Zwischenstand

Während andere auf Netflix mit den neuesten Streams beschäftigt sind, spielen sich bei uns neue Folgen der aktuellen Infektserie ab.“Infektserie“ sagt jedenfalls der Arzt und erzählt von Lehrerinnen und Krankenschwestern, die nach Berufsbeginn erstmal sehr viel krank werden und von Menschen vom Land, die nach dem Umzug in die Stadt allerhand Infekte haben; das alles trifft auf mich zwar nicht zu, aber ich habe – heute, bei diesem speziellen gutorganisierten Hausarztvertretungsarzt – nur eine halbe Stunde im Wartezimmer gesessen, also nicke ich dankbar.

Meine Kinder und ich haben das grad supertoll raus, uns gegenseitig nach jeder Papawoche neue Viren mitzubringen. Oder vielleicht mutieren die Viren innerhalb von sieben Tagen auch ausreichend, um denjenigen, von dem sie stammten, neu anzustecken, wer weiß. Jedenfalls niest der Achtjährige, wenn der Zwölfjährige grade mal nicht hustet; beginnt meine Nase zu laufen, sobald der Große zum ersten Mal wieder die Schule besucht; muss neue Inhalationstinktur für eins der Kinder angerührt werden, sobald ich die grünen FroschSchleimlösepillen versuchsweise abgesetzt habe; jedenfalls schnieft es abends hinter drei Schlafzimmertüren, quellen Taschentücher aus jedem Papierkorb, reibt die Apothekerin sich die Hände, wenn sie meine entzündete Nase an der Apothekentür aufleuchten sieht. Der Rotstift – zum Ankreuzen im Kalender – liegt für den Fall bereit, dass wir mal wieder alle drei eine Woche lang planmäßig Büro und Schule aufsuchen. Seit Ende Januar gab es das nicht mehr.

Der liebste Freund verschiebt dringende Arbeit ins Wochenende, kommt am Freitagnachmittag zu uns und findet mich elend fiebernd darniederliegend. Er stellt Kuchen auf den Tisch, macht den Wochenendeinkauf, richtet das Abendessen, spielt Canasta mit dem Zwölfjährigen und dem Achtjährigen, füllt mir eine Wärmflasche, geht am nächsten Morgen mit den Jungs auf den Fußballplatz, spielt mehr Canasta mit uns allen und schuppt unter großen Kraftanstrengungen den Fisch, den er für unser Mittagessen erworben hat. Als er nach dem Mittagessen wieder zur Arbeit muss, geht es mir besser, sind wir wieder über einen Berg – bereit, es mit einem langen Sonntag und einer neuen Woche aufzunehmen, mit Hausaufgaben, Wäschebergen, schlechten Radionachrichten und neuen Virenstämmen.

Von Elfchen, Kirsch-Schnecken… und dem Auja-Prinzip

Das mit dem Flamenco-Workshop ist jetzt schon zweimal schiefgegangen. Angemeldet, gefreut, kurzfristig was dazwischengekommen, abgemeldet, enttäuscht gewesen. Aber das Kreatives-Schreiben-Wochenende, das die ganz große Schwester mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hat, musste ich trotz aller Grippeviren nicht absagen. Hah!

Ein großer Nachteil von Münster ist, dass die Stadt nicht in der Nähe von Berlin liegt, was dazu führt, dass man zu einem Schreibkurs in Münster eine gute Weile fährt, in einem Intercity inmitten einer Gruppe niederländischer Männer, die von einer Konferenz in Berlin nach Hause fahren und aufgeregt über die geplante PKW-Maut diskutieren, während man selbst sich eigentlich gerade nur für die Frage interessiert, ob man eigentlich die Kopfschmerztabletten eingepackt hat. Dann steigt man in eine kleine Regionalbahn um und schaukelt zwischen Städtchen und Dörfern und Pferden hindurch bis Münster.

Statt Thiel auf dem Fahrrad begrüßt mich dort ein kühler Februarschauer (schade!), der Bus fährt schon mal ab, während ich noch den Weg aus dem von Baugerüsten umstellten Bahnhof suche, ich sitze in einem Imbiss vor einer mit Prilblumen verzierten Wand, gucke den Freitagsnachmittagspendlern zu, die zum Bahnhof eilen und erfinde (um ein bisschen in kreative Stimmung zu kommen) einen alten, verwitweten Mann, der am Bahnhof von Münster in einem mit Prilblumen verzierten Imbiss sitzt, auf seine Tochter wartet, den Freitagsnachmittagspendlern zuschaut, die zum Bahnhof eilen, und so deprimiert ist, dass er die wenigen bunten Farbtupfer (Regenschirme und Taschen und Jacken und Fahrräder) zählt, die er im Februargrau sieht. Vielleicht entschließt er sich ja, zu seiner Tochter nach Münster zu ziehen, wenn sich ein Stück blauer Himmel in einer Pfütze spiegelt? –

Dann kommt mein Bus. und eine Stunde später sitze ich zusammen mit neun anderen Frauen, einem wagemutigen Mann und der Kursleiterin – Susanne – an einer aus rauhen Holztischen zusammengeschobenen Tafel, einen Stapel Papier vor mir, einen gespitzten Bleistift in der Hand – und sehr, sehr neugierig auf das, was da an diesem Wochenende kommen wird.

Was kommt? Wir schreiben. Wir schreiben Listen und Elfchen (das sind Gedichte mit fünf Zeilen, auf die sich die 11 Wörter nach dem Schema 1-2-3-4-1 verteilen); wir schreiben „Morgenseiten“, wir gucken unsere unbekannte Nachbarin am Tisch an und dichten ihr in fünf Minuten ein Leben, wir definieren Substantive so ähnlich wie Sebastian23, wir bekommen ein Wort vorgelegt, aus dem wir einen Satz machen müssen; einen Satz, um den herum wir eine Seite aus einem Buch erfinden; eine Frage, aus deren Antwort dann wieder ein Text wird; wir erfinden Wörter und ihre Definitionen gleich mit – die Bleistifte kratzen übers Papier, das Schälchen mit dem Anspitzer wandert auf dem Tisch herum und füllt sich, die Neuronen in meinem Kopf sausen auf alten, halbvergessenen Kreativitätsbahnen durchs Hirn oder hüpfen ins Unbekannte und machen neue.
Die Texte werden vorgelesen. Das ist ein bisschen aufregend, wenn man nicht gewohnt ist, Texte vorzulesen, die man gerade eben in nur fünf Minuten geschrieben hat, aber eigentlich auch nicht so sehr, weil es fast allen am großen Holztisch so geht. Und was für wunderbare Texte da entstehen! Wir hören vom suizidgefährdeten Goldfisch; von einem alten Mann, der sich bei Gott über die Frivolität des Karnevals beklagt und am Ende Konfetti niest; von einem Ich-Erzähler, der überall nach Mustern sucht; einer Großmutter, die vieleviele jeweils entweder mit Kirschen oder mit Schnecken bestickte Tischdecken hinterlässt; einem Jungen, der mit einem Kumpel einen Feuerwerkskörper in den Briefkasten des Lehrers steckt, den er eigentlich mag. Wir hören, wir hören zu, gespannt, gebannt.

Abends und morgens stellen wir am großen Tisch in der Gästeküche die biblische Geschichte von der Speisung der Fünftausend nach; Selbstversorgung ist angesagt und alle haben dies und das mitgebracht. Der Brötchenvorrat wird von Mahlzeit zu Mahlzeit größer, am Abend stehen plötzlich fünf Flaschen Wein auf dem Tisch und vor der Abfahrt am Sonntagmittag sammeln wir die Reste ein und füllen elf Koffer. Aber soweit ist es noch nicht. Beim ersten Abendessen und beim ersten Frühstück werden am Tisch Fragen in diese und jene Richtung gestellt und die Geschichten erzählt, die wir selber erlebt haben, unsere Geschichten. Und dann wird wieder geschrieben. Schnell fühlt die Runde sich vertraut an. Das Wochenende vergeht schnell. Am Samstagabend ist der Kopf voll und die Schreibhand erschöpft, trotzdem würde ich gerne noch einen ganzen Tag lang von meinen Schreibseiten auf- und aus den großen Fenstern der umgebauten Scheune zum Himmel schauen, mit den anderen die Heck-Rinder in der Ems-Aue noch einmal besuchen, eine Nacht länger im klösterlich friedlichen Zimmerlein des christlichen Tagungshofes schlafen – fernab vom Alltag, den Stift griffbereit auf dem Nachtschränkchen.

Aber die letzte Schreibrunde – ein Manifest, ein Glaubensbekenntnis entwerfen wir da, unser ganz eigenes für den Moment – ist schneller als gedacht zu Ende. Es wird noch zur Messe geladen, zu Mittag gegessen und aufgeräumt. Dann stehe ich auch schon wieder vor den Baugerüsten am Bahnhof Münster. Es regnet auch wieder.

Zu Hause hat der Zwölfjährige auf den Anrufbeantworter geklagt, dass er schrecklich gerne bei mir schlafen möchte, er kommt um halb neun noch von seinem Papa zu mir und wir erzählen ein bisschen.
Gegen seinen Montagmorgenfrust versuche ich gleich mal, mit dem „Auja!“-Prinzip anzugehen, das ich auf dem Schreibkurs gelernt habe. Eine total doofe Rolle, die man im Improvisationstheater plötzlich spielen soll (da kommt das nämlich her): „Auja!“ rufen und machen. Eine eher sperrige Schreibaufgabe bekommen (dabei hat uns Susanne das Prinzip erklärt): „Auja!“ rufen und zum Stift greifen. Montags in die Schule müssen?
Ruf doch mal „Auja!“, schlage ich dem Zwölfjährigen vor und ernte einen bitterbitterbösen Blick.

Aber ich setze mich hin – nach dem Frühstück, bevor ich den Zwölfjährigen noch ein bisschen nerve motiviere und wir gemeinsam losgehen – und schreibe in mein schönes schwarzes Heft. Zehn Minuten lang. Morgenseiten. Vielleicht morgen nicht, aber wenigstens heute.

12 Jahre

Während ich langsam wieder gesund werde, kränkelt der inzwischen Zwölfjährige. Sein Vater geht mit ihm zum Arzt, und dabei wird praktisch klar, was wir bisher nur theoretisch wussten: Wegen eines kranken zwölfjährigen Kindes wird kein Elternteil mehr krank geschrieben. Noch nicht mal für die Dauer eines Arztbesuches. Das erweitert den Möglichkeitenbaum des Kind-krank-Katastrophen Familienszenarios um einen interessanten Ast.

Glücklicherweise bin ich ja zu Hause und der Zwölfjährige und ich unterstützen uns gegenseitig. Mein Sohn gibt sich richtig Mühe, nicht so oft zu fragen, ob ich vielleicht etwas spielen möchte, sondern lässt mich in Ruhe vor mich hinschniefen ruhen. Dafür gucke ich dann eine Folge „Mord mit Aussicht“ mit ihm. Dafür bietet der Zwölfjährige dann wiederum an, dass Mittagessen zu kochen, und lernt gleich mal (beim nächsten Mal muss er dann ja vielleicht ganz alleine klarkommen), Reis und Linsen zu kochen und mit Mandeln, Datteln, Zwiebeln, Knofi, Salz und Essig zu einem leckeren Einkaufen-ging-nicht-wegen-krank-Essen anzubraten.

Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Meine Beine sind völlig in Ordnung, die Krankschreibung braucht das Kind, um länger als drei Tage der Schule fernbleiben zu dürfen und wir haben noch nicht alles erlebt, was ich mir heute Nachmittag vorgestellt und aufgeschrieben habe. Bloß das mit dem Urlaub der Kinderärztin bei gleichzeitiger Abwesenheit der Vertretung häuft sich.

Und sowas wollte ich ja schon lange mal bauen:

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Tagebuchbloggen im Februar

Nach langer Zeit möchte ich mich heute wieder beteiligen, wenn Frau Brüllen wie an jedem 5. eines Monats fragt „was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“ – Alle Antworten wie immer dort; meine hier.

2.30 Ich schlafe nicht. Mein Kopf tut weh, sämtliche Haupt-, Neben-, Stirn-, Nasen-, Kiefern- und sonstige Höhlen sind verstopft. Grippezeit, bäh! Sogar die Luft, die ich einatme, tut mir in der Nase weh, das gibts doch nicht! Ich gebe auf. Licht an. Das zart unterwasserblau gestrichene Zimmer der mittleren Nichte erscheint, wir befinden uns in Thüringen, seit zwei Tagen liege ich hier ziemlich viel herum, statt wie geplant mit meinen Schwestern und Schwägern den Geburtstag der ganz großen Schwester zu feiern und gemeinsam Zeit zu verbringen. Meine Kinder sind mit ihrem Vater bei den väterlichen Großeltern und kurieren dort (hoffentlich!) ihre Erkältungen aus. Ich greife zur Schachtel mit den Schmerzmitteln. Es ist großartig, wie das Pochen, Drücken, Brennen und Stechen in Hals, Kopf und Nase nach einer Weile nachlässt und der Schlaf vorsichtig immer näher kommt.

8.00 Ich wache auf. Mit Murren und Ächzen schleiche ich ins Bad. Hinterher Koffer packen, Bett abziehen, nächste Schmerztablette – denn da steckt eine Rückfahrkarte nach Berlin für später am Morgen in meiner Tasche. Ich ziehe mein Bett ab und stopfe es zusammen mit meinen Handtüchern in die Waschmaschine der großen Schwester. Was ich tun kann, damit sich hier nicht alle anstecken, das will ich gerne tun.

8.30 Lecker Sonntags-Frühstück mit den Schwestern und Schwägern. Brötchen, leckerer Genießerkaffee (wie er hier genannt wird), gekochte Eier, Unterhaltung. Der ganz große Schwager liest aus dem „Verkehrten Kalender“ vor, in dem Zitate Menschen oder Institutionen zugeschrieben werden, von denen sie garnicht stammen. „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“ – Coppenrath & Wiese. Zum Beispiel. Oder: „Ein Freund ist einer, der alles von dir weiß und dich trotzdem mag“ – Mark Zuckerberg. Das ist sehr, sehr hübsch und lenkt ein bisschen davon ab, wie schwer es ist, das Naseschnauben immer wieder möglichst lange aufzuschieben.
Ich streiche mir zwei kleine Reisebrötchen, die große Schwester füllt eine Flasche mit Schorle und steckt mir noch eine Dose mit Gemüse vom gestrigen Mittagessen zu.

9.50 Der große Schwager fährt mich zum Bahnhof, die große Schwester kommt noch bis zum Zug mit. Ohne Umarmungen, aber mit viel Liebe verabschieden wir uns. Die Regionalbahn zockelt mit allerlei Unterwegshalten Richtung Erfurt. Ich stöbere in meinem WordPress-Reader und verkneife mir das allzu häufige Naseschnauben.

11.00 Umsteigen in Erfurt. Ich erwische einen nicht reservierten Zweierplatz und packe meine Tasche neben mich in der Hoffnung, allein zu bleiben. Das klappt nicht, der Mann, der auf dem Platz vor meinem die Reservierungsschildchen übersehen hat, rutscht zu mir nach hinten. Ich lese meinen Reader leer, esse eine Mandarine, verkneife mir … (richtig), bemerke, dass mein Nachbar auf seinem Smartfone Patience spielt, obwohl er das hinter seiner Hand zu verstecken versucht und habe nicht mal genug Platz, um meine Brötchen auszupacken.

12.00 – 12.50 Ich schaue aus dem Fenster. Draußen ist es deprimierend. Graubraun wie ein alter Scheuerlappen liegt das Land vor dem Zugfenster. Alle Häuser sehen farblos aus, alle Betriebe wie Industrieruinen. Milchig angetautes Eis liegt in Tümpeln zwischen abgestorbenen wirkenden Gehölzen und auf schlammigen Wegen durch verblichene Kiefernwälder. Ein paar Windräder drehen sich gleichgültig vor dem grauen Himmel. Bis auf einen Mann, der einen graubraunen – natürlich – Hund ausführt und zwei ältere Frauen auf Fahrrädern vor der – grauen – Mauer neben dem Eingang zur Kleingartenanlage „Eigene Scholle“ gibt es kein Zeichen menschlichen Lebens.
Ich stelle mir vor, dass ich die vorbeifliegende Böschung zwischen Halle und Berlin filme – geschwindigkeitsverschwommene graue und braune und schmutzigweiße Streifen, die immer mal ein wenig breiter oder schmaler werden – und mit der Veröffentlichung dieses Films unter dem Titel „Die Trostlosigkeit einer ICE-Fahrt im Winter“ weltberühmt werde. Unterlegen würde ich den Film mit dem Husten des Kindes drei Reihen hinter mir, gelegentlichem Zeitungsseitenrascheln, dem Klicken der Handy-Kamera von rechts (was in aller Welt gibt es auf dieser Strecke zu fotografieren???), und dem Tastenklappern des Laptops da vorne.

12.50 bis 13.10 Zähle buchstäblich jede Minute bis zur Ankunft.

13.10 Südkreuz. Endlich! Hier ist es noch kälter als in Thüringen. Zum Glück kommt meine S-Bahn ganz schnell.

13.30 Zu Hause. Erleichtert Aufseufz! Türhintermirzuschließ! Taschefallenlass!
Ich wecke die Heizung aus ihrem Dornröschenschlaf, mache heißen Tee, wärme mir das Gemüse auf, das die große Schwester mir mitgegeben hat und esse die Reisebrötchen dazu. Ich nehme die nächste gritzegrüne Sinupret-Pille und stecke den Kopf old-school-mäßig über einem Topf mit ganz heißem Salzwasser unter ein Handtuch. Das tut gut!

14.30 – 16.00 Sofa. Alte Folgen von „Mord mit Aussicht“.

16.15 Ich rufe die Mitmutter an und mir schwatzen eine Weile. Hauptsächlich schmieden wir Pläne, was wir alles machen können, wenn a) ich wieder gesund bin b) ich mal abends noch Lust habe, ohne meine Kinder zu ihr zu kommen und c) endlich Frühling ist.

17.30 – 18.30 Ich lege ein bisschen alte Wäsche weg, koche noch einen Tee und noch ein Inhalierwasser, mache mir Brote, erfahre aus einer sims des liebsten Freundes, dass der heutige Tatort in Weimar spielt. Das Heimat-Herz schlägt hoch. Da meine Kopfschmerzen bisher nicht wiedergekommen sind, nehme ich mir vor, den vom Krankenbett aus noch zu gucken, sehr schön!

Dann Rechner an – Zeit zum Bloggen.

Rezeptkategorie: Kühle Mischungen

Ausgangsbasis für unser heutiges Rezept ist eine einfache Januarwoche (ca. 700-900gr).

Braten sie drei nicht verschiebbare Abgabetermine im Büro mit einer Nierenentzündung und einer Packung Antibiotika scharf an; lassen Sie fünf Tagesportionen Büroarbeit auf kleiner Flamme auf die Hälfte einkochen, fügen Sie dem Konzentrat drei halbe Tage Bettruhe hinzu und rühren Sie alles zusammen unter Ihre Januarwoche.

Schlagen Sie einen 8. Kindergeburtstag zusammen mit zwei Backmischungen für Brownies und 30 Eierlikör-Becherküchlein schaumig und heben Sie die Masse vorsichtig unter den Wochenteig. Lassen Sie unter ständigem Rühren 8 Esslöffel Organisationskram für die Kinderparty am Wochenende hineinfließen.

Als knackige Einlage fügen Sie einen kleinen Streik der Schul-Erzieherinnen, eine Zeugnisausgabe mit Schulschluss um 11.10 sowie einen erkältungskranken Elfjährigen und einen allerallerletzen Tag der offenen Tür an einem allerallerletzen Gymnasium hinzu – in nicht mundgerechten Stücken.

Geben Sie nun so viel Hilfe von der ganz großen Schwester (die – wie gut! – gerade zu Gast ist) in die Mischung, bis alles zusammen genießbar wird, und würzen Sie mit reichlich Erleichterung und Dankbarkeit.

Kühlen Sie die Wochensuppe auf ungefähr Null Grad, richten Sie sie auf Tellern an und garnieren Sie großzügig mit hustenden, fiebrig dreinblickenden Klassenkameraden und Wartezeiten an der S-Bahn wegen Notarzt- und Polizeieinsätzen.

Guten Appetit!

Dazu passt ein süßer Nachtisch, den Sie ganz einfach aus folgenden Zutaten mischen können: Ein Geburtstagsständchen um 5.30 im Bad; ein fröhliches Geburtstagsfrühstück mit Kerzen und lauter Dingen, die der jetzt Achtjährige gerne isst; freudiges Staunen beim Geschenke-Auspacken; ein lustiges Geburtstagsspiel mit Eletro-Kakerlake; 650 neue Lego-Kleinst-Teilchen; eine dunkelrote Rose; eine trotz Grippewelle wirklich freundliche Sprechstundenhilfe; ein paar faule Sofaabende mit der ganz großen Schwester; etwas Kaffee-Likör und reichlich Knusperkeks-Schokolade.

Das eine und das andere Nah

Es ist kurz vor Silvester. Die Stimme der großen Patentochter, die laut darüber nachdenkt, ob sie trotz ihres hohen Fiebers eine geplante Urlaubsreise antreten kann, füllt meine Küche. Als sie ihre Argumente vorgetragen hat, die im Wesentlichen darauf hinauslaufen, dass es sehr, sehr schade wäre, den schönen Urlaubsplan platzen, die schöne Gelegenheit verstreichen zu lassen, antwortet ihr ihre Mutter – meine ganz große Schwester – und rät zu größter Vorsicht, weil man mit hohem Fieber dann lieber doch nicht leichtfertig umgeht.

Es könnte ein ganz normales Gespräch sein – aber die Stimme der großen Patentochter kommt via Whatsapp aus Uruguay und auch meine Schwester (immerhin ist wenigstens sie leibhaftig in meiner Küche) spricht nur eine Sprachnachricht auf.

Wenige Tage später bin ich wieder mit der ganz großen Schwester zusammen, und wir beobachten, wie der Flieger mit der großen Patentochter dem Flughafen entgegenschwebt, zur Landung ansetzt und elegant auf der Landebahn aufkommt.

Aber auch dieses Mal können wir die große Patentochter nicht in die Arme schließen, wir sitzen – mit dem begeisterten Elfährigen – vor Flightradar24 und haben eben schon das Flugzeug des ganz großen Schwagers, mit dem er nach Lateinamerika zu seiner Tochter unterwegs ist, ungefähr an der großen Ecke von Afrika entdeckt und eine Weile beim Weiterruckeln beobachtet. Die große Patentochter, die nun wieder gesund ist und einen kleinen Ersatz-Urlaub macht, bevor sie ihren Vater trifft, landet gerade in Ushuaia. Feuerland. Und wir jubeln ihr gemeinsam auf die Mailbox, dass wir sie gerade haben ankommen sehen.

„Nah“ und „fern“ sind schillernde Begriffe geworden.

Die ganz große Schwester verbringt nun zwei wunderbare, lange Wochen bei mir, während ihr Mann in Lateinamerika ist. Wir frühstücken zusammen, und während ich arbeite, läuft sie viele Stunden durch die Stadt; erkundet Parks und neue Viertel, macht den Einkauf, hängt die Wäsche ab und neue auf, räumt dem Elfjährigen (möge er ihr für immer dankbar sein!) das vorpubertäre Chaoszimmer auf, geht nochmals zwei Stunden raus, trifft Freunde und ist wieder da, wenn ich müde aus dem Büro komme.
Wir kochen zusammen; wir holen einen Film aus der Videothek oder schalten einen Krimi ein; wir lesen Gedichte vor und reden.
Am Wochenende hat meine ganz große Schwester mich Einsiedlerin so weit, dass ich an beiden Tagen mit ihr rausgehe und wir gemeinsam durch Berlin laufen; vom Schlesischen Tor zum Passage-Kino; vom Südstern durch die Bergmannstraße und die Akazien- und Golzstraße bis zum Nollendorfplatz. Ich zeige hierhin und dorthin, in diesem Café habe ich mal jemanden zum ersten Mal getroffen, dort kann man diesunddas gut kaufen; da oben wohnte derundder; dort müssten wir mal essen gehen, da ist es lecker, da drüben könnte man noch langlaufen und bis zur Jannowitzbrücke kommen –

Ich merke, dass ich wieder Spaß an meiner Stadt finde, in der ich mich in letzter Zeit fremd gefühlt habe. Ich merke – ich habe mal wieder eine Gelegenheit, zu merken – wie viel Freude es mir macht, eine Weile „zusammenzuleben“, nicht alles allein tun zu müssen, mich nicht zu verabreden und trotzdem am Abend noch ein paar Alltäglichkeiten austauschen zu können und ein gemeinsames Nippchen Wein zu trinken. Etwas in mir taut auf.

Das „echte“, analoge Nah tut wohl. Irgendwann möchte ich mal nicht mehr allein mit mir und meinen Kindern leben. Euch nahen fernen Menschen sprechen und schreiben wir dann trotzdem noch Nachrichten. Verspochen!

Schneeregen, Altersfleckenentferner, Bündeschen und Geriefeseih

Januar.
Meine Kinder sind nach der Schule schon müde und erst abends vor dem Schlafengehen wieder wach. Ich sitze mit der Besuchsfreundin im Wohnzimmer, und durch die geschlossene Tür zum Zimmer des Elfjährigen hören wir ihn singen. Dass er singt, ist schön – obwohl es sich um eins der weniger poetischen Weihnachtslieder von Rolf Zuckowsky handelt.

Am Morgen sind wir immernoch alle müde, bei meinen Söhnen merke ich es daran, dass sie keinen Appetit auf Frühstück haben; bei mir daran, dass ich viel langsamer bin als sonst. Draußen ist es ungemütlich, der Weg am Kanal entlang zur Schule ist eine Schlitterpartie über vereisten Matsch, auf dem große Pfützen stehen. Angegraute Schneereste und unsere Wollmützen geben Stück für Stück ihren Widerstand gegen den Winterregen auf.

Der Elfjährige bekommt seine Gymnasialempfehlung und ist ganz aus dem Häusschen – nicht mehr lange, dann werden wir seine Anmeldung zu einer der in Frage kommenden Schulen tragen und den Auswahlspuk der letzten Monate beenden. Am Freitagnachmittag gehen meine Söhne wieder gemeinsam von der Schule nach Hause, das ist schön, das entlastet meinen Tag. Groß werden sie!

Dass auch ich eine magische Altersgrenze überschritten habe, ist unterdessen nicht unbemerkt geblieben. Irgendwer hat meine Adresse einem dieser Katalogversender verkauft, deren Models mit versteinerten Botoxgesichtern junggebliebende ältere Menschen darstellen sollen; ich blättere mit erstauntem Kopfschütteln die Seiten durch, auf denen mintfarbige Shirts mit Großblumendrucken, Polyester-Kittelschürzen, die Pantoffeln meiner Großmutter, an den BH anknöpfbare Dekolleté-Spitzeneinsätze, Hosenbunderweiterer, allerhand straffende Unterwäsche, Stifte zum Übermalen von grauem Haar, Altersflecken und Emailleschäden sowie zur Verhinderung von Damenbarthaaren, ein sonderbar geformter „Beckenbodentrainer zur äußeren Anwendung“, Konstruktionen zur nächtlichen Korrektur von Hallux-Valgus-Verformungen, Staubwedel an ausziehbaren Teleskopstangen und andere sagenhafte Nippes angepriesen werden. Irgendein Kreativgenie hat die Seite mit den Westen werbend mit „Bei Westen viel Neues“ überschrieben (ich höre förmlich, wie Remarque knirschend in seinem sandigen Grab rotiert), die Produktbeschreibungen kommen dafür eher bescheiden daher: „kann bei regelmäßiger Anwendung das Nachwachsen von Gesichtsflaum verzögern“. „Kann zur Straffung der Muskeln im Po-Bereich beitragen“, die Preise sind niedrig.

Das ist – nachdem es eine Weile grässlich und albern war – am Ende ziemlich anrührend. Die Seiten des kleinen Katalogs riechen nach schmalen Altersrenten, kleineren und größeren Zipperlein, Mühen bei alltäglichen Hausarbeiten; nach viel zu seltenen Besuchen von Kindern und Enkelkindern, nach einem Körper, der sich verformt und dem die Schönheitsmaße von Kleidung, die es bis in Läden und Schaufenster schafft, nicht mehr gerecht werden. Ich denke an meine Großmutter, die bescheiden in ihrem Häuschen auf dem kleinen Dorf lebte, und der liebste Freund (dem es am meisten die Nachthemden mit den großbebrillten Katzen angetan haben) erzählt von seiner Mutter, die gerade ihren 84. Geburtstag gefeiert hat. Nicht lange, und wir spielen Begrifferaten mit den Herkunftsdialekten unserer Eltern und Großeltern. Als der liebste Freund verrät, was ein „Bündeschen“ ist, muss ich sofort in der Umfrage zum „Atlas der Altagssprache“ nachsehen, an der ich kurz zuvor teilgenommen hatte. Aber unter den Begriffen für „kleines scharfes Gemüsemesser“ fehlt ausgerechnet diese regionale Variante. Über dem Vorlesen einer Geschichte im Thüringer Dialekt, der selbst auf den kleinen Dörfern heute kaum noch gesprochen wird, werden wir beide müde. So ist das dann wohl beim Älterwerden.

Am nächsten Morgen… siehe Absatz 2.

Draußen – während ich dies hier schreibe – rieselt es leise, der Regen hat sich wieder in Schnee verwandelt, der zögerlich auf Dachziegeln und unbetretenen Rasenflächen haften bleibt.
Januar.