Gold im Mund

Montagmorgen, 5.45. Mein Wecker klingelt. Wo bin ich? Was mache ich hier? – Stück für Stück fällt mir ein, warum ich mein Leben – und ganz besonders die Woche, die vor mir liegt – heute einfach nicht leiden kann. Ich krieche unter meiner Decke vor. Aua. Kann ich mir über Nacht das Brustbein verlegen haben? Hätte ich die Physiotherapieübungen lieber doch nicht machen sollen?

6.05. Ich schneide Apfelspalten und Gurkenscheiben und verteile sie auf die Vesperdosen der Kinder. Der Vierjährige kommt angetappt. Mama, es ist etwas Schreckliches passiert! Ich habe eingepullert und es beim Schlafen nicht gemerkt! Nasse Sachen ausziehen, Kind waschen. Ich schicke meinen kleinen Sohn in sein Zimmer, sich anziehen.

6.15. Ich habe Halsschmerzen, sagt der Vierjährige; und Bauchschmerzen! Husten hat er sowieso schon. Na prima. Die der Griff nach der Flasche mit dem Vitaminsaft – meine übliche Übersprungshandlung bei Krankheitssymptomen der Kinder – nützt nix. Leer.

6.35. Ich streichele den Achtjährigen wach. Frühstück ist fertig! Och nöö, nicht schon jetzt, sagt mein Sohn, das ist sein üblicher Morgengruß an mich. Das Bett liegt voller Taschentücher. Er ist auch erkältet.

6.45. Der Achtjährige kommt er mit finsterer Miene aus dem Bett und schließt sich mir und dem Vierjährigen am Frühstückstisch an. Essen will er nichts, noch nicht mal den übriggebliebenen Himbeermuffin vom Wochenende. Bei Papa habe ich immer morgens Appetit, sagt er vorwurfsvoll und starrt griesgrämig auf den Muffin.

6.55. Ich scheuche die Kinder vom Frühstückstisch hoch. Geh dich anziehen und putz dir die Zähne, treibe ich den Achtjährigen an. Gehe selber mit dem Vierjährigen ins Bad. Meine Augen möchten gerne zufallen.

7.05. Der Achtjährige sitzt halbnackt auf seiner Schaukel. Standpauke.

7.10. Der Achtjährige ist angezogen. Hast du auch ein Unterhemd an? Ich kenne doch meinen Sohn. Hat er nicht. Maulend holt er sich eins.

7.15. Warte, dass der Achtjährige mit Zähneputzen fertig wird. Dazu lege ich mich kurz auf mein Bett. Schwerer Fehler, ich muss alle meine Selbstdisziplin zusammennehmen, um wieder aufzustehen.

7.20. Die Kinder drängen sich im Flur und lenken sich gegenseitig vom Jackeanziehen ab. Mama, sagt der Vierjährige, meine Schuhe drücken, hier vorne! Auch das noch. Du musst sie trotzdem anziehen, entscheide ich genervt, wir haben jetzt keine anderen. Ich denke entsetzt an die Turnschuhe für die Kur, die ich in der gleichen Größe gekauft habe und die gestern noch perfekt gepasst haben. Ein nächtlicher Wachstumsschub?

7.25. Der Achtjährige hat die im Flur sorgfältig geparkten Anhänger vom Lieblingstraktor des Vierjährigen durcheinandergeschoben. Großes Geschrei. Der Vierjährige stellt die Ordnung wieder her.

7.30. Wir sind im Treppenhaus. Alle haben schlechte Laune.

7.35. Wir gehen Richtung Schule. Obwohl wir auf das modische Must-Have des Berliner Frühsommers – eine möglichst dicke Fleecejacke in Kombination mit einer möglichst wasserdichten Regenjacke – auch heute nicht verzichtet haben, ist uns kalt; sogar dem Achtjährigen, der sonst noch nicht mal ohne Unterhemd friert.

7.48. Vor der Schule. Der Vierjährige und ich sagen dem Achtjährigen Tschüss.

8.00. Der Vierjährige gibt mir einen Abschiedskuss und geht in seine Kita-Gruppe.

Ich mache mich auf den Weg zur S-Bahn. Habe ein schlechtes Gewissen, weil ich einen fröhlichen Start in die Woche mal wieder nicht hinbekommen habe. Spreche dem Vater meiner Kinder aufs Band (natürlich schläft er noch), dass er sich um die Erkältung des Achtjährigen und die Erkältung des Vierjährigen und die zu klein gewordenen Schuhe kümmern soll.

Montage sind irgendwie nicht meine Lieblingstage. Zwischen sechs und acht Uhr ist auch meistens nicht meine Lieblingstageszeit.

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