit meinem großen Koffer in der einen und dem Handy mit der Fahrkarte in der anderen Hand in den Bus steigen und gleichzeitig noch die Maske festhalten muss; der Busfahrer hat zum Glück Erbarmen und besteht nicht darauf, meinen Fahrkarten-QR-Code unbedingt einzuscannen; ich darf mich hinsetzen und nach der Ersatzmaske kramen. Am Bahnhof habe ich ein bisschen Umsteigezeit; es weht ein eiskalter Wind, ich bin froh, dass die ganz große Schwester mich gewarnt hat und ich unter der Winterjacke noch eine Schicht extra angezogen habe.

Die Rückreise klappt prima, alle Züge sind pünktlich und schön leer. Die Frühlingsdämmerung vor dem Zugfenster ist wunderschön – blühende Bäume, grüne Felder, drohende Regenwolken. Ich entknote meine verhedderten Kopfhörerkabel und schalte die letzte Folge vom NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“ ein. Nebenbei schreibe ich mit dem Hannoverliebsten hin und her, fange an, bei Frau Brüllen in den WmdedgT-Einträgen zu stöbern und versichere mir, dass es auf Reisen ok ist, mehrere Dinge gleichzeitig mit dem Handy zu machen und dass ich ein andermal ganz bestimmt ein Digitalfasten einlegen werde.

Erst in der Berliner S-Bahn sind wieder Leute, die die Marke cool unter der Nase tragen statt davor. Willkommen zu Hause. Meine Wohnung riecht ganz leer und seltsam (ich hätte die Sträuße mit den welkenden Zweigen vielleicht doch VOR meiner Abreise entsorgen sollen); Heinzelmännchen waren inzwischen auch keine da. Aber die andere Mitmutter hat die Blumen gegossen, die Tomatenpflanzen leben alle noch.

Ich rufe schnell in Weimar an, um Bescheid zu sagen, dass ich gut angekommen bin. Dann rufe ich den Hannoverliebsten an: nur noch zwei Tage, bis wir uns sehen! Ich notiere schnell ein paar dringende Punkte auf der To-Do-Liste für morgen (drei Überweisungen, vor allem – Prinzip Hoffnung hat letztes Jahr ja auch funktioniert – die 2. Rate für das Ferienhaus in Dänemark; nachprüfen, ob Ausweis/Kinderreisepass der Jungs noch gültig sind; und den Neun-Uhr-Termin mit der Chefin zur Optimierung und Beschleunigung der Arbeitsprozesse in der Abteilung sollte ich besser auch nicht verpassen). Dann schenke ich mir zwei Finger hoch selbstgemachten Likör ins Glas, ziehe das Kabel aus dem Koffer und den Rechner aus dem Rucksack und schalte ihn ein: Zeit zum Bloggen.

Jetzt nur noch Bad und Bett.

04.05.2021

Auf dem Weimarer Balkon spielt Sturmtief Eugen mit dem bunten Windrad. Drunter ducken sich erschrocken die Stiefmütterchen. Ich habe mich an die Küche gewöhnt – sogar ans Benutzen der Spülmaschine, obwohl ich noch nicht entschieden habe, ob die Arbeitsersparnis echt ist oder nur gefühlt – und ans quietschende Gästebett und an eine Stunde Mittagsschlaf (das war am leichtesten). Morgens weckt mich eine Amsel. Der Tagesrhythmus hier, bei meinem Vater, spielt sich ein.

Habe meinen Vater dieses Mal nicht zur Kirche begleitet, weil es beim letzten Mal Männergesang ohne Masken gab. Dieses Mal spielten ein paar Bläster – Trompete, Posaune -, berichtete mein Vater hinterher; also sehr gut, dass ich stattdessen spazieren – und zwecks Erwerb eines halben Brotes in der Brotmanufaktur – war. Schön wäre das, irgendwann bei Musik und Gesang nicht mehr an Aerosole und Infektionsgefahr zu denken.

Am Montag besuchen wir meine alte Deutsch- und Geschichtslehrerin, die mein Vater vom Sehen kennt, weil sie die gleiche Kirche besucht wie er. Wunderbare Frau, es gibt Kaffee und Kuchen, ja, sie ist vollständig geimpft, also setze ich meine Maske ab und genieße es, wie sie Geschichten aus ihrem Leben erzählt, so amüsant, dass ich gleich wieder weiß, warum sie die beste Lehrerin meiner Abiturzeit war.

Hinterher dann trotzdem erleichtert, als mein Vater heil die Wendeltreppe im Haus heruntergekommen war und ich den Rollater und ihn unbeschadet die Steintreppen vor der Haustür herunterbugsiert hatte. Alte Weimarer Bausubstanz – schon oft habe ich mir vorgestellt, wie schön es wäre, in so einem verwinkelten vermutlich-Goethezeit-Haus zu leben -, nur barrierefrei ist es nicht gerade. Auch über die Komplikationen, die sogar manche abgesenkte Bürgersteige beim Fahren mit einem Rollator verursachen, lerne ich viel. Warum werden Bürgersteige nicht so angelegt, dass auch Menschen mit Rollatoren sicher die Straße überqueren können, kann man da nicht mal Empfehlungen von denjenigen sammeln, die tagtäglich mit derartigen städtebaulichen Patzern kämpfen müssen? Das kann doch so schwer nicht sein?

Abends im Fernsehen der Klassenkamerad, an den sich die Lehrerin (Kunststück, wenn er jeden Abend Nachrichten spricht) noch erinnern konnte. An mich nicht. Da geht sie also hin, die Vorstellung, irgendwas besonderes gewesen zu sein. Das Gefühl, gern nochmal an die Abiturzeit anknüpfen zu wollen; der Wunsch, nochmal ein, zwei, drei Lebensentscheidungen anders zu treffen, hält bis zum Schlafengehen an. Er stellt sich in Weimar gerne ein, so ist das halt.

Ansonsten kaufe ich ein, mache Essen, koche Götterspeise und Pudding, denn mein Vater isst gern Süßes, hole die Zeitung und trage den Mül weg, backe Himbeerkuchen und bereite Gulasch vor, schreibe für meinen Vater einen Brief auf englisch ans vietnamesische Patenkind auf der alten (Nachwende-Neunziger?) elektrischen Schreibmaschine, die faucht und blinkt und nicht erlaubt, Sätze zu verschieben oder nochmal Zeichen einzufügen. Abends sehen wir fern.

Auch so geht Urlaub.

30.04.2021

Ein Check-Up-Termin zum Blutabnehmen und EKG bei der neuen Hausärztin; anschließend ein Videocall, bevor ich irgendetwas frühstücken kann; Homeschooling mit den üblichen Auseinandersetzungen um youtube als passende Begleitablenkung – oder auch nicht – zum Unterricht; Essen vom Vietnamesen; Erdbeerpflanzen gekauft; ein Videocall, während dem der Zwölfjährige Hilfe mit Englisch braucht und der Vater meiner Kinder etwas zu früh auftaucht, um den Zwölfjährigen mit Sack und Pack abzuholen; die schöne Whatsapp-Nachricht, dass der Hannoverliebste Impftermine bekommen hat; eine Kaffeeverabredung im Park mit Heimweg im ärgsten Gewitter und Hagel; ein Online-Elternabend, bei dem mein Mikro nicht funktioniert, was angesichts meines Tages bis dahin vielleicht ganz gut war; der Schlüssel muss zur anderen Mitmutter, damit sie meine Blumen gießen kann; dann ein ordentlicher Schluck selbstgemachter Likör und dumpfes Fernsehen zum Ausgleich. Das war gestern.

Heute nochmal Arbeit; Döner zum Mittagessen und auf dem Weg ein Schnelltest in der Apotheke mit draußen-aufs-Ergebnis-warten (nein, per Handy machen wir das hier nicht – ich bin schon froh, dass es in meiner Nähe überhaupt Schnelltests gibt); mehr Auseinandesetzungen mit dem Sechzehnjährigen, der mich gerade furchtbar anstrengend und perfektionistisch findet; dann bekommt der Sechzehnjährige mitgeteilt, dass er auf seine PibF die Note Eins bekommen hat und ich habe gleich gar keine Argumente mehr, ihn vom Videogucken beim Unterricht abzuhalten; anschließend müssen die Erdbeeren eingepflanzt werden, ein Päkchen zu den Nachbarn gebracht, die keine Benachrichtigung erhalten haben; nebenbei Wäsche, Kofferpacken, Reste aufessen; große Haushaltsauflösung mal wieder.

Nachher in den Zug nach Weimar. Hoffentlich ist der gegen Abend nicht so voll.

27.04.2021

Ich mag Hybridschulunterricht nicht.

Jeder Wochentag ist anders. Mal muss der Zwölfjährige um sieben Uhr das Haus verlassen, natürlich frisch getestet und mit unterschriebener Erklärung dazu; mal geht der Sechzehnjährige seine PibF ablegen, was natürlich bedeutet, dass er den Rest des Tages frei hat; mal der Zwölfjährige eine Klassenarbeit schreiben, was auch bedeutet, dass er den Rest des Tages frei hat; dann sitzen sie wieder beide zu Hause, aber da fallen regelmäßig Stunden aus, es kommen keine Aufgaben, ohne dass man weiß, warum, und wenn Videokonferenzen stattfinden, werden die zu Hause dem Unterricht zugeschalteten Kinder nicht wirklich einbezogen, so dass der Sechszehnjährige vor lauter Langeweile youtube dazuschaltet und ich vor lauter du-sollst-nebenbei-kein-Youtube-gucken-du-hast-Schule keinen dienstlichen Gedanken ernsthaft zu Ende denken kann.

Wenn die Schule – oder auch nur die Art und Weise, wie einzelne Lehrer den Hybridunterricht ausgestalten – den Kindern das Gefühl vermittelt, dass man das Schuljahr eigentlich aufgegeben hat, dann demotiviert das gerade mein großes ADHS-Kind ganz schrecklich. Der Zwölfjährige freut sich wenigstens auf die Präsenzschultage und auf seine Klassenkameraden.

Außerdem:

Achievement der Woche: Den Sattel am Fahrrad des Zwölfjährigen durch einen größeren, weicheren ersetzt, Kette geölt, Lampe gerade angeschraubt. Nicht hinbekommen: Den Sattel höher zu stellen, Schraube sitzt zu fest bzw. kein geeignetes Werkzeug. Neueste Anschaffungen: zwei Brandygläser aus der Verschenkbox und „Simple“ von Ottolenghi, weil den Namen jetzt einfach zu oft auf diversen Blogs gelesen und neugierig geworden. Sehr lecker: Himbeer-Marmorkuchen von Anke Gröner nachgebacken. Beste Mittagspause: Beide Kinder kurzfristig in der Schule, also ich alleine auf dem Balkon und dann die Vögel beobachten, Stare und Tauben und Krähen und Spatzen. Vorleseprojekt mit dem Zwölfjährigen: nochmal die Wolkow-Bücher angefangen. Bedeutet: wenn ich abends den Abwasch mache, liest der Zwölfjährige mir vor. Und umgekehrt. Nächster Plan: Vier Erdbeerpflanzen erwerben. Ab nächster Nacht muss die Paprika dann wohl auch nicht mehr bei mir im Zimmer schlafen.

Und am letzten Wochenende waren wir mit den Rädern unterwegs, der Sechzehnjährige und der Zwölfjährige und ich, haben uns wirklich aufgerafft und sind von Fürstenwalde bis Erkner gefahren. Mit Picknick an der Spree (heißer Kaffee und Himbeer-Marmorkuchen…) und Kaffepause im Löcknitztal und alles bei gefühlten zwei Grad, aber man macht ja jetzt alles mögliche bei gefühlten zwei Grad, also war es trotzdem schön.

20.04.2021

Eine Unwoche war die letzte. Wie großartig es ist, keine Schmerzen zu haben, wird einem erst bewusst, wenn auf einmal etwas penetrant wehtut. Nach Osteopathie, Allgemeinmedizinerin und Zahnarzt wurde es dann ganz langsam besser. Dank Allgemeinmedizinerin auch geklärt, dass die Schmerzen nicht mit irgendwas zu tun hatten, was einer Corona-Schutzimpfung hinderlich gewesen wäre, und die erste Dosis bekommen. Erstaunlich schmerzfrei, geteilte Euphorie unter den Frischgeimpften im Wartezimmer, einen Tag lang ordentlich Schmerzen im Arm und schlapp gefühlt, dann alles wieder ok.

Am Wochenende kam der Hannoverliebste nach Berlin, weil ich ja am Tag vorher noch angeschlagen gewesen war. Weil er zu husten wagte, gab es einen Selbsttest zur Begrüßung, meine Panik ist durch die Impfung gerade wieder stärker geworden. Vielleicht, weil ich das Gefühl habe, dass es sich jetzt wieder wirklich lohnt, gut aufzupassen, dass mich das Virus nicht kriegt; nicht, bis ich in acht Wochen den vollen Schutz habe…

Am sonnigen Samstagabend fuhren wir spontan ein Stückchen Europaradweg R1 und dann in Köpenick bis zur Alten Försterei, vor der die Union-Fans noch dabei waren, den gerade erzielten Sieg zu feiern. Auf dem Rückweg knapp die letzte BVG-Fähre verpasst, aber es gibt ja jetzt auch eine Brücke. Leckeres Essen vom Vietnamesen geholt, Krimi geschaut.
Sonntag dann trotz angekündigter „leichter Gewitter“ den R1 in die andere Richtung gefahren, nach Berlin Mitte, eine wunderbare Sightseeing-Tour für den Hannoverliebsten: Frankfurter Allee, Alexanderplatz, Fernsehturm, Rotes Rathaus, Dom, Stadtschloss, Museumsinsel und Humboldt-Universität, Brandenburger Tor. Auf der Fahrt durch den Tiergarten donnerte es dann bedenklich hinter uns; aber die schwarzen Wolken zogen ab und wir fuhren an der Spree entlang zurück: Schloss Bellevue, Kanzleramt und Regierungsgebäude, nochmal Museumsinsel von der anderen Seite, Synagoge in der Oranienburger Straße, Hackescher Markt. Sehr toll, das alles mit dem Fahrrad zu erreichen. Beim nächsten Mal wollen wir den R1 vom Tiergarten aus weiterfahren, vielleicht bis Potsdam. Abends selbstgekochter Gulasch mit Salat und nochmal Krimi.

Die neue Woche beginne ich mit hellerem und leichterem Gemüt. Mache es mir im Sonnenzimmer des Zwölfjährigen mit dem privaten Laptop bequem (eigentlich könnte ich hier auch arbeiten…), pflanze die kleinen Studentenblumen in eigene Töpfchen um und die Sonnenblumenkeimlinge ins Freie, bringe den Sechszehnjährigen dazu, nach einem neuen Fahrrad im Internetz zu suchen und kaufe ihm das von seinem Vater zum Favoriten erklärte Modell. Sorge macht der gekippte Berliner Mietendeckel, hoffentlich muss der Vater meiner Kinder mit seiner Familie nicht nochmal umziehen. Außerdem der Orthopäde, der bedenklich den Kopf wiegt, als er die keinesfalls von selbst gebesserten Knick-Senk-Plattfüße des Zwölfjährigen sieht und von einzusetzenden Schrauben spricht, die das Wachstum in die richtige Richtung lenken könnten. Muss das jetzt wirklich, haben wir nicht eigentlich schon genug zu tun? –

Als ich in den Nachrichten Annalena Baerbock als strahlende Kanzlerkandidatin der Grünen sehe und sie vom Klimaschutz als „Aufgabe ihrer Generation“ spricht, möchte ich den Herren Söder und Laschet, deren verkniffene Fotos gleich danach eingeblendet werden, gern sagen: lasst stecken, beide. Wir haben schon eine Kandidatin.

Vor dem Fenster kreist eine Fledermaus in der Dämmerung. Im Krähennest ist es still, aber am Tag wird da jetzt gefüttert. Der kranke Ahorn im Hinterhof hat den Winter überstanden und blüht. Ich will ihm alle paar Tage einen Eimer Wasser bringen.