Vier Wochen bis Weihnachten – Angst, Vernunft, Traurigkeit

Noch immer ist der Zwölfjährige angeschlagen und zu Hause; drei Tage lang habe ich mir herausgenommen, Zeit für ihn zu haben, habe eine weitere Krankschreibung in Anspruch genommen. Heute mein erster Arbeitstag wieder. Homeoffice, natürlich, der Zwölfjährige hustend im Hintergrund. Mein Arbeitgeber stellt wieder auf Krisenmodus um, das Betriebsrestaurant schließt, wer trotz gegenteiliger Empfehlung im Büro arbeiten möchte, soll sich vor Ort testen. Das leere Büro fühlt sich nicht unsicher an, die S-Bahn-Fahrt schon. Viel zu viele Menschen tragen die Maske unter der Nase, als ich mit dem Zwölfjährigen von der Kinderärztin zurückfahre; es scheint unter jungen Männern als cool zu gelten, niemand sagt irgendwas dazu.

Der Zwölfjährige und ich haben in den letzten Tagen nicht nur die Kinderärztin aufgesucht und viel, viel inhaliert, sondern auch Lieblingsplätzchen gebacken, das Exit-Puzzle vollendet, Fußball geschaut, erste Mini-Spaziergänge gemacht, uns ausgemalt, wie es wäre, rückwärts zu leben; wir haben einen Adventskranz gekauft, auch Zweige. Vieles war schön. Wir haben entschieden, die Frage „Alles gut?“ – die in unserer Familie dann und wann gestellt wird – für den Winter durch „Vieles gut?“ zu ersetzen. Dazu lässt sich leichteren Herzens „ja“ sagen. Und lächeln.

Trotzdem liegt jeder Tag wie eine Last auf mir. Wann wird einer von uns das Corona-Virus in unsere Familie tragen? Kommen meine Kinder zufällig bei ihrem Vater in Quarantäne – und wer kümmert sich um sie, wenn er dann schwer erkrankt? So viel Angst hatte ich im letzten Winter noch nicht, die Zahlen waren niedriger, es gab den Lockdown, wir waren zu Hause im geschützen Kokon, es gab noch kein Kita-Kind, das fühlte sich trotz aller Einschränkungen viel sicherer an. Jetzt schränke ich mich freiwillig ein und habe meine eigene Vorsicht und Vernunft schon jetzt satt.

Schweren, schweren Herzens sagen wir das geplante Wochenende bei der großen Schwester und dem großen Schwager, dem Patenonkel des Zwölfjährigen, ab. Wir wollen sie nicht mit unserer Erkältung anstecken, die Booster-Impfungen stehen an. Vielleicht sehen wir uns in drei Wochen, dann bei uns, damit ich mit dem ungeimpften Zwölfjährigen nicht Zug fahren muss. Auch das Vielleicht liegt wie eine Last auf mir, vielleicht sind wir in drei Wochen längst in Quarantäne, gibt es einen Lockdown, so viel könnte geschehen bis dahin.

Der Hannoverliebste und die die ganz große Schwester jedenfalls haben ihre Drittimpfungen bekommen. Ein kleines Stück Erleichterung.

Am Himmel über der nächsten Häuserzeile bewegen sich in diesen Tagen große Lichter, drei an der Zahl; von nahem ein Baukran, von weitem beinahe adventlich.

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